• Exklusiv: Mein Roman: Aljenikow und der Hafen des namenlosen Grauens (2009)

    Aljenikow und der

    Hafen des namenlosen

    Grauens

     

    Von Sebastian Kluth

     

    (Band 1)

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

     

    In der im letzten Jahr erst eröffneten neuen Metrostation Volkovskaya, die sehr modern und fast klinisch elegant wirkte, fielen die beiden Männer mit ihren scharlachroten Umhängen und dem darauf gestickten Abbild eines Kolkrabens irgendwie aus dem Rahmen, obwohl sie sich in eine möglichst dunkle Ecke gedrückt hatten, denn sie hatten wenig Zeit und wollten doch einige wichtige Informationen austauschen.

    Von den Touristen und den zahlreichen anderen Pendlern wurden sie kaum beachtet, denn auffällig gekleidete, schräge Typen waren im modernen Sankt Petersburg nichts Ungewöhnliches. Doch einem genauen Beobachter hätten die düsteren Mienen der beiden Geheimniskrämer auffallen müssen, die eine unglaubliche negative Ausstrahlung hatten. Ihre düsteren Fratzen waren tief in den Schatten der Kapuzen verborgen und sie sprachen leise und mit rauchigen Stimmen.

    Der erste der beiden Männer, der ein wenig älter und höher gewachsen war als sein Gegenüber, ergriff zuerst das Wort und seine Augen funkelten bei jedem seiner fanatischen Worte.

    „Bald, mein Bruder, ist der Moment gekommen. Unsere Zeit ist nah. Ein Armageddon wird über diese verfallene Stadt kommen, wie die Menschheit es noch nie zuvor erlebt hat. Es werden neue Strukturen und neue Machtverhältnisse herrschen und wir werden als Sieger aus dieser Schlacht hervorgehen“, hauchte der ältere Mann und zitterte dabei vor freudiger Erregung.

    „Davon bin auch ich überzeugt, Bruder. Wer sollte sich uns in den Weg stellen? Der Sturm wird über die Ahnungslosen kommen und gnadenlos über sie hinwegfegen. Kaum jemand weiß von uns, außer die armseligen Mönche aus dem Kloster bei Pobeda und einigen Mafiosi. Wer würde einigen altmodischen Greisen oder einer Bande räudiger Krimineller schon vertrauen?“, fragte der jüngere und kleinere Bruder voller Erregung.

    „Gewiss hast du recht, doch es ist trotzdem immer noch erhöhte Vorsicht geboten. Wir können nicht einfach von einem Tag auf den anderen alles auf eine Karte setzen. Wir müssen langsam beginnen, feine Nadelstiche setzen. Unser neuer Gefolgsmann wird uns dabei helfen und den ersten Schritt allein wagen.“, erläuterte der ältere Bruder und hob mahnend seine knochige Hand.

    „Dieser neue Gefolgsmann ist ein Narr, ein rachsüchtiger Unwissender, der durch Zufall zu uns gestoßen ist. Er ist unserer Mission gar nicht würdig.“, gab der jüngere und deutlich emotionalere Bruder gehässig zurück und hatte seine Hände unter der scharlachroten Kutte grimmig zu knochigen Fäusten geballt.

    „So darfst du nicht denken, Bruder. Es ist besser, wenn er die ersten Schritte wagt und ein Risiko eingeht. Er ist bis unter die Haarwurzeln motiviert, wenn auch aus persönlicheren Gründen. Wenn er Erfolg hat, dann steht auch uns der Weg frei und wir können größere Pläne konzipieren. Wenn er aber scheitert, so kann niemand seine Spur zu uns zurückverfolgen und wir könnten seine Fehler analysieren und würden auch auf unsere primären Feindobjekte stoßen, die unseren Gefolgsmann zum Scheitern gebracht haben. Er ist sozusagen unser Versuchskaninchen: Entweder endet er als Toter oder als Held einer neuen Revolution.“, schloss der ältere Bruder mit pathetischen Worten und setzte sich langsam wieder in Bewegung, um mit seinem Begleiter die schier endlos lange Rolltreppe hinauf zum Tageslicht zu nehmen, das von schweren Wolkenvorhängen jedoch deutlich abgeschwächt wurde. Den beiden Brüdern war dies nur recht, denn sie verabscheuten helles Licht, ebenso wie die grelle Hektik der Metropole allgemein. Doch für ihr großes Ziel mussten sie aus ihren Unterschlüpfen kommen und über ihren eigenen Schatten springen.

    „Wir sollen also zunächst nur abwarten und observieren?“, hakte der kleinere Bruder ein wenig enttäuscht und empört nach.

    „Du hast es erfasst, Bruder. Wir werden das alles bei unseren Treffen bei Pulkovo besprechen. Noch heute kann die erste Etappe unserer Mission beginnen und in wenigen Tagen werden wir schlauer sein. Eines ist sicher: Die Wochen der Entscheidung sind jetzt endgültig gekommen.“, behauptete der ältere Bruder und erschauderte bei seinen eigenen Worten.

    Der jüngere Bruder nickte ehrfürchtig und spürte ein elektrisierendes Kribbeln in sich. Das Gefühl, das auf nicht unangenehme Weise freudige Erwartung mit nagender Nervosität vereinte, hielt auch dann noch an, als sie beide an das matte Tageslicht kamen.

    Sie zogen sich ihre Kapuzen noch tiefer ins Gesicht, tauchten in der unübersichtlichen Menge wie zwei Überbleibsel aus vergangenen Tagen und alten unbekannten Traditionen unter und setzten ihre kurze Reise wortlos, aber zielstrebig und konzentriert fort.

     

    Pawel Iljitsch Kozakow warf seine übel riechende Zigarette in das brackige Hafenbecken und blickte auf seine gefälschte Rolex. Nachdenklich kratzte er sich am Kinn und schaute durch den dichten Nebel angestrengt zu der schäbigen Kneipe herüber, aus der altmodische Musik und das Grölen betrunkener Männer drang.

    Dann setzte er sich langsam in Bewegung und blickte sich nervös um. Er wollte sicher gehen, dass ihn niemand verfolgte. Er hatte das Gefühl, dass durch den undurchdringlichen Nebel ihn irgendjemand beobachtete. Er spürte förmlich die drohenden Blicke des Unbekannten auf sich, der irgendwo in einer der dunklen und nassen Gassen lauern musste. Mehr als einmal zuckte Kozakow herum und tastete nervös nach seinem Revolver, den er an einem Gurt unter seinem ausladenden und löchrigen Pullover versteckt hielt.

    Hin und wieder glaubte er ein Knarren, ein überlautes Quietschen oder Gelächter zu hören, das aus irgendwelchen Spelunken drang. Das träge Wasser schwappte monoton gegen die Kaimauern, irgendwo kreischte eine der zahlreichen Möwen.

    Unbehaglich verschränkte Kozakow seine Arme und ein eiskaltes Schaudern rann über seinen Rücken. Er bekam unwillkürlich eine Gänsehaut und seine Nackenhaare richteten sich auf. Er wusste selbst, dass diese Reaktion nicht nur etwas mit der schneidenden Kälte zu tun hatte, die Anfang April immer noch über Sankt Petersburg lag.

    Er verfluchte sich selbst, dass er so geldgierig gewesen war und den Auftrag akzeptiert hatte, den ihm sein Boss gegeben hatte. Fünfhundert Rubel waren eine Menge Geld für jemanden wie ihn, der aus ärmlichsten Verhältnissen stammte und in einer siebenköpfigen Familie in einem der unvorteilhaftesten Vororte der Stadt aufgewachsen war. Er hatte nie irgendwelche Zukunftschancen gehabt, bis er seinen jetzigen Boss zufällig auf einem touristischen Schwarzmarkt hinter der prächtigen Auferstehungskirche im Stadtzentrum kennen gelernt hatte. Seit drei Jahren verrichtete der junge Kozakow nun schon illegale Arbeiten für einen der größten Unterweltbosse der prächtigen russischen Metropole. Er hatte sich mehr als einmal in einem schäbigen und dreckigen Gefängnis wiedergefunden, doch sein Boss hielt an ihm fest und hatte ihn problemlos freigekauft. Die russischen Polizisten waren oft bestechlich und zudem hatte sein Boss auch einige Beamten auf seine Seite ziehen können. Sein Netz war immer größer geworden und er beherrschte besonders das Stadtzentrum, wo er viele illegale Spielsalons und sexuelle Etablissements als Schutzpatron unter seine Knute gezwungen hatte. Auch im Drogengeschäft war er schon lange involviert.

    Dennoch gab es für ihn zwei weitere große Konkurrenten. Der eine Typ hatte es geschafft bislang weitestgehend anonym zu bleiben. Man munkelte, dass er früher in Nowgorod der Herr der Unterwelt gewesen war, bis er nach höheren Zielen streben wollte und nach Sankt Petersburg gekommen war. Seine wahre Identität kannte man nicht genau. Man wusste nur, dass er bereits als Kind einen schweren Autounfall erlitten hatte und schwere Brandwunden höchsten Grades davongetragen hatte. Seitdem trug er eine stählerne Maske, sodass kaum jemand sein Gesicht kannte. So war auch sein Spitzname, denn alle nannten ihn nur ehrfürchtig die „stählerne Maske“. Er hatte seine Finger besonders in den Außenbezirken der Großstadt im Spiel, sowie auch in diversen Restaurants und Diskotheken.

    Dann gab es noch den letzten Boss, der ungekrönter König der Hafengegend war. Praktisch jede Spelunke hier gehörte ihm und jede Schiffsladung wurde von seinen Mittelmännern überprüft oder auch schon mal auf hoher See erbeutet. Sein Name war Kostja Anatoljewitsch Matschiwjenko und er war für seine ungeheure Brutalität weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt, doch die Polizei hatte ihm bislang niemals etwas nachweisen können.

    Kozakow hatte nun den Auftrag entgegengenommen, ein Geschäft mit der rechten Hand des brutalen Unterweltbosses Matschiwjenko abzuwickeln. Es ging dabei um eine Schiffsladung Kokain, die sein Boss dem brutalen Patron der Hafengegend abkaufen wollte und im Gegenzug wollte er jenem kaltblütigen Mann sogar nicht unbeträchtliche Anteile am Erwerb in der Region der Petrogradskaja Storona verleihen.

    Kozakow sollte sich in der Spelunke mit der rechten Hand Matschiwjenkos treffen und die Details klären. Er hatte dennoch das ungute Gefühl, dass es sich bei dem Treffen um einen Hinterhalt handeln könnte. Kozakow war lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass Matschiwjenko alles andere als vertrauenswürdig und ehrlich war. Der einflussreiche Russe galt als hinterhältiger und abgebrühter Taktiker, der niemals freiwillig etwas aufgeben oder tauschen würde. Nicht einmal eine Schiffsladung Kokain.

    Kozakow atmete tief durch und schritt durch die schwach beleuchtete Gasse und durch die verdreckten Pfützen. Eine Horde Ratten verflüchtigte sich aus einem der zahlreichen stinkenden Müllhorden am Rand der Gosse. Die Gasse hatte einen sehr eigentümlichen Geruch, in dem sich stinkender Zigarettentabak, Exkremente und das billige Parfüm leichter Mädchen miteinander vermischte.

    Kozakow hörte das höhnische Kreischen der Möwen, die über den Hafen kreisten, als er den Eingang der Spelunke erreichte. Eine zerfallene Leuchtreklame erhellte den dreckigen Straßenbelag. Ein kräftiger Türsteher, muskelbepackt und mit grimmigen Blick baute sich vor dem hageren Kozakow auf und blickte ihn eiskalt an.

    Der junge Kriminelle brach in Schweiß aus und sandte ein stilles Stoßgebet gen Himmel. Er überlegte, ob er sich nicht einfach umdrehen und davonlaufen sollte. Er verwarf den Gedanken allerdings gleich wieder, denn solch einen feigen Rückzug würde ihm sein Boss niemals verzeihen. Er war sich bewusst, dass eine mögliche Bestrafung seines Bosses weitaus schmerzhafter und schlimmer sein konnte, als eine Kneipenschlägerei oder Schießerei auf offener Straße. Einer seiner ehemals besten Freunde, hatte einmal einen Auftrag vermasselt und hatte dadurch sein linkes Ohr verloren, das ihm ohne Betäubung brutal abgeschnitten worden war. Seitdem lief er als gezeichneter Krüppel herum, war ausgestoßen worden und lebte irgendwo in einem der schmuddeligen Vororte auf der Straße und schlief im Winter in einer der zahlreichen Metrostationen.

    Kozakow riss sich zusammen und nestelte in seiner Jackentasche, aus der er ein paar Rubel nahm. Er drückte die zerknitterten Scheine in die Hand des mächtigen Türstehers, dessen Gesicht sich sichtbar aufhellte. Erleichtert drängte sich Kozakow an ihm vorbei und wurde plötzlich grob an der Schulter gepackt. Brutal presste der Türsteher den schmächtigen Mittelsmann gegen den Türrahmen und drückte ihn am Kragen langsam in die Höhe. Ächzend versuche sich Kozakow aus der eisernen Umklammerung zu befreien, doch er war gegen dieses Muskelpaket eindeutig machtlos. Sein Gesicht verfärbte sich rot, als der Türsteher ihm an den Hals griff und grob zudrückte. Die Luft wurde dem röchelnden Kozakow langsam, aber sicher knapp.

    Der grobe Türsteher nestelte in den Hosentaschen des Kuriers und fand einige weitere Rubelscheine, die er grimmig einsteckte. Auch vor dem Revolver machte der stumme Türsteher nicht halt und riss seinem Gegner den Gürtel brutal vom Leib, nahm ihn in die Hand, zog den schweren Revolver heraus und schleuderte den Gürtel achtlos in eine der brackigen Pfützen. Zufrieden brummend steckte er sich die Waffe in seine Gesäßtasche und ließ seinen Gegner achtlos zu Boden fallen.

    Brutal prallte Kozakow auf die harten Holzdielen und schnappte ächzend nach Luft. Alles drehte sich vor seinen Augen und er sank schwitzend am Türrahmen nieder. Der Türsteher würdigte ihn indes keines Blickes mehr und kramte stattdessen einen Flachmann aus seiner Hemdtasche, den er mit einem Schluck leerte.

    Kozakow robbte langsam in den Vorraum der Kneipe und stützte sich an einem schmalen Tresen auf, hinter dem einige Kleiderbügel hingen. Davor saß ein künstlich blondiertes, junges Mädchen, das sich definitiv zu sehr geschminkt hatte. In ihrem kirschroter Mund lag eine billige Zigarette, die Packung, auf der ein Wolfskopf abgebildet war, hielt sie in ihrer Hand mit den viel zu langen, künstlich glitzernden Fingernägeln. Verächtlich blickte sie Kozakow an und spuckte zu Boden.

    Der gedemütigte Russe verfiel in Panik, rappelte sich auf und hastete durch die schief in den Angeln hängende Tür in den Schankraum. Dort umfing ihn ein muffiger Geruch nach Bier und Zigaretten. Auf einer kleinen Bühne tanzten zwei langbeinige, knapp bekleidete Schönheiten, die von verschwitzten und johlenden Männern angetrieben wurden. In der anderen Ecke saßen zwei dunkel gekleidete Männer, die Kozakow forsch anblickten und pokerten. Der Russe wusste sofort, dass diese beiden Männer zu der Gruppierung um Matschiwjenko gehörten, denn sie waren beide an ihren Unterarmen tätowiert, was stilistisch für die Anhänger dieses Mannes waren. Die Tätowierung zeigte das berühmte Symbol des Hammers und der Sichel, umkreist von einem schwarzen Totenschädel.

    Kozakow zündete sich nervös eine weitere Zigarette an und näherte sich den beiden lässigen, aber dennoch aufmerksamen Kriminellen mit großer Unbehaglichkeit. Langsam trat er an sie heran und zog seinen dunklen Pullover an seinem linken Ärmel ein wenig hoch. Dort befand sich das typische Symbol seines Bosses, welches nur enge Mitarbeiter und langjährige Kuriere bekamen. Kozakow war sehr stolz gewesen, als er sich dieses Symbol vor nicht einmal zwei Monaten hatte stechen lassen, nachdem er mit zwei weiteren Ganoven zwei kleinere Hotels der namenlosen „stählernen Maske“ durch Brandanschläge erfolgreich vernichtet und dabei sogar dessen Adoptivsohn ermordet hatte. Die Tätowierung zeigte eine doppelköpfigen Adler, der von einem gezackten Stern umgeben war.

    Die beiden Kerle nickten grimmig und wiesen wortlos auf eine zerbeulte Holztür hinter dem Tresen. Kozakow nickte erleichtert und eilte auf den angegebenen Ort zu. Der Wirt, ein dickerer Mann mit einem großen, geschwungenen, grauen Schnurrbart zeigte ihm per Handzeichen die Zahl vier an. Kozakow verstand die Geste, drückte die Tür auf und fand sich in einem verrauchten, alten Flur wieder, der nur sehr schwach beleuchtet war.

    Langsam ging er an einer löchrigen Tür vorbei, auf der die Zahl eins stand. Er hörte ein erregtes Stöhnen und ein vulgäres Fluchen eines offenbar angetrunkenen Mannes. Kozakow war dies ganz egal. Er stand unter einer ungeheuren Anspannung und wollte den Auftrag, der für ihn so ungemütlich begonnen hatte, so schnell wie möglich ausführen und dann verschwinden. Nervös tastete er nach seiner Waffe, als ihm siedend heiß einfiel, dass er diese gar nicht mehr besaß. Ihm brach der Schweiß aus, seine Schritte wurden zögerlicher und er spürte einen leichten Schwindel in sich aufsteigen.

    Kozakow passierte die zweite Tür, die auf der rechten Seite lag. Sie war sogar noch löchriger und morscher als die erste. Ein ganz seltsamer Geruch schlug Kozakow entgegen, der sein Unwohlsein noch verstärkte. Angewidert ging er an der Tür vorbei und hielt die Luft an. Er fragte sich, welch ekelhaftes Kraut die Leute in dem Zimmer wohl geraucht haben mussten.

    Die dritte Tür war ein wenig robuster und Kozakow hörte einen Fernseher aus dem Raum, der offenbar ein Fußballspiel zu übertragen schien. Einige Männer grölten vergnügt und er bemerkte den Geruch von Schweiß.

    Endlich kam Kozakow zur vierten und letzten Tür in dem Flur, der auf den Hinterausgang mündete. Die Tür war sehr robust und offenbar erst kürzlich neu eingefügt worden. Auch hier schlug ihm ein süßlicher Geruch entgegen, den er nicht wirklich einordnen konnte. Mit rasselndem Atem lehnte er seinen Kopf gegen das solide Holz, in der Hoffnung irgendetwas zu hören, doch in dem Raum schien es vollkommen still zu sein.

    Kozakow bekreuzigte sich rasch und klopfte nervös an die Tür. Er wartete auf eine Antwort, doch nichts geschah. Nach einigen Sekunden nervösen Wartens klopfte der Russe erneut gegen die solide Holztür und trat ungeduldig auf der Stelle. Auch dieses Mal kam keine Reaktion und der ohnehin schon nervöse Russe bekam ein drückendes Gefühl in der Magengegend. Ängstlich blickte er sich im Gang um, denn er hatte wieder das Gefühl, nicht ganz allein zu sein. Er konnte die grausamen Blicke förmlich spüren, doch er traute sich auch nicht sich den düsteren Nischen zu nähern, die in der Nähe des Hintereingangs lagen. Stattdessen klopfte Kozakow erneut gegen die Tür, dieses Mal noch heftiger, gehetzter.

    Schließlich hielt er der Belastung nicht mehr stand und verlor die Beherrschung. Grob drückte er die schmiedeiserne Klinke herab und stieß die Tür mit einem heftigen Ruck in den Raum. Schweißgebadet taumelte er vorwärts und hielt inne, als sei er vom Blitz getroffen worden.

    Was er in dem dunklen Raum sah, ließ ihn an seinem Verstand zweifeln und gleichzeitig das Blut in den Adern gerinnen. 

     

    Freudig rannten die Zuschauermassen aus dem Petrowski-Stadion. Der leichte Nieselregen schien ihnen nicht viel auszumachen, als sie jubelnd über die verkehrsreiche Straße eilten und das ärgerliche Hupen der Autofahrer vernahmen. Mit lauten Schlachtgesängen zogen sie durch die Umgebung.

    Auch Vitali Sergejewitsch Aljenikow verließ das Stadion mit einem zufriedenen Gefühl. Der junge Journalist war erst seit zwei Wochen in der Stadt und war in der Zeit bei einem seiner Kollegen untergekommen, der begeisterter Fan des Vereines Zenit Sankt Petersburg war. Er hatte Vitali mit seiner Euphorie anstecken können und ihm gleich einen Schal geschenkt, während sich Vitali dazu überreden gelassen hatte auf einem der zahlreichen Schwarzmärkte ein Trikot des umjubelten Pawel Progrebnjak zu erwerben. Bei der angestrengten Feilscherei hatte er den Preis von ursprünglich utopisch geforderten fünfhundert Rubeln, auf einhundertfünfzig heruntergehandelt. Auch er verdiente als Journalist nicht gerade ein Spitzengehalt und hatte zudem bisher auch noch keine preiswerte Wohnung in der überteuerten Innenstadt gefunden.

    Das Spiel hatte viele Nerven gekostet, denn der russische Topverein, der zuletzt auch internationale Erfolge gefeiert hatte, hatte den Siegtreffer erst in der Nachspielzeit nach einem Freistoß erzielen können, nachdem der Gegner, der FK Tom Tomsk aus Westsibirien, sogar in der ersten Halbzeit überraschend in Führung gegangen war.

    Jetzt zogen Vitali und sein Kollege Sergej Wiktorowitsch Stepanow gemeinsam mit einigen weiteren Fußballfans an der langsam auftauenden Newa vorbei in Richtung des nahe gelegenen Stadtbezirks, in dem sich viele Kasernen und Militäreinrichtungen befanden. Die Gegend wirkte hier ein wenig trostlos, die Gebäude kahl und grau und die Fußballfans streiften ein Mal eine Gruppe von etwa fünfzig Soldaten, die mitten auf der Straße einen Marsch vollzogen und sich im Gleichschritt bewegen mussten. Sie trugen dabei allesamt noch die altmodischen, graublauen Militärmützen, auf denen das Emblem der russischen Armee als Pin befestigt worden war.

    Bald erreichten Vitali, Sergej und einige weitere Begleiter ihr Ziel, nämlich ein von außen kahl wirkendes Gebäude, das im Innern aber eine durchaus behagliche Atmosphäre barg. Es handelte sich um ein Restaurant, welches ein größeres Esszimmer besaß, dessen Wände aus roten Backsteinen bestanden und auch einen kleinen Kamin aufwies. An den Wänden hingen zum Teil alte sowjetische Propagandaposter und eine Gruppe Soldaten hatte es sich an einem Tisch bequem gemacht. Sie hatten das Fußballspiel neugierig auf einem kleinen, leicht bildgestörten Fernseher verfolgt und tranken kollektiv einen Wodka.

    Vitali und Sergej wurden von der robusten Wirtin mit einer herzlichen Umarmung begrüßt und einem großen Redeschwall. Die eifrige, höfliche und schon etwas ältere Dame, die ein traditionelles Kleid trug und ihre Haare aufgesteckt hatte, bot der Gruppe einen Holztisch mit mehreren Stühlen an und kam nach einigen Minuten bereits mit einigen Gläsern Wodka wieder. Danach gab es eine herzhafte Mahlzeit, die mit einer Borschtsch, der urtypischen russischen Kohlsuppe begann, mit einem russischen Bauernsalat fortgesetzt wurde und mit einer überaus köstlichen Hauptgericht, bestehend aus karelischen Piroggen mit diversen Soßen, seinen Höhepunkt fand.

    Die Soldaten, die alles andere als förmlich oder streng wirkten, setzten sich bald zu Vitali und seinen Bekannten und gaben die ein oder andere Runde Wodka aus und diskutierten angeregt über das Fußballspiel, die Hoffnungen auf den Gewinn der Meisterschaft oder den Bau des neuen Stadions auf dem Gelände des ehemaligen Kirow-Stadions auf der bekannten Krestowski-Insel, der vom Hauptsponsor finanziert wurde und ab der nächsten Saison die neue Spielstätte darstellen sollte.

    Nach einigen Stunden des gemeinsamen Feierns verließen Vitali und Sergej das Restaurant unter lautem Protest der herzlichen Wirtin. Beim Herausgehen warf Vitali einen Blick auf die junge Bedienung und Tochter der Wirtin, die ihm kokett zulächelte. Sie trug eine enganliegende Schürze, die ihre Figur betonte und hatte ihr langes blondes Haar zu zwei edlen Zöpfen geflochten. Grinsend nahm sich Vitali vor bald wieder zurückzukehren.

    Sergej hatte sich entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten beim Feiern sehr beherrscht. Vitali kannte dieses Verhalten bereits aus ihrer gemeinsamen Zeit in Moskau, wo sie eine Journalistenschule besucht hatten und damals in einer Kommune zusammengelebt hatten. Sergej hatte es damals schnell nach Sankt Petersburg verschlagen, wo er ein junges Model kennen gelernt hatte, in der er seine große Liebe gefunden zu haben schien. In Wirklichkeit hatte sie ihn nur ausgenutzt, um selbst Werbung für sich zu machen, denn Sergej hatte selbstverständlich den ein oder anderen Artikel über sie und ihre Arbeit geschrieben. Irgendwann war die junge Russin mit einem reichen Geschäftsmann nach Jekaterinburg durchgebrannt. Sergej war sehr froh gewesen, als er Vitali aufgenommen hatte und sich selbst somit ein wenig von seinem persönlichen Unglück ablenken konnte. Er lebte in einem zentral gelegenem Apartment nahe des Witebsker Bahnhofs und des Obvodnyi-Kanals.

    An diesem Abend aber hatte er geplant sich mit Vitali, der darauf bestand sich eine eigene Behausung zu suchen, um seinen Kollegen nicht weiter zu belasten, eine Wohnung in der Hafengegend anzusehen. Vitali hatte die Annonce zufällig in der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, der ersten russischen Universität überhaupt, an der auch Menschen wie Leonhard Euler oder Nikolai Gogol ihr Studium absolviert hatten, gelesen, als er dort ein Interview mit einem Juniorenschachweltmeister geführt hatte.

    Sergej hatte seinen klapprigen Lada nicht unweit des Restaurants geparkt. Der Wagen war nicht verschlossen, denn das gute Stück war so rostig und zerfallen, dass niemand auf die Idee gekommen wäre es zu klauen. Derzeit fehlte Sergej das Geld für einen neuen Wagen, doch er war gewissermaßen auch stolz aufs ein Auto, für das seine Freund meist nur ein müdes Lächeln übrig hatten. Vitali hatte meist ein mulmiges Gefühl, wenn er in diese Klappkiste einstieg und zudem hatte Sergej trotz allem einige Wodka intus.

    Beschwingt stieg sein Kollege ein und ließ den altersschwachen Motor aufheulen. Gut gelaunt schob er eine Kassette der russischen Heavy Metal Legende Aria ein und sang vom ersten Ton an lautstark mit. Bald schlängelte sich Sergej mit einigen waghalsigen Manövern durch den dichten russischen Verkehr, sodass Vitali Angst und Bange wurde. Nach einer fast dreiviertelstündigen Fahrt waren sie nicht nur beim letzten Stück des Albums, sondern auch in der Hafengegend angekommen, die kein Vergleich zur prunkvollen Innenstadt war. Aus den touristischen Regionen waren die Straßenkinder, Bettler und Prostituierten größtenteils vertrieben worden, doch in diesem Außenbezirk zeigte sich das andere Gesicht der russischen Metropole. Während im Zentrum die Straßen sauber und die Menschen gesittet waren, so war hier genau das Gegenteil der Fall. Vitali war insgeheim froh, dass das Apartment noch in einer etwas weniger schmutzigen Region der Hafengegend lag. Aber in seiner Lage und der allgemein misslichen Lage der russischen Wirtschaft gab er sich mittlerweile mit fast allem zufrieden. Seine einst so großen Ambitionen hatte er vorerst auf Eis gelegt. 

    Die beiden erreichten bald den Nowij Nowgorodskij Prospekt, wo die Gebäude noch etwas kleiner, schmuckvoller und stabiler aussahen als in der unmittelbaren Hafenregion. Sergej stellte seinen Lada neben einem Stand mit frischen Blinies, einer eierkuchenähnlichen und sehr vielfältigen Teigspeise mit verschiedensten Füllungen, ab und die beiden Russen gingen auf das dreistöckige Gebäude zu, das sogar kleinere Balkone besaß.

