• Exklusiv: Mein Roman: Aljenikow und das Todesdorf aus dem ewig eisigen Norden (2009 - 2012)

    Aljenikow und das

    Todesdorf aus dem

    ewig eisigen Norden

     

     

     

    Von Sebastian Kluth

     

     

     

    (Band 2)

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    Nordrussland, 1778

     

     Ängstlich frierend wurden die drei Mädchen Irina, Oxana und Sinaida durch die eisige Prärie zu dem felsigen und unwegsamen Hügel geführt, der sich nur unweit der eiskalten Küste befand. Die Mädchen waren barfuß unterwegs und nur leicht bekleidet, obwohl der Winter im hohen Norden Russlands bereits angebrochen war. Ihre Kleidung war einfach und bedeckte gerade mal die Blöße der drei Jungfrauen. Doch die Mädchen spürten die beißende Kälte nicht mehr und wirkten völlig abgestumpft. Ihre Lippen bebten vor Frost, ihre Haut war rau geworden und der ein oder andere Zeh hatte sich schon leicht bläulich verfärbt. Vor wenigen Stunden noch hatten sie geweint und protestiert, doch sie hatten sich dem Willen des Dorfrates fügen müssen.

     

    Seit fast einer Stunde schritten sie nun durch die eisige Prärie und hatten dabei kein Auge für den klaren blauen Himmel, die glitzernden Eiskristalle und die frostige Sonne, die über ihnen thronte und über alles erhaben wirkte. Auch für die vorwitzigen Eiswölfe, die sie seit etwa zehn Minuten in respektvollem Abstand verfolgten, hatten sie keinen Blick übrig.

     

    Begleitet wurden die drei schweigsamen Jungfrauen von drei Männern, die weitaus besser gekleidet waren. Zwei jüngere Männer, gerade mal drei oder vier Jahre älter als die Mädchen selbst, waren in das Fell von ehemaligen Schlittenhunden eingewickelt und trugen warme Kopfbedeckungen aus Marderfell. Die Jünglinge waren mit stumpfen Messern und Pfeil und Bogen ausgestattet und galten als die besten Schützen ihres Dorfes. Eine Flucht war für die drei Mädchen also völlig zwecklos, zumal sie im Permafrost nicht sonderlich weit gekommen wären. Die Lage war völlig hoffnungslos für sie.

     

    Am auffälligsten war jedoch der Schamane der Gruppe, der in edlen Elchpelz gekleidet war und sich verschiedene Ketten mit Amuletten und Talismanen umgehangen hatte. Der ältere Mann hatte edle Stiefel aus gegerbtem Lammfell und führte einen edel verzierten Säbel, sowie einen harten, knorrigen Gehstock mit sich mit. Obwohl der Mann schon alt und gebrechlich war, nahm er die Opferungen der Jungfrauen immer noch persönlich vor.

     

    Als die drei Mädchen den steinernen Altar erblickten, den sie bislang nur aus Erzählungen kannten, da wussten sie unwiderruflich, dass ihre letzte Stunde geschlagen hatte. Um den steinernen Altar herum lagen wilde Blumen, alter Schmuck, aber auch Töpfe mit Weihrauch oder edlen Getränken. Doch am markantesten war die rote Färbung des Altars, die schon seit Jahrzehnten tief in das raue Gestein eingedrungen war und mit ihm verschmolzen zu sein schien.

     

    Die Mädchen stoppten ihren grausigen Todesmarsch durch die eisige Kälte. Sie waren am Ziel ihrer Reise angelangt. Sie hatten das entsetzliche Verlangen zu schreien oder zu weinen, doch die Kälte und die düstere Gewissheit hatten ihnen die letzte Illusion und die letzten Kräfte geraubt. Sie hatten ihre Kindheit verloren, als sie vor einer Woche zu der Opferungszeremonie berufen worden waren. Sie hatten geahnt, dass dieser Tag einmal kommen würde und hatten doch immer noch den Funken Hoffnung gehabt, dass dieser Kelch an ihnen vorüber gehen würde. Doch alles Beten hatte nichts gebracht. Sie hätten nur über zwei Möglichkeiten gerettet werden können. Zum Ersten wäre dies die Flucht aus dem Dorf gewesen, womit sie allerdings auch das Todesurteil ihrer Verwandten unterschrieben hätten, denn mit den Familien von Verrätern, Feinden und Flüchtlingen ging man besonders hart ins Gericht. Somit kam diese Methode für die drei Mädchen nicht in Frage, zumal sie für einen Ausreißversuch viel zu unerfahren gewesen wären und vermutlich nur wenige Stunden in der tückischen Wildnis überlebt hätten. Das nächste Dorf lag einen halben Tagesmarsch entfernt im Süden. Die zweite Option wäre eine Entjungferung gewesen, doch auch dies hätte Konsequenzen mit sich gebracht. Unverheiratete Mädchen, die ihre Unschuld verloren, wurden von der Gesellschaft ausgestoßen, ebenso wie ihre Eltern und Geschwister. Somit wurden sie zu menschlichem Freiwild erklärt. Die Mädchen kannten die Geschichte der jungen Swetlana, die vor drei Jahren geopfert werden sollte und sich in ihrer endlosen Verzweiflung zwei Tage vor der Zeremonie mit einem Bauernjungen einließ. Als die Sache an die Öffentlichkeit gekommen war, was in so einem kleinen Dorf nicht allzu lange gedauert hatte, war sie gezwungen worden das schützende Haus ihrer Eltern zu verlassen und war kollektiv von mehreren Männern des Dorfes vergewaltigt worden. Diese Männer waren geradezu voll gieriger Freude gewesen eine Möglichkeit zu haben, um ihre unerfüllten perversen Fantasien ungestraft auszuleben. Die junge Swetlana war schwanger geworden und hatte sich drei Monate nach den Vorfällen von einer Klippe in das eisige Meer geworfen und ihr Körper war nie wieder gefunden worden.

     

    Diese Schicksale erschienen für die drei Mädchen noch unerträglicher, als die Opferung, die im Regelfall wenigstens schnell voranging und ihren Familien keine Schmach, sondern ein besonders hohes Ansehen und Mitgefühl einbrachte. Somit taten sie durch ihr Opfer auch etwas Gutes für ihre Freunde und Verwandte.

     

    Der Schamane trat langsam vor und hatte seinen knorrigen Stock mit der linken Hand erhoben, während in der rechten ein düsteres Amulett war. Gegen den eisigen Nordwind schrie der von der Natur zerfurchte und gegerbte Mann voller Inbrunst und flehte theatralisch um eine Erhörung seiner Bitten.

     

    Die beiden Jünglinge wirkten verkrampft und ängstlich im Gegensatz zu dem routinierten und mutigen Schamanen. Sie waren wie angewurzelt stehen geblieben und wünschten sich zurück in das ferne Heimatdorf zum großen Festmahl, das parallel zur Opferung im großen Festzelt überschwänglich mit viel Alkohol hemmungslos gefeiert wurde. Das Begleiten der todgeweihten Jungfrauen auf ihrem Weg in die Hölle war keine angenehme Aufgabe für sie. Doch sie hatten ihrem Volk gegenüber eine Pflicht zu erfüllen und fügten sich dem schweren Schicksal schließlich ebenso wie die drei Jungfrauen selbst. Die Mädchen verspürten keinerlei Hass auf die beiden Begleiter, denn auch sie mussten sich dem dämonischen Kreislauf fügen.

     

    Mit wilden Gesten und tanzenden Schritten stimmte der Schamane mit dem langen grauen Haar, das wie eine traurige und einst prächtige Schiffsflagge durch den Nordwind gepeitscht wurde, einen heiseren, gutturalen Singsang an, der nicht von dieser Welt zu stammen schien. Erst nach fünf Minuten war das unheimliche Schauspiel dann vorbei und der Schamane rief dem Wesen, dem die alljährlichen Opferungen galten, seine Botschaft mit fester und doch ergebener Stimme zu, während er sich vor dem Altar in den Schnee kniete.

     

    „Oh du düstere Gottheit der Unterwelt, Herrscher über das ewige Eis! Gnädig stimmen wollen wir dich, oh große Gottheit! Krieche hervor aus deiner unterirdischen Welt! Krieche hervor und empfange unsere Opfer, die wir dir darbringen. Lass uns dir Tribut zollen, auf dass du uns gnädig gestimmt sein magst für ein weiteres Jahr. Oh große Gottheit, verschone unser Volk, unser Wild, unsere Ernten und nimm diese drei Jungfrauen zu dir! Nimm sie als Zeichen unserer Ergebenheit! In deinem Namen, oh Gott der Unterwelt, werde ich die heilige Zeremonie beginnen!“, rief der Schamane gestenreich und tanzte wie verrückt um den blutgetränkten Altar.

     

    Wie zur Bestätigung seiner Worte war plötzlich ein grausiges Donnern und Krachen zu hören, obwohl der Himmel völlig klar war. Draußen auf dem Meer brach langsam das dichte Eis. Pressrücken wurden innerhalb weniger Sekunden in die Höhe gedrückt, feine Wasserrinnen durchbrachen die solide Fläche des ewigen Eises, Eisberge trieben in den wenigen kleinen Polynjas umher. Die unheilvolle Gottheit jedoch kam nicht aus dem Labyrinth von Eiszinnen und erstarrtem Geröll hervor, sondern schien in der Unterwelt der unterhöhlten Küstenregion in gieriger Vorfreude zu verharren.

     

    Wie auf ein unausgesprochenes Kommando traten die beiden Jünglinge plötzlich vor und griffen die Arme des ersten Mädchens in der Reihe, das haltlos losschluchzte und sich in den eisernen Griffen ihrer Stammesbrüder hin und her warf. Doch die Gegenwehr war zwecklos und die beiden jungen Männer schleiften Irina langsam zu dem Altar. Dort stand der Schamane mit seinem zerfurchten Gesicht. Gier und Vorfreude blitzen in seinen Augen auf, die sich grausam zu schwachen Schlitzen verzogen hatten.

     

    Brutal packte der Schamane der Jungfrau ins Haar und drückte ihren Oberkörper grob auf die eisige Platte des Altars. Die beiden Jünglinge hievten den Rest des zerbrechlichen Körpers auf den Altar und drückten das halbnackte Mädchen grob gegen das eisige Gestein. Innerhalb weniger Sekunden fror die nackte Haut des zitternden und ermüdeten Mädchens an dem Altar fest und die Jünglinge lockerten zögernd ihre Griffe.

     

    Dann blickten sie auf die beiden anderen Mädchen in ihrem Rücken. Oxana war stumm und regungslos verharrt, doch in Sinaida war der Lebenswillen erwacht, als sie sich mit dem Schicksal ihrer Begleiterin konfrontiert sah.

     

    Schreiend hatte sie sich herumgeworfen und taumelte wie eine Betrunkene über das raue Eis in die offene Wildnis hinaus. Auch dem Schamanen, der mit einer Hand seinen gezackten und höllischscharfen Säbel gezückt hatte, war die Flucht nicht unbemerkt geblieben.

     

    „Fasst die Verräterin!“, keifte er voller Abscheu und drückte die beiden Jünglinge grob zur Seite, die benommen dem Befehl Folge leisteten und von dem Altar wegtaumelten.

     

    Der Schamane aber kümmerte sich nicht um die Not seiner Begleiter und den Überlebenskampf der Flüchtenden. Er fixierte das erste Mädchen mit grimmiger Freude und strich ihr mit seiner knorrigen Hand durch das weiche Gesicht. Schluchzend zuckte der Kopf des Mädchen zur Seite und ihr erstarrter Körper pendelte hilflos von einer Seite zur anderen. Ihr war übel und schrecklich kalt, sie fühlte sich völlig gelähmt und war den Griffen des Schamanen hilflos ausgeliefert, als der ihr das dünne Fell vom Körper riss und das Mädchen plötzlich splitternackt auf dem Altar lag. Auf ihrem gesamten Körper hatte sich eine Gänsehaut gebildet. Ihre Brüste waren klein, ihre dunklen Warzen waren steinhart geworden, ihre Lippen bebten während jedem Atemzug.

     

    Breitbeinig und erhaben baute sich der Schamane vor der Unschuldigen auf und warf einen letzten Blick über seinen Rücken. Oxana stand immer noch regungslos an Ort und Stelle und wurde von einem der Jünglinge nun präzise überwacht. Der andere Jüngling hatte jedoch Pfeil und Bogen ausgepackt und lief der stolpernden und schreienden Sinaida hinterher. Erbarmungslos nahm er Maß, verharrte ins einer Position und visierte das halbnackte Mädchen an. Dann flog sein Pfeil über viele Meter mit erbarmungsloser Präzision über die flache Ebene und bohrte sich in den Oberschenkel des Mädchens, das schreiend zusammensackte. Frisches Blut quoll aus ihrer Wunde und benetzte den Schnee. Langsam und immer noch schussbereit stapfte der Jüngling zu der Verletzten hin. Auch er zeigte keinerlei Regung, während sein Begleiter furchtbar nervös wirkte und sich sichtbar unwohl in seiner Haut fühlte.

     

    Der Schamane lachte dreckig und blickte in die furchtsam aufgerissenen Augen des hilflosen Mädchens auf dem Altar. Bewundernd tastete er mit seiner Hand über die weichen Brüste des Opfers und tastete sich auch bis zu ihrem Intimbereich. Voller perverser Genugtuung weidete er sich an der Hilflosigkeit des Mädchens und ächzte erregt.

     

    Dann jedoch besann er sich auf seine eigentliche Aufgabe und dachte an den Zorn der unheilvollen Gottheit. Er durfte die Opfergabe nicht anrühren und musste der Bestie unbeflecktes und unschuldiges Fleisch feilbieten, um sie gnädig zu stimmen.

     

    Mit beiden Händen umfasste der Schamane den eiskalten Griff seiner Waffe, blickte in die blendende Wintersonne und ließ seine Waffe dann mit aller Gewalt auf das wimmernde Mädchen niedersausen.

     

    Der Schamane schloss die Augen, als warmes Blut sein Gesicht benetzte und er das letzte Zittern des Mädchens spürte, bevor ihr Körper auf dem Altar erschlaffte. Er genoss die Prozedur des makabren Rituals und ergötzte sich an seiner eigenen Macht. Mit fiebrigem Blick verfolgte er den abgetrennten Kopf seines Opfers, der wie in Zeitlupe vom Altar kullerte und seltsam verdreht wirkend im Schnee landete.

     

    Dann drehte der Schamane sich um und erblickte den Jüngling, der die verletzte, wild um sich schlagende Sinaida, auf seinen Rücken gelegt hatte und sich dem Altar entgegen bewegte. Der Schamane winkte ihn lächelnd herbei und half dem schwitzenden und mühevoll fluchenden Jüngling die nächste Opfergabe auf den breiten Altar zu drücken.

     

    Nun wurde Sinaida grob neben ihrer toten Leidensgefährtin auf das kalte Gestein gepresst. Sie lag in dem Blut ihrer Schicksalsgenossin und fing laut und erbärmlich zu schreien an, während der Schamane mit fanatisch aufblitzenden Augen dem Mädchen ihr Fell vom Leib riss.

     

    Der Widerstand in der jungen Sinaida war gebrochen, als sie die entgültige Ausweglosigkeit ihrer Situation erkannte. Grimmig spuckte sie dem Schamanen ins Gesicht und blieb stumm nach diesem letzten Aufbegehren.

     

    Böse lächelnd wischte sich der Schamane den Speichel aus seinem Bart und umfasste mit eisernem Griff seinen unheilvollen Säbel, den er wie ein Pendel über dem Gesicht seines Opfers bewegte, bevor er das Mädchen erlöste und ihr mit einem gewaltigen Hieb unvermittelt den Kopf abtrennte, der in einer Blutfontäne umhüllt vom Altar rollte und als makabres Überbleibsel im weißen Schnee liegen blieb.

     

    Der Jüngling hatte sich würgend abgewandt, denn diese Zeremonie war selbst für einen folgsamen und hartgesottenen Burschen wie ihm zu widerwärtig. Er begegnete dem Blick des letzten Opfers, das ihn kalt anstarrte und plötzlich rasend schnell zu neuem Leben erwachte.

     

    Oxana griff unter das leichte Fell, das sie noch bekleidete und zog ein stumpfes Messer aus dem Innenfutter hervor, das sie sich in Sekundenstelle an ihren Hals legte und dann hektisch über ihre Haut ritzte.

     

    Das Messer war so stumpf, dass ihr Versuch erst beim dritten Anlauf gelang, als der zweite Jüngling sie gerade überrascht umstieß und ihr den Bruchteil einer Sekunde zu spät die Waffe aus der verkrampften Hand schlug. Da war die Halsschlagader bereits getroffen und Blut spritzte aus der Wunde wie eine Fontäne des Todes dem reagierenden Jüngling ins Gesicht, der in abstrakter Umklammerung wie bei einem in höchster Ekstase tanzenden Liebespärchen mit dem verbliebenen Mädchen in den Schnee stürzte.  

     

    Er landete nur noch auf einer konvulsivisch zuckenden Leiche, die in Sekundenschnelle beinahe literweiße Blut verlor und mit einem blubbernden Keuchen ihr junges Leben aushauchte. Nur durch den Suizid hatte sie sich vor der grausamen Hinrichtung noch retten können.

     

    Der Schamane schrie wütend auf und drückte die beiden Jünglinge auf seinem Weg zum letzten Opfer grob zur Seite. Dann beugte er sich mit Speichel vor den Lippen grimmig zitternd über das letzte Mädchen.

     

    „Dieses Miststück hat uns verraten! Ihr Suizid wird das Unheil über unser Volk bringen! Die Bestie wird ihr niemals verzeihen!“, schrie der Schamane in panischer Aggression, ergriff den blutbesudelten Körper und zerrte ihn grob hinter sich her.

     

    Das tote Mädchen schlug eine makabre blutige Schneise durch den hellen Schnee, bis der Schamane sie zum Altar gezerrt hatte und sie wütend grölend auf die kahle Steinplatte hievte. Die drei jungen Mädchen waren nun wieder vereint auf einem blutbesudelten Opferstein.

     

    Noch aber war die Opferungsprozedur nicht entgültig vollzogen, denn der Schamane köpfte auch das bereits tote Mädchen, ergriff ihren starren, blutbesudelten Kopf, spuckte in das Gesicht und warf ihn dann voller Wut in den Schnee.

     

    „Oh großer Gott der Unterwelt! Verzeihe uns des Weibes Schande und nehme die Opfer an dich!“, keifte der Schamane prophetisch, ergriff ein ledernes Bündel und verstreute ein seltsames rotschwarzes Pulver guttural singend um den Opferstein.

     

    Die beiden Jünglinge zitterten nicht nur vor Kälte, als sie der unheilvollen Prozedur zusehen mussten. Mit einem mulmigen Gefühl warteten sie steif das Ende des Opferungsaktes ab und konnten es kaum mehr abwarten endlich in das heimatliche Dorf zurückzukehren. 

     

     

     

    Oleg torkelte benommen aus dem gewaltigen Festzelt und die Kälte des rauen Nordens traf ihn nach der Hitze des großen Zeltes, in dem zahlreiche Feuer brannten und ein großes Festmahl für Hunderte von Leuten angerichtet worden war, mit erbarmungsloser Härte.

     

    Der alte Mann hatte seine besten Jahre hinter sich. Er besaß nur noch einen Arm, seitdem er vor Jahren von der großen Gottheit angefallen wurde. Seit dieser Zeit, als viele der stärksten Männer des Dorfes von dem Unwesen brutal niedergemetzelt worden waren, war der neue Schamane das Oberhaupt des Stammes geworden und hatte den Menschen eingeredet, dass man mit der grausigen Gottheit, die selbst die schlausten Jäger nicht umbringen konnten, kollaborieren musste, anstatt sie zu bekämpfen. Seit dieser Zeit war es zu den alljährlichen Opferungszeremonien gekommen und das Unwesen hatte sie bis heute tatsächlich wie durch ein Wunder in Ruhe gelassen, während umliegende Dörfer teils komplett von der Gottheit vernichtet worden waren. So hatten sich fast alle Dorfbewohner von der fanatischen Ideologie des neuen Schamanen überzeugen lassen. Oleg war eine der wenigen Ausnahmen. Er mutmaßte, dass der Schamane nur seinen Hass auf junge Frauen legal ausleben wollte, da er selbst nie eine Frau an seiner Seite gehabt hatte und nach dem Tod seiner Mutter alle weiblichen Geschöpfe abgrundtief hasste.

     

    Oleg trat angetrunken in die kleine Senke hinter dem Festzelt, das leicht außerhalb des Dorfes lag. Er trat in einen kleinen Holzverschlag, in dem sich eine tiefe Güllegrube befand, in der man die nötigsten Geschäfte abwickeln konnte.

     

    Oleg hatte sich haltlos betrunken. Seine einzige Tochter Oxana sollte an diesem Tag geopfert werden und er war völlig machtlos dagegen. Als sich seine Frau und die Mutter des Mädchens dagegen aufgelehnt hatte, war sie von dem Schamanen brutal ausgepeitscht und vergewaltigt worden, während Oleg von ganzen fünf Männern in seiner Raserei zurückgehalten werden musste. Die Männer hatten ihn windeweich schlagen müssen, um den Einarmigen ruhig zu stellen. Seit diesem Tag, der gerade einmal zweiundsiebzig Stunden zurück lag, war jegliches Aufbäumen in Oleg gebrochen. Seine Familie und er wurden mit Argusaugen überwacht und der alte  Mann hatte bereits mit seinem Leben abgeschlossen. Er hatte sich vorgenommen sich zu Tode zu saufen und hatte die letzten Tage im Delirium verbracht, während seine Frau seit drei Tagen apathisch und regungslos in ihrem Zelt hockte und weder Essen noch Trinken zu sich nahm. Das Schicksal hatte sie hart getroffen.

     

    Beinahe wäre Oleg rücklings in die Güllegrube gefallen, doch er hatte im letzten Moment das Gleichgewicht halten können und trat nur halb bekleidet wieder aus dem Holzverschlag heraus, um vor dem entsetzlichen Gestank zu fliehen, der ihn fast zum Vomitus brachte.

     

    Da sah er auf der Anhöhe unweit des Festzeltes plötzlich ein riesiges, weißes Ungetüm, das sich auf seine zwei Hinterläufe aufgerichtet hatte. Es hatte einen dreieckigen Schädel und selbst in der dunklen Nacht konnte Oleg die erbarmungslosen schwarzen Augen erblicken, die seltsam wach und intelligent wirkten. Das Ungetüm war weitaus größer und kräftiger als normale Polarbären und war fast so hoch wie drei ausgewachsene Männer des Dorfes zusammen.

     

    Oleg blinzelte verwirrt und schüttelte sich. Bildete er sich ins einer Trunkenheit die Gestalt bloß ein? Er sah sie zwischenzeitlich doppelt und torkelte dem Wesen unkontrolliert entgegen, obwohl in seinem Inneren die Alarmglocken kreischend schrillten.

     

    Benommen lallend sah er wie das Wesen ihn direkt anblickte und zögerte. Doch dann schien es sich anders entschieden zu haben und hetzte nicht auf Oleg zu, sondern auf das Festzelt, in dem noch niemand etwas von der unheilvollen Gefahr ahnte.

     

    Oleg stolperte verwirrt die Anhöhe hinauf und sah gerade noch, wie das riesige weiße Ungetüm seitlich durch das Festzelt brach und mit einem Mal panische Schreie aufklangen. Abrupt brachen die Musiker ihr Liedgut ab, hörten die Betrunkenen auf zu grölen und die Pärchen auf zu tanzen. Gehetzt stürmten die Leute auf den viel zu kleinen Zeltausgang zu, stießen sich gegenseitig um, rutschten aus und nahmen keine Rücksicht auf diejenigen, die unter ihnen begraben lagen.

     

    Oleg starrte mit einer eisigen Gänsehaut auf das dramatische Schauspiel und war unfähig sich zu rühren. Er sah, dass die offenen Feuerstellen und billigen Öfen in der Panik umgestoßen waren und die Zeltwände in rasender Schnelle in hellen Flammen standen. Stickiger Rauch verdunkelte die Atmosphäre.

     

    Oleg kniff sich in den Arm, um zu überprüfen, ob er noch er selbst war, ob er nicht einen furchtbaren Alptraum durchmachte, aus dem er jeden Moment aufwachen könnte. Er stammelte inhaltslose Sätze benommen vor sich hin und torkelte einfach sinnlos weiter nach vorne, wo ihm schreiende Menschen entgegenliefen, die gar nicht au ihn achteten, ihn umstießen und auf dem frostigen Boden zurückließen, auf dem sich Oleg geräuschvoll übergab.

     

    Das weiße Monster richtete eine Schneise der Verwüstung an. Oleg erkannte durch den Schleier seiner Tränen, dem düsteren Rauch und seinem sich permanent drehenden Blickwinkel des Deliriums heraus einen jungen Mann, der von dem weißen Monster, das inzwischen wieder außerhalb des Zeltes war, wie ein Spielzeugpuppe durch die Luft geschleudert wurde. Dann stürzte das Monster auf eine schreiend flüchtende Frau, verpasste ihr einen mörderischen Hieb in den Bauch, stürzte über sie und riss ihr mit seinen riesigen Tatzen grob die Eingeweide bei lebendigem Leibe heraus. Der Festplatz war in Sekundenschnelle mit Blut besudelt.

     

    Irgendjemand jagte von einer anderen Anhöhe aus Pfeile in Richtung des Unwesens und traf den riesigen Bären sogar zweimal am Rücken. Doch das unheilvolle Ungetüm richtete sich zu seiner vollen Größe auf und riss sich die zwei Pfeile wie lästige Stachel heraus. Dann brüllte das Unwesen und Oleg erschauderte, denn so einen Urschrei hatte er noch nie zuvor in seinem Leben vernommen. Niemals hatte er ein anderes Tier oder einen Menschen so gewaltig und böse brüllen gehört.

     

    Die Bestie setzte ihren Todesmarsch fort, raste in eine Menge von einem halben Dutzend Männern hinein, die das Wesen mit Dolchen, Steinen oder anderen Dingen bewarfen. Ihre Bemühungen, die einen normalen Menschen oder ein normales Tier mühelos in die Flucht geschlagen oder schwer verletzt hätten, wirkten bei diesem Ungetüm einfach nur noch lächerlich. Mit einigen Hieben seiner Pranken schleuderte das Monstrum einen der Männer meterweit durch die Luft, bevor er gegen eine Schneewehe prallte und besinnungslos an ihr hinunterrutschte.

     

    Ein Mann, dessen linke Gesichtshälfte und linker Arm völlig zerfetzt und abgerissen waren, taumelte mehr tot als lebendig an dem zusammengekauerten Oleg vorbei, ging in die Knie und spuckte röchelnd Blut. Der voller blut besudelte Mann sank zuckend zusammen und blickte Oleg aus seinem verbliebenen, schreckgeweiteten Auge fast schon vorwurfsvoll an. Dann röchelte der Mann heftig, sein Körper zuckte wie in Ekstase, bäumte sich ein letztes Mal auf, bevor jegliches Leben in dem Mann erlosch.

     

    Oleg konnte die grausigen Bilder sehen, aber nicht begreifen. Er war völlig betrunken und die Ereignisse waren viel zu schnell über ihn hineingebrochen. Benommen sprach er den toten Mann vor ihm an, klopfte ihm auf die Schulter, berührte sein Gesicht. Das Blut des Toten sprudelte noch warm aus dessen Wunden und benetzte die Hände des Betrunkenen, der diese verwirrt anstarrte und dummes Zeug lallte. 

     

    Das Monstrum lief im Galopp gerade einmal zehn Schrittlängen an ihm vorbei, aber es kümmerte sich wieder nicht um den Betrunkenen, sondern machte Jagd auf drei Jünglinge, die Hals über Kopf in die weite Wildnis flohen, wo sie auf offener Fläche dem Monster hilflos ausgesetzt waren. Es gab für sie keinerlei Verteidigungsmöglichkeiten und auch Verstecke waren weit und breit nicht zu sehen.

     

    Oleg drang der Gestank von süßlichem Blut und blutigem Menschenfleisch in die Nase und rührte seinen Magen wieder auf, der sich gerade erst erholt zu haben schien. Erneut musste Oleg sich übergeben und konnte auch keine Rücksicht auf den Toten vor ihm nehmen, denn die Welle der Übelkeit war so schnell in ihm aufgestiegen, dass er nicht darauf reagieren konnte.

     

    Endlich sackte Oleg erschöpft in sich zusammen und blieb in einem Gestank aus Blut, Erbrochenem und Verwesung wie in einem komatösen Zustand liegen, während das einst so prächtige Festzelt unweit neben ihm wie ein Fanal der Hölle brannte und über Dutzende von Kilometern lichterloh zu sehen sein musste, bevor es rasend schnell bis zum Grund hin abbrannte.

     

     

     

    Am nächsten Morgen stand der Schamane bebend vor Erregung vor den Überlebenden des Dorfes. Das unheimliche Wesen hatte noch stundenlang gewütet, bevor es sich mit einigen Leichen in Richtung Küste zurückgezogen hatte. Während der verdorbenen Festnacht war die Hälfte des Dorfes abgebrannt und sie hatte insgesamt über ein Dutzend Menschenleben gekostet.

     

    Der Schamane und die beiden Jünglinge hatten aus weiter Ferne in der frühen Nacht das brennende Festzelt wie ein überdimensionale Fackel in der Dunkelheit des hohen Nordens gesehen. Sie hatten die gepeinigten Schreie gehört, aus weiter Ferne flüchtende Menschen gesehen, deren Kleidung teilweise in Flammen stand. Das schlimmste war jedoch, dass der Schamane und seine beiden Schützlinge alles mit ansehen mussten, aber nicht eingreifen konnten. Sie waren dem Dorf so schnell wie möglich entgegengerannt und selbst der alte Schamane hatte seine letzten Kraftreserven mobilisiert. Es war alles vergebens gewesen, denn als sie im Dorf eintrafen, war das Wesen längst wieder verschwunden.

     

    Die überlebenden Männer hatten Gräber in das Packeis geschaufelt, um den Toten einen würdigen Abschied zu bieten. Oft hatte man Leichen gefunden, die man nicht mehr identifizieren konnte, so sehr waren sie verstümmelt. Manche Tote hatte man nur noch an auffälligen Narben oder Kleidungsstücken erkannt.

     

    Jetzt hatte sich das gesamte Dorf vor den Trümmern ihrer Existenzen versammelt, um den Gestorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Auch der Schamane war tief getroffen. Der letzte Abend hatte ihm Kraft gekostet. Er spürte, dass er sich durch das schnelle Laufen erkältet hatte und sich möglicherweise eine Lungenentzündung anbahnte, da sein Atem rasselnd ging und seltsam brannte. Bald würde es mit ihm zu Ende gehen.

     

    Er musste nun die richtigen Worte für die Trauernden finden, doch gleichzeitig sprach er Sätze, die für viele im ersten Moment wenig Sinn machten und auf Unverständnis stießen. Doch der Schamane war sich sicher, dass er den Dorfrat von seinen Vorstellungen über kurz oder lang überzeugen würde. Solange er noch lebte, wollte er sein Volk in die richtige Richtung lenken und selbst in die Annalen des Stammes eingehen.

     

    „Liebe Stammesgenossen und Stammesgenossinnen. Ein Abend des Terrors liegt hinter uns, der vielen unschuldigen Brüdern und Schwestern das Leben gekostet hat. Die grausige Gottheit der Unterwelt fiel zornig über uns her und traf uns in einem Moment, als niemand damit rechnen konnte und wir dem Wesen Opfer darbringen wollten. Doch durch den feigen Selbstmord eines der Mädchen wurde die Gottheit erzürnt und nahm blutige Rache für diesen Frevel. Wir aber müssen uns für die Zukunft schützen. Wir müssen der Bestie zeigen, dass wir nichts eine natürlichen Feinde sind, sondern kollaborieren wollen. Deshalb muss die Familie der jungen Oxana, die den schrecklichen Verrat begangen hat, von unserem Stamm ausgeschlossen werden! Aber dies allein kann nicht genügen! Durch die zerstören Häuser, die verlorenen Lebensmittel und den Tod unserer besten Krieger sind wir den anderen Stämmen gar hilflos ausgeliefert! Wenn wir nicht schnell agieren, dann wird man über uns herfallen, uns ausbeuten, unsere Kinder versklaven und unsere Frauen schänden! Nur mit einem mächtigen Partner, einer großen Gottheit, einem gefürchteten Schutzpatron, können wir das Unheil noch abwenden! Ihr habt richtig gehört, Stammesgenossen und Stammesgenossinnen! Anstatt die Gottheit zu bekämpfen und einen aussichtslosen Kampf einzugehen, müssen wir uns mit ihr verbünden, uns durch sie schützen und mit ihr die anderen Stämme überfallen, um unser eigenes Überleben zu sichern! Es gibt nur einen Weg aus der höllischen Misere. Wir müssen mit der Gottheit leben, ihr fremde Opfer darbringen, ihr unterirdische Paläste errichten und ihr Ehrerbietung zeigen. Wenn wir unseren schlimmsten Feind zum Freund machen, nur dann werden wir diese schwierigen Zeiten überstehen!“, beendete der Schamane seine feurige Rede, während der sich immer mehr Gemurmel erhoben hatte, doch keiner aus dem Volk wollte dem Schamanen widersprechen. Zu tief saß der Schreck der letzten Nacht und so klammerten sie sich verzweifelt an diesen hoffnungsvollen Strohhalm, den der Schamane ihnen reichte. Sie sahen keinen anderen Ausweg aus ihren Problemen und vertrauten der Erfahrung des alten und weisen Schamanen blind. Ein Leben unter dem Schutzpatronat einer Gottheit klang für sie besser, als ein Leben in Angst vor dem Zorn des Wesens und den Angriffen der wilden Nomadenstämme und anderer Sippschaften des hohen Nordens.

     

    Zufrieden stellte der Schamane fest, dass ihm niemand widersprach. Dieser indirekte Zuspruch gab ihm neue Kraft und Selbstsicherheit. Er fühlte sich unbesiegbar und unantastbar, als er auf dem schmalen Holzpodest über dem Volk thronte und theatralische Phrasen drosch. Er war ein Blender und glänzender Rhetoriker, der sich sein Volk zu eigen machen wusste. Er genoss den Moment der Aufmerksamkeit, zehrte davon, vergaß darüber seine Krankheit und Schwäche und fühlte sich wie revitalisiert. Und seine Veranstaltung war noch lange nicht zu Ende.

     

    „Nun aber lasst uns Abschied nehmen von den sterblichen Hüllen der Verstorbenen. Lasst uns in ihrem Namen einen Schwur machen, ein gemeinsames Gebet sprechen, auf dass diese Toten die letzten waren für lange Zeit und der Zwietracht zwischen uns und unserem Gott beigelegt sei bis in alle Ewigkeit!“, rief der Schamane mit erstaunlich voller Stimme aus seinem geschundenen Körper und scharte das Volk zum gemeinsamen Schwur um sich. 

     

    Die Anwesenden griffen sich an den Händen und bildeten einen Kreis um die frischen Gräber. Gemeinsam sprachen sie einen fanatischen Treueschwur und schlossen den unheilvollen Bund mit einer dunklen Gottheit.

     

    Ab diesem Tag brach für den Volksstamm eine völlig neue Epoche hinein. Den Jahren der Angst und der Entbehrung folgte ein Leben in den Küstenhöhlen mit dem grausigen Monstrum, eine trügerische Blütezeit des Wohlstands und der Glückseligkeit.

     

     

     

    Oleg hatte noch vor der Begräbniszeremonie seine wenigen Habseligkeiten zusammengepackt und hörte nichts von den fanatischen Worten des Schamanen, der ihn und seine Tochter verfluchte und ausstoßen wollte. Für ihn war die Zeit des Aufbruchs gekommen. Er wollte seine Frau mitnehmen, sie aufrütteln und ein neues Leben mit ihr beginnen, doch sein Weib saß völlig apathisch im Zelt, reagierte nicht auf seine Worte und auch nicht, als er sie schlug und anherrschte. Stumme Tränen rannen nur über das ansonsten ausdruckslose Gesicht der Frau, die Oleg einst geliebt hatte.

     

    Jetzt war diese Liebe erloschen und ihre Wege trennten sich. Oleg ahnte, dass das restliche Volk mit seiner Frau nichts Gutes anstellen würde und betete, dass der Hungertod sie erlösen würde, bevor man über sie herfiel, denn seine Frau war mehr tot als lebendig und nur noch ein Schatten ihrer selbst. Innerhalb einer Woche war sie unglaublich gealtert. Ihr Gesicht wirkte faltig und fahl, ihre Haare waren ergraut, ihre einst strahlend blaue Augen wirkten blass und trüb wie düstere Gletscher.

     

    Oleg hauchte einen Kuss auf die Wange seiner Frau und weinte vor Schmerz und Trauer, als er sich wie ein Dieb aus dem Dorf stahl, das so lange seine Heimat gewesen war. Alles, was er je geliebt hatte, ließ er nun hinter sich zurück und brach zu neuen Ufern auf.

     

    Und obwohl er seiner Heimat den Rücken zukehrte, wusste Oleg, dass er eines Tages unter anderen Vorzeichen dorthin zurückkehren würde.

     

    Nordrussland, 1815

     

     Mit einer Geschwindigkeit von nur wenigen Knoten quälte sich die HMS Northwind durch das nördliche Eismeer. Der Weg sollte das stolze englische Flaggschiff von Newcastle aus über den Norden der skandinavischen Halbinsel und des gewaltigen Russlands hinweg bis zur koreanischen Halbinsel und nach China und Singapur führen. Nach einem Zwischenhalt in Stavanger, wo man neues Proviant an Bord geladen hatte, musste die sechzigköpfige Besatzung viele nun Wochen ohne Zwischenhalt ausharren bis zum Erreichen der Beringsee unweit der Westspitze Alaskas.

     

    Mit einem alten Messingfernrohr beobachtete der Schiffsarzt Doktor Joshua T. Eastwood die zerklüftete Küstenregion und machte hin und wieder grobe Notizen in seinem kleinen Lederbuch. Er war nicht nur Doktor, sondern auch Geologe und Kartograph. Zudem war er ein Arbeitstier, das immer einer seiner zahlreichen Beschäftigungen nachging.

     

    Erneut griff der Schiffsarzt nach dem Fernrohr und schrak überrascht zusammen. Er blickte in das Antlitz eines gewaltigen Eisbären, der auf einer zerfurchten Klippe am Rande des eisigen Meeres stand und ihn aus wachen Augen beobachtete. Verduzt und voller Erstaunen schätzte der Doktor die unglaubliche Größe des Tieres aus der Entfernung. Ein Solch gewaltiges Exemplar hatte er in seiner dreißigjährigen Karriere, die ihn bis zum Südpol geführt hatte, noch nie gesehen.

     

    In diesem Moment trat der Kapitän des Schiffes, Sir Liam D. Murray, neben dem Doktor an die Reling, nachdem er zuvor einen Masten begutachtet hatte, der während der letzten Sturmnacht arg lädiert worden war. Heute war der Himmel jedoch erstaunlich klar und ruhig.

     

    „Herr Doktor, haben Sie wieder eine neue Spezies entdeckt?“, fragte der Kapitän wie beiläufig scherzend und doch steckte eine Kritik dahinter, denn der strenge Mann hatte keinerlei Verständnis für die Beschäftigungen des emsigen Doktor und hätte es lieber gesehen, wenn dieser sich handwerklich nützlich gemacht oder seine Kräfte geschont hätte. Allerdings traute der Kapitän sich nicht einen Mann, der fast zehn Jahre älter war als er selbst und schon unter seinen eigenen Vorbildern erfolgreich gedient hatte, grob zurechtzuweisen oder herumzukommandieren.

     

    „In der Tat, Sir. Schauen Sie sich nur diesen gigantischen ursus maritimus an!“, gab der Doktor begeistert zurück und überhörte bewusst die feine Kritik. Dann reichte er dem Kapitän sein Fernrohr und starrte weiterhin gebannt auf die Küstenregion, in der plötzlich auch Menschen auftauchten, die aus einem Höhlensystem hervorgekrochen waren und ihnen eifrig zuwinkten.

     

    Kapitän Murray zuckte verwundert zurück und blickte das alte Messingfernrohr an, als ob es ihm eine Fata Morgana vorgegaukelt hätte. Dann blickte er wieder missmutig hindurch und starrte angestrengt auf die Küstenregion. Immer mehr Höhlenbewohner traten an die Klippen und winkten dem Schiff zu, während der unheilvolle Eisbär zwischen den Menschen thronte und seine Umgebung kalt und bösartig musterte.

     

    „Zur Hölle, Doktor, das sind Menschen die sich einen solchen Eisbär herangezüchtet haben und mit ihm in Höhlen hausen! Wie kann das möglich sein?“, fragte der Kapitän perplex und reichte dem Doktor grimmig das Messingfernrohr.

     

    „So eine Eigenart habe ich noch nie beobachten können, Sir. Es ist in jedem Fall höchst ungewöhnlich. Der ursus maritimus ist dem Menschen von Natur aus feindlich gesonnen und ein normales Wesen würde die Menschen grausig in Stücke reißen und verspeisen.“, beurteilte der Doktor die Lage und wirkte ehrlich begeistert von dem seltsamen Völkchen an der Küste.

     

    Der alte Kapitän zündete sich grimmig seine Pfeife an und schüttelte missmutig den Kopf. Noch vor drei Jahren hatte er als erster Leutnant an einer Entdeckungsreise der Nordwestpassage teilgenommen, die nach zwei Wintern im Eis kläglich gescheitert war. Halb verhungert und wahnsinnig waren viele der damaligen Besatzungsmitglieder nach England zurückgekehrt. Doch was Sir Liam D. Murray nicht umbrachte, das machte ihn umso härter und so hatte er nur wenige Monate nach dem Ende des Himmelfahrtskommandos wieder ein Schiff übernommen, dieses Mal gar als Kapitän, worauf er besonders stolz war, nachdem er sich jahrelang vergeblich um ein Hocharbeiten in der Navy bemüht hatte. Vielleicht lag es an seiner störrischen, leicht arroganten Ader und der Tatsache, dass er gebürtiger Schotte war. Jedenfalls hatte er gerade nach dem Debakel nicht mehr mit einer Beförderung gerechnet und wollte sich schon aus der Branche zurückziehen. Doch dann war alles anders gekommen und für den Kapitänsposten auf der HMS Northwind hatte er sogar seine eigene Hochzeit auf das nächste Frühjahr verschieben lassen und ein lukratives Angebot als Gelehrter an einer Universität zu London ausgeschlagen. Ein Traum war für den alten Rebell endlich Wirklichkeit geworden, sein Lebensziel erreicht.

     

    Jetzt dachte der alte Seebär leidvoll an seine zwei dunkelsten Jahre im nordkanadischen Packeis zurück. Eine Horde von grauenvollen Eisbären hatte fünf Leute der Mannschaft gerissen. Ein besonders mutiges Tier hatte sogar eines Tages das Schiffsdeck gestürmt und völlig verwüstet. Wie durch ein Wunder hatte es nur einen kleinen Brand, einen umgestürzten Masten und ein halbes Dutzend Verletzte, aber keine Toten gewesen. Selbst die Inuit, mit denen sie an einem provisorischen Außenposten einen Tauschhandel betrieben, hatten sie von dem bösen Geist dieser schrecklichen Ungetüme gewarnt. Die Naturvölker hatten nicht nur Respekt, sondern auch Angst vor den Wesen, die sie als dunkle Dämonen ansahen.

     

    Jetzt aber traf Sir Liam D. Murray auf ein Volk, das all seinen Erfahrungen zum Trotz mit einem jener Wesen in Eintracht zu hausen schien. Die Szenen am Ufer brachten das Weltbild des Kapitäns ins Wanken. Gleichzeitig wurden auch seine Neugierde und sein Argwohn geweckt. Lange dachte er nach und starrte gedankenverloren dem Dunst seiner Pfeife nach.

     

    „Sir, wenn dieses Volk sich solche Geschöpfe zu Eigen macht, dann stehen wir hier vor einer Sensation, von der auch wir vielleicht etwas lernen können. Mir ist bewusst, dass das Erreichen des nächsten Hafens oberste Priorität hat, aber ich möchte dennoch vorschlagen, dass wir den Anker werfen und die Gegebenheiten aufmerksam inspizieren.“, brachte der Doktor seine Bitte hervor und blickte dabei nicht einmal den Kapitän an, sondern starrte gebannt durch sein Messingfernrohr.

     

    Der Kapitän war zunächst erbost über die Dreistigkeit der Frage und der Bitte, die der Doktor als selbstverständlich hinzunehmen schien. Er wollte das Ansinnen seines Gegenübers schon grob abschmettern, als er noch einmal zurück an die arktische Hölle der letzten Jahre dachte. Der strenge Schotte gestand sich kochend vor Wut ein, dass er seiner eigenen Neugierde nicht widerstehen konnte.

