• Aljenikow 1: Der Hafen des namenlosen Grauens (Roman aus den Jahren 2008/2009) (Teil 4/7)

    Sergej Wiktorowitsch Stepanow bewegte sich mit einem unbehaglichen Gefühl und gemessenen Schrittes durch das dreckige Hafenviertel. Das Meer schwappte gegen die Kaimauern, lumpig angezogen Hafenarbeiter mit ungewaschenen Haaren, verfaulten Zähnen oder zahlreichen Tätowierungen musterten ihn teils feindselig, wenn sie ihn schwer beladen passierten. Der junge Sergej passte kaum in diese Gegend, wo sich die unterste soziale Schicht der russischen Gesellschaft angesammelt hatte. Nur in manchen Außenbezirken war es noch schlimmer, wo große Armut, Prostitution und Kriminalität herrschten.

    Sergej beschleunigte seinen Gang, um den bohrenden Blicken zu entgehen und um mögliche Konflikte zu vermeiden. Innerlich verfluchte er seinen Kontakt, der ihn erst in diese missliche Lage geführt hatte.

    Der engagierte Journalist hatte zwischenzeitlich mit dem Gedanken gespielt bei seinem Freund Vitali vorbeizuschauen und diesen mitzunehmen, doch er hatte sich schließlich dagegen entschieden. Zum Einen wollte Sergej nicht noch mehr Zeit verlieren und zum Anderen hatte er nicht vor seinen Kollegen bei seinem ersten Tag in der neuen Wohnung gleich zu stören. Grinsend dachte Sergej an die schöne Französin, mit der sein Kollege vielleicht gerade schon am Turteln war. Dabei dachte Sergej kurz wehleidig an seine schöne Ex-Freundin zurück, die ihm das Herz gebrochen hatte. Seitdem hatte er keine Frau mehr an sich herangelassen, hatte sich in Arbeit gestürzt und vermied es abends in Diskotheken oder ähnliche Clubs auszugehen. Sein Vertrauen in das weibliche Geschlecht war in der letzten Zeit enorm gesunken. Er konnte sich auch nicht ernsthaft vorstellen, dass sein Freund Vitali mit der jungen Französin eine Beziehung anfangen würde. Das Mädchen war zwar scheinbar stinkreich und ambitioniert, doch Sergej tippte darauf, dass sie, wie es seiner Meinung fast alle Frauen taten, ausschließlich auf sexuelle Erfahrungen aus war. Er nahm sich grimmig vor, dass er es nicht zulassen würde, dass es mit seinem Freund so enden würde wie mit ihm selbst. Bevor das französische Luder ihn aussaugen konnte, wollte Sergej dem einen Riegel vorschieben.

    Der angespannte Russe blickte auf seine Armbanduhr. Die Metro war sehr voll gewesen und er hatte inzwischen fast eine Stunde benötigt, um bis ins Hafenviertel zu gelangen. Immerhin wusste er, wo genau er seinen Kontaktmann Sascha treffen sollte.

    Die beiden hatten eine Art Treffpunkt im Hinterhof einer verfallen Fabrik, deren Hallen heute lediglich den Behausungen einiger Obdachloser dienten oder wo sich die Hafenarbeiter mit den Prostituierten nachts zurückzogen, um sich vom tristen Alltag ein wenig abzulenken. Auf dem Hinterhof befand sich ein alter Bauwagen, der mit einem Schloss versehen war, zu dem Sascha aus unerfindlichen Gründen einen Schlüssel besaß. Sergej hatte sich immer dort mit ihm getroffen, wo Sascha wirklich wohnte wusste er bis heute nicht.

    Sergej bewegte sich jetzt schon auf die unscheinbare Fassade der kleinen Fabrik zu. Die Scheiben waren allesamt zerschmettert worden, wilde Parolen waren von Jugendlichen an die Mauern geschmiert worden. Altes Papier, Zigarettenkippen, sogar Kondome und Spritzen lagen in mancher Ecke auf dem Boden. Sergej war von der Umgebung und ihrem Gestank angewidert. Aber als guter Journalist musste man sich auch mit solchen Milieus abfinden und diese Situationen meistern. Er wollte die Sache trotzdem so schnell wie nur möglich abwickeln.

    Fast wäre Sergej über den alten Mann mit Bart gestolpert, der in einer Ecke des Ganges lag, der in den tristen Hinterhof führte, wo das Unkraut wucherte und der verbeulte Bauwagen stand. Der Alte stöhnte überrascht auf, entblößte dabei sein fauliges Gebiss und hielt sogleich unartikuliert jammernd seine Hände auf und blickte Sergej bettelnd an.

    Aber der Journalist schnaubte nur verächtlich und wollte dem armen Mann keine Spende geben. Er hatte große Lust, den Mann aufzuscheuchen, ihm eine Moralpredigt zu halten, dass er sich eine Arbeit suchen solle, anstatt am helllichten Tage in einer abgelegenen Ecke vor sich hin zu dösen und Leute anzubetteln. Doch eine Mischung aus Ekel und Mitleid ließ den aufbrausenden Journalisten frühzeitig verstummen, der stattdessen lieber schnell weiter ging.

    Endlich trat er durch die hohle Gasse in den verfallenen Innenhof und blickte sich kurz um. Es war keine Menschenseele anwesend. Nicht einmal Sascha war zu sehen. Sergej fragte sich mit aufkommender Wut, ob der Kleinkriminelle ihn etwa versetzt oder angelogen hatte. Dann beruhigte er sein Gemüt, redete sich ein, dass Sascha wirklich in ernsthaften Schwierigkeiten stecken könnte. Doch je länger er im kalten Wind in dieser trostlosen Gegend stand, umso düsterer wurden die Gedankengänge des Journalisten, der unruhig hin und her lief.

    Normalerweise hatte Sascha vom Bauwagen aus immer die Lage komplett im Blick, sah jeden Ankömmling schon im Voraus und hatte Sergej noch jedes Mal empfangen, indem er den Bauwagen verließ oder ihm ein anderes Zeichen gab. Dies war heute nicht der Fall.

    Sergej grunzte unzufrieden und überlegte sich, dass Sascha möglicherweise im Bauwagen eingeschlafen war oder gerade auf Toilette gegangen war. Er lachte grimmig. So verfolgt konnte sich der schwätzende Kleinkriminelle wohl kaum fühlen, sonst würde er Sergej nicht so unbesorgt mitten im Hinterhof stehen lassen. Sergej schüttelte grimmig den Kopf und nahm sich vor seinem Kontakt ordentlich den Kopf zu waschen.

    Sergej wollte nicht länger untätig warten, sondern schritt auf den Bauwagen zu. Plötzlich hörte er ein heiseres Krächzen und bedrohliches Flattern in seinem Rücken und fuhr angespannt herum. Sein Herzschlag war in wenigen Sekunden in ungesunde Höhen gestiegen. Sein Blick pendelte furchtsam und doch ungemein wach durch den Hinterhof.

    Drei Möwen flogen über selbigen hinweg, nachdem sie es sich zuvor in einer dunklen Nische gemütlich gemacht hatten. Irgendetwas schien sie aufgeschreckt zu haben.

    Sergej fluchte laut und ärgerte sich darüber, dass er sich von den aufgescheuchten Tieren ins Bockshorn hatte jagen lassen.

    Ein wenig erleichterter trat er nun auf den völlig beschmierten und verwucherten Bauwagen zu, als er plötzlich erneut unangenehm überrascht wurde. Sergej erstarrte mitten in der Bewegung und bekam eine frostige Gänsehaut.

    Die Tür des Bauwagens stand weit offen, das Schloss lag zertrümmert davor im Dreck auf dem Boden. Sergej erkannte sofort das dunkle Einschussloch in der Tür. Jemand hatte das Schloss kaputt geschossen, möglicherweise noch bevor Sascha es aufgeschlossen haben konnte.

    Sergej wirbelte herum und erstarrte. Erst jetzt nahm er den dreckigen Boden genauer in Augenschein und sein grausiger Verdacht bestätigte sich auf schreckliche Weise.

    Auf dem feuchten Boden waren vereinzelte Bluttropfen zu sehen, die sich an einer Stelle, neben einer verrosteten Tonne besonders konzentriert angesammelt hatten. Jetzt glaubte Sergej mit weit geöffneten Augen plötzlich auch Schleifspuren zu erkennen. Das wuchernde Unkraut war an einigen Stellen umgeknickt und es war eine leichte Schneise bis zum Bauwagen geschlagen worden.

    Sergej tastete instinktiv nach seiner Waffe, die er hin und wieder trug, wenn er sich für aufwändige Recherchen zu einem Artikel in bedrohliche Krisengebiete wagte. Doch der Journalist erstarrte und ihm fiel siedend heiß ein, dass er seine Waffe, die in einer Schreibtischschublade seines Büros liegen musste, gar nicht mitgenommen hatte.

    Laut fluchend löste der emsige Journalist sich aus seiner Starre und hetzte auf den Bauwagen zu, wo er die klapprige Eingangstür aufstieß. Er wollte endlich Gewissheit haben.

    Im Bauwagen selbst roch es muffig und es war relativ dunkel. Der Vorraum bestand nur aus einer alten Garderobe und einem Waschbecken mit einem längst zerschlagenen Spiegel. Ein kleiner Durchgang führte zum größten Raum des Bauwagens. Dort waren die Jalousien allerdings zugezogen, sodass man in dem unordentlichen Raum wenig erkennen konnte.

    Auf einmal ertönt ein gepeinigtes Quieken und eine fette Ratte huschte rasend schnell über Sergejs Füße. Der Journalist zuckte zusammen, taumelte zurück und prallte dabei gegen einige aufgestapelte Pappkartons, die krachend hinter ihm umfielen und für einen Lärm sorgten, der dem jungen Journalsite das Blut in den Adern gefrieren ließ.

    Erregt fiel diesem ein, dass sich der Täter möglicherweise noch immer in der Nähe seines Tatorts befinden könnte und er diesen durch sein unvorsichtiges Verhalten jetzt entgültig aufgeschreckt hatte.

    Gleichzeitig hatte der Lärm Sergej den letzten Antrieb gegeben, um die Sache endlich hinter sich zu bringen. Er wollte so schnell wie möglich verschwinden und die Polizei verständigen. Die Beamten wären über einen fünften Toten im Hafenviertel wohl alles Andere als begeistert. Zeugen würde es wohl keine geben, da die meisten Leute in der Hafengegend in solchen Fällen fast schon solidarisch gegen Polizei, Politik oder Presse zusammenhielten, und die Polizei stünde somit vor einem weiteren unlösbaren Problem. Gleichzeitig fiel Sergej der alte Obdachlose ein, den er am Eingang getroffen hatte. Vielleicht hatte der Penner irgendetwas mitbekommen und würde für ein paar Rubel mehr verraten.

    Mit diesem Gedanken tastete Sergej nach dem verstaubten Lichtschalter, drückte ihn mit einem müden Klicken herunter und wartete. Zunächst schien der Mechanismus nicht zu funktionieren, doch dann sprang die verdreckte Leuchtstoffröhre endlich an.

    Zunächst war Sergej ein wenig geblendet und fand sich in dem unübersichtlichen und stinkenden Bauwagen nicht zurecht. Der große Raum erinnerte am Ehesten noch an einen alten Schrottplatz. Neben Reifenfelgen, alten Kochtöpfen und rostigen Bettgestellen lagen hier auch Kartons, Pakete und altes Zeitungspapier herum.

    Am Markantesten aber war der alte drehbare Sessel, der mit der Rückenlehne zur Eingangstür stand. Einige Sprungfedern hingen aus dem Möbelstück wie verkrüppelte Arme heraus, teilweise war auch der Stoff zerfetzt.

    Sergej bekam eine unangenehme Gänsehaut und trat mit schlotterndem Knien auf den hohen Sessel zu. Er hatte das qualvolle Gefühl, dass dort in dem Sessel jemand sitzen könnte.

    Nervös pirschte der Journalist heran, bekam mit verschwitzten Fingern nach endlos langen Sekunden die Rückenlehne des Sessels zu fassen und drehte den protestierend quietschenden Sessel grob und ruckartig herum.

    Atemlos wich Sergej sogleich einige Schritte zurück und obwohl er sich mental darauf eingestellt hatte, ließ ihn der grausige Anblick, der sich ihm hier präsentierte, schrill und kurz aufschreien.

     

    Vitali steuerte eilig auf seine Wohnung zu, denn die schneidende Kälte wurde immer unangenehmer und an diesem Aprilabend kam es tatsächlich noch einmal zu einem kleinen Schneesturm, der durch die engen Gassen peitschte.

    Durch das Schneegestöber sah Vitali einen dunklen Wagen mit getönten Scheiben schräg gegenüber seiner Wohnung stehen, der ihm sofort ins Auge fiel. Der elegant wirkende Wagen passte einfach nicht in die ärmliche Gegend. Vitali musste sofort an die protzige Eleganz mancher russischer Mafiosi denken.

    Der junge Journalist war alarmiert und verspürte sofort ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend. Hastig wechselte er die Straßenseite und stellte den Kragen seiner Jacke hoch.

    Dann trat Vitali rasch in die Eingangshalle des Hauses und blickte noch einmal kurz über seine Schultern. Er konnte durch die getönten Scheiben und auf Grund der misslichen Wetterlage nicht erkenne, ob und wer in diesem Wagen saß, doch er bekam sofort eine Gänsehaut. Instinktiv griff der junge Journalist nach seinem neuen Talisman, der leicht vibrierte und von einer seltsamen Wärme erfüllt war, die ihm zwar unheimlich vorkam, ihn aber gleichzeitig seltsam beruhigte.

    Vitali musste an den Geschäftsmann denken, den er heute Morgen getroffen hatte. Er konnte sich durchaus vorstellen, dass dieser Mann zur Mafia gehörte und in dem dunklen Wagen saß. Aber was hatte es mit seinem nervösen Mitbewohner Gluschenko bloß auf sich?