    Nach einem kurzen Klingeln öffnete ihnen eine ältere und etwas kräftigere Dame misstrauisch die Tür. Vitali fiel mit einem Schmunzeln eine gewisse Ähnlichkeit zu der Wirtin auf. Als Vitali sein Anliegen nannte, strahlte die zuvor noch verkniffen wirkende Russin und entfernte freudig die Sicherungskette der Tür und bat die beiden Russen um Einlass.

    Vitali und Sergej wurden von ihr durch eine schmale Tür in das Wohnzimmer der Dame geführt, welches im Erdgeschoss lag, während in den anderen beiden Etagen jeweils zwei Wohnungen lagen. Das Zimmer war voller Kitsch. An einigen Ecken standen Matrjoschkas, die unter Anderem bekannte Politiker, Dichter und Volkshelden darstellten. An fast jeder kleinen Kommode stand ein Behälter mit russischen Süßigkeiten. Bedeckte Tischdecken zierten alle kleinen Tischchen und an den Wänden hingen diverse Bilder der Stadt Sankt Petersburg aus den verschiedensten Epochen.

    Die eifrige Dame, die sich als Ekaterina Alexandrowna Kolodina vorstellte, bat ihren Besuchern sogleich ein Glas Kwas, ein russisches Brotgetränk aus Wasser, Roggen und Malz an, welches eklig süß schmeckte. Ekaterina plauderte unentwegt und es dauerte eine ganze Weile, bis Vitali sein Anliegen präsentieren konnte. Seine neue Gastgeberin war sehr großzügig und ging mit ihrem Preis für die Wohnung noch einmal herunter, weil sie Vitali als sehr herzensgut und nett empfand. Zudem gab sie ihm überraschend bekannt, dass er sogar über ein eignes Telefon und einen kleinen Fernseher verfügen konnte.

    Vitali unterschrieb sofort den Kaufvertrag, was Sergej mit ein wenig Wehmut registrierte, da er sich gefreut hätte, wenn sein Kollege noch ein wenig länger seine Gastfreundschaft genossen hätte. Kurz darauf inspizierte Vitali in Begleitung von Sergej und Ekaterina die neue Wohnung, die links im obersten Stockwerk lag. Es gab dort ein großes Schlaf- und Wohnzimmer mit einem Fernseher, einem großen Himmelbett und einer Couch, sowie ein kleines Badezimmer samt Dusche und Toilette, sowie auch eine kleine Küche mit einem edlen Holztisch und einem kleinen Balkon, von dem aus Vitali einen prächtigen Blick auf die Hafenlandschaft genießen konnte. Lediglich die Farbe an den Wänden war ein wenig abgeblättert und die Decke wies einige gelbe Wasserflecken auf, doch für die gegebenen Umstände hatte Vitali durchaus eine sehr gute Wahl getroffen. Die Zimmer waren sauber, die Preise sehr entgegenkommend und auch die nächsten Metrostationen lagen nicht allzu weit weg.

    Vitali versprach sogleich am nächsten Morgen einzuziehen, da er vorher noch seine wenigen Habseligkeiten aus der Wohnung seines Kollegen verpacken musste. Ekaterina freute sich sehr herzlich und versprach ihm ein ausgezeichnetes Frühstück, wenn er morgen früh kommen sollte.

    Als Vitali das Zimmer als Erster wieder verließ, wäre er beinahe mit einer jungen Dame zusammengestoßen, die mit einigen Büchern bepackt war und offensichtlich die Wohnung neben Vitali bewohnte.

    Vitali warf ihr einen bewundernden Blick zu. Die Frau war ein wenig jünger als er und war vermutlich noch eine Studentin. Sie war einen ganzen Kopf kleiner als der blondhaarige und schlaksige Vitali, und hatte eine herausragende Figur, die durch ihren Jeansrock und ihr Top noch betont wurde. Ihre graugrünen Augen blitzten verführerisch auf und sie warf dem Russen ein bezauberndes Lächeln zu. Vitali hatte den Eindruck, dass die unbekannte Schöne keine Russin war.

    Er trat auf die Dame zu, was sein Freund Sergej mit einem wissenden Lächeln quittierte. Auch Ekaterina war freudig erregt.

    „Herr Aljenkow, das ist Madame Lavoie, eine junge Französin aus Lille, de hier auf die Schauspielschule im Stadtzentrum geht.“, erläuterte Ekaterina mitteilsam.

    „Sehr erfreut, Madame Lavoie. Darf ich Ihnen vielleicht helfen?“, bot sich Vitali charmant an und wurde belohnt, da die Französin ihm ihren Schlüsselbund reichte, an dem ein silberfarbener Eiffelturm baumelte.

    „Die Freude ist ganz auf meiner Seite. Es wäre nett, wenn Sie mir die Wohnungstür aufschließen könnten, ich bin sehr bepackt.“, bat ihn die Französin, die einen sehr weichen Akzent und eine sehr warme Stimme hatte, von der sich Vitali sogleich angezogen fühlte.

    Eilig erfüllte er die Bitte der schönen Französin und schloss im Handumdrehen ihre Wohnungstür auf, trat einen Schritt in den Flur und verneigte sich einladend, was die schöne Dame mit einem Schmunzeln bemerkte.

    „Sie scheinen ein echter Kavalier zu sein, Herr Aljenkow.“, kommentierte sie mit süffisanter Stimme und warf ihr langes, braunes Haar in den Nacken.

    „Bei so schönen Damen wie Ihnen bin ich das immer. Nennen Sie mich doch Vitali, ich bestehe auf keinerlei Förmlichkeiten.“, bemerkte Viatli mit sanfter Stimme und sein Herz machte einen Hüpfer, als die Französin ihm charmant zulächelte.

    „Das nehme ich gerne an, Vitali. Nenne mich doch bei einem meiner beiden Vornamen. Eva oder Maelle, ganz wie du willst.“, bat ihm die Französin an und trat langsam an Vitali vorbei, wobei sie seinen Oberkörper im Vorbeigehen leicht streifte.

    „Das mache ich gerne. Wohnst du denn schon lange hier?“, fragte Vitali, der das Gespräch um jeden Preis fortsetzen wollte.

    „Seit etwa drei Monaten. Ich bin seit dem Wintersemester in Sankt Petersburg und werde noch bis nächsten Dezember hier sein. Danach kehre ich zurück nach Lille oder Paris, um meine schauspielerische Ausbildung abzuschließen.“, erzählte die Französin, die ihre zahlreichen Bücher zunächst auf einem kleinen Tisch im Eingangsbereich ablegte.

    „Ich bin auch erst seit wenigen Wochen hier in der Stadt. Ich habe vorher in Moskau gelebt und war dort journalistisch tätig. Allerdings ist die Zeitung, für die ich hauptsächlich geschrieben habe, Pleite gegangen. Jetzt versuche ich mein Glück hier und habe über meinen alten Kollegen auch schon ein Engagement gefunden und bereits einige Artikel geschrieben.“, berichtete Vitali ein wenig.

    „Das freut mich für dich. Du kannst mir meine Artikel gerne mal zeigen. Wenn du etwas von russischer Literatur verstehst, kannst du mir vielleicht sogar behilflich sein.“, deutete die Französin an und näherte sich wieder langsam ihrem neuen Nachbarn.

    „Das würde ich gerne tun. Worum geht es denn?“, fragte Vitali, der von seiner Nachbarin völlig gebannt war und sein Glück kaum fassen konnte, mit ihr so schnell ins Gespräch zu kommen. Für den Frauenschwarm war die Tochter aus dem Wirtshaus längst vergessen, denn er hatte selten eine so grazile und umwerfende Schönheit wie die junge Französin gesehen.

    „Es geht um das Theaterstück „Die Nase“ von Nikolai Gogol. Ich muss es durcharbeiten, den Hauptdarsteller charakterisieren und analysieren und zudem will unser Kurs dieses Stück bereits in einigen Monaten aufführen.“, berichtete die Französin und legte ihre Hand scheinbar ganz nebenbei auf den Unterarm des Russen, dessen Härchen sich sofort wie elektrisiert aufstellten.

    „Das trifft sich gut. Gogol ist mein Lieblingsschriftsteller. Ich musste über ihn mal ein ausführliches Referat halten. Ich würde dir gerne helfen und die Aufführung möchte ich mir dann natürlich auch nicht entgehen lassen.“, gab Vitali hastig zurück und strahlte dabei über das ganze Gesicht.

    „Da bin ich gespannt. Jetzt muss ich mich aber ein wenig ausruhen und frisch machen, Herr Nachbar. Ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen.“, entschuldigte sich die Französin und blickte ihrem Gegenüber tief in die Augen.

    „Ja, das hoffe ich auch, ganz bestimmt.“, entgegnete Vitali und verbeugte sich leicht, während die Französin ihm lächelnd die Schlüssel aus der Hand nahm und elegant in ihre Wohnung trat, wo sie sich noch einmal kurz umwandte und dann die Tür sanft ins Schloss drückte.

    Vitali atmete tief beeindruckt durch und wandte sich zu seinem Kollegen Sergej um, der ihn mit einem Lächeln und kopfschüttelnd anblickte.

    Als die beiden Männer die Wohnung nach einer herzlichen Verabschiedung von Ekaterina wieder verließen und auf den lädierten Lada zutraten, musste Sergej noch immer schmunzeln. Vitali wandte sich zufällig noch einmal zum Haus um und zuckte überrascht zusammen, als er die schöne Französin an dem zur Straßenseite hin gelegenen Fenster sah. Sie winkte ihm zu und strahlte dabei über das ganze Gesicht, bevor sie sich abwandte und in einem anderen Raum verschwand. Sergej stieß seinem Freund in die Seite, um dessen Aufmerksamkeit wieder zu erlangen.

    „Kaum bist du zwei Wochen hier und schon gefällt dir die Stadt. Ich hatte es dir doch gesagt, du alter Kavalier.“, lachte Sergej fröhlich und klemmte sich wieder hinter das Steuer und legte gleich darauf die nächste Kassette der russischen Band Aria ein.

    „Da hast du wohl recht. Ich glaube, eine bessere Wohnung hätte ich gar nicht finden könne.“, gab Vitali zurück und die beiden Männer lachten herzhaft, als sie zurück zur Stadtmitte fuhren.

     

    Pawel Iljitsch Kozakow wollte nicht glauben, was er vor sich sah. Er blinzelte, rieb sich die Augen, doch das Bild des Schreckens verschwand nicht. Tausend Gedanken peinigten ihn wie fiese Nadelstiche und ließen ihn an seinem Verstand zweifeln. Der russische Kleinkriminelle war wie gelähmt vor Schreck, denn diese Ereignisse überstiegen seinen Horizont bei Weitem. Er hatte in seiner Karriere viele Leichen gesehen, doch dies war gewiss keine normale Ermordung gewesen.

    In der Mitte des verrauchten, aber verhältnismäßig edel eingerichteten Raumes befand sich ein umgestürzter Tisch und zwei zerborstene Stühle. In einer Blutlache lag ein dunkel gekleideter Mann, der den beiden Kerlen aus dem Schankraum enorm ähnelte. In seinen glasig wirkenden Augen las Kozakow den ganzen Schrecken, den dieser Mann kurz vor seinem bestialischen Tod erlitten haben musste. In seinem Gesicht waren tief Kratzwunden, sein Hemd war völlig zerrissen und seine Schulter war eine einzige blutige Fleischwunde, an welcher der Arm nur noch schlaff und seltsam ungelenk herabhing. Trotz des Hemdes konnte Kozakow die Rippen sehen, die völlig verbogen waren und mit ungeheurer und unmenschlicher Kraft deformiert worden sein mussten. Sie beulten das blutige Hemd aus und befanden sich genau in der Höhe des Herzens.

    Ängstlich und geradezu apathisch ließ Kozakow seinen Blick schweifen und sah auf dem einzigen noch erhaltenen Stuhl eine weitere leblose Gestalt, der die Hälfte des Gesichtes förmlich weggerissen worden war. Das Blut tropfte noch langsam und monoton auf die dreckigen Holzdielen. Glücklicherweise war das Gesicht des Toten dem Blick von Kozakow abgewandt, sodass ihm die schlimmsten Details erspart blieben. Auch dieser Tote trug die gleiche Kleidung wie der erste und die beiden pokernden Bewacher aus dem Schankraum.

    Jetzt warf Kozakow, in einer Mischung aus Ekel und ungläubiger Faszination, auch einen Blick auf den Mittelsmann, den er hier hätte treffen sollen. Er war ein wenig edler gekleidet als die anderen Männer, trug ein dunkles Jackett mit weinroter Krawatte und hatte sein langes Haar streng nach hinten gekämmt und zu einem Zopf gebunden. Er lag auf einer lederbezogenen Couch. In der Höhe seines Magens befand sich eine klaffende Fleischwunde, aus der immer noch Blut strömte und Kozakow konnte sogar schon die Ansätze der Gedärme erkennen, die der wahnsinnige Täter mit unbeschreiblicher Wut aus dem Kriminellen herausgerissen haben musste.

    Kozakow wurde mit einem Mal schlecht, das Gefühl der Übelkeit schlug blitzartig in ihm hoch und weckte ihn gleichzeitig aus seiner stummen Apathie. Er konnte die Ereignisse nicht einordnen und kannte nur noch einen Gedanken. Er musste sofort von hier verschwinden!

    Nervös warf er sich herum und trat dabei noch in die riesige Blutlache, die über die dreckigen Dielen floss. Gehetzt warf Kozakow einen Blick in den Gang. Er wollte auf keinen Fall mit dieser abscheulichen Tat in Verbindung gebracht werden.

    Genau in diesem Moment öffnete sich die Tür des Raumes, in dem sich ein Mann vorhin noch mit einigen leicht bekleideten Mädchen vergnügt hatte. Eines dieser Mädchen, eine zierliche, asiatische Schönheit, trat just in diesem Moment aus dem ersten Raum, erblickte Kozakow und ahnte sofort, dass etwas nicht stimmte, als sie den wahnsinnigen Blick des Russen sah. Schreiend ließ die Prostituierte das blütenweiße Handtuch fallen, mit dem sie ihren Oberkörper bedeckt hatte und eilte gehetzt zurück in den Raum.

    Kozakow griff instinktiv nach seinem Revolver und erneut fiel ihm ein, dass er selbigen beim Türsteher verloren hatte. Plötzlich kamen ihm beklemmende, schreckliche Gedanken. Was wäre, wenn der unbekannte Täter noch irgendwo im Haus lauern könnte? Den Opfern nach zu urteilen, waren diese noch nicht sehr lange tot. Wie sollte er sich überhaupt verteidigen können? Wann würde dieser Alptraum für ihn enden? Hatte er sich die beobachtenden Blicke also doch nicht nur eingebildet? Würde er als Entdecker der grausigen Tat das nächste Opfer des Wahnsinnigen werden?

    Wie in Trance warf sich Kozakow herum und hetzte in blinder Angst durch den schmalen Gang. Dabei stieß er gegen einen Bilderrahmen an der Wand, der klirrend zu Boden fiel und in tausend Scherben zerbarst. Kozakow störte sich nicht daran, warf aber gehetzte Blicke über seine Schultern und stieß durch diese Unachtsamkeit schmerzhaft gegen ein kleines Tischchen, dass scheppernd umfiel und ihm den Weg versperrte.

    Nervös sprang Kozakow darüber hinweg, blieb am Tischbein hängen und fiel der Länge nach hin. Benommen rappelte er sich auf, hetzte schweißüberströmt weiter und erreichte mit letzter Kraft die Hintertür, die er aufreißen wollte, um endlich ins Freie zu gelangen.

    Doch das Schicksal meinte es nicht gut mit ihm. Die Tür war verschlossen! Heftig rüttelte der russische Kleinkriminelle an dem Knauf, zog daran, drehte ihn zur Seite und schlug wutentbrannt dagegen, doch all dies änderte nichts an der Ausweglosigkeit seiner Situation.

    In diesem Moment ging die Tür zur Theke auf und die beiden Männer, die kurz zuvor noch gepokert hatten, stürmten in den Flur. Sie erblickten Kozakow, hoben drohend ihre Revolver und stürmten geduckt heran, da sie für einen präzisen Schuss noch ein wenig zu weit entfernt waren.

    Kozakow brach in Panik aus, warf sich wuchtig gegen die verschlossene Tür und spürte, wie diese leicht wackelte, aber noch nicht nachgab. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr. Gehetzt warf er sich nochmals gegen die Tür, die nun ächzte, seinem Angriff aber weiterhin standhielt.

    Die beiden Killer kamen immer näher und riefen Kozakow eine Warnung zu, die dieser überhaupt nicht wahrnahm. Zitternd sah er sich nach einer anderen Fluchtmöglichkeit, einer weiteren Tür oder einem Fenster um, doch es gab keinen anderen Ausweg.

    In dem Moment schlug eine Kugel direkt vor seinen Füßen ein und eine weitere sirrte knapp an ihm vorbei in die Tür hinein. Kozakow wurde davon aber nicht gestoppt, sondern reagierte noch panischer und unkontrollierter. Er rannte einige Schritte zurück in den Gang, nahm Anlauf und warf sich mit voller Wucht und letzter Kraft gegen die Tür.

    In diesen Augenblicken hatte er gleich doppeltes Glück. Zum Einen ging just in dem Moment die Tür auf, hinter der eben noch einige Russen das Fußballspiel verfolgt hatten und ein älterer und offensichtlich betrunkener Russe mit einem gewaltigen Bart trat genau in die Schusslinie der beiden Killer, die ihn grob zur Seite stießen, durch diese Aktion aber sowohl Zeit verloren, als auch irritiert wurden. Zum Anderen gab die Tür unter den Bemühungen des Kleinkriminellen endlich nach und brach unter ihm krachend zusammen.

    Hart fiel Kozakow auf eine Treppenstufe im Hinterhof, stieß sich den Kopf am Geländer und sah seine Umgebung um sich herum nur noch verschwommen und verzerrt, während er selbst die Stufen herunterpurzelte und benommen in einige Glasscherben rollte, die am Boden lagen und ihm den Rücken aufschnitten.

    Diese unverhoffte Verletzung belebte noch einmal seine letzten Kräfte und riss ihn zurück in die Realität. Ein Schuss peitschte an ihm vorbei und verlor sich in der dunklen Nacht. Kozakow rannte blind durch den Hof, umkurvte einige überfüllte und stinkende Mülltonnen und erreichte schließlich ein hohes Gitter, an dem er hochsprang, das Ende zu greifen bekam und sich mit seinen letzten Kraftreserven hochzog. Nun machte sich seine harte Schulung doch noch bezahlt.

    Kraftlos ließ Kozakow sich auf der anderen Seite des Gitters zu Boden fallen, robbte in die dunkle Gasse, die fast gar nicht beleuchtet war und verlor seinen kompletten Orientierungssinn.

    An seinen eigentlichen Auftrag und eine mögliche Bestrafung seines Bosses dachte er gar nicht mehr. Er rannte wie in Trance planlos durch die dunklen Gassen.

    Er hörte aus der Ferne noch einige Schüsse, bog in eine Seitengasse ab und danach in eine noch düstere Sackgasse, wo er sich gegen eine ramponierte Straßenlaterne lehnte, zu Boden sank und sich geräuschvoll übergab. Der ganze Druck und seine ganze Nervosität entluden sich und beruhigten ihn zugleich.

    Kozakow hielt inne und lauschte seinem eigenen, rasselnden Atem. Er beruhigte seinen Puls und verharrte. Von seinen Verfolgern war nichts zu sehen oder zu hören. Der Russe lächelte gequält. Sollte er ihnen doch entwischt sein? War er tatsächlich mit seinem Leben davongekommen?

    Nervös rappelte sich der Kleinkriminelle auf, als sich seine Nackenhaare aufrichteten und er urplötzlich ein flaues Gefühl im Magen bekam. Dieses unheimliche Gefühl beobachtet zu werden war mit einem Mal wieder da. Der Russe wandte sich langsam um und blickte angestrengt ihn die düstere Gasse, als er plötzlich den unheilvollen Schatten über sich sah.

    Erschrocken blickte Kozakow in die Höhe und sah nur noch wie der Schatten vom flachen Dach sprang und brutal gegen seine Schulter prallte. Der Russe wollte sich zur Seite rollen und flüchten, doch seine Aktionen waren zu langsam.

    Er schrie gellend auf, als sich scharfe Zähne in sein Bein bohrten und zurück zu Boden zerrten. Glühend heiß lief das Blut aus der Wunde und trieb ihm die Tränen ins Gesicht. Wimmernd sank Kozakow in sich zusammen und spürte den harten Schlag von hinten gegen seinen Brustkorb, der ihm fast die Besinnung raubte.

     

    Mit letzter Kraft wandte sich Kozakow um, weil er das Antlitz seines Mörders erkennen wollte. Erschrocken blickte er aus tränenverschleierten Augen in eine deformierte Fratze einer unbeschreiblichen Kreatur, die geradewegs aus der Hölle zu kommen schien. Das undefinierbare Wesen lachte mit fast menschlichen Zügen, bevor das Ungetüm sein Maul aufriss und eine Reihe weißer, spitzer Zähne entblößte, die sich erbarmungslos in den Hals seines vierten Opfers bohrten, dessen Leben in diesen Sekunden ein brutales und menschenunwürdiges Ende fand.

     

    Vitali Sergejewitsch Aljenikow hielt seinen kleinen, hölzernen Koffer nervös fest, während er sich gleichzeitig prüfend im Rückspiegel des altersschwachen Ladas seines Freundes Sergej betrachtete. Forsch rieb er sich mit seiner linken Hand am Kinn, während sein Kumpel sich dem Ziel näherte und zum letzten Mal nach rechts abbog. Aus den hallenden und krachenden Lautsprechern erklang das letzte Lied des letzten Albums von Aria, während Vitali nur an die schöne Französin und seine prachtvolle Wohnung dachte.

    Er wurde grob aus seinen Tagträumen gerissen, als Sergej trocken abbremste, da er fast in eine Absperrung hineingefahren wäre. Der dort stehende Polizist wich erschrocken zurück und wedelte fluchend mit den Händen. Sergej atmete tief durch und wollte seinen alten Wagen wenden, doch Vitali hatte eine andere Idee.

    „Sergej, lass uns einfach am Straßenrand anhalten, ich möchte wissen, was hier los ist.“, bat Vitali seinen Kollegen, der zerknirscht nickte und nicht widersprach.

    Langsam stellte Sergej seinen alten Lada ab und trat gemächlich aus seinem Wagen, während Vitali förmlich aus der alten Rostlaube sprang und eilig auf den Polizisten zutrat. Seine Neugierde war geweckt. Er witterte sofort eine große Story für einen nächsten Artikel. Für ihn war es wichtig sich gerade in seiner Anfangszeit in Sankt Petersburg durch gut recherchierte Artikel zu beweisen, um eine der seltenen Festanstellungen zu bekommen.

    „Sehr geehrter Herr Polizist, können Sie mir vielleicht sagen, was hier passiert ist?“, fragte Vitali, der ein wenig gehetzt wirkte und plötzlich Angst hatte, dass der schönen Französin oder seiner Gastwirtin etwas passiert war.

    „Tut mir Leid, ich darf keine Auskünfte geben.“, erwiderte der Polizist stur, doch Vitali war lange genug im journalistischen Geschäft gewesen, um zu wissen, dass er noch weitere gute Argumente in petto hatte.

    Lässig nestelte er in seiner Hosentasche und kramte einige Rubelscheine daraus hervor, die er dem Polizisten mit einem Augenzwinkern zusteckte. Letzterer trat langsam vor und blickte sich noch kurz um. Als er sich unbeobachtet fühlte, atmete er tief durch und bewegte seinen Kopf vertraulich flüsternd in Richtung seines Gegenübers, während er mit seinen glitschigen Händen gierig nach den Geldscheinen griff.

    „Vier Tote hat es gegeben, auf bestialische Weise verstümmelt. Drei mutmaßliche Handlanger des Unterweltbosses Matschiwjenko sind grausam ermordet worden, ebenso wie ein Handlanger, der zu der konkurrierenden kriminellen Formation dieses Sektors gehörte. Wir konnten ihn nur dank seiner Tätowierung am Unterarm identifizieren, denn der Rest war völlig verstümmelt und blutig.“, berichtete der Polizist ausführlich und blickte sich gehetzt nach einem Vorgesetzten um.

    „Es könnte also sein, dass der dritte Unterweltboss, die sogenannte stählerne Maske, dahintersteckt.“, mutmaßte Vitali, der in den ersten zwei Wochen seines Aufenthalts schon jede Menge über die kriminellen Banden gehört hatte, laut, doch der Polizist widersprach ihm energisch flüsternd und machte einen sehr ernsten Eindruck.

    „Ich habe bereits viele Bandenkriege in meiner nun schon fünfundzwanzigjährigen Berufskarriere erlebt, aber eine solche Hinrichtung ist absolut unvorstellbar.“, erwähnte der Polizist erregt.

    „Wer könnte denn dahinter stecken?“, fragte Vitali ein wenig entnervt, denn er spürte, dass er hier tatsächlich eine Inspiration für einen neuen Artikel gefunden haben könnte und nun ausreichend Blut geleckt hatte.

    „Das weiß nur der liebe Gott. Möglicherweise nicht einmal mehr er, sondern nur der Teufel.“, erwiderte der Polizist düster und bekreuzigte sich hastig, bevor er sich abwandte, als zwei Kollegen aus einem Haus traten, in dem sie einige Anwohner befragt zu haben schienen. Der Fund der Leichen schien den doch erfahren wirkenden älteren Mann ziemlich heftig mitgenommen zu haben.

    Vitali entschloss sich entgegen der Meinung seines unbehaglich reagierenden Partners Sergej die Polizeisperre einfach zu ignorieren und betrat lässig die abgegrenzte Zone, wobei er dem zunächst empört protestierenden Polizisten rasch einen weiteren Rubelschein zukommen ließ, bevor dieser sich erneut erbosen konnte.

    Gemeinsam näherten sich Vitali und Sergej im Eilschritt dem Gebäude, in welchem Vitali eigentlich heute morgen hatte einziehen sollen. All diese Formalitäten waren für ihn nun vergessen, er witterte eine große Story und war bereit alles dafür zu geben.

    In diesem Moment kamen zwei Polizisten aus einer düsteren Seitengasse, in der viel Abfall herumlag. Sie trugen eine klapprige Bahre, auf der die Überreste eines Körpers verteilt lagen. Obwohl diese mit einer weißen Plane überdeckt worden war, konnte Vitali erkennen, dass das Opfer von einer unmenschlichen Kraft völlig zerfetzt worden war.

    Die beiden Polizisten waren noch ganz grün im Gesicht und blickten angespannt in die Luft, um jeglichen Blickkontakt mit dem Todesopfer zu vermeiden. Hektisch stolpernd steuerten sie auf einen Krankenwagen zu, in dessen Hinterraum bereits drei ähnliche Bahren lagen. Ein älterer Arzt mit Schnauzbart hatte sich eine stinkende Pfeife angezündet und blickte kopfschüttelnd in den grauen Rauch. Entgegen der sonstigen lauten Geschäftigkeit von Polizisten und Ärzten an einem Tatort herrschte hier eine eisige Stille, die auch den empfindlichen Vitali sofort bedrückte, während Sergej sogar schaudernd stehen geblieben war und sich keinen Schritt mehr weiter wagte.

    „Hast du so etwas hier schon einmal erlebt?“, fragte Vitali seinen Begleiter atemlos.

    „Nein, in all der Zeit nicht. Selbst in Moskau hat es solche Morde niemals gegeben. Das kann eigentlich nur die Tat eines Wahnsinnigen sein.“, bemerkte Sergej stockend.

    „Scheinbar aber ein Wahnsinniger mit klarem Motiv, denn alle vier Opfer gehörten kriminellen Organisationen an.“, murmelte Vitali mehr zu sich selbst als zu seinem Partner und blickte erst jetzt auf den Eingang des gepflegten Hauses, in dem er ab heute hausen sollte.

    Die Gasse, aus der die Toten transportiert worden waren, lag nur drei Häuser neben der jetzt seltsam grau und trist wirkenden Fassade. Zu allem Überfluss setzte jetzt noch ein kalter, feiner Nieselregen ein, der Vitali in wenigen Sekunden bis auf die Haut durchnässt hatte. Immerhin brachte das Wetter die stummen und schreckensstarren Polizisten wieder zum Fluchen. Die unnatürliche, morbide Atmosphäre löste sich langsam auf.