     

    Lange blickte der Kapitän den Doktor an und starrte dann zu den Wilden, die ihnen weiterhin erregt zuriefen und sie einzuladen schienen. Vielleicht würde der Kapitän mit diesen gastfreundlichen Naturvölkern gar einen Tauschhandel betreiben und später eine Handelsstation eröffnen können, was ihm jede Menge Lob und Ruhm seitens der Royal Navy einbringen würde. Damit hätte er die Schmach der gescheiterten Mission zur Entdeckung der Nordwestpassage entgültig ausgemerzt. Das Schiff trieb träge an der Küste vorbei und entschwand fast schon aus der Sicht des seltsamen Höhlenvolkes, als es um eine kantige Bucht schiffte. Der Kapitän hatte immer weniger Zeit und musste nun einfach eine Entscheidung treffen.

     

    „Anker werfen! Wir gehen an Land! Anker werfen!“, brüllte der Kapitän schließlich energisch und seine gewaltige Stimme ließ das gesamte Deck erbeben. Seine Männer leisteten dem Befehl in Sekundenschnelle Folge, ohne die Entscheidung zu hinterfragen.

     

    Doktor Joshua T. Eastwood lächelte glücklich und beschloss schnell in seine Kajüte zu gehen, um einige Notizbücher und Schreibzeug zu holen, bevor die Pinassen zu Wasser gelassen wurden, mit denen sie zur Küste gelangen wollten.

     

     

     

    Sir Liam D. Murray ignorierte mit einer unangenehmen Gänsehaut das begeisterte Johlen des Höhlenvolkes und würdigte die schmutzigen und spärlich bekleideten Männer und Frauen keines Blickes. Ebenso versuchte er den Blick zu dem gewaltigen Eisbär zu vermeiden, der sich inzwischen in das Höhlensystem zurückgezogen hatte, das wohl die gesamte Küstenregion unterhöhlt und riesige Ausmaße angenommen hatte.

     

    Der Kapitän fragte sich grimmig, welcher Teufel ihn wohl geritten hatte, als er den Befehl gegeben hatte mit drei Pinassen die Küste anzusteuern. Lediglich ein Dutzend seiner Männer waren auf dem fest verankerten Schiff zurückgeblieben.

     

    Sir Liam D. Murray wandte sich direkt an den edel gekleideten Schamanen, der mit seinen vielen Amuletten, seinen verschiedenfarbigen Pelzen und seinem Haarschmuck wie ein Relikt vergangener Zeiten wirkte. Er trat ihm mit einem übertriebenen Grinsen entgegen und entblößte dabei große Zahnlücken und eine Reihe verstümmelter schwarzer Zähne in seinem Mund. Der seltsame Schamane wollte den Kapitän überschwänglich umarmen, doch dieser wich angewidert aus und rümpfte bei dem strengen Geruch seines Gegenübers die Nase, sodass dieser ihm stattdessen eifrig auf die Schultern klopfte.   

     

    Der Schamane redete wild auf den Kapitän ein, der kein einziges Wort des entsetzlichen Kauderwelsches verstand. Sir Liam D. Murray war schon im Alter von dreizehn Jahren erstmalig zur See gegangen. Er hatte leidlich Englisch schreiben gelernt und beherrschte ein paar grobe Brocken Spanisch. Er besaß zwar wenig sprachliches Talent, hatte dafür jedoch viel Ahnung von den Menschen, die er präzise analysierte, auch ohne deren Sprache zu verstehen. Sein Gegenüber war ihm jedenfalls wahrlich nicht geheuer.

     

    Der Schamane drängte ihn auf eine kleine Senke zwischen den Klippen zu, in deren Mitte sich eine große Feuerstelle befand. Einige Frauen bereiteten ein großes Festmahl zu und der Schamane rieb sich grinsend über seinen dicken Magen und deutete gestenreich auf die einfachen Felsblöcke oder größere Steine, die wohl als Sitzgelegenheiten dienen sollten. Ungehemmt redete er auf den zögerlichen Kapitän ein, dem die Gastfreundlichkeit des Stammes befremdlich erschien. So war er noch niemals in seiner Laufbahn von fremden Naturvölkern empfangen worden. Und er traute der Scheinheiligkeit der Wilden einfach nicht über den Weg.

     

    Als hätte er die Zweifel seines Kapitäns erahnt, trat Doktor Joshua T. Eastwood auf ihn zu und blickte sich begeistert um. Der Kapitän konnte den aufgewühlten Forschungsdrang des Mannes nicht nachvollziehen.

     

    „Verdammt, Doktor, verstehen Sie dieses grausige Kauderwelsch dieser wilden Barbaren?“, fragte der Kapitän knurrend.

     

    „Nun, ich vermag nicht zu sagen, was ihre Worte genau bedeuten, aber es erscheint mir offensichtlich, dass sie uns zu einem Festmahl einladen. Das ist wohl ein Angebot, das wir schwer ausschlagen können, ohne uns furchtbar unbeliebt zu machen.“, gab der Doktor begeistert zurück und wirkte dabei wie nebensächlich plaudernd, sodass der Kapitän den Schiffsarzt grob an den Schultern herumriss und ihn eindringlich anstarrte.

     

    „Na schön, Doktor. Aber ich hoffe, dass Sie genau wissen, worauf Sie sich da einlassen.“, mahnte der Kapitän düster und dem fröhlichen Doktor verschlug es kurzzeitig die Sprache, sodass sein Mund verdutzt auf und zu klappte und er eine lächerliche Figur abgab. Dann nickte er eifrig, aber er dachte nicht weiter über die warnenden Worte des Kapitäns nach.

     

     

     

    Das Festmahl war im vollen Gange, als sich Doktor Joshua T. Eastwood von einem der Steinblöcke hob, wo er sich zurückgezogen hatte, um einige wissenschaftliche Notizen zu machen. Er hatte sich mit einigen der Einheimischen unterhalten und herausgefunden, dass diese Sippschaft den riesigen Eisbären als eine Art Gott verehrte, sich ihm unterworfen hatte und nun in Eintracht mit dem mächtigen Ungetüm lebte.

     

    Der Doktor schüttelte lachend den Kopf. Entweder war dieses kauzige Volk sehr zurückgeblieben, grenzenlos optimistisch oder wirklich naiv, dass sie einem Monstrum solcher Größe über den Weg trauten. Dennoch übte dieser heidnische Kult eine gewisse Faszination auf den Doktor aus, im Gegensatz zu seinem Kapitän, der missmutig von zwei affig wirkenden Kriegern zugetextet wurde und seinen Blick immer öfters hilfesuchend an den Doktor richtete, der lächelnd mit den Schultern zuckte.

     

    Der Doktor wollte sich in das Höhlensystem zurückziehen, um sich dort ungesehen zu erleichtern, denn in der weiten Prärie gab es keine Rückzugsmöglichkeiten und die zerklüfteten Klippen waren für einen ungeübten Kletterer wie ihn viel zu glatt, nass und gefährlich. So ging er ungesehen von der feiernden Gruppe weg und trat heimlich in den riesigen Höhleneingang, der schräg in die Tiefe führte und dann in drei verschieden Gänge mündete, deren Zugänge edlen Portalen glichen, die aus dem Stein gehauen worden und mit glitzernden Edelsteinen verziert worden waren. Die Gravierungen dieser Portale zeigten vor allem Bilder des gewaltigen Eisbären, der irgendwo in diesem Höhlenkomplex hausen musste, jedenfalls stank es bereits in Eingangsnähe furchtbar nach Exkrementen und altem Blut, sodass der Doktor überrascht würgen musste.

     

    Das Festmahl hatte dem empfindlichen Magen des Doktors nicht gut getan. Das Fleisch des unbekannten Tieres war seltsam zäh und süßlich gewesen und noch recht blutig. Vielleicht stammte es von einer anderen Bärenart der Region. Auch den hochprozentigen Fusel, der seinen Magen in Flammen gesetzt zu haben schien und ihn fast erblindet hätte, hatte sein Wohlbefinden kaum gebessert. Umso erstaunlicher war es, dass die Einheimischen das zähe Fleisch in großen Menger herunterschlangen und den hochprozentigen Fusel beinahe wie Wasser tranken, um danach ausgelassen um das große Lagerfeuer zu tanzen und sich in Ekstase zu singen. Mit ihren seltsamen Lobliedern schienen sie ihren grausigen Gott anzupreisen und ihn zu ehren.

     

    Selbst dem relativ schmerzfreien und extrovertierten Doktor war dieses Naturvolk geradezu unheimlich und er konnte die nagenden Zweifel seines ungeduldigen Kapitäns durchaus verstehen. Auch er wollte den seltsamen Hort noch vor Aufbruch der nächsten Tages verlassen. Er bereute ein wenig seine Idee mit diesem seltsamen Volk in Kontakt getreten zu sein, doch auch jetzt unterdrückte der Doktor sein Unbehagen und seine nagenden Zweifel und gab sich seiner Neugierde hin, denn er wollte diesen Höhlenkomplex ein wenig näher in Augenschein nehmen.

     

    Vorsichtig und mit einer eisigen Gänsehaut blickte sich der Schiffsarzt um. Er glaubte ständig in den Schatten der Gänge unheimliche Schemen zu sehen und hörte polterndes Gestein oder ein verdächtiges Rascheln aus dem Höhlensystem, das sich wie ein unterirdisches Labyrinth über die gesamte Küstenregion zu erstrecken schien. Mit mulmigem Magendrücken überlegte sich der Doktor wie viele der gruseligen Höhlenmenschen er bei dem Fest gesehen hatte. Er schätzte die Anzahl auf mindestens drei Dutzend Leute. Es waren hauptsächlich Männer anwesend gewesen und der Doktor vermutete, dass diverse Frauen und Kinder noch irgendwo im Dunkeln lauern mussten. Bei den Gesprächen mit einigen Mitgliedern dieser düsteren Sippschaft hatte der Doktor festgestellt, dass die Menschen sehr rückständig und ungebildet wirkten. Seinem Kapitän oder den Leutnants wäre dies weniger aufgefallen, da sie fast jedes fremdländische Volk für unterentwickelt hielten. Doch der Schiffsarzt war dem Kolonialisierungsgedanken schon weit voraus und hatte in seinem eskapadenreichen Leben durchaus intelligente Naturvölker kennen gelernt, die sich ihrer Umgebung perfekt anpassen konnten. Doch hier lag die Sache anders. Ein Hauch von Wahnsinn und Fanatismus schwebte über dem seltsamen Fest und die Sprechweise dieser Eingeborenen wirkte seltsam verklärt, so als ob sie alle unter Drogen stünden.

     

    Plötzlich hörte der Schiffsarzt ein wildes Flattern und aggressives Kreischen und wurde jäh aus seinen Überlegungen gerissen. Eine Horde von Fledermäusen schwirrte aus einem der drei Gänge und jagte knapp über seinen Kopf hinweg. Erschrocken ließ sich der Arzt zu Boden fallen und hob seine Hände schützend über sein Gesicht. Wie ein düsterer, schwarzes Schwarm huschten die Tiere durch die Düsternis und strebten dem Ausgang des Höhlensystems entgegen, als ob sie vor irgendetwas fliehen würden.

     

    Kaum hatte sich Doktor Eastwood von seinem Schock erholt und zitternd aufgerappelt, da hörte er ein seltsam hohles Gelächter aus dem Tunnel, der ihm am nächsten lag. Das seltsame Kichern wirkte irrsinnig und unecht. Es ließ den Doktor instinktiv frösteln. Er war in rege Alarmbereitschaft versetzt und alles in ihm drängte danach sich so schnell wie möglich zu entfernen, doch erneut wurde ihm seine Neugier zum Verhängnis.

     

    „Hallo? Ist da irgendwer?“, fragte er nervös und starrte angestrengt in den düsteren Gang, der sich wie ein schwarzes Loch vor ihm auftat. Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, da verstummte das wahnsinnige Kichern abrupt und ein seltsames Schleifgeräusch ertönte.

     

    Der keuchend atmende Doktor erhielt keine Antwort. Unheilvolles Schweigen umhüllte ihn. Es wirkte wie die Ruhe vor dem Sturm.

     

    Wie Espenlaub zitternd ging Doktor Eastwood weiter vor und näherte sich dem Tunnel, der ihn immer mehr an das düstere Maul eines Unwesens erinnerte. Er konnte in der unheilvollen Schwärze nur wenige Fuß weit sehen. Es gab keine Fackeln oder andere Lichtquellen. Die Höhlenbewohner mussten wohl in absoluter Finsternis leben. Doktor Eastwood bekam ein unangenehm stechendes Herzrasen, doch er bekämpfte seine innere Angst und setzte einen ersten Schritt in den stickigen und übelriechenden Gang. Der Schiffsarzt konnte den seltsamen Geruch sogar rasch identifizieren.

     

    In dem Gang roch es nach dem Tod! Ein grauenvoller Verwesungsgeruch lag in der Luft, der ihm fast die Sinne raubte. Der Doktor ging würgend vorwärts und versuchte krampfhaft die Luft anzuhalten. Panisch fragte er sich, wie ein Mensch in diesem Gestank überhaupt leben konnte.

     

    Da ertönte vor ihm wieder das seltsam hohle Lachen. Es klang beängstigend nah und der Doktor fuhr panisch herum, drehte sich um die eigene Achse und blickte doch nur in eine konturenlose Schwärze. Der Urheber des seltsamen Geräusches schien nur wenige Meter von ihm entfernt zu sein.

     

    Schritt für Schritt wagte sich der Schiffsarzt weiter vor und bemerkte auf einmal, wie die Wände des Tunnels um ihn herum verschwanden. Gehetzt blickte er sich um und konnte jetzt erkennen, dass er sich in einer großen Halle zu befinden schien.

     

    Langsam gewöhnten sich die Augen des Doktors an die Dunkelheit. Er sah seltsame Schemen, die von der Decke der Halle zu hängen schienen. Es waren nicht nur vereinzelte Konturen, sondern Dutzende, vielleicht gar Hunderte!

     

    Benommen taumelte der Doktor weiter. Seine Sinne waren vor Angst und Erregung völlig benebelt. Da stieß er plötzlich gegen einen der schwarzen Schemen und zuckte überrascht zurück. Nervös starrte der Schiffsarzt nach vorne und berührte den seltsam baumelnden Gegenstand. Die Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag!

     

    Der Doktor starrte in die aufgequollene Fratze einer menschlichen Leiche!

     

    Mit großem Schrecken huschten dem geschockten Schiffsarzt Gedanken durch den Kopf. Er war in eine Art Vorratskammer voller Leichen gelangt! Jetzt erinnerte sich der Doktor auch wieder an das Festmahl. Und er erinnerte sich an das süßliche, zähe Fleisch, das er gegessen hatte.

     

    Er hatte kein Bärenfleisch gegessen! Er hatte Menschenfleisch verspeist!

     

    Die Erkenntnis raubte dem Doktor die Sinne und sein Magen rumorte protestierend. Dem Doktor wurde schwindlig, Übelkeit ergriff ihn. Süßlicher Schweiß brach aus allen Poren seines Körpers. Schweißbäche rannen in Sekundenschnelle über sein Gesicht und in seine Augen, die höllisch brannten.

     

    Erst jetzt hatte Doktor Eastwood den höllischen Schock verarbeitet. Endlich wich die Starre von ihm. Nun konnte er wieder vernünftig agieren.

     

    Da ertönte unmittelbar neben ihm das düstere Lachen. Der Doktor fuhr herum und starrte auf eine halbnackte, gnomenhafte Gestalt mit langen grauen Haaren, die völlig zerlaust waren. Ein halb verfaulter Mund grinste ihm entgegen und weit geöffnete Augen starrten in aus dunklen Höhlen an.

     

    Da hob der seltsam gebückt und sich schlurfenden Schrittes fortbewegende Höhlenmensch seine knochigen Arme und länglichen Hände, an denen jeder einzelne Knochen fast durch die dünne, helle Haut zu brechen schien, die brüchig wie altes Pergament wirkte. Viel grausamer war jedoch der Anblick der schweren Axt, die der Unmensch umklammert hielt.

     

    Der Doktor war starr vor Schreck. Er wollte reagieren, doch er war wie gelähmt. Der Schock saß zu tief. Sein Körper reagierte nicht mehr auf seine mentalen Hilfeschreie. Der Schiffsarzt war innerhalb weniger Minuten zu einem nervlichen Wrack geworden.

     

    Da hieb der kichernde Höhlenmensch sein grobes Mordinstrument mit ungeahnter Härte in die Seite des Schiffsdoktors, der einen stechenden Schmerz fühlte und schreiend rücklings taumelte. Er stieß dabei gegen den hängenden Kadaver eines Toten, der erbärmlich stank, fuhr benommen herum und prallte gegen das knorrige, eisige Gesicht einer toten Frau, die ihn aus leeren Augenhöhlen unheilvoll anblickte, wobei die Augäpfel nur noch verkrüppelten Rosinen glichen.

     

    Doktor Eastwood spürte, dass das Blut aus der Wunde in seinem Magen floss und fontänenartig spritzte, doch er stand unter Schock und Adrenalin und spürte kaum die höllischen Schmerzen. Halb wahnsinnig starrte er dem begeistert kichernden Höhlenmenschen entgegen, als dieser auf ihn zutrat und zu einem mörderischen Schlag ausholte, der dem Doktor den Brustkorb zertrümmerte und tief ins Fleisch eindrang.

     

    Der Schiffsarzt sackte zusammen und krümmte sich auf dem Boden, bevor ihm der aufflammende Schmerz die Besinnung raubte. Er fiel in eine hektische, konturenlose Bewusstlosigkeit und bekam dadurch den nächsten Hieb nicht mehr mit, der seinen Kopf vom Rumpf trennte und die gesamte Umgebung in ein Meer aus Blut zu verwandeln schien.

     

    Der Tod gewährte dem Doktor die Gnade nicht mehr das hohle Kichern hören zu müssen, als der Höhlenmensch sich über den Toten beugte, gierig in das blutige Fleisch biss und wie ein Tier an dem Kadaver nagte und sich einer unmenschlichen Ekstase hingab.

     

     

     

    Im düsteren Licht einer Ölfunzel saßen drei grimmige Gestalten und eine feixend lachende Person um einen klapprigen Holztisch auf dem Unterdeck der HMS Northwind. Der grippegeschwächte Commander Dwight Edward Livingston, der enttäuscht und fast schon gekränkt wirkende Unteroffizier Francis Ernest O’Shea und der alte Seebär und Proviantmeister David Worksop mussten mit ansehen, wie der hämisch grinsende Kalfaterersmaat Bruce Lucius Weasley eine Runde nach der anderen gewann und die kleine Pokerrunde klar dominierte.

     

    „Verdammter Mist! Hoffentlich kommt der Kapitän mit seinen Leuten bald von diesem Fest zurück und wir brechen endlich auf, sonst bin ich innerhalb von zwei Stunden völlig pleite.“, murrte Unteroffizier O’Shea und warf knurrend ein paar Pfund in die Mitte, die er nun einsetzen musste.

     

    „Es war ohnehin eine schwachsinnige Idee ein Festmahl mit diesen Wilden zu veranstalten. Ich sitze lieber hier im Warmen und geschützten Deck bei ein paar Gläsern Rum und verliere mein Geld, als da draußen in der Kälte zu hocken.“, gab der Proviantmeister Worksop zurück und füllte die vier schmutzigen Gläser mit einer Portion Rum nach, was die Männer wieder deutlich glücklicher stimmte.

     

    „Die ganze Sache ist doch auf dem Mist von diesem Schiffsarzt gewachsen. Nur weil er schon so lange dabei ist, traut sich unser Kapitän nicht ihm zu widersprechen.“, murrte der Kalfaterersmaat Weasley und nahm einen großen Schluck Rum.

     

    Da ertönten plötzlich vom Oberdeck ein nervöses Trippeln und dann eine Stimme, in der die Angst mitschwang. Der zweite Leutnant Blaze Jefferson blickte die vier überraschten Männer aus schreckgeweiteten Augen an und stotterte nervös, bevor er endlich ein paar Worte hervorbrachte.

     

    „Verdammt, ihr müsst hoch kommen! Da drüben, an Land, da ist die Hölle los. Sie haben unseren Kapitän und seine Leute angegriffen. Die sind wie eine wilde Horde über sie hergefallen, von einem Moment auf den anderen!“, kreischte der zweite Leutnant heiser.

     

    „Was erzählst du da?“, fragte der Commander, der so heftig aufgesprungen war, dass er dabei den Tisch umgestoßen hatte, sodass das Geld und die Karten nun wild verstreut auf dem Boden lagen. Er hatte den zweiten Leutnant an den Schultern gepackt und schüttelte ihn erschrocken durch.

     

    „Ich kann doch nichts dafür! Es ist die Wahrheit!“, jammerte der Leutnant mit weinerliche Stimme und das Gesicht des Commanders verlor entgültig jegliche Farbe.

     

    Seine Kollegen hatten jedoch schon schnell agiert und hasteten hinauf an Deck. Die gemütliche Pokerrunde war längst vergessen und auch der Commander ließ den erbarmungswürdigen zweiten Leutnant los und stiefelte benommen und wie in einer alptraumhaften Trance über die schweren Stufen aus Eichenholz in die Höhe.

     

    Kaum schlug dem Commander frostige und salzige Seewind entgegen, da bemerkte er auch schon das große Feuer an der Küste. Er hörte die gepeinigten Schreie eines Mannes, der von zwei der Höhlenbewohner auf eine vorstehende Klippe geschleift und dann mitten in das Höllenfeuer gestoßen wurde. Aus dem Festmahl war ein höllischer Scheiterhaufen geworden!

     

    Der Anblick dieses Grauens traf den Commander wie der Schlag. Er war unfähig sich zu rühren oder gar ein vernünftiges Wort hervorzubringen, obwohl alle Anwesenden der verbliebenen Schiffsleute ihn erwartungsvoll und ängstlich anstarrten. Bei Abwesenheit des Kapitäns traf er die Entscheidungen über die noch verbliebene Nottruppe an Bord.

     

    Benommen starrte der Commander auf zwei Matrosen an Land, die von einem halben Dutzend Höhlenmenschen bewusstlos in eine riesige Höhle getragen wurden. Auf den Commander wirkten die durch das riesige Feuer klar sichtbaren Szenen wie ein unrealistischer Alptraum.

     

    Endlich war Dwight Edward Livingston wieder zu sich gekommen und wollte seine Leidensgenossen aufbauen und anfeuern, als er in seinem Rücken einen markerschütternden Schrei hörte und im selben Augenblick das Brechen der Schiffswand und mehrer Planken.

     

    Wie der Blitz fuhr der Commander herum und starrte auf das riesige weiße Ungetüm, das schwerfällig über die Bordwand geklettert war und einen der Matrosen mit seinen riesigen Klauen gepackt hielt. Der arme Mann schrie wie von Sinnen. Er hatte nicht einmal die Zeit gehabt zu fliehen oder zur Waffe zu greifen.

     

    Wie eine nutzlose Puppe warf die Bestie den Matrosen über ihren gewaltigen Rücken hinweg in die eisigen Fluten des Nordmeeres, in dem der Matrose bestenfalls zehn Minuten überleben würde. Dann richtete sich das Biest zu seiner vollen Größe auf und erwies sich als noch riesenhafter und gigantischer, als man es vor wenigen Stunden an der Küste erahnt hatte.

     

    Der Commander blickte in die schwarzen, intelligent und grausam wirkenden Pupillen der Bestie. Er erkannte in ihr den puren Vernichtungswillen. Der Commander wirkte wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange.

     

    „Grundgütiger!“, murmelte er verwirrt, als die Bestie einen ohrenbetäubenden Uhrschrei in die pechschwarze Nacht entsandte und sich in rasender Gier auf den Commander stürzte, als ob sie systematisch vorgehend den ranghöchsten verblieben Posten an Deck an erster Stelle vernichten wollte.

     

    Der Commander bekam gar nicht mehr mit, dass der Unteroffizier neben ihm mit seiner Flinte in die Seite der Bestie schoss und schreiend hinter einem Stapel alter Fässer in Deckung ging. Er realisierte nicht mehr, wie die beiden einzigen Seesoldaten an Bord auf den Kopf der Bestie zielten, an dem die Kugeln wie läppische Wurfgeschosse abprallten und als Querschläger über Deck jagten oder wirkungslos in das Fleisch des Monsters eindrangen.

     

    Der Commander sah nur noch das nach Aas stinkende, triefend Maul des weißen Bären, das immer mehr von seinem Sichtfeld einnahm und es schließlich vollends ausfüllte, bevor messerscharfe Zähne in sein Fleisch eindrangen und ein hässliches Knacken ertönte.

     

    Als sich das düstere und riesige Maul des Unwesens schloss, da wurde die Welt um den Commander konturenlos und schwarz und er war bereits tot, noch bevor er ganz verstanden hatte, wie es dazu überhaupt gekommen war.

     

     

     

    Der Kapitän Sir Liam D. Murray fuhr überrascht herum, als er die geduckte, stark behaarte Gestalt bemerkte, die grunzend aus dem Höhlenkomplex stolperte und in einem fürchterlichen Kauderwelsch den anderen Stammesmitgliedern etwas zurief. Der Kapitän bemerkte Blutspuren in dem Gesicht des seltsamen Mannes und dann wie beiläufig die blutige Axt in den knorrigen Klauen des Wahnsinnigen.

     

    Wie auf ein unheilvolles Kommando verstummten alle Höhlenbewohner um ihn herum. Es wurde nicht mehr gesprochen, nicht mehr getrunken, nicht mehr gesungen oder getanzt. Nur noch das knisternde Feuer war in der tiefdunklen Nacht zu hören.

     

    Der Kapitän schielte zur Seite und traf den Blick des Schamanen, der ihn mit einem großen und fiesen Grinsen anstarrte und dann einen grölenden Befehl gab. Dem Kapitän schwante Übles und da wurde er auch grob von hinten angepackt und von zwei Höhlenbewohnern herumgerissen, als um ihn herum die Hölle losbrach und die seltsamen Menschen sich auf die restlichen Mitglieder der HMS Northwind stürzten, die nicht einmal die Zeit fanden zu ihren Waffen zu greifen oder zu entkommen. Selbst wenn die Flucht gelungen wäre, wären die wackeren Männer in der flachen Prärie oder den steilen Klippen nicht sehr weit gekommen.

     

    Grob wurde der Kapitän auf eine steinige Erhebung gezerrt und versuchte sich verzweifelt aus den Griffen der krallenartigen, schmutzigen Hände mit den langen und messerscharfen Nägeln zu befreien. Doch die Umklammerung blieb eisern und es kam sogar ein kleiner, dicker Höhlenmensch noch dazu, um seine beiden Artgenossen zu unterstützen.

     

    „Verdammt, lasst mich los! Lasst mich und meine Mannschaft auf der Stelle frei! Das ist ein Befehl! Das ist der Befehl des Kapitäns der HMS Northwind, eines Kapitäns der Royal Navy! Hört ihr mir zu, ihr übergeschnappten Wilden? Wenn ihr uns etwas antut, dann werdet ihr einfach ausradiert, vernichtet von unseren Seesoldaten! Habt ihr verstanden, zur Hölle?“, schrie der Kapitän rasend, doch die seltsame Höhlenmenschen kicherten nur hohl und zerrten ihn unbeeindruckt eine schmale Klippe herauf, die sich direkt über dem Lagerfeuer befand und dieses wie ein schützender Wall einschloss.

     

    Während die Männer des Kapitäns vor Wut brüllten oder um Hilfe schrieen, kreischten die Höhlenbewohner in irrsinniger Vorfreude auf ihr grausames Spektakel, während der Schamane mit herrischer Stimme Befehle rief und gestenreich auf den Ozean deutete und dann auf den Kapitän. Alle Höhlenbewohner starrten Murray begierig an und der Kapitän bekam es immer mehr mit der Angst zu tun.

     

    „Was habt ihr mit mir vor? Wir können über alles reden, so hört mir doch zu! Was wollt ihr machen?“, schrie der Kapitän fragend und verstummte geschockt, als er sich die Frage selbst beantworten konnte.

     

    Die drei Höhlenmenschen, die ihn gepackt hielten und wie in einer satanistischen Prozedur zum Rand der Klippe eskortierten, johlten vergnügt, als der Kapitän mit schreckgeweiteten Augen in die alles versengenden Flammen starrte, die sein Schicksal waren. Der Herzschlag des alten Mannes setzte krampfhaft aus und seine Augen schmerzten höllisch, als er in das gleißende Licht starren musste. Der Schweiß brach dem edel gekleideten und uniformierten Seebär in Strömen aus. Der Kapitän hing taumelnd im Griff seiner Peiniger am äußersten Rand der Klippe und das Gestein bröckelte schon unter seinem Gewicht weg. Hätten die drei Höhlenbewohner ihn nicht eisern geklammert, dann wäre der alte Mann vermutlich schon in die alles verschlingenden Flammen des Abgrunds gefallen.

     

    Da gab der Schamane einen euphorischen Befehl und der Kapitän wurde grob nach vorne gestoßen. Sir Liam D. Murray ruderte noch wild mit den Armen, doch er griff ins Leere und musste den grausamen Gesetzen der Fliehkraft gehorchen.

     

    Die sengende Hitze umfing ihn, als er in die Flammen stürzte. Seine Haut brannte ihm vom Fleisch, sein glühendes Gesicht erblindete und seine spärliche Behaarung am Kopf, sowie sein gewaltiger Bart gingen lodernd in Flammen auf. Bald hing die glühende Haut in Fetzen von seinem rußgeschwärzten und wie wild pulsierendem Körper. 

     

    Der Kapitän sah verschwommene Schemen in wilder Erregung um das Feuer tanzen und glaubte von irgendwoher Schreie zu hören, doch die Flammen erstickten jedes andere Geräusch und seine Sinne waren kaum mehr funktionsfähig, da ihn der Schmerz langsam auffraß. Der Kapitän wusste nicht einmal, ob er seine eigenen Schreie hörte, ob es die Jubelrufe der Höhlenmenschen waren oder die angstvollen Rufe seiner Besatzungsmitglieder.

     

    Der Kapitän konnte sich keine Gedanken mehr machen, denn seine Existenz wurde zu einem glühenden Feuerball, der alles auffraß, ihm die Sinne raubte und ihn endlich auch von den grausigen Schmerzen erlöste. Der so leidgeplagte Kapitän musste das jähe und menschenunwürdige Ende seiner Existenz hilflos ertragen und starb im Gefühl größter Scham und Machtlosigkeit.

     

     

     

    Oleg brach zu seiner letzten Mission auf. Er war alt geworden und spürte, dass ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Nach Jahren des unsteten Umherziehens von einem Nomadenvolk zum Anderen war er wieder zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Er wollte endlich tun, was getan werden musste und hatte sich ein letztes Mal in seinem von Trauer, Verbitterung und Ohmacht geplagten Leben aufgerafft. Er selbst wusste, dass seine erbärmliche Existenz bald zu Ende war und niemand um ihn trauern würde, doch er wollte ein einziges Mal noch etwas Großes vollbringen und tat dies auch für die Generationen nach ihm und nicht nur für seine eigenen glühenden Rachegelüste.

     

    Seine Frau war nach dem Suizid der Tochter von den Dorfbewohnern geschändet und eingesperrt worden. Seit dem verhängnisvollen Angriff des Monstrums und der überstürzten Flucht aus dem Dorf hatte Oleg sie nicht mehr gesehen, er hatte nur von einem umherziehenden Händler von ihrem Schicksal erfahren und auch gehört, dass seine Stammeskollegen nur ein Jahr nach dem schrecklichen Massaker mit dem unheimlichen Wesen einen Höhlenkomplex behausten. Der Schamane hatte all seine rhetorischen Fähigkeiten aufgebracht und widerspenstige Dorfbewohner aus der Sippschaft ausgeschlossen oder gar ein Exempel an ihnen statuiert, indem er sie auf einem Scheiterhaufen hingerichtet hatte. Das Dorf lebte seit der Tyrannei des fanatischen Schamanen völlig abgeschieden und wurde von allen gemieden. Kein anderer Nomadenstamm wagte es dieses abscheuliche Völkchen zu überfallen.

     

    Daher wusste Oleg nun nicht genau, was ihn eigentlich erwarten würde, als er durch die scheinbar endlose Weite der eisigen Prärie wanderte. Er ignorierte seine Müdigkeit, seinen schwachen Körper, seine Grippe, die an seinen letzten Kräften zehrte und er missachtete auch Hunger und Durst. Er lief tagelang ohne Unterbrechung, bis er manchmal erschöpft zusammenbrach und mitten im Eis einschlief. Bislang war er noch immer aufgewacht und weiter gezogen, doch eine Stimme in ihm sagte, dass er nicht noch einmal diese Kraft aufbringen würde. Er musste seine Mission ein für alle Mal zu Ende bringen.

     

    Jetzt näherte er sich dem Hügel an den Klippen, der düsteren Erhebung mit dem grausigen Altar, der lange kein Blut mehr gesehen hatte, da die Opfer inzwischen in den Folterkammern der Küstenhöhlen grausam geschlachtet wurden, falls sie nicht schon vorher in ihren Heimatdörfern oder auf den geheimen Handelsrouten bei den häufigen Überfällen totgeschlagen wurden.

     

    Mühsam ging Oleg Schritt für Schritt den steinigen Hügel hinauf. Es war früh am Morgen, die Sonne wirkte wie eine frostige, alles auffressende Kugel, die sich quälend langsam über den eisigen Horizont schob. Oleg erreichte den höchsten Kamm des Hügels, der nun direkt über dem Eingang zum Höhlensystem lag. Lediglich zwei Wachposten standen am Eingang der Hölle und starrten trüb auf das Meer.

     

    Auch blickte Oleg auf den Ozean und erschrak nicht einmal mehr, als er das schon halb versunkene, völlig verkohlte und ausgebrannte Schiff erblickte. Er bemerkte auch die zahlreichen Blutflecken, einen aufgeschichteten Haufen mit Waffen und Kleidern und registrierte emotionslos, dass ein gewaltiges Massaker an diesem Ort stattgefunden haben musste. Von den möglichen Opfern selbst entdeckte Oleg aber keine Spur, sie waren vermutlich allesamt schon in die Vorratskammern der Höhlenbewohner geschleift und zerstückelt worden.

     

    Das alles zählte für Oleg nicht, als er seinen Rucksack aus Ochsenhaut geräuschlos abnahm und einen Beutel mit Schwarzpulver hervorholte. Er hatte das Schwarzpulver mit seinem letzten Hab und Gut erworben, ebenso wie das Tachypyrion, mit dem er den tödlichen Explosivstoff entzünden wollte. Beides hatte er von einem zwielichtigen Händler bekommen, der aus Frankreich stammte und als Offizier unter Napoleon in Osteuropa gewütet hatte. Seitdem er aus der Kriegsgefangenschaft entkommen war, schlug er sich mehr schlecht las recht als fahrender Händler durch und träumte von einer heimlichen Rückkehr in sein Heimatland, die er sich über Skandinavien erarbeiten wollte.

     

    Oleg wusste, dass es lebensgefährlich war das Schwarzpulver zu entzünden, doch er wollte nicht nur den Höhlenkomplex zerstören, sondern mit dieser Wahnsinnstat auch seinem eigenen Leben ein Ende setzen. Grimmig und gefestigt blickte er auf sein Werkzeug und lächelte kalt.

     

    Dann nahm er seine Mordwaffen wieder auf und sammelte sich kurz. Seine Gedanken aber blieben stumm und er konnte in den letzten Momenten seines Lebens nichts empfinden und sich auch an nichts mehr erinnern. Er empfand nicht einmal Wut oder Schmerz, sondern eine tiefe Leere, die noch schlimmer als jede Emotionalität wirkte und ihn wie in Trance handeln ließ.

     

    Oleg nahm das Schwarzpulver und rieb sich mit einem Teil davon selbst ein, verstreute es über seine Kleidung, verteilte es in seinen Haaren und an seinen Händen und bewahrte den weitaus größeren Rest für die unmittelbare Umgebung auf. Seine Tochter war durch den Suizid aus der Hölle auf Erden entflohen und der Vater wollte der Hölle auf Erden nun durch sein Opfer ein Ende bereiten.

     

    Oleg atmete tief durch und stürzte mit schweren Schritten den steinigen Hügel hinunter, was auch den beiden verwirrten Wachposten nicht verborgen blieb, die Oleg wie beiläufig erkannte. Es waren die beiden Männer, die einst die drei Mädchen zu der Opferung begleitet hatten, doch sie erkannten den alten Fremden mit dem starren und tief zerfurchten Gesicht nicht wieder.

     

    Dennoch bedeutete ihr begriffsstutziges Zögern ihren Tod, denn sie schafften es nicht einmal ansatzweise den heranstürzenden Mann von seinem Vorhaben abzubringen und begriffen auch nicht, was er da tat, als er ein Säckchen nahm und schwarzen Pulver in großen Mengen verstreute.

     

    Oleg spürte den Todesschmerz kaum, denn alles ging so schnell vorbei, dass er kaum einen Gedanken oder eine Empfindung zu fassen bekam. Alle Ereignisse glitten ihm wie Sand durch die Hände, bis er von einer unvorstellbaren Kraft geblendet und grob in die Materie gestoßen wurde.

     

    Kaum wollten die beiden Höhlenmänner agieren, da sahen sie die seltsame Apparatur in den Händen des Mannes und trafen dessen grimmigen und erbarmungslosen Blick. Erst jetzt realisierten sie die Gefahr und grunzten verschreckt auf. Sie griffen zu ihren Messern und Speeren und stürzten voran.

     

    Da stoppte sie eine wuchtige Detonation, die ihnen die Sinne und das Gehör raubte. Die Welt versank in ein schrilles Pfeifen, in einen glutroten Feuerball und in einen in Stücke zerfetzten Leichnam eines Märtyrers, bevor ein unheilvolles Beben einsetzte und die instabilen Klippen und Felsbrocken die Plätze verließen, an denen sie seit Hunderten von Jahren stumm verharrt hatten. Der dichte Staub versperrte den Höhlenmenschen die Sicht und sie taumelten benommen und hilflos schreiend nach vorne, als sie das gewaltige Rumoren hörten.

     

    Kaum hatten sie das Geräusch gehört, da prasselte ein regelrechter Regen aus Geröll und Felsbrocken auf sie nieder und erschlug sie innerhalb weniger Sekunden, sodass ihre Leichen neben den verkohlten Körperteilen ihres Mörders niedergingen.

     

    Diese drei Menschen waren die einzigen, die in der frostigen Wildnis vor der bedeutungsschwangeren Kulisse des trostlos sinkenden Schiffes und dem hellen Ball der Sonne starben, denn die anderen Höhlenbewohner wurden in ihrem siegestrunkenen Schlaf in dem in sich zusammenstürzenden Höhlensystem von dem Unheil überrascht, das sie bis in alle Ewigkeit in eine unausweichliche Finsternis sperren sollte, aus der es jahrelang kein Entrinnen gab – bis zum heutigen Tag.

     

    Russland der Gegenwart, 1815

     

     

    Es klingelte an der Wohnungstür des jungen Journalisten Vitali Sergejewitsch Aljenikow, der sich stöhnend aus seinem bequemen Holzstuhl erhob und seine Schreibmaschine ruhen ließ. Er trat an die Eingangstür und erblickte durch den Spion seinen Kollegen Sergej Wiktorowitsch Stepanow, der das Spähen bemerkte und freudig einige Pappverpackungen in die Luft riss. Vitali glaubte durch die Tür bereits den angenehmen Geruch frischer Blinies und frischen russischen Bauernsalates zu  riechen.

    Freudig entriegelte er die Zimmertür und sperrte sie für seinen Freund auf, der ihn fast täglich besuchte, seitdem Vitali vor etwas mehr als einer Woche bei ihm ausgezogen und in diesen Gebäudekomplex in der Hafengegend von Sankt Petersburg gezogen war. Mit einem Frösteln dachte er an seinen unheimlichen Mitbewohner Gluschenko zurück, der ihm einen alles Andere als fröhlichen Einstand in seiner neuen Wohnung beschert hatte. Der verstoßene Mafioso hatte mit einem unheilvollen Wesen mit unmenschlichen Kräften eine grausige Mordserie in der Stadt verursacht und viele alte Wegbegleiter gemeuchelt. Nie hätte Vitali gedacht, dass er diesem mörderischen Duo Paroli bieten könnte, zumal Gluschenko auch die französische Freundin des jungen Journalisten entführt hatte. Doch Vitali hatte mit Hilfe des geheimnisvollen Agnus Dei, welches ihm ein weiser Mönch geschenkt hatte, den er seitdem nicht mehr getroffen hatte, obwohl er fast täglich in die Kathedrale ging, in der ihr schicksalhaftes Aufeinandertreffen stattgefunden hatte, das unheimliche Wesen in einer Spelunke stellen und vernichten können und hatte danach mit Hilfe der Polizei und eines trickreichen Mafioso seine neue Liebe in letzter Sekunde befreien können.

    Seitdem war das Leben für Vitali nicht mehr wie noch kurz zuvor. Innerhalb eines einzigen Tages war sein komplettes Weltbild umgestoßen worden. Vitali musste sich nicht nur damit abfinden, dass die schillernde Metropole am finnischen Meerbusen voller krimineller Energie und tödlicher Gefahr steckte, sondern auch mit der Existenz übermenschlicher Kreaturen. Vitali konnte selbst kaum glauben, dass er mit einem wahrhaftigen Werwolf konfrontiert worden war. Noch immer wachte er morgens auf und erinnerte sich dunkel an die Alpträume, die ihn seit den schicksalhaften Geschehnissen plagten und fragte sich, ob er sich die ganze Geschichte nicht nur eingebildet hatte oder ob es für die Existenz des schauerlichen Wesens nicht eine andere Erklärung gäbe. Er wollte den Gedanken an diese Dinge verdrängen, da sie ihn fast wahnsinnig machten und fortwährend nachliefen und irritierten, doch es gelang ihm nicht. Obwohl er sich seltsam geschockt und abgestoßen von den Ereignissen fühlte, so verspürte er doch eine nagende Neugier in sich. Er ahnte irgendwie, dass er nicht zum letzten Mal auf ein solches Phänomen gestoßen war und das Tragen des Agnus Dei, des magischen Amulettes, dessen Funktionsweise er nicht einmal ansatzweise begriff, kam ihm wie eine Berufung vor, die immer mehr zu einer Bürde werden drohte.

    Vitali ließ den freudigen Sergej hinein, der mit seiner lockeren und direkten Art die nachdenkliche und missmutige Miene seines Freundes ignorierte und geschäftig an ihm vorbei in die Küche schritt. Auch Sergej war in den seltsamen Fall verstrickt gewesen, als ein Kontaktmann von ihm ermordet worden und Sergej ebenfalls ins Fadenkreuz von Gluschenko und dessen Bestie geraten war. Doch der quirlige Jungspund hatte sich mit den Geschehnissen abgefunden und schien weniger über sie zu sinnieren als Vitali selbst. Er nahm sie einfach schulterzuckend hin, denn weder Vitali, noch die in den Fall verwickelten Polizisten hatten ihm die Existenz des Werwolfes und dessen Vernichtung erklären können. Alle hatten sie auf eine einleuchtende Erklärung von Vitali gehofft, doch der war selbst ratlos und so bereitete man über die Dinge den eisernen Mantel des Schweigens. Lediglich die Französin Eva wusste von den Hintergründen Bescheid, da Vitali ehrlich zu ihr gewesen war und sie hatte ihm unglaublicherweise geglaubt und orakelhaft angedeutet, dass sie schon immer geahnt habe, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gäbe, als man sich vorstellen könne.

    Vitali trottete seinem Kollegen hinterher, der sich inzwischen ungefragt in der Küche bediente und Besteck für die frische Mahlzeit heraussuchte. Langsam trat Vitali dazu und griff seinem Freund unter die Arme. Endlich wurde auch das Schweigen gebrochen.

    „Sag mal, Vitali, ich habe eben gesehen, dass ein neuer Mann in die Wohnung von Gluschenko eingezogen ist. Wusstest du schon davon?“, wollte Sergej wissen.

    „Ja, meine Vermieterin Ekatarina hat es mal wieder ausgeplaudert. Das ist Kim Gwang-jo, er ist auch neu in der Stadt.“, antwortete Vitali.

    „Kommt er aus Südkorea?“, wollte Sergej beiläufig wissen und packte das herzhaft duftende Essen aus, das Vitali das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ.

    „Nein, er ist Nordkoreaner, aber er lebt schon seit einiger Zeit in Russland. Er hat vorher in Moskau gewohnt.“, antwortete Vitali und Sergej blickte ihn ungläubig an.

    „Ist er etwa Diplomat oder Botschafter?“, wollte Sergej kreidebleich wissen und Vitali runzelte verwirrt die Stirn.

    „So weit ich weiß ist er nur Geschäftsmann. Wieso bist du so besorgt?“, fragte der junge Journalist ein wenig irritiert.

    „Ich meine, du weißt ja, was die Welt von Nordkorea denkt und wie beliebt diese Regierung ist. Wenn ein Vertreter dieses Regimes hier in diesem Haus wohnt, dann wird die ganze Gegend wieder zu einem Pulverfass. Dann werden bald wieder Geheimdienste und Polizisten en masse herumschwirren und es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis die Anwesenheit dieses Koreaners potenzielle Mörder anlockt.“, mutmaßte Sergej hektisch und nahm auf einem der Stühle Platz, während Vitali noch zwei kalte Bierflaschen der Marke Baltika aus dem Kühlschrank fischte.

    „Übertreibst du nicht ein wenig? Du solltest dir keinen Kopf machen und ein wenig positiver und ohne Vorurteile an die Sache herangehen.“, meinte Vitali erstaunlich ruhig und griff nach einem Flaschenöffner in einer Küchenschublade.