    Vitali ließ die Sache nicht mehr los und er beschloss ihr auf den Grund zu gehen. Gerade als er sich einen Ruck gegeben hatte, öffnete sich neben ihm plötzlich knarrend eine Tür und helles Licht blendete ihn. Verwirrt riss der Russe schützend seine Arme hoch und wirbelte herum.

    Er blickte auf die korpulente Gestalt der Vermieterin, die abwehrend die Arme hob und gequält lächelte. Die sonst so herzlich wirkende Ekatarina Alexandrowna Kolodina machte auf den Journalisten einen unruhigen Eindruck und winkte ihn zunächst ungewöhnlich stumm in die Wohnung. Behutsam schloss sie die Tür, nachdem Vitali zögernd eingetreten war.

    „Es tut mir furchtbar leid, dass ich Sie so erschreckt habe, Herr Aljenikow.“, entschuldigte sie sich und wieselte schnell in die Küche, um zwei altmodische Tassen aus einem alten Schrank voller Krimskrams zu holen, die sie anschließend mit frischem Tee aus einem grellbunten Samowar füllte.

    Dankend nahm Vitali das Getränk an. Die Wärme des Süßholztees tat ihm nach der Kälte von draußen richtig gut. Er nahm gemeinsam mit der Gastgeberin im Wohnzimmer Platz. Ekatarina schwieg einige Zeit lang und schien sich unschlüssig, wie sie den jungen Journalisten ansprechen sollte. Dabei blickte sie oftmals zum Fenster und machte einen furchtsamen Eindruck. Vitali zog daraus schnell seine Schlüsse.

    „Sie sind beunruhigt wegen dem dunklen Wagen, der gegenüber des Hauses steht, nicht wahr?“, fragte Vitali sanft und stellte seine Teetasse auf eine stark bemalte Untertasse mit historischen Motiven.

    Die Gastgeberin zuckte unwillig zusammen, blickte Vitali lange an und nickte dann eifrig und geistesabwesend, als ob sie aus einer Trance erwachen würde. Jetzt wurde die Russin auch endlich wieder gesprächiger und fand zur alten Form zurück.

    „Ja, ja, richtig. Der Wagen ist Ihnen also auch aufgefallen. Ach, es ist schrecklich. Die beiden Männer, die darin sitzen, wirken so grausam und kaltblütig. Ich habe den Eindruck, sie könnten zur Mafia gehören, obwohl ich sie hier im Viertel noch nie gesehen habe. Heute Nachmittag war einer von den beiden, so ein vornehmer Geschäftsmann, bei Herrn Gluschenko im ersten Stock. Sie sind dabei sehr laut geworden. Wissen Sie, das Zimmer von Herrn Gluschenko liegt praktisch direkt über meinem Wohnzimmer, ich war gerade am Häkeln und wollte eigentlich gar nicht hinhören. Aber wissen Sie, die Wände sind hier so furchtbar dünn und ich habe doch einiges mitbekommen.“, berichtete Ekatarina jetzt eifrig.

    „Worum ging es denn dabei?“, wollte Vitali wissen, der nun schneller zur Sache kommen wollte und Feuer und Flamme war.

    „Es ging um diese schrecklichen Morde. Dieser Geschäftsmann wollte wissen, ob Gluschenko etwas mitbekommen hätte. Er sprach von einer Rehabilitation für die stählerne Maske. Mein Gott, Herr Aljenikow, Gluschenko arbeitet für diesen brutalen Mafiaboss! Und diese beiden Männer in dem Auto dort vermutlich auch!“, jammerte die Gastgeberin und war plötzlich den Tränen nah.

    Vitali fühlte sich seltsam betroffen, doch er wollte weiter nachhaken und endlich Klarheit über die aktuellen Ereignisse haben.

    „Haben Sie noch mehr mitbekommen? Frau Kolodina, es könnte sehr wichtig sein.“, mahnte Vitali mit ruhiger Stimme, aber viel Entschlossenheit. In seiner Karriere als Journalist hatte er gut gelernt, wie man mit bestimmten Personen umgehen musste, um Antworten auf seine Fragen zu erhalten.

    „Dieser Geschäftsmann, der hat Gluschenko ausgefragt über die Morde, er hat ihn regelrecht angeschrieen am Ende. Gluschenko hat furchtbar gestammelt, irgendetwas ist in der Wohnung zu Bruch gegangen und dann war Gluschenko außer sich vor Wut. Er schickte diesen Geschäftsmann zur Hölle, schwor ihm, dass er mit der Mafia nichts zu tun haben möchte und dass all diese kriminellen Organisation in Sankt Petersburg bald schon ein völlig neues Gesicht haben würden. Er sprach davon, dass die Tage der Unterwelt gezählt seien. Der Geschäftsmann hat daraufhin wütend die Wohnung verlassen. Gluschenko ist kurz darauf auch gegangen, er war völlig aufgelöst und nervös. Er hat mehrere Telefongespräche geführt und sich über den Hintereingang hinausgeschlichen, fast wie ein Verfolgter oder Verbrecher.“, führte die Vermieterin ihren emotionalen Bericht fort.

    „Das ist äußerst seltsam. Das hört sich fast so an, als ob er tatsächlich etwas von den Morden wissen könnte oder sogar daran beteiligt ist!“, überlegte Vitali laut und sah wie seine Gesprächspartnerin entsetzt nach Luft schnappte und bleich wurde.

    „Meinen Sie wirklich...?“, fragte sie stockend, ließ den Satz aber unvollendet, da Vitali beschwichtigend die Arme hob und mit den Schultern zucken.

    „Das ist nur eine Hypothese.“, schwächte Vitalis eine Aussage ab, denn er wollte die arme Vermieterin nicht verunsichern und sie noch ängstlicher machen, als sie ohnehin schon war. Er ärgerte sich schon jetzt darüber, dass er sich zu solch einer gewagten Aussage hatte hinreißen lassen.

    „Das hat dieser grobe Typ mit dem vernarbten Gesicht auch angedeutet.“, stotterte Ekatarina entsetzt und achtete gar nicht auf die beschwichtigenden Worte des Journalisten, der jetzt die Stirn runzelte.

    „Welcher Typ mit einem vernarbten Gesicht?“, wollte Vitali wissen und bekam ein immer stärkeres ungutes Gefühl.

    „Ach, das hatte ich ganz vergessen! Wie konnte ich nur? Etwa eine Stunde nachdem Gluschenko gegangen war, ist ja dieser schwarze Wagen vorgefahren. Darin saß der Geschäftsmann, das habe ich gesehen, als er zwischendurch eine Zigarre geraucht und das Fenster heruntergekurbelt hatte. Vor ihm saß dieser grässliche und grobschlächtige Typ mit dieser höllischen Fratze. Er hat mich wohl am Fenster gesehen und ist kurz danach aus dem Auto gestiegen. Glauben Sie mir, ich hatte die größte Angst meines Lebens!“, berichtete Ekatarina aufgelöst und brach bei der qualvollen Erinnerung wieder in Tränen aus.

    „Was hat dieser Kerl mit Ihnen gemacht?“, fragte Vitali laut und seine Stimme bebte vor Wut. Die Vermieterin war ihm durchaus sympathisch und er empfand es als skandalös eine solch liebenswerte alte Dame völlig einzuschüchtern und zu bedrohen.

    „Er kam herein und hat mir furchtbar Angst gemacht. Er wollte wissen, wo Gluschenko steckt. Er sagte, dass ich einem Verbrecher ein Zimmer vermietet hätte, der den Terror in die Stadt bringt. Ich habe ihm gesagt, dass Gluschenko verschwunden sei, er wollte wissen, wohin er gegangen war, aber das wusste ich ja nicht. Da wurde er furchtbar böse, hat mich angeschrieen und in die Enge getrieben. Dann hat er mich gewarnt, dass ich auf keinen Fall die Polizei verständigen solle, da ich es sonst bezahlen würde. Dann ist er wieder gegangen und hat mich so schrecklich kalt angeblickt. Er wollte mich mit seinen Blicken töten. Herr Aljenikow, dieser Kerl würde mich umbringen!“, schluchzte Ekatarina und krümmte sich zuckend zusammen.

    Vitali stand betroffen auf, ging auf die Vermieterin zu und legte ihr sanft den Arm über die Schultern. Dankbar presste Ekatarina ihr tränennasses Gesicht gegen seine Schultern und schluchzte erschöpft.

    „Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Kolodina. Ich werde auf Sie aufpassen. Dieser Kerl wird Ihnen nichts mehr antun. Und diesen Gluschenko schnappen wir uns auch bei nächster Gelegenheit!“, versprach Vitali im Brustton der Überzeugung, doch kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da kamen auch schon die ersten Zweifel auf.

    Denn Vitali war sich darüber im Klaren, dass die Ereignisse möglicherweise allesamt eine Nummer zu groß für ihn waren. Die Mafia und brutalste Mörder waren in die seltsamen Vorfälle verstrickt und nun war er ungewollt dort hineingeraten.

    Das Spiel mit dem Feuer hatte begonnen.

     

    Sergej bot sich ein scheußlicher Anblick, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sein Kontaktmann Sascha hing in dem lädierten Sessel, sein Mund war krampfhaft geöffnet, die Augen drohten aus ihren Höhlen zu quellen, seine Hände waren zu Fäusten geballt. Fliegen umschwirrten surrend seinen reglosen Körper, von dem ein süßlicher Geruch ausging, der Sergej würgen ließ.

    Viel schrecklicher war jedoch noch die Tatsache, dass in Brusthöhe des Kleinkriminellen eine Schusswunde klaffte, aus der viel Blut ausgetreten war und die sein dreckiges Holzfällerhemd völlig besudelt hatte.

    Sergej war starr vor Entsetzen und hielt den Atem an. Tausend wirre Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Sein Herzschlag pochte so brutal in seinem Kopf, dass er davon Schmerzen bekam und ihm schwindlig wurde.

    Benommen taumelte der impulsive Journalist nach vorne und dabei fiel sein Blick auf einen zerknüllten Zettel, den Sascha noch in seiner geballten Faust stecken hatte. Angewidert trat Sergej auf den Toten zu, vor dem er sich fürchtete. Er hatte Angst, dass Sascha plötzlich wieder hochschrecken würde und noch am Leben war. Es kostete ihn ungemein viel Überwindung die kalte und klamme Hand des Toten zu ergreifen, bei dem schon eine leichte Totenstarre eingesetzt hatte, wenngleich der Kleinkriminelle noch nicht lange tot sein konnte.

    Mit einem Ruck riss Sergej das Papier aus der Faust, das dabei an einer Seite ein wenig eingerissen wurde, doch Sergej traute sich nicht die Haut des Toten noch einmal zu berühren. Hektisch faltete er das zerknüllte Papier auseinander und erkannte die geschwungene Handschrift des Toten. Nervös murmelte er sich den stichwortartigen Text vor, der auf das Papier geschrieben worden war, möglicherweise erst ganz kurz vor Saschas Tod.

    „Narbengesicht verfolgt und beschattet mich. Muss irgendwo im Viertel wohnen. Will vermutlich potenzielle Zeugen ausschalten. Fühle mich bedroht. Habe mit Freund gesprochen. Mitglied bei Matschiwjenko. Heute Nacht soll Treffen in neutralem Pub stattfinden, unweit der Station Chyornaya Rechka, in der Starobel’skaya Ulitza. 20 Uhr. Alle Bandenchefs nebst Leibwächtern dabei. Vermute, dass Täter dort zuschlagen könnte. Bitte um Eingreifen. Grüße an meine schöne Evgenija, falls ich sterbe. Grüße, Sascha.“, las Sergej fassungslos und versuchte seine Gedanken zu ordnen. 

    Verwirrt und ungemein nervös trat Sergej aus dem chaotischen Raum mit dem Toten und plötzlich fiel ihm siedend heiß ein, dass er von hier verschwinden musste. Er mochte gar nicht daran denken, dass ihn jemand mit dem Toten gesehen haben könnte und nun eventuell den Mord anhängen könnte. Gehetzt steckte er das Papier in seine Jackentasche und stolperte aus dem Bauwagen. Der Himmel über dem heruntergekommenen Hinterhof war passend zur unheilvollen Stimmung völlig zugezogen.

    Sergej atmete kurz durch. Wenn er das hektische Schreiben richtig verstanden hatte, dann gab es vielleicht die Möglichkeit den Täter noch in der heutigen Nacht zu fassen, denn dieser würde sich das treffen der drei Mafiabosse wohl nicht entgehen lassen. Sergej überlegte verzweifelt, ob er die Polizei einschalten sollte oder ob diese Maßnahme dem Täter auffallen und ihn verjagen würde. Schließlich kam er für sich selbst zu dem Entschluss, dass er die ganze Sache mit seinem Freund und Kollegen Vitali zunächst noch einmal bereden wollte.

    Kaum hatte Sergej diesen Entschluss gefasst, als plötzlich ein ohrenbetäubender Knall ertönte und der dreckige Boden nur wenige Zentimeter neben ihm aufgewirbelt wurde. Instinktiv warf sich Sergej zur Seite, rollte sich ab und hechtete hinter einem alten Container in Deckung, als ein zweiter Knall ertönte und genau mittig in diesen einschlug.

    Ächzend rappelte sich Sergej auf und drückte sich flach gegen die Rückseite des Containers. Fluchend blickte er in den Gang, aus dem er in den Hinterhof gekommen war. Dieser lag in schier unerreichbarer Ferne, denn Sergej brauchet nicht lange, um zu realisieren, dass irgendwer vom Dach der alten Fabrikhalle auf ihn geschossen hatte. 

    Sergej saß waffenlos in dem dreckigen Hinterhof gefangen!