    Die stämmige Ekaterina Alexandrowna Kolodina stand mit einer bunten Kochschürze in ihrem Hauseingang und hatte ihre geballte Faust vor ihren vor lauter Schreck weit geöffneten Mund gedrückt. Ihre sonst so freundlichen und lebendigen Augen wirkten jetzt starr und weit.

    Nach einigem Zögern setzte sich Vitali wieder in Bewegung und passierte dabei auch die dunkle, schmutzige Gasse, die sofort in andere mündete und in ein verwinkeltes Labyrinth überging. Eine der Seitengassen war weiträumig abgesperrt worden. Zwei jüngere Polizisten traten jetzt auf die Hauptstraße und unterhielten sich nervös über den Fall. Vitali näherte sich wie zufällig den Polizisten, ging dicht hinter ihnen her und hatte seinen Schritt ein wenig beschleunigt. Sein Freund Sergej hielt sich hingegen zurück und trat stattdessen auf direktem Wege zu der geschockten Ekaterina, ohne zuvor einen Blick in die unheilvollen Gassen geworfen zu haben.

    „Dieser Täter muss von oben auf ihn gestürzt sein. Stell dir das vor, die umliegenden Häuser sind alle mindestens fünf bis sechs Meter hoch. Ein normaler Mensch würde sich doch alle Knochen im Leib brechen“, flüsterte der erste Polizist, ein kleinwüchsiger Blondschopf mit Brille, erregt und erwartete eine Reaktion seines Kollegen.

    „Da sagst du was. Der Kerl muss die Region wie seine Westentasche kennen. Er kennt alle Hinterhalte, Schlupflöcher und konnte immer rücklings angreifen und fliehen und das bei der Anzahl an Gaunern unten am Ufer, das ist unfassbar.“, gab der stämmige zweite Kollege zu, der sehr muskelbepackt war und doch seltsam kraftlos und eingeschüchtert wirkte.

    „So etwas kann doch nicht von Menschenhand verübt worden sein, das ist doch Wahnsinn!“, ereiferte sich sein Kollege ein wenig lauter, wurde sich seines Fehlers bewusst, wandte sich betroffen um und erblickte gleichsam überrascht wie feindselig den lächelnden Vitali, der instinktiv seine Laufrichtung abgeändert hatte und nun ebenfalls auf seine neue Wohnung zusteuerte.

    Nervös wandte sich der kleine Polizist wieder um und setzte das Gespräch mit seinem Kollegen gedämpft fort. Vitali verstand nicht einmal mehr Wortfetzen und trat nachdenklich zu Sergej und Ekaterina, die inzwischen beisammen standen. Vitali grüßte seine Vermieterin leise und mit gesenktem Haupt und die herzliche Russin blickte ihn mit Tränen in den Augen langsam an.

    „Mein Gott, das ist so schrecklich. Wenn ich bedenke, dass das Ganze nur ein paar hundert Meter von meinem Haus passiert ist.“, begann sie mit stockender Stimme, ließ den Satz aber unvollendet und erschauderte.

    „Lassen Sie uns am besten hineingehen. Es hat doch kaum Sinn den Polizisten bei dieser morbiden Arbeit noch weiter zuzusehen. Ein wenig Abwechslung wird uns allen gut tun.“, bemerkte Sergej just in dem Moment, als sich ein älterer Polizist mit langen grauen Haaren dem Trio näherte und eine flache Kappe von seinem Kopf nahm.

    Energisch trat er auf sie zu und verbeugte sich leicht vor ihnen, bevor er direkt, aber stets höflich zur Sache kam.

    „Entschuldigen Sie die Störung. Mein Name ist Igor Semjonowitsch Matafeev. Ich bin Oberkommissar in diesem Stadtteil und leite die vorläufigen Ermittlungen zu diesem schrecklichen Fall. Dürfte ich Ihnen ein paar Fragen stellen?“, fragte er freundlich und mit einfühlsamer Stimme.

    „Ach, Herr Oberkommissar, das ist alles so furchtbar, was hier passiert ist. Es ist ja schon seit einiger Zeit ziemlich unruhig und bedrohlich hier und endlich war mal für einige Monate Ruhe und nun direkt so etwas.“, plauderte die immer noch entsetzte Ekaterina, die in ihrer Hektik ganz vergessen hatte sich vorzustellen und dies nun mit hochrotem Kopf eifrig nachholte, wobei sie Sergej und Vitali gleich mit präsentierte. Der Oberkommissar schüttelte mit einem feinen Lächeln fest ihre Hände und blieb danach wieder wie angewurzelt diszipliniert stehen.

    „Nun, mit dem Frieden wird es wohl jetzt leider vorbei sein, da bin ich ganz ehrlich. In den letzten Monaten haben die rivalisierenden Banden sich weitestgehend in Ruhe gelassen. Sie haben teilweise sogar Bündnisse abgeschlossen, Tauschgeschäfte gemacht, wie wir aus Insiderquellen wissen. Gerade deswegen ist ein solches Massaker für uns völlig unverständlich. Jetzt suchen wir natürlich nach dem oder den Tätern und möglichen Motiven. Ich würde von Ihnen gerne wissen, wo sie gestern Abend so zwischen Mitternacht und zwei Uhr morgens gewesen sind und ob sie irgendetwas Verdächtiges gehört oder gesehen haben.“, informierte sich Matafeev mit besonnener Stimme.

    „Also, die beiden Herren neben mir waren gestern gar nicht in der Gegend. Jedenfalls waren sie es nicht um diese Uhrzeit. Herr Aljenikow hat gestern ein Zimmer bei mir gemietet und ist mit seinem Freund am frühen Abend vorbeigekommen. Kurz danach sind die beiden auch schon wieder gegangen. Ach, ist das schrecklich für Sie, Herr Aljenikow, dass Sie gleich zu Beginn Ihres Aufenthalts hier solch ein schreckliches Verbrechen miterleben müssen. Aber glauben Sie mir, in meinem Haus sind Sie absolut sicher, wir sind in all den Jahren noch nie angegriffen worden, keinem meiner Untermieter ist je etwas zugestoßen. Es bleibt doch bei Ihrer Entscheidung, dass Sie das Zimmer nehmen, oder etwa nicht?“, fragte die eifrige Ekaterina mit ängstlichem Unterton und obwohl Vitali gerade erst selbst diese Frage durch den Kopf geschossen war, nickte er beruhigend und versuchte ein zaghaftes Lächeln, um die Vermieterin rasch zu beruhigen.

    „Selbstverständlich, ich hatte Ihnen ja mein Wort gegeben.“, antwortete er und schluckte einen Kloß in seinem Hals herunter. Bei seiner Entscheidungsbestätigung hatte er auch an die hübsche Französin gedacht und fragte sich ängstlich, ob die junge Dame wohl in Sicherheit war.

    „Frau Kolodina, haben Sie selbst denn irgendetwas Außergewöhnliches bemerkt?“, wollte Matafeev wissen und blieb trotz des unkontrollierten Redeschwalls der rustikalen Dame völlig ruhig und geduldig.

    „Nein, Herr Oberkommissar. Ich bin wie üblich um elf Uhr abends schlafen gegangen, nachdem ich zuvor noch den Fernseher an hatte und dabei gehäkelt und einen ganzen Samowar noch geleert hatte. Ich kann nachts nie gut schlafen und höre normalerweise das kleinste Geräusch. Aber in der Nacht gab es nichts außer das Bellen einiger Hunde. Zwei meiner Untermieter, Madame Lavoie aus Frankreich und der junge Pawel Edmundowitsch Gluschenko, sind noch am späten Abend nach Hause gekommen.“, berichtete Ekaterina eifrig und wurde erst jetzt vom interessiert zuhörenden Oberkommissar unterbrochen.

    „Wer sind denn Ihre Untermieter und wie viele haben sie?“, wollte Matafeev wissen.

    „Nun, einmal eben Herr Aljenikow, den ich ihnen ja bereits vorgestellt habe. Er ist Journalist und kommt aus Moskau. Er wohnt im oberen Stockwerk mit Madame Lavoie aus Frankreich, sie studiert hier die Schauspielkunst für ein volles Semester und wohnt seit wenigen Wochen bei mir. Im ersten Stockwerk wohnt dann noch Lew Dawidowitsch Kalchanow, er ist Frührentner und lebt recht zurückgezogen. Früher hat er in Ostdeutschland gearbeitet, als Botschafter für die kommunistische Volkspartei. Sein Nachbar ist Pawel Edmundowitsch Gluschenko, er arbeitet am Hafen, kümmert sich um das Löschen der Frachten und ähnliche Dinge.“, berichtete Ekaterina auskunftsfreudig.

    „Nun, diese Madame Lavoie und Herrn Gluschenko würde ich gerne mal sprechen.“, bat Malafeev freundlich, doch Ekaterina schüttelte bedauernd den Kopf, da beide Personen schon ihre Wohnungen verlassen hatten. Der Oberkommissar stellte dankend fest, dass er somit zu einem späteren Augenblick noch einmal vorbeischauen würde und verabschiedete sich geschäftig, aber äußerst herzlich von dem aufgewühlten Trio.

    Endlich konnten die drei Befragten in das Haus einkehren und machten sich ungewöhnlich stumm und bedrückt auf den in die Wohnung der Vermieterin, die trotz der Zwischenfälle bereits ein herzhaftes Frühstück zubereitet hatte. Es gab frische Blinies ebenso wie einige großzügig gezuckerte Pfannkuchen, dazu gab es heißen und frischen Früchtetee und trockenes Weißbrot.

    Nach einigen Minuten des stillen Schweigens lockerte sich die Atmosphäre ein wenig, als Vitali seine Gastgeberin nach den letzten Untermietern fragte und Ekaterina freudig einige Anekdoten preisgab und zudem von ihrem verstorbenen Mann sprach, der vor einigen Jahren an Krebs gestorben war und von dem noch viele Fotos in den kleinen Zimmern standen. Voller Stolz berichtete Ekaterina auch von ihren beiden Söhnen, von denen es einen in einen anderen Außenbezirk von Sankt Petersburg, den anderen ins Ferne Wladiwostok verschlagen hatte. Beide hatten sich selbstständig gemacht.

    Nach etwa einer halben Stunde verabschiedete sich Sergej dann vielfach dankend von Ekaterina und seinem Freund Vitali und fuhr zu seiner Redaktion. Die Polizeisperren waren inzwischen gelockert worden und Sergej konnte problemlos die Straßen passieren und in seinem klapprigen Lada davonstottern, nachdem er mit Vitali dessen Wertsachen in die Wohnung transportiert hatte.

    Vitali hatte sich für diesen Tag frei genommen und machte sich nach dem Frühstück, wobei die wieder muntern plaudernde Ekaterina ihn zunächst gar nicht erst gehen lassen wollte, an die Arbeit in seinem Zimmer seine Habseligkeiten vernünftig anzuordnen und ein wenig aufzuräumen. Dabei hatte er als gläubiger christ einige Marienfiguren dabei, eine Bibel, ansonsten viel Kleidung, einige Haushaltsutensilien, Fotos seiner Eltern und seiner Schwester, die allesamt noch in Moskau lebten, sowie ein eigenes Radio, einige Schmuckstücke und viele Bücher. Sogar eine altmodische Schreibmaschine hatte er mitgenommen, für die Fälle, falls ihm abends in seiner Wohnung ein guter Artikel einfallen sollte. Vitali fühlte sich trotz allem seltsam euphorisiert, weil er endlich eigenständig wohnte und sich nun seine eigene Existenz aufbauen würde. In dieser Aufbruchstimmung vergaß er fast schon den Zwischenfall vom frühen Morgen und blickte gedankenverloren durch sein Fenster auf die Hauptstraße, die inzwischen gar von zaghaften Sonnenstrahlen erhellt worden war, die ihrerseits den Kampf gegen die sparsam gesäten schmutziggrauen Schneereste an den Straßenrändern aufnahmen.

     

    Nervös betrat Wladimir Alexandrowitsch Semak das nasskalte Gewölbe der Kanalisation nahe des Obvodny-Kanals im Distrikt Ligovka-Yamskaya durch eine alte schmiedeeiserne Tür, die geräuschvoll hinter ihm ins Schloss fiel.

    Nur zwei billige Ölfunzeln erhellten den isoliert gelegenen Raum, in dem bereits zwei Männer an einem einfachen Holztisch in der Mitte saßen. Abgesehen von ihnen, einigen Stühlen und zwei alten Garderoben, in denen verschiedenste Utensilien versteckt lagen, war der Raum völlig leer. Selbst auf Wachposten oder Türsteher, welche die Tätowierungen der Mitglieder der stählernen Maske normalerweise überprüften, hatte man heute verzichtet, denn es war höchste Eile geboten.

    Rasch nahm Semak auf einem der klapprigen Holzstühle Platz. Er hatte einen Aktenkoffer mitgebracht, den er nun rasch öffnete. In ihm befanden sich einige weiße Blätter, sowie ein edler Füllfederhalter.

    „Sie kommen recht spät, Genosse Semak.“, bemerkte einer der beiden Männer, der zu Semaks Linken saß und diesen aufmerksam aus kaltblauen Augen musterte.

    Semak hatte an der Kopfseite des Tisches Platz genommen und blickte den Sprecher an. Er hatte ein ziemlich pockenartig vernarbtes Gesicht, das im Halbdunkel des Gewölbes unheimlich aussah. Der Mann war für seine grausame Kaltblütigkeit bekannt und hatte die Hälfte seines Lebens im Gefängnis verbracht. Jeder hatte enormen Respekt vor ihm, angeblich sogar der Boss, der sich allerdings immer im Hintergrund hielt. Man sagte immer, dass der pockennarbige Josef Iljitsch Lukianenko eine von sozusagen zwei rechten Händen der stählernen Maske war. In der Gruppierung nannte man ihn sogar hinter hervorgehaltener Hand spöttisch die „linke Hand“ des Bosses, da Lukianenko in den frühen Neunzigern vielfach linksextremistisch gesinnte Anschläge auf hochrangige Geschäftsmänner und Politiker verübt hatte.

    Ihm gegenüber saß Dmitry Fjodorowitsch Plichanow, der mit seinen streng gescheitelten und gegelten Haaren und seinen maßgeschneiderten Anzügen das komplette Gegenteil von Lukianenko war. Er war eben die andere rechte Hand und übernahm meist die geschäftlichen Aspekte der Organisation, die sich einfach nach ihrem Boss als „stählerne Maske“ bezeichnete.

    Semak war hingegen einer der wichtigsten Kuriere und Botschafter in der noch jungen Organisation und verhältnismäßig kleinen Hierarchie. Er hielt mit Vertretern von konkurrierenden Banden Kontakt, aber auch mit hochrangigen Politikern und Vertretern der Polizei und des Geheimdienstes. Semak war einst wegen eines Putsches von seinem Ministerposten in Kolpino gestürzt worden und seitdem in kriminellen Bereichen recht erfolgreich tätig.

    Doch dem erfahrenen Mann schlotterten an diesem späten Vormittag die Knie und er brachte mit zitternden Hand einige wirre Wörter zu Papier. Verärgert zerknüllte er das Papier und nahm eine neue Seite. Die Berichte vom frühen Morgen bezüglich der grausigen Morde in der Hafengegend hatten ihn sehr aufgeschreckt und aus diesem Grund fand auch dieses improvisierte Treffen statt.

    „Verzeihen Sie, Genosse Lukianenko, ich hatte noch eine Unterredung mit einem unserer Waffenlieferanten. Seit heute Morgen ist in unseren Zentralen die Hölle los. Alle Leute sind in Alarmbereitschaft. Jeder will wissen, ob wir hinter den Taten stecken. Unser Autohändler ließ sogar durchklingen, dass er seinen Vertrag mit uns fristlos kündigen möchte. Ihm wird die Sache zu heiß. Mit solch brutalen Morden will er nichts mehr zu tun haben.“; erwiderte Semak hektisch und unkonzentriert.

    „Niemand verrät unsere Organisation. Wer ohne Bewilligung des Bosses aussteigt, muss sterben.“, bemerkte Lukianenko kalt und ohne den Hauch einer Regung.

    Semak erschauderte, denn er kannte sein Gegenüber lang genug um zu wissen, dass dieser Mann seinen Worten stets Taten folgen ließ. Ein Menschenleben war für Lukianenko wenig wert. Für ein bisschen Ruhm, Anerkennung, Wodka und einige Rubel würde er jeden Auftrag erledigen und gewissenlos jeden Gegner professionell ermorden lassen. Lukianenko war ein brillanter Taktiker und Stratege und zudem ein Organisationstalent.

    „Diese Anschläge werden unseren Geschäften mit Sicherheit wenig gut tun. Man wird Vergeltungsanschläge planen und die Polizei wird uns auch das Leben schwer machen. Wir sollten von daher möglichst diplomatisch agieren und ein erklärendes Schreiben an die Bosse der anderen Organisationen, sowie an die Polizei und den Geheimdienst aufsetzen, um die Lage sofort klarzustellen. Ein Missverständnis würde zu einem blutigen Bandenkrieg führen, den sich niemand von uns leisten möchte.“, erklärte Plichanow und nickte dem nervösen Semak auffordernd und ein wenig hochnäsig zu.

    „Vor einem Konflikt hätte ich keine Angst. Wir sind gut gerüstet. Man würde sich an uns die Zähne ausbeißen.“, warf Lukianenko kalt ein und bei dieser Vorstellung blitzten seine kalten Augen fanatisch auf. 

    „Das ist erfreulich, Genosse Lukianenko, aber wir sollten es nicht darauf ankommen lassen.“, gab Plichanow mit leicht höhnischer Stimme zurück. Er war eine der wenigen Personen, die vor Lukianenko keine Angst und auch nur wenig Respekt hatten.

    Zerknirscht schwieg der Brutale und blickte seine beiden Mitstreiter finster an. Er gab sich nun ziemlich barsch und ungehalten, was allerdings ein relativ gutes Zeichen war. Denn es wurde nur gefährlich, wenn Lukianenko schwieg, mit seinem Gesprächspartnern gar nicht mehr kommunizierte und sich seine perversen Fantasien in der Tiefe seines Blickes zu spiegeln schienen. Jetzt war er lediglich ein wenig gekränkt.

    „Nun gut, wie ich unseren Boss kenne, wird er ähnlicher Meinung sein. Aber wir sollten das Schwein finden, dass hinter der Sache steckt und uns ganz offensichtlich etwas anlasten will!“, begehrte Lukianenko grimmig auf.

    „Die Polizei und die anderen Banden werden auch hinter dem Kerl her sein.“, warf Semak leise ein.

    „Umso wichtiger ist es, dass wir diesen Bastard zuerst in die Finger bekommen und ihm einen besonders qualvollen Tod ermöglichen.“, flüsterte Lukianenko grimmig und lachte heiser.

    „Die Frage ist nur, wer ein Motiv für solch eine Tat haben könnte. Vielleicht ein ehemaliges Mitglied unserer Organisation, das sich für seinen Rauswurf rächen möchte. Möglicherweise ein brutaler Bürger, der Selbstjustiz üben und alle kriminellen Organisationen der Stadt ausschalten möchte. Vielleicht aber auch eine Art vierte Kraft, die sich ihren eigenen Machtbereich aufbauen möchte.“, gab Plichanow einige Möglichkeiten vor.

    „Die Liste der von uns verstoßenen ehemaligen Mitarbeiter können wir relativ leicht herausfinden.“, warf Semak hektisch ein.

    „Besorgt mir die Liste, ich kümmere mich um die Befragung der potenziellen Täter.“, lachte Lukianenko grimmig und knackte geräuschvoll mit seinen Händen, sodass Semak eine frostige Gänsehaut bekam.

    „Ich hätte noch einen Vorschlag. Wir alarmieren unseren Kontaktmann aus der Hafengegend. Er ist zwar nur ein einfacher Mitarbeiter, könnte sich allerdings nun als nützlich erweisen, da die Tatorte direkt bei ihm um die Ecke liegen. Er könnte sich umhören und umschauen und verdeckt agieren.“, warf Semak nach einigen Sekunden des frostigen Schweigens ein.  

    Lukianenko schnaubte verächtlich, während Plichanow unentschlossen den Kopf von einer Seite zur anderen wog. Beide schienen dem Kontaktmann nur wenig zuzutrauen.

    „Schaden kann es ja im Moment nicht.“, warf Plichanow arg zögerlich ein.

    „Wir sollten alle unsere Möglichkeiten ausschöpfen. Die Zeichen stehen auf Sturm.“, meinte Semak mahnend und hoffte die beiden Zweifler noch von seiner Idee zu überzeugen.

    „Dieser Kerl ist ein Nichtsnutz. Er war es schon immer und wird es auch immer bleiben. Er ist zwar nur ein Schläfer, aber man hätte ihm seit dem Debakel und seinem Verrat vor zwei Jahren die Zunge aus seinem dreckigen Maul herausschneiden sollen!“, begehrte Lukianenko grimmig auf.

    Er spielte damit auf einen gescheiterten Hinterhalt in der Hafengegend an, bei dem der Kontaktmann sich versehentlich versprochen und den Gegner somit misstrauisch gemacht hatte. Die Piraten vom finnisches Meerbusen hatten den Hinterhalt somit im letzten Moment erkannt, die Sache war aufgeflogen und es hatte eine wilde Schießerei gegeben. Zwar wurde niemand dabei getötet, die Beute und die potenziellen Opfer waren jedoch entkommen. Das jedenfalls war die offizielle Version des Falles. Nur Lukianenko und wenige Eingeweihte wussten, dass der Kontaktmann damals mehrfach falsch gespielt hatte und sogar eine Art Revolte gegen die stählerne maske geplant zu haben schien. Zwei seiner engsten Mitsreiter hatten dann jedoch die Seite gewechselt und den Kontaktmann auffliegen lassen. Um einen weitläufigen Skandal zu vermeiden, hatte man es so aussehen lassen, als hätte der Mann einen wichtigen Deal vermasselt. Die angeblichen Piraten waren nichts weiter als eine im Voraus engagierte Theatergruppe gewesen.

    Lukianenko hatte es sich nicht nehmen lassen dem angeblichen Verantwortlichen auf Geheiß des Bosses persönlich den Daumen der rechten Hand abzuschneiden und sich an dem Blutschwall zu ergötzen. Wenn es nach Lukianenko gegangen wäre, hätte er dem Verursacher des Debakels noch ganz andere Körperpartien abgeschnitten und erinnerte sich voll perverser Erregung an den Geruch von Schweiß und Exkrementen des Kontaktmannes. Allerdings hatte eben jener Mann eine zweite Chance als Schläfer erhalten und lebte davon auch recht gut. Er kannte die Hafengegend wie seine Westentasche und war trotz seines Fehlers im Grunde unersetzbar. Selbst intern hatte man diese Art der Begnadigung durch die stählerne Maske nicht verstanden. Viele vermuteten jedoch, dass die stählerne Maske selbst einmal so behandelt worden war und auf Grund eines Fehlers seinerseits die Brandnarben in seinem Gesicht entstanden waren, die seine Maske kaschieren sollte. Da man über den Boss allerdings nur wenig Konkretes wusste, war man fast immer auf Spekulationen angewiesen. Die „stählerne Maske“ war längst eine Art lebender Mythos geworden.

    „Nun, vielleicht kann er sich ja jetzt für die Sache von damals entgültig revanchieren. Ich bin auch dafür, dass wir jede Möglichkeit in Betracht ziehen.“, entschied sich Plichanow endlich und Lukianenko schüttelte verächtlich den Kopf, stimmte aber nicht mehr gegen den Vorschlag.

    „Gut, dann wäre dies ja auch geregelt. Ich schlage vor, dass wir diese Maßnahmen sofort in die Tat umsetzen. Genosse Lukianenko, ich erstelle Ihnen die Liste mit den betreffenden Personen und werde zudem das Schreiben aufsetzen, um die Gemüter irgendwie zu beruhigen. Genosse Plichanow, Sie kümmern sich also um unseren Kontaktmann. Ich schlage vor, dass wir uns heute Abend um acht Uhr wieder hier treffen, um unsere Ergebnisse zu analysieren. Viel Erfolg, Genossen.“, resümierte Semak eifrig und machte einige krakelige Notizen.

    Ohne ein Wort des Abschieds stand Lukianenko auf und verließ mit schweren Schritten den stinkenden, feuchten Raum und riss mit roher Gewalt die quietschende Tür auf, sodass einige Ratten verschreckt aus ihren Winkeln krochen. Lukianenko spuckte verächtlich in ihre Richtung und trabte davon.

    „Viel Erfolg, Genosse Semak. Ich melde mich telefonisch bei Ihnen.“, verabschiedete sich Plichanow bei seinem Kollegen und verließ mit gerümpfter Nase und sanfterem Schritt den Raum durch eine andere Eisentür, die in einen Gang mündete, der in ein altes und verlassenes Wasserwerk führte.

    Dann machte auch Semak sich auf den Weg. Er ging denselben Weg wie Lukianenko und folgte einem Labyrinth von unterirdischen Gängen, die ihn schließlich in eine verlassene Metrostation führen sollten.

    Semak kannte den Weg eigentlich wie im Schlaf. Dennoch fühlte er sich jedes Mal unwohl, glaubte in den Schatten der Seitengänge verborgene Gestalten zu erkennen und litt zudem leicht an Platzangst. Das Rascheln und Fiepen der zahllosen fetten Ratten, die um seine Füße krochen munterte seine Stimmung auch nicht gerade auf.

    Plötzlich hörte Semak jedoch dumpfe Schritte und ein leichtes Scheppern und blieb abrupt stehen. Sein Herzschlag raste, Schweiß strömte über seine flache Stirn und atemlos fuhr Semak herum. Das Geräusch war scheinbar irgendwo hinter ihm aufgeklungen, vielleicht auch in einem der linken Seitengänge, man konnte die Akustik in der alten Kanalisation nie so richtig deuten.

    Semak bestand nicht darauf näher zu erfahren, mit was er es zu tun hatte. Er fühlte sich unwohl und beschleunigte ängstlich seine Schritte, anstatt dem Geräusch auf den Grund zu gehen. Er redete sich hektisch ein, dass er wohl nur das Trippeln einer besonders dicken Ratte vernommen hatte. Er hasste diese pelzigen Viecher wie die Pest. Dazu kam noch der penetrante Geruch nach Exkrementen, die seinem Magen übel mitspielten.

    Semak rannte gerade eine kleine Treppe hoch, als er ein dumpfes Ächzen und Stöhnen hinter sich hörte und mit einer Gänsehaut mitten in der Bewegung erstarrte. Sein Herzschlag pochte unangenehm in seinem Kopf und gegen seine Rippen, sodass er sich kaum mehr auf seine Umgebung konzentrieren konnte. Hatte er sich die Geräusche bei all dem Stress vielleicht nur eingebildet?

    Semak atmete tief durch und setzte sich gerade wieder in Bewegung, als er wieder Schritte hinter sich hörte. Doch dieses Mal reagierte Semak anders als zuvor. Fluchend nahm er seine Beine in die Hand und raste die Treppe hinauf in den nächsten Gang. Er warf keinen Blick zurück, sondern dachte nur an den Ausgang aus der Kanalisation, der nicht mehr weit entfernt liegen konnte.

    Hastig rutschte er über den nassen Untergrund, bog rasch in einen Seitengang ab, der völlig durchnässt war, da sich auf der Mitte des Weges eine undichte Stelle an der Decke befand. Semak sprang über die kleinen Pfützen und hetzte in einen breiteren Gang, neben dem direkt ein stinkender Strom aus Abwasser, Exkrementen und Regenwasser floss und sämtliche Geräusche schluckte. Semak warf einen panischen Blick über seine Schultern und sah im flackernden Licht der Notbeleuchtung einen gigantische Schatten, der überraschend schnell um die Ecke kroch und ihm bereits dicht auf den Versen war.

    Semak kam zu einer vergitterten Tür, die er nervös entriegelte, um dann in einen kleineren Gang zu kommen, der ihn direkt zu einem Durchgang zur verlassenen Metrostation führen sollte. In seiner Eile schloss Semak die Gittertür gar nicht mehr hinter sich, sondern hetzte ächzend auf die Treppe zu, verfehlte eine Stufe und rutschte auf dem nassen Untergrund ungelenk aus.

    Dumpf prallte er mit seinem Kinn gegen die Unterkante einer Stufe und biss sich auf die Zunge. Ein höllischer Schmerz raubte ihm fast die Sinne, Blut tropfte aus seinem Mund und Tränen schränkten seine Sicht weiter ein. Jammernd erhob sich Semak, taumelte ein paar Stufen in die Höhe, als er ein gieriges Schnaufen und einen heißen Atem direkt in seinem Rücken spürte.