    „Du bist mir ein Spaßvogel! Immerhin muss ich ja nicht mit diesen gefährlichen Nachbarn unter einem Dach wohnen!“, bemerkte Sergej sarkastisch und nahm das Bier seines Kollegen entgegen, woraufhin sie beiden anstießen und einen kräftigen Schluck nahmen.

    Vitali trank fast die halbe Flasche leer und das kühle Bier wirkte wie revitalisierend auf ihn. Entspannt blickte er durch das Küchenfenster und sah den milden orangefarbenen Schein der langsam untergehenden Sonne, welche die letzten Schneereste in der Stadt innerhalb der letzten zwei Wochen fast komplett verdrängt hatte. Es war ein langer, aber erstaunlich schöner und milder Apriltag gewesen.

    „Wie kommst du eigentlich dazu, dass du mich so unaufgefordert besuchst und mich dann auch noch zum Essen einlädst?“, fragte Vitali schließlich, während sein Kollege schon mit hungrigen Blicken einige Blinies ausgepackt hatte.

    „Traust du deinem alten Freund und Kollegen etwa nicht über den Weg?“, fragte Sergej halb belustigt, halb verärgert und biss herzhaft in die erste Teigtasche.

    „Doch, schon. Aber ich kenne dich zu gut.“, gab Vitali schelmisch grinsend zurück und blickte Sergej lange und prüfend an, bis dieser sich stöhnend den Mund abwischte und theatralisch die Arme hob.

    „Schon gut, du hast gewonnen. Ja, du hast recht. Ich habe einen Auftrag für uns beide, eine schöne Artikelserie, die auf uns wartet!“, gestand Sergej euphorisch und blickte Vitali fast schon beifallheischend an, doch dessen Gesicht blieb skeptisch.

    „Irgendwie will ich deine Begeisterung noch nicht teilen.“, murmelte Vitali verhalten und machte sich nebenbei an seinem Bauernsalat zu schaffen.

    „Du alte Spaßbremse! Ich habe doch noch nicht einmal erklärt, worum es überhaupt geht.“, protestierte Sergej gekränkt und verschränkte trotzig die Arme vor seiner Brust.

    „Das wird sicher jetzt folgen.“, gab Vitali lapidar zurück und musste sich ein verstohlenes Grinsen verkneifen, als er die gespielt beleidigte Reaktion seines Kollegen sah und sich bewusst völlig trocken und humorlos gab.

    „Dir kann man auch mit nichts eine Freude machen.“, beklagte sich Sergej verstimmt.

    „Doch, mit ein paar warmen Blinies, einem Bauernsalat und einem kühlen Bier. Also, worum geht es?“, fragte Vitali und gab sich jetzt aufgeschlossener, was Sergej zufrieden nickend quittierte und ihm nun wieder Mut machte.

    „Pass auf, ich habe dir doch mal von meinem Bruder Boris erzählt, oder?“, fragte Sergej.

    „Dieser Archäologe, der in einem Museum in Moskau arbeitet?“, hakte Vitali nach, der sich dumpf an ein lange zurückliegendes Gespräch mit seinem Kollegen über dessen komplizierte Familienchronik erinnerte.

    „Richtig! Aber dort arbeitet er nicht mehr. Er führt archäologische Ausgrabungen und Expeditionen durch. Und genau darum geht es bei unserer Artikelreihe. Seine Gruppe hat einen gewaltigen Höhlenkomplex entdeckt, in dem ein ganzer Volksstamm von Höhlenmenschen noch vor weniger als zweihundert Jahren gelebt hat! Es gibt viele Legenden über dieses Völkchen, sie sollen angeblich Kannibalen gewesen sein und sehr rückständig gelebt haben. Angeblich standen sie mit anderen Völkern und Fremden auf Kriegsfuß und lebten völlig isoliert.“, berichtete Sergej begeistert und seine Augen leuchteten bei fast jedem Wort auf.

    „Wir sollen also durch stinkige Höhlen kriechen und alte angenagte Skelette begutachten und darüber schreiben?“, fragte Vitali bewusst provokant und lächelte in sich hinein. Im Grunde war er von der Idee schon längst begeistert, da er sich sehr für Kultur, Archäologie und Geschichte interessierte. Er hatte mit seinen Eltern früher jedes nur erdenkliche Museum in Moskau besichtigt und hatte auch Sankt Petersburg in seiner wenigen Freizeit seit seiner Ankunft auf diese Art und Weise schon ein wenig erkundschaftet.

    „Da steckt noch viel mehr hinter! Wir werden exklusiv dabei sein, wenn sie den verschütteten Eingang räumen und in die alten Gänge vordringen. Wir werden zu den ersten Menschen weltweit gehören, die diesem Mysterium auf den Grund gehen!“, ereiferte sich Sergej hingegen und stopfte sich euphorisch sein Essen in den Mund, was seinen Redefluss immerhin ein wenig stoppte.

    „Die werden auf uns warten und dann zulassen, dass zwei einfache und unerfahrene Journalisten mit ihnen an diesen Ausgrabungsstätten herumtrampeln?“, fragte Vitali erstaunt und leerte mit einem Zug sein kühles Bier.

    „Ich habe eben gute Kontakte. Mein Bruder hat diese Ausgrabungen zum Teil selbst finanziert oder sich Sponsoren zusammengesucht. Durch eine gute und enge Pressearbeit könnte auch in der Hinsicht wieder ein bisschen Geld in die Kassen gespült und mein Bruder ein wenig berühmter werden.“, beurteilte Sergej das Angebot, nachdem er bereits den letzten Blinie hastig heruntergeschlungen hatte und sich den Mund eifrig mit einer beigelegten Stoffserviette abwischte.

    „Nun schön. Wo genau sollen diese Grabungen sein?“, wollte Vitali wie beiläufig wissen und Sergej blickte ihn prustend an, um dann übertrieben gestikulierend die Arme zu heben.

    „Es liegt ein klein wenig weiter weg.“, druckste der Journalist schließlich herum und nuckelte nun an seiner Bierflasche herum. Vitali erkannte sofort, dass sein Freund und Kollege sich vor der Antwort drückte, da dies wohl der wunde Punkt an dem Auftrag zu sein schien.

    „Ein klein wenig weiter? Etwa bis in die Nähe von Moskau?“, wollte Vitali zögernd wissen.

    „Ein kleines bisschen weiter ist es schon weg.“, nuschelte Sergej verlegen und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

    Vitali schüttelte entsetzt den Kopf und hob nun seinerseits abwehrend die Arme und erhob sich dann ruckartig von seinem Stuhl, um die Essensreste und zerknüllten Papiere wegzuräumen, wobei er sich demonstrativ von seinem Kollegen abwandte.

    „Wenn du mich bis auf die andere Seite des Kontinentes führen möchtest, irgendwo in Sibirien oder auf Kamtschatka, dann kannst du das gleich vergessen. Ich habe genügend Arbeit und habe nicht vor Sankt Petersburg länger als nötig zu verlassen.“, gab sich Vitali stur und Sergej musste daraufhin lachen.

    „Es ist schon schwer sich von einer gewissen französischen Nachbarin zu trennen, nicht wahr? Das hat wohl eher etwas mit der Liebe zum Charme der jungen Dame zu tun, als mit dem Wohlfühlfaktor von Sankt Petersburg!“, hielt Sergej dagegen und Vitali war froh, dass er sich gerade über den Mülleimer beugte, sodass sein Kollege nicht merkte, wie ihm die Schamesröte ins Gesicht geschossen war. Vitali fühlte sich seltsam ertappt und ärgerte sich, dass sein Kollege ihn schon so gut zu kennen schien. Doch offen wollte er dies natürlich ungern zugeben und versuchte somit vom Thema abzulenken.

    „Na schön. Dann sag mir bitte endlich, wo es denn hingehen soll.“, knurrte Vitali ein wenig ungehalten und machte sich nun an der Spüle zu schaffen, wobei er den Wasserhahn kurz aufdrehte, um sich flüchtig die Hände zu waschen.

    „Es geht in die Nähe von Murmansk.“, teilte Sergej schließlich mit und ließ die Katze aus dem sprichwörtlichen Sack. Verdattert drehte Vitali den Wasserhahn zu und wandte sich ungläubig zu Sergej um.

    „Sag das noch einmal, bitte. Ich habe das, glaube ich, nicht ganz richtig verstanden, wegen dem Wasserhahn.“, murmelte Vitali halb verwundert, halb unsicher.

    „Natürlich hast du das verstanden, altes Haus. Du bist doch sonst immer so auf Zack!“, gab Sergej spöttisch zurück.

    „Nach Murmansk? Verdammt, das ist ja eine halbe Ewigkeit weg! Das sind doch bestimmt fast zweitausend Kilometer!“, ereiferte sich Vitali ungläubig.

    „In Geschichte kennst du dich aus, aber in Erdkunde war ich schon immer besser als du. Das Ganze ist etwa eintausendvierhundert Kilometer entfernt, also halb so wild.“, schwächte Sergej ab und leerte den letzten Zug aus der Bierflasche.

    „Halb so wild, sagst du? Das ist immer noch eine halbe Ewigkeit. Wie zur Hölle sollen wir dort hin kommen?“, dachte Vitali direkt einen Schritt weiter.

    „Über die M 18, die Fernstraße. Die führt durch die gesamte Provinz Karelien, da hast du auch etwas fürs Auge.“, argumentierte Sergej.

    „Ich kann auch hier bleiben und nach nebenan gehen, da habe ich auch etwas fürs Auge.“, gab Vitali mit gespielter Empörung zurück.

    „Du alter Weiberheld, lass mich doch in Ruhe! Wenn du hier bleibst, bist du ein elender Warmduscher!“, neckte Sergej seinen Kollegen und beide mussten kurz lachen.

    Vitali nahm grinsend noch zwei Flaschen Baltika aus dem Kühlschrank und öffnete sie für seinen Freund und sich. Dann setzten die beiden sich wieder an den Tisch und blickten sich immer noch lachend an.

    „Können wir nicht mit der Murmanbahn fahren? Ein Zug von Sankt Petersburg direkt bis nach Murmansk, das bietet sich doch mal eher an!“, bemerkte Vitali schließlich, nachdem er einen kühlen Schluck genommen hatte.

    „Da kriegen wir auf die Schnelle keine Plätze mehr, außerdem wird das viel zu teuer.“, winkte Sergej ab und Vitali nickte verdrossen.

    „Und mit was für einem Wagen fahren wir dorthin? Dein Lada hat vor einer Woche bei der Verfolgungsjagd den Geist aufgegeben und ich habe nicht einmal einen Führerschein!“, beklagte sich Vitali, der unheilvoll daran dachte, dass er bereits dreimal durch die praktische Prüfung gefallen war und sich seitdem nicht mehr hatte blamieren wollen, zumal ihm zum damaligen Zeitpunkt das Geld ausgegangen war.

    „Da täuschst du dich, mein Bester! Ich habe den Lada in eine mongolische Werkstatt gebracht und die Leute haben ihn wieder auf Vordermann gebracht. Im Übrigen ganz kostenlos, da ich einmal einen Artikel über erfolgreiche Immigranten in Sankt Petersburg geschrieben habe und diese Werkstatt da in der Abteilung Kreativität und Kompetenz den ersten Platz in meinem Artikel belegt hat! Morgen können wir das gute Gefährt abholen.“, trällerte Sergej euphorisch und Vitali verdrehte die Augen.

    „Ich dachte, wir wollten bis nach Murmansk kommen und nicht schon ab Schlüsselburg per Anhalter weiterfahren!“, knurrte Vitali und Sergej blickte ihn gekränkt an.

    „Nun habe dich nicht so. Mein guter Lada ist wie neu geboren und es sollte eine Ehre für dich sein bei seiner neuen Jungfernfahrt sozusagen dabei zu sein.“, gab sich Sergej aufgekratzt.

    „Das Teil ist eine Titanic auf vier Rädern, was soll ich mich da bloß freuen?“, fragte Vitali in einer Mischung aus gespieltem Pessimismus und aufrichtiger Sorge.

    „Nun stell dich nicht so an, du Mimose. Außerdem habe ich ein paar neue Kassetten von Arija dabei. Da kann doch nichts mehr schief gehen!“, argumentierte Sergej und erhob sich mit einem Blick auf seine Uhr, da er noch einige Einkäufe für die große Reise organisieren wollte.

    Vitali stimmte dem Projekt inzwischen mit einer gewissen Vorfreude zu, auch wenn ihm der Lada ein wenig Kopfschmerzen bereitete. Und als Sergej zufrieden die Wohnung seines Kollegen wieder verließ, fragte sich Vitali ernsthaft, wie er die Zeit ohne seine neue Liebe bloß aushalten sollte und wie er der schönen Eva erklären sollte, dass er für einige Tage oder eher Wochen im fernen Norden war.

    Schließlich raffte sich Vitali noch einmal auf, verließ sein Apartment und klopfte am frühen Abend schweren Herzens an die Zimmertür der schönen Französin.

     

    Der junge Pawel fuhr mit seinem klapprigen und knatternden Mofa übereilig in die kleine verschneite Siedlung, die aus einigen trostlosen Plattenbauten, Wellblechhütten und Bauwagen bestand und rutschte auf dem ohnehin schon schwer befahrbaren Untergrund mit dem Hinterrad weg, sodass er überraschend Übergewicht bekam und mit dem Gefährt schmerzhaft auf die Seite fiel. Halb unter dem Mofa begraben schlitterte Pawel noch einige Meter weiter und wurde erst von einem Stapel zugefrorener Tonnen gestoppt. Knatternd erstarb der Motor, während sich die Räder noch quietschend durchdrehten.

    Pawel verschnaufte nicht einmal ein paar Sekunden, sondern wuchtete das Gefährt von seinem Körper, drückte es zur Seite und ließ es achtlos im Matsch liegen, während er zurück auf die einzige Straße des abgelegenen Dorfes hetzte. Er achtete nicht auf die kopfschüttelnden Blicke der meist älteren Leute, falls sich überhaupt jemand an den schmalen und vergitterten Fenstern der Bauten oder auf der dreckigen Straße sehen ließ.

    Pawel steuerte auf eine kleine Anhöhe an, auf der sich das einzige Gebäude befand, dessen Erscheinungsbild man überhaupt noch als einigermaßen angenehm bezeichnen konnte. Es war ein schmales Holzhaus und zeigte einige schöne Verzierungen in den Rahmen von Türen und Fenstern. Im Innern des Hauses war es zu jeder Jahreszeit sehr warm, was in diesem Dorf eine absolute Ausnahme war.

    Pawel hastete den schmalen Weg hoch und erblickte einen muskelbepackten und graubärtigen Russen, der grimmig eine Flasche billigen Fusel umklammert hielt und neben einer brennenden Tonne vor dem Haus saß. Als er den jungen Pawel erblickte, da grunzte er verhalten und erhob sich schwerfällig von seinem Platz. Der bullige Aufpasser packte ein uraltes, doppelläufiges Gewehr und richtete es auf den heranlaufenden Jugendlichen.

    „Was zur Hölle willst du hier?“, knurrte der Aufpasser übellaunig, doch Pawel ließ sich in seinem hitzigen Elan nicht aufhalten und stürzte schwer ächzend weiter voran, bis der grimmige Graubart ihm in den Weg trat, ihm einen Stoß in die Seite verpasste und Pawel der Länge nach hinfiel.

    Erst jetzt schien der junge Mann aus seiner Trance zu erwachen und starrte in abwehrender Haltung den Aufpasser völlig entgeistert an. Dieser knurrte zufrieden und spuckte aus seinem lückenreichen Mund ein Stück alten Kautabak auf den Jugendlichen.

    „Mach bloß, dass du Land gewinnst, du kleiner Scheißer!“, machte der grimmige Aufpasser Pawel an und dieser wirkte in diesen Momenten wie das gelähmte Kaninchen vor der Schlange. Der Junge begann nervös zu zittern und dies lag nicht allein an der eisigen Kälte des russischen Nordens.

    „Verdammt, hast du mich nicht verstanden, du elender Pisser? Steh auf oder ich mache dir Beine!“, drohte der Aufpasser mürrisch und trat drohenden Schrittes näher wobei er sein Gewehr entsicherte und mit trüben Blick den zitternden Jungen anvisierte, der starr vor Schreck war.

    Der Aufpasser verlor langsam seine ohnehin schon geringfügige Geduld und trat dem Jungen mit seinen ledrigen Schneestiefeln in die Seite, sodass dieser gequält aufstöhnte, bevor der bullige Angreifer sein gesamtes Blickfeld einnahm und breitbeinig vor dem Jugendlichen thronte. Der Aufpasser lächelte diabolisch.

    „Ich lass mich nicht verarschen, Kleiner, schon gar nicht von so einem Hänfling wie dir! Du weißt ja, dass die Festessen rar geworden sind und ich habe einen besonderen Heißhunger. Wenn du plötzlich in meinem Keller verschwindest, würde das weder jemanden stören, noch irgendwem großartig auffallen, du bist doch nur ein ungezogener Kurier und Waisenknabe!“, drohte der Aufpasser Pawel, der ängstlich das Gesicht schüttelte.

    Da öffnete sich plötzlich knarrend die Tür des hölzernen Domizils und schwere Schritte erklangen auf der kleinen Veranda.

    „Das wirst du schön bleiben lassen, Bruno! Lass den Kleinen durch, er möchte zu mir!“, befahl der hinaustretende Mann in dem dunklen Umhang und mit der schwarzen, lockigen Mähne seinem Aufpasser leise, aber mit sehr fester und drohender Stimme.

    Der Angesprochene zuckte überrascht zusammen, taumelte dann hastig von Pawel weg und salutierte gehetzt und ergeben. Erst jetzt erwachte der Jugendliche aus seiner Sarre und blickte in das faltige Gesicht des Schamanen, der erschienen war und in edle und warme Felle gekleidet war, während er selbst in seinen einfachen Kleidern, die er sich aus Containern zusammengeklaut hatte, im russischen Winter stark fror. Seine Füße waren schon ganz taub vor Kälte und er hoffte, dass der Schamane seine Dienste dadurch belohnen würde, dass er ihm ein warmes Bad bei ihm anbieten würde und eine warme Mahlzeit gab, wonach Pawel sich nunmehr schon seit Wochen sehnte. 

    Endlich stand der Jugendliche mit zittrigen Beinen auf, begegnete dem grimmige Blick des machtlosen Aufpassers, der ihm versprach, dass die Angelegenheit für ihn noch nicht geklärt, sondern lediglich verschoben war, und trat dann über einige knarrende Holzstufen auf die Veranda, wo der Schamane ihm zunickte. Pawel ging in die Knie und küsste unterwürfig die Hand des Schamanen, der daran zahlreiche Silberringe trug.

    Das alte Oberhaupt des Dorfes nickte gnädig und befahl dem Jungen mit einer raschen Handbewegung ihm zu folgen und in das Holzhaus zu treten, wo er die Eingangstür verschloss und noch einen grimmigen Blick auf den Aufpasser warf, der sich verbittert fluchend abgewandt hatte und wieder zu der brennenden Tonne trollte.

    Pawel staunte über die vielen Pelze, den warmen Kamin mit den Holzscheiten, die vielen alten Bilder und Jagdtrophäen an den Wänden und die durchaus anheimelnde Atmosphäre, die durch das Kerzenlicht und das Lodern des Kamins geschaffen wurde. Sie waren über die Terrasse in das Haus getreten und nicht durch den schmalen Haupteingang, wo sich Garderobe und Toilette, sowie der Zugang zum gewaltigen Kellergewölbe befanden.

    Pawel war überwältigt. Bislang hatte er den Schamanen nur in dem kapellenförmigen Gemeindehaus des Dorfes angetroffen, das als zweiter Ort in dem Dorf ein wenig edler wirkte, aber lange nicht so anheimelnd wie die private Unterkunft des Schamanen eingerichtet war. Heute befand er sich zum ersten Mal in seinem noch jungen Leben in dieser Wohnung und bekam eine angenehme Gänsehaut. Er verspürte eine feurige Erregung, denn er wusste, dass nur wenige Dorfbewohner dieser Ehre zuteil wurden.

    „Bitte nimm auf diesem Schemel dort Platz. Ich habe frischen Tee zubereitet. Möchtest du welchen haben?“, fragte der Schamane und wies auf einen einfachen Schemel vor einem verzierten Holztisch mit dem alten Samowar, während er selbst in einem mit edlen Fellen bespannten Sessel Platz nahm.

    Pawel nickte dankbar und nach der einladenden und gütigen Geste des Schamanen, der ihm seine Hand ausstreckte und sich diese wieder küssen ließ, nahm Pawel den dreckigen Plastikbecher vor ihm und füllte ihn mit dem Tee, der seltsam berauschend nach ätherischen Ölen duftete. Mit zitternden Händen schüttete der Jugendliche sich ein wenig aus, bevor er den Samowar mit gesenktem Kopf dem Schamanen reichte, der heiser lachte und sich eine weitaus größere Portion in eine golden verzierte Tasse ausschenkte und genüsslich an dem Tee roch. Der Schamane atmete tief durch und schien sich für einen Moment lang einem rauschhaften Zustand hinzugeben und seine Umgebung zu vergessen.

    Dann bemerkte der Schamane aus den Augenwinkeln, dass sein junger Gast verstohlen einen Schluck nehmen, wollte, doch da riss sich der Schamane aus seiner kurzzeitigen Trance, blickte den Jugendlichen streng aus seinen dunkelbraunen Augen und über seine hakige Adlernase hinweg an und machte eine herrische Geste.

    „Was hast du mir zu berichten, Eingeladener?“, fragte der Schamane und gab sich plötzlich ungehalten und sehr autoritär, was den nervösen Pawel, der von all den neuen Eindrücken ohnehin verwirrt war, noch mehr irritierte. Schließlich gab er eine stammelnde Antwort, nachdem er die Tasse Tee hektisch abgesetzt hatte und sich wie ein Dieb oder Verbrecher vorkommen musste, als der Schamane ihn so angeherrscht hatte.

    „Ich war an diesem Ort an der Küste, dort, wo die vielen fremden Männer in der Erde wühlen und nach alten Schätzen suchen. Es war sehr unheimlich und es waren so viele Fremde. Sie wirken gierig, sie wirken wie respektlose Räuber, die unsere heilige Erde beflecken und unsere heiligen Gottesstätten entweihen wollen.“, berichtete Pawel halb verunsichert, halb erbost in seiner eingeimpften Wut auf alles Fremde.

    „Das alles weiß ich längst! Du solltest mir über ihre genauen Ziele berichten!“, befahl der Schamane ungehalten und nahm keinerlei Rücksicht auf die Nervosität seines jungen Gastes, der verängstigt schaute und dann stotternd fortfuhr. Dabei schob er sich unruhig auf dem kleinen und ungemütlichen Schemel hin und her, während der Schamane sich majestätisch in seinen Sessel zurückgelehnt hatte.

    „Ich habe einige dieser bösen Männer bei Gesprächen im Ort belauschen können und einige Pläne aus den Zelten stehlen können. Es ist schrecklich, ich kann mir gar nicht vorstellen, dass sie das wirklich tun wollen, wovon sie gesprochen haben.“, stammelte Pawel und Tränen schossen in seine Augen, als der Schamane blitzartig hervorzuckte und sich von seinem Sessel grimmig zu dem Jugendlichen herüberbeugte und ihn stechend fixierte.

    „Wovon haben sie gesprochen?“, fragte der Schamane bebend vor Wut und Speichel flog über seine zitternden Lippen, während Pawel sich ängstlich nach hinten beugte und wie paralysiert in die starren und hypnotischen Augen seines Gegenübers blickte.

    „Es ist unerhört, Meister. Sie wollen in die heiligen Horte unter der Erde eindringen. Sie wollen das unterirdische Paradies unserer geliebten Gottheit schänden, das von unserer Ahnen erschaffen wurde. Sie wollen die Relikte der alten Zeit in die Museen der großen Städte bringen und die ganze Welt davon wissen lassen.“, berichtete Pawel zitternd und fiel taumelnd von seinem Schemel.

    Der Schamane stürzte aus seinem Sessel und stieß mit einem gewaltigen Urschrei den Tisch mit dem Samowar und der Tasse des Jugendlichen um. Bebend vor Wut trat der Schamane vor, packte den zitternden Jugendlichen am Kragen und zog ihn grob wieder auf die Beine, um ihn aus hervorstechenden Augen böse anzublicken.

    „Und du lügst mich nicht an?“, fragte der Schamane böse.

    „Nein, nein, Meister, habt Erbarmen. Ich schwöre, dass es die volle Wahrheit ist!“, flehte Pawel zitternd und litt Höllenqualen in dem festen Griff des alten Erwachsenen.

    Grimmig stieß der Schamane Pawel von sich weg und behandelte ihn wie eine lästig gewordenen Puppe, während der Junge mühsam sein Gleichgewicht hielt und weit zurücktaumelte, bevor er von einem Türrahmen unsanft gestoppt wurde und sich an diesem schmerzhaft den Kopf stieß. Erst jetzt fiel dem jungen Boten auf, dass der Schamane mindestens zwei Köpfe kleiner war als er und sehr niedrige Durchgänge im Haus erbaut hatte. Doch trotz der geringen Körpergröße wirkte der Schamane stets überlegen, erhaben und bedrohlich. Pawel machte sich vor Angst fast in die Hosen, obwohl er deutlich jünger, agiler und auch größer war, doch niemals hätte er es gewagt das große Oberhaupt anzugreifen oder es auch nur mit Worten anzufeinden oder anzuzweifeln.

    Der Schamane hingegen schritt unruhig in seinem graziösen Domizil auf und ab und schien seinen Gast kaum mehr zu bemerken, bis er schließlich herumfuhr und strammen Schrittes auf den ängstlich starrenden Pawel zuschritt und seinen ausgestreckten und knochigen Zeigefinger energisch auf die Stirn des Jünglings drückte, sodass dieser unter dem Druck im Türrahmen verschreckt zu Boden glitt.

    „Hör mir zu, Unglücksbotschafter! Ich habe einen neuen Auftrag für dich. Organisiere dich mit deinen beiden Gleichgesinnten und Gleichaltrigen aus dem alten Waisenhaus! Ich gebe euch den Auftrag diese entsetzliche Schändung der heiligen Stätten unserer Gottheit zu verhindern. Wie ihr dabei vorgeht, ist mir völlig egal. Notfalls müssen diese Ketzer sterben. Geht zum alten Schmied in unserer Gemeinde und nehmt die Dinge und Waffen, die ihr benötigt. Vernichtet dieses Archäologenteam, vertreibt sie aus unserem Paradies! Alle Mittel seien euch drei Jungspunden erlaubt! Aber wenn ihr innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden euer Ziel nicht erreicht habt, dann werden wir euch einfangen und ihr werdet am großen Festfeuer öffentlich hingerichtet! Und denkt nicht einmal an eine Flucht, ich habe meine Augen überall, ich kann jederzeit sehen und fühlen, was ihr macht, was ihr plant und was ihr denkt! Es geht um die Wahrung unserer Ehre und um euer Leben. Es geht um dein Leben!“, herrschte der Schamane den schluchzenden Jüngling an und tippte ihm grob mit seiner knorrigen Hand gegen die Brust, bevor er den Burschen am Kargen packte, auf die Beine zerrte, ihm eine schallende Ohrfeige verpasste und dann zurück zu der Veranda drängte.

    „Geh nun und erfülle deine Pflicht! Bruno wird dich zum Schmied begleiten!“, rief der Schamane mit lauter Stimme, nachdem er die quietschende und scharrende Tür aufgerissen hatte, sodass auch der mürrische Aufpasser den Befehl mitbekam.

    „Anschließend bringt Bruno dich zu deinen Freunden Tolik und Fjodor! Du weißt worum es geht! Enttäusche mich nie oder du wirst mit deinem Leben bezahlen müssen!“, drohte der Schamane dem verängstigten Jüngling knurrend, und stieß ihn über die Schwelle der Veranda hinaus in die Kälte, wo Pawel noch ein letztes Mal enttäuscht und benommen auf den Schamanen stierte und dann wie ein begossener Pudel die Treppe hinabtaumelte, wo ihn ein gefällig grinsenden Aufpasser empfing, herumriss und sich dann mit ihm auf den Weg zum Schied im Dorf machte.

    Der Schamane blickte ihnen noch lange und grimmig von der Veranda aus nach, bevor er endlich zurück in sein Domizil kehrte. Er war geladen vor Wut und Rachsucht und obwohl er deutliche Worte gegenüber Pawel gefunden hatte, wollte er nicht allein auf die Kompetenz von drei Halbstarken vertrauen, die er sich eher spontan in dieser Extremsituation zu Nutzen gemacht hatte. Er selbst wollte eine noch mächtigere Institution anrufen und diese um Unterstützung bitten und sie gleichzeitig warnen. Er musste und wollte alles tun, um die Entweihung des Gotteshortes zu verhindern.

    In geschäftiger Eile bereitete der Schamane die wichtigsten Utensilien für sein Ritual vor und war erfüllt von einer unbändigen Entschlossenheit. Dann sammelte er all seine Kraft und Erfahrung und begann dann mit einem schwarzmagischen Ritual, das ihn schon seine Vorfahren gelehrt hatten.

     

    Vitali atmete tief durch, als ihm seine Freundin freudestrahlend die Tür öffnete und ihn sanft umarmte. Auch wenn auf den Straßen der Stadt noch frostige Temperaturen herrschten, so ging für Vitali beim Anblick der grazilen Französin die Sonne auf. Sie trug ein luftiges Kleid mit vielen bunten Tupfern, das ihre Figur sanft umschmeichelte und bis zu ihren glatten Waden hinabreichte. Die Französin trug ein wenig hochhackige, kunstvoller verzierte silbrige Schuhe und wirkte darin sehr elegant. Ihre Haare waren frisch frisiert und waren leicht gelockt. Die Französin war nur leicht geschminkt, denn auch so wirkte ihr Gesicht auf natürliche Weise frisch und schön.

    Vitali erwiderte die innige Umarmung, doch seine Freundin hatte schon intuitiv bemerkt, dass der Journalist nicht ganz bei der Sache war und sich irgendwie unwohl in seiner Haut fühlte. Die Französin blickte ihn aus ihren strahlenden Augen fragend an, war aber diskret genug, um Vitali erst in die Wohnung zu bitten, die Tür hinter ihm zu schließen und mit ihm auf der Bettkante in ihrem Schlafzimmer Platz zu nehmen, bevor sie ihn ansprach. Vitali schätzte diese respektvolle, sanfte Art seiner Freundin, die er als äußerst feminin und höflich empfand.

    „Schön, dass du gekommen bist. Ich hatte einen anstrengenden Tag. Die Proben für die Aufführung unseres Theaterstückes laufen auf Hochtouren, in zwei Wochen findet die erste Aufführung statt und das wird vor knapp eintausend Leuten sein, kannst du dir das vorstellen? Sogar der Bürgermeister soll dabei sein und sich das gesamte Programm anschauen. Es spielt auch das staatliche Orchester und einige besonders talentierte Jugendgruppen aus ganz Russland sind dabei!“, berichtete Eva Maelle Lavoie und ihre glockenhelle Stimme wirkte ebenso fröhlich, wie ihr strahlendes Lächeln, als sie an diese Aufführung dachte.

    „Darf ich denn auch dabei sein oder bin ich für den Abend nicht vornehm genug?“, fragte Vitali sanft und seine Freundin legte ihm lachend ihre feinen Hände auf die Schenkel. Der junge Russe war sofort wie elektrisiert.

    „Ich habe eine Karte für dich zurücklegen lassen, mein Lieber. Für die erste Reihe hat es nicht gereicht, aber dafür für einen guten, mittigen Platz in Reihe vier.“, lachte die Französin fröhlich und ging zu dem kleinen Nachttischchen, aus dem sie einen Umschlag herausholte und ihn feierlich dem gerührten Journalisten in die Hände drückte.

    „Du denkst wirklich an alles. Du bist so aufmerksam, so galant zu mir. Ich wünschte, ich wäre das auch zu dir und könnte dir all das bieten, was du mir gibst.“, murmelte Vitali ergriffen und blickte die Französin verliebt und mit Tränen in den Augen an, als er daran dachte, dass er gleich den Grund seines Kommens offenbaren musste.

    „Ich bin völlig zufrieden mit dir, mein Lieber. Jetzt musst du nur noch eine einigermaßen positive Kritik über das Stück schreiben und ich bin glücklich.“, flüsterte die Französin fröhlich und strich dem Russen mit ihren Händen sanft durch dessen halblanges Haar.

    Mit einem wohligen Schaudern öffnete Vitali den Umschlag und nahm eine goldblau verzierte Karte daraus hervor und blickte überrascht darauf. Dann blickte er seine Freundin an und nickte anerkennend.

    „Ihr spielt ja sogar im Theater na Litejnam.“, staunte Vitali und freute sich für seine Freundin.

    „Ja, es liegt sehr zentral und hat einen guten Ruf. Wer weiß, vielleicht werden einige von uns sogar mal ganz groß herauskommen und im Großen Dramentheater oder im Alexandrinskij Theater spielen.“, meinte Eva verträumt und lächelte ihren Freund glückselig an.

    Dieser blickte ein wenig betreten auf die schöne Karte und gab sich dann endlich einen Ruck. Er wollte nicht länger ein schlechtes Gewissen haben und das Problem vor sich her schieben, sondern es nun endlich lösen.

    „Leider habe ich eine nicht ganz so gute Nachricht für dich.“, begann Vitali zögernd und legte die Karte vorsichtig beiseite. Eva blickte ihn mit sorgenvoll gerunzelter Stirn an und tastete nach seiner Hand.

    „Das klingt aber nicht gut.“, meinte sie besorgt und suchte den Blickkontakt mit ihrem Freund, der ihr ein wenig auswich.

    „Du brauchst keine Angst zu haben, es ist nichts Schlimmes. Ich muss dich nur für ein paar Tage verlassen. Andrej hat uns einen guten Auftrag an Land gezogen. Wir sollen exklusiv über archäologische Ausgrabungen in Nordrussland berichten.“, ließ Vitali mit matter Stimme endlich die Katze aus dem Sack.

    „Aber das ist doch nicht schlimm! Im Gegenteil, ich freue mich für dich! Das wird bestimmt eine unglaublich spannende Erfahrung für dich.“, gab sich Eva optimistisch und verbarg ihre persönliche Trauer um den Abschied von ihrem Freund gekonnt, sodass dieser sie zweifelnd anblickte und leicht den Kopf schüttelte.

    „Im Grunde hast du recht. Aber kaum kehrt hier in Sankt Petersburg der Frühling ein, da treibt es mich auch schon in den frostigen Norden und ich weiß nicht einmal, wie lange wir dort bleiben werden.“, beklagte sich Vitali, der sogar schon ein wenig bereute auf das Angebot seines Freundes eingegangen zu sein.

    „Aber zu unserer Theateraufführung wirst du doch wieder zurück sein, nicht wahr?“, fragte Eva leise und blickte Vitali unsicher an.

    Da ergriff der junge Journalist entschlossen ihre weiche und grazile Hand, zog sie an sein Gesicht und küsste sie. Dann nickte er ihr entschlossen zu und sah sie fest dabei an.

    „Das verspreche ich dir. Ich werde da sein, koste es, was es wolle!“, gab er sich entschlossen und er sah ein schüchternes und vorsichtig optimistisches Lächeln auf dem Gesicht seiner Freundin erscheinen, sodass er selbst ein wohliges Schaudern bekam.

    „Dann ist doch alles wunderbar. Du solltest positiv an die Sache herangehen. Der hohe Norden ist bestimmt landschaftlich wunderschön und man kommt ja auch nicht alle Tage dorthin.“, freute sich Eva und hauchte Vitali einen sanften Kuss auf die Wange.

    „So ähnlich hat Sergej auch schon argumentiert. Aber ich habe irgendwie ein ungutes Gefühl bei der Sache.“, murmelte Vitali verdrießlich und zuckte gleichzeitig hilflos mit den Achseln.

    „Aber wieso das denn?“, wollte Eva besorgt wissen und ihr Freund zuckte erneut nur mit den Achseln und wirkte irgendwie unschlüssig.

    „Ich kann es dir nicht sagen. Es ist mehr so eine Intuition. Ich weiß selbst nicht so genau, woher das kommt.“, versuchte er seine Gedanken und Gefühle zu umschreiben und Eva schmiegte sich währenddessen eng an ihn und blickte ihn verliebt an.

    „Ich weiß, dass vor nicht allzu langer Zeit einige schreckliche Dinge geschehen sind. Ich weiß auch, dass wir diese Dinge niemals verdrängen können und sie uns für immer verändert haben. Aber du solltest dich aus dieser nachdenklichen Melancholie herausreißen, deine Zweifel und deinen Pessimismus ablegen. Du wirkst in letzter Zeit so kritisch und introvertiert, dabei hast du dazu gar keinen Grund. Für mich bist du ein Held und dank dir darf ich mein Leben weiterleben und es in vollen Zügen genießen. Man muss sich von der Vergangenheit lösen und nach vorne blicken und gerade du solltest das tun.“, meinte Eva ruhig und Vitali war von den weisen und sanftmütigen Worten seiner Freundin wieder einmal berührt und fasziniert.

    „Ich weiß, dass du recht hast, aber manchmal holt die Vergangenheit uns auch ein.“, gab sich Vitali immer noch ein wenig betrübt, bis seine Freundin ihn sanft umarmte und ihr Gesicht an seine Schultern drückte und ihren Körper langsam vor seinen schob.

    „Das kann sein. Aber das liegt in weiter Ferne. Was jetzt nur zählt, ist das Hier und Jetzt.“, gab sich die Französin überzeugt und küsste ihren Freund mit einer feuriger Leidenschaft, der sich Vitali nicht entziehen konnte und die ihn seine negativen Gedanken vergessen ließ.

     

    Erleichtert gab er sich der erotischen Ablenkung hin und schwebte ein letztes Mal im siebten Himmel ohne an den kommenden Abschied zu denken. Er wusste, dass er seine frische Liebe leidenschaftlich vermissen und jede einsame Stunde ungeduldig zählen würde. Doch ihm war auch bewusst, dass diese kurze Trennung die erste Prüfung für die Zukunft werden würde. Denn Vitali dachte nicht nur daran, dass er als Journalist und sie als Schauspielerin oft unterwegs sein würden, sondern auch schmerzlich an die Tatsache, dass es die schöne Französin wohl in nicht allzu weiter Ferne wieder zurück zum Studium nach Frankreich ziehen würde. So war er dankbar die schrecklichen Erlebnisse der jüngsten Vergangenheit und die drohenden Schicksalsschläge der nahen Zukunft in trauter Zweisamkeit hemmungslos zu vergessen.

     

    Mit grimmig frostiger Miene stand der düstere Schamane vor dem mit Moosen und Flechten überwucherten alten Opferstein im Zentrum des verfallenen Friedhofes in der kargen Einöde, in die sich kaum ein Mensch verirrte. Er hatte mit einem alten und klapprigen Geländewagen einen unheimlichen Wald durchquert und vom Dorf aus einen weiten Bogen um den Ausgrabungsort gemacht, bei dem es vor ungebetenen Gästen nur so wimmelte. Der alte Schamane hatte einen unbändigen Hass auf alles Fremde, das in seinem abgeschiedenen Dorf Zwietracht zu säen vermochte. Er profitierte von der Armut, der Furcht und der Unwissenheit der Bevölkerung und lebte wie eine Made im Speck. Er lebte in einem luxuriösen Haus, er bestimmte über wirtschaftlichen Handel, Schulbildung und die gesamte soziale Hierarchie im Dorf. Er nahm sich das Recht junge kritische Stimmen brutal zum Schweigen zu bringen oder eines der jungen Mädchen zu sich nach Hause zu nehmen und zu vergewaltigen. Er konnte sich erlauben, was er nur wollte. Er war der unumstrittene Leitwolf in dem isolierten Dorf. Er war ein gefürchteter wie respektierter Diktator ohne Gnade. Er war der König einer ganzen Gesellschaft, von der kaum jemand wusste, dass sie existierte. Nur ein Wesen stand über ihm. Die Gottheit aus dem ewigen Eis, welche das Dorf schützte, aber sich auch gegen die Bevölkerung stellen konnte, wenn man ihm nicht weiter Opfer brachte oder jemand aus dem Ort die Autorität des Schamanen in Frage stellte.

     

    Das jedenfalls ließ der Schamane sein Volk glauben. Die Wahrheit sah ganz anders aus. Die Gottheit war in Wirklichkeit vor fast zweihundert Jahren unter den Trümmern des in sich zusammenstürzenden Höhlensystems auf ewig begraben worden. Ein rachsüchtiger ehemaliger Bewohner des Dorfes hatte sich damals auf martialische Art und Weise das Leben genommen und fast die gesamte Bevölkerung mit sich in den Tod gerissen. Nur wenige hatten das Desaster damals überlebt. Darunter waren die Vorfahren des Schamanen, die sich in den verkrüppelten Wäldern nahe der Küste ein neues Dorf aufgebaut hatten. Jahrelang hatten sie der verschollenen Gottheit Opfer dargebracht und gebetet, dass sie als Heilspatron zurückkommen und sie schützen möge. Diese Hilferufe waren ungehört verhallt, doch die Familie der Schamanen beschloss die Legende weiter aufrecht zu erhalten und schaltete systematisch alle Mitwisser aus, um ein kleines Imperium der Ignoranz, der Isolation und des Terrors aufzubauen, das bis heute andauerte.

     

                Die Ankunft der Archäologen in der Region bedeutete für den Schamanen höchste Gefahr. Wenn diese unliebsamen Schnüffler auf die verrotteten Skelette des Gottes aus dem Eis stoßen würden und diese Entdeckung dann an die Öffentlichkeit drang, wäre es mit der Diktatur des Schamanen schnell vorbei.

     

    Doch der Schamane hatte seine letzten Trümpfe noch nicht ausgespielt. Mit einem fiebrigen Glanz in seinen Augen nahm er einen Schluck des berauschenden Tees aus einem schmalen Ledertrinkbeutel und machte sich mit grausamem Mut an sein okkultes Schauritual, das nur einem einzigen Zweck dienlich war. Er betrachtete den verbogenen Eisenkäfig, den er mit sich zu dem ehemaligen Altar geschleppt hatte. Darin verharrte ein pechschwarzer Kolkrabe. Er züchtete eine ganze Kolonie dieser Tiere in dem weitläufigen Kellergewölbe seiner Residenz, in der noch ganz andere unfassbare Dinge zu finden waren. So gab es dort mehrere Kühlkammern, in denen er die zerstückelten Leichen mehrerer verschwundener Dorfbewohner aufbewahrte. Natürlich waren diese Dorfbewohner nicht wirklich verschwunden. Er hatte seine Kritiker von seinen Handlangern wie dem treudoofen Bruno hinrichten lassen und nur die Jungfrauen, die er aus seiner animalischen Lust erst vergewaltigte und dann zerstückelte, selbst dort verfrachtet. Wer einmal in den Genuss von Menschenfleisch gekommen war wie der Schamane, der wollte nie mehr etwas Anderes speisen. Dies hatten ihn schon seine Vorfahren gelehrt. Manche im Dorf hatten wohl den Verdacht, dass der Schamane hinter dem seltsamen Verschwinden der jungen Menschen stecken konnte, aber das störte ihn nicht. Im Gegenteil, diese Angst machte ihm das Volk noch mehr untertan und lähmte es geradezu.

     

    Jetzt öffnete der Schamane langsam einige Verschlüsse am Eisenkäfig und schwang vorsichtig eine Tür auf. Der Kolkrabe wollte dem Gefängnis entfliehen, aber der Schamane war diesem Widerstand bestens gewappnet. Er packte das Tier brutal am Hals und zerrte es ohne Rücksicht auf Verluste aus seinem Käfig. Der Rabe schnappte und kratzte um sich, aber der Schamane lachte nur dreckig. Er trug lange, solide und mehrfach beschichtete Handschuhe, durch die das Tier mit seinem spitzen Schnabel niemals durchkommen würde.

     

    Der Schamane stand auf, ging in Richtung des Altars und hielt gestenreich den Kolkraben über den verwilderten Opferstein. Dann griff er zu einem uralten Krummdolch, der in einem Lederetui mit Hilfe eines edel verzierten Gürtels um seine Taille geschlungen war. Genussvoll nahm er den Dolch, murmelte ein paar Verse und drückte die Ritualwaffe langsam an die Kehle des krächzenden Tieres. Der Schamane war immer wieder fasziniert davon, wie schnell und definitiv der letzte Lebenswille aus solch einem Wesen herausquellen konnte. In dieser Hinsicht waren Tiere und Menschen genau gleich und ließen sich von panischen Instinkten leiten, um sich vergeblich gegen das Unvermeidliche aufzustemmen.

     

    Der Schamane genoss diesen Moment der Macht für einige Sekunden. Da war wieder das glorreiche Gefühl der Allmacht, das gleißend ihn im aufwallte. Dann besann er sich und fokussierte sich auf sein Spektakel. Mit einem Ruck schlitzte er dem Kolkraben die Kehle durch, sodass das Blut auf den Opferstein spritzte, auf den der Schamane das sterbende Tier legte, das in wilden Zuckungen sein Leben aushauchte.