     

    Eva Maelle Lavoie hatte einen anstrengenden Nachmittag hinter sich gebracht. In der Schauspielschule hatte sie eine selbst entworfene Choreographie präsentieren müssen, die sich gegen verschiedene andere Bewerbungen durchgesetzt hatte. Selbst ihre strenge Lehrerin war von dem Engagement und Talent der Französin begeistert gewesen und so sollte ihre Choreographie nun für die bevorstehende Aufführung des Theaterstücks verwendet werden, die immer näher rückte. Die Französin hatte sich lange mit ihrem Kurs und den Lehrern beraten müssen und sie war schließlich glücklich, aber völlig erschöpft in die Metro gestiegen, die sie in die Hafengegend brachte. Immer noch kam der jungen Französin der Pomp der teilweise gewaltigen Metrostationen unwirklich vor. Manchmal sah man edle Marmorsäulen, Statuetten und feine Verzierungen der Mauerwerke. Polizisten trieben sich in diesen Stationen besonders häufig herum, um darauf zu achten, dass die Touristen nichts anfassten oder fotografierten. Sollte ein ahnungsloser Tourist dies dennoch schaffen, so wurde er oftmals auf herrische Weise aus der Menge heraus gewunken und in einen kleinen Raum, der zur einen Hälfte aus einer engen Ausnüchterungszelle und zur anderen Hälfte aus einem einfachen und klobigen Schreibtisch bestand, gebracht, wo er sein Fehlverhalten zu verantworten hatte. Meist beruhigten ein paar Rubel die Gemüter, noch besser angesehen waren aber ausländische Währungen.

    Auf Eva Maelle Lavoie wirkten diese strengen Regelungen, die Armut der oft korrupten Polizeibeamten und die verhältnismäßig hohe Anzahl an Polizisten oder auch Soldaten sehr befremdlich, wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Die zahlreichen Schwarzmärkte, auf denen Touristen alle erdenklichen Dinge finden konnten, kannte die Schauspielerin aber bereits auch aus Frankreich, nur mit dem Unterschied, dass in Russland noch beherzter und mitunter auch erfolgreicher gefeilscht wurde.

    Trotz allem hatte die Französin auch viele gute Seiten der Stadt kennen gelernt. Dazu zählten die vielen malerischen Monumente, die interessanten Museen, die schönen Parks, Kanäle oder Promenaden, aber vor allem die Freundlichkeit und Weltoffenheit dieser nördlichen Metropole. Doch obwohl die Stadt ein Schmelztiegel der Kulturen war, hatte sie doch ihren eigenen russischen Charme bewahren können und wirkte dabei einheitlich und elegant. Da die Französin mit der Lebensweise der Stadtbürger und der russischen Kultur gut zurecht kam, fühlte sie sich hier mindestens genauso wohl wie in Frankreich, zumal sie in den letzten Jahren in Paris immer mehr von fremden Kulturen, großer Hektik und Unruhe irritiert worden war. Und obwohl sich die beiden Städte so sehr ähnelten, fühlte sich die Französin in Sankt Petersburg doch freier und hatte ganz neue Seiten und Horizonte in ihrem eigenen Leben entdeckt. In der Anfangszeit hatte sie die Nähe ihrer französischen Freunde und der Familie vermisst, aber mittlerweile hatte sie schnell selbst Freunde gefunden und sich gut integriert, sodass von Heimweh keine Spur mehr übrig war. Im Gegenteil kam es ihr so vor, als ob man auf eine junge Ausländerin in Sankt Petersburg besonders herzlich und hilfsbereit zuging. In Paris war sie eine von vielen französischen Studentinnen, aber in der russischen Metropole war sie etwas besonderes. Ihre Ideen, ihre Herkunft, ihre Kultur wurden von vielen anderen Studenten wissbegierig aufgenommen und man versuchte aus einer ehrlichen Begeisterung und Revanchierung heraus gleichzeitig der Französin die Dinge zu präsentieren, auf die man in Russland stolz war. So fühlte sich Eva Maelle Lavoie stets besonders integriert und entdeckte täglich neue Dinge und es gab immer irgendwelche Themen, über die man diskutieren konnte, während sie sich in der Großstadt Paris manchmal recht isoliert gefühlt hatte.

    Was die junge Französin aber auch begeistert hatte war der Charme des russischen Volkes, besonders der jungen Männer, die zu ihr besonders zuvorkommend und charmant, aber sehr selten obszön oder plump waren. Dies hatte die junge Französin unter den Jugendlichen ihres Landes anders empfunden. Vielleicht lag es daran, dass Eva Maelle Lavoie die russischen Männer meist sympathisch fand und sie neu in der Stadt war. Seitdem sie aber vor einem Tag die Bekanntschaft mit Vitali gemacht hatte, war der jungen Französin noch ein ganz anderer Gedanke gekommen. Sie fand den jungen Journalist, der ihr gegenüber so herzhaft schüchtern war, ziemlich anziehend und fand es spannend einmal nicht erobert zu werden, sondern selbst die Initiative zu ergreifen, um dem jungen Russen die Angst zu nehmen und sich ihm anzunähern. Eva Maelle Lavoie hatte sich verliebt. In Frankreich hätte sie sich das selbst nie eingestanden, es verdrängt, aber in Sankt Petersburg lebte sie es mit einem beschwingten Gefühl des Frohsinns aus.

    Daher freute sich die Französin nun auch darauf endlich in ihre Wohnung zurückzukehren. Sie wollte noch einmal mit dem jungen Russen reden und ihn vielleicht in ihre Wohnung bitten. Gleichzeitig kamen zu diesen positiven Gedanken aber auch negative, als sie in der kühlen Dunkelheit des frühen Abends an die brutalen Morde denken musste, die praktisch kurz neben ihrer Haustür passiert waren.

    Deshalb beschlich sie auch direkt ein seltsames Gefühl, als sie den dunklen Wagen mit den getönten Scheiben sah, der gegenüber ihrer Wohnung völlig deplaziert wirkte. Die Französin bekam eine Gänsehaut und machte einen großen Bogen um das bedrohliche Gefährt und bemerkte überrascht, dass auch Ekatarina besorgt aus ihrem Fenster blickte und sehr aufgelöst dabei aussah. Nur müde nickte sie der verwunderten Französin zu, die sich noch einmal zu dem unheimlichen Wagen umwandte, bevor sie in die Eingangshalle des Hauses trat.

    Dort nahm sie Mütze und Schal ab und fuhr mit ihren feingliedrigen Fingern durch ihr Haar, das trotz der Mütze einiges vom hektischen Schneegestöber abbekommen hatte, das jetzt in den Gassen Sankt Petersburgs immer stärker wurde. Zitternd blies sie in ihre kalten Hände, um sich ein wenig aufzuwärmen.

    Erst jetzt erblickte sie Vitali, der ebenfalls in der Eingangshalle stand und ein wenig betreten auf die Französin blickte, die ihn überrascht anlächelte. Ihr gefiel seine zurückhaltende Art und Weise, wie er sich im Zaum hielt, obwohl er es wohl kaum erwarten konnte die junge Französin endlich zu begrüßen, denn seine Augen strahlten vor Freude auf, als er sie sah.

    Die Kälte des Abends war für die Französin sofort vergessen, denn nun wurde sie von einer inneren Wärme, einem angenehmen Kribbeln beherrscht, als sie auf Vitali zuschritt, der ihr galant die Hand hinhielt. Dann nahm der Russe die Hand der Französin, umschloss sie mit beiden Händen, rieb sie leicht gegeneinander, sodass die letzte Kälte entgültig vertrieben war, bevor er sich leicht verbeugte und die Hand der Französin sanft küsste. Eva Maelle Lavioe war überrascht, dass diese Geste nicht aufgesetzt und selbstsicher, sondern respektvoll und herzlich wirkte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ein französischer Junge je so auf sie zugetreten war.

    „Du hattest wohl Sehnsucht nach mir, dass du mich so in der Eingangshalle empfängst.“, bemerkte die Französin spöttisch und stellte belustigt fest, dass Vitali bei diesem Kommentar immer noch errötete, allerdings schon wesentlich weniger als noch am Vormittag. Das letzte Eis schien langsam, aber sicher gebrochen zu sein.

    „Ich war noch bei Ekatarina und habe dich schon von Weitem an deiner eleganten Kleidung erkannt und wollte dich empfangen, bevor ich selbst auf mein Zimmer gehe.“, bemerkte Vitali, der insgeheim aber auch froh wirkte aus der Wohnung der nervösen Vermieterin endlich erfolgreich entkommen zu sein.

    „Dann werde ich dich gerne nach oben begleiten. Wie wäre es, wenn du noch kurz in meiner Wohnung vorbeischaust? Ich habe französischen Kaffee und sogar einige Croissants und andere Spezialitäten in einem Laden hier in der Nähe gefunden. Diese Dinge würde ich gerne mit einer Person teilen, die an der französischen Kultur besonders interessiert ist.“, schlug Eva Maelle mit einem charmanten Lächeln vor und hakte sich sanft bei Vitali unter, der zunächst überrascht wirkte, dann aber fröhlich auf die Geste und das Angebot einging.

    „Das ist lieb von dir und würde mir große Freude bereiten.“, gab er mit einem strahlenden Lachen zurück und blickte der Französin tief und gefühlvoll in die Augen.

    Für einen Augenblick vergaßen die beiden alles um sich herum und versanken nur in den Augen der anderen Person. Eva Maelle bekam dabei fast zittrige Knie und hakte sich noch fester und enger bei Vitali unter, der mit seiner Hand wie zufällig sanft über den Arm der Französin strich.

    Erst nach einigen Sekunden blickte Vitali verlegen zu Boden, doch da schmiegte sich die Französin sanft an ihn und berührte in mit ihren kalten Fingerspitzen sanft im Gesicht. Der Russe konnte eine wohlige Gänsehaut nicht vermeiden und aus seiner gesamten Körperhaltung sprach nun fast unverhohlen eine freudige Erregung.

    Dieses Gefühl der Geborgenheit und Harmonie wurde plötzlich abrupt unterbrochen, als die Tür zur Eingangshalle grob aufgerissen wurde.

    Vitali fuhr herum, kalte Luft streifte sein Gesicht und er hörte gleichzeitig den alarmierenden Ruf von Ekatarina, die in ihrer Wohnung wohl kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Aus dem Schatten des Eingangsportals hastete überstürzt eine sportliche Person, die ein seltsames, längliches Gerät in ihren Händen umklammert hielt, in die Eingangshalle.

    Da peitschte plötzlich ein erster Schuss auf, der die Flügeltür des Portals dumpf zerfetzte. Instinktiv ließ sich Vitali fallen, riss dabei die Französin mit herunter und legte sich dann schützend über sie, während er schreckensstarr sah, wie der gehetzte Ankömmling sein längliches Gerät hektisch in eine Ecke warf und stattdessen in seiner Jackentasche nestelte.

    Vitali wurde auf einmal schlagartig klar, was der Ankömmling gerade weggeworfen hatte. Das längliche Gerät war nichts Anderes, als ein Gewehr mit Zielfernrohr und Schalldämpfer gewesen.

    Doch diese Entdeckung wurde plötzlich erschreckend irrelevant, als die gehetzte Person ein anderes grausiges Mordinstrument aus ihrer Jackentasche zu Tage förderte. Denn plötzlich blickte Vitali in den kalten und dunklen Lauf einer kleinen Pistolenmündung.

    Vitali erstarrte und sein Herz drohte vor Aschreck stillzustehen, nachdem es in den letzten Sekunden unaufhaltsam brutal gegen seine Rippen geschlagen hatte. Seine französische Nachbarin reagierte hingegen mit einem Angstschrei und hektischen Bewegungen, da sie sich unter Vitali befreien wollte und auf einmal die Beherrschung verlor.

    Gerade als der verwirrte Vitali nun endlich reagieren wollte und erkannte, wer da vor ihm mit der Waffe stand, brach um ihn herum die Hölle los!

     

    Sergej spähte durch das leichte Schneegestöber vorsichtig in Richtung des Daches, wo er einen dunklen Schatten in Militärjacke in seine Richtung laufen sah. Der nervöse Journalist musste innerhalb weniger Sekunden seine Deckung aufgeben!

    Sergej drückte sich dicht an der Rückseite des stinkenden Containers entlang und erblickte ein halb zersplittertes Fenster schräg neben dem Bauwagen. Dahinter befand sich ein dunkler, weitflächiger Raum.

    Sergej wog kurz ab, ob er den Sprint dorthin wagen sollte, aber er sah einfach keine andere Alternative mehr. Viel Zeit zum Überlegen blieb ihm ohnehin nicht, aber jede falsche Entscheidung konnte gleichzeitig auch die letzte in seinem Leben bedeuten.

    In diesem Moment peitschte ein Schuss unmittelbar neben Sergej in den Boden und dies war augenblicklich das Startsignal für den gehetzten Journalisten. Er stolperte vorwärts, während das Echo des peitschenden Schusses noch schmerzhaft in seinen Gehörgängen widerhallte und einen leichten Schwindel bei ihm verursachte.

    Mühsam beschleunigte Sergej seine Schritte. Die Umgebung verschwamm leicht vor seinen Augen, eine drückende Übelkeit breitete sich in seinem Magen aus und schien unaufhörlich in ihm hochzusteigen. Der Stress, die plötzliche Hitze seines Körpers und die Todesangst vermischten sich zu einem dunklen, alles auflösenden Strudel, der Sergej seine letzten Kräfte abverlangte.

    Der junge Journalist konnte nicht mehr klar denken, hetzte wie in Trance über das hochgewachsene Unkraut, stolperte über alte Autoreifen und kam schließlich kurz vor das Fenster. Ein weiterer Schuss peitschte auf und hämmerte in den lädierten Bauwagen neben ihm. Noch einmal würde Sergej nicht solches Glück haben.

    Sergej sprang und beugte sich bei seinem Sprung leicht nach vorne, riss die Arme dabei vor sein Gesicht, um sich vor den Glasscherben zu schützen und winkelte seine Beine an. Gleichzeitig erreichte der Schwindel und das Übelkeitsgefühl ihren Höhepunkt, als Sergej durch die verdreckten Glasscherben stürzte, die unter der Wucht seines Sprungs klirrend zerbrachen und wie kleine Nadelstiche auf ihn einregneten. Der Journalist hatte dabei Glück, dass er sein Gesicht mit den Händen schützte, die einige feine Splitter abbekamen.