    Semak hatte die Kontrolle über seinen Körper längst verloren. Seine Knie schlotterten, seine Schließmuskel öffneten sich und zusammenhangslose Wörter kamen über seine blutigen Lippen. Mit tränengefüllte Augen ging Semak zu Boden, schlug sich seine Knie auf den harten Stufen auf, doch er nahm den Schmerz inzwischen kaum mehr wahr.

    „Bitte nicht. Bitte!“, jammerte er und wollte seiner Stimme einen lauten und schreckhaften Tonfall geben, doch sie klang nur noch schwach und monoton.

    Sein unidentifizierter Verfolger aber kannte keine Gnade und eine schwere Pranke riss Semak an seinem linken Arm so heftig herum, dass dieser ihm dabei fast ausgerissen wurde. Durch einen Tränenschleier sah Semak eine völlig entstellte Fratze, ein behaartes Gesicht mit animalischen Augen, die auf unheimliche Weise doch irgendwie klug wirkten. Das Biest riss drohend sein Maul auf und entblößte eine lange Reihe spitz zulaufender Raubtierzähne.

    Dann schlug die zweite Pranke dem bitterlich weinenden Semak dumpf gegen den Hinterkopf und raubte ihm fast das Bewusstsein, bis er einen dumpfen Schmerz an seinem Hals spürte, ein grässliches Knacken vernahm und seine Augen in eine rötliche Schwärze starrten, während seine Sinne von einem unerträglichen Gestank benebelt wurden. Fast hätte sich Semak übergeben und dieser Brechreiz war sein letzter Gedanke bevor er plötzlich seinen Körper nicht mehr spürte, nur noch Augen für die unheilvolle Schwärze hatte und sein Gesicht reflexartig zuckte.

    Sein vom Rest des in sich zusammensackenden Körpers getrennter Kopf verschwand in dem Rachen der unheilvoll brüllenden Kreatur, bevor sie diese Körperpartie wieder wuchtig ausspie und der Schneise der Verwüstung, die sie selbst geschaffen hatte, den Rücken zukehrte. Als grausiges Andenken lag der Körper des toten Russen mitten auf der Treppe, während der Schädel zurück bis zu der Gittertür gerollt war.

    Nun war hingegen die Zeit der Ratten gekommen, die gierig durch die dreckigen Gänge und aus dem Abwasserstrom hervorkrochen, nachdem die Kreatur in der Tiefe des Labyrinthes endlich verschwunden war.

     

    Vitali schreckte aus seinem Holzstuhl hoch, den er sich bequem vor dem Tisch mit der Schreibmaschine gestellt hatte, an der er einen ausführlichen Artikel zu den Ereignissen der Morgenstunden geschrieben hatte. Inzwischen war es früher Nachmittag geworden und kalte Sonnenstrahlen fielen geradewegs in seine neue Wohnung ein.

    Erst jetzt realisierte Vitali das Klopfen an seiner Tür, trat vom Tisch weg und an der Tür zu Küche und Badezimmer vorbei durch einen kleinen Flur, der zu einer Garderobe und direkt daneben zur Eingangstür führte. Durch den Türspion bemerkte Vitali die schöne französische Studentin, die ihm ein wenig gequält zulächelte.

    Freudig schloss Vitali seine Tür auf und verbeugte sich leicht vor der schönen Dame, die nun doch ein wenig freundlicher lächeln musste.

    „Nun, hast du die Geheimnisse von Gogols Nase schon tief ergründet?“, fragte Vitali mit einem spöttischen Lachen, das die Atmosphäre sofort auflockerte.

    „Nasen sind nicht gerade die Körperpartien, die mich vorrangig interessieren, Vitali. Aber wir kommen mit dem Stück gut voran, falls du das meinst.“, gab Eva charmant zurück.

    Vitali durchfuhr bei dieser Bemerkung ein heißer Schauer und er blickte die französische Schönheit unverhohlen an. Sie trug ein gelbes, sommerlich locker wirkendes Oberteil mit kurzen Ärmeln, darunter einen Jeansrock und eine elegant wirkende schwarze Strumpfhose. Ihre silbernen Schuhe wirkten grazil, aber nicht übertrieben hochhackig. Die Französin hatte sich dezent geschminkt und ihre Farben passten wunderbar zu dem lockeren Stil ihres Oberteils.

    „Hast du noch nicht genug gesehen oder darf ich hereinkommen?“, fragte Eva mit glockenhellem Lachen und Vitali errötete vor Scham. Der Journalist beeilte sich seinem Gast rasche Einlass zu gewähren.

    Anerkennend nickend blickte sich die Französin um, während Vitali die Tür hinter ihr schloss.

    „Für einen Junggesellen hast du dich sehr sorgsam und gepflegt eingerichtet.“, bemerkte sie ein wenig überrascht.

    „Das ist nur der erste Eindruck. Sobald ich hier die ersten Artikel schreibe, wird alles im Chaos versinken.“, gab Vitali bescheiden zu und bot der Französin etwas zu trinken an.

    Eva Maelle Lavoie wählte einen Obstsaft, während Vitali mit einem Glas klaren Wasser vorlieb nahm. Dann nahmen sie beide am Küchentisch Platz und warfen sich gegenseitig verstohlene Blicke zu, bevor die Französin ihr Glas mit einem Ruck abstellte und ein etwas ernsteres Gesicht machte.

    „Was ist los mit dir? Schmeckt der Saft nicht?“, fragte Vitali besorgt und griff instinktiv nach der Hand der Französin. Als er sich seiner Tat bewusst wurde, zog er sie schnell wieder zurück, was bei Eva ein leichtes Schmunzeln verursachte. 

    „Doch, der Saft ist ausgezeichnet. Ich würde gerne selbst solch einen haben. Sehr fruchtig und gut gemischt.“, stellte Eva anerkennend fest.

    „Den wirst du im Laden nicht finden. Meine Mutter hat ihn selbst gemacht und mir einige Rationen mitgegeben. Ich kann gar nicht genug davon kriegen.“, gab Vitali lächelnd zu und Eva nickte anerkennend.

    „Ja, so ist das mit den guten Müttern. Meine hat immer wunderbare Flammkuchen gemacht und ihre Crêpes waren auch nie zu verachten. Nein, aber ich musste gerade nur an heute Morgen denken. Schrecklich, was da passiert ist, eine Schauspielkollegin hat mir davon berichtet. Man muss die Leichen gefunden haben, kurz nachdem ich aus dem Haus gegangen war.“, bemerkte Eva mit leiser und dunklerer Stimme als gewöhnlich.

    Vitali stelle sein Glas ebenfalls ab und atmete tief durch.

    „Ich hatte mir meinen Umzug und meine Eingewöhnungsphase hier ein wenig ruhiger vorgestellt. Ich habe mir heute Morgen direkt Sorgen um dich gemacht. Vor allem, als ich erfahren habe, dass du gestern Abend noch unterwegs warst und um die Uhrzeit zurückgekehrt bist, als dieser grausige Mörder seinen Opfern aufgelauert hat.“, bemerkte Vitali in ernstem Tonfall.

    „Ich war gestern am Gribojedow-Kanal unterwegs. Eine Bekannte von mir hat dort ein kleines Hausboot und wir haben dort in gemütlicher Runde gefeiert bis in den frühen Morgen.“, erklärte die Französin mit einem Frösteln.

    „Nachts allein unterwegs zu sein ist für eine solch schöne Frau für dich immer gefährlich.“, bemerkte Vitali mit einem Lächeln und versuchte die Atmosphäre wieder ein wenig aufzulockern, indem er seiner Gesprächspartnerin russische Schokolade verschiedenster Sorten in grellbunten Papieren anbot. Die Französin nahm das Angebot dankbar an und knabberte auf einem der Stücke nachdenklich herum.

    „Ich weiß auf mich aufzupassen. Vor einem Jahr haben mich einmal drei Typen nachts in Lille überfallen, die mich vergewaltigen wollten. Sie dachten, sie hätten in der Metro leichtes Spiel mit mir, aber ich habe einem von denen die Nase gebrochen, den anderen windelweich geschlagen und der dritte hat an der nächsten Station panisch die Flucht ergriffen. Ihre Gesichter werde ich bis heute nicht vergessen. Vermutlich war die Sache für diese Halbstarken mehr eine Art Mutprobe gewesen. Immerhin hatten sie es geschafft meine schönste Bluse bei der Auseinandersetzung zu zerfetzen.“, bemerkte die Französin mit einem wehleidigen Blick.

    „Lieber die Bluse wurde zerkratzt, als dein schönes Gesicht. Wenn du willst gehen wir mal gemeinsam einkaufen und ich kaufe dir eine schöne neuen Bluse.“, bot Vitali an und die Französin lächelte charmant und ergriff ihrerseits nun die Hand des jungen Journalisten, dem sofort ein süßlicher Schweiß ausbrach und der sein Glück kaum fassen konnte.

    „Da kann ich schlecht widerstehen.“, hauchte Eva Maelle Lavoie und zwinkerte Vitali eindeutig zu.

    „Ich auch nicht.“, fügte er unbeholfen und leicht krächzend hinzu und konnte seinen Blick nicht von der schönen Dame ihm gegenüber lösen.

    „Ein wenig russische Kultur, beigebracht von einem charmanten und jungen Mann aus der Hauptstadt, kann gar nicht falsch sein.“, meinte die Französin mit einem verschmitzten Lächeln und Vitali hatte inzwischen eine erregte Gänsehaut bekommen und scharrte unruhig mit seinen Füßen unter dem Tisch.

    In diesem Moment fielen die Sonnenstrahlen durch das Fenster der Küche und tauchten die Französin in ein fast engelhaftes Licht. Vitali staunte über ihre reine, weiche Haut und ihr edles, offenes Haar und war völlig sprachlos, was bei dem Journalist schon berufsmäßig äußerst selten vorkam.

    Erst nach einigen Sekunden, die Vitali wie eine halbe, schöne und unsterbliche Ewigkeit vorgekommen waren, löste die Französin ihren Blick von Vitali und zog ihre filigrane Hand sanft zurück. Vitali hatte Lust diese Hand zu nehmen, sie zu küssen, sie zu umschmeicheln und nie mehr los zu lassen. Er spürte eine nie gekannte Leichtigkeit in sich, die er selbst bei seiner letzten Freundin, einer ambitionierten Studentin aus Moskau, die wenig Zeit für ihn gehabt hatte, nie gespürt hatte. Er spürte einfach, dass die Französin ganz anders war, als alle Mädchen, die er so gekannt hatte. Mit Wehmut dachte er schon daran, dass die edle Französin lediglich bis zum Ende des Jahres in Russland verweilen würde. Er wusste schon jetzt, dass dieser Abschied ihm in jedem Fall sehr schwer fallen würde.

    Unwillig schüttelte er den Kopf und warf diesen Gedanken ab. Er wollte sich jetzt keine Sorgen machen, sondern seine Zeit hier genießen. Zudem hatten die beiden bislang bestenfalls geflirtet und so wollte er noch nichts überstürzen. Und doch fühlte Vitali sich magisch angezogen und wollte es bei den vorsichtigen Annäherungen gewiss nicht belassen. Andererseits fragte er sich, ob er als einfacher und armer Journalist eine solche Frau überhaupt verdient hatte. Sie hatte sicher viel höhere Ambitionen als er selbst, war sehr klug und extrovertiert und schien auch nicht gerade aus den ärmsten Verhältnissen zu stammen. Vitali fragte sich, was ihre Familie wohl dazu sagen würde, wenn sie erfuhr, dass die französische Schönheit sich mit einem einfachen Russen eingelassen hatte. Auf der anderen Seite hatte Vitali schon immer ein Faible für ausländische Frauen gehabt, den Grund dafür konnte er sich bei seinen eher konservativ eingestellten Eltern selbst nicht erklären.

    „Jetzt fällt mir auch gerade ein, dass ich gestern vor dem Haus noch einen anderen Mitbewohner getroffen habe. Pawel Edmundowitsch Gluschenko, ein Hafenarbeiter. Er wohnt ein Stockwerk unter uns. Er wirkte seltsam erregt, völlig verschwitzt und ziemlich schmutzig.“, bemerkte die Französin, die wieder ein wenig ins Grübeln gekommen war.

    Ernüchternd seufzend löste sich Vitali von seinen erwärmenden Gedanken und nahm den Faden zu diesem unangenehmen Thema wieder auf. Dabei kaute er auf einem besonders harten Keks mit Karamelfüllung herum.

    „Vielleicht hatte er einen anstrengenden Schichtdienst.“, warf Vitali schulterzuckend ein.

    „Ich habe drei Jahre meines Lebens in der französischen Hafenstadt Calais verbracht. Meine Eltern hatten sich scheiden lassen, mein Vater blieb in Lille, meine Mutter zog es nach Calais und später nach Paris. Meine Mutter hatte in Calais einen neuen Freund, einen marrokanischen Hafenarbeiter. Er und seine Freunde hatten immer einen ganz eigentümlichen Geruch, wenn sie von ihrem Schichtdienst kamen. Sie rochen nach altem Meereswasser, nach Öl oder Benzin. Jedenfalls hatten sie alle den gleichen undefinierbaren Geruch. Dieser Gluschenko hatte den gewiss nicht. Ich habe ihn noch nie bei ihm bemerkt.“, stellte die aufmerksame Französin fest und trank den letzten Schluck ihres Saftes aus.

    „Du willst also sagen, dass er möglicherweise etwas mit den Morden zu tun hatte?“, fragte Vitali, der sich von seinem Stuhl erhoben hatte und an den Kühlschrank ging, um der Französin ein wenig Saft nachzuschenken.

    „Das will ich nicht einmal sagen. Er wirkte seltsam erregt, als ob er unter Drogen stünde. Er hat kein Wort mit mir gewechselt, ist wie ein Verrückter ins Haus gerannt und hat sich dann fast panisch in seinem Zimmer eingeschlossen. Das war richtig unheimlich.“, bemerkte die Französin, die sich nun ebenfalls erhoben hatte und einige Blumenvasen auf der Fensterbank begutachtete. Das Fenster selbst führte auf die Gasse hinaus, aus der am frühen Morgen die Polizisten mit dem Toten gekommen waren. Der Bereich war immer noch weiträumig abgesperrt, aber es war keine Menschenseele zu sehen, bis auf einen schmierigen Geschäftsmann, der gar nicht in die Hafengegend passen wollte und argwöhnisch blickend an der Gasse vorbeischlenderte und auch die Außenfassade des Hauses kritisch beäugte.

    „Vielleicht hat er die Tat zufällig mit ansehen müssen und stand unter Schock. Die Polizei wollte jedenfalls noch einmal mit ihm sprechen. Mit dir im Übrigen auch.“, bemerkte Vitali und kehrte mit einem gefüllten Saftglas zu der Französin zurück, die nachdenklich am Fenster stehen geblieben war. Vitali roch ihr angenehmes, dezentes Parfüm und staunte wieder über die elegant frisierte Haarpracht der Französin.

    Langsam wandte sich Eva Maelle Lavoie zu Vitali um, nahm lächelnd das Glas entgegen und prostete dem Journalisten zu, der sein eigenes Glas ebenfalls mit Saft nachgefüllt hatte.

    „Auf eine schöne Zeit in Sankt Petersburg!“, rief der Russe feierlich.

    „Auf eine schöne Zeit für uns.“, fügte die Französin mit einem glockenhellen Lachen hinzu, als sie das errötete Gesicht ihres Gegenübers bemerkte.

    In nur wenigen Zügen leerte die Französin ihr Glas, bedankte sich sanft und tätschelte Vitali dabei zärtlich auf die Schulter, bevor sie ihm einen zarten Kuss auf die Wange hauchte und sich für einige Hausaufgaben in ihr eigenes Appartement zurückzog.

    Als die Tür hinter der Schauspielerin zugefallen war, atmete Vitali tief durch und ließ sich mit einem glückseligen Lächeln in sein Bett fallen. Kurz darauf fielen ihm auch schon die Augen zu und er sank in einen leichten Schlaf und wirren Traum, in dem sowohl sein neuer Schwarm, als auch ein düsterer, unerkennbarer Mörder ihr Unwesen trieben.

     

    Sergej Wiktorowitsch Stepanow saß in einem engen Raum mit schmutzigen Fensterscheiben und einem brummenden Computer und spielte nachdenklich mit seinem Füllfederhalter, während er sich in dem Redaktionszimmer umsah. Er hatte seinen Arbeitsplatz mit diversen Postern verschönert, hauptsächlich mit ehemaligen Spielern von Zenit Sankt Petersburg, aber auch einige Poster bekannter russischer Bands hatte er aufgehangen. Lustlos pickte er hin und wieder in einigen aufgewärmten Pelmeni, Teigtaschen mit Fleischfüllung, die er sich in der Mittagspause geholt hatte oder starrte auf den flackernden Bildschirm.

    Seit einer guten Stunde saß er nun schon an einem Artikel, doch die Ereignisse vom frühen Morgen ließen seine Konzentration immer wieder schwinden. Hin und wieder starrte er gedankenverloren auf den Leninskiy Prospekt nahe der Metrostation Moskovskaya, wo sich die Zeitungsredaktion befand.

    Sergej schrak aus seinen trüben Gedanken hoch, als plötzlich schrill das Telefon klingelte. Seufzend starrte er auf den überlauten schwarzen Apparat, der auch nach einigen Sekunden nicht verstummen wollte und nahm ungehalten ab. Eine neuerliche Störung würde ihn noch weiter vom Fertigstellen seines Artikels abbringen.

    „Stepanow hier, vom Moskovskaya Kurier.“, meldete sich Sergej kurz angebunden.

    „Sergej, ich bin es, Sascha Smertin.“, antwortete ihm eine flüsternde, hektische Stimme, die er nur zu gut kannte.

    Sascha Sergejewitsch Smertin war ein Kleinkrimineller, dem Sergej vor einigen Monaten zufällig aus der Patsche geholfen hatte. Seitdem bekam er von dem jungen Russen hin und wieder gewisse Insiderinformationen und wusste, was in der Unterwelt der Stadt vor sich ging. Allerdings hatten die beiden schon seit geraumer Zeit keinen intensiven Kontakt mehr gepflegt.

    „Sascha, ich habe wenig Zeit. Was gibt es?“, fragte Sergej ein wenig ungehalten.

    „Sergej, ich habe auch nicht mehr viel Zeit! Ich bin bei unserem Treffpunkt im Hafen. Ich stecke in Schwierigkeiten. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht nur beobachtet, sondern auch verfolgt werde. Es hat etwas mit diesen vier Morden in dem Viertel zu tun, da bin ich mir ganz sicher!“, ächzte der Kleinkriminelle hektisch.

    Da wurde Sergej hellhörig und richtete sich aus seinem billigen Sessel aus unechtem Leder auf. Sofort griff er zu Stift und Papier und versuchte seinen Gesprächspartner zu beruhigen.

    „Ganz ruhig Sascha. Erst einmal der Reihe nach gehen. Was ist passiert?“, erkundigte sich Sergej deutlich freundlicher, aber dennoch in klarem und hartem Tonfall.

    „Ich war gestern noch in der Gegend unterwegs, habe die schöne Evgenija besucht. Auf meinem Rückweg bin ich dann durch die Gassen des Hafenviertels gekommen und habe direkt eine enorme Unruhe bemerkt. Einige bullige Typen unter der Knute von Matschiwjenko haben sich herumgetrieben und fieberhaft nach irgendeinem Flüchtigen gesucht. Ich habe einen großen Bogen um sie gemacht, wollte keinen Ärger haben. Da kam mir plötzlich so ein völlig verschwitzter Typ entgegen, der völlig nervös wirkte, mich entsetzt anstarrte und dann eilig davonlief. Eine Seitenstraße weiter habe ich dann diesen anderen Toten liegen sehen, Kozakow heißt er. Und das ist nicht alles Am Ende der Gasse habe ich in der Notbeleuchtung einen riesigen Schatten gesehen von einer großen Kreatur, die davonschlich. Ich könnte schwören, es sei ein Monster oder Dämon gewesen, wenn ich so etwas nicht für Aberglaube halten würde. Meine Mutter Tatjana hatte vielleicht doch damit recht, dass sich in dieser Gegend böse Geister herumtreiben.“, berichtete Sascha heftig keuchend und atemlos zugleich.

    Sergej wurde der Bericht zu bunt und er unterbrach den nervösen Kleinkriminellen rasch.

    „Bist du sicher, dass du nicht nur das ein oder andere Bier zu viel getrunken hast, mein lieber Sascha?“, fragte Sergej spöttisch zweifelnd.

    „Verdammt, du kannst mir glauben. Als ich den Typen da liegen gesehen habe, war ich auf einen Schlag wieder nüchtern!“, schwur Sascha mit gepresster Stimme.

    „Und jetzt glaubst du, dass diese, sagen wir mal, Kreatur dich verfolgt?“, hakte Sergej nach und klang immer noch alles Andere als überzeugt.

    „Nein, nein, nicht dieses Monstrum. Der verschwitzte Typ, der mir über den Weg gelaufen ist. Er muss etwas damit zu tun haben. Ich habe das Gefühl ihn ständig zu sehen, es ist einfach grausam.“, stotterte Sascha und ein verzerrtes Knacken drang aus der Leitung.

    „Du bist nicht zufällig ein wenig paranoid?“, wollte Sergej sehr direkt wissen und hörte ein keuchendes Atmen seines Gesprächspartners, das durch die schlechte Leitung überlaut zu hören war.

    „Verdammt, du könntest mir wenigstens einmal glauben! Ich lüge dich nicht an!“, fauchte Sascha mit gepresster Stimme und Sergej hob beschwichtigend seine Arme, obwohl sein Gesprächspartner ihm gar nicht gegenüber saß. Er fühlte jedes Telefonat sozusagen mit und war stets mit vollem Herzen bei der Sache. Auch jetzt konnte er sich den ungewaschenen, kleinwüchsigen Sascha vorstellen, der nervös hin und her wandernd in einer der halb zerfallenen und scheibenlosen Telefonhäuschen stand.

    „Beschreibe mir wenigstens den Kerl, dem du über den Weg gelaufen bist!“, forderte Sergej seinen Kontakt auf.

    „Das kann ich nicht am Telefon. Er war etwas jünger als ich, ein wenig größer auch und schlaksig. Sein Gesicht, das war richtig schlimm, irgendwie völlig vernarbt. Herrgott, Sergej, komm bitte vorbei, ich kann nicht länger warten!“, ächzte der Kleinkriminelle jetzt in hoher und panischer Tonlage.

    „Warum sagst du das alles nicht der Polizei?“, wollte Sergej noch wissen.

    „Verdammt, dann würde mich dieser Typ doch bei nächster Gelegenheit umbringen, wenn diese Idioten mit ihren Sirenen aufkreuzen und alle Leute aufscheuchen. Selbst dezentere Bullen kann man in unserer Gegend auf einem Kilometer gegen den Wind riechen. Ich möchte hier nicht mein Todesurteil unterschreiben. Komm vorbei! Sofort! Bitte!“, schrie Sascha jetzt außer sich vor Verzweiflung ins Telefon und legte dann hektisch auf.

    Nachdenklich blickte Sergej auf den Hörer, aus dem nur noch ein monotones Tuten drang. Er hatte seinem Kontakt eigentlich noch etwas mitteilen wollen, es aber bereits wieder vergessen. Er wog kurz ab, ob er der Forderung des Kleinkriminellen tatsächlich Folge leisten sollte. Er kannte Sascha gut genug, um zu wissen, dass er oft und gerne übertrieb und ein großer Schwätzer war. Aber in diesem Fall hatte er ernsthaft besorgt und sogar panisch geklungen. So hatte Sergej ihn tatsächlich in den heikelsten Situationen noch nicht erlebt. Seine Entscheidung war längst gefallen.

    Seufzend schaltete Sergej den Computer aus, griff zu seiner schwarzen Lederjacke, die über seinem Stuhl hing und verließ mit einer knappen Erklärung gegenüber seines ungehalten wirkenden Chefredakteurs das Gebäude. Sergej entschied sich für die Metro gegenüber seines Ladas, da der Innenstadtverkehr um diese Uhrzeit bereits gigantische Ausmaße angenommen hatte.

    Mit gemischten Gefühlen machte er sich auf den Weg in die Hafengegend. Irgendwie ließ ihn das drückende Gefühl nicht los, dass in diesem Fall jede Sekunde entscheidend sein konnte.

     

    Nachdem Vitali durch ein undeutbares Geräusch aus seinem unruhigen Schlaf gerissen worden war, hatte der junge Journalist endlich seinen Artikel fertig gestellt und sich mit einer eiskalten Dusche von der Müdigkeit befreit. Danach nahm sich der junge Russe vor, sich ein wenig in der Stadt zu bewegen und verließ am späten Nachmittag noch einmal seine Wohnung. Auf der Treppe wäre er beinahe mit einem fein gekleideten Geschäftsmann zusammengestoßen, der mit grimmigem Gesicht aus einem der Zimmer im ersten Stock getreten war. Vitali sah im Vorbeigehen das schüchterne, verschwitzte Gesicht eines Mannes, dessen rechte Gesichtshälfte durch eine längliche Narbe entstellt war. Der Mann beeilte sich die Tür zu seiner unaufgeräumt wirkenden Wohnung zu schließen.

    Vitali passierte den mürrisch wirkenden Geschäftsmann, der ihm feindselig nachblickte, sodass Vitali ein leichtes Schaudern bekam. Er ging davon aus, dass der nervöse Zimmerbewohner der seltsame Gluschenko gewesen sein musste. Vitali überlegte kurz, ob er die Polizei verständigen sollte, die den unheimlichen Mann ja noch befragen wollte, doch er verwarf diesen Gedanken mit einem unguten Gefühl wieder. Er wollte sich nicht direkt unbeliebt bei seinen Nachbarn machen und in Dinge einmischen, die ihn selbst im Grunde wenig angingen. Dennoch war ihm die Sache alles Andere als koscher. Warum erhielt ein schäbiger Hafenarbeiter Besuch von einem herausgeputzten Geschäftsmann? Vitali tippte instinktiv darauf, dass es bei der ganzen Geheimniskrämerei möglicherweise um illegale Schiffslieferungen gehen konnte, vielleicht waren auch Drogen im Spiel.

    Vitali war erleichtert, als er aus dem eng wirkenden und stickigen Treppenhaus hinaus auf die Hauptstraße fand, wo er endlich tief durchatmen konnte. Es war immer noch relativ kalt draußen, die Temperaturen lagen trotz des Sonnenscheins nur unweit über dem Gefrierpunkt. Vitali zog seinen Schal von Zenit Sankt Petersburg enger um seinen Hals und setzte sich eine dunkle Wollmütze auf.

    Der junge Journalist ging zu dem nicht weit entfernt liegenden Fluss Bol’shaya Izhorka, der trotz seines Namens eigentlich mehr ein kleiner Kanal war. Der frische Wind vom Hafen hinter ihm und das Geschrei der Möwen weckten die müden Glieder des Journalisten, der sich vorgenommen hatte bis zum Izmaylovkiy Prospekt zu gehen, der ihn auf fast direktem Weg zur Dreifaltigkeitskathedrale führte, die der gläubige Russe sich heute ein wenig ansehen wollte. Er hatte in den letzten Tagen und Wochen schon viele Kirchen und andere Denkmäler in der russischen Metropole am finnischen Meerbusen gesehen und gestand sich insgeheim sogar ein, dass er diese Stadt fast noch mehr mochte als Moskau. Lediglich ein Besuch der Peter-und-Paul-Festung und eine Besichtigung des prächtigen Eremitages waren ihm bislang noch nicht geglückt, denn dazu hatte die Zeit gefehlt.

    Auch heute streifte Vitali wieder viele Touristen, vor allem Schulklassen, die sich hektisch durch die Straßen der Stadt bewegten, um ihren Reiseleitern oder Lehrern zu folgen. Straßenmusikanten spielten leidenschaftlich Geige, Trompete oder sogar hin und wieder eine Dombra, was eigentlich ein zentralasiatisches Zupfinstrument ist. Vitali fühlte sich in dieser friedlichen und dennoch belebten Atmosphäre wohl und konnte sich ein wenig ablenken.

    Nach einiger Zeit erreichte er endlich die Dreifaltigkeitskathedrale, deren leuchtend blau gestrichenen Kuppeln er bereits aus einiger Ferne ausmachen konnte. Staunend schlenderte Vitali über den weiträumigen Platz auf den Eingang der eleganten Kathedrale zu, vor dem sechs weiße Säulen das kurze Vordach stützten.

