• 02. Dan Simmons - Flashback - 2011 (06/07/12)

    Dan Simmons - Flashback (2011)

     

    Dan Simmons neues Werk ist ein dystopischer Roman, in dem eine kriminalistische und äußerst vertrackte Verschwörungsgeschichte im Vordergrund steht. Der Autor glänzt wie gewohnt mit einem unglaublich detaillierten Schreibstil, den die fiktive Welt erschreckend realistisch erscheinen lässt. Dabei spielen auch einige sozialkritische und psychologische Elemente eine wichtige Rolle. Neben einigen präzise, aber nie zu lehrhaft erläuterten technischen und politischen Elementen wird das Werk auch mit Verweisen aus der Weltlitteratur und der Filmgeschichte ausgeschmückt. Die Mischung aus intellektueller Science-Fiction, packendem Thriller und düsterem Drama geht voll auf und lässt den geneigten Leser das Buch kaum mehr aus der Hand legen. Besonders die zweite Hälfte ist unglaublich flüssig geschrieben und die Ereignisse in den zwei parallel erzählten und schließlich zusammenlaufenden Handlungssträngen überschlagen sich gegen Ende immer mehr.

    Die Hauptgeschichte dreht sich um den gescheiterten Polizisten und Privatdetektiven Nick Bottom, der seit dem Tod seiner Frau vor über fünf Jahren nur noch ein menschliches Wrack ist. In Denver konsummiert er eine Droge namens Flashback, die sich in den Vereinigten Staaten des Jahres 2032 (und nicht etwa 2036, wie es der Klappentext angibt) ausgebreitet und zu einer Art Volksverdummung geführt hat. Mit Hilfe dieses Rauschmittels kann der Konsumment bestimmte Momente seines Lebens noch einmal nacherleben und der tristen Realität entfliehen. Um seinen Drogenkonsum weiter zu finanzieren, rollt Nick Bottom einen sechs Jahre alten Fall wieder auf. Bei diesem wurde der Sprössling eines emporkommenden hohen japanischen Regierungsbeamten der Vereinigten Staten von Amerika während einer Party gemeinsam mit seiner Geliebten grausam abgeschlachtet. Nick Bottom geht alte Zeugenaussagen noch einmal durch und stößt auf einen Dokumentarfilm über das Flashback-Phänomen in Nordamerika, an dem der Tote mit triumphierendem Eifer gearbeitet hatte. Begleitet von einem schweigsamen japanischen Profikiller, stößt er dabei auf eine viel weitreichendere politische Verschwörung, die nicht nur sein Leben in Gefahr bringt, sondern auch an den Grundfesten des etablierten Weltbildes rüttelt.

    Der zweite Handlungsstrang dreht sich um den pubertierenden Val, der mit marodierenden Jugendgangs und Flashbackkonsummenten in Los Angeles um die Häuser zieht. Der desillusionnierte junge Mann ist der Sohn Nick Bottoms und wurde von diesem nach dem Tod der Mutter zum Großvater mütterlicherseits nach Kalifornien geschickt. Als seine falschen Freunde aus der Jugendgang auf der Suche nach dem ultimativen Kick ein unfassbares Verbrechen planen, steht Val plötzlich zwischen allen Fronten und wird von den Behörden verfolgt. Mit seinem Großvater macht er sich auf eine gefährliche Odyssee quer durch die USA zurück zu seinen Wurzeln und der Lösung des Rätsels um den Tod seiner Mutter.

    Die im Roman präzise suggerierte Zukunft der USA sieht düster aus. Requistadores dringen von Mexiko her in den Süden des einst mächtigsten Landes der Welt ein und liefern sich in ihren mafiaähnlichen Strukturen Straßenkämpfe mit den wenigen lokalen Autoritäten. Das sogenannte Weltkalifat, das in seinem Expansionsdrang bereits einen Großteil Europas einverleibt und Israel durch einen atomaren Angriff ausgelöscht hat, manipuliert ebenfalls das moderne Nordamerika und strebt nach einer absoluten Weltherrschaft. Eine weitere Weltmacht wurde der großjapanische Lebensraum, der es sich zur Aufgabe macht den alten Glanz des Reiches der aufgehenden Sonne zu retablieren und dabei zu seinem Vorteil mit den USA kollaboriert. Überteuerte Sozialprogramme, von Gegnern gnadenlos ausgenutzte Annäherungspolitik und zahlreiche soziale Probleme rund um das Flashback-Phänomen haben die USA an den Rand des existenziellen Abgrundes geführt.

    Viele Kritiker empfinden das von Dan Simmons entworfene dystopische Epos als polemisch und verbohrt irgendwo zwischen einer sturen erzkonservativen und fast schon als extremistisch xenophob zu bezeichnenden Haltung. Es ist schwer zu sagen, wo hier die Grenze zwischen kreativer Phantasie und fast schon propagandistischen Zügen liegt. Man fragt sich permanent, ob der Autor hier einfach nur erfolgreich verpackt einen radikalen Denkanstoß bei den Lesern provozieren wollte oder ob er hier mit moralisch erhobenem Zeigefinger unverschnörkelt persönliche Hasstiraden abfeuert. In jedem Fall lassen den Leser die düsteren Zukunftsvisionen nicht kalt und regen zum Überlegen weit jenseits der eigentlichen Geschichte an. Als weltoffenes Mitglied einer Multikultigesellschaft teilt man manche Ansichten des Autors sicherlich nicht, muss sich aber insgeheim fast erschrocken eingestehen, dass das erworfene Szenario aber durchaus einen verstörend realistischen Grundzug hat. In Zeiten übertriebener politischer Korrektheit ist es auch einmal interessant mit einer unpopulären Vision eines Querdenkers konfrontiert zu werden. Da die Romane Simmons was Vokabular und Anekdoten angeht sich ohnehin eher an eine gebildete Leserschaft richten, kann es wohl kaum das Ziel des Autors gewesen sein einfach nur plump zu propagieren und seine Leser für leichtgläubigen Pöbel zu halten. Was der geneigte Leser also aus dieser politischen Komponente an Schlüssen zieht, bleibt ihr oder ihm selbst überlassen. Für die einen mag dieser Aspekt auf den Lesegenuss störend wirken, aber wer mal über den eigenen Tellerrand blicken möchte, könnte an dieser Methodik eine zusätzliches Bereicherung erkennen.

    Fazit ist, dass der geneigte Leser der simmonschen Romanwelt seltener mehr gefordert war, als in diesem dystopischen Werk. Durch seine überraschend detaillierte, radikale und auch vielschichtige politische Komponente hebt sich dieses Werk klar von anderen Romanen des Autors ab und geht noch einmal weiter als dystopische Klassiker von George Orwell oder Ray Bradbury, die sich größtenteils auf eine künstlich ausgeschmückte Kritik am Sozialismus beschränken. Wer einfach nur einen spannenden Science-Fiction-Roman lesen möchte, wird hier überfordert sein. Wer aber ein facettenreiches, radikales und dystopisches Epos erleben möchte, das zudem mit den gewohnt grandiosen schrifstellerischen Fähigkeiten des Altmeisters ausgestattet ist, wird an diesem Werk seine helle Freude haben.

    Für mich war letztere Option der Fall und der Roman hat mich noch lange nach der letzten verschlungenen Seite ins Grübeln gebracht. Das Werk hat definitiv das Zeug zum Klassiker und verdient eine gründliche Analyse und mehrfache Lektüre.

    95/100

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