    Durch den Sturz durch die Scheibe wurde die Geschwindigkeit seines Sprungs enorm vermindert, sodass Sergej auf der anderen Seite der Glasscheibe die Kontrolle über seinen Körper verlor, Übergewicht bekam und drohte mit dem Kopf zuerst auf dem harten Boden aufzukommen. Irgendwie schaffte der flinke Russe es noch sich ein Stück zur Seite zu drehen, sodass er auf seiner linken Schulter landete, einen stechenden Schmerz fühlte, sich aber noch reflexartig abrollen konnte.

    Erst jetzt kam Sergej zum Stillstand und blieb schwer keuchend auf dem Rücken liegen. Alles um ihn herum drehte sich und er musste angespannt die Augen schließen. Schweiß rann über sein Gesicht, der unangenehme Geruch benebelte seine Sinne. Die Kälte der leeren Fabrikhalle kühlte und beruhigte ihn jedoch nach wenigen Minuten wieder. An den unheimlichen Schützen und die immer noch drohende Gefahr, die von ihm ausging, dachte er dabei für einen Moment nicht mehr.

    Plötzlich hörte Sergej vorsichtige Schritte, die er zunächst nur sehr undeutlich wahrnahm. Langsam kamen sie von hinten näher auf ihn zu. Es dauerte eine Weile, bis Sergej wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, der Schmerz in seiner Schulter trug seinen Teil auch dazu bei. Mit zitternden Händen zupfte sich Sergej einige Glassplitter aus seiner Haut und spürte das feine, süßliche Blut, das sanft aus den Wunden rann. Er hatte Glück gehabt, dass keine Scherbe tiefer eingedrungen war und dass er nicht direkt in dem Scherbenhaufen unmittelbar hinter der Scheibe gelandet war und sich noch in Sicherheit hatte rollen können.

    Langsam kam Sergej zur Besinnung und nahm nun überdeutlich das Echo der vorsichtigen Schritte war. Da fiel plötzlich ein leichter Schatten über das Gesicht des Journalisten. Instinktiv zuckte dieser herum, griff mit seiner Hand in die bedrohliche Dunkelheit und bekam den Schenkel des Ankömmlings zu fassen, riss hart daran und hörte den überraschten und empörten Aufschrei eines Mannes, der mit solch einer raschen Reaktion nicht gerechnet hatte, strauchelte, das Gleichgewicht verlor und in den dreckigen Staub des Hallenbodens fiel, während Sergej sich stöhnend aufrappelte und seinem Angreifer grimmig ins Gesicht blickte.

    Da ereilte Sergej die nächste faustdicke Überraschung!

    Der Mann, der mit abwehrend erhobenen Armen neben ihm auf dem Boden lag, war keinesfalls der Angreifer mit der Militärjacke, sondern der schläfrige Obdachlose, der am Eingang der Fabrikhalle um Geld gebettelt hatte. Scheinbar hatte sich der in Lumpen gekleidete Mann ebenfalls ins Fabrikgebäude gerettet, als er die Schüsse gehört hatte und nun nach dem verfolgten Sergej umgesehen.

    „Nein, nein, ich will dir nichts tun. Ich möchte dir nur helfen. Ich bin ein Freund! Ich bin nicht der Kerl, der vom Dach auf dich geschossen hat. Warte, pass auf, ich habe dir ein Angebot zu machen.“, stotterte sich der Obdachlose zusammen und hatte Sergej recht schnell von seinen Worten überzeugt.

    Der Journalist reichte dem Obdachlosen seine Hand und half dem zitternden Mann auf, der sich jedoch rasch von seinem kleinen Schock erholt hatte. Bevor Sergej sich entschuldigen konnte, hatte der eifrige Mann wieder das Wort ergriffen und textete den Journalisten hektisch und erwartungsvoll zu. Dabei stank seine Kleidung extrem nach Rauch, der Atem des Obdachlosen roch nach starkem Alkohol. Sergej wandte sich schützend ein wenig zur Seite und atmete flach ein. Allmählich kam er auch wieder zu Kräften und hatte die Übelkeit endlich besiegt.

    „Ich habe zwar keine Ahnung, warum dieser Kerl so darauf aus ist dich umzubringen, aber ich habe zuvor schon mitbekommen, wie er einen anderen Kerl erschossen hat, der aus dem Bauwagen gekommen ist. Ich hatte verdammt viel Glück, dass er mich nicht gesehen hat, weil ich gerade pinkeln gewesen war und mich im Treppenhaus verstecken konnte. Ich dachte schon, die Luft sei rein und ich war gerade wieder an meinem Stammplatz, als du aufgekreuzt bist. Ich dachte schon, du würdest zu diesem Mörder gehören und habe ganz schnell versucht mich als harmlosen, schlaflosen Obdachlosen darzustellen. Verdammt, in letzter Zeit kommt man hier im Viertel einfach nicht mehr zur Ruhe, dabei will ich möglichst keinen Ärger mit Mafia, Polizei oder Ordnungsämtern, das ist mir alles gleichsam zuwider. Pass auf, dieser Typ bringt hier Unruhe hinein und er könnte jeden Moment um die Ecke kommen und dich erschießen. Wie ich sehe bist du waffenlos. Aber ich bin es nicht. Ich habe hier eine alte Beretta, die immer noch gut funktioniert und voll geladen ist. Die könnte dir jetzt das Leben retten. Für fünftausend Rubel gehört sie dir!“, schlug der Obdachlose vor und hatte eine Waffe älteren Datums aus seinen Lumpen hervorgezaubert, die an einigen Stellen schon arg rostig wirkte, aber insgesamt in der Tat noch funktionsfähig aussah.

    Sergej schnappte empört nach Luft. Er empfand es als eine Dreistigkeit, dass dieser unverschämte Obdachlose seine missliche Lage so schamlos ausnutzen wollte und aus dem möglichen Tod einer Person auch noch Profit schlagen wollte. Dem heruntergekommenen Waffenhändler war es dabei nämlich vermutlich ziemlich gleichgültig, ob Sergej überleben würde oder nicht, denn dieser Mann wollte lediglich ein gutes Geschäft machen. Fünftausend Rubel waren ein horrender Preis.

    Sergej wollte das Angebot schon wütend in den Wind schlagen, sich den Obdachlosen greifen und zur Hölle jagen, doch da kamen seine Gedanken ins Stocken, denn mit einer Sache hatte der dreiste Kerl nicht unrecht. Sergej war völlig unbewaffnet und der Killer würde wohl nicht mehr lange brauchen, um die Seite der Fabrikhalle zu wechseln und ins Erdgeschoss zu hetzen, um ihn um die Ecke zu bringen. Der Raum war völlig kahl und es gab im Grunde kaum Versteckmöglichkeiten, wie Sergej wieder mit wacherem Blick feststellen konnte. Eine Flucht würde er konditionell kaum schaffen, zudem blieb dann auch noch die Gefahr, dass der Gegner ihm einfach eiskalt in den Rücken schoss oder sich auf dem Dach der recht hoch gebauten Fabrik postierte, um ihn in den Gassen des Viertels einfach aus der Ferne zu erschießen.

    Sergej stellte mit geballten Fäusten und zitternder Unterlippe fest, dass er keine andere Wahl hatte, als auf den elenden Halsabschneider so schnell wie möglich einzugehen. Der Obdachlose blickte ihn gleichzeitig triumphierend, wie auch gierig und erwartungsvoll an. Er kannte zwar keinen Skrupel, hatte jedoch offensichtlich seit der überraschenden Attacke des Journalisten wenigstens ein bisschen Respekt vor diesem und war einige Meter zurückgewichen. 

    Sergej versuchte seine unbändige Wut im Zaum zu halten, auch wenn sich sein Gesicht schon dunkelrot verfärbt hatte und seine Halsschlagader bedrohlich angeschwollen war.

    „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mit fünftausend Rubeln in der Tasche hier in dieses dreckige Viertel komme, oder? Du hast die Waffe doch ohnehin von irgendeinem Mafioso geklaut. Mehr als fünfhundert Rubel bekommst du dafür nicht von mir!“, gab Sergej mit schäumendem Speichel vor den Lippen zurück.

    Da wandte sich der Obdachlose spöttisch lachend ab und trabte kopfschüttelnd davon. Sergej geriet in Panik, der Schweiß brach ihm wieder in Strömen aus und er schielte ängstlich zu dem kahlen Treppenhaus, aus dem jederzeit der erbarmungslose Mörder stürmen konnte. Sergej glaubte sogar schon aus der Ferne hektische Schritte zu hören, die sich vom oberen Bereich des Gebäudes näherten.

    „Fünfhundert Rubel will er mir geben. Fünfhundert Rubel ist ihm sein eigenes Leben wert!“, sprach der Obdachlose zu sich selbst, doch diese Reaktion zeigte immerhin auch, dass er immer noch handlungsbereit war und den Journalisten zu einem neuen Angebot provozieren wollte.

    „Verdammt, du mieser Halsabschneider, ich habe doch kaum etwas dabei! Ich biete dir tausend Rubel, mehr kann ich einfach nicht für dich tun. Mach schnell, bevor der Killer zurückkommt und uns beide über den Haufen schießt!“, mahnte Sergej und eilte rasch auf den Obdachlosen zu, der abwehrend die Hände gehoben hatte und vor dem energischen Journalisten weiter zurück wich.

    „Moment mal. Tausend Rubel sagst du? Weißt du wie viele Nerven und wie viel Mut es mich damals gekostet hat an diese Waffe zu kommen? Sie hat mir hier im Viertel schon das ein oder andere Mal verdammt viel Ärger erspart. Ich gebe dir hier sozusagen meine Lebensversicherung und die ist mir verdammt noch mal mehr Wert als läppische tausend Rubel.“, argumentierte der Obdachlose äußerst geschickt und wirkte bei seinen Ausführungen fast stoisch ruhig und von sich selbst überzeugt.

    Sergej biss grimmig die Zähne zusammen und knackte drohend mit seinen Fingern, während er sein Gegenüber aggressiv fixierte. Am liebsten hätte er sich sofort auf den Obdachlosen gestürzt, doch er wusste selbst, dass er gerade in dieser heiklen Situation irgendwie einen kühlen Kopf bewahren musste.

    „Ich habe eintausendzweihundert Rubel dabei, mehr kann ich dir nicht geben. Entweder du nimmst das Angebot an und verschwindest oder du diskutierst hier noch weiter und wirst gleich von dem wahnsinnigen Killer erschossen. Dann hast du gar keine Lebensversicherung mehr!“, forderte Sergej sein Gegenüber heraus und dieser wog seinen Kopf nachdenklich hin und her, ließ sich mit einer Antwort aber noch Zeit.

    Sergej fand, dass der dreiste Waffenhändler die Sache viel zu gemächlich anging und kramte in seiner Jackentasche hektisch nach den Rubelscheinen, die er wild zusammenklaubte. Er hatte tatsächlich recht viel Geld dabei, da er vorgehabt hatte am Abend einkaufen zu gehen und seinen Wagen in eine Autowerkstatt zu bringen. Dieser Umstand rettete ihm nun vielleicht sein Leben, denn endlich stimmte der Obdachlose dem Handel zu und hielt Sergej seine dreckige Hand hin. Widerwillig schlug der Journalist ein, zählte hektisch das Geld ab und drückte es dem zufrieden grinsenden Obdachlosen in die Hand, der sich die Zeit nahm, die Summe auch noch einmal mit gierigen Blicken zu überprüfen.

    „Verdammt, nachzählen kannst du das auch noch später. Gib mir sofort die Knarre!“, herrschte Sergej den Obdachlosen an, der sich davon aber kaum stören ließ, bis er endlich zu Ende gezählt hatte und zufrieden nickte.

    „Du hast dich verzählt und mir sogar eintausenddreihundert Rubel gegeben.“, bemerkte der Obdachlose mit einem glücklichen Grinsen.

    „Das ist schön für dich. Jetzt gib mir endlich die Knarre!“, schrie Sergej außer sich vor Wut und seine Blicke rasten immer wieder hektisch in Richtung des Treppenhauses, aus dem er jetzt immer deutlicher schnelle Schritte vernahm. Es konnte sich nur noch um wenige Augenblicke handeln, bevor der unbekannte Attentäter die unterste Halle erreicht hatte.

    „Moment, ich kann sie dir doch nicht so einfach geben. Nachher schießt du mir noch in den Rücken und holst dir dein Geld zurück. Nein, nein, so dumm bin ich nicht. Ich gehe dort hinten zum Tor und lass die Waffe dort liegen und dann haue ich ab!“, bestimmte der Obdachlose und setzte sich provozierend gemächlich rückwärts gehend in Bewegung, nachdem er das Geld ungeordnet irgendwo zwischen seinen Lumpen verstaut hatte.

    Sergej wurde fast ohnmächtig vor Angst und Wut, doch ihm waren die Hände gebunden und er hatte keine andere Wahl, als sich nach dem cleveren Halsabschneider zu richten. Er schwor sich mit grimmiger Inbrunst, dass der Obdachlose diese Tat eines Tages bereuen und Sergej es ihm heimzahlen würde.

    Endlich hatte der Obdachlose das Tor erreicht, das in einen schmalen Gang mündete, der in eine kleinere Halle an der linken Seite des Komplexes führte. In der Mitte dieser Halle war offenbar eine Feuerstelle, da dort noch alte Kohle und morsches Holz herumlag. Demonstrativ nahm der Obdachlose die Pistole, hob sie deutlich hoch und legte sie behutsam mittig vor das Tor und wollte sich dann mit erhobenen Armen rasch aus dem Staub machen.

    „Was ist mit den Patronen?“, schrie Sergej ihm fragend zu und der Obdachlose fühlte sich seltsam ertappt, bevor er in seine Lumpen griff und einige Patronen neben die Waffe fallen ließ. Hämisch grinsend nickte er dem Journalisten zu.

    „Es hat mich gefreut Geschäfte mit dir zu machen. Viel Glück!“, rief er ihm spöttisch zu und verneigte sich theatralisch, bevor er herumfuhr und hastig in die Nebenhalle raste, wo er aus dem Blickfeld des Journalisten verschwand, der zum Sprint ansetzte und sich nun selbst auf die Waffe stürzte. Er hatte dem Obdachlosen noch eine markige Beleidigung hinterher rufen wollen, doch jetzt drängte die Zeit und er wollte sich nur noch auf seinen eigentlichen Gegner konzentrieren.