    Andächtig zog der Journalist das Portal auf und trat leise in die Kathedrale, die sich als dreischiffiges Bauwerk erwies und durch mächtige Säulen mit korinthischen Kapitellen gegliedert war. Die Gewölbe und die Innenseite der Kuppel waren von edlen Malereien verziert. Die Zerstörungen durch den Brand bei den Restaurierungsarbeiten waren komplett verschwunden und der Wiederaufbau hatten dem Gebäude wenig von seinem alten Charme genommen.

    Ehrfurchtsvoll näherte sich Vitali, der sich seines Schals und seiner Mütze entledigt hatte, den vorderen Sitzreihen und musterte Reliquien und den Altar im vorderen Bereich. Außer ihm befanden sich nur wenige Touristen und ein korpulenter Mönch in der Kathedrale. Vitali ergriff eines der arg lädierten Gebetsbücher und nahm zögernd neben dem Mönch Platz, der in einem stillen Gebet vertieft war.

    Auch Vitali ließ sich von der heiligen Atmosphäre inspirieren und schloss beim Gebet die Augen, um sich mehr auf seine Wünsche, Sorgen und sein Zwiegespräch mit einer höheren Macht zu konzentrieren. Vitali betete für seine Familie, für seinen Neuanfang in Sankt Petersburg und zuletzt sogar für seine neue französische Bekanntschaft.

    Als er das Gebet beendet hatte, war der frühe Abend schon längst angebrochen und draußen war es dunkel und kalt geworden. Vitali war aus einem tranceähnlichen Zustand erwacht und spürte erst jetzt die Kälte in dem edlen Bauwerk.

    Neben ihm hatte auch der ältere Mönch ins einer braunen Kutte sein stummes Gebet soeben beendet und lächelte aus seinem zerfurchten und mit einem wuscheligen, rotbraunen Vollbart übersäten, aber durchaus warmherzigen und sympathischen Gesicht dem Journalisten zu.

    „Du bist neu hier in der Kathedrale, mein Bruder.“, stellte der Mönch mit sanfter Stimme fest.

    „In der Tat, Bruder. Ich heiße Vitali Sergejewitsch Aljenikow. Ich komme aus Moskau und bin erst seit wenigen Wochen in der Stadt. Ich arbeite als Journalist.“, antwortete Vitali ruhig und respektvoll, denn er war sehr froh mit einem Mönch in Kontakt zu treten.

    „Ein schwerer Job. Da ist es wichtig sich auf seinen Glauben zu besinnen und seine innere Ruhe zu finden. Ich bin Bruder Gregor Wassiljewitsch Puschkin und lebe in einem Kloster bei Pobeda, im Nordwesten von hier.“, berichtete der Bruder gelassen und verbeugte sich sogar leicht, um seinem Gegenüber ebenfalls Respekt zu zollen.

    „Nun, das ist ja doch eine ganz schöne Strecke bis hierhin.“, stellte Vitali anerkennend und gleichsam erstaunt fest.

    „Wohl wahr, aber sie ist es mir wert, um regelmäßig in dieser schönen Kathedrale hier vorbeizuschauen und andere Gläubige zutreffen. Ich habe mich auch bei den Aufbauarbeiten engagiert und bin meist einmal im Monat für ein verlängertes Wochenende hier. Ich wohne dann beim Priester der Gemeinde, direkt hier nebenan.“, erklärte der Mönch redselig und schien froh zu sein, einen interessanten Gesprächspartner gefunden zu haben.

    „Das ist faszinierend. Mir gefällt es hier sehr, ich werde bestimmt des Öfteren hierhin zurückfinden.“, pflichtete Vitali begeistert bei.

    „Wo genau wohnst du, mein Bruder?“, wollte der Mönch wissen und erhob sich langsam von der einfachen und auf Dauer recht ungemütlichen Holzbank.

    Beide traten hinaus in einen Seitengang der Kathedrale und steuerten gemächlich auf deren Ausgang zu. Mittlerweile waren sie ganz allein im Raum und Vitali hatte die Möglichkeit die feinen Stuckfassaden, Schnitzereien und Malereien eingehender zu bewundern. Die Schönheit des Gotteshauses verschlug ihm erneut so sehr die Sprache, dass er erst nach einigen Augenblicken beschämt und ein wenig hastig Antwort auf die Frage des Mönches gab.

    „In der Hafengegend, nur etwa eine halbe Stunde Fußmarsch von hier.“, warf Vitali daher rasch ein.

    „Gott bewahre! Schrecklich, was dort heute Morgen passiert sein muss. Es war schon immer ein Viertels des Lasters und der Sünde, aber dies kann nur die Tat einer dämonischen Kreatur sein!“, behauptete der Mönch und wirkte mit einem Mal sehr erregt und war ganz blass im Gesicht geworden.

    „Sie wissen schon davon?“, hakte Vitali erstaunt nach. Er war stehen geblieben, hatte die Stirn gerunzelt und wunderte sich ein wenig über den Kommentar des Mönches, doch er wollte der Respekt einflößenden Person zunächst nicht widersprechen.

    „Gewiss, so etwas Schreckliches spricht sich schnell herum. Glaube mir, das war erst der Anfang. Mein sechster Sinn hat mich bei solchen Dingen noch nie betrogen.“, fügte der Mönch hinzu und wirkte jetzt langsam wieder beruhigter.

    Vitali schlenderte schweigend neben dem Glaubensbruder her und wusste nicht so wirklich, was er nun erwidern sollte. Er musterte seinen Begleiter aufmerksam. Der Mönch hatte im Brustton der Überzeugung gesprochen und wirkte nicht wie ein übereifriger Spinner. Vitali selbst glaubte zwar an Gott, aber an dämonische Wesen hatte er noch nie geglaubt und solche Schauergeschichten immer ins Reich der Märchen und Legenden abgetan. Er lächelte kurz, denn er dachte bei sich, dass der Mönch wohl wirklich fest an solche Dinge glaubte und eben eine etwas altmodische Einstellung zu diesen Dingen hatte und diese ein wenig stur vertrat.

    Dem Glaubensbruder war der kritische Seitenblick nicht entgangen und sein wacher Blick aus haselnussbraunen, jung wirkenden Augen traf den des Journalisten, der sich ein wenig beschämt abwandte und sich leicht räusperte. Der Mönch blieb stehen und hob mahnend seinen Zeigefinger. Vitali hatte fast Angst eine Standpauke zu bekommen, doch dem war nicht so.

    „Bruder Vitali, du magst mich wohl nun für einen abergläubigen Spinner halten und ich kann dir dies gewiss nicht verübeln. Doch ich bin bei klarem Menschenverstand und du darfst mir glauben, dass es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als man sich vorstellen kann oder mitunter auch möchte.“, belehrte der Bruder seinen Gesprächspartner ruhig, aber durchaus bestimmt.

    „Das glaube ich Ihnen gerne. Ich halte Sie gewiss für keinen Spinner.“, warf Vitali abschwächend ein.

    „Du musst dich für deine Meinung nicht schämen. Ich hoffe sogar, dass der Tag nie kommen mag, an dem du mir Glauben schenkst. Ich habe viel Unheil auf diesem Planeten gesehen und viele Brüder sind daran zerbrochen. Die Erkenntnis ist ein schweres Schicksal. Du sollst diese Last nicht auch noch mit dir tragen, Bruder Vitali.“, fügte der Glaubensbruder orakelhaft hinzu und setzte sich langsam wieder in Bewegung, während Vitali ein wenig verständnislos und überrascht versuchte mit dem bärtigen und weisen Mann Schritt zu halten.

    „Von welcher Erkenntnis sprechen Sie genau, Bruder Gregor?“, wagte Vitali endlich zu fragen, als beide schon das schwere Holzportal am Eingang erreicht hatten und einen letzten Blick zurück in die gewaltige Kathedrale warfen.

    Bruder Gregor blickte ihn ernst an und seine wachen Augen schienen bis auf die Seele des Journalisten sehen zu können. Vitali bekam unwillkürlich eine Gänsehaut. Er spürte, dass der Glaubensbruder eine ganz bestimmte, fast schon magische Atmosphäre ausstrahlte, die besonders in der stillen Kathedrale ihre Wirkung nicht verfehlte.

    „Die Zeit ist noch nicht reif für dich, Bruder Vitali. Aber ich fühle mich dir verbunden. Du bist ein gottestreuer und aufmerksamer Mensch. Ich möchte, dass du das hier trägst.“, begann der Glaubensbruder, ergriff eine Kette, die um seinen Hals hing, zog seine Kutte ein wenig herunter und beförderte die Kette schließlich über seinen Kopf hinweg, sodass Vitali sehen konnte, was der Mönch ihm nun anbieten wollte.

    An einer einfachen Silberkette hing ein edles, aber dezent verziertes Agnus Dei. Vitali erkannte das Symbol des Opferlamms, das die Siegesfahne auf seinem Rücken trug nur allzu gut. Es war ein christliches Symbol für die Auferstehung Jesu Christi, der als Lamm Gottes bezeichnet wurde und die Sünde der Menschheit auf sich nahm.

    Vitali war von der Kette tief beeindruckt und blickte Bruder Gregor ungläubig an. Sein Mund öffnete sich, doch er brachte keinen Laut hervor. Vitali war völlig sprachlos.

    Doch sein Gegenüber zögerte nicht länger, nahm die Kette und streifte sie behutsam über den Kopf des jungen Journalisten. Vitali spürte die Wärme des silbernen Metalls und bekam unwillkürlich eine ehrfurchtsvolle Gänsehaut, als er die Kette auf seiner Haut spürte. Der junge Journalist spürte instinktiv, dass es mit diesem Talisman etwas Besonderes auf sich haben musste.

    „Das kann ich unmöglich annehmen, Bruder Gregor.“, stotterte Vitali hilflos und überwältigt zugleich, doch sein Gegenüber legte ihm beide Hände kräftig auf die Schultern und blickte ihn wieder eindringlich an.

    „Diese Kette wird dich vor allen übernatürlichen Gefahren und Feinden schützen. Du musst nur fest daran glauben und beten, dann kann diese Kette Leben retten. Allein der Anblick dieses Symbols kann viel bewirken. Nur Auserwählte können diese Kette ohne Risiko berühren, alle anderen Wesen könnten es mit ihrer Existenz bezahlen. Du brauchst nicht besorgt zu sein, jeder meiner Brüder trägt eine solche Kette und im Kloster wird es sicher noch ein weiteres Exemplar für mich geben. Du aber sollst dieses behalten. Und falls du dem Unheil wahrhaftig gegenüber treten solltest, so kontaktiere mich und ich werde dich tiefer in diese Geheimnisse einführen. Du weißt, dass du mich hier oder im Kloster finden kannst. Pass auf dich auf und meide die Gefahr, Bruder Vitali. Denke immer an meine Worte.“, erklärte der Mönch eindringlich und Vitali nickte stumm und benommen. Die Worte des Mönches hatten sich bereits jetzt auf ewig in seiner Erinnerung eingeprägt.

    Vitali fand keine Worte, als der besorgte Mönch das schwere Portal der Kathedrale aufstieß und sie beide nach draußen ins Freie taten. Sofort empfing sie eine eisige Kälte und der Lärm der Stadt, sodass die Magie ihres Zusammentreffens in der Kathedrale geradezu fern und unwirklich erschien.

    Bruder Gregor lächelte Vitali zu, trat dann näher zu ihm und umarmte ihn herzhaft, was Vitali ein wenig schüchtern erwiderte. Doch obwohl er den Bruder erst seit wenigen Minuten kannte, wirkte er auf ihn schon wie ein guter und vertrauter Bekannter.

    Bruder Gregor löste sich von ihm und lächelte. Dieses Mal wirkte er wieder völlig ausgeglichen und optimistisch.

    „Unsere Wege trennen sich vorerst hier. Aber ich bin mir sicher, dass wir uns sehr bald wiedersehen werden.“, stellte der Mönch abschließend fest und in seiner Stimme lag solch eine Gewissheit, dass Vitali gar nicht an den Worten zweifelte.

    „Ich danke dir, Bruder Gregor.“, krächzte er und war erstaunt, dass er überhaupt wieder seine Sprache zurückgefunden hatte.

    Der junge Journalist dachte hektisch nach, wollte dem Mönch noch etwas sagen und einige Verwirrungen aus der Welt schaffen, doch da hatte sich der Geistliche bereits umgewandt und verschwand mit zielstrebigen Schritt, aber ohne nötige Hast, im leichten Schneegestöber eines noch frostigen Aprilabends.

    Vitali blieb mit gemischten Gefühlen zurück und kam sich mit einem Mal seltsam ungeschützt und alleine vor. Zögernd fasste er nach seiner Kette und betrachtete lange Zeit das Agnus Dei. Er drückte das seltsam warme Metall gegen seine Stirn und spürte ein leichtes Kribbeln. Erschrocken ließ er das detaillierte, aber dennoch nicht zu pompös gestaltete Schmuckstück wieder unter seine Jacke fallen und massierte sich die betroffene Stelle, doch es war nichts mehr zu spüren.

    Vitali redete sich zaghaft ein, dass er wohl nur ein wenig Schnee oder einen kalten Windhauch auf der Haut gespürt hatte. Dann warf er einen letzten Blick auf die monumentale Kathedrale und machte sich rasch auf den Heimweg.

     

    Sergej Wiktorowitsch Stepanow bewegte sich mit einem unbehaglichen Gefühl und gemessenen Schrittes durch das dreckige Hafenviertel. Das Meer schwappte gegen die Kaimauern, lumpig angezogen Hafenarbeiter mit ungewaschenen Haaren, verfaulten Zähnen oder zahlreichen Tätowierungen musterten ihn teils feindselig, wenn sie ihn schwer beladen passierten. Der junge Sergej passte kaum in diese Gegend, wo sich die unterste soziale Schicht der russischen Gesellschaft angesammelt hatte. Nur in manchen Außenbezirken war es noch schlimmer, wo große Armut, Prostitution und Kriminalität herrschten.

    Sergej beschleunigte seinen Gang, um den bohrenden Blicken zu entgehen und um mögliche Konflikte zu vermeiden. Innerlich verfluchte er seinen Kontakt, der ihn erst in diese missliche Lage geführt hatte.

    Der engagierte Journalist hatte zwischenzeitlich mit dem Gedanken gespielt bei seinem Freund Vitali vorbeizuschauen und diesen mitzunehmen, doch er hatte sich schließlich dagegen entschieden. Zum Einen wollte Sergej nicht noch mehr Zeit verlieren und zum Anderen hatte er nicht vor seinen Kollegen bei seinem ersten Tag in der neuen Wohnung gleich zu stören. Grinsend dachte Sergej an die schöne Französin, mit der sein Kollege vielleicht gerade schon am Turteln war. Dabei dachte Sergej kurz wehleidig an seine schöne Ex-Freundin zurück, die ihm das Herz gebrochen hatte. Seitdem hatte er keine Frau mehr an sich herangelassen, hatte sich in Arbeit gestürzt und vermied es abends in Diskotheken oder ähnliche Clubs auszugehen. Sein Vertrauen in das weibliche Geschlecht war in der letzten Zeit enorm gesunken. Er konnte sich auch nicht ernsthaft vorstellen, dass sein Freund Vitali mit der jungen Französin eine Beziehung anfangen würde. Das Mädchen war zwar scheinbar stinkreich und ambitioniert, doch Sergej tippte darauf, dass sie, wie es seiner Meinung fast alle Frauen taten, ausschließlich auf sexuelle Erfahrungen aus war. Er nahm sich grimmig vor, dass er es nicht zulassen würde, dass es mit seinem Freund so enden würde wie mit ihm selbst. Bevor das französische Luder ihn aussaugen konnte, wollte Sergej dem einen Riegel vorschieben.

    Der angespannte Russe blickte auf seine Armbanduhr. Die Metro war sehr voll gewesen und er hatte inzwischen fast eine Stunde benötigt, um bis ins Hafenviertel zu gelangen. Immerhin wusste er, wo genau er seinen Kontaktmann Sascha treffen sollte.

    Die beiden hatten eine Art Treffpunkt im Hinterhof einer verfallen Fabrik, deren Hallen heute lediglich den Behausungen einiger Obdachloser dienten oder wo sich die Hafenarbeiter mit den Prostituierten nachts zurückzogen, um sich vom tristen Alltag ein wenig abzulenken. Auf dem Hinterhof befand sich ein alter Bauwagen, der mit einem Schloss versehen war, zu dem Sascha aus unerfindlichen Gründen einen Schlüssel besaß. Sergej hatte sich immer dort mit ihm getroffen, wo Sascha wirklich wohnte wusste er bis heute nicht.

    Sergej bewegte sich jetzt schon auf die unscheinbare Fassade der kleinen Fabrik zu. Die Scheiben waren allesamt zerschmettert worden, wilde Parolen waren von Jugendlichen an die Mauern geschmiert worden. Altes Papier, Zigarettenkippen, sogar Kondome und Spritzen lagen in mancher Ecke auf dem Boden. Sergej war von der Umgebung und ihrem Gestank angewidert. Aber als guter Journalist musste man sich auch mit solchen Milieus abfinden und diese Situationen meistern. Er wollte die Sache trotzdem so schnell wie nur möglich abwickeln.

    Fast wäre Sergej über den alten Mann mit Bart gestolpert, der in einer Ecke des Ganges lag, der in den tristen Hinterhof führte, wo das Unkraut wucherte und der verbeulte Bauwagen stand. Der Alte stöhnte überrascht auf, entblößte dabei sein fauliges Gebiss und hielt sogleich unartikuliert jammernd seine Hände auf und blickte Sergej bettelnd an.

    Aber der Journalist schnaubte nur verächtlich und wollte dem armen Mann keine Spende geben. Er hatte große Lust, den Mann aufzuscheuchen, ihm eine Moralpredigt zu halten, dass er sich eine Arbeit suchen solle, anstatt am helllichten Tage in einer abgelegenen Ecke vor sich hin zu dösen und Leute anzubetteln. Doch eine Mischung aus Ekel und Mitleid ließ den aufbrausenden Journalisten frühzeitig verstummen, der stattdessen lieber schnell weiter ging.

    Endlich trat er durch die hohle Gasse in den verfallenen Innenhof und blickte sich kurz um. Es war keine Menschenseele anwesend. Nicht einmal Sascha war zu sehen. Sergej fragte sich mit aufkommender Wut, ob der Kleinkriminelle ihn etwa versetzt oder angelogen hatte. Dann beruhigte er sein Gemüt, redete sich ein, dass Sascha wirklich in ernsthaften Schwierigkeiten stecken könnte. Doch je länger er im kalten Wind in dieser trostlosen Gegend stand, umso düsterer wurden die Gedankengänge des Journalisten, der unruhig hin und her lief.

    Normalerweise hatte Sascha vom Bauwagen aus immer die Lage komplett im Blick, sah jeden Ankömmling schon im Voraus und hatte Sergej noch jedes Mal empfangen, indem er den Bauwagen verließ oder ihm ein anderes Zeichen gab. Dies war heute nicht der Fall.

    Sergej grunzte unzufrieden und überlegte sich, dass Sascha möglicherweise im Bauwagen eingeschlafen war oder gerade auf Toilette gegangen war. Er lachte grimmig. So verfolgt konnte sich der schwätzende Kleinkriminelle wohl kaum fühlen, sonst würde er Sergej nicht so unbesorgt mitten im Hinterhof stehen lassen. Sergej schüttelte grimmig den Kopf und nahm sich vor seinem Kontakt ordentlich den Kopf zu waschen.

    Sergej wollte nicht länger untätig warten, sondern schritt auf den Bauwagen zu. Plötzlich hörte er ein heiseres Krächzen und bedrohliches Flattern in seinem Rücken und fuhr angespannt herum. Sein Herzschlag war in wenigen Sekunden in ungesunde Höhen gestiegen. Sein Blick pendelte furchtsam und doch ungemein wach durch den Hinterhof.

    Drei Möwen flogen über selbigen hinweg, nachdem sie es sich zuvor in einer dunklen Nische gemütlich gemacht hatten. Irgendetwas schien sie aufgeschreckt zu haben.

    Sergej fluchte laut und ärgerte sich darüber, dass er sich von den aufgescheuchten Tieren ins Bockshorn hatte jagen lassen.

    Ein wenig erleichterter trat er nun auf den völlig beschmierten und verwucherten Bauwagen zu, als er plötzlich erneut unangenehm überrascht wurde. Sergej erstarrte mitten in der Bewegung und bekam eine frostige Gänsehaut.

    Die Tür des Bauwagens stand weit offen, das Schloss lag zertrümmert davor im Dreck auf dem Boden. Sergej erkannte sofort das dunkle Einschussloch in der Tür. Jemand hatte das Schloss kaputt geschossen, möglicherweise noch bevor Sascha es aufgeschlossen haben konnte.

    Sergej wirbelte herum und erstarrte. Erst jetzt nahm er den dreckigen Boden genauer in Augenschein und sein grausiger Verdacht bestätigte sich auf schreckliche Weise.

    Auf dem feuchten Boden waren vereinzelte Bluttropfen zu sehen, die sich an einer Stelle, neben einer verrosteten Tonne besonders konzentriert angesammelt hatten. Jetzt glaubte Sergej mit weit geöffneten Augen plötzlich auch Schleifspuren zu erkennen. Das wuchernde Unkraut war an einigen Stellen umgeknickt und es war eine leichte Schneise bis zum Bauwagen geschlagen worden.

    Sergej tastete instinktiv nach seiner Waffe, die er hin und wieder trug, wenn er sich für aufwändige Recherchen zu einem Artikel in bedrohliche Krisengebiete wagte. Doch der Journalist erstarrte und ihm fiel siedend heiß ein, dass er seine Waffe, die in einer Schreibtischschublade seines Büros liegen musste, gar nicht mitgenommen hatte.

    Laut fluchend löste der emsige Journalist sich aus seiner Starre und hetzte auf den Bauwagen zu, wo er die klapprige Eingangstür aufstieß. Er wollte endlich Gewissheit haben.

    Im Bauwagen selbst roch es muffig und es war relativ dunkel. Der Vorraum bestand nur aus einer alten Garderobe und einem Waschbecken mit einem längst zerschlagenen Spiegel. Ein kleiner Durchgang führte zum größten Raum des Bauwagens. Dort waren die Jalousien allerdings zugezogen, sodass man in dem unordentlichen Raum wenig erkennen konnte.

    Auf einmal ertönt ein gepeinigtes Quieken und eine fette Ratte huschte rasend schnell über Sergejs Füße. Der Journalist zuckte zusammen, taumelte zurück und prallte dabei gegen einige aufgestapelte Pappkartons, die krachend hinter ihm umfielen und für einen Lärm sorgten, der dem jungen Journalsite das Blut in den Adern gefrieren ließ.

    Erregt fiel diesem ein, dass sich der Täter möglicherweise noch immer in der Nähe seines Tatorts befinden könnte und er diesen durch sein unvorsichtiges Verhalten jetzt entgültig aufgeschreckt hatte.

    Gleichzeitig hatte der Lärm Sergej den letzten Antrieb gegeben, um die Sache endlich hinter sich zu bringen. Er wollte so schnell wie möglich verschwinden und die Polizei verständigen. Die Beamten wären über einen fünften Toten im Hafenviertel wohl alles Andere als begeistert. Zeugen würde es wohl keine geben, da die meisten Leute in der Hafengegend in solchen Fällen fast schon solidarisch gegen Polizei, Politik oder Presse zusammenhielten, und die Polizei stünde somit vor einem weiteren unlösbaren Problem. Gleichzeitig fiel Sergej der alte Obdachlose ein, den er am Eingang getroffen hatte. Vielleicht hatte der Penner irgendetwas mitbekommen und würde für ein paar Rubel mehr verraten.

    Mit diesem Gedanken tastete Sergej nach dem verstaubten Lichtschalter, drückte ihn mit einem müden Klicken herunter und wartete. Zunächst schien der Mechanismus nicht zu funktionieren, doch dann sprang die verdreckte Leuchtstoffröhre endlich an.

    Zunächst war Sergej ein wenig geblendet und fand sich in dem unübersichtlichen und stinkenden Bauwagen nicht zurecht. Der große Raum erinnerte am Ehesten noch an einen alten Schrottplatz. Neben Reifenfelgen, alten Kochtöpfen und rostigen Bettgestellen lagen hier auch Kartons, Pakete und altes Zeitungspapier herum.

    Am Markantesten aber war der alte drehbare Sessel, der mit der Rückenlehne zur Eingangstür stand. Einige Sprungfedern hingen aus dem Möbelstück wie verkrüppelte Arme heraus, teilweise war auch der Stoff zerfetzt.

    Sergej bekam eine unangenehme Gänsehaut und trat mit schlotterndem Knien auf den hohen Sessel zu. Er hatte das qualvolle Gefühl, dass dort in dem Sessel jemand sitzen könnte.

    Nervös pirschte der Journalist heran, bekam mit verschwitzten Fingern nach endlos langen Sekunden die Rückenlehne des Sessels zu fassen und drehte den protestierend quietschenden Sessel grob und ruckartig herum.

    Atemlos wich Sergej sogleich einige Schritte zurück und obwohl er sich mental darauf eingestellt hatte, ließ ihn der grausige Anblick, der sich ihm hier präsentierte, schrill und kurz aufschreien.

     

    Vitali steuerte eilig auf seine Wohnung zu, denn die schneidende Kälte wurde immer unangenehmer und an diesem Aprilabend kam es tatsächlich noch einmal zu einem kleinen Schneesturm, der durch die engen Gassen peitschte.

    Durch das Schneegestöber sah Vitali einen dunklen Wagen mit getönten Scheiben schräg gegenüber seiner Wohnung stehen, der ihm sofort ins Auge fiel. Der elegant wirkende Wagen passte einfach nicht in die ärmliche Gegend. Vitali musste sofort an die protzige Eleganz mancher russischer Mafiosi denken.

    Der junge Journalist war alarmiert und verspürte sofort ein unangenehmes Ziehen in der Magengegend. Hastig wechselte er die Straßenseite und stellte den Kragen seiner Jacke hoch.

    Dann trat Vitali rasch in die Eingangshalle des Hauses und blickte noch einmal kurz über seine Schultern. Er konnte durch die getönten Scheiben und auf Grund der misslichen Wetterlage nicht erkenne, ob und wer in diesem Wagen saß, doch er bekam sofort eine Gänsehaut. Instinktiv griff der junge Journalist nach seinem neuen Talisman, der leicht vibrierte und von einer seltsamen Wärme erfüllt war, die ihm zwar unheimlich vorkam, ihn aber gleichzeitig seltsam beruhigte.

    Vitali musste an den Geschäftsmann denken, den er heute Morgen getroffen hatte. Er konnte sich durchaus vorstellen, dass dieser Mann zur Mafia gehörte und in dem dunklen Wagen saß. Aber was hatte es mit seinem nervösen Mitbewohner Gluschenko bloß auf sich?

    Vitali ließ die Sache nicht mehr los und er beschloss ihr auf den Grund zu gehen. Gerade als er sich einen Ruck gegeben hatte, öffnete sich neben ihm plötzlich knarrend eine Tür und helles Licht blendete ihn. Verwirrt riss der Russe schützend seine Arme hoch und wirbelte herum.

    Er blickte auf die korpulente Gestalt der Vermieterin, die abwehrend die Arme hob und gequält lächelte. Die sonst so herzlich wirkende Ekatarina Alexandrowna Kolodina machte auf den Journalisten einen unruhigen Eindruck und winkte ihn zunächst ungewöhnlich stumm in die Wohnung. Behutsam schloss sie die Tür, nachdem Vitali zögernd eingetreten war.

    „Es tut mir furchtbar leid, dass ich Sie so erschreckt habe, Herr Aljenikow.“, entschuldigte sie sich und wieselte schnell in die Küche, um zwei altmodische Tassen aus einem alten Schrank voller Krimskrams zu holen, die sie anschließend mit frischem Tee aus einem grellbunten Samowar füllte.

    Dankend nahm Vitali das Getränk an. Die Wärme des Süßholztees tat ihm nach der Kälte von draußen richtig gut. Er nahm gemeinsam mit der Gastgeberin im Wohnzimmer Platz. Ekatarina schwieg einige Zeit lang und schien sich unschlüssig, wie sie den jungen Journalisten ansprechen sollte. Dabei blickte sie oftmals zum Fenster und machte einen furchtsamen Eindruck. Vitali zog daraus schnell seine Schlüsse.

    „Sie sind beunruhigt wegen dem dunklen Wagen, der gegenüber des Hauses steht, nicht wahr?“, fragte Vitali sanft und stellte seine Teetasse auf eine stark bemalte Untertasse mit historischen Motiven.