     

    Fasziniert schaute der Schamane diesem Todeskampf zu, bevor er einige Beutel aus seinem Rucksack ergriff, in denen sich verschiedene Kräutersorten befanden, die er mit gezielten Gesten über dem Opferstein verstreute. Es handelte sich um Kräuter, die er selbst in einem unterirdischen Gewächshaus anbaute, nämlich Estragon, Fenchel und Thymian. Zuletzt kippte er aus seinem alten Samowar ein wenig von dem berauschenden Tee über den toten Raben und die Kräuter. Danach betrachtete er kritisch sein Werk, grunzte zufrieden und ging mit einem kalten Lächeln und theatralisch ausgebreiteten Armen vor dem Altar in die Knie.

     

     „Ehrwürdige Gottheit aus dem Eis, erhöre mich. Erhöre mich und sende mir die unschuldigen Seelen derer, die einst die Ära des Bündnisses zwischen dir und meinem Volk einläuteten. Schicke mir durch deine Hexenmagie der eisigen Unterwelt die Jungfrauen Irina, Oxana und Sinaida zurück in diese Welt. Schicke mir sie um dein Wohl und das meines Volkes zu bewahren. Schicke ihre gnädigen Seelen in die körperlichen Hüllen derer, die bei dem Opferstein in den Kellern meiner Residenz ruhen, auf dass sie in meinem Namen die Störenfriede aus dieser Gegend zu tilgen vermögen! Du große Gottheit, vereinige die Seelen der Ketzerinnen von damals mit den Körpern der drei ungläubigen Weiber von heute.“, begann der Schamane und schrie seine Worte gegen Ende immer gutturaler, krächzender und wahnwitziger der kalten und sich senkenden Frühlingssonne entgegen.

     

     

     

    Der Schamane war nicht der einzige, der diesem unheilvollen Ritual beiwohnte. In sicherer Entfernung am Waldesrande hockten drei ältere bärtige Männer im Eis und beobachteten das unheilvolle Ritual mit Hilfe einiger alter und halb blinder Ferngläser. Diese waren eigentlich kaum nötig, da sie relativ freie Sicht auf diese Zeremonie hatten und der Schamane so laut schrie, dass sie klar und deutlich jedes Wort vernahmen.

     

    Die drei Männer aus dem Dorf waren dem Schamanen in einem klapprigen alten Lada unauffällig gefolgt, den sie rasch im Unterholz versteckt hatten und beobachteten das Ritual mit gemischten Gefühlen.

     

    Der alte Feodor überwand als erstes sein andächtiges Schweigen und wandte sich an seine beiden Begleiter. Sein Gesicht wirkte eingefallen und grau, aber in seinen trübblauen Augen blitzte die Lebenslust auf, als er die Beschwörung des Schamanen vernahm.

     

    „Da habt ihr es gehört! Die Seelen der drei Toten sollen in drei körperliche Hüllen eindringen, die im Kellergewölbe des Schamanen aufbewahrt werden. Ich hatte es euch doch gesagt und ich habe recht behalten.“, ereiferte sich der Alte mit zittriger Stimme.

     

    „Ich weiß nicht. Mir erscheint das Ganze zu simpel. Irgendetwas stimmt mit diesem Ritual nicht. Ich glaube nicht an diese Geschichten von Seelenwanderung und schwarzer Magie. Ich denke sogar, dass es diese Gottheit aus dem Eis nie gegeben hat!“, knurrte Lew skeptisch. Er war der Jüngste unter ihnen und ein muskelbepackter sowie simpel gekleideter Holzfäller in dessen Seele Hass, Kälte und eine zynische Rachsucht herrschten. Der dritte Mann sah ihn auch gleich bestürzt an.

     

    „Halte den Mund, du Frevler! Der Schamane mag ein Tyrann sein, aber durch deine Worte wirrst du die Gottheit aus dem Eis erzürnen. Wenn sie über unser Dorf kommt, dann werden wir uns noch nach den Tagen der grausamen Herrschaft des Schamanen zurücksehnen!“, mahnte Jermolaj. Er war der ängstlichste, ärmste und schmalste unter ihnen und man hatte ihm schon viel Mut zureden müssen, um die anderen beiden auf ihrer Verfolgung zu begleiten. Wenn der Schamane herausfand, dass sie ihm nachspionierten und gar misstrauten, dann war es aus mit ihnen, da war sich Jermolaj ganz sicher.

     

    „Unsinn! Die Angst und das Unwissen verblenden uns, aber damit soll jetzt Schluss sein. Meine Frau hat die Flucht aus dem Dorf geschafft und auch wir werden es ihr gleich tun und die Schreckensherrschaft der Schamanensippe ein für alle Mal beenden!“, entgegnete Lew barsch.

     

    „Deine Frau wurde von der alten Gottheit gefressen. Sie hat es nicht einmal bis zur Fernstraße geschafft.“, entgegnete Jermolaj mit zittriger Stimme.

     

    „Solange ich nicht ihre Leiche gesehen habe, glaube ich kein Wort. Meine Lisa hat es geschafft, daran glaube ich ganz fest. Nur dieser Glaube treibt mich noch an!“, beschwörte Lew und sprach dabei mehr zu sich selbst als zu seinem Gegenüber.

     

    „Für eure Streitereien ist jetzt keine Zeit. Das Ritual des Schamanen ist beendet. Wir müssen uns jetzt beeilen, bevor es zu spät ist!“, warf der wachsame Feodor ein, richtete sich im Rückwärtsgang langsam auf und warf noch einen letzten Blick über die Einöde zu dem Schamanen, der sich vor dem Opferstein sieben Mal verbeugt hatte und nun den Rückweg antrat. Hatte er sie bemerkt?

     

    Feodor kniff die Augen zusammen. Nein, der Schamane erweckte nicht den Eindruck, als ob er ihre Anwesenheit registriert hätte. Damit dies auch so blieb, mussten sie sich dringlichst beeilen. Es bedurfte keiner weiteren Worte. Sie wussten was zu tun war und huschten wie Schatten in der Abenddämmerung in Richtung ihres alten Wagens um den Rückweg ins Dorf anzutreten.

     

     

     

                Angestrengt starrte Inspektor Mitrofan Anatoljewitsch Bukafeev durch das dichte Schneegestöber, das über der zerfurchten Fernstraße nach Murmansk wie ein Schleier lag. Mit einer Hand schaltete er sein Diktiergerät ein und räusperte sich geräuschvoll. Er nahm seine Hand vom Lenker, um die eng sitzende blutrote Krawatte, die seinen eleganten Anzug vollendend veredelte, etwas lockerer zu machen. Je näher er Murmansk kam, desto unwohler fühlte er sich. Es war also Zeit, seiner Sekretärin wieder einmal eine Nachricht zu hinterlassen.

     

                „Verehrte Kapitolina, es ist Donnerstag Abend und exakt siebzehn Uhr und sechs Minuten.“, begann der Inspektor mit einem kritischen Blick auf seine edle Armbanduhr. Er hatte ein Faible für elegante Accessoires und technische Spielereien. Sein ganzer edler Mercedes war mit diversen Zusatzeinbauten ausgestattet, die ihn eine Stange Geld gekostet hatten. Dieses Geld hatte er als Witwer aus dem Erbe seiner Frau erhalten, deren Eltern in der Ölbranche tätig gewesen und bei einem Staatskomplott kurz vor Ende der Sowjetunion einem arrangierten Unfall zum Opfer gefallen waren. Mit durchgeschnittenen Bremskabeln war ihr edler Importwagen geradewegs auf einer schmalen und hügeligen Landstraße irgendwo in Tschetschenien eine Böschung hinuntergerast und explodiert. Ihre Tochter hatte ein nicht minder hartes Schicksal getroffen. Die junge Anwältin war in ihrer Mittagspause in einem Vorort Krasnodars in einem einfachen Supermarkt von schießwütigen Rebellen zum unheilbaren Krüppel geschossen worden. Erbeutet hatten die Rebellen in dem Supermarkt ganze dreihundertsiebenundneunzig Rubel. Eine Woche später hatte sich die entstellte junge Frau mitsamt ihre Rollstuhl aus der dreizehnten Etage ihres Krankenhauses gestürzt. Sie war auf der Stelle tot gewesen.

     

                Dreihundertsiebenundneunzig Rubel! Das war also der Preis für ihr Leben gewesen. Mitrofan schluckte, wischte sich abwesend durch seine tränenverschleierten Augen und sprach dann langsam weiter in sein Diktiergerät.

     

                „Geschätzte Kapitolina, ich befinde mich noch etwa fünfunddreißig Kilometer südlich von Murmansk. Etwa hier ist Lisa Alexandrowna Tserkova von einem Fernfahrer am Straßenrand entdeckt worden, als dieser sich kurz erleichtern wollte. Hier ist weit und breit nichts und nur grauweiße Einöde. Es ist ein Wunder, dass diese Frau entdeckt wurde und in der Kälte überlebt hat. Ihre Geschichte ist schier unglaublich. Viele tun ihr Gerede als Spinnerei ab und sagen, dass die Kälte ihren Geist umnebelt hat. Meine Kollegen sagen, es hätte ein Familiendrama gegeben und ihr Mann hätte sie in der Kälte ausgesetzt. Ich habe in all ihrer Verwirrung aber auch eine Ehrlichkeit erkannt. Mein Gespür für Menschenkenntnis hat mich noch nie betrogen, Kapitolina! An ihrer Geschichte ist etwas dran. Das isolierte Dorf, das von einem wahnsinnigen Tyrannen beherrscht wird, der sich selbst als Schamane bezeichnet, soll ganz hier in Küstennähe bei den Ausgrabungsorten liegen, wo sich derzeit Dutzende von Wissenschaftlern tummeln. Wenn ihre Geschichte wirklich stimmt, dann sind all diese Menschen in großer Gefahr. Bald werde ich dieses Dorf erreichen. Vorher aber werde ich mir eine Unterkunft suchen, eine heiße Dusche nehmen und mir eine Schüssel gute Borschtsch genehmigen. Es geht nichts über ein gutes heißes Mahl und ein kurzes Entspannungsbad, das unsere kleinen grauen Zellen wieder ans Laufen bringt. Ich gehe in dieser tristen Einöde bald ein. In den letzten zwei Stunden sind mir ganze vierzehn Autos entgegen gekommen. Ich will dieser Monotonie entkommen und endlich wieder mit richtigen Menschen sprechen, um vielleicht mehr über dieses Todesdorf zu erfahren. Entschuldige vielmals, Kapitolina. Ich bin bald da. Ich werde mich wieder melden. Es ist jetzt siebzehn Uhr und neun Minuten.“, sagte Inspektor Mitrofan und beendete mit einem sanften Fingerdruck die Aufnahme.

     

                Mit einem schweren Seufzer verstaute er das Diktiergerät in seinem Handschuhfach und erblickte ein verblichenes Straßenschild, das den Weg nach Murmansk wies. Noch neunundzwanzig Kilometer trennten ihn von der Stadt und ein bisschen mehr von seinem eigentlichen Ziel.

     

                Voller Müdigkeit rieb sich der erschöpfte Inspektor die Augen. Er war schon lange unterwegs und das dichte Schneegestöber wie auch die unberechenbare Fahrbahn verlangten ihm ein Höchstmaß an Konzentration ab. Diese ließ nun langsam nach und Mitrofan musste sich mehrfach zwingen wachsam zu bleiben.

     

                Da stürzte plötzlich ein massiver dunkelbrauner Schemen von der rechten Seite aus dem Wald und auf die Fahrbahn. Mitrofan reagierte gerade noch rechtzeitig und mehr unterbewusst oder instinktiv. Er trat das Bremspedal durch und riss das Lenkrad nach links zur Seite, um dann sofort wieder gegenzusteuern, da er nicht im Graben der Gegenfahrbahn landen wollte. Sein Wagen schlingerte und die Reifen quietschten protestierend auf. Hart wurde der müde Inspektor in seinem Sitz hin und her geschleudert und der Fahrgurt schnürte ihm beinahe die Luft ab.

     

                Seine Bemühungen blieben nicht unbelohnt. Knirschend kam der Wagen quer auf der Fernstraße zu stehen und das verdutzte Ungetüm blickte ihn eher neugierig als verängstigt aus ein paar Zentimetern Entfernung an. Es war einfach mitten auf der Fahrbahn stehen geblieben und als Mitrofan seine etwas altertümlich wirkende Brille wieder auf seiner Nase zurecht rückte und tief durchatmete, da erkannte er auch das Wesen mit dem er um ein Haar kollidiert wäre, wenn er nicht so schnell agiert hätte und bei dem Wetter nicht ohnehin sehr langsam gefahren wäre. Es handelte sich um einen zotteligen Elch, der jetzt mit tapsigen Schritten auf seinen dünnen Beinen, die so gar nicht zum kräftigen Rest des Körpers passen wollten, in Richtung der anderen Straßenseite trottete. Er röhrte laut und schüttelte sein längliches und flach zulaufendes Maul, wobei er sein beeindruckendes Geweih gen Himmel reckte. In gebührendem Abstand folgten dem kräftigen Tier eine Elchkuh mit zwei Kälbern, die nun ebenfalls die Fahrbahn überquerten.

     

                Mitrofan atmete tief durch und wollte zunächst ungeduldig auf die Hupe drücken, doch er besann sich eines besseren. Nach wenigen Sekunden waren die Elche auch schon im dichten weißen Dickicht verschwunden und Mitrofan überprüfte mit kurzem Blick, ob alle Anzeigen seines Wagens noch im grünen Bereich waren. Zufrieden nickend brachte er den abgewürgten Motor mühsam wieder ans Laufen und setzte schlitternd seinen Weg fort, wobei er jetzt noch langsamer fuhr als zuvor und auch wieder schlagartig hellwach war.

     

                Er seufzte noch einmal und wischte sich den restlichen kalten Angstschweiß von der Stirn. Er betete inständig, dass dieses beinahe schicksalhafte Zusammentreffen mit der Tierwelt des russischen Nordens kein schlechtes Omen für ihn werden würde.

     

     

     

                „Ich hatte dir doch gesagt, dass wir es mit deiner verdammten Klapperkiste nicht bis in den hohen Norden schaffen würden.“, monierte Vitali und verscheuchte mehr schlecht als recht hustend den beißenden Rauch, der in trägen Schlieren von der Kühlerhaube des erst kürzlich reparierten Ladas in den dunkelnden Winterhimmel stieg.

     

                „Da liegst du nicht ganz richtig. Du dachtest doch, dass wir schon bei Schlüsselburg schlapp machen. Wir sind hier immerhin zwischen Kandalakscha und Poljarnyje Sori. Wir haben es also locker bis in die Oblast Murmansk geschafft.“, widersprach Sergej mit einer Mischung aus Humor und Kränkung während er sich mit einem paar alten Handschuhen an der Kühlerhaube seines Wagens zu schaffen machte. Aus dem Wagen selbst schallte noch energisch und stur die Musik eines alten Albums der russischen Heavy Metal Legende Master.

     

                Trotz der prekären Situation musste Vitali lächeln. Sein Freund und Kollege ließ sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen und nahm selbst die schlimmsten Geschehnisse immer mit einer Portion Humor. Er wirkte trotz einer gewissen natürlichen Hektik immer auf alle Unmöglichkeiten des alltäglichen Lebens vorbereitet. Doch auch der fuchsige Journalist musste bei dieser Panne nach einigen Minuten passen und legte fluchend Handschuhe, Schraubenschlüssel und Hammer weg. Ernüchtert klappte er die Motorhaube zu aus der es nach wie vor qualmte.

     

                „Jetzt brauche ich erst einmal eine Zigarette.“, meinte er erschöpft und lehnte sich an die Fahrertür seines alten Wagens.

     

                „Hast du nicht gerade schon genug Qualm eingeatmet?“, wollte Vitali schmunzeln wissen, doch da hatte sich sein Kollege schon flink eine Zigarette in den Mundwinkel gesteckt, die er aus einer kleinen Schachtel mit einem Wolfsgesicht gezogen und mit einem billigen Zippoimitat angezündet hatte.

     

                „Deine Sprüche kannst du dir sparen. Wir müssen jetzt nachdenken. Ein bisschen grauer Qualm bringt auch meine grauen Gehirnzellen wieder ans Laufen.“, gab Sergej paffend und hustend zurück.

     

                „Die brauchst du gar nicht. Wir lassen deinen Wagen abschleppen und müssen hoffen, dass uns ein Fernfahrer bis nach Murmansk mitnimmt. Du solltest dein Handy benutzen und den nächsten Abschleppdienst kontaktieren.“, stellte Vitali fest und sah in das verdrießliche Gesicht seines Kollegen.   

     

                „Hast du kein Handy?“, fragte dieser zögernd.

     

                „Nein, schon aus Überzeugung nicht und das, obwohl ich Journalist bin. Ich habe auch immer noch keinen Internetanschluss in meiner Wohnung und arbeite mit meiner alten Schreibmaschine.“, bemerkte Vitali nicht ohne einen gewissen antikonformistischen Stolz in seiner breiten Brust.

     

                „Du bist ewiggestrig und unbelehrbar. Du bist stur wie ein sibirischer Yak. Du bist flexibel wie ein alternde Schildkröte.“, begann Sergej wild gestikulierend, wurde aber von seinem Kollegen mit einem süffisanten Lächeln unterbrochen.

     

                „Und du hast die Handyrechnungen der letzten drei Monate nicht gezahlt, richtig?“, fragte Vitali nach und traf damit fast genau ins Schwarze.

     

                „Nein, nur die Rechnungen der letzten zwei Monate. Außerdem hätte ich in diesem dichten Schneegestöber ohnehin keinen Empfang.“, gab Sergej trotzig und mit verschränkten Armen zurück. So brachte er seinen Kollegen erneut zum Lachen.

     

                Da ertönte das dunkle Hupen eines Lastkraftwagens, der sich mühsam durch das dichter werdende Schneegestöber über die Fernstraße quälte. In diesen Momenten sehnte sich der fröstelnde Vitali nach einer warmen Tasse Tee, ein paar gut zubereiteten Blinies seiner Großmutter und den wärmenden zierlichen Fingern seiner französischen Freundin, die ihn so sanft und doch stark zu massieren wussten. Unwillig schüttelte er den Gedanken ab. Er war kaum eine gute Tagesreise von seiner Freundin entfernt und sehnte sich schon nach ihr. Er kam sich ein wenig kindisch vor und wollte sich auf seine Aufgabe konzentrieren.

     

                Der Lastkraftwagen blinkte und fuhr inzwischen rechts heran, da der Fahrer die beiden Männer in Not bemerkt hatte. Vitali und Sergej blickten sich kurz an und dachten beide dasselbe. Sie hatten unwahrscheinliches Glück gehabt, dass man sie so schnell mitnehmen wollte. Ohne groß nachzudenken packten sie die Gelegenheit beim Schopfe und nutzten somit gleich die Gunst der Stunde.

     

                                  

     

                Mit großen Augen betrachteten der kleinwüchsige und verlauste Fjodor und der spindeldürre Tolik mit den wahnsinnig glänzenden blauen Augen, die an dunkle Gletscherseen erinnerten, auf die drei einst edlen und nun Rost ansetzenden Krummschwerter, die auf dem verschmierten und von vulgären Schnitzereien verzierten Tisch in einer Hinterkammer des heruntergekommenen Waisenhauses lagen. Pawel stand neben seinen beiden Freunden und trat unruhig von einem Bein auf das andere. Dabei warf er immer wieder flüchtige Blicke in Richtung der Tür, in welcher der grimmig blickende dicke Bruno und der hünenhafte Schmied Kirill standen. Jenseits des Türrahmens stand unweit des Empfangstresen eine streng gekleidete und fast vermummt wirkende Sekretärin neben der noch kühler wirkenden Chefin der tristen Einrichtung. Das ganze Dorf schien inzwischen von der Mission der drei Jungen und dem damit verbundenen Schicksal informiert worden zu sein. In solch einem kleinen Dorf verbreiteten sich Nachrichten in Windeseile. Für den Abend war sogar eine große Versammlung im Gemeindehaus geplant, das sich im Zentrum des Dorfes befand. 

     

                „Das sind die besten drei Schwerter, die wir entbehren können. Ich hoffe ihr Ratten seid euch der Bürde bewusst mit der ihr diese Waffen tragen sollt. Diese Schwerter stammen noch aus der legendären Epoche unserer Vorfahren, als diese direkt am Meer in Eintracht mit der großen Gottheit gelebt haben. Ob ihr drei Nichtsnutze lebendig ins Dorf zurückkehren werdet, das ist völlig zweitrangig, aber diese drei edlen Reliquien dürfen nicht in die Hände der Ketzer fallen, ist euch das klar?“, fragte der Schmied Kirill mürrisch.

     

                „Ja, es ist uns eine große Ehre und wir werden alles tun um die Gemeinde nicht zu enttäuschen.“, stammelte Tolik stotternd und erhob sich um geradezu karikaturenhaft vor dem hochgeschossenen Schmied zu salutieren. Doch der schlug ihm nur ungehobelt mit seiner rußgeschwärzten Hand ins Gesicht, woraufhin der Junge erschrocken wimmerte.

     

                „Du sollst nicht alles tun um die Gemeinde nicht zu enttäuschen! Du sollst deinen Auftrag zu einhundert Prozent erfüllen. Ist euch Bastarden eigentlich bewusst wie viel hier für das gesamte Dorf auf dem Spiel steht?“, fragte der Schmied erbost an alle drei Jungen gewandt und Speichel sprühte dabei von seinen bebenden Lippen.

     

                Die drei Jungen nickten erschrocken und blickten ehrfürchtig zu Boden. Davon ließ sich der gewalttätige Schmied wenigstens kurzfristig beruhigen und selbst der plumpe Bruno knurrte zufrieden an den Türrahmen gelehnt.

     

                Jetzt trat die Chefin des Waisenhauses mit strengem Blick ins Zimmer und selbst die beiden groben Männer wichen respektvoll zur Seite. Die kalte Dame namens Marina war eine der mächtigsten Persönlichkeiten in dem kleinen Dorf und viele sagten, dass sie gemeinsam mit dem Schamanen hier alle Fäden zog. Manche behaupteten die beiden seien Geschwister, wiederum andere munkelten, die beiden seien ein Paar oder dies zumindest einmal gewesen. Vielleicht war auch beides richtig. Klar war jedoch, dass sich hier zwei sehr ähnliche Personen gefunden hatten und in perfekter Technokratie gemeinsam agierten und dieselben Ziele verfolgten.

     

                Die drei Jungen verbeugten sich ehrfürchtig vor Marina, welche die Waisenkinder insgeheim nur die große Mutter nannten. Sie trat selten vor den Jugendlichen auf und überließ die größte Arbeit den sogenannten Erzieherinnen, die alle nur als Schwestern bezeichneten. Wenn sie dann jedoch doch einmal eine öffentliche Rede hielt oder vor einige Jugendliche trat, dann war der Anlass selten erfreulich und es folgten im besten Falle halbstündige Moralpredigten in heiser keifendem Tonfall.

     

                Doch dieses Mal hatte Marina nur wenig zu sagen, aber ihre ganze brutal unterkühlte Körpersprache war so klar, dass es keiner weiteren Worte bedurfte.

     

                „Macht eure Brüdern und Schwestern und alle Erwachsenen hier stolz auf euch. Wir zählen auf euch. Ihr möchtet gar nicht wissen, was passiert, wenn ihr scheitert und wir euch lebend in die Hände bekommen. Dann möge die große Gottheit euch erhören und Gnade vor Recht walten lassen, aber ich würde an eurer Stelle nicht daran glauben. Brecht nun auf. Es wird schon dunkel und die Nacht eignet sich für Unternehmen eurer Art am besten.“, machte Marina klar, packte den am nächsten positionierten Fjodor am Genick und hob seinen Kopf ruckartig an, sodass sie ihm direkt in die vor Schreck geweiteten Augen blicken konnte. Dann blickte sie auch die anderen beiden Waisenkinder schräg an, ließ geradezu beiläufig von Fjodor ab, drehte sich geräuschvoll um und verließ die stickige Hinterkammer.

     

                Die drei Freunde blickten sich verstohlen an, machten sich gegenseitig noch einmal Mut und ergriffen dann ehrfürchtig die Schwerter, die sie mit ihren dürren Armen kaum halten konnten. Danach wurden sie von Bruno und Kirill grob aus dem Waisenhaus geleitet. Einige Schwestern blickten den Jungen in einer Mischung aus Mitleid und Zweifel nach, sagten aber kein Wort, als die drei zu einem wahren Himmelfahrtskommando aufbrachen.

     

     

     

                Müde ging Mitrofan die schmale Holztreppe hinunter und hielt kurz inne. Es war ihm als hätte er ganz kurz eine ausgemergelte und dreckige Schauergestalt dort unten auf dem Gang gesehen. Mitrofan schüttelte sich, rieb sich die Augen und blickte angestrengt die Treppe hinunter. Dort gab es absolut nichts Ungewöhnliches zu sehen. Vermutlich war er einfach nur müde und seine Sinne spielten ihm einen Streich. Er hätte während der langen Fahrt mehr Pausen machen und etwas mehr trinken sollen.

     

    Das wollte Mitrofan nun nachholen und trat in den urig eingerichteten Schankraum, in dem es nach Pfeifenrauch, abgestandenem Bier und deftiger Suppe roch. Seine Lebensgeister wurden wieder geweckt, als die etwas bubenhaft wirkende Kellnerin mit den kurzen blonden Haaren mit zahnlückenbehaftetem Lächeln auf einen Platz in der Ecke des Raumes wies, wo eine heiße Borschtsch und ein großzügig gefüllter Becher Kwas für den Neuankömmling bereitstanden.

     

                Mitrofan war vor einigen Augenblicken eingetroffen und war von der freundlichen jungen Dame namens Margarita herzlich in Empfang genommen worden. Sie hatte für ihn noch ein Zimmer unter dem Dach gefunden, das rustikal und komplett aus Holz eingerichtet war. Der Inspektor wusste zudem, dass in dieser Gaststätte einige der Archäologen nächtigten, die nicht direkt vor Ort in Bauwagen und Zelten nahe der Ausgrabungsstätte schliefen. Er hoffte insgeheim, dass er hier vielleicht etwas mehr über das absonderliche Dorf erfahren würde von dem die flüchtende Lisa gesprochen hatte. Er wollte mit einigen der Archäologen darüber sprechen, die an zum größten Teil an einem runden Tisch in der Mitte des Schankraumes saßen, dort Pfeife rauchten, Wodka tranken und eifrig um Geld pokerten. Zunächst aber nutzte er die Gelegenheit um einige Worte mit Margarita zu wechseln, als er an seinem Tisch Platz nahm und sich vornehm eine Serviette in den Hemdkragen steckte und über seinem Bauch glatt strich.

     

                „Ich bin Ihnen wirklich zu großem Dank verpflichtet. Das Essen duftet ganz vorzüglich.“, bemerkte Mitrofan galant, aber ein wenig hölzern.

     

                „Dafür bin ich doch da. Ich habe gleich gesehen, dass sie eine anstrengende Reise hinter sich haben und eine kleine Stärkung gut gebrauchen könnten.“, gab Margarita mit leicht geröteten Wangen zurück. Man merkte, dass sie den alten Inspektor sehr sympathisch fand und dies beruhte trotz des Altersunterschiedes durchaus auf Gegenseitigkeit.

     

                „Nehmen Sie doch kurz Platz an meinem Tisch, wenn es Ihnen die Zeit gestattet.“, forderte Mitrofan sie deswegen auf.

     

    Margarita blickte sich kurz verstohlen um, aber die Archäologen waren ganz in ihr Spiel vertieft und wirkten nicht so, als würden sie alsbald irgendeine neue Bestellung aufgeben wollen. Daher nahm die junge Dame schüchtern lächelnd Platz und strich sich ihre weite Schürze glatt. Als sie sich dabei vornüber beugte, wurde ein Teil ihres durchaus üppigen Busens enthüllt. Mitrofan starrte kurz wie gebannt auf den unerwarteten Ausblick, riss sich dann aber verlegen davon los und räusperte sich nervös.

     

                „Danke für Ihre Einladung, werter Mitrofan. Ich möchte nicht vermessen sein, aber dürfte ich Sie fragen, was sie in eine solche Gegend führt?“, fragte Margarita schüchtern und blickte ihrem Gegenüber dabei doch bestimmt und ehrlich in die Augen.

     

                Mitrofan wog kurz ab, entschied sich dann aber der Wirtin in Kurzform die Wahrheit zu erzählen und fragte bei der Gelegenheit gleich nach dem mysteriösen Dorf, aus dem die verstörte Lisa geflohen war. Da wurde das rosarote Gesicht der Wirtin plötzlich aschfahl und sie blickte sich verstohlen um, damit auch niemand etwas von ihrer Konversation mitbekam. Dann sprach sie auf einmal mit leiser und rauchiger Stimme, die bei Mitrofan eine Gänsehaut erzeugte. Er musste sich dabei eingestehen, dass die Gänsehaut durchaus nicht unangenehm für ihn war und er nicht nur von dem Erzählten seltsam erregt war.

     

                „Ja, dieses Dorf gibt es schon lange. Angeblich haben die Vorfahren der heutigen Bewohner unmittelbar am Meer gewohnt und zwar dort, wo die archäologischen Ausgrabungen stattfinden. Es ranken sich viele Legenden um dieses Dorf. Angeblich hatten deren Bewohner einen Pakt mit einem Dämon aus dem Eis geschlossen, dem jährlich Opfer in Form von Jungfrauen des Dorfes dargebracht wurden. Irgendwann kam ein rachsüchtiger ehemaliger Familienvater ins Dorf, dessen Tochter Jahre zuvor getötet worden war und zerstörte dort alles in einer großen Explosion, bei der es nur sehr wenige Überlebende gab. Diejenigen, die nicht gestorben waren, gründeten ganz bewusst ein neues Dorf weiter landeinwärts, mitten in einem kargen, aber dichten Wald, um sich dort zu isolieren und noch weiter abzuschotten als zuvor. Seitdem leben dort etwa einige Hundert Dorfbewohner, vielleicht mehr, vielleicht auch weniger, das weiß niemand so genau. Offiziell existiert dieses Dorf gar nicht, es befindet sich auf keiner Landkarte. Die Zaren haben nach einigen Konvertierungsversuchen an der abergläubischen Bevölkerung Anfang des letzten Jahrhunderts das Dorf niedergebrannt und dann sich selbst überlassen. Es wurde wohl wieder aufgebaut und der Vorfall dann vom Zarentum tot geschwiegen. Die Dorfbevölkerung hat sich nach dem Ereignis weiter isoliert und radikalisiert. Auch unter der sowjetischen Regierung ließ man diese kauzigen Eigenbrötler weitestgehend in Ruhe, da sie regelkonform ihre landwirtschaftlichen Staatsabgaben vollbrachten und sich ansonsten auch politisch zurückhielten. Daran hat sich bis heute nichts geändert, sie haben eine Art alternative Gesellschaftsform entworfen und man bekommt die Bewohner nur ganz selten, ja eigentlich gar nie zu Gesicht. Es scheint als ob sie jeglichen technischen Fortschritt ablehnen würden. Dort herrscht wohl eine Art klerikale und technokratische Diktatur. Angeblich bestellt man dort die Felder immer noch mit Schaufeln, künstlichen Bachläufen und Ochsenkarren. Es soll auch kein fließendes Wasser in den Häusern geben, sondern Plumpsklos und altertümliche Holzbadewannen, die mit Wasser aus dem Dorfbrunnen gefüllt werden. Angeblich gibt es dort weder Fernseher noch das Internet und nur einige wenige alte Autos. Vieles sind aber eben nur Gerüchte. Manche halten vieles für Ammenmärchen, die unsere Großmütter uns abends vor dem Einschlafen erzählen. Nur bei einem sind sich alle einig, nämlich das es dieses Dorf gibt und dort irgendetwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Irgendetwas Seltsames lauert dort draußen in den Wäldern.“, beendete die Wirtin ihre geflüsterte Erzählung, bei der Mitrofan ein Schauer nach dem anderen über den Rücken gelaufen war. 

     

                „Das ist ziemlich starker Tobak.“, bemerkte Mitrofan in einer Mischung aus mulmiger Ehrfurcht und hoffnungsvollem Zweifeln.

     

                „Ihre eigene Geschichte ist ein weiterer Beweis dafür, dass ein Funken Wahrheit hinter allem steckt, der die ganzen Legenden entflammt hat.“, gab Margarita zurück und lehnte sich sanft in den komfortablen Holzschemel zurück.

     

                „Gibt es denn auch irgendwelche konkreten Beweise? Kennen Sie beispielsweise jemanden, der selbst schon einmal dort war?“, wollte Mitrofan wissen, dessen Neugierde längst geweckt war.

     

                „In der Tat gibt es Beweise. Ich war sogar selbst schon einmal dort.“, berichtete die Wirtin und quittierte den überraschenden blick ihres Gegenübers mit einem süffisanten Lächeln. Anmutig legte sie ihre Beine über Kreuz und blickte tief in die Augen des Inspektors, als sie nach einer kurzen Kunstpause fortfuhr.

     

                „Das Ganze hat sich ereignet, als ich noch ein Kind war. Ich war mit einigen Freundinnen in der Nähe des Waldes verstecken spielen. Dann sah ich auf einmal ein Kaninchen und lief ihm hinterher. Es verschwand irgendwann in irgendeinem Bau, aber da hatte ich mich schon längst in dem nebligen Wald verlaufen. Ich war total aufgeregt und fing an zu weinen und lief einfach planlos weiter. Irgendwann kam ich dann auf eine Lichtung, wo ich das Dorf erblickte. Es wirkte alles sehr altertümlich, ärmlich und schmutzig. Ich wurde wie ein Gespenst angesehen, die Leute fingen an zu tuscheln, aber niemand wollte mir zu nahe kommen oder mir gar helfen. Dabei war ich doch nur ein kleines Mädchen! Irgendwann traf ich in diesem unheimlichen Dorf auf eine religiös gekleidete junge Dame, die wohl in einer Art Schule und Waisenhaus arbeitete. Sie nahm mich unter ihre Fittiche und wurde dafür von ihrer Vorgesetzten übel beschimpft und dies direkt vor meinen Augen. Sie war die Einzige, die mir helfen wollte und ich wüsste gar nicht, was ohne ihr Einschreiten mit mir geschehen wäre. Ich erinnere mich sogar noch an ihren Namen: Miranda. Jedenfalls brachen wir mit einer Kutsche auf, die von einem alten Gaul gezogen wurde und die brachte mich zur äußersten Grenze des Dorfes. Dort war auch ein kleiner Hügel, auf dem sich ein wirklich prächtiges Gebäude befand, das richtig edel im Vergleich zu den ärmlichen Farmen wirkte. Schwester Miranda musste an einem groben Türsteher vorbei und erbat Einlass. Sie sprach dann mit einem düster gekleideten Mann, der irgendwie wie ein Untoter auf mich wirkte. Alles an ihm war altmodisch, kalt und steif. Er hatte ganz kalte blaue Augen und die Art und Weise wie er mich taxierte, das werde ich wohl nie vergessen. Ich habe heute noch manchmal Alpträume vor ihm. Er wirkte als Kind auf mich wie ein Hexer und ich habe wohl nicht weit daneben gelegen. Es wird sich wohl um den Schamanen und Obersten des Dorfes gehandelt haben. Miranda sprach einige Zeit mit ihm und dann durfte sie mit mir gehen. Dieser Zauberer und sein Aufpasser blickten uns noch lange hinterher und das machte Miranda sehr nervös. Wir gingen durch den Wald und als dieser so langsam lichter wurde, trennte sie sich von mir. Ich fragte sie, ob sie nicht mit mir kommen wollte und dass meine kranke Mutter ihr bestimmt sehr dankbar sei, wenn sie erfahren würde, dass sie ihrer kleinen Tochter geholfen hatte. Miranda wirkte dann sehr traurig, beugte sich zu mir hinunter, küsste mich auf die Stirn und sagte, dass sie nicht mit mir gehen dürfte, aber dass sie hoffe mich eines Tages wieder zu sehen.“, schloss Margarita ihre anekdotenhafte Erzählung und Mitrofan hatte dabei einen dicken Kloß im Hals.

     

                „Das ist eine faszinierende Geschichte. Sie haben ja ein geradezu fotografisches Gedächtnis wie wir Polizisten. Das kann wirklich sehr nützlich sein. Waren Sie seitdem noch einmal im Dorf gewesen?“, fragte Mitrofan beiläufig.

     

                „Nein, ich war damals sieben Jahre alt und das Ganze hat mich lange verfolgt. Selbst heute, zwanzig Jahre später, erinnere ich mich wirklich nur sehr ungerne daran.“, erwiderte die sonst so quirlige Wirtin nun geradezu schüchtern und mit gesenktem Blick.

     

                „Es tut mir aufrichtig leid, dass ich diese unangenehmen Erinnerungen in Ihnen geweckt habe.“, bemerkte Mitrofan, der inzwischen seine Borschtsch ganz ausgelöffelt hatte und nun das eiskalte Brotbier genoss.

     

                „Nein, es ist schon recht. Sie machen ja auch nur Ihre Arbeit.“, meinte die Wirtin verständnisvoll und ihr spitzbübisches Lächeln kehrte zurück in ihr warmes Gesicht.

     

                „Manchmal gibt es wichtigere Dinge als die Arbeit. Wir sollten die Menschen, die uns gut gesonnen sind, mit Respekt, Ruhe und Wärme empfangen.“, stellte Mitrofan fest und lächelte nun auch selbst.

     

                Margarita legte langsam ihre zierlichen Hände auf den Tisch und suchte nach Worten während sie den Inspektor verlegen anblickte. Mitrofan sollte jedoch nie erfahren, was die junge Wirtin ihm noch sagen wollte, denn in diesem Moment erloschen schlagartig die Lichter im Wirtshaus.

     

     

     

                Feodor holte das Letzte aus dem altersschwachen Lada heraus und warf immer wieder einen gehetzten Blick in sämtliche verfügbaren Rück- und Seitenspiegel. Neben ihm saß Jermolaj, der weiß wie eine Wand war und sich verkrampft an seinem Sicherheitsgurt festklammerte, während der Schweiß in Strömen über seine zerfurchte Stirn perlte. Im Fond des Wagens war der grimmige Lew nicht einmal angeschnallt und feuerte den Fahrer sogar noch zu Höchstleistungen an.

     

                Feodor fuhr durch ein breites Schlagloch, das den Wagen heftig durchschüttelte. Danach ging es mit quietschenden Reifen durch eine Art Haarnadelkurve, wobei der braune Schlamm den Gesetzen der Fliehkraft folgend nach allen Seiten wegspritzte. Das Hinterteil des Wagens rammte einen umgeknickten Baumstamm am Wegesrand und der Fahrer steuerte energisch dagegen. Weiterhin trat er erbarmungslos das Gaspedal durch, denn er hatte nichts mehr zu verlieren. Sie alle waren inzwischen davon überzeugt, dass ihre Töchter in den Kellergewölben des Schamanen gefangen waren.

     

                Das ganze Unheil hatte vor drei Wochen begonnen, als die Tochter von Lew einen Bauernsohn des Dorfes heiraten sollte. Der junge Mann war jedoch ein trinksüchtiger Nichtsnutz, der eine Affäre mit seiner eigenen minderjährigen Halbschwester hatte, wovon das gesamte Dorf wusste. Am Tag der geplanten Hochzeit war die Tochter in Panik verfallen und hatte sich ihrem versprochenen Bräutigam verweigert. Danach war es zu einem Tumult gekommen, der nur mühsam entschärft werden konnte. Die Hochzeit wurde offiziell verschoben, aber seit dem Vorfall hatte die Familie von Lew den ganzen Hass der Gemeinde auf sich gezogen.

     

    Seine Frau wurde auf ihrer Arbeit in einer Schneiderei nicht mehr gegrüßt. Wenige Tage später passierte ein Unfall, bei dem eine andere Angestellte scheinbar rein zufällig stolperte und die ungeliebte junge Dame so anstieß, dass ihre Hand in eine Nähmaschine geriet und sie sich schwer verletzte. Sie wurde dann zu einem Arzt des Dorfes geschickt und nur notdürftig behandelt. Als sie wenige Tage später trotz der Einwände Lews wieder arbeiten gehen wollte, war sie einfach durch eine jüngere Arbeitskraft ersetzt worden, nämlich durch die Halbschwester des Mannes, der beinahe ihr Schwiegersohn geworden war.

     

    Es war nicht bei dem Vorfall geblieben. Zunächst war der Hund der Familie vergiftet worden und lag eines Morgens tot vor der Haustür. Lew wurde überall feindselig angeblickt, zog dank seiner kräftigen Statur aber keine weiteren Ärgernisse an. Die Tochter des Paares wurde im Dorf beschimpft und bespuckt. Nur wenige Menschen hielten zu ihr. Dazu gehörten die Töchter von Feodor und Jermolaj. Die drei waren vor inzwischen fast einer Woche abends weggegangen, um in einer Art Schenke ein wenig auf andere Gedanken zu kommen. Sie hatten dort isoliert in einer Ecke gesessen und waren von einigen betrunkenen Männern dumm angemacht worden, sodass die Wirtin das Trio bat die Örtlichkeiten zu verlassen, bevor die Situation eskalieren konnte. Die drei jungen Damen waren also gegangen, aber nie zu Hause angekommen und bis heute verschwunden. Selbstverständlich hatten die Väter nachgeforscht und beispielsweise hinter vorgehaltener Hand mit der Wirtin gesprochen, welche die drei jungen Frauen zuletzt gesehen hatte, aber sie waren der Lösung des Rätsels bis jetzt nicht näher gekommen.

     

    In einer Ratssitzung hatten der Schamane und die Leiterin des Waisenhauses den Verdacht geäußert, dass die drei Frauen die Flucht durch die Wälder gewagt hätten und nun bei der Gottheit und Ungnade gefallen waren. Die beiden tadelten die Familien der drei Töchter, sahen aber vorerst vor weiteren drakonischen Bestrafungen ab, denn es gab mit der Ankunft der Archäologen viel wichtigere Sorgen und man wollte nicht in irgendeiner Weise Aufmerksamkeit erwecken.

     

    Lews Frau Lisa hatte diesen Schock jedoch nicht verkraftet und hatte sich noch in derselben Nacht durch die dichten Wälder des Dorfes geschlagen, um dem ganzen Alptraum zu entfliehen. Lew war zunächst vehement gegen die Idee gewesen, konnte seine hysterisch agierende Frau aber einfach nicht mehr umstimmen. Daher hatte er einige der Wachen, die nachts immer in Jagdständen rund um das Dorf positioniert waren, abgelenkt indem er ihnen mitgeteilt habe, er hätte Geräusche aus dem Wald unweit seines Hauses gehört und vermute, dass die drei Mädchen zurückgekehrt seien. Als drei der Wächter ihn bis zum Garten seines Hauses begleiteten, hatte sich seine Frau schon an den Grenzposten vorbeigeschlagen. Seit diesem denkwürdigen Abend hatten die drei Familienväter insgeheim den Schamanen und die Leiterin des Waisenhauses im Verdacht hinter dem Verschwinden der Töchter zu stehen und hatten die beiden weitestgehend im Auge behalten.

     

    Der isoliert lebende Wladimir war Lew aus Jugendzeiten noch etwas schuldig gewesen, da er den plumpen Schankwirt mit der schönen Bäuerin Maria verkuppelt hatte und so hatte er ihm den alten Lada abgekauft, den Wladimir einst ohne Genehmigung des Dorfrates einem gestrandeten Touristen abgekauft und seitdem in seiner kleinen Werkstatt versteckt hatte.

     

    Die einzigen Leute, die im Dorf Autos besaßen waren eigentlich der Schamane, die Leiterin des Waisenhauses und der Arzt. Am heutigen Tage hatten die drei Männer zum ersten Mal das Risiko in Kauf genommen den Lada zu benutzen, indem sie den Schamanen damit bis außerhalb des Dorfes verfolgt hatten. Feodor konnte den Wagen einigermaßen bedienen, da er in seiner Jugendzeit einmal mit der Tochter des Dorfdoktors angebändelt war und mit ihr einige Male den Wagen des Vaters bedienen durfte. Diese Erfahrungen kamen ihm jetzt zu Gute. Feodor war ein intelligenter junger Mann und hatte seit damals wenig verlernt.   

     

                Das Trio fuhr über eine alte und morsche Holzbrücke, die über einen Bachlauf führte und steuerte nun die Lichtung an, auf der sich das Dorf befand. Bald bemerkten die ersten Bauern das unvorsichtige Auftreten und zeigten staunend auf den alten Lada, der weder dem Schamanen, noch der Leiterin des Waisenhauses oder dem Doktor gehörten. Manche Schaulustige reagierten panisch und gingen hinter Bretterverschlägen oder gar Heuballen in Deckung. Andere wiederum hoben drohend ihre Mistgabeln oder reckten wütend die Fäuste in die Höhe, da sie die Ankömmlinge für Fremde hielten und in diesem Dorf alles Fremde als etwas Böses betrachtet wurde.

     

                Feodor steuerte geradewegs die lehmige Hauptstraße des Dorfes an, die bis hinauf zum Haus des Schamanen führte, als plötzlich ein aufgeregter Dorfbewohner mit einer Axt bewaffnet durch den Vorgarten seines Hauses und auf die Straße zulief. Breitbeinig stellte er sich dem Lada mittig in den Weg und schien dem Trio mit grimmiger Miene klar machen zu wollen, dass er vor ihnen nicht weichen würde.