    Rasch hetzte Sergej zu der Waffe, bückte sich und hob die rostige Beretta auf. Sie glitt ihm in seiner nervösen Hektik beinahe aus den Händen, dann hatte er sich endlich unter Kontrolle und überprüfte das Magazin. Die Waffe war tatsächlich noch mit einigen Patronen versehen worden. Die restliche Munition, die der Obdachlose achtlos auf den Boden geworfen hatte, klaubte der Journalist zusammen und steckte sie sich in seine Jackentasche. Dann entsicherte er die Waffe, blickte sich gehetzt um und ging hinter einem kahlen Betonpfeiler in Deckung.

    Tief atmete der Journalist durch und versuchte seinen Puls zu beruhigen, was ihm nur schwerlich gelang.

    Dann ertönten polternde Schritte und Sergej sah aus seiner Deckung, wie ein Mann mit vernarbtem Gesicht, der mit einem gewaltigen Gewehr mit Zielfernrohr und Schalldämpfer bewaffnet war, aus dem Treppenhaus kam, sich im Halbkreis drehte und nach seinem potenziellen Opfer umsah.

    So gut die Waffe auch vom Dach des Gebäudes funktioniert hatte, so unhandlich war sie nun in der Fabrikhalle für einen möglichen Nahkampf geeignet. Vermutlich hatte der Schütze damit gerechnet, einen fliehenden Mann zu verfolgen, den er aus sicherer Distanz problemlos eliminieren konnte, denn er zeigte sich sichtlich verwirrt, als er hektisch herumwirbelte und in der kahlen Halle niemanden entdeckte.

    Das war die große Chance für Sergej, der vorsichtig aus seiner Deckung hervorlugte und das Profil seines Gegners zu Gesicht bekam. Der Journalist atmete tief durch, sein Arm wurde durch das Gewicht der Waffe ein wenig schwer und fing leicht an zu zittern. Sergej hatte noch nie in seinem Leben direkt auf einen Menschen schießen müssen. Er hatte immer gedacht, dass er in einem solchen Moment Skrupel bekommen würde, doch jetzt fühlte er sich doch entschlossen, seinen Feind erbarmungslos niederzustrecken, denn er wusste, dass ein Fehlschuss oder eine falsche Bewegung seinen eigenen Tod bedeuten könnte.

    Mit grimmiger Wut spannte Sergej den Abzugshahn, visierte seinen Gegner so gut es eben ging an und drückte dann mit verengten Augen und grimmig zusammen gebissenen Zähnen endlich ab.

    Es lag wohl daran, dass Sergej keine große Erfahrung im Umgang mit Waffen hatte und dass die rostige Beretta ein wenig hakte, denn er verfehlte das frei sichtbare Ziel doch deutlich. Seine Kugel schlug fast zwei Meter über seinem Gegner in einen maroden Belüftungsschacht. Der Einschlag machte einen höllischen Lärm und ließ den anderen Schützen erschrocken herumfahren.

    Trotz seines Fehlschusses wurde Sergej nicht nervös, sondern eher noch mutiger und trat entschlossen aus seiner Deckung hervor. Über die Risiken dachte er gar nicht mehr nach, überhaupt war in seinem Kopf eine seltsame stumpfe Leere. Er agierte nur noch instinktiv, denn es ging um sein Leben und dieser heikle Fakt legte seine Vernunft völlig lahm.

    Die Blicke der Kontrahenten begegneten sich in der düsteren Fabrikhalle. Der Blick des Journalisten war starr und gehässig, während der Blick des anderen Mannes kalt und zu allem entschlossen wirkte. Sergej empfand den Blick des Gegners als durchweg böse, was zu seinem entstelltem Äußeren passte.

    Sergej hatte den Überraschungsmoment auf seiner Seite und war auf eine nächste Attacke vorbereitet. Gleich zweimal drückte er kurz hintereinander ab, wobei beim zweiten Mal der Lauf der Beretta wieder ein wenig hakte.

    Sein Gegenüber warf sich instinktiv zu Boden, robbte zurück in Richtung Treppe, während die erste Kugel dumpf in die brüchige Wand schlug, vor welcher der Killer vor Sekundenbruchteilen noch gestanden hatte. Die zweite Kugel verschwand als Querschläger irgendwo unkontrolliert in den Weiten der Fabrikhalle, doch trotz der mangelnden Präzision war der Mann mit dem Narbengesicht offensichtlich von der Entschlossenheit des Journalisten beeindruckt, denn er trat rasch den Rückzug an und stürzte die Treppe hinauf, von der er kurz zuvor erst heruntergestiegen war. Vermutlich hatte er sich seinen Gegner als ein leichteres Opfer vorgestellt und auf einen hilflosen und ängstlichen Gegenspieler gesetzt.

    Doch Sergej wuchs in diesen Momenten über sich hinaus. Anstatt selbst nun den Rückzug anzutreten, stürmte er weiter vorwärts auf die Treppe zu und jagte noch beim Laufen einen weiteren Schuss in Richtung des Angreifers, der allerdings bereits die erste Biegung der Treppe hinter sich hatte, die fast spiralenförmig in die Höhe führte. Die Kugel jagte gegen das eiserne Treppengeländer und machte einen unerträglichen Lärm, bevor auch diese Kugel als Querschläger davon schlug und erst von einer unverputzten Mauer gestoppt wurde.

    Sergej hetzte in das Treppenhaus und warf einen Blick in die Höhe, wo er seinen Gegner allerdings nicht sehen konnte. Dafür hörte er seine hastigen Schritte und den keuchenden Atem. Mit seinem Gewehr hatte der Mörder in diesem Treppenhaus ohnehin die schlechteren Karten und es blieb ihm kaum etwas anderes übrig, als einen taktischen Rückzug anzustreben.

    Sergej setzte seinem Gegner erbarmungslos nach und agierte mit einer Entschlossenheit, vor der er selbst erschrak, doch er blendete jegliche Zweifel und Ängste fast völlig aus und rannte mechanisch vorwärts.

    Auch er hatte jetzt die erste Biegung geschafft und sprang im Halbdunkel über alte Kabelrollen, einige Werkzeugkästen und sogar über alte Tapetenrollen hinweg. Vor sich sah er einen undeutlichen Schatten um die nächste Biegung verschwinden. Sergej gab dies Mut und er beschleunigte seine Schritte noch einmal.

    Keuchend und schweißüberströmt setzte er dem Gegner nach, blieb plötzlich an einer alten Wasserwaage hängen und fiel der Länge nach auf die Treppenstufen. Dabei löste sich direkt neben Sergejs Ohr ein krachender Schuss aus seiner Beretta, der zum Glück unkontrolliert in die Decke einschlug und ihn selbst nicht verletzte. Putz bröckelte von der Einschussstelle in das Treppenhaus.

    Sergej hörte einige Zeit lang nur ein monotones Piepsen in seinen Ohren und spürte auch den Schmerz in seiner Schulter wieder. Er war aus seiner Trance hinter einem Schleier der Wut erwacht und realisierte, dass er sich immer noch in akuter Gefahr befand.

    Mit schmerzverzerrtem Gesicht rappelte er sich auf und taumelte ein wenig langsamer als zuvor vorwärts, doch er peitschte sich selbst mental an, indem er sich einredete, dass der Mörder um keinen Preis entkommen und noch mehr Unheil anrichten durfte. An sein eigenes Schicksal dachte Sergej dabei nicht mehr.

    Mühsam nahm er wieder Fahrt auf, achtete jetzt mehr auf seine Umgebung und umging Farbtöpfe und auf dem Boden verteilte Schraubenschlüssel. Die Schritte seines Gegners waren jetzt schon weiter entfernt, aber noch deutlich hörbar, bis sie plötzlich abrupt aufhörten.

    Sergej blieb ebenfalls atemlos stehen und lauschte angestrengt. Mit einem flauen Gefühl im Magen malte er sich bereits aus, dass sein Gegenspieler noch im Treppenhaus lauerte und darauf wartete, dass Sergej in sein Visier geriet. Möglicherweise hatte der Mörder auch den Rückweg angetreten und wollte Sergej entgegen kommen, um ihn zu überraschen.

    Der Journalist war gewarnt und drückte sich eng an die Mauer des Treppenhauses, huschte dann um die nächste Biegung, seine Beretta schussbereit umklammert. Erneut blieb der Journalist stehen und lauschte. Außer seinem eigenen flachen Atem, der ihm viel zu laut und verräterisch vorkam, konnte er aber keine verdächtigen Geräusche ausmachen.

    Sergej wartete einige endlos erscheinende quälende Augenblicke ab, dann setzte er sich wieder vorsichtig in Bewegung, als er plötzlich das Bröckeln eines Stückes Putz hörte und mit rasendem Herz alarmiert um die nächste Biegung huschte.

    Dort stand tatsächlich sein Gegenspieler, der sich ebenfalls dicht an der Wand hielt und dabei unvorsichtigerweise ein Stück lockeren Putz mit seiner Schulter aus der Wand gelöst hatte. Die Blicke der Kontrahenten begegneten sich wieder für wenige Augenblicke. Sergej wirkte grimmig und erregt, sein Gegenspieler war hingegen über seinen eigenen Fehler erschrocken und über das plötzlich Erscheinen des mutigen Journalisten überrascht.

    Daher kam wieder Sergej zuerst zum Schuss, denn er agierte noch in seiner huschenden Bewegung, doch sein Gegner eilte weiter nach oben und verschwand hastig in der Dämmerung des Treppenhauses. Der Schuss selbst jagte in eine der Treppenstufen und Sergej fluchte laut. Er ärgerte sich über seine mangelnde Professionalität und nahm sich vor zukünftig das Schießen regelmäßig zu trainieren – falls er den heutigen Tag überleben sollte.

    Mit seinem Schicksal hadernd stürmte er weiter in die Höhe und sah plötzlich ein mattes Licht über sich. Die beiden Kämpfenden hatten das Dach erreicht.

    Sergej verlangsamte seine Schritte und gewöhnte sich rasch an das Halbdunkel der Nacht, das nur unwesentlich heller war als die Dunkelheit im Treppenhaus. Das Dach der Fabrik war ebenso kahl und schmutzig wie die Innenräume. Viele Schornsteine oder Lüftungsschächte mündeten hier und so gab es jede Menge Versteckmöglichkeiten für den mysteriösen Attentäter, den Sergej nicht sofort erspähte. Dennoch spürte der Journalist eine fast knisternde Spannung in der Atmosphäre und war weiterhin gewarnt.

    Vorsichtig trat er nach draußen, wo ihn eine kalte Windbö empfing, die wild mit seinen Haaren spielte und ihm für einen Moment die Sicht verdeckte.

    Das war die Chance für seinen Gegner, der sich hinter einem der Schornsteine versteckt hielt, schnell sein Gewehr ansetzte, feuerte und noch im selben Moment los zum anderen Ende des Daches lief, um mit einem waghalsigen Sprung auf das Nachbargebäude überzusetzen, dessen Dach immerhin gute drei Meter tiefer und zudem durch eine schmale Gasse zwischen den Gebäuden etwas mehr als zwei Meter auseinander lag.

    Sergej war sofort losgesprintet, als er die Windbö gespürt hatte und dennoch glaubte er auf unheimliche Art und Weise den Luftzug der Kugel zu spüren, die an ihm vorbei und in die Öffnung zum Treppenhaus schlug. Der Schütze war zu unkonzentriert gewesen und hatte Sergej eher noch wütender, als vorsichtiger gemacht, denn er setzte seinem Gegner nach und erreichte ebenfalls das Ende des Daches.

    Im Laufen sah er wie sein Gegenspieler das gegenüberliegende Dach unbeschadet erreicht hatte und nun in der Deckung einiger billiger Leuchtreklamen entlang lief, um auf das nächste Gebäude überzusetzen, das eine Mischung aus einer billigen Kneipe und einer schäbigen Pension war. Für die faszinierende Aussicht über das hafenviertel aus dieser Höhe hatten beide Männer keinen Blick übrig.

    Sergej versuchte seine Gedanken auszuschalten und bekam doch schwitzige Finger, als er den dunklen Abgrund unter sich erblickte. Im letzten Moment stoppe er seinen Lauf und starrte atemlos und starr auf das Hindernis. Er schüttelte langsam und fassungslos den Kopf. Er war weit gegangen, aber den nächsten Schritt wollte er nicht wagen, denn dies war selbst dem sportlichen und mutigen Journalisten zu riskant. Er traute sich gar nicht einmal in die Tiefe zu sehen, denn er wusste von sich selbst, dass er leichte Höhenangst hatte und bei dem Blick noch mehr Angst bekommen würde.

    Da stoppte der Attentäter plötzlich auf dem Dach der Pension und blickte sich um. Als er den zögernden Sergej sah, nahm er sein Gewehr wieder zu Hand und visierte das Dach der alten Fabrik an. Der Journalist bekam es mit der Angst zu tun. Er war eine kaum zu verfehlende Zielscheibe auf diesem Dach und für einen Rückzug war es nunmehr längst zu spät. Er hatte nur eine einzige Wahl: Er musste seine Angst überwinden und springen!

    Sergej schloss die Augen, taumelte einige Schritte rückwärts. Dann atmete er tief durch, öffnete seine Augen wieder und sah, dass sein Gegner immer noch mit dem Gewehr hantierte und durch das leichte Schneegestöber in der Atmosphäre irritiert wirkte. Das war Sergejs letzte Chance.

    Er lief los, machte sich selbst mit einem Urschrei aus der Tiefe seiner Kehle Mut und sprang wuchtig ab. Sein Herz drohte auszusetzen, als er im letzten Moment mit dem Standbein abrutschte und sich torkelnd mit seinem schwächeren Bein abstoßen musste. Sergej schien fast in der Luft zu stehen und das Dach des anderen Hauses schien unendlich fern zu sein. Der Journalist streckte hilflos seine Arme aus und neigte sich leicht nach vorne. Die Kante des gegenüberliegenden Daches wirkte auf ihn wie eine scharfkantige Grenze und der Abgrund unter ihm wie ein Portal zur Hölle.