    Die Gastgeberin zuckte unwillig zusammen, blickte Vitali lange an und nickte dann eifrig und geistesabwesend, als ob sie aus einer Trance erwachen würde. Jetzt wurde die Russin auch endlich wieder gesprächiger und fand zur alten Form zurück.

    „Ja, ja, richtig. Der Wagen ist Ihnen also auch aufgefallen. Ach, es ist schrecklich. Die beiden Männer, die darin sitzen, wirken so grausam und kaltblütig. Ich habe den Eindruck, sie könnten zur Mafia gehören, obwohl ich sie hier im Viertel noch nie gesehen habe. Heute Nachmittag war einer von den beiden, so ein vornehmer Geschäftsmann, bei Herrn Gluschenko im ersten Stock. Sie sind dabei sehr laut geworden. Wissen Sie, das Zimmer von Herrn Gluschenko liegt praktisch direkt über meinem Wohnzimmer, ich war gerade am Häkeln und wollte eigentlich gar nicht hinhören. Aber wissen Sie, die Wände sind hier so furchtbar dünn und ich habe doch einiges mitbekommen.“, berichtete Ekatarina jetzt eifrig.

    „Worum ging es denn dabei?“, wollte Vitali wissen, der nun schneller zur Sache kommen wollte und Feuer und Flamme war.

    „Es ging um diese schrecklichen Morde. Dieser Geschäftsmann wollte wissen, ob Gluschenko etwas mitbekommen hätte. Er sprach von einer Rehabilitation für die stählerne Maske. Mein Gott, Herr Aljenikow, Gluschenko arbeitet für diesen brutalen Mafiaboss! Und diese beiden Männer in dem Auto dort vermutlich auch!“, jammerte die Gastgeberin und war plötzlich den Tränen nah.

    Vitali fühlte sich seltsam betroffen, doch er wollte weiter nachhaken und endlich Klarheit über die aktuellen Ereignisse haben.

    „Haben Sie noch mehr mitbekommen? Frau Kolodina, es könnte sehr wichtig sein.“, mahnte Vitali mit ruhiger Stimme, aber viel Entschlossenheit. In seiner Karriere als Journalist hatte er gut gelernt, wie man mit bestimmten Personen umgehen musste, um Antworten auf seine Fragen zu erhalten.

    „Dieser Geschäftsmann, der hat Gluschenko ausgefragt über die Morde, er hat ihn regelrecht angeschrieen am Ende. Gluschenko hat furchtbar gestammelt, irgendetwas ist in der Wohnung zu Bruch gegangen und dann war Gluschenko außer sich vor Wut. Er schickte diesen Geschäftsmann zur Hölle, schwor ihm, dass er mit der Mafia nichts zu tun haben möchte und dass all diese kriminellen Organisation in Sankt Petersburg bald schon ein völlig neues Gesicht haben würden. Er sprach davon, dass die Tage der Unterwelt gezählt seien. Der Geschäftsmann hat daraufhin wütend die Wohnung verlassen. Gluschenko ist kurz darauf auch gegangen, er war völlig aufgelöst und nervös. Er hat mehrere Telefongespräche geführt und sich über den Hintereingang hinausgeschlichen, fast wie ein Verfolgter oder Verbrecher.“, führte die Vermieterin ihren emotionalen Bericht fort.

    „Das ist äußerst seltsam. Das hört sich fast so an, als ob er tatsächlich etwas von den Morden wissen könnte oder sogar daran beteiligt ist!“, überlegte Vitali laut und sah wie seine Gesprächspartnerin entsetzt nach Luft schnappte und bleich wurde.

    „Meinen Sie wirklich...?“, fragte sie stockend, ließ den Satz aber unvollendet, da Vitali beschwichtigend die Arme hob und mit den Schultern zucken.

    „Das ist nur eine Hypothese.“, schwächte Vitalis eine Aussage ab, denn er wollte die arme Vermieterin nicht verunsichern und sie noch ängstlicher machen, als sie ohnehin schon war. Er ärgerte sich schon jetzt darüber, dass er sich zu solch einer gewagten Aussage hatte hinreißen lassen.

    „Das hat dieser grobe Typ mit dem vernarbten Gesicht auch angedeutet.“, stotterte Ekatarina entsetzt und achtete gar nicht auf die beschwichtigenden Worte des Journalisten, der jetzt die Stirn runzelte.

    „Welcher Typ mit einem vernarbten Gesicht?“, wollte Vitali wissen und bekam ein immer stärkeres ungutes Gefühl.

    „Ach, das hatte ich ganz vergessen! Wie konnte ich nur? Etwa eine Stunde nachdem Gluschenko gegangen war, ist ja dieser schwarze Wagen vorgefahren. Darin saß der Geschäftsmann, das habe ich gesehen, als er zwischendurch eine Zigarre geraucht und das Fenster heruntergekurbelt hatte. Vor ihm saß dieser grässliche und grobschlächtige Typ mit dieser höllischen Fratze. Er hat mich wohl am Fenster gesehen und ist kurz danach aus dem Auto gestiegen. Glauben Sie mir, ich hatte die größte Angst meines Lebens!“, berichtete Ekatarina aufgelöst und brach bei der qualvollen Erinnerung wieder in Tränen aus.

    „Was hat dieser Kerl mit Ihnen gemacht?“, fragte Vitali laut und seine Stimme bebte vor Wut. Die Vermieterin war ihm durchaus sympathisch und er empfand es als skandalös eine solch liebenswerte alte Dame völlig einzuschüchtern und zu bedrohen.

    „Er kam herein und hat mir furchtbar Angst gemacht. Er wollte wissen, wo Gluschenko steckt. Er sagte, dass ich einem Verbrecher ein Zimmer vermietet hätte, der den Terror in die Stadt bringt. Ich habe ihm gesagt, dass Gluschenko verschwunden sei, er wollte wissen, wohin er gegangen war, aber das wusste ich ja nicht. Da wurde er furchtbar böse, hat mich angeschrieen und in die Enge getrieben. Dann hat er mich gewarnt, dass ich auf keinen Fall die Polizei verständigen solle, da ich es sonst bezahlen würde. Dann ist er wieder gegangen und hat mich so schrecklich kalt angeblickt. Er wollte mich mit seinen Blicken töten. Herr Aljenikow, dieser Kerl würde mich umbringen!“, schluchzte Ekatarina und krümmte sich zuckend zusammen.

    Vitali stand betroffen auf, ging auf die Vermieterin zu und legte ihr sanft den Arm über die Schultern. Dankbar presste Ekatarina ihr tränennasses Gesicht gegen seine Schultern und schluchzte erschöpft.

    „Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Kolodina. Ich werde auf Sie aufpassen. Dieser Kerl wird Ihnen nichts mehr antun. Und diesen Gluschenko schnappen wir uns auch bei nächster Gelegenheit!“, versprach Vitali im Brustton der Überzeugung, doch kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da kamen auch schon die ersten Zweifel auf.

    Denn Vitali war sich darüber im Klaren, dass die Ereignisse möglicherweise allesamt eine Nummer zu groß für ihn waren. Die Mafia und brutalste Mörder waren in die seltsamen Vorfälle verstrickt und nun war er ungewollt dort hineingeraten.

    Das Spiel mit dem Feuer hatte begonnen.

     

    Sergej bot sich ein scheußlicher Anblick, der ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Sein Kontaktmann Sascha hing in dem lädierten Sessel, sein Mund war krampfhaft geöffnet, die Augen drohten aus ihren Höhlen zu quellen, seine Hände waren zu Fäusten geballt. Fliegen umschwirrten surrend seinen reglosen Körper, von dem ein süßlicher Geruch ausging, der Sergej würgen ließ.

    Viel schrecklicher war jedoch noch die Tatsache, dass in Brusthöhe des Kleinkriminellen eine Schusswunde klaffte, aus der viel Blut ausgetreten war und die sein dreckiges Holzfällerhemd völlig besudelt hatte.

    Sergej war starr vor Entsetzen und hielt den Atem an. Tausend wirre Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Sein Herzschlag pochte so brutal in seinem Kopf, dass er davon Schmerzen bekam und ihm schwindlig wurde.

    Benommen taumelte der impulsive Journalist nach vorne und dabei fiel sein Blick auf einen zerknüllten Zettel, den Sascha noch in seiner geballten Faust stecken hatte. Angewidert trat Sergej auf den Toten zu, vor dem er sich fürchtete. Er hatte Angst, dass Sascha plötzlich wieder hochschrecken würde und noch am Leben war. Es kostete ihn ungemein viel Überwindung die kalte und klamme Hand des Toten zu ergreifen, bei dem schon eine leichte Totenstarre eingesetzt hatte, wenngleich der Kleinkriminelle noch nicht lange tot sein konnte.

    Mit einem Ruck riss Sergej das Papier aus der Faust, das dabei an einer Seite ein wenig eingerissen wurde, doch Sergej traute sich nicht die Haut des Toten noch einmal zu berühren. Hektisch faltete er das zerknüllte Papier auseinander und erkannte die geschwungene Handschrift des Toten. Nervös murmelte er sich den stichwortartigen Text vor, der auf das Papier geschrieben worden war, möglicherweise erst ganz kurz vor Saschas Tod.

    „Narbengesicht verfolgt und beschattet mich. Muss irgendwo im Viertel wohnen. Will vermutlich potenzielle Zeugen ausschalten. Fühle mich bedroht. Habe mit Freund gesprochen. Mitglied bei Matschiwjenko. Heute Nacht soll Treffen in neutralem Pub stattfinden, unweit der Station Chyornaya Rechka, in der Starobel’skaya Ulitza. 20 Uhr. Alle Bandenchefs nebst Leibwächtern dabei. Vermute, dass Täter dort zuschlagen könnte. Bitte um Eingreifen. Grüße an meine schöne Evgenija, falls ich sterbe. Grüße, Sascha.“, las Sergej fassungslos und versuchte seine Gedanken zu ordnen. 

    Verwirrt und ungemein nervös trat Sergej aus dem chaotischen Raum mit dem Toten und plötzlich fiel ihm siedend heiß ein, dass er von hier verschwinden musste. Er mochte gar nicht daran denken, dass ihn jemand mit dem Toten gesehen haben könnte und nun eventuell den Mord anhängen könnte. Gehetzt steckte er das Papier in seine Jackentasche und stolperte aus dem Bauwagen. Der Himmel über dem heruntergekommenen Hinterhof war passend zur unheilvollen Stimmung völlig zugezogen.

    Sergej atmete kurz durch. Wenn er das hektische Schreiben richtig verstanden hatte, dann gab es vielleicht die Möglichkeit den Täter noch in der heutigen Nacht zu fassen, denn dieser würde sich das treffen der drei Mafiabosse wohl nicht entgehen lassen. Sergej überlegte verzweifelt, ob er die Polizei einschalten sollte oder ob diese Maßnahme dem Täter auffallen und ihn verjagen würde. Schließlich kam er für sich selbst zu dem Entschluss, dass er die ganze Sache mit seinem Freund und Kollegen Vitali zunächst noch einmal bereden wollte.

    Kaum hatte Sergej diesen Entschluss gefasst, als plötzlich ein ohrenbetäubender Knall ertönte und der dreckige Boden nur wenige Zentimeter neben ihm aufgewirbelt wurde. Instinktiv warf sich Sergej zur Seite, rollte sich ab und hechtete hinter einem alten Container in Deckung, als ein zweiter Knall ertönte und genau mittig in diesen einschlug.

    Ächzend rappelte sich Sergej auf und drückte sich flach gegen die Rückseite des Containers. Fluchend blickte er in den Gang, aus dem er in den Hinterhof gekommen war. Dieser lag in schier unerreichbarer Ferne, denn Sergej brauchet nicht lange, um zu realisieren, dass irgendwer vom Dach der alten Fabrikhalle auf ihn geschossen hatte. 

    Sergej saß waffenlos in dem dreckigen Hinterhof gefangen!

     

    Eva Maelle Lavoie hatte einen anstrengenden Nachmittag hinter sich gebracht. In der Schauspielschule hatte sie eine selbst entworfene Choreographie präsentieren müssen, die sich gegen verschiedene andere Bewerbungen durchgesetzt hatte. Selbst ihre strenge Lehrerin war von dem Engagement und Talent der Französin begeistert gewesen und so sollte ihre Choreographie nun für die bevorstehende Aufführung des Theaterstücks verwendet werden, die immer näher rückte. Die Französin hatte sich lange mit ihrem Kurs und den Lehrern beraten müssen und sie war schließlich glücklich, aber völlig erschöpft in die Metro gestiegen, die sie in die Hafengegend brachte. Immer noch kam der jungen Französin der Pomp der teilweise gewaltigen Metrostationen unwirklich vor. Manchmal sah man edle Marmorsäulen, Statuetten und feine Verzierungen der Mauerwerke. Polizisten trieben sich in diesen Stationen besonders häufig herum, um darauf zu achten, dass die Touristen nichts anfassten oder fotografierten. Sollte ein ahnungsloser Tourist dies dennoch schaffen, so wurde er oftmals auf herrische Weise aus der Menge heraus gewunken und in einen kleinen Raum, der zur einen Hälfte aus einer engen Ausnüchterungszelle und zur anderen Hälfte aus einem einfachen und klobigen Schreibtisch bestand, gebracht, wo er sein Fehlverhalten zu verantworten hatte. Meist beruhigten ein paar Rubel die Gemüter, noch besser angesehen waren aber ausländische Währungen.

    Auf Eva Maelle Lavoie wirkten diese strengen Regelungen, die Armut der oft korrupten Polizeibeamten und die verhältnismäßig hohe Anzahl an Polizisten oder auch Soldaten sehr befremdlich, wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Die zahlreichen Schwarzmärkte, auf denen Touristen alle erdenklichen Dinge finden konnten, kannte die Schauspielerin aber bereits auch aus Frankreich, nur mit dem Unterschied, dass in Russland noch beherzter und mitunter auch erfolgreicher gefeilscht wurde.

    Trotz allem hatte die Französin auch viele gute Seiten der Stadt kennen gelernt. Dazu zählten die vielen malerischen Monumente, die interessanten Museen, die schönen Parks, Kanäle oder Promenaden, aber vor allem die Freundlichkeit und Weltoffenheit dieser nördlichen Metropole. Doch obwohl die Stadt ein Schmelztiegel der Kulturen war, hatte sie doch ihren eigenen russischen Charme bewahren können und wirkte dabei einheitlich und elegant. Da die Französin mit der Lebensweise der Stadtbürger und der russischen Kultur gut zurecht kam, fühlte sie sich hier mindestens genauso wohl wie in Frankreich, zumal sie in den letzten Jahren in Paris immer mehr von fremden Kulturen, großer Hektik und Unruhe irritiert worden war. Und obwohl sich die beiden Städte so sehr ähnelten, fühlte sich die Französin in Sankt Petersburg doch freier und hatte ganz neue Seiten und Horizonte in ihrem eigenen Leben entdeckt. In der Anfangszeit hatte sie die Nähe ihrer französischen Freunde und der Familie vermisst, aber mittlerweile hatte sie schnell selbst Freunde gefunden und sich gut integriert, sodass von Heimweh keine Spur mehr übrig war. Im Gegenteil kam es ihr so vor, als ob man auf eine junge Ausländerin in Sankt Petersburg besonders herzlich und hilfsbereit zuging. In Paris war sie eine von vielen französischen Studentinnen, aber in der russischen Metropole war sie etwas besonderes. Ihre Ideen, ihre Herkunft, ihre Kultur wurden von vielen anderen Studenten wissbegierig aufgenommen und man versuchte aus einer ehrlichen Begeisterung und Revanchierung heraus gleichzeitig der Französin die Dinge zu präsentieren, auf die man in Russland stolz war. So fühlte sich Eva Maelle Lavoie stets besonders integriert und entdeckte täglich neue Dinge und es gab immer irgendwelche Themen, über die man diskutieren konnte, während sie sich in der Großstadt Paris manchmal recht isoliert gefühlt hatte.

    Was die junge Französin aber auch begeistert hatte war der Charme des russischen Volkes, besonders der jungen Männer, die zu ihr besonders zuvorkommend und charmant, aber sehr selten obszön oder plump waren. Dies hatte die junge Französin unter den Jugendlichen ihres Landes anders empfunden. Vielleicht lag es daran, dass Eva Maelle Lavoie die russischen Männer meist sympathisch fand und sie neu in der Stadt war. Seitdem sie aber vor einem Tag die Bekanntschaft mit Vitali gemacht hatte, war der jungen Französin noch ein ganz anderer Gedanke gekommen. Sie fand den jungen Journalist, der ihr gegenüber so herzhaft schüchtern war, ziemlich anziehend und fand es spannend einmal nicht erobert zu werden, sondern selbst die Initiative zu ergreifen, um dem jungen Russen die Angst zu nehmen und sich ihm anzunähern. Eva Maelle Lavoie hatte sich verliebt. In Frankreich hätte sie sich das selbst nie eingestanden, es verdrängt, aber in Sankt Petersburg lebte sie es mit einem beschwingten Gefühl des Frohsinns aus.

    Daher freute sich die Französin nun auch darauf endlich in ihre Wohnung zurückzukehren. Sie wollte noch einmal mit dem jungen Russen reden und ihn vielleicht in ihre Wohnung bitten. Gleichzeitig kamen zu diesen positiven Gedanken aber auch negative, als sie in der kühlen Dunkelheit des frühen Abends an die brutalen Morde denken musste, die praktisch kurz neben ihrer Haustür passiert waren.

    Deshalb beschlich sie auch direkt ein seltsames Gefühl, als sie den dunklen Wagen mit den getönten Scheiben sah, der gegenüber ihrer Wohnung völlig deplaziert wirkte. Die Französin bekam eine Gänsehaut und machte einen großen Bogen um das bedrohliche Gefährt und bemerkte überrascht, dass auch Ekatarina besorgt aus ihrem Fenster blickte und sehr aufgelöst dabei aussah. Nur müde nickte sie der verwunderten Französin zu, die sich noch einmal zu dem unheimlichen Wagen umwandte, bevor sie in die Eingangshalle des Hauses trat.

    Dort nahm sie Mütze und Schal ab und fuhr mit ihren feingliedrigen Fingern durch ihr Haar, das trotz der Mütze einiges vom hektischen Schneegestöber abbekommen hatte, das jetzt in den Gassen Sankt Petersburgs immer stärker wurde. Zitternd blies sie in ihre kalten Hände, um sich ein wenig aufzuwärmen.

    Erst jetzt erblickte sie Vitali, der ebenfalls in der Eingangshalle stand und ein wenig betreten auf die Französin blickte, die ihn überrascht anlächelte. Ihr gefiel seine zurückhaltende Art und Weise, wie er sich im Zaum hielt, obwohl er es wohl kaum erwarten konnte die junge Französin endlich zu begrüßen, denn seine Augen strahlten vor Freude auf, als er sie sah.

    Die Kälte des Abends war für die Französin sofort vergessen, denn nun wurde sie von einer inneren Wärme, einem angenehmen Kribbeln beherrscht, als sie auf Vitali zuschritt, der ihr galant die Hand hinhielt. Dann nahm der Russe die Hand der Französin, umschloss sie mit beiden Händen, rieb sie leicht gegeneinander, sodass die letzte Kälte entgültig vertrieben war, bevor er sich leicht verbeugte und die Hand der Französin sanft küsste. Eva Maelle Lavioe war überrascht, dass diese Geste nicht aufgesetzt und selbstsicher, sondern respektvoll und herzlich wirkte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass ein französischer Junge je so auf sie zugetreten war.

    „Du hattest wohl Sehnsucht nach mir, dass du mich so in der Eingangshalle empfängst.“, bemerkte die Französin spöttisch und stellte belustigt fest, dass Vitali bei diesem Kommentar immer noch errötete, allerdings schon wesentlich weniger als noch am Vormittag. Das letzte Eis schien langsam, aber sicher gebrochen zu sein.

    „Ich war noch bei Ekatarina und habe dich schon von Weitem an deiner eleganten Kleidung erkannt und wollte dich empfangen, bevor ich selbst auf mein Zimmer gehe.“, bemerkte Vitali, der insgeheim aber auch froh wirkte aus der Wohnung der nervösen Vermieterin endlich erfolgreich entkommen zu sein.

    „Dann werde ich dich gerne nach oben begleiten. Wie wäre es, wenn du noch kurz in meiner Wohnung vorbeischaust? Ich habe französischen Kaffee und sogar einige Croissants und andere Spezialitäten in einem Laden hier in der Nähe gefunden. Diese Dinge würde ich gerne mit einer Person teilen, die an der französischen Kultur besonders interessiert ist.“, schlug Eva Maelle mit einem charmanten Lächeln vor und hakte sich sanft bei Vitali unter, der zunächst überrascht wirkte, dann aber fröhlich auf die Geste und das Angebot einging.

    „Das ist lieb von dir und würde mir große Freude bereiten.“, gab er mit einem strahlenden Lachen zurück und blickte der Französin tief und gefühlvoll in die Augen.

    Für einen Augenblick vergaßen die beiden alles um sich herum und versanken nur in den Augen der anderen Person. Eva Maelle bekam dabei fast zittrige Knie und hakte sich noch fester und enger bei Vitali unter, der mit seiner Hand wie zufällig sanft über den Arm der Französin strich.

    Erst nach einigen Sekunden blickte Vitali verlegen zu Boden, doch da schmiegte sich die Französin sanft an ihn und berührte in mit ihren kalten Fingerspitzen sanft im Gesicht. Der Russe konnte eine wohlige Gänsehaut nicht vermeiden und aus seiner gesamten Körperhaltung sprach nun fast unverhohlen eine freudige Erregung.

    Dieses Gefühl der Geborgenheit und Harmonie wurde plötzlich abrupt unterbrochen, als die Tür zur Eingangshalle grob aufgerissen wurde.

    Vitali fuhr herum, kalte Luft streifte sein Gesicht und er hörte gleichzeitig den alarmierenden Ruf von Ekatarina, die in ihrer Wohnung wohl kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Aus dem Schatten des Eingangsportals hastete überstürzt eine sportliche Person, die ein seltsames, längliches Gerät in ihren Händen umklammert hielt, in die Eingangshalle.

    Da peitschte plötzlich ein erster Schuss auf, der die Flügeltür des Portals dumpf zerfetzte. Instinktiv ließ sich Vitali fallen, riss dabei die Französin mit herunter und legte sich dann schützend über sie, während er schreckensstarr sah, wie der gehetzte Ankömmling sein längliches Gerät hektisch in eine Ecke warf und stattdessen in seiner Jackentasche nestelte.

    Vitali wurde auf einmal schlagartig klar, was der Ankömmling gerade weggeworfen hatte. Das längliche Gerät war nichts Anderes, als ein Gewehr mit Zielfernrohr und Schalldämpfer gewesen.

    Doch diese Entdeckung wurde plötzlich erschreckend irrelevant, als die gehetzte Person ein anderes grausiges Mordinstrument aus ihrer Jackentasche zu Tage förderte. Denn plötzlich blickte Vitali in den kalten und dunklen Lauf einer kleinen Pistolenmündung.

    Vitali erstarrte und sein Herz drohte vor Aschreck stillzustehen, nachdem es in den letzten Sekunden unaufhaltsam brutal gegen seine Rippen geschlagen hatte. Seine französische Nachbarin reagierte hingegen mit einem Angstschrei und hektischen Bewegungen, da sie sich unter Vitali befreien wollte und auf einmal die Beherrschung verlor.

    Gerade als der verwirrte Vitali nun endlich reagieren wollte und erkannte, wer da vor ihm mit der Waffe stand, brach um ihn herum die Hölle los!

     

    Sergej spähte durch das leichte Schneegestöber vorsichtig in Richtung des Daches, wo er einen dunklen Schatten in Militärjacke in seine Richtung laufen sah. Der nervöse Journalist musste innerhalb weniger Sekunden seine Deckung aufgeben!

    Sergej drückte sich dicht an der Rückseite des stinkenden Containers entlang und erblickte ein halb zersplittertes Fenster schräg neben dem Bauwagen. Dahinter befand sich ein dunkler, weitflächiger Raum.

    Sergej wog kurz ab, ob er den Sprint dorthin wagen sollte, aber er sah einfach keine andere Alternative mehr. Viel Zeit zum Überlegen blieb ihm ohnehin nicht, aber jede falsche Entscheidung konnte gleichzeitig auch die letzte in seinem Leben bedeuten.

    In diesem Moment peitschte ein Schuss unmittelbar neben Sergej in den Boden und dies war augenblicklich das Startsignal für den gehetzten Journalisten. Er stolperte vorwärts, während das Echo des peitschenden Schusses noch schmerzhaft in seinen Gehörgängen widerhallte und einen leichten Schwindel bei ihm verursachte.

    Mühsam beschleunigte Sergej seine Schritte. Die Umgebung verschwamm leicht vor seinen Augen, eine drückende Übelkeit breitete sich in seinem Magen aus und schien unaufhörlich in ihm hochzusteigen. Der Stress, die plötzliche Hitze seines Körpers und die Todesangst vermischten sich zu einem dunklen, alles auflösenden Strudel, der Sergej seine letzten Kräfte abverlangte.

    Der junge Journalist konnte nicht mehr klar denken, hetzte wie in Trance über das hochgewachsene Unkraut, stolperte über alte Autoreifen und kam schließlich kurz vor das Fenster. Ein weiterer Schuss peitschte auf und hämmerte in den lädierten Bauwagen neben ihm. Noch einmal würde Sergej nicht solches Glück haben.

    Sergej sprang und beugte sich bei seinem Sprung leicht nach vorne, riss die Arme dabei vor sein Gesicht, um sich vor den Glasscherben zu schützen und winkelte seine Beine an. Gleichzeitig erreichte der Schwindel und das Übelkeitsgefühl ihren Höhepunkt, als Sergej durch die verdreckten Glasscherben stürzte, die unter der Wucht seines Sprungs klirrend zerbrachen und wie kleine Nadelstiche auf ihn einregneten. Der Journalist hatte dabei Glück, dass er sein Gesicht mit den Händen schützte, die einige feine Splitter abbekamen.

    Durch den Sturz durch die Scheibe wurde die Geschwindigkeit seines Sprungs enorm vermindert, sodass Sergej auf der anderen Seite der Glasscheibe die Kontrolle über seinen Körper verlor, Übergewicht bekam und drohte mit dem Kopf zuerst auf dem harten Boden aufzukommen. Irgendwie schaffte der flinke Russe es noch sich ein Stück zur Seite zu drehen, sodass er auf seiner linken Schulter landete, einen stechenden Schmerz fühlte, sich aber noch reflexartig abrollen konnte.

    Erst jetzt kam Sergej zum Stillstand und blieb schwer keuchend auf dem Rücken liegen. Alles um ihn herum drehte sich und er musste angespannt die Augen schließen. Schweiß rann über sein Gesicht, der unangenehme Geruch benebelte seine Sinne. Die Kälte der leeren Fabrikhalle kühlte und beruhigte ihn jedoch nach wenigen Minuten wieder. An den unheimlichen Schützen und die immer noch drohende Gefahr, die von ihm ausging, dachte er dabei für einen Moment nicht mehr.

    Plötzlich hörte Sergej vorsichtige Schritte, die er zunächst nur sehr undeutlich wahrnahm. Langsam kamen sie von hinten näher auf ihn zu. Es dauerte eine Weile, bis Sergej wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, der Schmerz in seiner Schulter trug seinen Teil auch dazu bei. Mit zitternden Händen zupfte sich Sergej einige Glassplitter aus seiner Haut und spürte das feine, süßliche Blut, das sanft aus den Wunden rann. Er hatte Glück gehabt, dass keine Scherbe tiefer eingedrungen war und dass er nicht direkt in dem Scherbenhaufen unmittelbar hinter der Scheibe gelandet war und sich noch in Sicherheit hatte rollen können.

    Langsam kam Sergej zur Besinnung und nahm nun überdeutlich das Echo der vorsichtigen Schritte war. Da fiel plötzlich ein leichter Schatten über das Gesicht des Journalisten. Instinktiv zuckte dieser herum, griff mit seiner Hand in die bedrohliche Dunkelheit und bekam den Schenkel des Ankömmlings zu fassen, riss hart daran und hörte den überraschten und empörten Aufschrei eines Mannes, der mit solch einer raschen Reaktion nicht gerechnet hatte, strauchelte, das Gleichgewicht verlor und in den dreckigen Staub des Hallenbodens fiel, während Sergej sich stöhnend aufrappelte und seinem Angreifer grimmig ins Gesicht blickte.

    Da ereilte Sergej die nächste faustdicke Überraschung!