     

                Feodor warf einen Blick in den Rückspiegel und bemerkte, dass hinter ihnen die Situation nicht besser aussah. Für einen Rückzug war es zu spät, denn inzwischen jagten ihnen mehrere Bauern mit Mistgabeln und anderen zu Waffen improvisierten Gegenständen hinterher. Zum Glück besaßen im Dorf nur die Nachtwächter, sowie der Schamane und sein Aufpasser überhaupt eine Schusswaffe in Form von alten Gewehren, die man wohl vor inzwischen einem Jahrhundert den zaristischen Horden abgenommen hatte, bevor diese das Dorf dem Erdboden gleich gemacht hatten.

     

                „Verdammt, Feodor, brems doch ab! Es ist vorbei! Wenn wir uns jetzt ergeben, dann wird man uns erkennen und vielleicht Gnade walten lassen.“, stotterte Jermolaj auf dem Beifahrersitz und versuchte gar dem Fahrer ins Lenkrad zu greifen.

     

                Da griff Lew auf der Rückbank ein, packte Jermolaj mit einem Würgegriff von hinten und stieß ihn grob zurück in die verstaubte Polsterung des Beifahrersitzes. Grimmig hielt er dem ängstlichen Mitfahrer den Mund zu und blickte Feodor mit glänzenden Augen an.

     

                „Gib Gas! Tu es für unsere Töchter und halte einfach drauf!“, widersprach Lew energisch seinem Vorsprecher.

     

                Feodor war eigentlich alles Anderes als ein Draufgänger, aber seitdem er dem Ritual des Schamanen beigewohnt hatte und den dringenden Verdacht hegte, dass seine Tochter noch irgendwo eingesperrt in den Kellergewölben des Schamanen am Leben sein könnte, hatte er neuen Lebensmut verspürt und wollte jetzt alles auf eine Karte setzen. Verkrampft packte er das Lenkrad des Wagens, duckte sich leicht und blickte den Mann auf der Straße genau aus zusammengekniffenen Augen an.

     

                Als dieser reagierte, dass der Wagen nicht halten würde, holte er mit seiner Axt aus und warf sie geradewegs auf die Frontscheibe des heran rauschenden Automobils. Mit einem fiesen Klirren schlug die Waffe auf der Höhe des Beifahrers in die Scheibe, die in Hunderte kleiner Scherben zerbarst. Die Axt blieb zwar irgendwie im Glas stecken und fiel polternd auf die Fronthaube ohne jemanden zu verletzen, aber die Myriade an Splittern prasselte auf den sich wild im Klammergriff des Hintermannes bewegenden Jermolaj ein. Auch Lew bekam eine volle Ladung ab und lockerte in dem Moment den Griff, sodass sein Vordermann sich nach Luft japsend losreißen konnte. Lew wurde durch diese ruckartige Bewegung nun seinerseits in sein Sitzpolster zurückgerissen und fluchte lautstark.

     

                Das alles registrierte Feodor jedoch nur am Rande, denn er hielt weiterhin auf seinen Gegner zu und zuckte nur kurz zusammen, als die Axt knapp neben ihm in der Windschutzscheibe einschlug und er durch den plötzlichen Fahrtwind auch ein paar Splitter abbekam. Dennoch hielt der verzweifelte Mann weiter auf den Werfer der Axt zu und schaltete instinktiv sogar noch einen Gang höher. Für einen kurzen Augenblick sah er in die vor Schreck weit aufgerissenen Augen seines Gegenübers und lächelte geradezu diabolisch.

     

                Der Mann vor ihm blickte sich hastig um und setze dann mit einem Sprung nach rechts zur Seite. Der Lada touchierte dabei jedoch noch die Beine des Fliehenden, der vor Schmerzen aufschrie, als seine beiden Beine mit einem hässlichen Knacken brachen und er durch die Wucht des Aufpralls gegen einen Gartenzaun geschleudert wurde. Der Mann kam mit dem Leben davon, nicht aber ohne schwere Verletzungen.

     

                Feodor war dies gleichgültig. Er fühlte sich wie in einem Tunnel und schützte sich vor allen äußeren Einflüssen. Er hatte nur das Haus des Schamanen am Ende der Straße im Blick. Er registrierte nicht einmal, dass Jermolaj durch die Wucht des Zusammenpralls mit dem Angreifer grob nach vorne gestoßen wurde und sich die Stirn auf dem Armaturenbrett blutig schlug. Benommen sank sein Beifahrer zurück in die dürftige Polsterung seines Sitzes und kämpfte um sein Bewusstsein. Im Fond des Wagens wurde Lew wie ein Spielball hin und her geschleudert, hielt sich aber an der Seitentür fest und konnte schlimmere Verletzungen vermeiden, auch wenn ihm mittlerweile speiübel war.

     

                Feodor raste weiter wie ein Wahnsinniger über die breite Straße des Dorfes, die spätestens jetzt menschenleer war, als die Bewohner bemerkt hatten, wie erbarmungslos der Fahrer vorging. Er bemerkte nur aus den Augenwinkeln, dass eine größere Menschenmenge unweit des Waisenhauses versammelt war und glaubte unter Anderem den Schmied des Dorfes flüchtig zu erkennen, aber das alles interessierte ihn jetzt nicht.

     

     Der Draufgänger fuhr sogar noch eine Tonne am Rande des Weges um, die mit lautem Getöse durch die Scheibe eines billigen Friseursalons schlug, sodass die dort arbeitende junge Dame panisch aufschrie.

     

                In einer besonders steilen Kurve hätte Feodor beinahe endgültig die Kontrolle über den Wagen verloren, aber er stieg noch rechtzeitig auf die Bremse und riss das Lenkrad herum, sodass er nur einen Gartenzaun streifte, bei dem daraufhin einige Latten brachen.

     

                Dann aber war es vollbracht und das Trio befand sich auf gerader Strecke in Richtung des Hauses des Schamanen. Feodor bemerkte den bulligen Aufpasser Bruno, der wohl auch beim Waisenhaus gewesen war und nun dem Wagen hinterher hetzte, als er dessen Ziel erkannte.

     

                Feodor baute diesen Vorsprung aus und kam mit quietschenden Reifen in einem Halbkreis vor dem Haus des Schamanen zum Stehen. In einer Bewegung würgte er den Motor des Wagens brutal ab, löste seinen lästigen Sicherheitsgurt und trat die Tür des Wagens aus ihrer Verankerung, sodass sie krachenden auf den staubigen Boden fiel. Rasch stieg der wild gewordenen Familienvater aus und steuerte schweren Schrittes auf die Veranda des Anwesens zu. Er blickte sich nicht einmal um und sah daher nicht, dass inzwischen auch Bruno keuchend auf dem Vorplatz angekommen war und sich aus einem Berg Schutt ein rostiges Eisenrohr genommen hatte. Er sah auch nicht, dass Lew mühsam aus dem Wagen stieg und ihm taumelnd folgte. Währenddessen hatte auch Jermolaj seine Tür zitternd geöffnet und erbrach sich geräuschvoll auf den dreckigen Boden, bis er mit schreckgeweiteten Augen den grimmigen Bruno erblickte. Sofort huschte der ängstliche Mann zurück in den Wagen, machte die Tür zu und verriegelte sie zitternd. Dann ließ er sich vorerst erleichtert zurücksinken, bis er die herausgerissene Tür auf der Fahrerseite zum ersten Mal sah und begriff, dass seine instinktive Vorsichtsmaßnahme somit zu einer Farce verkam.

     

                Doch Bruno hatte die Situation rasch erkannt und steuerte nicht etwa den nun wie paralysiert wirkenden Jermolaj, sondern die anderen beiden Männer an, die inzwischen vor der verschlossenen Haustür standen, dann aber rasch ein offenes Fenster in unmittelbarer Nähe fanden, durch das sie sich Einlass in die Residenz verschafften.

     

                Lew war gerade wieder zu Kräften gekommen und nach Feodor durch das Fenster gestiegen, als Bruno hinter ihm selbiges mit einem wuchtigen Hieb in Wohlgefallen auflöste. Geduckt lief Lew weiter und hob schützend die Arme in die Luft, um sich vor den herabregnenden Splittern einigermaßen zu schützen.

     

                So taumelte er aus dem kleinen Raum, der sich als Esszimmer entpuppte und wäre beinahe gegen Feodor gestoßen, der wie angewachsen auf dem Hauptflur stehen geblieben war.

     

                Lew fluchte lautstark und setzte zu einer Beschwerde an, als er den ausgestreckten Zeigefinger seines Begleiters bemerkte, der geradewegs auf eine Treppe wies, die in die Tiefe führte. Sie hatten ihr Ziel endlich erreicht.

     

                In dem Moment trat auch Bruno schnaufend und verschwitzt in den Hauptgang. Die Eisenstange hielt er dabei als Drohgebärde weit über seinen Kopf gereckt und lächelte seine beiden überraschten Gegner aus seinem mit Zahnlücken und schwarzen Zähnen verunstalteten Gebiss an.

     

                Zeitgleich bahnte sich der Schamane vor seiner Residenz hupend einen Weg durch die Menschenmenge. Er hatte vielleicht fünf Minuten auf das Trio verloren, das er auf seiner Rückfahrt von der Opferstelle bemerkt hatte. Jetzt fluchte er leise vor sich hin und ärgerte sich über die aufgescheuchten Bürger des Dorfes, die ihn in ihrer Aufregung spät bemerkten und sich dann auch noch in seinen Weg stellten und aufgeregt in Richtung seines Hauses wiesen. Irgendwann verlor der Schamane die Geduld, ließ seinen Motor drohend aufheulen und bahnte sich dann ähnlich radikal einen Weg durch die Menschenmenge wie kurz zuvor noch Feodor und seine beiden Begleiter. Dieses Mal waren die Dorfbewohner jedoch auf der Hut. Sie machten rasch Platz und niemand wurde verletzt.

     

                Derweil spitzte sich die Lage im Hauptkorridor des Anwesens des Schamanen weiter zu. Der grobschlächtige Bruno kreiste um die beiden ungebetenen Gäste wie der Wolf um die Schafsherde und malte sich gedanklich schon sein triumphvolles Auftreten aus und die folgenden großzügigen Belohnungen seines Herren, der ihm hin und wieder eines der jungen Mädchen überließ und ihn so bei Stange hielt.

     

                Doch kaum hatte er sich einen Plan zu Recht gelegt, da wurde dieser durch eine unerwartete Reaktion radikal über den Haufen geworfen.

     

    Tolik hatte sich so nah wie es nur ging aus dem dichten Wald an die Gaststätte herangeschlichen. Dabei hatte er sich mehrfach nach links und rechts umgeblickt, aber die inzwischen recht marode Fernstraße wirkte wie ausgestorben und auf dem Parkplatz standen lediglich einige Wagen. Viele dieser Autos waren geräumige Geländewagen, die mit Bohrmaschinen, Hacken, Lampen, Schaufeln, Vibrationsstampfer und anderen Geräten beladen waren, die Tolik noch nie in seinem Leben gesehen hatte. Auf den Armaturenbrettern lagen einige Pläne herum, aus denen er auch nicht schlau wurde. Eines jedoch war Tolik klar. Diese seltsamen Gerätschaften gehörten den Leuten, die hergekommen waren um in den Hort der Gottheit aus dem Eis vorzudringen. Man hatte ihm klar gemacht, dass in dieser Gaststätte einige dieser Leute wohnen würden, die rücksichtslos versuchten in ihr Allerheiligstes vorzudringen. Toliks Aufgabe bestand darin diese Leute mit allen Mitteln zu vertreiben. Allerdings war der nervöse Jugendliche lediglich mit einem Krummschwert ausgestattet, das ihm bei dieser Mission eher wenig helfen würde. Deswegen sah er sich jetzt die Geräte auf den Geländewagen etwas genauer an und wurde schnell fündig.

    Er fand einen großen und schweren Kanister auf einer Ladefläche, den er ächzend herunter zerrte und dann mühsam aufdrehte. Dann roch er vorsichtig an der durchsichtigen Flüssigkeit und verzog angewidert das Gesicht. Diesen Geruch kannte er. Es handelte sich um Benzin. Langsam erarbeitete sich der Jugendliche einen Plan, als er geduckt mit dem Kanister am Schankraum vorbei robbte. Er warf einen flüchtigen Blick ins Innere der Gaststätte und sah einige muskelbepackte und sonnengebräunte junge Männer, die teilweise noch in dreckiger Arbeitsmontur um einen Tisch herum saßen und laut johlend Karten spielten. Zornesröte trat in Toliks Gesicht. Bei diesen Proleten konnte es sich doch nur um diese widerwärtigen Störenfriede handeln. Mühsam riss der Junge sich von dem Anblick los, denn er wollte auf keinen Fall entdeckt werden. So robbte er weiter in Richtung der Hinterseite des Gasthauses, als ein dunkler Schatten auf ihn zueilte.

    Überrascht rappelte sich Tolik auf und blickte das Wesen an, das sich blitzschnell und knurrend an ihn herangepirscht hatte. Es handelte sich um einen Schäferhund, der nur wenige Meter vor ihm stand und ihn drohend musterte. Mit einem diabolischen Lächeln griff der Junge nach seinem Krummschwert und dachte frohlockend daran, dass diese altertümliche Waffe ihm nun doch noch von Nutzen werden würde.

    Der Schäferhund spürte wohl instinktiv, dass von seinem Gegenüber Gefahr ausging und suchte sein Heil eher im Angriff als im Rückzug. Dieser tapfere Instinkt wurde dem Tier zum Verhängnis. Noch ehe es sich in der zerzausten Kleidung des ungebetenen Ankömmlings festbeißen konnte, hatte dieser dem Tier schon das stumpfe Krummschwert in die linke Flanke gerammt. Winselnd wich der Schäferhund zurück und brach seinen Angriff ab. Tolik zog das Schwert aus der Wunde des Tieres und nutzte dessen schmerzhaft eingeschränkte Bewegungsfreiheit, indem er sich gnadenlos auf das Tier warf, seinen Kopf festumpackte und begleitet von einem geräuschvollen Knacken herumdrehte. Dann packte Tolik sein Krummschwert und stieß in blinder Wut immer wieder auf das längst tote Tier ein, sodass das Blut nur so spritzte und seine ohnehin schon schmutzige Kleidung besudelte. All die brutalen Demütigungen, der Druck und die endlosen Frustrationen der letzten Tage in seinem Dorf entluden sich in dieser unausgeglichenen Hinrichtung des armen Tieres.

    Der wie wahnsinnig agierende Jugendliche stoppte sein sinnloses Massaker erst, als er einen Wagen vorfahren hörte. Schnell ließ er den Kadaver des Tieres liegen und lugte um die Ecke auf den Parkplatz. Dort stieg gerade ein älterer Mann aus dem Wagen, der sichtbar müde war und sich streckte und dann gemächlich auf das Gasthaus zutrat. Toliks Adleraugen entdeckten jedoch noch zwei weitere Details. Zum Einen hatte der Mann seinen Wagen nicht abgeschlossen. Vermutlich wollte er nur rasch nach einem Zimmer fragen und sein Gepäck dann ausladen. Zum Anderen erspähte der Junge etwas, was ihm bei seinem morbiden Plan sehr behilflich werden konnte. Auf dem Armaturenbrett des Neuankömmlings lag nämlich ein Feuerzeug.

    Tolik wollte keine Zeit verlieren. Er schraubte den Benzinkanister auf und begoss damit die Holzfassade und die Hintertür des Gasthauses. Dann warf er den leeren Kanister achtlos neben den Kadaver des blutverschmierten Schäferhundes, aus denn Seiten die Gedärme austraten.

    Dann setzte Tolik zum Sprint an, öffnete die Fahrertür des Wagens, griff nach dem Feuerzeug und versuchte keine Blutspuren zu hinterlassen. Behutsam machte er die Tür wieder zu und huschte zurück zur Hinterseite des Gasthauses.

    Er kam keine Sekunde zu früh an, denn just in dem Moment, als er wieder in Deckung ging, kam der ältere Mann zurück zum Wagen und nahm ein paar Gepäckstücke aus dem Kofferraum, bevor er sein Auto sorgfältig abschloss und zurück in die Gaststätte ging, wo ihm eine üppig geformte Wirtin zur Hilfe kam. Für einen Moment lang verspürte Tolik so etwas wie Neid auf den alten Mann. Während er hier im Dreck saß, mit einem Hund kämpfen musste und täglichen Drangsalierungen ausgeliefert war, nahm sich der fein gekleidete Herr bei gutem Essen und Trinken und anschließend in einem warmen Bett eine Auszeit und wurde dazu noch freundlich von einer jungen Dame empfangen. Tolik fragte sich, wie es wohl war, in einem richtig warmen Bett zu schlafen, denn solchen Luxus kannte er nicht. Als er an eine üppige und warme Mahlzeit dachte, meldete sich knurrend sein Magen und blutrote Wutschleier zogen vor seine Augen. Seine Erregung wurde nicht geringer, als er sich die dralle Wirtin ganz nackt vorstellte. In seinem Dorf gab es nur wenige Mädchen und einige von ihnen waren in letzter Zeit sogar verschwunden. Er war noch nie einem Mädchen nahe gekommen, selbst im Waisenhaus nicht. Nie hatte er mit einem Mädchen Händchen gehalten oder sogar eines küssen können. Im Gegenteil, denn er war ständig gemobbt und ignoriert worden. Tolik war arm, er sah nicht sonderlich gut aus und besonders schlau war er auch nicht. Aber er hatte sich vorgenommen, das zu ändern. Er wollte sich endlich Respekt verschaffen. Tolik wollte zu einem Helden werden, dessen Name mit Ehrfurcht genannt wurde. Er wollte von den jungen Mädchen im Dorf bewundert werden. Tolik wollte gemeinsam mit dem Schamanen durch die Hauptstraße seines Dorfes ziehen, währen dieser Tolik in den höchsten Tönen lobte. Der Schamane würde ihn als glorreiches Beispiel herausputzen. Das ganze Dorf würde ihm zur Dankbarkeit verschuldet sein, weil Tolik die Grabschänder selbstlos vertrieben und die Ehre des Dorfes wiederhergestellt hatte. Das war Toliks Plan und er wollte ihn sofort umsetzen.

    Rasch nahm er das Feuerzeug, betrachtete es lächelnd und entzündete es dann mit einer einfachen Bewegung. Fasziniert betrachtete er die unstete Flamme und war beeindruckt davon, wie einfach es doch war so viele Menschenleben auf einmal auszulöschen. Tolik fand Gefallen daran. Er hatte sich noch nie so mächtig und wertvoll gefühlt. Tolik fühlte sich beinahe schon wie ein Gott, der über Leben und Tod anderer Menschen entscheiden konnte. Mit einem Gefühl des Triumphes warf er das Feuerzeug von sich und beobachtete verzückt und mit leuchtendem Blick die Flammenwand, die langsam an der Fassade der Gaststätte hochwanderte. Tolik betrachtete das Spektakel für einige Minuten und spürte die angenehme Wärme auf seiner kalten Haut.

    Nur mühsam riss er sich von seinem Werk los. Sein Plan war noch nicht vollendet. Tolik schlich sich schnell zum Haupteingang des Gasthauses, bevor man ihn im hinteren Bereich aufspüren konnte. Er wollte sicher gehen die ungebetenen Gäste einzukesseln, sodass sie keine Gelegenheit hatten zu entkommen.

    Tolik öffnete vorsichtig die Eingangstür zur Gaststätte und schielte vorsichtig um die Ecke. Still und leise lag der Eingangsflur vor ihm. Zu seiner linken Seite waren zwei Türen, die Tolik kurz aufmachte. Hinter einer befand sich eine Abstellkammer und hinter der anderen einige Stromkästen. Zu seiner rechten Seite führte eine verwinkelte Treppe zu den Gästezimmern. Behutsam spähte Tolik um die Ecke in den Schankraum. Die dralle Wirtin stellte gerade einen köstlich vor sich herdampfenden Borschtsch auf einem Tisch ab und betrachtete zufrieden ihr Werk. Weiter hinten spielten die fünf Archäologen weiterhin Karten. Es fehlte also nur der alte Neuankömmling.

    In diesem Moment hörte Tolik direkt über sich ein bedrohliches Knacken. Der Junge blickte erschrocken auf. Dann hörte er Schritte über ihm, die sich der Treppe näherten. Tolik stand dort wie auf dem Präsentierteller. Er musste sich dringend verstecken!

    Der Junge überlegte nicht lange und ging in den schmalen Raum mit den Elektronenkasten. Er machte die Tür noch gerade rechtzeitig zu, als er einen Schatten am oberen Ende der Treppe sah. Atemlos harrte der Junge aus und harrte der Dinge, die da kommen würden.

    Hatte der alte Mann ihn etwa gehört? Toliks Herz schlug so hart und laut, dass er befürchtete, der Neuankömmling könnte es durch die Tür bis in den Flur hören. Tolik atmete stoßweise und schwitzte plötzlich wie verrückt. Das Brummen der Stromkästen machte ihn noch nervöser.

    Tolik ahnte mehr, als dass er die Schritte des Neuankömmlings auf der Treppe hörte. Der alte Mann war vermutlich gerade unten angekommen und stand direkt gegenüber der verschlossenen Tür hinter der sich Tolik verbarg. Der Neuankömmling schien eine Weile inne zu halten. Hatte er Tolik etwa gehört oder gesehen? Ahnte er irgendetwas? Tolik kamen die nächsten Sekunden wie eine halbe Ewigkeit vor.

    Dann endlich hörte er eine Frauenstimme und die Schritte des Neuankömmlings entfernten sich quälend langsam. Vermutlich hatte die Wirtin den Mann auf seine Mahlzeit aufmerksam gemacht. Tolik konnte diese Ablenkung nur recht sein.

    Fieberhaft überlegte er, was er nun zu tun hatte. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis einer der Gäste den Brand im hinteren Bereich des Gasthauses bemerkte. Dann würden die Gäste sofort versuchen aus dem Gebäude herauszukommen. Tolik musste versuchen das zu verhindern. Er musste vor allem versuchen so viel Verwirrung wie nur möglich zu stiften. Zudem wollte er Zeit gewinnen. Er ahnte, dass sein vager Plan ziemlich unausgegoren war und wurde langsam fahrig und nervös.

    Da fiel sein Blick auf den Stromkasten. Das fiel es ihm wie Schuppen vor die Augen. Tolik würde einfach den Strom abstellen, um genügend Verwirrung zu stiften. Der Stromausfall in Kombination mit dem Brand würde für die nötige Unruhe sorgen. Die Gäste würden aus dem Schankraum eilen und dann würde Tolik auf sie warten und sie an der Flucht hindern.

    Aber wie genau sollte er das bewerkstelligen? Tolik blickte skeptisch auf sein blutverkrustetes Krummschwert. Damit würde er bestenfalls der Wirtin und dem Opa Paroli bieten können. Die fünf Archäologen waren zwar angetrunken, aber sie waren zu fünft und sie waren verdammt kräftig. Da musste er zu anderen Mitteln greifen. Tolik atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen und auf das Essentielle zu konzentrieren.

    Tolik dachte wieder einmal nach und dieses Mal kam ihm sein fotografisches Gedächtnis zur Hilfe. Er hatte auf einem der Geländewagen Munition gesehen, aber keine Waffe gefunden. Vielleicht waren diese Waffen im Wagen der Archäologen. Auf der anderen Seite würde sie ein solches Risiko wohl nicht eingehen und ihre Waffen einfach so in ihren Geländewagen herumliegen lassen. Entweder waren diese Waffen also noch an der Ausgrabungsstätte und Tolik hatte Pech gehabt oder aber die Archäologen hatten sie auf ihren Zimmern verstaut. Tolik hoffte auf letztere Option und wollte sein Glück wenigstens versuchen.

    Er gab sich einen Ruck, atmete tief durch und drückte dann ganz vorsichtig die Tür wieder auf. Behutsam und auf leisen Sohlen schlich sich der spindeldürre Dorfbewohner aus dem kleinen Raum und blickte rasch in den Schankraum. Alle Anwesenden waren abgelenkt. Die fünf Pokerspieler grölten und tranken und die Wirtin und der Opa unterhielten sich abseits beim Kerzenschein, wobei der alte Mann unbeholfen auf die drallen Brüste der Dame schaute, was diese mit einem süffisanten Lächeln quittierte.

    Obwohl Tolik flammenden Neid verspürte und sich in seiner unteren Körperhälfte bei diesem Anblick etwas regte, konnte ihm das Szenario nur recht sein. Alle waren so abgelenkt, dass den Anwesenden gar nicht auffiel, in was für einer tödlichen Falle sie saßen.

    Tolik huschte lautlos, aber rasch an der Seite der Holztreppe hoch und gelangte auf einen engen Flur, von dem an jeder Seite gut fünf Türen abgingen. Der Dorfbewohner probierte die erstbeste Tür zu seiner rechten aus. Er konnte sein Glück kaum fassen, aber die Tür stand tatsächlich offen. Das lag vermutlich daran, dass in so einer abgeschiedenen Gaststätte ohnehin nie etwas passierte und bis auf den Neuankömmling die Archäologen ohnehin unter sich waren.

    Euphorisiert trat der Jugendliche ins Zimmer und sah sich um. Der Raum war spartanisch eingerichtet. Er war kaum zwei Meter hoch und in etwa drei mal vier Meter lang und breit. Hier gab es eine alte und rustikale Holzkommode mit Spiegel, ein stabiles Holzbett mit durchgelegener Matratze, zwei kleine Nachttische und ein kleines Fenster unter dem schrägen Dach. Die Badezimmer befanden sich scheinbar irgendwo auf dem Gang.

    Tolik kam zu dem Schluss, dass eine mögliche Waffe entweder on dem Kleiderschrank oder aber unter dem Bett sein konnte. Der Junge probierte es erst mit dem Kommode. Als er sein Gesicht dort im Spiegel sah, erschrak er fast. Sein Gesicht war starr vor Dreck und seine Kleidung war mit dem Blut des toten Köters befleckt. Er sah aus wie ein lebender Toter.

    Der Jugendliche fluchte giftig und riss die Schranktür etwas heftiger auf als nötig. In der Kommode befand sich eine wetterfeste Jacke, zwei Paar stabile Stiefel, zwei Hemden und zwei arg mitgenommen aussehenden Arbeitshosen. Tolik machte die Schranktür wieder zu und blickte unter das Bett. Dieses Mal hatte er mehr Glück. Dort befand sich ein kleines Köfferchen mit einem Gewehr, das in keinster Weise gesichert war. Die dazugehörige Munition fand Tolik im Nachtischchen. Vorsichtig versuchte er einen Schuss mit der klobigen Waffe zu simulieren. Er hatte des Öfteren Leute in seinem Dorf schießen sehen und er hatte selbst vor kurzem angefangen hin und wieder im Unterricht im Waisenhaus den Waffengebrauch zu erlernen. Schließlich hatte man allen Kindern eingebläut, dass man das Dorf gegen mögliche fremde Invasoren auf Leben und Tod verteidigen musste.

    Dieses Basiswissen kam Tolik nun zu Gute. Zufrieden entsicherte und lud er das Gewehr und stellte und legte alle anderen Objekte im Raum wieder dorthin, wo sie waren, bevor er eingetroffen war. Dann schlich Tolik zurück in den Flur, starrte gespannt die Treppe hinunter und fühlte sich ein wenig mulmig. Er spürte, dass es nun langsam richtig ernst wurde. Tolik gab sich einen Ruck, schlich langsam die Treppe hinunter und spähte vorsichtig in den Schankraum. Es hatte sich in seiner kurzen Abwesenheit nichts verändert. Die Archäologen spielten immer noch Karten und die Wirtin saß immer noch bei dem neuen Gast und erzählte im gestenreich irgendeine Geschichte. Tolik nahm sich vor die Wirtin zu vergewaltigen, wenn er die Männer alle abgeknallt hatte.

    Er unterdrückte ein diabolisches Lachen, zog sich langsam in den kleinen Raum mit den Schaltkästen zurück und blickte dann auf die Vielzahl der Sicherungen. Tolik wusste nicht genau, wie man den Strom am Effektivsten ausschalten konnte, denn schließlich gab es in seinem Dorf so etwas gar nicht. Also riss er einfach so viele Leitungen wie möglich heraus und drehte alle möglichen Schalter um, bis tatsächlich das Licht ausging.

    Dann ging Tolik zur Tür, stieß sie einen Spalt weit auf und blickte auf die Verwirrung, die er angerichtet hatte. Die Archäologen grölten unbeholfen und verstanden nicht, was auf einmal los war. Die Wirtin erhob sich nervös und ihr Blick fiel auf den kleinen Raum, in dem Tolik versteckt war.

    „Nur zu, komm schon näher.“, knurrte Tolik und musste dann sehen, dass der alte Mann ebenfalls aufstand und vor der Wirtin auf ihn zukam. Ahnte der Alte vielleicht etwas? Egal, das alles konnte Tolik nur recht sein.

    Der Junge hörte von draußen das dröhnende Geräusch eines Lastkraftwagens. Anscheinend waren neue Gäste im Anmarsch. Tolik musste nun agieren. Er sprach sich noch einmal fast matrahaft Mut zu, dann trat er mit forschem Schritt aus dem kleinen Raum und jagte einen ersten Schuss in den Schankraum, wobei ihm der Lauf leicht abrutschte und sich schmerzhaft in seine Achselhöhle bohrte.

    Dann drückte er sich fluchend neben der Treppe gegen die Wand und ging dort in Deckung. Er hörte ein Klirren und das entsetzte Schreien der Wirtin und grinste über das ganze Gesicht. Er hatte zwar niemanden verletzt, aber seine Wirkung hatte er nicht verfehlt. Grimmig lud der Jüngling nach und stellte panisch fest, dass der Lauf klemmte.

    Dann hörte er auf einmal von draußen Stimmen. Die Neuankömmlinge würden schneller im Gasthaus sein, als er erwartet hätte. Möglicherweise hatten sie seinen Schuss gehört. Tolik fluchte und dachte hektisch nach, bis sein Blick auf das Schloss der Eingangstür fiel. Sofort setzte er seine Idee in die Tat um und schloss die Eingangstür ab. Nur kurze Zeit später hörte Tolik, wie die Stimmen immer näher kamen.

    Mit einem bitterbösen Grinsen schaffte es Tolik endlich das Gewehr nachzuladen und wischte sich dabei den Schweiß von der Stirn. Dann jagte er eine Kugel mitten durch die Eingangstür und lachte diabolisch. Das sollte den Neuankömmlingen Warnung genug sein. Von ihnen würde wohl vorerst keine Gefahr ausgehen. Jetzt konnte er sich ganz auf die Gäste im Schankraum konzentrieren.

    Da hörte Tolik im Nebenraum ein lautes Klirren gefolgt von einem dumpfen Gepolter und die Ereignisse überschlugen sich auf einmal.

     

                Der Lastkraftwagenfahrer hieß Piter, war mindestens drei Zentner schwer, redete unentwegt jede Menge Unsinn und stank erbärmlich nach einer Mischung aus Maschinenöl, Schweiß und Tsatsiki. Der Koloss war gerade erst Anfang dreißig, sah aber schon aus wie um die fünfzig. Er war breit wie ein Kleiderschrank, trug schwere Springerstiefel, eine verwaschene Militärhose und ein viel zu kleines Muskelshirt, das mühsam zahlreiche und ziemlich amateurhaft wirkende Tätowierungen verdeckte. Eine bullige Bomberjacke lag auf einem unaufgeräumten Spind hinter den drei Vordersitzen des engen Trucks. Piter hatte wüst behaarte Achseln unter denen eine Horde Flöhe prima zum Pokerspiel Platz gefunden hätten, doch dafür war sein Kopf geschoren und nur mit einigen Stoppeln bedeckt wie auch sein unsauber geschnittener Dreitagebart. Der Fernfahrer stammte ursprünglich aus Irkutsk, lebte aber seit sieben Jahren in einem heruntergekommenen Moskowiter Vorort und arbeitet dort für eine kleine Speditionsfirma. Es war kein reiner Zufall, dass der stämmige Piter dasselbe Ziel hatte wie die beiden Journalisten, denn er sollte ein halbes Dutzend Bohrmaschinen zur Ausgrabungsstätte bei Murmansk liefern, da der frisch entdeckte Höhlenkomplex weitaus größer und auch massiver war als Schätzungen vor dem Beginn der Arbeiten ergeben hatten. Seitdem Sergej den bulligen Fernfahrer darüber informiert hatte, dass sein Bruder einer der Hauptakteure bei den Ausgrabungen war, wurde dieser immer redseliger.

                „Vielleicht sollten wir erst einmal an einer Gaststätte halten und etwas essen und trinken, bevor wir uns zu der Ausgrabungsstätte begeben. Es ist ohnehin schon spät und ich kann mir kaum vorstellen, dass bei dem Wetter und zu der Uhrzeit dort noch gearbeitet wird.“, warf Vitali ein, der müde durch das inzwischen immer dichter werdende Schneegestöber auf die von Schlaglöchern übersäte dunkle Straßen blickte und soeben ein verblichenes Schild erblickt hatte, das eine Gaststätte in zehn Kilometern Entfernung ankündigte.

                „Da kennst du meinen Bruder aber schlecht. Er ist ein ganz ähnlicher Typ wie ich. Er arbeitet Tag und Nacht und ist sich für keine Umstände zu schade um sein Ziel zu erreichen. Ich bin mir sicher, dass er noch an der Ausgrabungsstätte ist und die Mannschaft anspornt.“, erwiderte Sergej energisch.

                „Mir war schon klar, dass er dir ähnlich sein muss. Er ist völlig unorganisiert, verschätzt sich bei seinen Kalkulationen und braucht nun die Hilfe anderer, die ihn aus dem selbst verschuldeten Schlamassel retten. Trotzdem mimt er den Chef und scheucht seine armen Angestellten zu den unmöglichsten Uhrzeiten an die unmöglichsten Orte.“, gab Vitali mürrisch zurück, hatte dabei aber ein breites Grinsen auf dem Gesicht.

                Sergej wollte eine schlagfertige Antwort geben, aber in dem Moment schaltete sich auch der redselige Piter ein.

                „Die Idee mit der Gaststätte ist ausgezeichnet. Mein Magen knurrt schon seit einer ganzen Weile. Außerdem kenne ich die Raststätte sogar. Die haben eine vorzügliche, derbe und typisch russische Hausmannskost. Eine der Wirtinnen dort ist allein übrigens schon einen Abstecher wert, wenn ihr versteht wie ich das meine. Überhaupt erinnere ich mich gerne an Murmansk. Auf meiner letzten Tour hier in den hohen Norden hatte ich übrigens einen kräftigen Schiffsmotor an Bord, da einem ukrainischen Oligarchen der kalte Winter den Motor seiner Luxusyacht völlig zerfressen hatte. Er hatte mich für meine schnelle Dienstleistung mit einem großzügigen Trinkgeld entlohnt, denn ich habe den weiten Weg trotz des schlechten Wetters in nur eineinhalb Tagen absolviert. Außerdem hat er mir auch noch ein Geschenk der anderen Art gemacht und mir zwei seiner Gespielinnen auf mein Hotelzimmer geschickt. Die eine kam aus dem tiefsten Kaukasus und war eine ganz wilde und ungezügelte Dame. Die andere junge Frau stammt aus der Nähe von Kasachstan und hatte leicht asiatische Züge. Normalerweise stehe ich ja eher auf slawische Typen, aber diese exotische Dame hatte wirklich etwas Faszinierendes an sich. Sie hatte sogar mal in einem Zirkus gearbeitet und zwar als Schlangenmensch, daher war sie auch extrem flexibel. Die andere Dame war eher rau und dominant, aber das ist kein Wunder, denn sie war lange beim Militär tätig. Ihr Vater ist Offizier und war schon bei einigen Großeinsätzen der russischen Armee dabei. Ich weiß nicht, ob ihr euch daran noch erinnert, aber ich könnte euch ein gutes Beispiel geben.“, begann Piter mit lauter und leicht lispelnder Stimme, doch Vitali packte die kurze Gelegenheit beim Schopf und ergriff rasch das Wort während er sich insgeheim fragte, ob der unattraktive Piter die beiden Damen von damals einfach nur stundenlang zugetextet hatte oder doch mehr passiert war.  

                „Danke, aber das wird nicht weiter nötig sein. Wir fahren am besten gleich diese Gaststätte an, dann können wir uns selbst von der Qualität des Essens überzeugen.“, bemerkte Vitali.

                „Mich hat jetzt eher die Wirtin neugierig gemacht.“, warf Sergej grinsend ein und alle drei lachten schallend auf.

                Wenige Augenblicke später kam die Gaststätte in Sichtweite. Auf dem weitläufigen Parkplatz standen mehrere Fahrzeuge, darunter einigen schwere Geländewagen, die mit allerlei Werkzeug beladen waren und die offensichtlich den Archäologen vor Ort gehörten. Das Gasthaus selbst jedoch wirkte geradezu wie verlassen. Es war kein einziges Licht zu sehen und zudem wurde das aus robustem Holz zusammengezimmerte Gebäude von immer dichter werdendem Schneegestöber und unheimlichen dichten Nebelschwaden wie in weißgraue Watte eingehüllt.

                Zögerlich steuerte Piter den Lastwagen auf den Parkplatz. Vitali spürte sofort, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Selbst der aufgekratzte Sergej schwieg und stieß forsch die Tür des Fahrerhauses auf, als der Lastkraftwagen noch nicht ganz gehalten hatte.

                Sergej folgte ihm auf dem Fuße, während Piter zunächst nervös abwartend zurückblieb und nacheinander alle Lichter des Lastkraftwagens ausschaltete.

                „Du solltest nicht so forsch sein. Vergiss nicht, dass wir keinerlei Waffen bei uns haben. Vielleicht ist hier eine Art Überfall passiert.“, mahnte Vitali seinen Kollegen, doch der winkte kopfschüttelnd ab.

                „Nun mach dir mal nicht in die Hose. Wahrscheinlich ist einfach nur der Strom ausgefallen. In solch entlegenen Regionen wie hier kann das durchaus öfter passieren.“, bemerkte Sergej, doch so überzeugend wie seine optimistischen Worte klang seine leicht flüsternde Stimme nicht und auch seine angespannte Körperhaltung widersprach den beruhigenden Sätzen.

                Plötzlich rümpfte Vitali die Nase, als er behutsam näher an die Gaststätte herangetreten war. Zögernd hielt er inne, runzelte die Stirn und murmelte leise vor sich hin, als er sich plötzlich mit aschfahlem Gesicht zu seinem Freund und Kollegen umwandte.

                „Verdammt, Sergej, riechst du das auch?“, fragte er gepresst.

                „Nein, was denn?“, gab sein Kollege ein wenig begriffsstutzig zurück und kam langsam zu Vitali herüber.

                „Siehst du den dichten Nebel um die Gaststätte denn nicht?“, wollte dieser nun ungeduldig wissen und deutete wild auf den hinteren Teil des Gebäudes, aber Sergej verstand immer noch nicht, worum es ging.

                Gerade als ihm die Geheimniskrämerei auf die Nerven zu gehen begann, da trat Piter schweren Schrittes aus dem Fahrerhaus des Lastkraftwagens und starrte mit geweiteten Augen auf das immer noch gespenstisch stille Gasthaus.

                „Verdammt, Leute, das ist kein Nebel. Das ist Rauch. Es brennt!“, stellte der schwergewichtige Schwätzer fest und trat überrascht einige Schritte zurück, als ob er sich im sicheren Innern seines Gefährts verkriechen wollte.

                Ganz anders reagierte Vitali, der jetzt losspurtete und auf die Eingangstür des Gasthauses zusteuerte. Energisch wollte er selbige aufreißen, aber sie war ganz offensichtlich von innen verschlossen worden und die dicke Tür wollte auch unter dem energischen Ziehen und Zerren des Journalisten einfach nicht nachgeben.

                Dann überschlugen sich plötzlich die Ereignisse. Zunächst ertönten dumpfe Hilfeschreie aus dem Inneren der Gaststätte. Danach ertönte ein donnerndes Krachen und ein Schuss schlug nur wenige Zentimeter von Vitalis Gesicht entfernt durch die massive Holztür. Der junge Mann war wie erstarrt, obwohl tausend Alarmglocken in seinem Kopf schrillten und ihm empfahlen schleunigst zu verschwinden. Sein draufgängerische Kollege Sergej suchte hingegen sein Heil in der Flucht nach vorne und sprang waghalsig mit einem gestreckten Sprung durch das Fenster neben der Eingangstür, wobei er sich schützend die Arme vor das Gesicht hielt. Das reich verzierte und bunte Fenster zerbarst in Myriaden von kleinen Splittern, die Sergej leicht ins Fleisch schnitten. Fluchend kam er in einer Art besseren Abstellkammer auf und kollidierte dort geräuschvoll mit einem übergroßen Putzeimer, der mitsamt seiner Utensilien scheppernd umfiel und seinen Inhalt um und auf dem Journalisten ablud. In diesem Moment krachte ein weiterer Schuss auf, der nun durch die Tür der Abstellkammer schlug, Sergej aber deutlich verfehlte und in irgendeiner alten Kommode steckenblieb.

                In diesem Moment löste sich Vitali aus seiner beobachtenden Starre und wagte sich mit einem geschmeidigen Satz durch das zerbrochene Fenster ebenfalls in die Abstellkammer hinein, ergriff in der Schnelle einen schweren Besen, rauschte am weiterhin fluchenden Sergej vorbei und trat die weniger robuste Tür der Abstellkammer auf, die geräuschvoll aus den Angeln flog.

                Mit einem erstaunten Blick hatte der Journalist die Situation im Wirtshaus erfasst, verlor dadurch aber wertvolle Sekunden, denn sein überaus nervöser Gegner agierte prompt und richtete den Lauf einer altertümlichen Schrotflinte auf ihn.

                Vitali hatte keine Zeit mehr zu reagieren, denn sein Gegenüber drückte unbarmherzig ab. Er schloss die Augen und sandte ein schnelles Stoßgebet gen Himmel, als er ein dumpfes Poltern vernahm.

     

                Irgendwie hatte sich Jermolaj aus seiner Schockstarre befreien können, als er sah wie der bullige Bruno sich von ihm abwandte und seinen beiden Jugendfreunden ins Haus des Schamanen folgte. Als er dann noch sah, wie der Besitzer der rustikalen Residenz verkrampft auf dem Vorplatz vorfuhr und inzwischen auch die kalte Marina in ihrem Wagen auf dem Weg zum Ort des Geschehens war, entschied der ängstliche Jermolaj, dass es keine gute Idee war, wenn er den beiden mächtigsten Personen des Dorfes allein gegenüberstand. Da war es ihm glatt lieber gemeinsam mit seinen beiden Freunden dem stärksten Mann des Dorfes Paroli zu bieten. Eine Weg zurück gab es nun ohnehin nicht mehr, da er mit den beiden Dissidenten auf der Flucht gesehen worden war. Er hatte das draufgängerische Unternehmen seiner beiden Freunde von Anfang an abgelehnt, aber das Wenige, was von seinem Selbstwertgefühl noch vorhanden zu sein schien, hatte ihm ins Gewissen geredet und ihn davon überzeugt, dass er doch etwas tun musste um herauszufinden, was mit seiner verschwundenen Tochter passiert war. Dabei fragte er sich manchmal, ob er überhaupt den Mut hatte der möglicherweise grässlichen Wahrheit ins Auge zu blicken.

                Jetzt stand er an der Eingangstür zur Residenz, aus der er ein nervöses Stampfen hörte. Hinter ihm stieg soeben der Schamane aus seinem Wagen und kam raschen Schrittes auf ihn zu. Dabei schrie er erbost und fuchtelte wild mit den Armen in der Luft.

    Jermolaj zerrte und drückte wahlweise an der Eingangstür, die sich so einfach allerdings nicht öffnen ließ. Im Angesicht der Verzweiflung warf er sich nun mit seinem ganzen Gewicht gegen die rustikale Tür, die mit der Zeit etwas altersschwach geworden war und bereits beim ersten Versuch bedrohlich knarrte und quietschte. Das gab Jermolaj neue Hoffnung, obwohl seine Schulter wie Feuer brannte und so warf er sich noch einmal gegen die Haustür, die in ihren Scharnieren schwer erschüttert wurde. Seine Schulter war nun fast taub vor Schmerz, da er so viel Körpereinsatz gar nicht mehr gewohnt war und Jermolaj jammerte laut. Dann aber sah er wie der Schamane inzwischen am Fuße der Treppe angelangt war, die direkt zur Eingangstür führte. Eine bessere Motivation als die Furcht gab es nicht und so ignorierte der alte Mann seine Schmerzen und warf sich mit voller Wucht gegen die Haustür, die endlich aus ihrer Verankerung gerissen wurde. Fast wie in Zeitlupe fiel er mit der Tür ins Innere des Hauses und kollidierte dort mit dem muskelbepackten Rücken Brunos, der erstaunt grunzte und in die Knie ging.