    Doch die Hölle schien ihn nicht verschlingen zu wollen, denn Sergej prallte auf dem rauen Dach auf, ließ sich sofort nach vorne fallen und hatte den riskanten Sprung unverletzt überstanden. Mit viel Adrenalin im Blut rappelte er sich auf, blickte sich noch einmal ungläubig um und stellte fest, dass er viel Glück gehabt hatte, denn er war nicht einmal einen Meter hinter der Dachkante gelandet und war ziemlich schräg gesprungen.

    Das alles zählte jetzt aber nicht mehr. Sergej kopierte die Art des Verfolgten und lief hinter den großen Leuchtreklamen und Werbetafeln her, sodass auch sein Gegner ihn hier nicht erwischen konnte. Manche der riesigen Tafeln kamen dem Journalisten wie mahnende Zeigefinger vor, andere wiederum wie leblose, müde Überbleibsel eines einst schmucken und lebendigen Viertels, das nunmehr in Kriminalität und Depression versunken war.

    Der verfolgte Attentäter legte es wohl nicht mehr darauf an seinen Gegner zu stoppen, sondern versuchte sich so schnell wie nur irgendwie möglich aus dem Staub zu machen. Das Narbengesicht hatte eine Feuerleiter an der Rückseite der Pension erreicht, die in eine düstere Gasse führte. Sergej erkannte erstaunt, dass es sich um dieselbe Gasse handelte, aus der am frühen Morgen die Polizisten das vierte Opfer geborgen hatten. Der mysteriöse Mörder schien also sozusagen zu seinem Tatort zurückzukehren, falls er wirklich für diese brutalen Taten selbst verantwortlich war. Was Sergej aber gleichzeitig beunruhigte war die Tatsache, dass sich die Wohnung seines Kollegen Vitali am Ende der Gasse befand und der Mörder auch darauf Kurs nehmen könnte und in eine belebtere Straße mit vielen Zivilisten kam. Diese Tatsache ermutigte Sergej noch mehr in seinem Willen den Mörder um jeden Preis zu stoppen.

    Der Schlund zwischen dem zweiten Dach und dem Dach der Pension war relativ schmal und lag fast auf einer Höhe, sodass Sergej ohne Mühe und Angst aus dem Lauf auf die andere Seite hinübersprang und sofort weiterlief. Auch er nahm Kurs auf die Feuerleiter, die unter den hektischen Schritten des Verfolgten erschreckend laut quietschte und in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Besonders stabil oder Vertrauen erweckend war die Konstruktion mit Sicherheit nicht.

    Sergej erreichte den Rand der Feuerleiter und blickte nervös in die Tiefe. Er befand sich nur noch etwa fünf bis sechs Meter über der Gasse, sein Verfolger hatte bereits die Hälfte der Strecke überwunden.

    Auch Sergej betrat die Feuerleiter und versuchte mit seiner Beretta den Gegner ins Visier zu nehmen, doch die Stufen und vielen Metallverstrebungen machten dies unmöglich, obwohl der Journalist seinem Gegner wieder näher gekommen war. Eifrig nahm er mehrere der steilen Stufen auf einmal und hörte das protestierende Knirschen des maroden Gerüsts.

    Plötzlich riss hinter Sergej eine der Metallverstrebungen kreischend aus der Wand und der obere Teil der Treppe, die er eben noch behände heruntergesprungen war, wurde aus seiner Verankerung gerissen und schaukelte bedrohlich im dichter werdenden Schneegestöber.

    Dieser Zwischenfall trieb Sergej zu noch mehr Eile an und so nahm er die letzten Meter bis zum Boden mit pantherartigen Sprüngen, bis plötzlich eine der Stufen seinem Gewicht nicht mehr Stand hielt und einfach wie ein morsches Stück Holz zerbrach und in die Tiefe stürzte.

    Sergej blieb an der Stufe hängen, verdrehte sich seinen Fuß und fiel plötzlich vornüber. Im letzten Moment riss er die Arme hoch, sodass nur seine Ellbogen vom Metall der Feuerleiter blutig geschlagen wurden, nicht jedoch sein Gesicht. Sein linker Fuß, der hängen geblieben war, wurde bei dem Sturz an der Kante der weggebrochenen Stufe leicht aufgeschürft und hatte seinen Sturz dadurch ein wenig verlangsamt, sodass Sergej sich irgendwie noch zusammenrollen konnte, bevor er seitlich auf den harten Pflasterstein der Gasse fiel. Der Journalist konnte von Glück sprechen, dass er seinen Fuß bei der Aktion nicht verstaucht oder gar gebrochen hatte.

    Mit letzter Kraft und unter großen Schmerzen rappelte sich Sergej auf, denn er wusste, dass er gerade ein unverfehlbares Ziel abgab, wenn er so in der Gasse liegen bleiben würde. Sein Gegner schien diese Option jedoch gar nicht in Betracht gezogen zu haben, denn er hetzte weiter die Gasse in Richtung Hauptstraße hoch und Sergej humpelte nur mühsam hinterher. Zerknirscht realisierte er, dass der Gegner ihm unter den Bedingungen entkommen würde. Tatsächlich übersprang der Verfolgte soeben die Polizeisperre, welche die Gasse zu den anderen Straßen hin abriegelte.

    Doch plötzlich geschah alles ganz anders als erwartet!

    Sergej sah das dunkle Auto mit den getönten Scheiben auf der Hauptstraße, aus dem plötzlich ein bulliger Kerl stürzte, der einen Revolver in seiner Hand hatte und augenscheinlich auf den Attentäter gewartet haben musste, um ihn zu eliminieren. Der überrumpelte Mörder stürzte hektischer noch als zuvor nach links und verschwand aus Sergejs Blickfeld. Der bullige Kerl aus dem edlen Wagen setzte ihm nach und schoss. Sergej hörte wie Holz zersplitterte, aber keinen Schmerzensschrei, woraus er schloss, dass der Flüchtende der Kugel noch entkommen war.

    Plötzlich aber stockten die Gedankengänge des Journalisten, der schwer keuchend inne hielt und sich erschöpft gegen eine kalte Hauswand zwischen einigen stinkenden Mülltonnen lehnte. Wenn der Mann in dem Auto auf den Attentäter dort gewartet hatte, dann musste dies einen bestimmten Grund gehabt haben. Der Flüchtende war also nicht blind in irgendeine Richtung gelaufen, sondern hatte scheinbar doch ganz bewusst diesen Weg genommen, den er vorher auch schon gekannt zu haben schien.

    Für Sergej, der blitzschnell kombinierte und vor seiner eigenen Erkenntnis erschrak, ließ dies nur einen einzigen Schluss zu: Der Attentäter musste in unmittelbarer Nähe einen Unterschlupf haben. Und plötzlich dachte Sergej an den Morgen, an dem der Oberkommissar einen gewissen Gluschenko hatte sprechen wollen. Sergej erstarrte, denn plötzlich fügten sich die Puzzleteile langsam, aber sicher zusammen.

    Und wenn der Verfolgte tatsächlich Gluschenko war, dann schwebten alle seine Mitbewohner nun in tödlicher Gefahr!

    Sergej ignorierte seine Schmerzen und rannte weiter. Er malte sich schon die schlimmsten Szenarien aus und er bekam panische Angst. In dem Moment ertönte ein zweiter Schuss und der schreckliche Schrei einer jungen Frau.

     

    Diese junge Frau war die Französin Eva Maelle Lavoie, die sich in einer wilden Raserei der Angst aus der Umklammerung von Vitali befreien konnte und versuchte die Treppe hinaufzuhetzen.

    Vitali hingegen starrte wie ein Kaninchen vor der Schlange auf das Narbengesicht des Ankömmlings, der nur Gluschenko sein konnte und ihn mit einer handlichen Waffe traktierte. Der zweite Schuss hingegen war außerhalb des Gebäudes aufgeklungen und war in einer Wand der Eingangshalle eingeschlagen. Fast im selben Augenblick stürzte ein bulliger und ebenfalls bewaffneter Mann in das Haus und riss mit seiner stürmischen Art beinahe die Tür aus ihren Angeln.

    a reagierte plötzlich wieder Gluschenko, der sich kurz umgesehen und Vitali für einige Sekunden vergessen hatte.

    Der Verfolgte fixierte den bulligen Ankömmling und schien plötzlich noch mehr in Panik zu geraten. Seine tief in den Höhlen liegenden, von dunklen Ringen umrandeten Augen, pendelten irr hin und her. Dann sprang Gluschenko an Vitali vorbei, nahm mehrere Treppenstufen auf einmal und schien sich zunächst in das nächste Stockwerk flüchten zu wollen, da alle anderen möglichen Ausgänge durch die anwesenden Personen im Moment blockiert waren und für ihn zu einer tödlichen Sackgasse werden konnten.

    Fluchend stürzte der bullige Ankömmling, der wohl auch Ekatarina unlängst bedroht hatte, nun ebenfalls in die Eingangshalle und begegnete dem verklärten Blick des neuen Mieters und Journalisten, der nicht wusste, wie er mit der Situation überhaupt umgehen sollte.

    Da riss ihn ein neuer Schrei der Französin aus seiner Trance und er drehte hektisch seinen Kopf, bevor er bleich wie eine Wand wurde und erstarrte. Denn seine geliebte Nachbarin war von Gluschenko auf der Mitte der Treppe gestoppt und herumgerissen worden und befand sich nun zappelnd in seinem eisernen Griff. Noch viel schrecklicher als dies war jedoch die Tatsache, dass er seine kleinkalibrige Waffe keuchend gegen die Schläfe der Französin drückte und in triumphierender Nervosität dem bulligen Mann aus dem schwarzen Wagen entgegen blickte, der sich von der improvisierten Geiselnahme jedoch nicht beeindrucken ließ, auch nicht dann, als Gluschenko die Französin grob vor seinen eigenen Körper schob, ihren Rücken an sich presste und die schreiende Schauspielstudentin als menschlichen Schutzschild benutze.

    „Verdammt, Lukianenko, keinen Schritt weiter, oder ich puste dem Täubchen hier alle Lichter aus!“, rief Gluschenko keifend, doch seine Stimme hatte einen leicht zittrigen und unsicheren Klang, zumal er mit ansehen musste, wie der Angesprochene unbeirrt weiter vorging und dabei nur das Gesicht des Flüchtenden fixierte und weder Vitali, noch Eva Maelle wirklich beachtete. Erbarmungslos hob er seine Waffe und zielte auf den Kopf des nervös keuchenden Mörders, der feige hinter dem Rücken der Französin in Deckung ging.

    Doch auch dies schien den brutalen Kerl namens Lukianenko nicht zu beeindrucken, denn er spannte mit kaltem Blick den Hahn seiner Waffe und verengte seine Augen zu unheimlichen, fast animalisch wirkenden Schlitzen, um sein Opfer besser ins Visier zu nehmen. Er wirkte dabei sehr konzentriert und schien fast durch die nun haltlos schluchzende Französin hindurch zu sehen. Lukianenko war ein erbarmungsloser Killer, der über Leichen ging, um seine Ziele zu erreichen. Ob dabei eine Unschuldige starb, weil sie zufällig im Weg stand, war dem Mafioso völlig gleichgültig.

    Doch plötzlich wurde selbst der konzentrierte Angreifer überrascht, als ein dunkler Schatten von der Seite auf ihn zuflog, ihn leicht umstieß und aus dem Gleichgewicht brachte. Lukianenko konnte sich so eben noch fangen, fuhr herum und hörte noch das triumphierende und hämische Lachen von Gluschenko, der die Gunst der Stunde genutzt hatte, um mit seiner französischen Geisel im Schwitzkasten die Treppe herunterzuhetzen, seinen Gegner zu umkurven und sich dem schmalen Gang zum Hinterausgang des Gebäudes zuzuwenden. Alle seine Gegner befanden sich nun vor ihm, in seinem Rücken war nicht nur alles frei, sondern befand sich auch eine aussichtsreiche Fluchtmöglichkeit.

    Hätte Gluschenko den bulligen Mafioso nicht mit seiner Waffe in Schach gehalten, hätte sich dieser vermutlich eher auf Vitali gestürzt, der das unerwartete Eingreifen verursacht hatte, um das Leben seiner neuen Liebe unter höchstem Einsatz seiner eigenen Gesundheit zu retten. Wenn Blicke töten könnten, dann wäre der Journalist, der nach dem Zusammenprall flach auf dem Bauch lag, auf der Stelle auf grausame Art und Weise im zornigen Höllenbrand des Mafioso verglüht.

    Angespannt und atemlos wartete Vitali ab, wie die beiden Männer weiter reagieren würden. Sein Eingreifen war fast instinktiv und aus reiner Angst um die Französin erfolgt, die er jetzt schon als seine Partnerin ansah. Erst jetzt konnte er wieder klare Gedanken fassen und wurde sich der Tragweite seiner Entscheidung bewusst.

    Gluschenko trat mir der hart umklammerten Französin im Schlepptau langsam rückwärts auf den Hinterausgang zu, öffnete rasch und mechanisch die böse knarrende Tür, lachte hämisch und stürzte dann unvermittelt nach draußen in die Kälte, wo er aus dem Blickfeld aller Beteiligten verschwand.

    Lukianenko war glücklicherweise professionell genug, um sich nicht erst in blinder Wut auf Vitali zu stürzen, sondern setzte dem Flüchtigen mit federnden Schritten nach und erreichte auch endlich den Hinterausgang. Ein Schuss peitschte auf und schlug plötzlich unmittelbar neben dem Hinterausgang in den Putz der Außenfassade des Gebäudes. Die Französin schrie erschrocken auf. Lukianenko blieb hingegen grimmig stehen und musste sogar kurzzeitig in Deckung gehen.

    „Verdammt, der Kerl nimmt den alten Wagen auf dem Hinterhof!“, murmelte Lukianenko grimmig zu sich selbst und schoss nun seinerseits aus der Drehung heraus blind in die Richtung, wo sich sein Feind jetzt mit der Geisel befinden musste.