    Der Mann, der mit abwehrend erhobenen Armen neben ihm auf dem Boden lag, war keinesfalls der Angreifer mit der Militärjacke, sondern der schläfrige Obdachlose, der am Eingang der Fabrikhalle um Geld gebettelt hatte. Scheinbar hatte sich der in Lumpen gekleidete Mann ebenfalls ins Fabrikgebäude gerettet, als er die Schüsse gehört hatte und nun nach dem verfolgten Sergej umgesehen.

    „Nein, nein, ich will dir nichts tun. Ich möchte dir nur helfen. Ich bin ein Freund! Ich bin nicht der Kerl, der vom Dach auf dich geschossen hat. Warte, pass auf, ich habe dir ein Angebot zu machen.“, stotterte sich der Obdachlose zusammen und hatte Sergej recht schnell von seinen Worten überzeugt.

    Der Journalist reichte dem Obdachlosen seine Hand und half dem zitternden Mann auf, der sich jedoch rasch von seinem kleinen Schock erholt hatte. Bevor Sergej sich entschuldigen konnte, hatte der eifrige Mann wieder das Wort ergriffen und textete den Journalisten hektisch und erwartungsvoll zu. Dabei stank seine Kleidung extrem nach Rauch, der Atem des Obdachlosen roch nach starkem Alkohol. Sergej wandte sich schützend ein wenig zur Seite und atmete flach ein. Allmählich kam er auch wieder zu Kräften und hatte die Übelkeit endlich besiegt.

    „Ich habe zwar keine Ahnung, warum dieser Kerl so darauf aus ist dich umzubringen, aber ich habe zuvor schon mitbekommen, wie er einen anderen Kerl erschossen hat, der aus dem Bauwagen gekommen ist. Ich hatte verdammt viel Glück, dass er mich nicht gesehen hat, weil ich gerade pinkeln gewesen war und mich im Treppenhaus verstecken konnte. Ich dachte schon, die Luft sei rein und ich war gerade wieder an meinem Stammplatz, als du aufgekreuzt bist. Ich dachte schon, du würdest zu diesem Mörder gehören und habe ganz schnell versucht mich als harmlosen, schlaflosen Obdachlosen darzustellen. Verdammt, in letzter Zeit kommt man hier im Viertel einfach nicht mehr zur Ruhe, dabei will ich möglichst keinen Ärger mit Mafia, Polizei oder Ordnungsämtern, das ist mir alles gleichsam zuwider. Pass auf, dieser Typ bringt hier Unruhe hinein und er könnte jeden Moment um die Ecke kommen und dich erschießen. Wie ich sehe bist du waffenlos. Aber ich bin es nicht. Ich habe hier eine alte Beretta, die immer noch gut funktioniert und voll geladen ist. Die könnte dir jetzt das Leben retten. Für fünftausend Rubel gehört sie dir!“, schlug der Obdachlose vor und hatte eine Waffe älteren Datums aus seinen Lumpen hervorgezaubert, die an einigen Stellen schon arg rostig wirkte, aber insgesamt in der Tat noch funktionsfähig aussah.

    Sergej schnappte empört nach Luft. Er empfand es als eine Dreistigkeit, dass dieser unverschämte Obdachlose seine missliche Lage so schamlos ausnutzen wollte und aus dem möglichen Tod einer Person auch noch Profit schlagen wollte. Dem heruntergekommenen Waffenhändler war es dabei nämlich vermutlich ziemlich gleichgültig, ob Sergej überleben würde oder nicht, denn dieser Mann wollte lediglich ein gutes Geschäft machen. Fünftausend Rubel waren ein horrender Preis.

    Sergej wollte das Angebot schon wütend in den Wind schlagen, sich den Obdachlosen greifen und zur Hölle jagen, doch da kamen seine Gedanken ins Stocken, denn mit einer Sache hatte der dreiste Kerl nicht unrecht. Sergej war völlig unbewaffnet und der Killer würde wohl nicht mehr lange brauchen, um die Seite der Fabrikhalle zu wechseln und ins Erdgeschoss zu hetzen, um ihn um die Ecke zu bringen. Der Raum war völlig kahl und es gab im Grunde kaum Versteckmöglichkeiten, wie Sergej wieder mit wacherem Blick feststellen konnte. Eine Flucht würde er konditionell kaum schaffen, zudem blieb dann auch noch die Gefahr, dass der Gegner ihm einfach eiskalt in den Rücken schoss oder sich auf dem Dach der recht hoch gebauten Fabrik postierte, um ihn in den Gassen des Viertels einfach aus der Ferne zu erschießen.

    Sergej stellte mit geballten Fäusten und zitternder Unterlippe fest, dass er keine andere Wahl hatte, als auf den elenden Halsabschneider so schnell wie möglich einzugehen. Der Obdachlose blickte ihn gleichzeitig triumphierend, wie auch gierig und erwartungsvoll an. Er kannte zwar keinen Skrupel, hatte jedoch offensichtlich seit der überraschenden Attacke des Journalisten wenigstens ein bisschen Respekt vor diesem und war einige Meter zurückgewichen. 

    Sergej versuchte seine unbändige Wut im Zaum zu halten, auch wenn sich sein Gesicht schon dunkelrot verfärbt hatte und seine Halsschlagader bedrohlich angeschwollen war.

    „Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich mit fünftausend Rubeln in der Tasche hier in dieses dreckige Viertel komme, oder? Du hast die Waffe doch ohnehin von irgendeinem Mafioso geklaut. Mehr als fünfhundert Rubel bekommst du dafür nicht von mir!“, gab Sergej mit schäumendem Speichel vor den Lippen zurück.

    Da wandte sich der Obdachlose spöttisch lachend ab und trabte kopfschüttelnd davon. Sergej geriet in Panik, der Schweiß brach ihm wieder in Strömen aus und er schielte ängstlich zu dem kahlen Treppenhaus, aus dem jederzeit der erbarmungslose Mörder stürmen konnte. Sergej glaubte sogar schon aus der Ferne hektische Schritte zu hören, die sich vom oberen Bereich des Gebäudes näherten.

    „Fünfhundert Rubel will er mir geben. Fünfhundert Rubel ist ihm sein eigenes Leben wert!“, sprach der Obdachlose zu sich selbst, doch diese Reaktion zeigte immerhin auch, dass er immer noch handlungsbereit war und den Journalisten zu einem neuen Angebot provozieren wollte.

    „Verdammt, du mieser Halsabschneider, ich habe doch kaum etwas dabei! Ich biete dir tausend Rubel, mehr kann ich einfach nicht für dich tun. Mach schnell, bevor der Killer zurückkommt und uns beide über den Haufen schießt!“, mahnte Sergej und eilte rasch auf den Obdachlosen zu, der abwehrend die Hände gehoben hatte und vor dem energischen Journalisten weiter zurück wich.

    „Moment mal. Tausend Rubel sagst du? Weißt du wie viele Nerven und wie viel Mut es mich damals gekostet hat an diese Waffe zu kommen? Sie hat mir hier im Viertel schon das ein oder andere Mal verdammt viel Ärger erspart. Ich gebe dir hier sozusagen meine Lebensversicherung und die ist mir verdammt noch mal mehr Wert als läppische tausend Rubel.“, argumentierte der Obdachlose äußerst geschickt und wirkte bei seinen Ausführungen fast stoisch ruhig und von sich selbst überzeugt.

    Sergej biss grimmig die Zähne zusammen und knackte drohend mit seinen Fingern, während er sein Gegenüber aggressiv fixierte. Am liebsten hätte er sich sofort auf den Obdachlosen gestürzt, doch er wusste selbst, dass er gerade in dieser heiklen Situation irgendwie einen kühlen Kopf bewahren musste.

    „Ich habe eintausendzweihundert Rubel dabei, mehr kann ich dir nicht geben. Entweder du nimmst das Angebot an und verschwindest oder du diskutierst hier noch weiter und wirst gleich von dem wahnsinnigen Killer erschossen. Dann hast du gar keine Lebensversicherung mehr!“, forderte Sergej sein Gegenüber heraus und dieser wog seinen Kopf nachdenklich hin und her, ließ sich mit einer Antwort aber noch Zeit.

    Sergej fand, dass der dreiste Waffenhändler die Sache viel zu gemächlich anging und kramte in seiner Jackentasche hektisch nach den Rubelscheinen, die er wild zusammenklaubte. Er hatte tatsächlich recht viel Geld dabei, da er vorgehabt hatte am Abend einkaufen zu gehen und seinen Wagen in eine Autowerkstatt zu bringen. Dieser Umstand rettete ihm nun vielleicht sein Leben, denn endlich stimmte der Obdachlose dem Handel zu und hielt Sergej seine dreckige Hand hin. Widerwillig schlug der Journalist ein, zählte hektisch das Geld ab und drückte es dem zufrieden grinsenden Obdachlosen in die Hand, der sich die Zeit nahm, die Summe auch noch einmal mit gierigen Blicken zu überprüfen.

    „Verdammt, nachzählen kannst du das auch noch später. Gib mir sofort die Knarre!“, herrschte Sergej den Obdachlosen an, der sich davon aber kaum stören ließ, bis er endlich zu Ende gezählt hatte und zufrieden nickte.

    „Du hast dich verzählt und mir sogar eintausenddreihundert Rubel gegeben.“, bemerkte der Obdachlose mit einem glücklichen Grinsen.

    „Das ist schön für dich. Jetzt gib mir endlich die Knarre!“, schrie Sergej außer sich vor Wut und seine Blicke rasten immer wieder hektisch in Richtung des Treppenhauses, aus dem er jetzt immer deutlicher schnelle Schritte vernahm. Es konnte sich nur noch um wenige Augenblicke handeln, bevor der unbekannte Attentäter die unterste Halle erreicht hatte.

    „Moment, ich kann sie dir doch nicht so einfach geben. Nachher schießt du mir noch in den Rücken und holst dir dein Geld zurück. Nein, nein, so dumm bin ich nicht. Ich gehe dort hinten zum Tor und lass die Waffe dort liegen und dann haue ich ab!“, bestimmte der Obdachlose und setzte sich provozierend gemächlich rückwärts gehend in Bewegung, nachdem er das Geld ungeordnet irgendwo zwischen seinen Lumpen verstaut hatte.

    Sergej wurde fast ohnmächtig vor Angst und Wut, doch ihm waren die Hände gebunden und er hatte keine andere Wahl, als sich nach dem cleveren Halsabschneider zu richten. Er schwor sich mit grimmiger Inbrunst, dass der Obdachlose diese Tat eines Tages bereuen und Sergej es ihm heimzahlen würde.

    Endlich hatte der Obdachlose das Tor erreicht, das in einen schmalen Gang mündete, der in eine kleinere Halle an der linken Seite des Komplexes führte. In der Mitte dieser Halle war offenbar eine Feuerstelle, da dort noch alte Kohle und morsches Holz herumlag. Demonstrativ nahm der Obdachlose die Pistole, hob sie deutlich hoch und legte sie behutsam mittig vor das Tor und wollte sich dann mit erhobenen Armen rasch aus dem Staub machen.

    „Was ist mit den Patronen?“, schrie Sergej ihm fragend zu und der Obdachlose fühlte sich seltsam ertappt, bevor er in seine Lumpen griff und einige Patronen neben die Waffe fallen ließ. Hämisch grinsend nickte er dem Journalisten zu.

    „Es hat mich gefreut Geschäfte mit dir zu machen. Viel Glück!“, rief er ihm spöttisch zu und verneigte sich theatralisch, bevor er herumfuhr und hastig in die Nebenhalle raste, wo er aus dem Blickfeld des Journalisten verschwand, der zum Sprint ansetzte und sich nun selbst auf die Waffe stürzte. Er hatte dem Obdachlosen noch eine markige Beleidigung hinterher rufen wollen, doch jetzt drängte die Zeit und er wollte sich nur noch auf seinen eigentlichen Gegner konzentrieren.

    Rasch hetzte Sergej zu der Waffe, bückte sich und hob die rostige Beretta auf. Sie glitt ihm in seiner nervösen Hektik beinahe aus den Händen, dann hatte er sich endlich unter Kontrolle und überprüfte das Magazin. Die Waffe war tatsächlich noch mit einigen Patronen versehen worden. Die restliche Munition, die der Obdachlose achtlos auf den Boden geworfen hatte, klaubte der Journalist zusammen und steckte sie sich in seine Jackentasche. Dann entsicherte er die Waffe, blickte sich gehetzt um und ging hinter einem kahlen Betonpfeiler in Deckung.

    Tief atmete der Journalist durch und versuchte seinen Puls zu beruhigen, was ihm nur schwerlich gelang.

    Dann ertönten polternde Schritte und Sergej sah aus seiner Deckung, wie ein Mann mit vernarbtem Gesicht, der mit einem gewaltigen Gewehr mit Zielfernrohr und Schalldämpfer bewaffnet war, aus dem Treppenhaus kam, sich im Halbkreis drehte und nach seinem potenziellen Opfer umsah.

    So gut die Waffe auch vom Dach des Gebäudes funktioniert hatte, so unhandlich war sie nun in der Fabrikhalle für einen möglichen Nahkampf geeignet. Vermutlich hatte der Schütze damit gerechnet, einen fliehenden Mann zu verfolgen, den er aus sicherer Distanz problemlos eliminieren konnte, denn er zeigte sich sichtlich verwirrt, als er hektisch herumwirbelte und in der kahlen Halle niemanden entdeckte.

    Das war die große Chance für Sergej, der vorsichtig aus seiner Deckung hervorlugte und das Profil seines Gegners zu Gesicht bekam. Der Journalist atmete tief durch, sein Arm wurde durch das Gewicht der Waffe ein wenig schwer und fing leicht an zu zittern. Sergej hatte noch nie in seinem Leben direkt auf einen Menschen schießen müssen. Er hatte immer gedacht, dass er in einem solchen Moment Skrupel bekommen würde, doch jetzt fühlte er sich doch entschlossen, seinen Feind erbarmungslos niederzustrecken, denn er wusste, dass ein Fehlschuss oder eine falsche Bewegung seinen eigenen Tod bedeuten könnte.

    Mit grimmiger Wut spannte Sergej den Abzugshahn, visierte seinen Gegner so gut es eben ging an und drückte dann mit verengten Augen und grimmig zusammen gebissenen Zähnen endlich ab.

    Es lag wohl daran, dass Sergej keine große Erfahrung im Umgang mit Waffen hatte und dass die rostige Beretta ein wenig hakte, denn er verfehlte das frei sichtbare Ziel doch deutlich. Seine Kugel schlug fast zwei Meter über seinem Gegner in einen maroden Belüftungsschacht. Der Einschlag machte einen höllischen Lärm und ließ den anderen Schützen erschrocken herumfahren.

    Trotz seines Fehlschusses wurde Sergej nicht nervös, sondern eher noch mutiger und trat entschlossen aus seiner Deckung hervor. Über die Risiken dachte er gar nicht mehr nach, überhaupt war in seinem Kopf eine seltsame stumpfe Leere. Er agierte nur noch instinktiv, denn es ging um sein Leben und dieser heikle Fakt legte seine Vernunft völlig lahm.

    Die Blicke der Kontrahenten begegneten sich in der düsteren Fabrikhalle. Der Blick des Journalisten war starr und gehässig, während der Blick des anderen Mannes kalt und zu allem entschlossen wirkte. Sergej empfand den Blick des Gegners als durchweg böse, was zu seinem entstelltem Äußeren passte.

    Sergej hatte den Überraschungsmoment auf seiner Seite und war auf eine nächste Attacke vorbereitet. Gleich zweimal drückte er kurz hintereinander ab, wobei beim zweiten Mal der Lauf der Beretta wieder ein wenig hakte.

    Sein Gegenüber warf sich instinktiv zu Boden, robbte zurück in Richtung Treppe, während die erste Kugel dumpf in die brüchige Wand schlug, vor welcher der Killer vor Sekundenbruchteilen noch gestanden hatte. Die zweite Kugel verschwand als Querschläger irgendwo unkontrolliert in den Weiten der Fabrikhalle, doch trotz der mangelnden Präzision war der Mann mit dem Narbengesicht offensichtlich von der Entschlossenheit des Journalisten beeindruckt, denn er trat rasch den Rückzug an und stürzte die Treppe hinauf, von der er kurz zuvor erst heruntergestiegen war. Vermutlich hatte er sich seinen Gegner als ein leichteres Opfer vorgestellt und auf einen hilflosen und ängstlichen Gegenspieler gesetzt.

    Doch Sergej wuchs in diesen Momenten über sich hinaus. Anstatt selbst nun den Rückzug anzutreten, stürmte er weiter vorwärts auf die Treppe zu und jagte noch beim Laufen einen weiteren Schuss in Richtung des Angreifers, der allerdings bereits die erste Biegung der Treppe hinter sich hatte, die fast spiralenförmig in die Höhe führte. Die Kugel jagte gegen das eiserne Treppengeländer und machte einen unerträglichen Lärm, bevor auch diese Kugel als Querschläger davon schlug und erst von einer unverputzten Mauer gestoppt wurde.

    Sergej hetzte in das Treppenhaus und warf einen Blick in die Höhe, wo er seinen Gegner allerdings nicht sehen konnte. Dafür hörte er seine hastigen Schritte und den keuchenden Atem. Mit seinem Gewehr hatte der Mörder in diesem Treppenhaus ohnehin die schlechteren Karten und es blieb ihm kaum etwas anderes übrig, als einen taktischen Rückzug anzustreben.

    Sergej setzte seinem Gegner erbarmungslos nach und agierte mit einer Entschlossenheit, vor der er selbst erschrak, doch er blendete jegliche Zweifel und Ängste fast völlig aus und rannte mechanisch vorwärts.

    Auch er hatte jetzt die erste Biegung geschafft und sprang im Halbdunkel über alte Kabelrollen, einige Werkzeugkästen und sogar über alte Tapetenrollen hinweg. Vor sich sah er einen undeutlichen Schatten um die nächste Biegung verschwinden. Sergej gab dies Mut und er beschleunigte seine Schritte noch einmal.

    Keuchend und schweißüberströmt setzte er dem Gegner nach, blieb plötzlich an einer alten Wasserwaage hängen und fiel der Länge nach auf die Treppenstufen. Dabei löste sich direkt neben Sergejs Ohr ein krachender Schuss aus seiner Beretta, der zum Glück unkontrolliert in die Decke einschlug und ihn selbst nicht verletzte. Putz bröckelte von der Einschussstelle in das Treppenhaus.

    Sergej hörte einige Zeit lang nur ein monotones Piepsen in seinen Ohren und spürte auch den Schmerz in seiner Schulter wieder. Er war aus seiner Trance hinter einem Schleier der Wut erwacht und realisierte, dass er sich immer noch in akuter Gefahr befand.

    Mit schmerzverzerrtem Gesicht rappelte er sich auf und taumelte ein wenig langsamer als zuvor vorwärts, doch er peitschte sich selbst mental an, indem er sich einredete, dass der Mörder um keinen Preis entkommen und noch mehr Unheil anrichten durfte. An sein eigenes Schicksal dachte Sergej dabei nicht mehr.

    Mühsam nahm er wieder Fahrt auf, achtete jetzt mehr auf seine Umgebung und umging Farbtöpfe und auf dem Boden verteilte Schraubenschlüssel. Die Schritte seines Gegners waren jetzt schon weiter entfernt, aber noch deutlich hörbar, bis sie plötzlich abrupt aufhörten.

    Sergej blieb ebenfalls atemlos stehen und lauschte angestrengt. Mit einem flauen Gefühl im Magen malte er sich bereits aus, dass sein Gegenspieler noch im Treppenhaus lauerte und darauf wartete, dass Sergej in sein Visier geriet. Möglicherweise hatte der Mörder auch den Rückweg angetreten und wollte Sergej entgegen kommen, um ihn zu überraschen.

    Der Journalist war gewarnt und drückte sich eng an die Mauer des Treppenhauses, huschte dann um die nächste Biegung, seine Beretta schussbereit umklammert. Erneut blieb der Journalist stehen und lauschte. Außer seinem eigenen flachen Atem, der ihm viel zu laut und verräterisch vorkam, konnte er aber keine verdächtigen Geräusche ausmachen.

    Sergej wartete einige endlos erscheinende quälende Augenblicke ab, dann setzte er sich wieder vorsichtig in Bewegung, als er plötzlich das Bröckeln eines Stückes Putz hörte und mit rasendem Herz alarmiert um die nächste Biegung huschte.

    Dort stand tatsächlich sein Gegenspieler, der sich ebenfalls dicht an der Wand hielt und dabei unvorsichtigerweise ein Stück lockeren Putz mit seiner Schulter aus der Wand gelöst hatte. Die Blicke der Kontrahenten begegneten sich wieder für wenige Augenblicke. Sergej wirkte grimmig und erregt, sein Gegenspieler war hingegen über seinen eigenen Fehler erschrocken und über das plötzlich Erscheinen des mutigen Journalisten überrascht.

    Daher kam wieder Sergej zuerst zum Schuss, denn er agierte noch in seiner huschenden Bewegung, doch sein Gegner eilte weiter nach oben und verschwand hastig in der Dämmerung des Treppenhauses. Der Schuss selbst jagte in eine der Treppenstufen und Sergej fluchte laut. Er ärgerte sich über seine mangelnde Professionalität und nahm sich vor zukünftig das Schießen regelmäßig zu trainieren – falls er den heutigen Tag überleben sollte.

    Mit seinem Schicksal hadernd stürmte er weiter in die Höhe und sah plötzlich ein mattes Licht über sich. Die beiden Kämpfenden hatten das Dach erreicht.

    Sergej verlangsamte seine Schritte und gewöhnte sich rasch an das Halbdunkel der Nacht, das nur unwesentlich heller war als die Dunkelheit im Treppenhaus. Das Dach der Fabrik war ebenso kahl und schmutzig wie die Innenräume. Viele Schornsteine oder Lüftungsschächte mündeten hier und so gab es jede Menge Versteckmöglichkeiten für den mysteriösen Attentäter, den Sergej nicht sofort erspähte. Dennoch spürte der Journalist eine fast knisternde Spannung in der Atmosphäre und war weiterhin gewarnt.

    Vorsichtig trat er nach draußen, wo ihn eine kalte Windbö empfing, die wild mit seinen Haaren spielte und ihm für einen Moment die Sicht verdeckte.

    Das war die Chance für seinen Gegner, der sich hinter einem der Schornsteine versteckt hielt, schnell sein Gewehr ansetzte, feuerte und noch im selben Moment los zum anderen Ende des Daches lief, um mit einem waghalsigen Sprung auf das Nachbargebäude überzusetzen, dessen Dach immerhin gute drei Meter tiefer und zudem durch eine schmale Gasse zwischen den Gebäuden etwas mehr als zwei Meter auseinander lag.

    Sergej war sofort losgesprintet, als er die Windbö gespürt hatte und dennoch glaubte er auf unheimliche Art und Weise den Luftzug der Kugel zu spüren, die an ihm vorbei und in die Öffnung zum Treppenhaus schlug. Der Schütze war zu unkonzentriert gewesen und hatte Sergej eher noch wütender, als vorsichtiger gemacht, denn er setzte seinem Gegner nach und erreichte ebenfalls das Ende des Daches.

    Im Laufen sah er wie sein Gegenspieler das gegenüberliegende Dach unbeschadet erreicht hatte und nun in der Deckung einiger billiger Leuchtreklamen entlang lief, um auf das nächste Gebäude überzusetzen, das eine Mischung aus einer billigen Kneipe und einer schäbigen Pension war. Für die faszinierende Aussicht über das hafenviertel aus dieser Höhe hatten beide Männer keinen Blick übrig.

    Sergej versuchte seine Gedanken auszuschalten und bekam doch schwitzige Finger, als er den dunklen Abgrund unter sich erblickte. Im letzten Moment stoppe er seinen Lauf und starrte atemlos und starr auf das Hindernis. Er schüttelte langsam und fassungslos den Kopf. Er war weit gegangen, aber den nächsten Schritt wollte er nicht wagen, denn dies war selbst dem sportlichen und mutigen Journalisten zu riskant. Er traute sich gar nicht einmal in die Tiefe zu sehen, denn er wusste von sich selbst, dass er leichte Höhenangst hatte und bei dem Blick noch mehr Angst bekommen würde.

    Da stoppte der Attentäter plötzlich auf dem Dach der Pension und blickte sich um. Als er den zögernden Sergej sah, nahm er sein Gewehr wieder zu Hand und visierte das Dach der alten Fabrik an. Der Journalist bekam es mit der Angst zu tun. Er war eine kaum zu verfehlende Zielscheibe auf diesem Dach und für einen Rückzug war es nunmehr längst zu spät. Er hatte nur eine einzige Wahl: Er musste seine Angst überwinden und springen!

    Sergej schloss die Augen, taumelte einige Schritte rückwärts. Dann atmete er tief durch, öffnete seine Augen wieder und sah, dass sein Gegner immer noch mit dem Gewehr hantierte und durch das leichte Schneegestöber in der Atmosphäre irritiert wirkte. Das war Sergejs letzte Chance.

    Er lief los, machte sich selbst mit einem Urschrei aus der Tiefe seiner Kehle Mut und sprang wuchtig ab. Sein Herz drohte auszusetzen, als er im letzten Moment mit dem Standbein abrutschte und sich torkelnd mit seinem schwächeren Bein abstoßen musste. Sergej schien fast in der Luft zu stehen und das Dach des anderen Hauses schien unendlich fern zu sein. Der Journalist streckte hilflos seine Arme aus und neigte sich leicht nach vorne. Die Kante des gegenüberliegenden Daches wirkte auf ihn wie eine scharfkantige Grenze und der Abgrund unter ihm wie ein Portal zur Hölle.

    Doch die Hölle schien ihn nicht verschlingen zu wollen, denn Sergej prallte auf dem rauen Dach auf, ließ sich sofort nach vorne fallen und hatte den riskanten Sprung unverletzt überstanden. Mit viel Adrenalin im Blut rappelte er sich auf, blickte sich noch einmal ungläubig um und stellte fest, dass er viel Glück gehabt hatte, denn er war nicht einmal einen Meter hinter der Dachkante gelandet und war ziemlich schräg gesprungen.

    Das alles zählte jetzt aber nicht mehr. Sergej kopierte die Art des Verfolgten und lief hinter den großen Leuchtreklamen und Werbetafeln her, sodass auch sein Gegner ihn hier nicht erwischen konnte. Manche der riesigen Tafeln kamen dem Journalisten wie mahnende Zeigefinger vor, andere wiederum wie leblose, müde Überbleibsel eines einst schmucken und lebendigen Viertels, das nunmehr in Kriminalität und Depression versunken war.

    Der verfolgte Attentäter legte es wohl nicht mehr darauf an seinen Gegner zu stoppen, sondern versuchte sich so schnell wie nur irgendwie möglich aus dem Staub zu machen. Das Narbengesicht hatte eine Feuerleiter an der Rückseite der Pension erreicht, die in eine düstere Gasse führte. Sergej erkannte erstaunt, dass es sich um dieselbe Gasse handelte, aus der am frühen Morgen die Polizisten das vierte Opfer geborgen hatten. Der mysteriöse Mörder schien also sozusagen zu seinem Tatort zurückzukehren, falls er wirklich für diese brutalen Taten selbst verantwortlich war. Was Sergej aber gleichzeitig beunruhigte war die Tatsache, dass sich die Wohnung seines Kollegen Vitali am Ende der Gasse befand und der Mörder auch darauf Kurs nehmen könnte und in eine belebtere Straße mit vielen Zivilisten kam. Diese Tatsache ermutigte Sergej noch mehr in seinem Willen den Mörder um jeden Preis zu stoppen.

    Der Schlund zwischen dem zweiten Dach und dem Dach der Pension war relativ schmal und lag fast auf einer Höhe, sodass Sergej ohne Mühe und Angst aus dem Lauf auf die andere Seite hinübersprang und sofort weiterlief. Auch er nahm Kurs auf die Feuerleiter, die unter den hektischen Schritten des Verfolgten erschreckend laut quietschte und in ihren Grundfesten erschüttert wurde. Besonders stabil oder Vertrauen erweckend war die Konstruktion mit Sicherheit nicht.

    Sergej erreichte den Rand der Feuerleiter und blickte nervös in die Tiefe. Er befand sich nur noch etwa fünf bis sechs Meter über der Gasse, sein Verfolger hatte bereits die Hälfte der Strecke überwunden.

    Auch Sergej betrat die Feuerleiter und versuchte mit seiner Beretta den Gegner ins Visier zu nehmen, doch die Stufen und vielen Metallverstrebungen machten dies unmöglich, obwohl der Journalist seinem Gegner wieder näher gekommen war. Eifrig nahm er mehrere der steilen Stufen auf einmal und hörte das protestierende Knirschen des maroden Gerüsts.