    Während Feodor sich rasch von der Überraschung erholte und in Windeseile die Treppe hinunterrannte, trat Lew mit gerötetem Gesicht vor und rammte dem verdutzten Bruno sein Knie unter das Kinn und schlug dann wuchtig mit einem rechten Haken auf dessen Kopf. Der grobschlächtige Bewacher verdrehte die dümmlichen Augen, bis nur noch das Weiße zu sehen war und kippte dann wie in Zeitlupe zur Seite. Er hatte das Bewusstsein schon verloren, bevor er hart auf dem Boden aufschlug und ein Blutschwall aus seinem Mund rann, da er sich bei der harten Attacke auf die Zunge gebissen hatte.

    Lew packte nun Jermolaj, der zwischen den Trümmern der Eingangstür lag und zog ihn ruckartig auf die Beine.

    „Nun komm schon!“, rief Lew und eilte ebenfalls die Treppe hinunter ins Kellergewölbe, während Jermolaj mechanisch wie ein Roboter hinterher wankte.

    „Bleibt sofort stehen! Das werdet ihr Verräter büßen!“, brüllte der Schamane, der inzwischen ebenfalls mit irrem Blick an der Eingangsschwelle stand und nur noch wenige Meter von den ungebetenen Eindringlingen entfernt war. Hinter ihm erschien nun eine japsende Marina, die mit verschwitztem Gesicht mit ihren dürren Fingern anklagend auf den weghumpelnden Jermolaj zeigte und dabei wie eine Hexe wirkte.

     Feodor war inzwischen im Keller angekommen und stand in einem geräumigen Weinkeller, aus dem es auf dem ersten Blick keinen zweiten Ausgang zu geben schien. Doch dann sah sein geschultes Augen ein paar hellere Schleifspuren hinter einem Regal, auf einige Flaschen selbstgebrannter Wodka standen.

    Er hatte nicht groß Zeit nachzudenken oder behutsam vorzugehen, also packte er das Regal, klammerte sich mit seinem ganzen Gewicht daran und stieß sich wuchtig nach hinten ab. Das Regal kippte wie in Zeitlupe nach hinten und Feodor schaffte es so gerade noch sich zur Seite zu rollen. So wurde er nicht von den Dutzenden von Flaschen getroffen die scheppernd aus dem Regal fielen und klirrend in Myriaden von Glassplittern auf dem harten Boden zerschellten.

    Feodor riss noch abwehrend die Arme hoch, als er nicht zum ersten Mal heute von Splittern getroffen wurde und sah wie der zu ihm ins Gewölbe eilende Lew mit rudernden Armen auf der sich rasch ausbreitenden alkoholischen Flüssigkeit ausrutschte und gegen ein weiteres Regal prallte, das er dabei unkontrolliert umstieß.

    Hinter Lew, der unter dem Regal eingeklemmt lag, von dem nun einige Weinfässer durch das Gewölbe rollten, erschien nun auch Jermolaj der seltsam steif zu ihnen stieß und in diesem Moment von einem fuchsteufelswilden Schamanen grob nach hinten umgerissen wurde. Zur Hilfe kam ihm die zeternde Marina, die im Gegensatz zum unkontrolliert wütenden Hausherrn mit einer abgesägten Schrotflinte bewaffnet war.

    Bei Feodor schrillten alle Alarmglocken und er blickte nach einer möglichen Deckung, als sein Blick erstmals auf den staubigen und mit Spinnweben bewucherten schmalen Gang fiel, den er hinter dem Regal freigelegt hatte. Dort sah er im unsteten Fackellicht einige schmiedeeisernen Zellentüren. Instinktiv rief er die Namen seiner Tochter und die Namen der Töchter seiner beiden Begleiter.

    „Albina? Bist du hier? Ich bin es, Feodor! Albina, ich bin gekommen um dich hier herauszuholen! Sind Jana und Nkeiruka auch da? Eure Väter sind auch hier!“, rief Feodor völlig atemlos und trat in den düsteren Gang.

    „Papa!“, ertönte da eine heisere und kraftlose Stimme, die aus der dunklen Ecke der ersten Zelle drang.

    „Albina!“, schrie Feodor völlig außer sich und erstarrte, als er seine Tochter sah, die aus der dunklen Ecke des Verlieses gewankt kam.

    Ihr Gesicht war weiß wie ein Laken, ihre Wangen waren völlig eingefallen, ihre einst so ausdrucksstarken Augen wirkten müde und waren von dunklen Rändern untermalt. Die Jugendliche trug ein graues Gewand, das blutbefleckt war und auch an ihren spindeldürren Armen sah Feodor blaue Flecken und verkrustete Wunden. Wie eine Untote streckte das Mädchen die Hände nach ihrem Vater aus, der einen dicken Kloss im Hals hatte.

    Ein Schleier roter Wut legte sich über seine Augen, als er mit geballten Fäusten herumfuhr um demjenigen gegenüberzustehen, der seine Tochter so übel zugerichtet hatte.

    In diesem Moment löste sich ein erster Schuss aus der abgesägten Schrotflinte Marinas, die sich an dem Schamanen vorbeigedrängt hatte, der am Boden verkrampft mit dem wimmernden Jermolaj am Ringen war.

     

                Zum selben Zeitpunkt löste sich ein paar Kilometer weiter nordöstlich ebenfalls ein Schuss aus einer Waffe, die in diesem Fall auf Sergej und Vitali gerichtet war. Die Waffe war ein etwas moderneres Jagdgewehr, das einem der Archäologen gehört hatte, die in der Gaststätte nächtigten. Der zitternden Jüngling, der das Gewehr hielt und damit ganz offensichtlich nicht umgehen konnte, hatte die Kugel knapp neben den beiden Journalisten in einen Putzeimer gejagt und war vom den Rückstoß des Schusses in Richtung der Eingangstür gedrückt worden. Diese wurde genau in diesem Moment grob vom heraneilenden Piter aufgestoßen und aus den Angeln gehoben. Der schwergewichtige Fernfahrer und die hölzerne Schanktür begruben den überrascht aufschreienden Jungen unter sich.

                Von der anderen Seite kam ein etwas älterer Mann mit gezückter Waffe um die Ecke des Schankraumes und visierte rasch die drei Neuankömmlinge an, bevor er die Situation erkannte und den bewusstlosen Jugendlichen unter der Eingangstür sah, der noch immer krampfhaft sein Gewehr umklammert hielt. Der ältere Mann reagierte umgehend und entfernte das Gewehr sicherheitshalber aus der Reichweite des Jugendlichen.

                Hinter dem älteren Herrn mit den wachen Augen tauchte nun eine jüngere und dralle Wirtin auf, drängte sich an den vier Männern vorbei und blickte betroffen auf den zerschossenen und somit nutzlosen Putzeimer.

    „Mein Gott! Ich muss doch das Feuer löschen! Was mache ich denn nun bloß?“, schrie sie nervös und blickte dabei verzweifelt die vier Männern und zuletzt grimmig den bewusstlosen Jugendlichen an.

    „Ich habe einen Löschschlauch in meinem Lastkraftwagen. Wenn ich mit meinem Wagen auf die Rückseite des Gebäudes fahren würde, könnte ich es vielleicht schaffen.“, bemerkte Piter, der sich ungelenk aufgerichtet hatte und nun mehr schlecht als recht den Staub von seiner Kleidung klopfte.

    Die Wirtin nickte dem Fernfahrer aufmunternd und dankbar zu und verschwand dann wieder hektisch im Schankraum, aus dem sich nun ein paar angetrunkene, laute und sichtbar verwirrte Herren entfernten.

    Der ältere Herr trat auf Vitali und Sergej zu und stellte sich ihnen vor.

    „Mein Name ist Mitrofan. Ich bin Polizist und war gerade zufällig hier. Sie sind genau im richtigen Zeitpunkt gekommen. Wir sind ihnen und ihrem Begleiter zu großem Dank verpflichtet.“, sagte Mitrofan mit warmer und ehrlicher Stimme.

    „Das war wohl mehr Glück als Verstand. Wir sind auch gerade auf der Durchreise. Wir sind Journalisten und wollten eigentlich so schnell wie möglich zur Ausgrabungsstätte.“, bemerkte Sergej eifrig.

    „Sein Name ist Sergej. Sein Bruder ist der Ausgrabungsleiter vor Ort. Ich bin Vitali. Wir kommen aus Sankt Petersburg und wollen exklusiv vor Ort berichten.“, erklärte Vitali etwas ruhiger und stelle seinen Kollegen und sich erst einmal vor.

    Einer der angetrunkenen Männer hatte das kurze Gespräch mit verfolgt und trat zu den drei Männern dazu. Etwas unstet blickte er sie an und wandte sich dann an Sergej.

    „Du bist der Bruder von Boris?“, fragte der Mann leicht angeheitert und hatte fügte seiner Frage einen energischen Rülpser hinzu.

    „Ganz genau. Sie sind Archäologe?“, fragte Sergej.

    „Wir sind alle hier Archäologen. Wir hatten Frühschicht von sechs Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags. Wir wollten hier endlich mal ein bisschen abschalten und uns amüsieren, aber dieses Bürschchen da hat uns den Abend gehörig verdorben.“, gab der Mann zurück und trat wütend auf den bewusstlosen Jugendlichen zu.

    Mitrofan stellte sich ihm in den Weg und blickte dann den Jugendlichen an. Er war relativ ärmlich und altertümlich gekleidet. Er wirkte ziemlich abgehungert, hatte dreckige und lange Fingernägel, fettiges und unordentliches Haar und trug ein seltsames altertümliches Krummschwert an seinem ausgefransten Gürtel. Der Jugendliche wirkte so gar nicht wie andere Leute in seinem Alter. Mitrofan fragte sich, ob es sich vielleicht um einen armen Obdachlosen handelte, doch plötzlich ging ihm ein Licht auf und Lisas Geschichte fiel ihm wieder ein. Plötzlich kam dem Polizisten noch eine ganz andere Idee.

    „Hören Sie, wo befindet sich der Ausgrabungsleiter jetzt?“, fragte Mitrofan den verdutzten Archäologen.

    „Na, wo schon? Er ist immer noch an der Ausgrabungsstätte. Er arbeitet Tag und Nacht wie ein Tier.“, antwortete der Archäologe schwerfällig.

    „Gibt es noch eine andere Unterkunft für die Archäologen?“, fragte Mitrofan atemlos weiter.

    „Na ja, manche von uns übernachten im Zeltlager in der Nähe der Ausgrabungsstätte, besonders die wichtigsten Mitarbeiter. Warum fragen Sie?“, wollte der verdutzte Archäologe wissen.

    „Ich frage deswegen, weil ich glaube, dass die anderen Archäologen in Gefahr sein könnten. Dieser Jugendliche hier hat sicherlich nicht einfach aus eigenem Antrieb und vor lauter Langeweile diese Wirtschaft angegriffen. Ich könnte mir vorstellen, dass genau in diesem Moment auch die anderen Archäologen angegriffen werden könnten.“, führte Mitrofan weiter aus.

    „Dann sollten wir uns schnellstmöglich auf den Weg machen, um meinem Bruder zu helfen.“, fand Sergej als erster die Sprache wieder.

    „Ich bin ebenfalls dabei. Kann uns jemand von Ihnen zur Ausgrabungsstätte führen?“, fragte Vitali an die Archäologen gewandt und sofort gingen ein paar Arme hoch.

    „Sehr gut. Wir werden meinen Wagen nehmen. Dort ist außer für mich noch für vier andere Leute Platz. Sergej und Vitali, Sie werden mich begleiten, zudem nehme ich noch zwei Archäologen mit. Wenn es hart auf hart kommt, habe ich noch zwei Waffen in meinem Wagen.“, resümierte Mitrofan die Lage.

    „Mein Kollege Igor und ich haben auch Jagdwaffen dabei. Manchmal kommen nämlich ein paar ausgehungerte Wölfe unserer Ausgrabungsstätte zu nah. Meine Waffe ist übrigens diejenige, die von diesem Jungspund entwendet worden ist. Er muss also in mein Zimmer eingebrochen sein. Ich sehe sofort mal nach, ob noch etwas fehlt und ob ich noch etwas Munition finde.“, bemerkte der Archäologe, der langsam schneller reagierte und allmählich schon wieder nüchtern wurde.

    „Beeile dich, Danilo!“, rief ihm sein Kollege Igor nach, als Danilo schon mühsam die schmale Holztreppe hinauf zu den Gästezimmern rannte.

    Aus den Augenwinkeln heraus sah Vitali Piters Lastwagen an den Fenstern des immer nebeliger werdenden Schankraums vorbei in Richtung des brennenden Traktes fahren. Mitrofan nutzte die kurze Wartezeit um in einen kleinen Raum neben dem Abstellraum zu gehen, wo einige Schaltkästen offenstanden und einige Kabel und Sicherungen wahllos herausgerissen worden waren. Der Jugendliche hatte bei seinem kriminellen Tatendrang Glück gehabt, dass er keinen Stromschlag abbekommen hatte. Mitrofan kannte sich zum Glück mit Stromkästen und Ähnlichen aus, denn sein älterer Bruder arbeitete in einem Elektrizitätswerk bei Jaroslawl und war Doktor der Physik. Mit wenigen geübten Griffen hatte er die Schaltungen repariert und mit einem lauten Knacken ging das Licht im Gasthaus endlich wieder an.

    In dem Moment kam auch Danilo schon wieder mit einem weiteren Jagdgewehr und Munition beladen die Treppe herunter und gab einiges davon an seinen Kollegen Igor ab.

    „Können wir denn einfach so wegfahren? Wir sollten erst einmal das Feuer löschen!“, bemerkte Vitali, als er sah, dass sich seine neuen Wegbegleiter allesamt dazu aufmachten das Gasthaus zu verlassen.

    „Wenn Piter mit seinem Löschschlauch das nicht schafft, dann kriegt das keiner hin.“, erwiderte Sergej und in diesem Moment erklangen aus der Ferne Sirenen.

    „Da kommt auch schon die Feuerwehr! Wir sollten aber auch noch die Polizei verständigen, damit sie den Brandstifter hier in Gewahrsam nehmen können.“, stellte Vitali fest und blickte grimmig auf den Jugendlichen, der inzwischen stöhnend wieder zu Bewusstsein kam.

    Mitrofan nutzte die Gunst der Stunde und kniete sich vor dem Jungen nieder, der beinahe wie ein ängstliches Kaninchen zurückschreckte und dabei mit seinem Kopf gegen die aus den Angeln gehobene Tür stieß und sich dabei eine kleine Platzwunde zuzog. Mitrofan hob beschwichtigend die Arme.

    „Pass jetzt mal gut auf, mein Junge. Wenn ich dich hätte umbringen wollen, dann hätte ich das längst getan, als du dich kurz nach meiner Ankunft in den Raum mit den Elektrokästen versteckt hast. Du kannst froh sein, dass ich dich für einen armen Landstreicher gehalten habe. Jetzt höre mir genau zu. Ich weiß, aus welchem Dorf du kommst und was du hier vorhast. Ich weiß auch ganz, dass die Sache nicht deine Idee war und dass es da draußen noch mehr wie dich gibt, die versuchen hier die Ausgrabungen zu boykottieren. Ich möchte von dir jetzt ganz genau wissen, wer deine Kollegen und Auftraggeber sind und was sie genau vorhaben, sonst überlege ich mir das mit dem Umbringen noch einmal anders!“, sprach Mitrofan klar und deutlich und erkannte in dem flackernden Blick seines Gegenübers eine Mischung aus Angst, Trotz und Wahnsinn.

    „Fick dich, Opa! Ihr habt hier nichts zu suchen. Ihr solltet uns besser alle in Ruhe lassen. Ihr könnt froh sein, dass unser Schamane unsere Gottheit noch nicht beschworen hat und meine Freunde und mich vorgeschickt hat, um euch zu warnen.“, gab Tolik stockend, aber emotionsgeladen zurück.

    „Du kleiner Hänfling willst und warnen. Du weißt doch nicht einmal, wie man mit so einem Gewehr umgeht.“, mischte sich nun Sergej in das Verhör ein.

    „Fjodor und Pawel haben da mehr Erfahrung als ich. Deshalb hat man sie auch direkt zur Ausgrabungsstätte geschickt.“, erwiderte Tolik mit hochrotem Kopf und biss sich danach verärgert auf die Lippen, als er realisierte, dass er gerade den Verdacht seiner Gegner bestätigt hatte.

    „Auf die Ausgrabungsstätte habt ihr es also abgesehen. Nach schön, dann werden wir deine beiden Freunde dort auch schnappen.“, erwiderte Mitrofan gelassen.

    „Das ist längst zu spät. Dort sind längst alle tot! Mich wird man auch rächen. Ihr seid am Ende!“, keifte Tolik hysterisch, doch er wurde inzwischen gar nicht mehr beachtet.

    „Danilo, wie lange brauchen wir zur Ausgrabungsstätte?“, fragte Mitrofan.

    „Das dauert vielleicht zehn Minuten.“, gab dieser zurück.

    „Dann sollten wir uns beeilen.“, mahnte Vitali zur Eile und trat gemeinsam mit seinem Freund und Kollegen Sergej, dem Polizisten Mitrofan und den Archäologen Danilo und Igor ins Freie.

     

    „Morgen früh ist unser großer Tag!“, bemerkte der stellvertretende Ausgrabungsleiter Gennadiy euphorisch und reichte seinem Freund und Partner Boris ein kühles Baltika, was dieser dankbar nickend annahm.

    Doch auch im Schein des gemütlichen Lagerfeuers im dichter werdenden Schneesturm konnte Boris noch nicht ganz von der Arbeit abschalten, die für ihn weitaus mehr als ein einfacher Job war. Er starrte immer noch mit zusammengekniffenen Augen über den Rand seiner Brille auf einige Pläne und Zeichnungen herab, die kreuz und quer vor ihm ausgebreitet waren. Für ihn war diese Arbeit sein ganzes Leben und sein kühnster Traum und er stand vielleicht vor dem größten Erfolg seiner noch jungen Karriere. Bald würden Experten aus der ganzen Welt seinen Namen mit der Entdeckung eines gigantischen und von Menschenhand gefertigten Höhlenkomplexes in Verbindung bringen. Nach ihren aktuellsten Messungen war dieser Komplex kilometerlang und beherbergte geradezu ein Labyrinth an Gängen. Noch interessanter war die Tatsache, dass dieser Höhlenkomplex nicht einfach durch eine Naturkatastrophe verschüttet worden war, sondern weitaus mehr dahinter steckte. Boris und seine treuen Helfer hatten eindeutige Spuren sicher gestellt. Irgendjemand hatte vor gut zwei Jahrhunderten den gesamten Höhlenkomplex in die Luft gesprengt und Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte von Menschen umgebracht. Boris war von der Geschichte hinter diesem Massaker fasziniert. Was konnte einen oder mehrere Menschen angetrieben haben eine ganze Sippschaft auf so brutale Art und Weise auszurotten?

    „Ich hoffe nur, dass bei den Sprengungen alles glatt geht und wir den Höhlenkomplex nicht zerstören oder weiter verschütten.“, bemerkte Boris, der es vorzog sich das schlechtmöglichste Szenario auszumalen, um sich dann vom bestmöglichsten Szenario überraschen zu lassen.

    „Das haben wir doch alles schon tausend Mal abgewogen und berechnet. Es ist das Risiko auf jeden Fall wert.“, redete Gennadiy seinem Partner ins Gewissen und nahm einen kräftigen Schluck von seinem Bier.

    „Was ist wenn mein Bruder und sein Kollege nicht eintreffen? Das Wetter ist wirklich mies. Vielleicht haben sie es nicht bis nach Murmansk geschafft. Wir müssen die Freilegung des Höhlenkomplexes genau dokumentieren und ohne sie dürfte das schwierig werden.“, fiel Boris ein anderes mögliches Problem ein.

    „Bis morgen zum späten Vormittag sind sie auf jeden Fall da. Notfalls kontaktieren wir andere Journalisten, die bei der Sprengung dabei sind. Das soll unser geringstes Problem sein.“, gab Gennadiy gebetsmühlenartig zurück, denn diese Konversation hatte zwischen den beiden schon gut ein Dutzend Mal stattgefunden. Gennadiy kannte seinen Partner in- und auswendig und auch wenn er seinen Pessimismus oder wie er es nannte Realismus manchmal fast schon manisch fand, schätzte er die ausgeklügelte Behutsamkeit seines Partners doch ungemein.

    „Hast du noch einmal das angebrachte Dynamit überprüft?“, wollte Boris mechanisch wissen und blickte nicht einmal von seinen Karten auf und hatte auch immer noch keinen Schluck von seinem Bier getrunken.

    „Wir haben alles doppelt und dreifach überprüft. Es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn da noch etwas schiefgehen sollte.“, beruhigte Gennadiy seinen Partner und hat mehr als die Hälfte seines Bieres bereits ausgetrunken. Insgeheim wünschte er sich bei seinen Kollegen im warmen Wirtshaus aus zu sitzen und Karten zu spielen, als im eisigen Schneesturm mit einem mürrischen Pessimisten auszuharren.

    „Wie sieht es mit der Überwachung der Ausgrabungsstätte für die nächsten zwölf Stunden aus?“, begann Boris mit dem nächsten Punkt.

    „Artur, Kazimir, Konstantin, Mefodiy und Roman schieben hier die ganze Nacht über Wache und sind perfekt ausgerüstet. Niemand kommt ungesehen auf das Ausgrabungsgelände.“, beantwortete Gennadiy auch diese Frage präzise.

    „Bei diesem Schneesturm kann man das nie so genau sagen.“, brummte Boris zurück und faltete einen weiteren Plan auseinander.

    „Du solltest jetzt wirklich mal die ganzen Aufzeichnungen weglegen und Schluss machen.“, bemerkte Gennadiy bestimmt und ohne seine wachsende Ungeduld in seiner Stimme mitklingen zu lassen.

    Da hob Boris mit einem Mal den Kopf und blickte sich fast wie ein witternder Hund um. Die ausgefalteten Pläne vor ihm waren beinahe vergessen und näherten sich bedrohlich nahe dem nervös flackernden Lagerfeuer. Mit zusammengekniffenen Augen blickte Boris in die undurchdringliche Schwärze hinter dem Zeltlager, wo er lediglich die Umrisse einiger Geländewagen und die hohen Tannen des dichten Waldes als düstere Schatten erahnen konnte. Gennadiy folgte dem Blick seines Partners und stellte keine unnötigen Frage, denn er kannte die Eigenarten seines Partners bereits gut genug. Dieser beruhigte sich nur langsam wieder, sank wieder im Schnee zusammen und packte endlich die Karten und Pläne zusammen, bevor sie in Flammen aufgingen oder im Sturm fortgeweht wurden.

    „Ich hatte für einen Moment geglaubt, dass da zwischen den Geländewagen irgendwer herumschleicht.“, bemerkte Boris nach einiger Zeit und sein Kollege nickte.

    „Ich werde einmal nachschauen.“, bemerkte Gennadiy, der einer der wenigen war, die das Geschwätz seines Partners nicht auf die leichte Schulter nahm. Boris mochte ein Eigenbrötler sein, aber er war keinesfalls wirr. Wenn er einen Schatten im Dunkeln gesehen hatte, dann gab es für Gennadiy keinen Grund daran zu zweifeln. Vielleicht war es einer der fünf Wachmänner, die ihren Posten verlassen hatten, denn außer ihnen war niemand mehr an der Ausgrabungsstätte. Die letzten drei Archäologen waren vor einer guten Viertelstunde abgefahren und das Zeltlager war bis auf Gennadiy und Boris derzeit völlig verlassen.

                Gennadiy ging zwischen den beiden größten Zelten durch den immer höher aufgeschichteten Schnee und erklomm mühsam eine Anhöhe, die zu den Geländewagen führte. Lediglich drei Jeeps standen noch dort.

                Der stellvertretende Ausgrabungsleiter blickte sich behutsam um und spürte ein beunruhigendes Kribbeln in seinem Nacken. Er verspürte eine drohende Gefahr, konnte diese aber nicht kategorisieren. Sein Instinkt hatte ihn allerdings noch die getäuscht und Boris hatte ja auch etwas gesehen. Waren es möglicherweise Wölfe, die sich ans Zeltlager herangewagt hatten? Das war eigentlich unmöglich, denn die Tiere waren dafür viel zu scheu und gingen den Menschen fast immer aus dem Weg, vor allem, wenn sie um ein Lagerfeuer versammelt saßen und so geballt auftraten wie in diesem kleinen Lager. Nein, hier war irgendwer oder irgendetwas Anderes unterwegs, da war sich Gennadiy inzwischen sicher.

                Plötzlich entdeckte der ältere Russe etwas, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Trotz der bitteren Kälte verspürte er auf einmal einen rasanten und kalten Schauer nach dem Anderen über seinen Rücken bis hoch in den Nacken und tief in die Haarwurzeln laufen. Sein Blick war zufällig auf den am nächsten liegenden Geländewagen gefallen. Irgendjemand hatte dessen Reifen in mühsamer Arbeit komplett zerstochen.

    Gennadiy ging behutsam um den Geländewagen herum und nahm auch die anderen beiden Automobile kurz in Augenschein. Überall bot sich ihm dasselbe Bild. Alle Reifen waren zerstochen. Sie saßen hier im Zeltlager fest. Aber wer hatte Interesse daran und was führte er genau im Schildre?    

    Der alternde Russe hörte plötzlich ein Rascheln und fuhr erschrocken herum. Er bemerkte jetzt erst, dass er völlig hilflos und unbewaffnet dort stand. Angestrengt blickte er durch den dichten Schneefall in die Dunkelheit. Hatte sich da links vor ihm nicht ein Schatten bewegt? Oder war es einfach nur eine dichte Schneewehe gewesen, die vom starken Wind aufgestöbert worden war?

    Gennadiy konnte seinen Instinkten bei diesem Wetter nicht mehr trauen und wich langsam zurück, bis er unerwartet an die Fronthaube des nächsten Geländewagens stieß. Erneut fuhr Gennadiy erschrocken herum und blickte sich nervös um, aber da draußen war niemand außer ihm. Oder täuschte er sich da?

    Für den stellvertretenden Ausgrabungsleiter stand fest, dass er sofort umkehren und seinem Partner Bescheid sagen musste. Die beiden mussten Hilfe anfordern und die Wachen alarmieren. Gennadiy hatte es plötzlich ganz eilig und stampfte gehetzt durch den hohen Schnee am Geländewagen vorbei.

    Da sah er plötzlich einen weiteren Schatten, der hinter dem Geländewagen gelauert hatte und sich ganz plötzlich vor ihm aufbaute. Gennadiy wurde nun endgültig klar, dass die kaputten Reifen nicht das Werk eines Tieres gewesen waren. Der schmächtige Jüngling vor ihm baute sich zu einer beachtlichen Größe auf und versperrte Gennadiy den Weg. Noch imposanter als sein Erscheinungsbild war allerdings der schwere Schraubenschlüssel in seiner Hand, der sich wuchtvoll herabsenkte und Gennadiy direkt an der Schläfe traf.

    Der alte Russe schrie noch kurz auf, als ihn ein zweiter Schlag noch im Fallen traf und seine Welt in einen blutroten Schleier verwandelte. Er lag halb benommen im Schnee, als er den dritten Schlag am ganzen Leib spürte, als dieser vor seinen Augen explodierte. Der Schlag tat so verdammt weh, dass seine gesamten Abwehrmechanismen versagten. Gennadiy ließ die Arme sinken, schaffte es auch nicht mehr sich zur Seite zu rollen und seine Schließmuskeln öffneten sich ruckartig. Den vierten und fünften Schlag spürte er nur noch als Nachbeben und beim sechsten Schlag wurde die ganze Welt für ihn pechschwarz.

     

    Mitrofan verlangte seinem Wagen alles ab und obwohl es gut ausgestattet war, hatte er doch das unwegsame Gelände und das schlechte Wetter unterschätzt. Vielleicht hätten sie doch einen der Geländewagen nehmen sollen, auch wenn die Archäologen diesen in ihrem aktuellen Zustand nicht mehr fahren durften. All das war aber nun zweitrangig geworden, denn es ging ganz offensichtlich um Leben und Tod und jede Sekunde war eine verlorene Sekunde.

    Der Wagen rutschte und brach ständig aus, doch er quälte sich irgendwie den serpentinenartigen Weg zwischen Küste und Wald entlang. Die Fahrt kam Mitrofan endlos lange vor. Die Archäologen hatten von gut zehn Minuten gesprochen und Mitrofan war immer am äußersten Limit gefahren, doch jetzt war bereits fast eine Viertelstunde vorüber und die Ausgrabungsstätte war immer noch nicht in Sichtweite.

    „Verdammt, wie lange dauert das denn noch?“, fragte sich jetzt auch Sergej ungeduldig. Er hielt das zweite Gewehr der Archäologen fest umklammert, dass der jugendliche Angreifer aus Igors Zimmer geklaut hatte. Danilo hatte das andere Gewehr auf seinem Schoss liegen, das er später von seinem Zimmer geholt hatte. Vitali hatte die zweite Kurzfeuerwaffe an seinem Gürtel festgemacht. Er dachte daran, dass Sergej und er besser die beiden Waffen mitgenommen hätten, die sie vor nicht allzu langer Zeit von einem mysteriösen Händler gekauft hatten, um bei einem Treffen verschiedener Mafiaklans auf der sicheren Seite mitzumischen.

    Vitali dachte mit einem flauen Gefühl im Magen daran, was sich in den letzten Tagen bei ihm alles verändert hatte. Seit er nach Sankt Petersburg gezogen war, hatte er keine Ruhe mehr gehabt und war von einer abstrusen Geschichte in die nächste gestolpert. Er war in einen Kleinkrieg verschiedener Mafiaklans hineingeraten. Er war mit übernatürlichen Dingen konfrontiert worden, an die er vorher nicht einmal geglaubt hatte und unter Anderem einem Werwolf begegnet. Er hatte seine Freundin aus den Fängen eines wahnsinnigen Rächers befreien müssen. Er hatte sich tagelang mit der Polizei herumschlagen müssen. Jetzt war er auf einem abenteuerlichen Trip im Nordwesten Russlands unterwegs bei dem erst ihr Auto den Geist aufgegeben hatte, dann das Wirtshaus, in dem sie essen wollten, halb abgebrannt war und nun eine Gruppe Archäologen von einer Bande wütender Halbstarker angegriffen wurde. Vitali wollte einfach nur noch seine Ruhe haben. Ihm wurde dies alles zu viel.

    Da dachte er aber auch an die positiven Dinge, die ihm in den letzten Wochen widerfahren waren. Er hatte seine Freundschaft mit Sergej vertieft und wusste, dass er in jeder Situation auf ihn zählen konnte. Vitali hatte eine tolle Wohnung ergattern können, in der er nun sogar ein Jahr kostenlos wohnen durfte, da er seiner Vermieterin und einer Mitbewohnerin gegen die organisierte Kriminalität beigestanden hatte. Er hatte seit vielen Jahren wieder eine neue Freundin mit der er sich wunderbar verstand. Vitali dachte auch an seinen neuen Talisman, das mysteriöse Agnus Die, welches er von einem Mönch bekommen hatte und das ihm im Kampf gegen den Werwolf vielleicht das Leben gerettet hatte.

    Kaum dachte Vitali an diesen Gegenstand, als er ein leichtes Kribbeln spürte und der Talisman auf seiner Brust langsam aber stetig wärmer wurde. Sofort griff der Journalist nach seinem Glücksbringer und sah, dass dieser milchig-golden aufglühte. Rasch ließ Vitali das Objekt wieder unter seinem Hemd verschwinden, damit es niemand anders sah. Er war sich sicher, dass die Reaktion des magischen Gegenstandes irgendetwas bedeuten musste. Vitali kam der Verdacht, dass er sich vielleicht einem Hort der schwarzen Magie näherte. Er fragte sich, ob an der Ausgrabungsstätte der Archäologen vielleicht irgendetwas Übersinnliches passiert war.

    Kaum hatte er den Gedanken zu Ende gebracht, da passierte etwas ganz und gar nicht übersinnliches, denn mit einem Mal zerbarst die Frontscheibe von Mitrofans Wagen in tausend Splitter und alle Insassen schrien wie aus einer Kehle erschrocken auf.

    Was war das bloß gewesen? Ein Tier? Ein Stein? Oder etwa ein Schuss?

    Der Polizist riss das Lenkrad herum und kam von der ohnehin schlecht in Stand gehaltenen Fahrbahn ab. Der Wagen senkte sich bedrohlich, raste eine kurze Böschung herunter und näherte sich einem undurchdringliche erscheinenden Waldesrand.

    Plötzlich ging alles ganz schnell. Mitrofan riss auf dem schlammigen Untergrund das Lenkrad herum, stieg voll auf die Bremsen und steuerte mühsam gegen das ausbrechende Heck. Die Insassen des Wagens wurden ziemlich durchgeschüttelt. Vitali und Mitrofan saßen vorne und waren angeschnallt, aber dies galt nicht für die drei Insassen im Fond des Wagens. Sergej saß in der Mitte und wurde ganz schön von seinen beiden Begleitern eingequetscht. Dies war zwar unangenehm, schützte ihn aber auch vor noch schlimmeren Verletzungen. Danilo stieß sich den Kopf an der niedrigen Wagendecke. Igor schlug mit der Stirn gar gegen das Fenster und stöhnte benommen auf.

    Alles Gegensteuern hatte bei der Geschwindigkeit und dem Untergrund allerdings keinen Sinn. Mitrofan konnte nur noch schlimmeres verhindern, als sich sein Wagen im Halbkreis drehte und dann mit dem Heck gegen eine Baumgruppe schlug.

    Ein Baumstamm beulte die rechte Heckseite des Automobils völlig aus und verpasste nur knapp den Fond des Wagens. Das Auto bäumte sich auf wie ein bockiges Pferd und schlug dann heftig auf dem matschigen Untergrund auf. Für eine Weile schaukelte das Gefährt noch unstet hin und her und wirbelte dabei jede Menge Dreck, Schlamm und Schnee auf. Auch leichte Rauchschwaden entwichen nun aus der dampfenden Kühlerhaube und blockierten den Insassen die Sicht nach draußen.

    Dann wurde es nach dem Heidenlärm plötzlich wieder ganz still. Lediglich das Auto quietschte noch bedrohlich und gab einige andere ungesunden Geräusche von sich. Niemand der Insassen schien ernsthaft verletzt worden zu sein. Sie hatten unwahrscheinliches Glück gehabt. Aber noch war der Horror nicht vorbei. Vitali fand als erster die Sprache wieder.

    „Was zur Hölle war das?“, fragte der Journalist krächzend.

    „Ganz einfach. Da hat jemand auf uns geschossen. Ich habe zwischen den Geländewagen auf dem Parkplatz einen Schatten gesehen.“, behauptete Mitrofan ruhig und besonnen.

    „Wahrscheinlich noch so ein Lausebengel.“, stellte Sergej grimmig fest.

    Vitali schnallte sich ab und legte den Griff auf die Wagentür, doch da spürte er Mitrofans Hand auf seiner Schulter und drehte sich um. Der erfahrene Polizist schüttelte langsam den Kopf.

    „Geh nicht einfach so da raus. Vielleicht ist der Täter noch irgendwo unterwegs. Er wirkt ziemlich nervös und könnte den ersten, der aus diesem Wagen steigt einfach über den Haufen schießen.“, bemerkte Mitrofan.

    „Wenn wir hier wie in einer Sardinenbüchse sitzen bleiben, dann kommt er einfach über die Böschung auf uns zu und bringt uns alle um.“, widersprach Vitali.

    Da bemerkte er plötzlich, dass Mitrofan angestrengt an ihm vorbei schaute. Der Rauch hatte sich inzwischen etwas gelegt und der helle Mond war soeben zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder hinter der Wolkendecke hervorgekommen. Vitali folgte dem Blick des Polizisten und sah eine Gestalt auf wackligen Beinen von dem Weg die Böschung herunter stolpern. Sie hielt dabei ungelenk ein Gewehr umklammert und schien in der anderen Hand eine Art Krummschwert zu halten. So eine altertümliche Waffe hatte Vitali bereits bei dem Jungen aus dem Wirtshaus bemerkt.

    Danilo reagierte am schnellsten und kurbelte das Wagenfenster herunter. Dann hantierte er etwas unkoordiniert mit seinem Gewehr herum und versuchte auf den näher huschenden Schatten zu zielen. Dabei rammte er unbeabsichtigt den Gewehrkolben in die Weichteile Sergejs und rammte ihm danach in einer komplizierten Bewegung den Ellbogen auf die Nase. Sergej stöhnte überrascht auf und Danilo wandte sich zu Sergej um und hob entschuldigend die Arme.

    Da krachte ein weiterer Schuss los, der ins Heck des ohnehin schon stark lädierten Wagens schlug. Der Jüngling hatte sich breitbeinig auf der Böschung in Position gebracht und war nur noch gute zwanzig Meter von dem Wagen entfernt.

    Danilo reagierte nervös. Er entsicherte umständlich das Gewehr und nahm sich gar nicht mal die Zeit genau zu zielen. In panischer Angst schoss er einfach los und verfehlte sein Gegenüber deutlich. Fluchend lud der Archäologe nach und nahm dieses Mal genauer Maß.

    Aufgeschreckt von der raschen Gegenwehr hatte allerdings auch sein Kontrahent die Position gewechselt und lief nun hinter den Wagen in den toten Winkel. Danilo beugte sich weit aus dem Fenster und feuerte auf den schnell weitereilenden Gegenspieler, der sich mit einem Hechtsprung in Richtung Waldesrand in Sicherheit brachte und dann aus seinem Blickfeld komplett verstand. Danilos Schuss hatte lediglich eine Grasnarbe gemacht.

    „Verdammt, der Bursche ist clever. Er schleicht sich aus dem Wald heraus an.“, bemerkte Danilo grimmig.

    „Jetzt oder nie! Nichts wie raus aus dem Wagen!“, gab Sergej das Startsignal.

    Nacheinander kletterten die Insassen aus dem Wagen, wobei sie lediglich auf der rechten Seite aussteigen konnten, da die andere Seite von den Bäumen blockiert wurde oder zu lädiert war um sich problemlos zu öffnen.

    Zunächst zwängte sich Danilo aus dem Wagen, danach folgte der flinke Sergej und schließlich Igor im Fond des Wagens. Vorne trat Vitali rasch aus dem Auto, während Mitrofan sich nur mühsam aus seinem Platz hinter dem Lenkrad heraus zwängte, krumm über den Beifahrersitz kroch und schließlich ächzend ins Freie stolperte, wobei ihm alle Knochen wehtaten.

    Instinktiv bildeten die fünf ungleichen Männer ein kleines Grüppchen, das sich nebeneinander aufstellte. Jeder nahm seine Waffe in die Hand und nahm atemlos den dichten Wald ins Visier. Außen standen Sergej und Danilo mit ihren Gewehren und deckten die Flanken ab. In der Mitte standen breitbeinig Vitali und Mitrofan und etwas dahinter geschützt der waffenlose Igor. So wartete das Quintett darauf, dass sich der Angreifer aus dem Wald hervorwagte. Sie wollten es nicht wagen die Böschung hinauf zu eilen, da der zu allem entschlossene Jugendliche ihnen dabei in den Rücken schießen konnte und sie wie auf dem Präsentierteller waren. So begann ein langes und nervenzehrendes Warten.

    Vitali lauschte den Geräuschen um ihn herum. Er hörte das schrille Pfeifen des Windes, das Rascheln der hohen Tannen und hin und wieder das nervöse Husten oder Stampfen einer seiner Begleiter. Das Schneegestöber wurde wieder dichter und schützte den jugendlichen Angreifer, der jeden Moment aus seiner Deckung kommen konnte.

    Da glaubte Vitali plötzlich einen Schatten im Dickicht zu sehen und ging alarmiert in die Hocke. Sofort folgten seine Gefährten seinem Blick und Vitali blickte ganz genau nach vorne, aber da rührte sich nichts mehr. Hatte er sich die Bewegung bloß eingebildet? Hatten ihm seine überstrapazierten Sinne einen Streich gespielt? War es vielleicht nur ein Tier gewesen oder der dunkle Schatten einer vom Schneesturm durchgepeitschten Tanne im fahlen Mondlicht? Oder war es doch der Jugendliche gewesen, der danach sofort in Deckung gegangen war um nicht bemerkt zu werden? Vitali war sich nicht sicher.

    Er entspannte sich gerade wieder ein wenig und atmete tief durch, als er plötzlich von hinten ein Geräusch vernahm und wie vom Blitz getroffen herumfuhr.

    „Verdammt, was geht hier vor?“, schrie jemand von oberhalb der Böschung und im selben Moment brach um Vitali wieder einmal die Hölle los.

     

    Roman musste dringend einmal Wasser lassen. Er hatte zunächst nicht seinen Wachposten verlassen wollen und sich dann doch auf den Weg gemacht, aber es war zu spät gewesen. Die kleine Wachbaracke war noch einige Minuten entfernt und er hielt es einfach nicht mehr länger aus.

    Also eilte er mit weiten Schritten zum Waldrand und blickte sich vorsichtig um. Ausgerechnet jetzt kam der helle Mond hinter der Wolkendecke zum Vorschein. Roman hatte keine Lust darauf von seinen Kollegen beim Urinieren fotografiert zu werden und die Bilder davon am nächsten Tag auf Facebook, Instagramm oder VKontakte wiederzufinden und sich zum Gespött seiner Freunde und Kollegen zu machen. Auf der anderen Seite wollte Roman sich auch nicht gerade sein bestes Stück von einem hungrigen Wolf abbeißen lassen.

    Roman lauschte kurz, konnte im steifen Wind aber ohnehin wenig hören, aber sein geschultes Auge sah auch nichts Verdächtiges im Umkreis. Also lehnte er sein Gewehr an einem Baumstumpf ab, ging ein paar Schritte in den Wald und löste im Laufen schon einmal seinen Gürtel. Kurz darauf hatte er eine verwachsene Baumgruppe gefunden, hinter der er gut gedeckt dem Ruf der Natur nachgehen konnte.

    Der junge Sicherheitsmann aus Murmansk atmete tief durch und pfiff eine schiefe Melodie, als er plötzlich ein Knacken hinter sich hörte. Nervös blickte Roman sich um, sah aber nichts als undurchdringlich dunkle Schatten. Das Knacken wiederholte sich und Roman dachte sich, dass ein Wolf nicht so viel Lärm machen würde. Dies erleichterte ihn ein wenig. Ihm lauerte also kein Tier auf, sondern vermutlich einer seiner Kollegen. Roman tippte auf Artur, den ältesten unter ihnen, der sich immer mit den jüngeren immer wieder ein paar derbe Späßchen erlaubte.

    „Artur, mach keine Faxen!“, rief Roman, der seine Pinkelpause endlich beendet hatte und sich vorsichtig den Hosenstall zuzog und noch im selben Moment umdrehte.

    Roman gefror das Blut in den Adern. Der verschwitzte, dreckige und abgemagerte Junge, der da vor ihm stand, war nicht Artur. Er sah eher aus wie ein Wilder und sein leuchtender Blick wirkte fiebrig und wirr. Noch mehr Angst als der verrückte Halbstarke machte Roman allerdings das halb verrostete Krummschwert in den Händen des Jungen, das aus einer anderen Epoche zu stammen schien.

    Der Wachmann wollte instinktiv nach seinem Gewehr greifen, als ihm einfiel, dass er es einige Meter entfernt gegen einen Baumstumpf gelehnt hatte. Nun war die Waffe schier endlos weit entfernt. Roman saß in der Falle. Ihm blieb nur noch die Möglichkeit mit dem seltsamen Wilden zu reden. Also hob er beschwichtigend die Arme und wich behutsam ein paar Schritte zurück.

    „Hallo, ich bin Roman. Vielleicht kann ich dir helfen. Ich habe etwas Geld dabei. Vielleicht willst du etwas Alkohol, dann können wir zu meinen Kollegen gehen. Die haben ein paar Flaschen guten selbstgemachten Wodka im Gefrierfach. Oder vielleicht hast du ja einfach nur Hunger? Wir haben noch einen ganzen Topf Borschtsch. Den hat Arturos Oma gemacht, der ist besonders würzig.“, redete Arturo auf sein Gegenüber ein und je mehr er erzählte, desto mehr machte er sich Mut und dachte, dass er sich aus der unangenehmen Lage retten konnte.

    Doch er rechnete nicht mit der unbeherrschten Reaktion des Jünglings. Der sprang plötzlich mit einer fast schon animalischen Schnelligkeit vor und rammte dabei seinem Gegenüber die verkrustete Klinge zentral in den ungeschützten Magen. Dann drückte der Junge sein Gegenüber mit unbändiger Kraft gegen Baumgruppe und lehnte sich mit vollem Gewicht gegen den Wachmann.

    Blut sprudelte gurgelnd aus Romans Mund und aus der klaffenden Wunde unter seinem Bauch, als er langsam an der kleinen Baumgruppe hinunterglitt und sich an der rauen Rinde den Rücken zerkratzte. Dann lag er hilflos röchelnd in seinem eigenen Urin, während der stumme Angreifer sich immer noch mit voller Wucht auf ihm abstützte und die Klinge seiner Waffe so weit in Romans Körper drängte, dass irgendetwas geräuschvoll zerplatzte und unglaublich stank.