    Da hörte Vitali das heftige Zuschlagen einer Autotür. Gluschenko stand nun endgültig kurz vor einer erfolgreichen Flucht und somit musste Lukianenko nun seinerseits alles auf eine Karte setzen. Der bullige Kerl stürmte geduckt durch den Hinterausgang und bewegte sich seitlich auf einige Papiertonnen zu, hinter denen er in Deckung ging.

    Vitali hörte kreischend zersplitterndes Glas, als Gluschenko aus dem Wagen heraus auf die Deckung seines neuen Gegners feuerte und sich dabei auch von dem Hindernis der Frontscheibe nicht stören ließ. Erneut schrie die französische Geisel panisch auf, als nun Lukianenko aus seiner Deckung hervorstürmte und eine schnelle Schusssalve auf den Wagen feuerte, dessen Motor gleichzeitig protestierend aufheulte.

    Vitali fragte sich fluchend, wie der flüchtige das Auto so schnell ans Laufen gebracht hatte und fieberte mit unbändiger Spannung den nun folgenden Entscheidungen entgegen. Am liebsten hätte er selbst eingegriffen, doch er wollte sich nicht waffenlos ins offene Kreuzfeuer wagen und so waren ihm hilflos die Hände gebunden, was ihn noch mehr leiden ließ. Verkrampft kauerte er sich im Flur zusammen und spitzte seine Ohren.

    Erneut ertönten Schüsse aus dem Hinterhof, bevor der Fluchtwagen mit quietschenden Reifen eine alte Mülltonne rammte und der bullige Lukianenko im selben Moment aufschrie und auf die Knie sackte. Ein Schuss hatte ihn am Oberarm erwischt, der gleichzeitig auch sein Waffenarm war und seinem Gegner somit noch mehr Zeit verschaffte.

    Ängstlich und schweißüberströmt lugte Vitali um die Ecke des Ganges in den Hinterhof, wo der flüchtende Gluschenko seinen Wagen durch eine schmale Einfahrt manövrierte. Vitali konnte sehen, wie der nervöse Mann mit seiner linken Hand das Lenkrad wild herumriss, während er mit der rechten Hand seine kleinkalibrige Waffe wie einen letzten Strohhalm umklammert hielt um damit seine Geisel zu traktieren.

    Während der bullige Lukianenko sich schon wieder mit schmerzverzerrtem Gesicht aufrappelte, schaffte es Gluschenko in die Gasse zu fahren, die von der Polizei am frühen Morgen schon abgesperrt worden war. Dies machte dem Flüchtigen jedoch wenig aus, denn er drückte grob das Gaspedal durch und schoss unkontrolliert durch die Polizeiabsperrung, trat dann aber abrupt auf die Bremse, bevor er wieder mit aufheulendem Motor auf der Hauptstraße davonfuhr.

    Gluschenko war entkommen!

    Vitali erstarrte und wurde sich erst langsam dessen bewusst, was in den letzten Minuten überhaupt passiert war. Er dachte nicht daran, dass er mit seinem eigenen Leben davon gekommen war, sondern an das Schicksal seiner französischen Nachbarin, die in die Fänge eines rücksichtlosen und uneinschätzbaren Mörders geraten war. Vitali verfluchte sich, dass er selbst nicht versucht hatte die Französin besser zu schützen, sie auf ihrem halben Weg die Treppe hinauf zu begleiten, um sich zwischen sie und dem rasenden Gluschenko zu stellen. Er fühlte sich seltsam schuldig und unfähig und spürte eine fast bedrückende Leere und Enttäuschung in sich aufsteigen.

    Doch nicht nur er selbst machte sich Vorwürfe, sondern auch Lukianenko, der mit blutender Schulter humpelnd und fluchend zurück zum Hinterausgang lief und drohend seine Pistole hob. Sein Gesichtsausdruck zeugte von einer harschen Brutalität und Vitali bekam eine fröstelnde Gänsehaut. Er begann nervös zu zucken, denn er wusste nicht, ob er einfach Hals über Kopf fliehen oder gegen den Verletzten den Kampf aufnehmen sollte, denn als erfahrener Journalist mit guter Menschenkenntnis wusste Vitali, dass er mit einer Person wie Lukianenko niemals sprechen oder diskutieren konnte, um ihn zu beschwichtigen. Er schien der blinden Wut des Mafioso hilflos ausgeliefert zu sein, jetzt da Gluschenko vorläufig entkommen war.

    „Du verfluchter Bastard, wegen dir ist dieses Arschloch entkommen. Wegen dir hat er mich zum Krüppel erschossen! Warte bloß, bis ich dich in die Hände bekomme!“, schrie Lukianenko und sein Gesicht war nicht mehr nur von den Schmerzen, sondern auch vor Wut verzerrt und zeigte eine beängstigende, glühende Röte.

    Mit zitternden Händen ergriff Vitali die Türklinke des Hinterausgangs und zerrte das Portal rasch zu, bevor er es mit schnellen Griffen seiner schweißnassen Hände mehrfach verriegelte und gedankenschnell zurück in die Eingangshalle hetzte.

    Da trat plötzlich völlig überraschend Sergej in die Eingangshalle und blickte sich schwer atmend um. Vitali kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und wollte auf seinen Kollegen zugehen, als hinter ihm plötzlich die Glasscheibe der Hintertür zersprang und eine Pistolenkugel nur knapp an ihm vorbei in die Wand jagte.

    Vitali ergriff die Lederjacke seines Freundes und riss den verduzten und erschöpften Sergej mit sich auf den Boden, als auch schon eine zweite Kugel nur knapp über ihre Köpfe hinwegsirrte.

    „Komm endlich her, du dreckiger Lump. Eben bist du mir in den Rücken gefallen, jetzt stehe deinen Mann und kämpfe! Ich schwöre dir, dass die nächste Kugel nur für dich ist!“, schrie Lukianenko cholerisch und zitternd vor Angst glaubte Vitali ihm jedes einzelne Wort.

     

    Nervös schreckte Lukianenkos Begleiter in dem schwarzen Wagen mit den getönten Scheiben hoch, als er die quietschenden Reifen hörte und kurz darauf ein altes, verbeultes Auto aus einer Seitengasse unkontrolliert auf die Hauptstraße rasen sah, dass dann überhastet nach rechts fuhr.

    Der junge Plichanow musste nicht lange überlegen, um zu realisieren, dass ihre Zielperson sich soeben absetzen wollte. Er glaubte sogar flüchtig eine zweite Person im Wagen erkannt zu haben. Hatte Gluschenko eine Geisel genommen? Oder hatte der Schläfer möglicherweise eine Komplizin? War ihr Verdacht, dass der seltsam nervöse Gluschenko, der von einem Obdachlosen in der letzten Nacht im Hafenviertel gesehen worden war, sich mit seinem auffälligen Verhalten als neuer Hauptverdächtiger für die grausige Mordserie prädestiniert hatte also tatsächlich korrekt gewesen?

    Plichanow war anfangs skeptisch gewesen und wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen, obwohl Gluschenko ihm schon immer nicht ganz koscher gewesen war. Sein entschlossener Kollege Lukianenko hatte dann die Alternative ergriffen, als sie beide von dem Tod Semaks erfahren hatten, der völlig verstümmelt in der Kanalisation gefunden worden war. Gluschenko wusste durch seine alte Zusammenarbeit mit der stählernen Maske, wo diese geheimen Unterschlüpfe und Treffpunkte lagen und auch das Hafenviertel und die Leute dort kannte er fast wie seine Westentasche. Für Lukianenko war sofort klar gewesen, dass Gluschenko die Wurzel allen Übels sein musste und mit irgendeinem brutalen Mörder kooperierte, der für ihn eine bestialische Arbeit nach der anderen ausführen musste. Die Effektivität der Taten war schon enorm erschreckend, denn fünf Tote innerhalb von nicht einmal vierundzwanzig Stunden waren selbst im kriminellen Untergrund der Stadt eine erschreckende Rarität geworden. Plichanow war erstaunt, dass Gluschenko, der durchaus Gründe für einen Rachefeldzug hatte und auf die Mafia schlecht zu sprechen sein musste, zu solch fanatischen und drastischen Mitteln griff, die ihm niemand zugetraut hatte. Es gab für Plichanow immer noch einen Unterschied zwischen krimineller Energie im Allgemeinen und der Hinrichtung von nunmehr fünf oder sechs Leuten. Ein kaltblütiger Mord war nur von einem emotionslosen, hasserfüllten und verwirrten oder verzweifelten Geist durchführbar, nicht von einem kleinen Mafioso. Da Plichanow hin und her gerissen war und nicht wusste, was er noch glauben sollte, hatte er gehofft, dass eine Observierung des Verdächtigen für Klarheit sorgen würde, ohne dass man ihn gleich grob bedrohte oder umbrachte.

    Somit hatten sich Plichanow und Lukianenko entschlossen die Wohnung von Gluschenko notfalls stundenlang zu beobachten und sie waren dabei natürlich nicht unentdeckt geblieben. Mit einem grimmigen Lächeln dachte Plichanow an die ängstliche und zu neugierige Vermieterin, der Lukianenko mächtig Eindruck gemacht hatte.

    Inzwischen war Plichanow auch von der Schuld Gluschenkos überzeugt. Sein überhastetes Auftreten, die Schießerei mit Lukianenko und die überhastete Flucht sprachen für sich. Deswegen drückte der junge Russe, der eigentlich eher auf geschäftliche und diplomatische Dinge spezialisiert war und aus reichem Hause stammte, sowie eine gute Ausbildung genossen hatte, im Gegensatz zu dem rüpelhaften und aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Lukianenko, den er mitunter als zu grob und hitzig empfand, jetzt auch entschlossen das Gaspedal durch und fuhr dem nervös schlingernden alten Wagen hinterher, bei dem es überhaupt noch ein Wunder war, dass er noch funktionstüchtig war. Plichanow hatte in seiner Ausbildung bei der stählernen Maske auch gelernt schnelle Wagen zu fahren und Gegner zu eliminieren, sodass er mit allen Wassern gewaschen war. Er mochte lieber das Taktische an seiner kriminellen Arbeit, er liebte den Nervenkitzel bei einem riskanten Deal oder das hohe Pokern an Verhandlungstischen mit Kooperatoren, doch er war auch bereit für seine hohe Stellung schmutzige Arbeit zu übernehmen, so wie jetzt. Wenn es die stählerne Maske und alle seine Mitarbeiter schützen würde, war die Ermordung eines Einzelnen für Plichanow durchaus im Bereich des Erträglichen anzusiedeln.

    Mit quietschenden Reifen wich der Wagen vor ihm einer langsam fahrenden Straßenbahn aus, geriet in den empört hupenden Gegenverkehr, riss das Lenkrad herum und schlingerte in eine schmale Gasse an der rechten Seite, wo er eine Mülltonne rammte und einige Pappkartons umfuhr. Plichanow bremste hingegen leicht ab, fuhr kontrolliert, aber zügig in die Gasse und hatte einige Meter gut gemacht, sodass er fast schon an der Heckstange des Verfolgten hing. An Lukianenko und dessen unbekanntes Schicksal nach der Schießerei dachte der junge Russe dabei überhaupt nicht mehr, er musste fähig sein sich auch in extremen Situationen auf das Essentielle zu konzentrieren.

    Durch die verdreckten Scheiben des alten und zerbeulten Autos vor ihm konnte Plichanow plötzlich den wuscheligen, dunkelblonden Haarschopf einer jungen Dame sehen, die sich panisch auf dem Beifahrersitz herumgeworfen und hektisch und hilfesuchend die Hände erhoben hatte, bevor sie vom Fahrer einen groben Stoß in die Seite erhielt und mit einer Pistole in Schach gehalten wurde. Plichanow grinste, als er das hektische, wilde, aber markant schöne Gesicht der Entführten gesehen hatte und malte sich für einen kurzen Augenblick aus, wie die Dame sich wohl erkenntlich zeigen würde, wenn er sie aus den Klauen des Mörders erst einmal befreit hätte. Frauen waren für Plichanow etwas wie für andere Leute Matrjoschkas oder eine neue Wodkasorte, etwas zum Sammeln oder zum einmaligen Verwendungszweck gedacht. Durch seine perversen Fantasien hatte er nun eine neue Motivation bekommen und gab noch einmal kräftig Gas.

    Der Wagen vor ihm stellte sich plötzlich quer und rutschte mit quietschenden Reifen durch den grauen, matschigen Schnee auf einen verdreckten und tristen Hinterhof, aus dem es erst nach einigen hundert Metern zur rechten Seite hin einen Ausgang gab, der in ein stillgelegtes Gewerbegelände in der Hafennähe führte. Diese knappe Distanz war die ideale Chance für Plichanow seinen Gegner zu überholen, auszubremsen und irgendwie zu stellen.

    Mit rasendem Herzschlag umklammerte Plichanow das Lenkrad seines Wagens, sodass seine Knöchel weiß hervortraten. Hart biss er die Zähne zusammen und scherte dann ruckartig zur rechten Seite hin aus.

    Der junge Kriminelle beschleunigte geschickt und war innerhalb weniger Sekunden auf gleicher Höhe mit dem Verfolgten, der zunächst hektisch das Lenkrad umriss und nach links ausscheren wollte, doch Plichanow blieb an ihm hängen und hatte mit der Aktion gerechnet.

    Plichanow sah mit Genugtuung die fahrigen, nervösen Bewegungen von Gluschenko. Der seltsam zurückgezogen lebende Psychopath war der Situation scheinbar nicht gewachsen und drohte die Kontrolle über seinen Wagen zu verlieren. Seine Sitznachbarin hämmerte schreiend gegen das Autofenster und kurbelte dieses schließlich mit hektischen und unregelmäßigen Bewegungen herunter. Ihr Geiselnehmer konnte sich darum nicht weiter kümmern, denn er hatte Mühe seinen Wagen nicht völlig zu Schrott zu fahren, als der linke Flügel des Wagens mit kreischendem Geräusch eine große Stahltonne streifte.