    Roman hatte auf einmal Lust sich zu übergeben. Die Mischung aus Schmerz und dem Geruch von Blut und zerfetzten Innereien trieb ihn in den Wahnsinn. Roman sah den Mond wieder hinter den Wolken hervorkommen, sah wie der Junge wild am Griff des Krummschwertes drehte und die Eintrittsstelle der Waffe in Romans Bauch nachhaltig schmatzend vergrößerte. Da erfüllte der Junge plötzlich sein gesamtes Blickfeld. Roman sah sein kurzes und zerzaustes Haar, seine tief in den Höhlen liegenden hellblauen Augen und seine abgemagerte Statur. Er erkannte eine gefährliche Mischung aus Angst und Ekstase im Blick seines Gegenübers und verlor sich in dessen Augen.

     

     

    Der junge Wachmann wurde wie hypnotisiert in einen Tunnel gezogen, in dem es nur noch diese hellblauen Augen gab und dieser Tunnel wurde dunkler und dunkler und umgab ihn schließlich allumfassend und endgültig.

     

    Lew robbte irgendwie unbemerkt unter dem umgekippten Regal hervor und analysierte die brenzlige Situation in nur wenigen Augenblicken. Jermolaj hatte müde die Arme hochgerissen und kassierte eine ganze Serie wilder Schläge des Schamanen, der inzwischen auf ihm kniete und seinem Frust freien Lauf ließ. Die fiese Marina stand nur wenige Schritte von Lew entfernt und kicherte bösartig nachdem sie einen ersten Schuss in den freigelegten Gang gejagt hatte. Dort eingekesselt harrte Feodor im Dunkel aus. Marina lud ihre Waffe bereits nach und trat in ihren altmodischen Frauenschuhen langsam auf den düsteren Gang zu. Im Hintergrund des Gewölbes konnte man das überlaute Krähen der aufgescheuchten Kolkraben hören, die der Schamane hier züchtete. Lew hasste diese düsteren Vögel und sah in ihnen immer ein unheilvolles Omen.

    Marina war völlig auf Feodor konzentriert und dies war Lews große Chance. Er versuchte sich möglichst leise unter dem Regal hervor zu robben und richtete sich mühsam auf. Lew hatte Schmerzen am ganzen Körper. Das umgefallene Regal hatte ihm einige blaue Flecken, gebrochene Rippen und Quetschungen beschert, aber sein Verstand hatte noch gar nicht die Zeit gehabt dies zu registrieren. Lew stand unter Strom und fühlte einen kribbeligen Adrenalinüberschub, der es ihm schwer machte sich zu konzentrieren.

    Er zwang sich zur Ruhe, atmete stockend durch und überlegte hektisch ob er Jermolaj oder Feodor zur Hilfe kommen sollte. Der krachende Schuss aus Marinas abgesägtem Gewehr und der Schmerzensschrei seines Freundes aus dem Gang nahmen ihm die Entscheidung ab.

    Lew stürzte sich mit letzter Kraft in den Rücken des herrischen Mannsweibes und stürzte mit der Frau zu Boden. Normalerweise konnte Lew keiner Fliege etwas zu Leide tun und erst recht keiner Frau, aber in diesen Momenten herrschte ein absoluter Ausnahmezustand und so musste Lew über seinen Schatten springen und mit seinen Prinzipien brechen.

    Marina krakeelte laut und holte kräftig mit den Ellbogen aus, um Lew irgendwie abzuschütteln, aber der hatte sich mit letzter Kraft und seinem gesamten Gewicht auf das fiese Mannsweib fallen lassen. Dabei war der Leiterin des Waisenhauses das Gewehr aus der Hand gerissen worden.

    Lew japste erstaunt auf, als seine Gegenspielerin ihm gleichzeitig einen Hieb in die Rippen gab und dann abrupt mit dem Hinterkopf nach hinten stieß. Dabei traf sie auf Lews Nase, die unangenehm knirschte und ein fieser Schmerz ließ dessen Augen tränen und schien seinen ganzen Kopf mit Nadelstichen zu peinigen. Ein blutiges Rinnsal quoll aus Lews Nase und dieser lockerte insgesamt den Klammergriff mit dem er Marina bislang traktiert hatte.

    Diese nutzte die instinktive Unachtsamkeit aus und drückte Lew mit einer ihr kaum zuzutrauenden Kraft einfach zur Seite. Die Frau rappelte sich fluchend auf und blickte sich geduckt um, bis sie fündig wurde. Ihr Gewehr lag unmittelbar neben der von Feodor umgestoßenen Regalwand.

    Lew blickte sich jammernd um und sah wie auf der andren Seite Jermolaj aus seiner Deckung heraus einen glücklichen Hieb setzen konnte, der genau an der Schläfe des wüst auf ihn eindreschenden Schamanen landete. Dieser zuckte zurück und fiel hinterrücks auf die Kellertreppe. Jermolaj nutzte den Moment nicht zum erneuten Nachsetzen, sondern schleppte sich tiefer in den Keller hinein, wo er seine Freunde und auch seine Tochter vermutete.

    Marina wollte sich gerade nach dem Gewehr bücken, als Feodor aus dem Gang eilte und sich ganz im Stile eines Footballspielers rustikal gegen das Mannsweib warf. Gemeinsam fiel das ungleiche Paar einander umschlungen auf das zerstörte Regal, was beide mit Schmerzensschreien registrierten.

    Nutznießer des ganzen Chaos war nun wiederum Lew, der sich das Gewehr schnappte, mit zitternden Händen nach lud und sich dann nach einem möglichen Ziel umsah.

    Die Situation hatte sich merklich zu ihren Gunsten verändert. Der grobschlächtige Bruno lag bewusstlos im Obergeschoss, die Waisenhausleitern krümmte sich vor Schmerzen auf dem Boden und der fanatische Schamane blickte wie das Kaninchen vor der Schlange auf das Gewehr und zog es vor feige den Rückzug anzutreten und überhastet die Kellertreppe nach oben zu stolpern.

    Lew visierte kurz entschlossen die gekrümmt daliegend Marina an. Feodor hatte für seine Gegenspielerin nun keinen Blick mehr übrig, allerdings hatte das weit gestreute Schrot ihres zweiten Schusses seinem linken Oberschenkel eine leichte Fleischwunde zugezogen, die ihn nun humpeln ließ. Auch Jermolaj hielt sich mehr schlecht als recht auf den Beinen, als er zu seinen beiden Freunden hinzustieß und sich doch zu so etwas wie einem schiefen Lächeln durchrang. Feodor kannte allerdings nur ein Ziel und das war das schaurige Verlies, in dem er seine Tochter zum ersten Mal seit viel zu langer Zeit wiedergesehen hatte.

    „Damit kommt ihr niemals durch!“, keifte da Marina, die ihre missliche Lage erkannt hatte und nun vor drei zu allem entschlossenen und bewaffneten Männern hilflos auf dem Boden lag.

    Jermolajs Lächeln erstarb. Er wandte sich kurz zu der Hexe herum und spuckte ihr geräuschvoll ins Gesicht. Danach kehrte das Lächeln auf seine Lippen zurück.

    Feodor war bereits einen Schritt weiter und hatte an einem Haken oberhalb des Eingangs zum Verlies einen rostigen Schlüsselbund gefunden. Daran waren drei Schlüssel und er trat damit wie in Trance auf das erste Gitter zu. Wie im Fiebertraum sah er dort seine Tochter, die vor lauter Erleichterung weinte und wie ein zuckendes Häufchen Elend auf ihren aufgeschürften Knien hockte und sich verkrampft an die Gitterstäbe geklammert hatte. Dabei stiehl sich zum ersten Mal seit unendlich langer Zeit wieder ein Lächeln auf ihr Gesicht, als sie mit verweinten Augen ihren Vater erblickte.

    „Vater.“, hauchte sie nur und dieses simple Wort wollte so viel sagen. Es schwang darin so viel Leid und Müdigkeit mit, aber auch Erleichterung und frischer Lebensmut.

    „Vater ist da, mein Schatz. Er wird nie wieder von deiner Seite weichen, hörst du? Der Spuk ist vorbei, das verspreche ich dir.“, sprach Feodor mit trockener aber entschlossener Stimme und ahnte wohl selbst nicht wie recht er damit haben sollte.

         

    Bruno kam gerade wieder zur Besinnung und rappelte sich vom Boden auf, als der Schamane ihm entgegenkam und atemlos an ihm vorbeihuschte. Sein Meister hielt inne, als er vor seinem Ansehen eine unruhige Menschenmasse sah, die nicht so recht wusste, wie sie mit der neuen Situation umzugehen hatte. Es herrschte viel Verwirrung um die drei Dissidenten, deren Töchter verschwunden waren und die das schmucke Anwesen ihres Schamanen gestürmt hatten. Manche Dorfbewohner skandierten den Namen des Schamane, andere blickten hingegen finster oder skeptisch drein und schien sich eher auf die Seite der Rebellen zu schlagen.

    Auch der Schamane selbst erkannte, dass die Stimmung zu kippen drohte. Es gab nur eine Möglichkeit von dem Chaos in seinem Keller abzulenken und gleichzeitig das zweifelnde Volk wieder auf seine Seite zu ziehen. So trat er dann sichtbar lädiert auf die Veranda seines Anwesens und die Menge verstummte schlagartig, als sie ihn erblickte. Viele in der Menge blickten ihn mit einer Mischung aus offenem Entsetzen und simplen Erstaunen an. So hatten sie ihren Meister noch nie zuvor gesehen. Bruno trabte brav wie ein willenloser Köter hinter ihm her und lauschte der kurzen Rede seines Meisters.

    „Verehrte Dorfbewohner, hört mir gut zu! Die Nacht der Nächte ist gekommen. Die gierigen Archäologen wollen morgen in die Labyrinthe unserer Gottheit vordringen. Journalisten und Polizei unterstützen diese minderwertige Sensationslust der niederen Beweggründe. Die drei Dissidenten unter euch haben sich ebenfalls auf die Seite der raffgierigen Grabschaufler geschlagen. Alles scheint sich gegen uns verschworen zu haben. Aber jetzt, wo alle denken, dass wir am Boden sind, werden wir uns aufraffen und zusammenhalten und unserem Gott Tribut zollen! Wir werden unseren Feinden zuvorkommen und heute Nacht schon die Pforte zum Gottesreich öffnen und unseren Schutzpatron beschwören. Seid ihr bereit mir zur Ausgrabungsstätte zu folgen und die triumphale Rückkehr des Gottes unter dem Eis zu feiern?“, fragte der Schamane mit blumigen Worten und stellte zufrieden fest, dass er mit seiner Euphorie viele Zweifler schon wieder von sich 
    überzeugt hatte.

       Überall wurden entschlossen Fäuste in die Luft gereckt und Jubel brandete auf, als der Schamane souverän ein Bad in der Menge nahm als er langsam von der Veranda auf den Vorplatz schritt. Bruno folgte ihm mit einigen Schritten Abstand und beide gingen rasch auf den Wagen des Schamanen zu.

    Der Schamane wollte so schnell wie möglich verschwinden, bevor die drei Dissidenten mit ihren befreiten Töchtern auftauchen würden und die Stimmung endgültig zu seinen Ungunsten kippen würde. Trotz seines Größenwahns verstand der Schamane, dass seine Aktien immer schlechter standen und ihm nur noch ein Wunder helfen konnte. Zwar hatte er seinem Volk jahrelang mysteriöse Beschwörungsformeln vorgesprochen, um den Glauben an ihn als Stellvertreter der Gottheit aufrecht zu halten, aber in Wirklichkeit besaß er natürlich gar keine übernatürlichen Kräfte und seine Farce drohte langsam aber sicher aufzufliegen. In Wirklichkeit wollte der Schamane nur eines. Er wollte einen dramatischen Abgang haben und gleichzeitig die Pläne der Archäologen durchkreuzen. Der Schamane hatte sich fest vorgenommen den gerade freigelegten Eingang zum Höhlenlabyrinth wieder in die Luft zu sprengen und sich gleich mit zu opfern. So würde er als Held und Märtyrer von der Bühne gehen, der sich für seine Gottheit und sein Volk geopfert hatte.

    Die wirren Pläne des Schamanen nahmen immer mehr Gestalt an, als er in seinen Wagen stieg und dem verdutzten Bruno bedeutete zu ihm nach vorne zu gehen. Sein treudoofer Diener musste notfalls als Schutzschild für höhere Bestimmungen herhalten.

    Ohne großes Zögern brachte der Schamane sein altersschwaches Auto ans Laufen, winkte flüchtig der Menge aus dem heruntergekurbelten Fenster zu und gab dann Gas, um sich einen Weg durch die Menschenmasse zu bahnen.

    Im Rückspiegel sah er so gerade noch, dass die Menschenmasse plötzlich wieder anderweitig abgelenkt wurde, als die drei Dissidenten mit ihren drei völlig ausgemergelten und misshandelten Töchtern auf seiner Veranda auftauchten und dabei auch noch eine kläglich dreinblickende Waisenhausleiterin mit einer Waffe traktierten.

    Das alles war für den Schamanen jetzt zweitrangig, als er um die Ecke bog und mit erhöhter Geschwindigkeit aus dem Dorf heraus auf einen holprigen Waldweg raste, der ihn über leichte Umwege bis an die Ausgrabungsstädte zehn Kilometer weiter nordöstlich führen sollte.

     

    Wenige Minuten später war die Stimmung im Dorf völlig gekippt, als die abgekämpften Widerständler Feodor, Jermolaj und Lew mit ihren Töchtern auf die Veranda traten und dabei auch die zerknirscht schweigende Waisenhausleiterin in Schach hielten. Zunächst reagierten einige Dorfbewohner verächtlich und spuckten auf den Boden oder riefen den drei Männern gehässige Kommentare zu. Sie sahen die drei Männer als Außenseiter, welche die Werte ihrer Gemeinschaft verraten und in Gefahr gebracht hatten. Da ergriff endlich Feodor das Wort.

    „Liebe Leute, hört uns wenigstens zwei Minuten zu, bevor ihr uns aburteilt! Wir haben soeben unsere drei Töchter Albina, Jana und Nkeiruka befreit, die tagelang in einem dunklen Verlies von dem Schamanen und seinen Gefolgsleuten gefangen gehalten wurden. Schaut euch diese jungen und stolzen Damen an. Sie wurden nach Belieben ausgehungert, geschlagen und vergewaltigt. Und sie sind nicht allein dort unten! In den Verliesen sind überall scheußliche Skelette zu finden, in den Kühltruhen befinden sich zerstückelte Leichen, in den Seitengängen sind blutbespritzte Folterinstrumente der grausamsten Art. Erinnert ihr euch an unseren alten Bäcker Anton? Er hatte sich einmal erlaubt den Schamanen öffentlich in Frage zu stellen und zu blamieren. Angeblich war er dann aus unserem Dorf geflohen und wurde von einem Rudel Wölfe angefallen. In Wirklichkeit liegt seine Leiche seit sechs Monaten in einer Gefriertruhe im Kellergewölbe. Ich habe ihn sofort erkannt. Vielleicht findet ihr dort noch mehr Menschen, die angeblich von hier geflohen oder unerkannt gestorben sind. Wenn ihr mir nicht glaubt, dann geht hinunter ins Verlies und überzeugt euch selbst? Warum sollten wir lügen? Wir wollten nur unsere Töchter befreien, weil wir bis zum Ende gehofft haben, dass sie noch am Leben waren!“, beendete Feodor seine Rede mit einer immer stärker bebender Stimme. Er hatte mit viel Ruhe gesprochen, konnte seine Tränen nun aber kaum mehr zurückhalten. Mit feuchten Augen starrte er in die Menschenmasse.

    Der Hass gegen seine Freunde und ihn war nun abgeflaut. Lautes Getuschel machte die Runde und niemand wusste so recht, was jetzt zu tun war. Es war eigentlich ein unverzeihlicher Frevel die Residenz des Schamanen zu betreten, aber dieser war mehr oder weniger Hals über Kopf aus dem Dorf geflohen. Nun verstanden viele Dorfbewohner langsam, dass diese Flucht wohl weniger mit der Gottheit aus dem Eis zu tun hatte, sondern mit der Tatsache, dass der Schamane seine eigene Haut retten wollte.

    Die Verwirrung der Menschenmasse fokussierte sich langsam auf die Waisenhausleiterin, die nie von der Seite des Schamanen gewichen war und der gesamten Enthüllungsgeschichte schweigsam beigewohnt hatte.

    Da traten die ersten Männer auf die Treppe zur Veranda, allen voran der kräftige Gleb, der jahrelang als Koch unter dem Knüttel der Waisenhausleiterin gelitten hatte. Jetzt ergriff er mit seinen kräftigen und schmutzigen Händen das eingefallene und knöcherne Gesicht der Frau, die er heimlich zu hassen gelernt hatte und blickte grimmig in ihre Augen, die kalt wie Gletscherseen waren.

    „Ist das wahr? Sagt Feodor die Wahrheit?“, wollte Gleb wisse, obwohl er die Antwort im Grunde schon kannte. Verächtlich und mit rasendem Stolz spuckte ihm Marina ins Gesicht und lachte dann gehässig.

    Da packte Gleb ihr unvermittelt mit beiden Händen an die Kehle und zerrte Marina erbarmungslos von der Veranda die Treppe hinunter und in die Menschenmasse hinein. Feodor hatte noch eingreifen wollen, aber gegen den aufgebrachten Pöbel hatte er keine Chance. Dennoch fühlte er sich für seine fatalen Enthüllungen nicht schuldig. Die Wahrheit hatte ans Licht kommen müssen. Seine Tage im Dorf waren definitiv gezählt und ein neuer und glücklicher Lebensabschnitt wartete irgendwo auf seine Tochter und ihn.

    Mit diesem festen Glauben an bessere Zeiten entfernten sich Feodor, Jermolaj und Lew mit ihren verängstigten Töchtern langsam von der Veranda und der Residenz des Schamanen. Eben noch hatten sie im Mittelpunkt gestanden, aber jetzt ließen die Dorfbewohner ihren abartigen Trieben freien Lauf. Manche waren hinter ihnen in die Residenz des Schamanen gestürmt und nahmen diese bereits komplett auseinander. Andere riefen hitzig dazu auf den Schamanen bis zur Ausgrabungsstätte zu verfolgen und dort mit ihm abzurechnen. Dazu entwendete eine Gruppe von sieben kräftigen Männern schließlich das alte Auto der Waisenhausleiterin. Viele Dorfbewohner kümmerten sich hingegen um die verhasste Marina, der selbst ihre einstigen Helfer nicht beistehen wollten.

    Feodor, Jermolaj und Lew war dies alles gleichgültig geworden. Sie fühlten sich von dem ganzen Dorf nur noch angeekelt. Sie wollten nur in Ruhe beisammen sitzen und versuchen die verpasste Zeit mit ihren Töchtern nachzuholen und irgendwie ihre geschundenen Seelen zu heilen. . Dieser Prozess würde endlos lange dauern und vielleicht nie mehr heilen, aber sie hatten nun die Kraft gefunden es wenigstens zu versuchen. Am nächsten Morgen würde sie aber nichts und niemand aufhalten um aus dem Dorf zu verschwinden und irgendwo anders ein neues Kapitel aufzuschlagen

     

    Um Marina hatte sich inzwischen ein Kreis formiert, in dessen Mitte der grimmige Gleb stand und Marina wie einen Spielball nach vorne stieß. Marina nahm die Demütigungen nicht hin und schlug, kratzte und biss wie eine Furie. Ihre Lebensgeister waren wieder erwacht, aber es war bereits zu spät.

    Sie fiel in die Arme des entstellten und geistig behinderten Milan, der jahrelang im Waisenhaus gehänselt und misshandelt wurde. Jetzt schlug der unheimliche Junge mit dem deformierten Gesicht der Person, vor der er einst die größte Angst gehabt hatte, mit der Faust ins Gesicht und brach ihr glatt die Nase.

    Schreiend taumelte Marina zurück und wurde alsbald von der zügellosen Finja aufgefangen. Der alkoholsüchtigen Rabenmutter waren die beiden Töchter weggenommen worden und beide waren angeblich auf Grund eines Grippevirus im Waisenhaus gestorben, obwohl man sich hinter vorgehaltener Hand die grausigsten Schauergeschichten erzählte. Rasend vor Wut umklammerte die gepeinigte Frau ihr Feindesbild und biss ihr wie eine Furie in den Hals. Röchelnd verdrehte Marina die Augen und drückte erstaunt ihre Hand gegen das Gesicht der Angreiferin und auf ihre Wunde, aus der das Blut in Strömen quoll. Finja grub hingegen ihre Zähne erneut in den Hals der Waisenhausleiterin und verdrehte dabei ihren Kopf wie ein Wolf mit Tollwut.

    Da wurde ihr gewaltsam der Körper der Waisenhausleiterin entrissen. Nun war die alte und stämmige Kira an der Reihe. Einst hatte ihr Mann sie mit Marina betrogen, doch dieser war von seiner angeblich so großen Liebe wie ein unliebsam gewordenes Spielzeug abgeschoben worden und danach zu einem depressiven und nutzlosen Säufer verkommen. Kira legte ihre ganze Enttäuschung und Wut in den Schlag, der Marina mitten im Unterleib traf, sodass diese ihre Augen bis ins Weiße verdrehte und ächzend in die Knie ging.

    Dann streckte sie Dunja mit einem Haken endgültig zu Boden, die Marina ebenfalls aus vollem Herzen hasste. Die Putzhilfe war im Waisenhaus von mehreren Jugendlichen vergewaltigt worden war, doch die Tat war von Marina auf ewig totgeschwiegen worden und sie hatte Dunja als lüsterne Verführerin stilisiert.

    Jeder im Dorf schien nun eine Rechnung mit Marina offen zu haben. Gleich mehrere Personen stürzten sich rücksichtslos auf die Übeltäterin, die nur noch hilflos auf dem Boden lag. Andere brachten allerlei Folterinstrumente aus ihren ärmlichen Häusern vom Hackbeil bis hin zum Schürhaken und wollten diese improvisierten Folterinstrumente an der Waisenhausleiterin ausprobieren. Immer mehr Dorfbewohner nahmen an dieser Gewaltorgie teil und erwachten erst aus diesem Racherausch, als sich Marina schon längst nicht mehr rührte und in blutige Stücke zerrissen auf dem schlammigen Boden verteilt lag und keinerlei menschliche Züge mehr offenbarte.   

       

    Sergej hatte die Stimme oberhalb der Böschung sofort erkannt. Es handelte sich um seinen Bruder Boris, der zum Unfallort getorkelt kam, völlig verständnislos drein blickte und Sergej nicht direkt erkannte.

    Dieser hatte sich kurz umgewandt und die Hand zum Gruß erhoben. Auch Vitali war zusammengezuckt und kurz abgelenkt worden. Genau diesen Moment der Unachtsamkeit nutzte der Gegner im Schatten des Waldes aus, wo dieser bis dahin erstaunlich geduldig auf seine Chance gewartet hatte.

    Der Jüngling stürmte horizontal laufend vor und feuerte einen ersten Schuss ab, der dem armen Danilo buchstäblich den Kopf von den Schultern jagte. Vitalis Blut schien zu gefrieren als ein Sprühregen aus Blut, Gehirnmassen und Knochensplittern auf ihn niederregte und völlig lähmte.

    Der nächste Schuss ging am erstarrten Vitali vorbei und traf den waffenlosen Igor am linken Oberschenkel. Schreiend brach dieser zusammen und behinderte dadurch unbeabsichtigt seine Begleiter.

    Vitali versuchte den rasch zurück in den Wald huschenden Schatten seines Gegenspielers ins Visier zu nehmen, aber im dichten Schneegestöber der dunklen Nacht gelang ihm dies einfach nicht. Der sonst so forsche Sergej war völlig aus dem Konzept gebracht und stellte laut fluchend fest, dass seine Waffe noch gar nicht entsichert und einsatzbereit war.

    Lediglich einer unter ihnen reagierte besonnen und ließ sich von der Attacke des umzingelten Jünglings, dem überraschenden Auftauchen des Ausgrabungsleiters und den widrigen Witterungsbedingungen nicht aus dem Konzept bringen. Mitrofan trat entschlossen ein paar Schritte vor und am schreienden Igor vorbei, machte einen Ausfallschritt nach vorne und visierte mit zusammengekniffenen Augen den Jüngling an, der gerade wieder ins Dickicht sprang.

    Mitrofan war nicht mehr der Jüngste und auch seine Sehkraft hatte über die Jahre hinweg nachgelassen, doch in solchen Ausnahmezuständen nahmen seine Erfahrung und seine Instinkte völlig die Kontrolle über ihn. In fast einer flüssigen Bewegung trat er vor, visierte seinen Gegner an und drückte auf den Abzug seiner Dienstwaffe.

    Der Kopf des flüchtenden Jünglings zerplatzte wie eine reife Frucht und sorgte für eine makabre rote Explosion im weißgrauen Schneegestöber. Das Gehirn verteilte sich auf die umliegenden Bäume und der Torso brach grotesk in sich zusammen, so als ob man irgendwo einen Stecker gezogen hätte.

    Innerhalb weniger Sekunden war der Spuk vorbei und es folgte ein beklemmendes Schweigen. Erst langsam reagierte jeder der Beteiligten, was innerhalb der letzten Sekunden überhaupt passiert war. Lediglich Igors Jammern unterbrach die morbide Stille.

    Doch das kleine Grüppchen hatte kaum Zeit die unvorstellbaren Ereignisse zu verdauen. Auf einmal hörten sie Motorengeräusche und sahen einen Wagen, der mit waghalsiger Geschwindigkeit oberhalb der Böschung entlang raste. Dabei fuhr der Unbekannte geradewegs auf den völlig verdutzten Boris zu, der von allen wohl am wenigsten verstand.

    „Boris, weg da!“, rief ihm Sergej zu und unterbrach endlich das lange Schweigen.

    Erst in diesen Momenten schien Boris überhaupt seinen Bruder zu erkennen. Langsam kam Bewegung in den wie paralysiert wirkenden Archäologen, als ein klappriger Wagen geradewegs auf ihn zu jagte. Da gab Sergejs Bruder sich einen Ruck und warf sich zur Seite und die Böschung herunter. Dabei landete der Archäologe unkontrolliert, aber relativ weich im Schnee und überschlug sich mehrmals bei seiner tollkühnen Rutschpartie in die Tiefe.

    Er war gerade noch rechtzeitig gesprungen, denn der Wagen rauschte nur wenigen Augenblicke nach seinem Sprung schlingernd auf den kleinen Parkplatz, auf dem Boris zuvor die Leiche seines Assistenten Gennadiy gefunden hatte.

    Sergej eilte sofort zu seinem Bruder und endlich kam auch Bewegung in die anderen Überlebenden. Besorgt beugte sich Sergej über seinen Bruder, der sich stöhnend im Schnee wälzte und großes Glück gehabt hatte nicht gegen einen Stein geprallt zu sein.

    „Boris, bist du in Ordnung?“, fragte Sergej nervös und sein Bruder nickte nur stumm, bevor sich Tränen der Verzweiflung ihren Weg über seine geröteten Wangen bahnten. Er hatte die Ereignisse der letzten Minuten noch gar nicht verkraftet. Da ging es ihm wie allen anderen Anwesenden auch. Als erstes analysierte Vitali die Lage.

    „Leute, ich weiß nicht wer dieser wahnsinnige Fahrer dort oben gewesen ist, aber er führt gewiss nichts Gutes im Schilde. Sind noch irgendwelche Leute an der Ausgrabungsstätte?“, fragte der Journalist an den perplexen Boris gewandt, der atemlos nickte.

    „Ja, wir haben dort fünf Wachmänner postiert.“, gab Boris krächzend zurück und wieder füllten Tränen die Augen des sonst so hartgesottenen Archäologen.

    „Dann sind diese fünf Wachmänner in höchster Gefahr! Sie haben es mindestens noch mit einem Jugendlichen und vermutlich auch mit dem seltsamen Geisterfahrer zu tun.“, stellte Vitali fest und gab rasch das Signal zum Aufbruch.

    Zwar hatten die Überlenden Angst sich den weiteren Gefahren zu stellen, aber sie alle hatten etwas, das sie antrieb über ihre brutalen Widersacher zu triumphieren. Die Schießerei und Brandstiftung im Wirtshaus, der schlimme Autounfall, der grausame Tod Danilos, die Hinrichtung Gennadiys und die mögliche Zerstörung jahrelanger wertvoller Arbeit trieben Boris, Sergej, Mitrofan und Vitali zu neuem Tatendrang an.

    Lediglich Igor biss die Zähne zusammen und blieb verletzt zurück. Er lehnte sich mit einem Gewehr gewappnet in eine kleine natürliche Höhle unterhalb der Böschung von der er ungesehen die gesamte Umgebung überblicken konnte. Seine Begleiter versprachen ihm so schnell wie möglich wieder zu kommen und ihn zu verarzten. Vitali hoffte inständig, dass sie dieses Versprechen auch halten konnten und der Spuk bald vorbei sein würde.     

     

    „Schach!“, bemerkte Mefodiy mit einem Grinsen und blickte sein Gegenüber erwartungsvoll und siegesgewiss an.

    Doch der Jungspund Konstantin ließ sich von den Gebärden des älteren Wachmannes nicht so leicht aus der Ruhe bringen und nahm sich mit der Analyse der Spielsituation jede Menge Zeit. Auch das nervige Schlürfen Arturs, der die Partie interessiert beobachtete und sich eine zweite Schale Borschtsch serviert hatte, brachte den klugen Konstantin nicht aus dem Konzept.

    Es war erst das unerwartete Eintreten des disziplinierten Kazimir, das ihn vom Schachbrett aufblicken ließ. Sein Kollege hatte keinen Sinn für Spielereien und kam gleich zur Sache.

    „Hallo, Kollegen, habt ihr zufällig Roman gesehen?“, fragte Kazimir deshalb gleich.

    „Hier ist er gewiss nicht. Beim Schachspielen verliert er immer. Der hat bestimmt von uns die Schnauze voll.“, bemerkte Artur grinsend.

    „Er müsste dir doch auf deiner Patrouille entgegen gekommen sein.“, stellte Mefodiy fest und Konstantin verzog auf Grund des störenden Dialogs sein Gesicht als hätte er soeben in eine saure Zitrone gebissen und wollte die Diskussion so schnell wie möglich abblocken.

    „Wahrscheinlich musste er mal für kleine Mädchen und ihr habt euch verpasst. Setz dich einfach hin, nimm dir eine Schüssel Borschtsch und dein Kollege taucht bestimmt in fünf Minuten hier auf.“, spielte Konstantin die Geschichte herunter.

    „Meine Vermutung ist ja, dass er sich mit einem Pornoheft im Wald verkrochen hat um mal richtig Druck abzulassen. Hier an der Ausgrabungsstätte laufen ja nur Männer herum, da muss man als junger Bursche seinen natürlichen Bedürfnissen eben anderweitig nachkommen.“, grölte Artur und lachte dabei dreckig.

    Kazimir wirkte alles Andere als überzeugt. Dennoch schloss er die Tür zu ihrer Baracke und setzte sich ungeduldig auf eine kleine Holzbank. Schließlich wollte er sich dann doch noch eine Portion Borschtsch genehmigen und ging zum großen Kochtopf und griff sich eine kleine Schüssel.

    Plötzlich zuckte er zusammen und ließ vor Überraschung die Schüssel fallen, die in Myriaden von Einzelteilen zerbrach. Verärgert fuhr Konstantin herum und wollte dem Störenfried seine Meinung geigen, als er dessen entsetzten Gesichtsausdruck bemerkte.

    „Da draußen ist jemand!“, bemerkte Kazimir atemlos, aber eindringlich und wies auf das verdreckte Fenster hinter der kleinen Küche.

    „Das wird dann wohl dein heiß geliebter Roman sein.“, vermutete Artur spöttisch, doch das hämische Grinsen verging ihm mit einem Schlag, als ein ohrenbetäubendes Krachen, gefolgt von einem hässlichen Splittern, einem widerlichen Schmatzen und einem gutturalen Schrei innerhalb weniger Sekundenbruchteile ertönte.

    Dann packte sich Kazimir verwundert an die klaffende Wunde an seinem Bauch und sank wie in Zeitlupe auf die Knie. Jetzt sahen seine Kollegen auch das zerstörte Fenster hinter ihm während Kazimir röchelnd Blut spuckte, die Augen nervös und mit flackernden Lidern verdrehte und dann wie ein nasser Sack zu Boden ging.

    Für einen Moment herrschte eine atemlose und fassungslose Stille, in der die drei überlebenden Wachmänner überhaupt erst realisierten, was gerade passiert war. Danach brach eine unbeschreibliche Hektik aus. Zwar waren alle drei Wachmänner gut geschult und in der Theorie auf solche Szenarien vorbereitet, aber keiner von ihnen hatte solch eine Situation je in der Praxis erlebt.

    Der erfahrene Artur versuchte die Ruhe zu bewahren und die Führung des Trios zu übernehmen. Jegliche Häme und Lockerheit war aus ihm gewichen und er wirkte plötzlich eiskalt und hochkonzentriert.

    „Wir müssen hier sofort raus. Wir sitzen in der Falle, wie mitten auf dem Präsentierteller.“, stellte Artur fest und schaltete gleichzeitig alle Lichter in der Baracke aus.

    Es gab aus dem Bauwagen nur einen Ausgang und Artur war klar, dass dies auch der unbekannte Angreifer wusste. Wenn er einigermaßen klug war, dann würde er entweder versuchen den Bauwagen selbst mit Granaten oder ähnlichen Geräten anzugreifen oder aber jeden der Wachmänner aus der Ferne erschießen, sobald der erste die Tür aufmachte. Egal ob sie abwarteten oder nach draußen gingen, die potenziellen Risiken waren geradezu gleichermaßen hoch.

    Artur ging noch einmal alle Möglichkeiten durch und ließ seinen Blick durch den Bauwagen wandern. Da bemerkte er mit einem Mal die kleine Luke mitten im Raum. Blitzschnell hatte er einen Entschluss gefasst und sah in dieser Luke nun ihre besten Überlebenschancen.

    „In Ordnung, wir gehen folgendermaßen vor. Einer von uns geht durch die Luke unter den Bauwagen und verschanzt sich dort. Vermutlich ist der Angreifer im gegenüberliegenden Wald in Deckung gegangen. Die beiden Anderen werden den Angreifer ablenken. Einer von uns reißt die Eingangstür auf und geht danach sofort im Innern in Deckung. Der andere feuerte ein paar Warnschüsse in Richtung des Waldes ab. Vielleicht können wir so den unbekannten Angreifer aus der Deckung locken. Sobald er seine Position Preis gibt, nimmt ihm unser Mann unter dem Bauwagen ins Visier und legt ihn um. Habt ihr noch Fragen?“, wollte Artur wissen.

    „Was ist, wenn es sich um einen Experten handelt? Während wir ihn versuchen ins Visier zu nehmen ist er vielleicht auf der anderen Seite des Bauwagens und bringt uns aus einem anderen Hinterhalt um. Möglicherweise ist er bei dem ganzen Krach auch schon aufs Dach geklettert und macht uns von oben kalt.“, entgegnete der nervöse Konstantin und sprach dabei immer lauter und schneller.

    „Das letzte was wir jetzt brauchen ist Panik. Wir haben nicht großartig Zeit zu diskutieren. Es muss etwas geschehen. Ich werde unter dem Bauwagen Platz nehmen und den Irren ins Visier nehmen.“, entschied Mefodiy und trat entschlossen auf die Luke zu.

    Mühsam bückte er sich und zerrte an der schweren Vorrichtung, die zudem noch leicht klemmte. Artur kam ihm zur Hilfe und zog die Luke langsam nach oben.

    Da richtete sich auf einmal der Lauf eines Gewehres auf die beiden und für einen Augenblick starrten die beiden Wachmänner auf ihren Henker. Es war ein dreckiger, unruhiger und verschwitzter Jugendlicher, der trotz seiner Nervosität zu allem bereit zu sein schien. Noch bevor Artur und Mefodiy ihre Waffen ziehen konnte, drückte der Angreifer ab und konnte seine Gegner aus der kurzen Distanz gar nicht verfehlen.

    Allerdings konnte er nicht beide gleichzeitig ins Visier nehmen und so erwischte es den unglücklichen Mefodiy, der direkt über seinem Gegner stand und wie gelähmt wirkte.

    Die Gewehrkugel schlug direkt unterhalb seines Kopfes ein und blies ihm geradezu den Schädel vom Torso. Blut spritzte bis an die Decke des Bauwagens bevor Mefodiy nach vorne und genau in die Öffnung der Luke stürzte.

    Während Artur unbeherrscht zurückwich, nahm ausgerechnet der junge Konstantin seinen ganzen Mut zusammen, trat vor und feuerte entfesselt in die Öffnung vor ihm. Er hatte eine halbautomatische Schnellfeuerwaffe gezückt und entlud sein ganzes Magazin. Die ersten Schüsse wurden noch von dem Körper seines soeben ermordeten Kollegen absorbiert. Mit dem vierten Schuss aber traf Konstantin das vor Schreck verzerrte Gesicht seines Gegners, der es nicht mehr schaffte zurück in die Dunkelheit zu kriechen oder sein Gewehr nachzuladen. Der Schuss traf den Gegner mitten in sein rechtes Auge. Konstantin schoss einfach wie im Rausch weiter und jagte die fünfte Kugel in den Hals seines Gegners. Eine unkontrolliert sprühende Blutfontäne spritzte aus dem Hals des jugendlichen Opfers und benetzte Konstantins Gesicht wie feuchte Nebelschwaden. Dabei sah er aus wie ein gnadenloser Racheengel, als er seine sechste und letzte Kugel abdrückte und seinem in sich zusammensackenden Gegner nur noch in die Schulter schoss. Doch Präzision war inzwischen unwichtig geworden, denn Konstantin hatte seinen Gegner bereits mit dem vierten Schuss auf der Stelle getötet.

    Schwer atmend stand Konstantin gebeugt über der Luke und folgte mit starrem Blick dem Lauf seiner heiß gewordenen und rauchenden Waffe. Der Körper des Jugendlichen sank zurück in die Schwärze, so als ob es ihn nie gegeben hätte. Alles wirkte wie ein surrealer Spuk und die unheimliche Stille nach all dem Chaos war das schlimmste an allem.

    Da hörten der zu allem entschlossene Konstantin und der völlig konsternierte Artur von weitem Motorengeräusche, die immer näher kamen.

    „Verdammt, da kommen noch mehr von denen! Wir sind geliefert!“, jammerte Artur und klang mit einem Mal wie ein kleines Mädchen. Nichts erinnerte mehr an den vor wenigen Sekunden noch so gut organisierten Leitwolf, der den anderen Wachmännern Befehle gab.

    Konstantin hatte eine ganz andere Entwicklung durchgemacht. Er lud schon geräuschvoll seine Waffe nach und nahm wie in Trance auch das Magazin seiner beiden toten Kollegen an sich. Dann blickte er Artur aus eisigen Augen an und stellte fest, dass sein Gegenüber am ganzen Körper zitterte und sich selbst eingenässt hatte.

    „Ich werde auf sie warten und einen nach dem anderen zur Hölle schicken!“, knurrte Konstantin mit einer animalischen Stimme, die ihn im Unterbewusstsein selbst erschrak. In diesen Momenten nahm etwas von ihm Besitz, das er selbst nicht in Worte fassen konnte. Es war, als würde etwas Fremdes seine Gedanken blockieren und seine vom Adrenalin gesteuerten Aktionen leiten.

    Da verstummten die Motorengeräusche röhrend und Konstantin stellte mit einem morbiden Lächeln fest, dass sie ganz nah geklungen hatte. Er ignorierte den immer noch wie gelähmt in der Ecke sitzenden Artur und trat vorsichtig zur Eingangstür, die er langsam aufdrückte um nach draußen zu spähen.

    Konstantin hatte zunächst Probleme sich im dichten Neben zu orientieren, doch dann sah er den klapprigen Wagen, der einige Meter vom Bauwagen entfernt an der Absperrung stand, hinter der es direkt abwärts zur Ausgrabungsstätte ging.

    Zwei dunkle Gestalten, eine schmale und große und eine weitaus kräftigere und unbeholfenere, stiegen aus dem Wagen und blickten sich flüchtig um. Doch Konstantin bemerkten sie gar nicht, denn sie hatten nur Augen für die Absperrung.

    Konstantin lächelte grimmig als er auf Zehenspitzen ins Freie trat und im Schatten des Bauwagens Deckung fand. Seine Geräusche wurden durch den weichen Schnee noch zusätzlich gedämpft und wären in dem Sturm ohnehin nicht aufgefallen. Er befand sich nun hinter den beiden unbekannten Eindringlingen. Es war für ihn Zeit den Spieß umzudrehen und vom Gejagten selbst zum Jäger zu werden.

     

    Der Schamane atmete tief durch, als er seinen waghalsigen Höllenritt direkt vor der Absperrung zur Ausgrabungsstätte beendet hatte. Er hatte das letzte aus seinem alten Wagen herausgeholt und zwischendurch sogar fast einen Passanten überfahren, aber solche Nebensächlichkeiten waren ihm jetzt ganz egal. Endlich stand er dort vor der Absperrung und blickte den verwirrten Bruno an, der immer noch nicht so ganz verstanden zu haben schien, was in den letzten Minuten alles passiert war.

    „Bruno, unser großer Moment ist gekommen. Die Gottheit aus dem Eis wird uns beistehen. Bitte öffne das Handschuhfach, entnehme ihm seinen Inhalt und folge mir.“, befahl der Schamane theatralisch und trat als erster aus dem Wagen.

    Bruno folgte der Aufforderung und blickte auf die Dynamitstangen im Handschuhfach. Er hatte keine Ahnung woher der Schamane diese bekommen hatte, aber das spielte auch gar keine Rolle. Er begann aber sehr wohl zu verstehen, was sein Boss mit ihnen vorhatte und dies erfüllte ihn mit einer Mischung aus elektrisierender Euphorie und lähmender Angst.

    Hastig stieg auch Bruno aus dem Wagen und torkelte seinem Herren hinterher. Dieser hatte bereits die Absperrung erreicht und blickte verächtlich auf die verschiedenen Geräte, die um den Eingang des Höhlenkomplexes verteilt standen. Grimmig spuckte der Schamane in den Schnee und nahm ungeduldig die Dynamitstangen in die Hand, die Bruno ihm unterwürfig reichte. Mit der anderen Hand hatte der Schamane bereits sein Feuerzeug gezückt und malte sich bereits mit fiebrigem Blick aus, was in wenigen Sekunden Wirklichkeit werden sollte.

    Der Schamane wusste, dass die Zeit knapp war. Jeden Moment konnten die frevlerischen Archäologen, die wütende Meute aus dem Dorf oder die örtliche Polizei hier auftauchen und seine ambitionierten Pläne durchkreuzen. Der Schamane wusste, dass er die heutige Nacht nicht überleben würde, aber er wollte mit den höchsten Ehren von der Bühne treten. So zögerte er nicht lange und zündete die erste Dynamitstange mit seinem wetterfesten Feuerzeug an. Es dauerte eine Weile, bis die Zündschnur mit einem Zischen aufloderte, denn der beharrliche Schneesturm machte mit der kleinen Flamme, was er wollte. Dann aber war es endlich soweit und der Schamane reckte die erste entzündete Dynamitstange triumphierend in den Nachthimmel. Dann trat er über die Absperrung und mit festem Schritt auf den Höhlenkomplex zu.

    Der Schamane wollte aus alter Gewohnheit schon zu einer blumigen Rede ansetzen, obwohl ihm im Augenblick wohl nur Bruno zuhören konnte, als er hinter sich einen fürchterlichen Knall hörte und überrascht herumfuhr.

     

     Boris, Sergej, Mitrofan und Vitali kämpften sich im Eilschritt durch den frischen Schnee. Sie rannten an den nutzlos gewordenen Geländewagen vorbei, bei denen noch der Leichnam von Boris Assistenten verkrümmt im Schnee lag. Dieser grausige Anblick trieb das Quartett noch einmal zu neuen Höchstleistungen an. Der Eingang zum Höhlenkomplex wurde langsam hinter der nächsten langen Biegung sichtbar.

    Da hörten die vier Männer wieder Motorengeräusche hinter sich, die langsam näher kamen. Hinter ihnen schlingerte ein klappriger und mit viel zu vielen Passagieren besetzter Wagen über die rutschige Fahrbahn und es war ein kleines Wunder, dass der Fahrer den Kurs halten konnte.

    Vitali fürchtete zunächst, dass die Insassen des Wagens auf sie abgesehen haben konnten. Doch dann bemerkte er, dass die zu allem entschlossenen Blicke gar nicht auf sie gerichtet waren.

    In dem Moment als der Wagen die vier Männer einen nach dem anderen überholte, überwanden sie endlich die letzte Biegung, die noch von der Ausgrabungsstätte trennte und hielten verschnaufend inne.

    Vitali und Sergej standen vielleicht fünfzig Meter oberhalb der Wachbaracke und erfassten nur langsam die verworrene Situation, die immer weiter zu eskalieren drohte, während Boris schnaufend hinter ihnen ankam und sich nach Mitrofan umwandte, der auf Grund seines Alters und der widrigen Witterungsbedingungen am längsten für den kurzen Gewaltmarsch gebraucht hatte.

    Sie alle wurden in den nächsten Augenblicken wieder zu Zeugen schier unglaublicher Erlebnisse degradiert, die Vitali wie in Zeitlupe wahrnahm und analysierte.

    Zunächst einmal bemerkte Vitali eine hagere Gestalt, die eine Fackel in den stürmischen Nachthimmel reckte und langsam auf einen tiefer gelegenen Höhlenkomplex zuging, der bis an die stürmische Meeresküste führte. Als die hagere Gestalt auf einmal weitere Fackeln anzündete, kamen Vitali erste Zweifel. Dann endlich begriff er, was hier vor sich ging. Der unbekannte Störenfried hantierte nicht etwa mit Fackeln, sondern mit Dynamitstangen herum!

    Da ertönte mit einem Mal ein Knall, aber es war keine Explosion. Ein Schuss war irgendwo abgefeuert worden und kurz darauf erklang noch ein weiterer. Vitali sah den schwergewichtigen Begleiter der hageren Gestalt, die ehrfürchtig oberhalb des Höhlenkomplexes ausharrte und sich weder von der wilden Küstenbrise, noch von dem immer näher kommenden Wagen aus der Fassung bringen ließ. Dann aber taumelte die korpulente Gestalt benommen nach vorne, knickte kurz darauf mit dem rechten Knie schwerfällig ein und zwang sich dann doch noch einmal in die Höhe. Da erklang der dritte Schuss und der grobschlächtige Typ fiel wie in Zeitlupe vornüber in den Schnee. Unter ihm breitete sich eine klebrige rote Flüssigkeit aus, die Vitali selbst aus der Ferne als Blut identifizieren konnte.

    Sein Blick irrte weiter und suchte den Schützen. Der heran rauschende Wagen war gerade erst schlitternd zum Stillstand gekommen. Aus ihm konnten die präzisen Schüsse also nicht abgegeben worden sein. Da entdeckte Vitali eine dunkel gekleidete Gestalt, die sich in diesem Moment unter die Wachbaracke rollte und die Insassen des Wagens ins Visier nahm.

    Der Schütze unter der Wachbaracke befand es nicht einmal für nötig eine Warnung zu schreien oder abzuwarten, was geschehen würde. Er war zu einer alptraumhaften Killermaschine geworden. Den Mann, der sich wagemutig vom Beifahrersitz schwang, erwischte es als ersten. Der vierte Schuss traf ihn mitten in der Stirn und der unglückselige Neuankömmling wurde von der Wucht des Einschlages zurück in den Wagen gestoßen. Aus dem Inneren des Wagens hörte man entsetzte Schreie und es traute sich zunächst niemand mehr auszusteigen.

    Das nutzte die hagere Gestalt, um wie in Trance in den Höhlenkomplex zu laufen. Vitali sah das Unglück kommen, konnte aus der Ferne aber rein gar nichts tun. Selbst ein Schuss aus dieser Distanz hätte nie und nimmer sein Ziel getroffen. Der dürre Sonderling holte weit aus und warf die Dynamitstange im hohen Bogen tiefer in den Höhlenkomplex. Als ob dies noch nicht genug wäre, jagte sie bereits zwei weitere Dynamitstangen in kurzen Abständen hinterher.

    Hinter sich hörte Vitali Boris entsetzt aufschreien, dann wurde er von einer dumpfen Explosion übertönt. Es folgt ein unheilvolles Knirschen und Krachen als Teile der Felsformation an der Küste zusammenbrachen. Die zweite Explosion klang noch tiefer und eine undurchdringliche Staubwolke bahnte sich ihren Weg durch den weiten und runden Eingang zum Höhlenkomplex, der wie nun wie ein dunkles Portal zur Hölle wirkte. Nach der dritten und heller klingenden Explosion brach plötzlich der Eingang bebend in sich zusammen. Jahrhundertealte und vom Wetter gegerbte Felsen wurden auseinander gerissen und ein schwerer Steinhagel regnete auch auf die hagere Gestalt ab, die im undurchdringlichen Staub verschwand. Es war nicht mehr zu erkennen, ob sie vom Steinschlag getroffen worden war oder sich todesmutig noch tiefer in den Höhlenkomplex wagen wollte.

     In diesem Moment gaben sich die Insassen des Wagens einen Ruck und stiegen schnell nacheinander aus. Sie stapften so schnell es ging durch den Schnee und in Richtung des beschädigten Höhlenkomplexes. Einer der Männer stoppte vor der Leiche des schwergewichtigen Begleiters der hageren Gestalt und trat wie in Rage auf den Kadaver ein, bespuckte ihn, ging in die Knie und trommelte mit beiden Fäusten in den Bauch des Toten. Erst einer der letzten Nachzügler zerrte den wütenden Mann wieder auf die Beine, schüttelte ihn durch und drängte ihn dann weiter in Richtung des Höhlenkomplexes.

    Niemand hatte in der Zwischenzeit auf den Schützen unter der Wachbaracke geachtet, der vor lauter potenzieller Ziele wohl nicht wusste, auf wen er zuerst schießen sollte. Der Ausraster des Neuankömmlings hatte ihm die Entscheidung vereinfacht. Ein Schuss traf den unkontrollierten Derwisch in den Nacken und ließ ihn auf der Stelle im Schnee zusammenbrechen. Der Tote überschlug sich mehrmals und rollte durch den Schnee in die gigantische Staubwolke, die sich immer weiter ausbreitete.

    Sein Begleiter, der ihm vor wenigen Sekunden noch auf die Beine gebracht hatte, warf sich in panischer Angst zur Seite als sein Nebenmann getroffen wurde. Dabei kam er kurios strauchelnd vom Weg ab, knickte bei der Landung um und fiel dann unkontrolliert mit den Armen rudernd und in Todesangst schreiend über den Abhang in die Klippen, bevor sein Körper irgendwo im schäumenden Meer verschwand.

    Diese Symphonie der Zerstörung ging Vitali durch Mark und Bein, doch es blieb keine Zeit zur Erholung. In diesem Moment erklang eine vierte Explosion, deren Beben bis zu ihrer Position zu spüren war. Irgendetwas krachte und zwischen diesen dumpfen Geräuschen erklangen von irgendwoher spitze Schreie.

    Nun lugte ein völlig verschüchterter älterer Mann aus dem Inneren der Wachbaracke in der sich bis dahin nichts gerührt hatte. Im selben Moment kroch der brutale Schütze aus seiner Deckung hervor, erblickte seinen Kollegen und gab ihm mit einem herrischen Zeichen zu verstehen, dass er ihm folgen sollte. Der alte Mann kam zitternd die Treppe hinunter und folgte dem Schützen nur zögerlich. Dieser war inzwischen ebenfalls in der Staubwolke verschwunden, als eine fünfte Explosion tief aus dem Inneren des Höhlenkomplexes drang.

    Boris hatte den alten Mann scheinbar erkannt und stolperte wild mit den Armen rudernd den Abhang zur Wachbaracke hinunter. Sergej hatte ihn noch aufhalten wollen, doch sein Bruder hatte offensichtlich ein ähnlich zügelloses Temperament wie er selbst.

    „Artur! Ich bin es, Boris! Nicht schießen, ich bin hinter dir! Keine Panik, schieß bitte nicht! Ich komme jetzt zu dir. Was zur Hölle ist hier los?“, fragte Boris schreiend.

    Der Expeditionsleiter eilte auf den sichtbar verwirrten Wachmann zu, der stumm ins Innere der Baracke zeigte, schluchzend in die Knie ging und sich dann geräuschvoll übergab. Auch Boris wirkte völlig konsterniert und Vitali wollte sich lieber gar nicht erst vorstellen, was es dort zu sehen gab. Auf der anderen Seite konnte es wohl kaum schlimmer sein, als das blutige Schlachtfeld, das sich mitten vor und in der Ausgrabungsstätte befand.

     In diesem Moment erklang eine weitere Explosion aus den Tiefen des Höhlensystem gefolgt von panischen Schreien, die noch schreckhafter als vorher klangen.

    Dies war nun endlich das Startsignal für Vitali, Sergej und Mitrofan, die sich deutlich vorsichtiger als Boris den Abhang hinunter wagten. Dabei versuchte Vitali ganz bewusst nicht ins Innere der Wachbaracke zu starren, als er die grünen Gesichter seiner beiden Begleiter bemerkte, die offenbar nicht auf denselben Gedanken gekommen waren.

    Als die drei Männer endlich zu den vor Schreck gelähmten Artur und Boris stießen, war beinahe so etwas wie eine unwirkliche Stille eingekehrt. Ganz leise Klang das entfernte Jammern eines Verletzten von irgendwoher.

    In diesem Moment fing auf einmal Vitalis Agnus Dei wie verrückt an zu brennen und zu vibrieren. Der Journalist fluchte laut und zog das leuchtende Amulett unter seiner schweren Winterkleidung hervor. Artur, Boris und Mitrofan blickten zunächst mürrisch, dann überrascht auf Vitali und seinen magischen Talisman. Lediglich Sergej wirkte weniger erstaunt, obwohl sein Gesicht aschfahl wurde. Er hatte alles Andere als gute Erinnerungen an das letzte Mal, als der Talisman so seltsam aufgeleuchtet hatte.

    Vitali fragte sich mit einem flauen Gefühl im Magen, warum sich sein Talisman mit einem Mal so deutlich meldete. So sehr gebrannt wie jetzt hatte er noch nie und es musste einen triftigen Grund für dieses Phänomen geben. Vitali war sich aber gar nicht so sicher, ober er diesem Mysterium überhaupt auf den Grund gehen wollte und erinnerte sich mit einem ganz und gar unangenehmen Schaudern an den zügellosen Werwolf, dem er vor wenigen Tagen erst in einem kleinen Restaurant gegenüber gestanden hatte.

    Noch bevor Vitali irgendetwas erklären konnte, ertönte erneut ein schauerliches Geräusch. Dieses Mal war es jedoch keine Explosion, kein Schusswechsel und kein Schrei eines Verletzten. Das dunkle Grölen klang zutiefst animalisch und erinnerte Vitali an eine Mischung aus einem wütend knurrenden Bären und dem Schrei Godzillas, den er aus den geliebten Filmen seiner Kindheit kannte. So laut wie das klang musste es aber ein besonders großer Bär oder Godzilla sein. Und vermutlich war es auch ein besonders wütendes Ungetüm.

    Endlich lichtete sich allmählich die Staubwolke über dem Höhleneingang. Die fünf Männer warteten atemlos ab. Da kam eine Gestalt aus dem Höhlenkomplex angerannt, die sich in Todesangst durch den Schnee kämpfte und mit schreckgeweiteten Augen auf das Quintett zustürmte.

    Vitali erkannte in der Gestalt den Schützen unter der Wachbaracke, der sich vor wenigen Minuten erst todesmutig in den Höhlenkomplex gewagt hatte. Jetzt wirkte er völlig entgeistert und schien aus seiner brutalen Trance erwacht.

    Noch bevor der Wachmann etwas erklären konnte, sah und verstand Vitali wovor der junge Mann solche Todesangst bekommen hatte. Alle seine Begleiter um ihn herum versteiften und blickten ungläubig auf das riesige weiße Ungetüm, das sich langsam aus dem Höhlenkomplex quälte und in seinem blutigen Maul noch eine zerfetzte Leiche trug.

     

    Der Schamane hörte und sah nichts mehr, als er seine fünfte Dynamitstange in den verschütteten Hauptgang geworfen hatte. Er spürte die Explosion am ganzen Körper und wurde von der Druckwelle wie ein Spielball gegen die Höhlenwand geschleudert. Myriaden kleiner Felsbrocken regneten auf ihn hinab und durch den dichten Staub sah er nur noch, dass er es geschafft hatte. Seine Explosion hatte den einstigen Hauptgang frei gelegt. Der Weg zur Gottheit aus dem Eis war endlich offen.

    Da erblickte der Schamane im Augenblick des Triumphes die wilde Meute, die mit grimmigen Drohgebärden in die Höhle kam und ihn rasch hilflos unter einigen Felsbrocken liegend fand. Das rechte Bein des Schamanen brennte wie Feuer und das andere war unter einem schweren Gesteinsbrocken eingequetscht worden. Er wusste, dass er aus dieser Falle nicht mehr lebend herauskommen würde.

    Daher fasste er einen mit einem unbarmherzigen Lächeln einen letzten Entschluss und entzündete eine weitere Dynamitstange, die er fest unter seiner zerrissenen Jacke umklammert hielt. Dann blickte er fast schon gelassen den vier verbliebenen Männern entgegen, die ihn bis hierhin verfolgt hatten.

    Er erkannte jeden einzelnen von ihnen aus dem Dorf wieder. Zunächst war dort der gebildete Eldar, der es einst gewagt hatte sich gegen den Schamanen aufzulehnen und deswegen bis zuletzt über Jahre hinweg sinnlos und unter strengster Bewachung in einem alten Bergwerk hatte schuften müssen.

    Dann erkannte der Schamane den schweigsamen Kusma, dessen Frau er einst vergewaltigt hatte und die sich danach umgebracht hatte. Kusma hatte auf den Schamanen immer besonders gefährlich gewirkt und er hatte immer die düstere Vorahnung gehabt, dass der scheinbar emotionslose Koloss lediglich ein gigantischer Vulkan war, der irgendwann zum Ausbruch kommen sollte. Daher hatte er Kusma über die letzten Monate hinweg besonders überwachen lassen und ihn als Wachposten in die äußersten Bezirke des Dorfes abgesandt.

    Der dritte im Bunde war Miron. Er war der Vorgänger seines Leibwächters Bruno gewesen und selbst für den Schamanen einen Tick zu brutal gewesen. Miron hatte seinen Spaß an erniedrigenden Demütigungen, ausufernden Kämpfen und perversen Vergewaltigungen. Zudem hatte er seine Emotionen nie unter Kontrolle. Als er angefangen hatte engste Vertraute des Schamanen anzugehen, hatte dieser die Reißleine gezogen und Miron unter einem Vorwand im kleinen Dorfgefängnis eingesperrt. Anscheinend war er heute nach mehreren Monaten im Zuge der Revolution freigelassen worden und sann nun auf Rache.

    Der letzte Mann des Quartetts war Taras. Er war einer der einflussreichsten Bauern im Dorf gewesen und genoss bei allen Bürgern hohes Ansehen. Vor einigen Jahren hatte er einen Putschversuch gegen den Schamanen und seine Anhänger gewagt. Die Sache war gescheitert und der Schamane hatte die Sache zähneknirschend herunterspielen müssen. Wenn er der Bevölkerung die Wahrheit gesagt hätte oder Taras öffentlich bestraft, getötet oder verstoßen hätte, dann hätte die Stimmung endgültig zu seinen Ungunsten kippen können. Der Schamane sah Taras als seinen gefährlichsten Feind an.

    Ein morbides Lächeln trat auf die spröden Lippen des Schamanen, als Kusma und Taras mit schweren Schritten auf ihn zutraten. Da hörte der Schamane mit einem Mal ein infernalisches Gebrüll, das tief aus dem Höhlenkomplex drang und alle Anwesenden schaudern ließ. Dann erklangen aus dem Nebengang schwere und stampfende Schritte.

    „Ich habe es geschafft! Ihr Frevler werdet im Angesicht des Todes die Wahrheit erkennen! Ich habe die Gottheit aus dem Eis wieder erweckt!“, rief der Schamane triumphierend und konnte sein eigenes Glück kaum fassen.

    Im Grunde hatte er in all den Jahren immer weniger an die Existenz der Gottheit geglaubt. Seine aufgesetzten Reden und heuchlerischen Rituale hatten nur dazu gedient seine Untertanen weiter hörig zu machen. Die Legende war ein Mittel zum Zweck gewesen. Dem Schamanen war es einzig und allein um grenzenlose Macht gegangen. In seinen letzten Zügen hatte er als Märtyrer sterben wollen. Nun sollte er gar als Prophet niedergehen, der die alte Legende wieder zum Leben gebracht hatte.

    Durch seine triumphierende Rede hatte der Schamane seine Gegenspieler wieder aus ihrer Erstarrung gerissen. Zwar spiegelte sich Angst in ihren Blicken, aber sie wichen nicht etwa in abergläubischer Ehrfurcht zurück, sondern erinnerten sich daran, warum sie sich überhaupt auf den Weg gemacht hatten. Die Zeit lief ihnen nun durch das Erwachen der Gottheit davon, aber ihre drei verstorbenen Begleiter und die vielen Jahre, in denen fast das gesamte Dorf durch die Hölle gegangen war, mussten endlich gerächt werden.

    Kusma und Taras traten noch schneller auf den Schamanen zu und als sie sich gerade über diesen beugte, da zog dieser die glimmenden Dynamitstange unter seiner Jacke hervor und blickte seine Feinde triumphierend an. Der Wahn in seinen Augen loderte dabei noch heller als die funkensprühende Zündschnur, als er die Dynamitstange den beiden Männern animalisch schreiend entgegenwarf.

    Im nächsten Moment verwandelte sich die unmittelbare Umgebung des Schamanen und seiner beiden Widersacher in eine Welt aus Hitze, Schmerz und Schwerelosigkeit.

     

    Miron verstand nicht mehr, was um ihn herum geschah. Neben ihm war eine ohrenbetäubende Explosion erklungen, die den gesamten Höhlenkomplex erschütterte. Die nahe Druckwelle verwandelte den kräftigen Miron in einen Spielball der Hölle und er wurde unkontrolliert tiefer in den freigelegten Gang vor ihm gedrückt.

    Hart kam Miron auf dem Steinboden auf und fühlte einen betäubenden Schmerz in seinem Steißbein, der langsam und unbarmherzig seine Wirbelsäule hochwanderte. Durch einen Schleier aus Schmerz und Staub sah Miron wie Eldar die Flucht ergriff und in die entgegengesetzte Richtung rannte und dort unsanft mit einem herbei stürmenden Wachmann kollidierte. Beide gingen zu Boden und es sah zunächst so aus, als würden sie sich aufeinander stürzen und kämpfen, doch stattdessen blickten sie panisch in Mirons Richtung.

    Dieser spürte erst jetzt, dass der heiße Atem und schwefelige Gestank in seinem Rücken nichts mit der letzten Explosion zu tun hatte, welche die Körper des Schamanen und seiner Begleiter Kusma und Taras in einen grauroten Sprühregen verwandelt hatte.

    Als Miron die neue Gefahr registrierte, wurde er schon von einer gewaltigen Klaue gepackt und mit einer übernatürlichen Leichtigkeit in die Höhe gezogen. Miron wand sich im Griff des übermächtigen Gegners und sah wie gelähmt in die überdimensionale Fratze des riesigen Eisbären. Miron versank in dessen erbarmungslos kalten Augen und musste sich ob des stinkenden Atems der Bestie beinahe übergeben. Er begriff erst langsam, dass dieses abscheuliche Ungetüm die Gottheit war, die sie über so viele Jahrhunderte angebetet hatten und der sie so viele kostbare Opfer gebracht hatten.

      Der Gestank kam für Miron nun immer näher und das riesige Maul der Bestie nahm nun praktisch sein gesamtes Blickfeld ein. Er sah die spitzen Zahnreihen, die zerfurchte Zunge und die dunkle Kehle des Ungetüms. Miron spürte den feuchtwarmen animalischen Atem, der ihm die Luft raubte und die Augen schließen ließ.

    So sah er nicht wie sich die Zahnreihen knirschend um ihn schlossen und seine ohnehin schon lädierten Knochen reihenweise brachen, als ob sie lediglich Streichhölzer seien. Mirons Welt wurde eine schwarzrote Definition von Schmerz und er hauchte in qualvoll langen Sekunden sein Leben im Höllenodem des gigantischen Mauls der heraufbeschworenen Gottheit aus.

    Eldar blickte mit weit aufgerissenen Augen wie sein Begleiter in Stücke gerissen wurde und zu drei Vierteln im Maul der Bestie verschwand, was bei dem locker über zwei Meter großen Miron eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit war.

    Der letzte Überlebende der Verfolger aus dem isolierten Todesdorf registrierte nur am Rande wie der Wachmann, der schon seine Waffe gezückt und diese an Eldars Schläfe gehalten hatte, von ihm abließ und gar nicht erst versuchte es mit der gigantischen Bestie aufzunehmen. Der Jungspund nahm einfach seine Beine in die Hand und ließ den armen Eldar hilflos im Höhlenkomplex liegen.

    Dieser wusste nun nicht so recht, was er überhaupt tun sollte. Konnte er es etwa mit Hilfe irgendeiner Waffe mit dem Ungetüm aufnehmen? Sollte er ebenfalls in Richtung des Ausgangs rennen? Oder war es einfach besser sich in einem der Seitengänge zu verkriechen?

    Eldar war wie gelähmt und wurde erst durch das fast urzeitliche Brüllen der Gottheit aus dem Eis aus seiner gefährlichen Trance gerissen. Der Dorfbewohner rappelte sich hilflos auf und fühlte sich mit einem Mal furchtbar alt.

    Da setzte sich die nur auf den ersten Blick schwerfällige Kreatur in Bewegung und hielt direkt auf ihn zu. Eldar warf sich herum und rannte los, doch er sah nach einem schnellen Schulterblick, wie die Bestie mit Leichtigkeit die Distanz zu ihm überbrückte. Die in seinem riesigen Maul hin und her pendelnde Leiche Mirons schien das Ungetüm nur unwesentlich in seinem Bewegungsraum zu beeinträchtigen.

    Eldar wusste, dass er es niemals bis zum Ausgang schaffen würde und sich auch niemals mit der Gottheit ernsthaft duellieren konnte. So tat er das aus seiner Sicht einzig logische und sprang mit einem waghalsigen Hechtsprung in den nächsten Seitentunnel, der sich als mit abgenagten Knochen gefüllte Grube entpuppte.

    Eldar kam unsanft auf den Gebeinen der Toten auf und japste erschrocken nach Luft, doch sein Plan ging zunächst einmal auf. Die Bestie setzte im Eiltempo an diesem Seitenstollen vorbei und schien nach Jahrhunderten in der Gefangenschaft des Höhlenkomplexes endlich an die freie Erdoberfläche streben zu wollen. Zudem gab es dort viel mehr menschliches Futter als den einsamen Eldar, der verrenkt in einer widerlich stinkenden Leichengrube hockte und zitternd seinen Körper antastete um zu prüfen, ob er sich bei dem waghalsigen Sturz nichts gebrochen oder verstaucht hatte.

    Eldar wiederholte diese Prozedur drei Mal und stellte erleichtert fest, dass er sich außer ein paar fiesen Schürfwunden und jeder Menge blauer Flecken erstaunlich gut aus der Affäre gezogen hatte. Dann harrte er in der ekligen Grube aus und lauschte mit einem Frösteln dem animalischen Geschrei des Monstrums, das es soeben bis an den Eingang der Ausgrabungsstätte geschafft hatte.

    Eldar zitterte am ganzen Leib seine Vernunft sagte ihm, dass er sich so tief wie nur möglich in dieser Leichengrube verkriechen sollte, um nur nicht die Aufmerksamkeit seines übermächtigen Gegners zu erregen. Doch dann war da noch eine andere Stimme in seinem Kopf und seine Gedanken gingen plötzlich an all seine Freunde, die in den letzten Minuten auf so grausame Weise ihr Leben gelassen hatten. Dann dachte er auch an seine Familie im Todesdorf. Vor seinem inneren Auge sah er seine Frau Tatjana und seine beiden Söhne Osip und Veniamin, die ihre am heutigen Tag mühsam errungene Freiheit nicht lange genießen konnte, weil die entfesselte und rachsüchtige Gottheit aus dem Eis in ihr Dorf eindrang und eine Schneise der Verwüstung hinterließ, die keiner der Bewohner überleben sollte.

    Der zitternde Eldar fluchte laut und Tränen traten ihm in die Augen. Er wollte nicht als schändlicher Schwächling in einer Leichengrube überleben und nachher nur noch seine Familie und seine Freunde beerdigen. Von Stolz und Verzweiflung gepackt gab sich der intelligente Mann einen Ruck, richtete sich auf und zog sich mit einigen mühsamen Klimmzügen aus der Grube, die zum Glück nicht sonderlich hoch war.

    Dann sank er erschöpft an der kalten Wand des Seitenstollens nieder und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Eldar dachte nach und suchte verzweifelt nach einem Ausweg aus dieser unfassbaren Bredouille. Der Dorfbewohner zerzauste sich die Haare, kaute nervös auf seinen Fingernägeln herum, schlug sich die Fäuste an der kalten Felswand fast blutig und konnte trotz allem keinen klaren Gedanken fassen.

    Eldar wollte schon verzweifeln und trat wie ein geprügelter Hund aus dem Seitengang, als sein angsterfüllter Blick zurück in die Höhle ging, wo die zerfetzten Leichen Kusmas und Taras, sowie der seltsam intakt gebliebene Kadaver des Schamanen auf dem rauen Boden verteilt lagen. Eldar musterte den toten Schamanen angewidert und mit den Gefühlen des Ekels und der Wut kam scheinbar auch sein Gedankenapparat wieder in die Gänge.

     

     

    Plötzlich hatte Eldar eine Idee. Es war ein waghalsiger und todesverachtender Plan, aber er gab keine andere Möglichkeit. Angetrieben von panischen Angstschreien aus der Ferne und dem triumphierenden Schrei der Bestie, setzte Eldar seine Idee in die Tat um.

     

    Artur und Konstantin hatten langsam wieder ihre Fassung zurückgewonnen und taten nun das, was man ihnen während ihrer Ausbildung eingetrichtert hatte. Der hektische und unzurechnungsfähige Konstantin lud seine Waffe nach und feuerte auf die riesige weiße Bestie, die sich auf ihre Hinterbeine stellte und zu ihrer ganzen Größe aufrichtete.

    Äußerlich war das Wesen einem Eisbären nicht unähnlich, doch mit mehr als fünf Meter Größe und einem extrem muskulösen Körperbau war das Ungetüm aus dem Eis weitaus stabiler als jeden Eisbär, den Vitali je in Dokumentarfilmen oder Zoos gesehen hatte. Das Ungeheuer spuckte den zerfetzten Leichnam aus seinem Maul, als ob der tote Hüne lediglich ein lästiges Detail sei. Vitali stellte erschrocken fest, dass Teile der Kleidung und Haut des in grobe Stücke zerbissenen Toten bis auf die Knochen abgenagt waren. Der schlimmste Anblick wurde Vitali vom schleimigen Speichel des Unwesens, der den Toten wie ein Kokon umspann, gnädigerweise noch verborgen. Bis zur Wachbaracke wurden Vitali und seine Begleiter aber vom Todesodem der Bestie umfangen, der nach Verwesung stank. Als das Monster endlich sein riesiges Maul freigelegt hatte, stieß es einen majestätischen Urschrei aus, der alle Beobachter vor Furcht erzittern ließ.

    Konstatins Schüsse visierten den ungeschützten Brustkorb der Bestie an und trafen diesen auch einigermaßen genau, aber das Monstrum knurrte nur unwillig und schüttelte sich, als ob die Kugeln lediglich lästige Fliegen seien.

    Artur dachte einen Schritt weiter und feuerte einen Schuss in das weit aufgerissene Maul des Wesens. Ein Teil der spitzen Zahnreihe splitterte geräuschvoll ab und die Kugel schlug dem Monster mitten in die Kehle. Aber anstatt das Wesen zu stoppen, schluckte es die Kugel herunter, als ob es sich um ein Bonbon handelte und wurde stattdessen noch zielstrebiger. Der mutierte Eisbär setzte zum Lauf an und senkte drohend den gewaltigen Schädel, als er die fünf Männer vor der Wachbaracke ins Visier nahm.

    Mitrofan blieb ruhig stehen, kniff die Augen zusammen und schoss in das gewaltige und ausdruckslose rechte Auge des Angreifers, das wie eine reife Frucht zerplatzte. Der mutierte Eisbär stoppte seinen Lauf du brüllte markerschütternd auf. Anscheinend konnte das Wesen also durchaus Schmerzen verspüren. Dies bedeutete aber nicht, dass das Unwesen auf solch herkömmliche Art und Weise aufzuhalten war.  

    Der Eisbär war nun in einer unkontrollierbaren Rage und raste schneller denn je auf die fünf tapfer kämpfenden Männer zu. Artur, Konstantin und Mitrofan feuerten noch einige Schüsse ab, aber ihre Bemühungen wirkten angesichts des animalischen Kolosses geradezu lächerlich. Sergej begriff als erster die drohende Gefahr und rollte sich unter die Wachbaracke. Artur sprang mit einem Satz ins Innere der Baracke und gab sich der trügerischen Illusion hin dort in Sicherheit zu sein und in Deckung gehen zu können. Boris und Mitrofan rannten über deine kleine Anhöhe in Richtung des nahen Waldes, obwohl sie diesen im Pulverschnee niemals vor der Bestie erreichen würde. Vielleicht wollten sie den übermächtigen Gegner auch einfach nur irritieren und vor die Qual der Wahl stellen welchem Gegner er hinterherrennen sollte. Vielleicht würden so wenigstens ein paar von ihnen überleben und Verstärkung holen können.

    Lediglich der mutige Konstantin und Vitali ließen die Bestie auf sich zukommen und suchten nicht nach irgendeiner Deckung. Konstantin rannte gar der Bestie entgegen, schlug dann einen Haken und versuchte sich zwischen dem Ungeheuer und der Wachbaracke hindurchzuzwängen. Vermutlich wollte er das Monster zurück in den Höhlenkomplex oder aber über den Abgrund der Klippen locken.

    Doch Konstantins Plan war zum Scheitern verurteilt. Die Bestie holte mitten im Lauf mit ihrer gigantischen Pranke aus und erwischte den kühnen Wachmann, der von der Wucht des animalischen Schlages gegen die Wachbaracke gepresst wurde und dann bewusstlos an ihr herunterrutschte und im Schnee liegen blieb.

    Das Monster änderte seinen Kurs ein wenig und hielt nun nicht mehr direkt auf Vitali zu, sondern nahm sich die Wachbaracke vor. Das Monster ging in die Hocke und schob seine Pranken unter die Baracke. Dabei ignorierte es die Schreie Sergejs, der unter der Baracke Höllenqualen erlitt. Auch die unkontrollierten Schüsse, die Artur aus einem Fenster der Baracke feuerte beeindruckten das Wesen nicht im Geringsten.

    Der mutierte Eisbär riss die Baracke in die Höhe, als ob es sich um ein Spielzeugauto handeln würde. Er stemmte die Baracke in die Lüfte, stellte sich auf die Hinterbeine und rüttelte das bauwagenartige Gebilde wie eine Rassel. Vitali gefror das Blut, als er die Todesschreie Arturs aus dem Inneren der Baracke hörte.

    Dann geschah das Unfassbare. Die Bestie holte aus, stemmte sich nach vorne und warf die Baracke dann bis über die Klippen in Richtung des nahen Ozeans, wo die Baracke an den steilen Klippen hoffnungslos zerschellte. Eine Überlebenschance konnte es für den armen Artur gar nicht geben.

    Sergej hockte hilflos im Schnee und wagte es nicht sich zu rühren. Nur wenige Zentimeter von ihm entfernt erlangte der benommene Konstantin wieder das Bewusstsein. Mitrofan hatte es tatsächlich bis in den nahe gelegenen Wald geschafft. Boris jagte die Straße hinauf und den Weg zurück, den sie eben alle erst gekommen waren. So stand Vitali mit einem Mal allein auf verlorenem Posten dem Ungeheuer gegenüber.

    Der Journalist entschloss sich grimmig, dass der Horror ein Ende haben musste. Mit normalen Waffen mochte man dem Wesen nicht beikommen, aber er hatte ja noch Beistand von einer höheren Warte. Vitali ergriff die Kette mit seinem Agnus Dei und stieß einen Kampfesschrei aus, der mehr wie ein heiseres Krächzen klang.

    Doch es gelang ihm die Aufmerksamkeit des Wesens auf sich zu lenken, sodass es von den hilflosen Konstantin und Sergej abließ. Für wenige Sekunden starrte Vitali in die kalten und schwarzen Augen des Ungeheuers und las darin nur Gier, Hass und Zerstörungswut. Doch plötzlich flackerte in dem unstet gewordenen Blick des Ungeheuers noch etwas anderes auf. Es handelte sich um Angst, die sich erst beinahe ungläubig ihren Weg bahnte und dann immer panischer wurde. Das Monster blickte allerdings nicht mehr in die Augen des Journalisten, sondern auf den weißmagischen Gegenstand in seinen Händen.

     Das Agnus Die leuchtete so hell, dass es Vitali blendete. Es glühte so heiß, dass es die feinen Härchen auf seinen Händen in Sekundenschnelle versengten. Es vibrierte so stark, dass Vitalis ganzer Körper fast unkontrolliert zitterte und er sich nur mühsam auf den Beinen halten konnte. Dennoch hielt der waghalsige Journalist seinen Talisman umklammert, als ob es sein letzter Rettungsanker war.

    Ermutigt von der panischen Reaktion des mutierten Eisbären atmete Vitali tief durch und trat langsam vorwärts. Zunächst waren seine Schritte zitternd und zögernd, doch langsam wurden sie sicherer und auch schneller. Vitali drehte den Spieß um. Nun war er es, der die Bestie angriff und dieser Mut zeigte Wirkung. Die Bestie knurrte erst wütend, doch das Geräusch schlug langsam in ein hilfloses Winseln um und das Ungeheuer scharrte nervös mit seinen Hinterbeinen. Die potenziellen Opfer um sie herum existierten für die Bestie und auch für Vitali nicht mehr. Es gab nur noch den tollkühnen Journalisten und das mehr und mehr entsetzte Monster.

    Langsam wich der Eisbär zurück und dies spornte Vitali nur noch weiter an. Er war mittlerweile in einen schnellen Gang verfallen und stellte diesen nun auf einen schneller werdenden Laufschritt um. Die Bestie hatte sich herum geworfen und machte einige gewaltige Sätze zurück in Richtung des Höhlensystems. Vitali überlegte kurz, ob er seinen Talisman nach dem Gegner werfen sollte, aber er wollte es nicht riskieren das Unwesen zu verfehlen und so seine wichtigste Waffe zu verlieren. Jede Aktion musste nun klug abgewogen werden. Vitali fühlte sich für das Schicksal der wenigen Überlebenden verantwortlich. Herkömmliche Waffen konnten das Ungetüm niemals besiegen, aber er hielt die Schlüssel zu ihrem Sieg in der Hand.

    Je weiter Vitali nach vorne stürmte, desto überzeugter war er von seinem Triumph. Die Bestie machte nun gar einen weiten Satz zurück in das Höhlensystem, als sich ihr plötzlich ein weiterer Mann in den Weg stellte.

    Vitali hielt am Eingang des Höhlensystems inne und sah vor sich einen blutüberströmten Dorfbewohner, der das Massaker in den Tiefen des Höhlensystems irgendwie überlebt hatte. Der Mann hielt mit einem triumphierenden Lachen jeweils zwei Dynamitstangen in beiden Händen, die er nun theatralisch in die Luft reckte. Dann rannte er waghalsig auf das Ungetüm zu, das nicht wusste, wie es reagieren sollte.

    Vitali wollte dem Dorfbewohner noch etwas zurufen, aber dieser hatte nur Augen für die Bestie. Selbstlos warf der Mann sich dem Wesen entgegen. In dem Moment als der einsame Kämpfer zwischen den Vorderläufen des Ungetüms hindurch sprang, ging die erste Dynamitstange in die Luft und riss dem Märtyrer den ganzen Arm und der Bestie das halbe Gesicht weg.

    Die zweite Dynamitstange explodierte in der linken Tatze des Monsters und zerfetzte diese völlig. Der mutierte Eisbär schrie auf vor Schmerz.

    Doch sein Leiden war noch längst nicht zu Ende, denn da explodierte auch die dritte Dynamitstange und riss einen groben Krater in den ungeschützten Bauch der Bestie.

    Die vierte Dynamitstange war bereits weiter geflogen und explodierte zwischen den Hinterläufen des Monsters und zwang dieses nun endgültig in die Knie.

    Das Monster schrie vor Schmerzen, doch selbst das Dynamit hatte seiner unheilvollen Existenz noch kein Ende bereitet.

    Da spürte Vitali ein heftiges Beben. Durch die vielen Explosionen stand der mühsam freigelegte Höhlenkomplex nun endgültig wieder vor dem Einsturz. Die Zeit wurde nun knapp, doch Vitali rang sich dazu durch, dass er noch etwas zu erledigen hatte. Er musste auf Nummer sicher gehen, dass das Unwesen bis in alle Ewigkeit vernichtet war.

    So stapfte der Journalist wie ein Rächer auf das qualvoll röchelnde Wesen zu. Der Schmerz wich aus dessen Blick, als es den Talisman erblickte und machte einer panischen Angst Platz. Aber der mutierte Eisbär war kampfunfähig geworden und kam nicht mehr von der Stelle. Das Ungeheuer versuchte noch mit seiner unverletzten Tatze nach Vitali zu schlagen und irgendwie tiefer in den Höhlenkomplex zu robben, aber seine Aktionen wirkend auf einmal so hilflos wie die seiner Opfer zuvor.

    Mit einigen schnellen Schritten trat Vitali an den unheimlichen Eisbär heran. Gesteinsbrocken regneten auf sie hinab. Eine Wolke aus düsterem Staub umgab sie. Aus der Ferne hörte Vitali die warnenden Schreie seines besten Freundes Sergej. Doch für Vitali gab es kein Zurück mehr.

    Ein letztes Mal blickte er in den flackernden Blick des verbliebenen Auge des Monsters, das plötzlich fast wie ein normales Tier auf ihn wirkte. Fast tat es Vitali Leid über das Leben und Sterben dieses Geschöpfes zu urteilen. Doch dann erinnerte er sich wieder an die zahlreichen Opfer und sah vor seinem inneren Auge erneut wie das Unwesen die Wachbaracke mit dem armen Artur in die eisigen Fluten beförderte. Diese düstere Erinnerung spornte Vitali noch einmal zusätzlich an.

    Mit verzerrtem Gesicht drückte er sein Agnus Die gegen den Schädel des Monsters, der wie verrückt anfing zu zischen und zu zittern. Das Erdbeben um sie herum schien sich noch zu intensivieren.

    Das Auge des Monsters quoll auf, trat aus seiner Höhle vor und zerplatzte wie eine reife Frucht. Der muskulöse Körper zitterte unkontrolliert. Dann wurde das Fell langsam grau und viel von dem Körper ab wie eine zweite Haut. Vitali sah wie sich Muskeln und Knochen innerhalb weniger Augenblicke unter einem hellen Leuchten in Staub verwandelten. Die Bestie hauchte ihr jahrhundertealtes dämonisches Leben aus.

    Da traf Vitali ein besonders großer Steinbrocken an der Schulter und er hätte um ein Haar das unschätzbar kostbare Agnus Dei fallen gelassen. Dies war für den kühnen Journalisten das Startsignal. Er wandte sich von dem sich in sämtlichen Bestandsteilen auflösenden dämonischen Kadaver ab und rannte unter einem Regen von Staub und Schutt halb erblindet dem Ausgang aus dem Höhlensystem entgegen. Hinter sich ertönte ein tiefes Rumoren, als mehrere Gänge ins ich einstürzen zu schienen. Auf Vitali wirkte es fast so, als seien darin nicht allein die vielen Explosionen, sondern auch das Ableben der Gottheit aus dem Eis Schuld. Mit ihrem Tod schien auch sein Hort und der seiner ehemaligen Verehrer das Zeitliche zu segnen.

    Mit einem letzten Hechtsprung gelangte Vitali aus der tödlichen Falle heraus und fiel dabei beinahe seinem Kollegen Sergej in die Arme, der verzweifelt nach ihm gesucht hatte. Beide gingen unbeholfen zu Boden und wurden von den vielen Beben erschüttert. Sie krochen langsam die kleine Anhöhe hoch, wo inzwischen auch ihre Begleiter versammelt warteten und sahen wie der uralte Höhlenkomplex endgültig in sich zusammenbrach. Einige Teile der Ausgrabungsstätte rutschten gar in das nah gelegene und wild schäumende Meer ab.

    So machten sie sich so schnell wie es nur ging aus dem Staub, um nicht doch noch ein Opfer der Naturgewalten zu werden. Erst als sie die Anhöhe hinter dem ehemaligen Standort der Wachbaracke erreicht hatten, atmeten sie durch und drehte sich noch einmal kollektiv um. Aus der Ferne erklangen bereits die Sirenen der Polizei und Feuerwehr. Ansonsten herrschte ein immer noch fassungsloses Schweigen. Wie sooft war es Sergej, der als Erster wieder ein paar Worte fand.

    „Boris, bis du nicht ein wenig traurig, dass deine ganze Arbeit umsonst war und die Ausgrabungsstätte auf ewig eingestürzt ist?“, wollte er von seinem Bruder wissen. Dieser ließ sich etwas Zeit mit der Antwort und blickte Sergej dann entschlossen an.

    „Nein, ich bin nicht enttäuscht. Manche Dinge sollten auf ewig vergraben und vergessen bleiben.“, sagte er dann atemlos und alle Beteiligten stimmten ihm umgehend stumm nickend zu.

     

    Epilog, drei Wochen später

     

    Lew blickte fast schon melancholisch von dem alten Hochhaus über den gigantischen Hafen von Murmansk. Seine Tochter hatte sich zu seiner Rechten bei ihm eingehakt und genoss trotz des stürmischen Wetters die Aussicht auf den Sonnenaufgang am Horizont über dem Meer. An seiner linken Seite, stand Lisa, die er nach Wochen der qualvollen Ungewissheit endlich wiedergetroffen hatte. Daran war ein gewisser couragierter Polizeibeamter namens Mitrofan nicht ganz unbeteiligt gewesen, denn er war der einzige gewesen, der Lisas schier unfassbaren Geschichte Glaube geschenkt hatte. Wenige Meter von ihnen entfernt betrachteten Feodor und Jermolaj mit ihren Töchtern vereint dasselbe Naturschauspiel.

    Der Familienvater dachte an die Ereignisse der vergangenen drei Wochen zurück. Einige Polizeibeamte aus Murmansk waren mit Hilfe von Mitrofan, dem Archäologen Boris, den beiden Journalisten Sergej und Vitali und dem in Gewahrsam gekommen jugendlichen Brandstifter, auf den Piter sorgsam aufgepasst hatte bis die Polizei eingetroffen war, zuerst in das isolierte Dorf gekommen. Die Sache war natürlich eine ganze Nummer zu groß für sie alle gewesen. Die drei waren nach einigen Tagen, in denen auch sie viele Fragen beantworten mussten, mit der Murmanbahn gen Süden abgereist. Mitrofan hatte Lew und Lisa versprochen den Kontakt aufrecht zu halten. Bald hatte das Militär das Dorf weiträumig abgesperrt und untersucht. Es hatte viele Befragungen gegeben, um zu rekonstruieren, was in und um das Dorf in den letzten Jahrzehnten und gar Jahrhunderten geschehen war. Die zunächst eingeschüchterten Dorfbewohner hatten nach und nach nur zu gerne über die Tyrannei des Schamanen oder der Waisenhausleiterin ausgesagt und sich selbst von jeder Schuld freigesprochen. Lew hatte für diese feigen Leute, die diese Tyrannei jahrelang geduldet oder gar unterstützt hatten, nur Missgunst übrig. Auf die Frage, wo der Schamane und die Waisenhausleiterin denn jetzt seien, wusste jedoch niemand mit Gewissheit eine Antwort zu geben. Viele Dorfbewohner gaben an, dass die beiden vermutlich beim von ihnen bewusst verursachten Einsturz des Höhlensystems ums Leben gekommen waren. Von der Gottheit aus dem Eis redete keiner mehr, so als ob es sie nie gegeben hätte. Niemand wollte sich als abergläubischer Verrückter abstempeln lassen. Das Militär beließ es bei der Sache, denn niemand wollte zu viel Lärm um diese unglaubliche Geschichte machen. Man würde den Wahrheitsgehalt der Aussagen ohnehin nie so ganz nachweisen können, denn alle möglichen Beweise lagen unter Tonnen von Asche, Geröll und Schutt oder waren in die unendlichen Weiten des Ozeans gespült worden.

    Für die Überlebenden aus dem Todesdorf begann nun eine neue Zeitrechnung. Sie alle wurden umquartiert und lebten derzeit in einigen alten Baracken oder Zeltlagern rund um Murmansk. Untereinander mieden sich die Einwohner. Fast jeder wollte nur noch für sich allein sein und nicht mehr an die dunkle Vergangenheit erinnert werden. Lediglich die Freundschaft von Feodor, Jermolaj und Lew war erhalten geblieben und nun vielleicht sogar stärker als jemals zuvor. Die drei Familien hatten beantragt, sich in Archangelsk niederlassen zu wollen während die meisten anderen Dorfbewohner in Murmansk bleiben wollten. Sie wollten einfach nur ganz weit weg von den Anderen und wenn sie die Wahl gehabt hätten, dann wären sie sogar bis nach Wladiwostok umgezogen. Lew hoffte inständig, dass sie auch mental diesem Grauen eines Tages entfliehen konnten.

    Lisa schmiegte sich eng an Lew und ihre Tochter kuschelte sich zwischen ihre beiden Eltern. Sanft streichelte Lew das blonde Haar seiner Tochter und hauchte seiner Frau einen warmen Kuss auf die Wange. Der Sonnenaufgang wirkte auf ihn fast schon symbolisch. Heute würden sie endlich ihren Umzug nach Archangelsk antreten und all die Schrecken hinter sich lassen. Es war ein neuer Beginn ihres Lebens und sie wollten sich diese kostbare zweite Chance von nichts und niemandem wegnehmen lassen.

     

     

     

    Ende von Band 2