    Da hob Gluschenko plötzlich seine Waffe, drehte sich kurz zur Seite und blickte dem energischen Plichanow eiskalt in die Augen. So unruhig er auch den Wagen bediente, so konzentriert wirkte er bei seinem Schussversuch.

    Plichanow wollte kein Risiko eingehen, stieg fluchend auf die Bremse und sah, wie die Entführte im letzten Moment schreiend gegen den Waffenarm des Verrückten geschlagen hatte, der darauf nicht vorbereitet gewesen war und seine Kugel in das rostige Autodach seines gestohlenen Fluchtwagens gejagt hatte. Mit wutverzerrtem Gesicht gab er der jungen Dame eine schallende Ohrfeige, musste sich dann aber wieder um das Steuern des Wagens kümmern.

    Plichanow beschleunigte wieder, ordnete sich dann aber hinter dem verfolgten Wagen ein und fuhr ihm drohend hinten auf die Stoßstange. Der Fluchtwagen geriet ins Schlingern und steckte den Zusammenprall nur mühsam weg, während der Wagen von Plichanow den Zusammenstoß locker kompensierte und die Kollision dämpfte und ausfederte.

    Noch einmal wiederholte Plichanow sein Manöver, drängte den Wagen seines Gegenspielers weiter nach links ab, rochierte dann aus dem Windschatten heraus und raste plötzlich unmittelbar neben Gluschenko her, der ihm schlingernd in die Seite fuhr.

    Plichanow fluchte, als er bemerkte, dass sein hinterer Kotflügel tief eingedellt worden war und versuchte Gluschenko energisch den Weg abzuschneiden. Seite an Seite rasten die beiden so unterschiedlichen Wagen nun auf den einzigen Ausgang aus dem Hinterhof zu. Funken sprühten auf, Stahl und Metall kreischten unter dem hartnäckigen Kollisionskurs.

    Plichanow griff nun ebenfalls mit seiner rechten Hand nach dem Revolver mit Schalldämpfer, der auf dem Nebensitz lag und noch nicht zum Einsatz gekommen war. Behutsam duckte er sich danach, bekam die Waffe im ersten Moment nicht zu fassen, dann erwischte er ihren Lauf, doch eine tiefe Bodenwelle ließ den Wagen hektisch aufhüpfen und die Waffe rutschte vom Sitz auf die dunkle Fußmatte.

    In dem Moment zersplitterte das Glas des Seitenfensters des edlen Wagens und jagte Plichanow einen ungeheuren Schrecken ein. Gluschenko hatte wieder auf ihn geschossen und dieses Mal besser gezielt. Wenn Plichanow sich nicht gerade nach seinem Revolver gebückt hätte, wäre sein Kopf wohl geradewegs von einer Kugel zerschmettert worden.

    Grob fluchend tastete Plichanow mit fahrigen Bewegungen nach seinem Revolver und drückte dabei mit seinem Fuß weiterhin auf das Gaspedal, als beide Wagen Seite an Seite in die recht schmale Gasse hineinfuhren. Endlich bekam Plichanow mit hitziger Anstrengung mühsam die Waffe zu fassen, riss sie ächzend an sich, verzog dabei leicht das Lenkrad und richtete sich wieder auf. Dann hatte er wieder Sicht auf die Fahrbahn.

    In diesem Moment geschah plötzlich alles ganz schnell und um Plichanow brach eine Hölle los, die er in den wenigen Sekunden unter dem Einfluss von pansicher Angst und unkontrollierbaren Adrenalinschüben kaum realisieren konnte.

    Gluschenko hatte bei seinem letzten Schussversuch entgültig die Kontrolle über seinen Wagen verloren, war gegen eine alte Mauer aus brüchigem Ziegelstein gerast, war kreischend an ihr entlang gerutscht, gegen eine Steintreppe gerast, quer über selbige und nur noch mit drei Rädern auf dem Boden hinweggerast, bevor sich der Wagen in der Luft fast überschlagen hatte, dann jedoch von der Mauer gestoppt und grob zurück auf die schmale Fahrspur gestoßen wurde. Dabei zerbrach nicht nur ein Seitenspiegel klirrend ab, auch die Heckscheibe zerbarst in tausend Einzelteile und regnete auf die dreckige Gasse.

    Plichanow konnte dem unkontrollierten Wagen nicht mehr ausweichen, rammte seitlich die Kühlerhaube des Verfolgten, dessen Wagen durch die Kollision noch einmal um die eigene Achse gewirbelt wurde. Die beiden Insassen wurden grob nach vorne gewirbelt, die junge, unangeschnallte Dame prallte mit ihrer Stirn grob gegen die Windschutzscheibe, die an dieser Stelle einen Sprung bekam, aber wie durch ein Wunder ganz blieb. Irgendwie gelang es dem verfolgten Psychopathen noch sich festzuhalten und zu bremsen, sodass er in seinem Fahrersitz blieb und nicht im hohen Bogen durch die Windschutzscheibe flog, während seine Begleiterin regungslos in sich zusammensackte und auf dem Beifahrersitz zu Boden glitt. Grauer Rauch stieg unter der malträtierten Kühlhaube hervor.

    Diese Bilder nahm Plichanow nur in Sekundenbruchteilen wahr, denn er selbst raste mit einem Gefühl des Triumphes weiter die dreckige Gasse entlang und wollte seine rasante Fahrt abbremsen, als er plötzlich in einem Moment der Unachtsamkeit die alte Holzrampe für den Bruchteil einer Sekunde zu spät sah.

    Die Holzrampe in der Gasse entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein altmodischer Anhänger, mit dem früher in der Gegend Lieferungen transportiert worden waren, doch dies änderte nichts an der fatalen Wirkung des Gegenstandes.

    Plichanow stieg mit voller Kraft auf das Bremspedal, wurde nach vorne geschleudert, sodass seine Stirn heftig gegen die Hupe des Wagens prallte, die schrill und gequält aufheulte. Doch die Reaktion kam bereits zu spät, denn mit den rechten Reifen seines Wagens raste Plichanow die kleine Rampe herauf, bekam ein Übergewicht zur linken Seite und flog wie von einer Schanze hinweg durch die Luft, geradewegs aus der Gasse hinaus und auf die nächste größere Straße zu.

    Da erstarrte der benommene Plichanow, dessen Magen sich in Sekunden umgedreht hatte und der nur Mühsam ein Erbrechen verhindern konnte, während sein Kopf zudem auch noch höllisch schmerzte.

    Plichanow sah ein längliches, silbriges Gefährt vor sich, das aus unerfindlichen Gründen durch diese eigentlich verlassenen Hafengegend fuhr und sich plötzlich in einem grausamen Moment der erstarrenden Gewissheit als alter Lastkraftwagen manifestierte.

    Für Plichanow gab es keinen Ausweg mehr, er riss schreiend die Arme hoch, während er sich entgültig übergab und auch seine Schließmuskel sich im Schreck des Augenblicks völlig lösten.

    Dann folgte ein heftiger Aufprall, ein gepeinigtes Kreischen von Stahl und Metall ertönte, die Welt wurde schwarz, rauchig und rußig, während der Wagen sich irgendwie überschlug und fast senkrecht gen Boden jagte. Plichanow spürte, wie ihm Glas ins Gesicht schlug, wie plötzlich die gesamte Kühlhaube innerhalb weniger Sekunden zusammengepresst wurde und auch vor seinem Beinen nicht Halt machten, die unter dem Druck einfach wegknickten und mit einem hässlichen Krachen brachen, was unter dem Lärm für Plichanow aber lediglich zu spüren war. Dann bohrte sich ein spitzer, durch die Luft fliegender Metallsplitter schmerzhaft durch seine Brust, die sich in ein glühendes Höllenfeuer zu verwandeln schien und den Schmerz in seinen Beinen geradezu vergessen ließ. Grellrotes Blut schränkte sein Blickfeld ein, dass fontänenartig durch das Wrack des einst so edlen Autos spritzte.

    Endlich zerschmetterte das Gefährt am Boden, die Welt um Plichanow drehe sich in grellen Spiralen, während Schmerzen und Lärm jegliche Gedankengänge ausschalteten.

    Dann folgte ein grelles, kurzschlussartiges Licht, eine laute Detonation, die ihm alle restlichen Sinne raubte. Die Welt versank in einer sengenden Hitze und war ein grellorangenes Höllenfeuer, das alles auffraß.

    Dann endlich kam die erlösende und leere Schwärze der allumfassenden Stille, die Plichanow von seinen Qualen erlöste, ehe er sie überhaupt richtig begriffen hatte.

     

    Vitali rappelte sich hektisch auf und ergriff in seiner Panik das lange Gewehr mit dem Zielfernrohr, dass Gluschenko achtlos in die Eingangshalle geworfen hatte, während Lukianenko wütend die Hintertür auftrat, die ihm bereits nach dem zweiten Tritt nachgab und scheppernd aus ihren Angeln gerissen und noch zwei gute Meter in die Eingangshalle hinein geschleudert wurde.

    Während Sergej völlig verwirrt flach auf dem Boden liegen blieb und seine Hände schützend über seinem Kopf verschränkt hielt, rannte Vitali hektisch auf die Treppe zu, warf sich um die Ecke und harrte mit wild rasendem Herzen in der improvisierten Deckung aus. Er hatte in einem Anflug der Todesangst agiert, die in ihm eine Menge Adrenalin freigesetzt und ihn auf eine fixe Idee gebracht hatte. Seine Chancen standen eher schlecht als recht und er hatte bestenfalls einen einzigen Versuch Lukianenko zu überraschen und zu überwinden, doch diesen musste er um jeden Preis nutzen.

    Vitali spekulierte darauf, dass Lukianenko die Szene noch nicht schnell genug erfast hatte, um die Ecke in die Eingangshalle trat und sich nach Vitali umsah. Das wäre die Chance für den jungen Journalisten, der vom Regen in die Traufe geraten war, den brutalen Auftragskiller mit einem Schlag des Gewehres gegen den bulligen Schädel außer Gefecht zu setzen. Wenn er Lukianenko verfehlen würde, dann hätte jedoch seine letzten Stunde geschlagen, denn trotz der Verletzung des Mannes, war Vitali ihm in keiner Hinsicht gewachsen.

    All diese hektischen Gedankengänge rasten durch seinen Kopf und bereiteten ihm Mühe sich mit schweißdurchnässtem Gesicht, keuchendem und verdächtig lautem Atmen und pochendem Herzen auf seine einzige Chance zu konzentrieren.

    Aber Lukianenko kam nicht. Der Killer stürzte nicht wild um die Ecke, schoss um sich oder feuerte eine weitere Schimpfkanonade ab. Der Russe hatte den Braten gerochen und agierte abwartend!

    Mit einem Mal wurde Vitali totenbleich. Er realisierte, dass seine einzige Chance vertan war. Er hatte keine Zeit zum Überlegen und zu einem Geduldsspiel um Leben und Tod war er ohnehin nicht fähig. In einem Anflug von Mut und Wahnsinn setzte er seine einzige noch verbleibende Möglichkeit in die Tat um.

    Vitali ging selbst zum Angriff über!

    Mit einem Kampfschrei aus tiefster Seele sprang er in die Tiefe, wirbelte in einer Bewegung um seine eigene Achse, riss das Gewehr an seinem Lauf hoch und erblickte das verduzte, schmerzverzerrte Gesicht Lukianenkos, der mit diesem überfallartigen Angriff nicht gerechnet hatte.

    Der russische Killer riss noch fluchend seinen Waffenarm hoch, als Vitali den Gewehrkolben schreiend nach vorne und mitten in das ungeschützte Gesicht des Russen stieß. Ein hässliches Knacken ertönte, Lukianenko sackte schreiend in sich zusammen, als Vitali in wilder Raserei noch einmal zugeschlagen hatte.  

    Er durchbrach die abwehrenden, zitternden Hände Lukianenkos, schlug ihm auf dem Hinterkopf und traktierte ihn mit ungenauen Hieben, bis sich der russische Mafioso gar nicht mehr rührte und zitternd in seiner Haltung erstarrte. Erst dann warf Vitali das erbeutete Gewehr wuchtig weg, das in den Glasscherben der Hintertür landete.

    Da wich das Adrenalin plötzlich und der Schleier der Aggression senkte sich. Auf einmal erstarrte Vitali, nahm die Situation wie in einem tranceartigen Zustand war und stellte sich doch mit hämmernder Präzision immer und immer wieder dieselbe Frage, als er die Situation überhaupt erst im Ansatz begriffen hatte.

    Was hatte er gerade bloß getan? Welcher böser Dämon war in ihn gefahren, so zu agieren, wie er es gerade getan hatte? Hatte er Lukianenko umgebracht? War er ein Mörder? Lag vor ihm ein toter Mann, auf den er immer und immer wieder eingeschlagen hatte? Hatte er einen verletzten und längst schon geschlagenen Mann willkürlich ins Jenseits geprügelt?

    Vitali blickte fassungslos auf seine Hände, so als ob sie nicht zu ihm gehören würden, als ob sie ihn verraten hätten, als ob sie ein misslungenes und furchtbar hässliches Körperglied eines sonst makellosen Mannes wären. Vitali fühlte sich schuldig und dieses Gefühl fraß ihn innerlich auf, ohne dass ihn jemand davon erlösen konnte.

    Im selben Moment sah Vitali das Blut an seinen Händen. Frisches, warmes Blut. Er blickte an sich herunter. Seine gesamte Kleidung war völlig mit Blut bespritzt. Der Gewehrkolben war auch von einem fein gesprühten Blutregen überdeckt worden.

    Da verschwamm plötzlich die Welt vor den Augen des Journalisten, sein Körper wollte nicht mehr seinen geistigen Befehlen gehorchen, als seine Knie zitternd nachgaben, er selbst ächzend nach hinten kippte und schließlich grob auf dem kalten gefliesten Boden aufschlug.

    Die Welt um ihn herum wurde zu einem Strudel aus Farben, bis sich in seinem Zentrum plötzlich eine alles auffressende Schwärze manifestierte, die wie eine dunkle Flut jeglichen Platz einnahm und Vitali die Sinne und das Bewusstsein raubte.

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