    Plötzlich riss hinter Sergej eine der Metallverstrebungen kreischend aus der Wand und der obere Teil der Treppe, die er eben noch behände heruntergesprungen war, wurde aus seiner Verankerung gerissen und schaukelte bedrohlich im dichter werdenden Schneegestöber.

    Dieser Zwischenfall trieb Sergej zu noch mehr Eile an und so nahm er die letzten Meter bis zum Boden mit pantherartigen Sprüngen, bis plötzlich eine der Stufen seinem Gewicht nicht mehr Stand hielt und einfach wie ein morsches Stück Holz zerbrach und in die Tiefe stürzte.

    Sergej blieb an der Stufe hängen, verdrehte sich seinen Fuß und fiel plötzlich vornüber. Im letzten Moment riss er die Arme hoch, sodass nur seine Ellbogen vom Metall der Feuerleiter blutig geschlagen wurden, nicht jedoch sein Gesicht. Sein linker Fuß, der hängen geblieben war, wurde bei dem Sturz an der Kante der weggebrochenen Stufe leicht aufgeschürft und hatte seinen Sturz dadurch ein wenig verlangsamt, sodass Sergej sich irgendwie noch zusammenrollen konnte, bevor er seitlich auf den harten Pflasterstein der Gasse fiel. Der Journalist konnte von Glück sprechen, dass er seinen Fuß bei der Aktion nicht verstaucht oder gar gebrochen hatte.

    Mit letzter Kraft und unter großen Schmerzen rappelte sich Sergej auf, denn er wusste, dass er gerade ein unverfehlbares Ziel abgab, wenn er so in der Gasse liegen bleiben würde. Sein Gegner schien diese Option jedoch gar nicht in Betracht gezogen zu haben, denn er hetzte weiter die Gasse in Richtung Hauptstraße hoch und Sergej humpelte nur mühsam hinterher. Zerknirscht realisierte er, dass der Gegner ihm unter den Bedingungen entkommen würde. Tatsächlich übersprang der Verfolgte soeben die Polizeisperre, welche die Gasse zu den anderen Straßen hin abriegelte.

    Doch plötzlich geschah alles ganz anders als erwartet!

    Sergej sah das dunkle Auto mit den getönten Scheiben auf der Hauptstraße, aus dem plötzlich ein bulliger Kerl stürzte, der einen Revolver in seiner Hand hatte und augenscheinlich auf den Attentäter gewartet haben musste, um ihn zu eliminieren. Der überrumpelte Mörder stürzte hektischer noch als zuvor nach links und verschwand aus Sergejs Blickfeld. Der bullige Kerl aus dem edlen Wagen setzte ihm nach und schoss. Sergej hörte wie Holz zersplitterte, aber keinen Schmerzensschrei, woraus er schloss, dass der Flüchtende der Kugel noch entkommen war.

    Plötzlich aber stockten die Gedankengänge des Journalisten, der schwer keuchend inne hielt und sich erschöpft gegen eine kalte Hauswand zwischen einigen stinkenden Mülltonnen lehnte. Wenn der Mann in dem Auto auf den Attentäter dort gewartet hatte, dann musste dies einen bestimmten Grund gehabt haben. Der Flüchtende war also nicht blind in irgendeine Richtung gelaufen, sondern hatte scheinbar doch ganz bewusst diesen Weg genommen, den er vorher auch schon gekannt zu haben schien.

    Für Sergej, der blitzschnell kombinierte und vor seiner eigenen Erkenntnis erschrak, ließ dies nur einen einzigen Schluss zu: Der Attentäter musste in unmittelbarer Nähe einen Unterschlupf haben. Und plötzlich dachte Sergej an den Morgen, an dem der Oberkommissar einen gewissen Gluschenko hatte sprechen wollen. Sergej erstarrte, denn plötzlich fügten sich die Puzzleteile langsam, aber sicher zusammen.

    Und wenn der Verfolgte tatsächlich Gluschenko war, dann schwebten alle seine Mitbewohner nun in tödlicher Gefahr!

    Sergej ignorierte seine Schmerzen und rannte weiter. Er malte sich schon die schlimmsten Szenarien aus und er bekam panische Angst. In dem Moment ertönte ein zweiter Schuss und der schreckliche Schrei einer jungen Frau.

     

    Diese junge Frau war die Französin Eva Maelle Lavoie, die sich in einer wilden Raserei der Angst aus der Umklammerung von Vitali befreien konnte und versuchte die Treppe hinaufzuhetzen.

    Vitali hingegen starrte wie ein Kaninchen vor der Schlange auf das Narbengesicht des Ankömmlings, der nur Gluschenko sein konnte und ihn mit einer handlichen Waffe traktierte. Der zweite Schuss hingegen war außerhalb des Gebäudes aufgeklungen und war in einer Wand der Eingangshalle eingeschlagen. Fast im selben Augenblick stürzte ein bulliger und ebenfalls bewaffneter Mann in das Haus und riss mit seiner stürmischen Art beinahe die Tür aus ihren Angeln.

    a reagierte plötzlich wieder Gluschenko, der sich kurz umgesehen und Vitali für einige Sekunden vergessen hatte.

    Der Verfolgte fixierte den bulligen Ankömmling und schien plötzlich noch mehr in Panik zu geraten. Seine tief in den Höhlen liegenden, von dunklen Ringen umrandeten Augen, pendelten irr hin und her. Dann sprang Gluschenko an Vitali vorbei, nahm mehrere Treppenstufen auf einmal und schien sich zunächst in das nächste Stockwerk flüchten zu wollen, da alle anderen möglichen Ausgänge durch die anwesenden Personen im Moment blockiert waren und für ihn zu einer tödlichen Sackgasse werden konnten.

    Fluchend stürzte der bullige Ankömmling, der wohl auch Ekatarina unlängst bedroht hatte, nun ebenfalls in die Eingangshalle und begegnete dem verklärten Blick des neuen Mieters und Journalisten, der nicht wusste, wie er mit der Situation überhaupt umgehen sollte.

    Da riss ihn ein neuer Schrei der Französin aus seiner Trance und er drehte hektisch seinen Kopf, bevor er bleich wie eine Wand wurde und erstarrte. Denn seine geliebte Nachbarin war von Gluschenko auf der Mitte der Treppe gestoppt und herumgerissen worden und befand sich nun zappelnd in seinem eisernen Griff. Noch viel schrecklicher als dies war jedoch die Tatsache, dass er seine kleinkalibrige Waffe keuchend gegen die Schläfe der Französin drückte und in triumphierender Nervosität dem bulligen Mann aus dem schwarzen Wagen entgegen blickte, der sich von der improvisierten Geiselnahme jedoch nicht beeindrucken ließ, auch nicht dann, als Gluschenko die Französin grob vor seinen eigenen Körper schob, ihren Rücken an sich presste und die schreiende Schauspielstudentin als menschlichen Schutzschild benutze.

    „Verdammt, Lukianenko, keinen Schritt weiter, oder ich puste dem Täubchen hier alle Lichter aus!“, rief Gluschenko keifend, doch seine Stimme hatte einen leicht zittrigen und unsicheren Klang, zumal er mit ansehen musste, wie der Angesprochene unbeirrt weiter vorging und dabei nur das Gesicht des Flüchtenden fixierte und weder Vitali, noch Eva Maelle wirklich beachtete. Erbarmungslos hob er seine Waffe und zielte auf den Kopf des nervös keuchenden Mörders, der feige hinter dem Rücken der Französin in Deckung ging.

    Doch auch dies schien den brutalen Kerl namens Lukianenko nicht zu beeindrucken, denn er spannte mit kaltem Blick den Hahn seiner Waffe und verengte seine Augen zu unheimlichen, fast animalisch wirkenden Schlitzen, um sein Opfer besser ins Visier zu nehmen. Er wirkte dabei sehr konzentriert und schien fast durch die nun haltlos schluchzende Französin hindurch zu sehen. Lukianenko war ein erbarmungsloser Killer, der über Leichen ging, um seine Ziele zu erreichen. Ob dabei eine Unschuldige starb, weil sie zufällig im Weg stand, war dem Mafioso völlig gleichgültig.

    Doch plötzlich wurde selbst der konzentrierte Angreifer überrascht, als ein dunkler Schatten von der Seite auf ihn zuflog, ihn leicht umstieß und aus dem Gleichgewicht brachte. Lukianenko konnte sich so eben noch fangen, fuhr herum und hörte noch das triumphierende und hämische Lachen von Gluschenko, der die Gunst der Stunde genutzt hatte, um mit seiner französischen Geisel im Schwitzkasten die Treppe herunterzuhetzen, seinen Gegner zu umkurven und sich dem schmalen Gang zum Hinterausgang des Gebäudes zuzuwenden. Alle seine Gegner befanden sich nun vor ihm, in seinem Rücken war nicht nur alles frei, sondern befand sich auch eine aussichtsreiche Fluchtmöglichkeit.

    Hätte Gluschenko den bulligen Mafioso nicht mit seiner Waffe in Schach gehalten, hätte sich dieser vermutlich eher auf Vitali gestürzt, der das unerwartete Eingreifen verursacht hatte, um das Leben seiner neuen Liebe unter höchstem Einsatz seiner eigenen Gesundheit zu retten. Wenn Blicke töten könnten, dann wäre der Journalist, der nach dem Zusammenprall flach auf dem Bauch lag, auf der Stelle auf grausame Art und Weise im zornigen Höllenbrand des Mafioso verglüht.

    Angespannt und atemlos wartete Vitali ab, wie die beiden Männer weiter reagieren würden. Sein Eingreifen war fast instinktiv und aus reiner Angst um die Französin erfolgt, die er jetzt schon als seine Partnerin ansah. Erst jetzt konnte er wieder klare Gedanken fassen und wurde sich der Tragweite seiner Entscheidung bewusst.

    Gluschenko trat mir der hart umklammerten Französin im Schlepptau langsam rückwärts auf den Hinterausgang zu, öffnete rasch und mechanisch die böse knarrende Tür, lachte hämisch und stürzte dann unvermittelt nach draußen in die Kälte, wo er aus dem Blickfeld aller Beteiligten verschwand.

    Lukianenko war glücklicherweise professionell genug, um sich nicht erst in blinder Wut auf Vitali zu stürzen, sondern setzte dem Flüchtigen mit federnden Schritten nach und erreichte auch endlich den Hinterausgang. Ein Schuss peitschte auf und schlug plötzlich unmittelbar neben dem Hinterausgang in den Putz der Außenfassade des Gebäudes. Die Französin schrie erschrocken auf. Lukianenko blieb hingegen grimmig stehen und musste sogar kurzzeitig in Deckung gehen.

    „Verdammt, der Kerl nimmt den alten Wagen auf dem Hinterhof!“, murmelte Lukianenko grimmig zu sich selbst und schoss nun seinerseits aus der Drehung heraus blind in die Richtung, wo sich sein Feind jetzt mit der Geisel befinden musste.

    Da hörte Vitali das heftige Zuschlagen einer Autotür. Gluschenko stand nun endgültig kurz vor einer erfolgreichen Flucht und somit musste Lukianenko nun seinerseits alles auf eine Karte setzen. Der bullige Kerl stürmte geduckt durch den Hinterausgang und bewegte sich seitlich auf einige Papiertonnen zu, hinter denen er in Deckung ging.

    Vitali hörte kreischend zersplitterndes Glas, als Gluschenko aus dem Wagen heraus auf die Deckung seines neuen Gegners feuerte und sich dabei auch von dem Hindernis der Frontscheibe nicht stören ließ. Erneut schrie die französische Geisel panisch auf, als nun Lukianenko aus seiner Deckung hervorstürmte und eine schnelle Schusssalve auf den Wagen feuerte, dessen Motor gleichzeitig protestierend aufheulte.

    Vitali fragte sich fluchend, wie der flüchtige das Auto so schnell ans Laufen gebracht hatte und fieberte mit unbändiger Spannung den nun folgenden Entscheidungen entgegen. Am liebsten hätte er selbst eingegriffen, doch er wollte sich nicht waffenlos ins offene Kreuzfeuer wagen und so waren ihm hilflos die Hände gebunden, was ihn noch mehr leiden ließ. Verkrampft kauerte er sich im Flur zusammen und spitzte seine Ohren.

    Erneut ertönten Schüsse aus dem Hinterhof, bevor der Fluchtwagen mit quietschenden Reifen eine alte Mülltonne rammte und der bullige Lukianenko im selben Moment aufschrie und auf die Knie sackte. Ein Schuss hatte ihn am Oberarm erwischt, der gleichzeitig auch sein Waffenarm war und seinem Gegner somit noch mehr Zeit verschaffte.

    Ängstlich und schweißüberströmt lugte Vitali um die Ecke des Ganges in den Hinterhof, wo der flüchtende Gluschenko seinen Wagen durch eine schmale Einfahrt manövrierte. Vitali konnte sehen, wie der nervöse Mann mit seiner linken Hand das Lenkrad wild herumriss, während er mit der rechten Hand seine kleinkalibrige Waffe wie einen letzten Strohhalm umklammert hielt um damit seine Geisel zu traktieren.

    Während der bullige Lukianenko sich schon wieder mit schmerzverzerrtem Gesicht aufrappelte, schaffte es Gluschenko in die Gasse zu fahren, die von der Polizei am frühen Morgen schon abgesperrt worden war. Dies machte dem Flüchtigen jedoch wenig aus, denn er drückte grob das Gaspedal durch und schoss unkontrolliert durch die Polizeiabsperrung, trat dann aber abrupt auf die Bremse, bevor er wieder mit aufheulendem Motor auf der Hauptstraße davonfuhr.

    Gluschenko war entkommen!

    Vitali erstarrte und wurde sich erst langsam dessen bewusst, was in den letzten Minuten überhaupt passiert war. Er dachte nicht daran, dass er mit seinem eigenen Leben davon gekommen war, sondern an das Schicksal seiner französischen Nachbarin, die in die Fänge eines rücksichtlosen und uneinschätzbaren Mörders geraten war. Vitali verfluchte sich, dass er selbst nicht versucht hatte die Französin besser zu schützen, sie auf ihrem halben Weg die Treppe hinauf zu begleiten, um sich zwischen sie und dem rasenden Gluschenko zu stellen. Er fühlte sich seltsam schuldig und unfähig und spürte eine fast bedrückende Leere und Enttäuschung in sich aufsteigen.

    Doch nicht nur er selbst machte sich Vorwürfe, sondern auch Lukianenko, der mit blutender Schulter humpelnd und fluchend zurück zum Hinterausgang lief und drohend seine Pistole hob. Sein Gesichtsausdruck zeugte von einer harschen Brutalität und Vitali bekam eine fröstelnde Gänsehaut. Er begann nervös zu zucken, denn er wusste nicht, ob er einfach Hals über Kopf fliehen oder gegen den Verletzten den Kampf aufnehmen sollte, denn als erfahrener Journalist mit guter Menschenkenntnis wusste Vitali, dass er mit einer Person wie Lukianenko niemals sprechen oder diskutieren konnte, um ihn zu beschwichtigen. Er schien der blinden Wut des Mafioso hilflos ausgeliefert zu sein, jetzt da Gluschenko vorläufig entkommen war.

    „Du verfluchter Bastard, wegen dir ist dieses Arschloch entkommen. Wegen dir hat er mich zum Krüppel erschossen! Warte bloß, bis ich dich in die Hände bekomme!“, schrie Lukianenko und sein Gesicht war nicht mehr nur von den Schmerzen, sondern auch vor Wut verzerrt und zeigte eine beängstigende, glühende Röte.

    Mit zitternden Händen ergriff Vitali die Türklinke des Hinterausgangs und zerrte das Portal rasch zu, bevor er es mit schnellen Griffen seiner schweißnassen Hände mehrfach verriegelte und gedankenschnell zurück in die Eingangshalle hetzte.

    Da trat plötzlich völlig überraschend Sergej in die Eingangshalle und blickte sich schwer atmend um. Vitali kam aus dem Staunen nicht mehr heraus und wollte auf seinen Kollegen zugehen, als hinter ihm plötzlich die Glasscheibe der Hintertür zersprang und eine Pistolenkugel nur knapp an ihm vorbei in die Wand jagte.

    Vitali ergriff die Lederjacke seines Freundes und riss den verduzten und erschöpften Sergej mit sich auf den Boden, als auch schon eine zweite Kugel nur knapp über ihre Köpfe hinwegsirrte.

    „Komm endlich her, du dreckiger Lump. Eben bist du mir in den Rücken gefallen, jetzt stehe deinen Mann und kämpfe! Ich schwöre dir, dass die nächste Kugel nur für dich ist!“, schrie Lukianenko cholerisch und zitternd vor Angst glaubte Vitali ihm jedes einzelne Wort.

     

    Nervös schreckte Lukianenkos Begleiter in dem schwarzen Wagen mit den getönten Scheiben hoch, als er die quietschenden Reifen hörte und kurz darauf ein altes, verbeultes Auto aus einer Seitengasse unkontrolliert auf die Hauptstraße rasen sah, dass dann überhastet nach rechts fuhr.

    Der junge Plichanow musste nicht lange überlegen, um zu realisieren, dass ihre Zielperson sich soeben absetzen wollte. Er glaubte sogar flüchtig eine zweite Person im Wagen erkannt zu haben. Hatte Gluschenko eine Geisel genommen? Oder hatte der Schläfer möglicherweise eine Komplizin? War ihr Verdacht, dass der seltsam nervöse Gluschenko, der von einem Obdachlosen in der letzten Nacht im Hafenviertel gesehen worden war, sich mit seinem auffälligen Verhalten als neuer Hauptverdächtiger für die grausige Mordserie prädestiniert hatte also tatsächlich korrekt gewesen?

    Plichanow war anfangs skeptisch gewesen und wollte keine voreiligen Schlüsse ziehen, obwohl Gluschenko ihm schon immer nicht ganz koscher gewesen war. Sein entschlossener Kollege Lukianenko hatte dann die Alternative ergriffen, als sie beide von dem Tod Semaks erfahren hatten, der völlig verstümmelt in der Kanalisation gefunden worden war. Gluschenko wusste durch seine alte Zusammenarbeit mit der stählernen Maske, wo diese geheimen Unterschlüpfe und Treffpunkte lagen und auch das Hafenviertel und die Leute dort kannte er fast wie seine Westentasche. Für Lukianenko war sofort klar gewesen, dass Gluschenko die Wurzel allen Übels sein musste und mit irgendeinem brutalen Mörder kooperierte, der für ihn eine bestialische Arbeit nach der anderen ausführen musste. Die Effektivität der Taten war schon enorm erschreckend, denn fünf Tote innerhalb von nicht einmal vierundzwanzig Stunden waren selbst im kriminellen Untergrund der Stadt eine erschreckende Rarität geworden. Plichanow war erstaunt, dass Gluschenko, der durchaus Gründe für einen Rachefeldzug hatte und auf die Mafia schlecht zu sprechen sein musste, zu solch fanatischen und drastischen Mitteln griff, die ihm niemand zugetraut hatte. Es gab für Plichanow immer noch einen Unterschied zwischen krimineller Energie im Allgemeinen und der Hinrichtung von nunmehr fünf oder sechs Leuten. Ein kaltblütiger Mord war nur von einem emotionslosen, hasserfüllten und verwirrten oder verzweifelten Geist durchführbar, nicht von einem kleinen Mafioso. Da Plichanow hin und her gerissen war und nicht wusste, was er noch glauben sollte, hatte er gehofft, dass eine Observierung des Verdächtigen für Klarheit sorgen würde, ohne dass man ihn gleich grob bedrohte oder umbrachte.

    Somit hatten sich Plichanow und Lukianenko entschlossen die Wohnung von Gluschenko notfalls stundenlang zu beobachten und sie waren dabei natürlich nicht unentdeckt geblieben. Mit einem grimmigen Lächeln dachte Plichanow an die ängstliche und zu neugierige Vermieterin, der Lukianenko mächtig Eindruck gemacht hatte.

    Inzwischen war Plichanow auch von der Schuld Gluschenkos überzeugt. Sein überhastetes Auftreten, die Schießerei mit Lukianenko und die überhastete Flucht sprachen für sich. Deswegen drückte der junge Russe, der eigentlich eher auf geschäftliche und diplomatische Dinge spezialisiert war und aus reichem Hause stammte, sowie eine gute Ausbildung genossen hatte, im Gegensatz zu dem rüpelhaften und aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Lukianenko, den er mitunter als zu grob und hitzig empfand, jetzt auch entschlossen das Gaspedal durch und fuhr dem nervös schlingernden alten Wagen hinterher, bei dem es überhaupt noch ein Wunder war, dass er noch funktionstüchtig war. Plichanow hatte in seiner Ausbildung bei der stählernen Maske auch gelernt schnelle Wagen zu fahren und Gegner zu eliminieren, sodass er mit allen Wassern gewaschen war. Er mochte lieber das Taktische an seiner kriminellen Arbeit, er liebte den Nervenkitzel bei einem riskanten Deal oder das hohe Pokern an Verhandlungstischen mit Kooperatoren, doch er war auch bereit für seine hohe Stellung schmutzige Arbeit zu übernehmen, so wie jetzt. Wenn es die stählerne Maske und alle seine Mitarbeiter schützen würde, war die Ermordung eines Einzelnen für Plichanow durchaus im Bereich des Erträglichen anzusiedeln.

    Mit quietschenden Reifen wich der Wagen vor ihm einer langsam fahrenden Straßenbahn aus, geriet in den empört hupenden Gegenverkehr, riss das Lenkrad herum und schlingerte in eine schmale Gasse an der rechten Seite, wo er eine Mülltonne rammte und einige Pappkartons umfuhr. Plichanow bremste hingegen leicht ab, fuhr kontrolliert, aber zügig in die Gasse und hatte einige Meter gut gemacht, sodass er fast schon an der Heckstange des Verfolgten hing. An Lukianenko und dessen unbekanntes Schicksal nach der Schießerei dachte der junge Russe dabei überhaupt nicht mehr, er musste fähig sein sich auch in extremen Situationen auf das Essentielle zu konzentrieren.

    Durch die verdreckten Scheiben des alten und zerbeulten Autos vor ihm konnte Plichanow plötzlich den wuscheligen, dunkelblonden Haarschopf einer jungen Dame sehen, die sich panisch auf dem Beifahrersitz herumgeworfen und hektisch und hilfesuchend die Hände erhoben hatte, bevor sie vom Fahrer einen groben Stoß in die Seite erhielt und mit einer Pistole in Schach gehalten wurde. Plichanow grinste, als er das hektische, wilde, aber markant schöne Gesicht der Entführten gesehen hatte und malte sich für einen kurzen Augenblick aus, wie die Dame sich wohl erkenntlich zeigen würde, wenn er sie aus den Klauen des Mörders erst einmal befreit hätte. Frauen waren für Plichanow etwas wie für andere Leute Matrjoschkas oder eine neue Wodkasorte, etwas zum Sammeln oder zum einmaligen Verwendungszweck gedacht. Durch seine perversen Fantasien hatte er nun eine neue Motivation bekommen und gab noch einmal kräftig Gas.

    Der Wagen vor ihm stellte sich plötzlich quer und rutschte mit quietschenden Reifen durch den grauen, matschigen Schnee auf einen verdreckten und tristen Hinterhof, aus dem es erst nach einigen hundert Metern zur rechten Seite hin einen Ausgang gab, der in ein stillgelegtes Gewerbegelände in der Hafennähe führte. Diese knappe Distanz war die ideale Chance für Plichanow seinen Gegner zu überholen, auszubremsen und irgendwie zu stellen.

    Mit rasendem Herzschlag umklammerte Plichanow das Lenkrad seines Wagens, sodass seine Knöchel weiß hervortraten. Hart biss er die Zähne zusammen und scherte dann ruckartig zur rechten Seite hin aus.

    Der junge Kriminelle beschleunigte geschickt und war innerhalb weniger Sekunden auf gleicher Höhe mit dem Verfolgten, der zunächst hektisch das Lenkrad umriss und nach links ausscheren wollte, doch Plichanow blieb an ihm hängen und hatte mit der Aktion gerechnet.

    Plichanow sah mit Genugtuung die fahrigen, nervösen Bewegungen von Gluschenko. Der seltsam zurückgezogen lebende Psychopath war der Situation scheinbar nicht gewachsen und drohte die Kontrolle über seinen Wagen zu verlieren. Seine Sitznachbarin hämmerte schreiend gegen das Autofenster und kurbelte dieses schließlich mit hektischen und unregelmäßigen Bewegungen herunter. Ihr Geiselnehmer konnte sich darum nicht weiter kümmern, denn er hatte Mühe seinen Wagen nicht völlig zu Schrott zu fahren, als der linke Flügel des Wagens mit kreischendem Geräusch eine große Stahltonne streifte.

    Da hob Gluschenko plötzlich seine Waffe, drehte sich kurz zur Seite und blickte dem energischen Plichanow eiskalt in die Augen. So unruhig er auch den Wagen bediente, so konzentriert wirkte er bei seinem Schussversuch.

    Plichanow wollte kein Risiko eingehen, stieg fluchend auf die Bremse und sah, wie die Entführte im letzten Moment schreiend gegen den Waffenarm des Verrückten geschlagen hatte, der darauf nicht vorbereitet gewesen war und seine Kugel in das rostige Autodach seines gestohlenen Fluchtwagens gejagt hatte. Mit wutverzerrtem Gesicht gab er der jungen Dame eine schallende Ohrfeige, musste sich dann aber wieder um das Steuern des Wagens kümmern.

    Plichanow beschleunigte wieder, ordnete sich dann aber hinter dem verfolgten Wagen ein und fuhr ihm drohend hinten auf die Stoßstange. Der Fluchtwagen geriet ins Schlingern und steckte den Zusammenprall nur mühsam weg, während der Wagen von Plichanow den Zusammenstoß locker kompensierte und die Kollision dämpfte und ausfederte.

    Noch einmal wiederholte Plichanow sein Manöver, drängte den Wagen seines Gegenspielers weiter nach links ab, rochierte dann aus dem Windschatten heraus und raste plötzlich unmittelbar neben Gluschenko her, der ihm schlingernd in die Seite fuhr.

    Plichanow fluchte, als er bemerkte, dass sein hinterer Kotflügel tief eingedellt worden war und versuchte Gluschenko energisch den Weg abzuschneiden. Seite an Seite rasten die beiden so unterschiedlichen Wagen nun auf den einzigen Ausgang aus dem Hinterhof zu. Funken sprühten auf, Stahl und Metall kreischten unter dem hartnäckigen Kollisionskurs.

    Plichanow griff nun ebenfalls mit seiner rechten Hand nach dem Revolver mit Schalldämpfer, der auf dem Nebensitz lag und noch nicht zum Einsatz gekommen war. Behutsam duckte er sich danach, bekam die Waffe im ersten Moment nicht zu fassen, dann erwischte er ihren Lauf, doch eine tiefe Bodenwelle ließ den Wagen hektisch aufhüpfen und die Waffe rutschte vom Sitz auf die dunkle Fußmatte.

    In dem Moment zersplitterte das Glas des Seitenfensters des edlen Wagens und jagte Plichanow einen ungeheuren Schrecken ein. Gluschenko hatte wieder auf ihn geschossen und dieses Mal besser gezielt. Wenn Plichanow sich nicht gerade nach seinem Revolver gebückt hätte, wäre sein Kopf wohl geradewegs von einer Kugel zerschmettert worden.

    Grob fluchend tastete Plichanow mit fahrigen Bewegungen nach seinem Revolver und drückte dabei mit seinem Fuß weiterhin auf das Gaspedal, als beide Wagen Seite an Seite in die recht schmale Gasse hineinfuhren. Endlich bekam Plichanow mit hitziger Anstrengung mühsam die Waffe zu fassen, riss sie ächzend an sich, verzog dabei leicht das Lenkrad und richtete sich wieder auf. Dann hatte er wieder Sicht auf die Fahrbahn.

    In diesem Moment geschah plötzlich alles ganz schnell und um Plichanow brach eine Hölle los, die er in den wenigen Sekunden unter dem Einfluss von pansicher Angst und unkontrollierbaren Adrenalinschüben kaum realisieren konnte.

    Gluschenko hatte bei seinem letzten Schussversuch entgültig die Kontrolle über seinen Wagen verloren, war gegen eine alte Mauer aus brüchigem Ziegelstein gerast, war kreischend an ihr entlang gerutscht, gegen eine Steintreppe gerast, quer über selbige und nur noch mit drei Rädern auf dem Boden hinweggerast, bevor sich der Wagen in der Luft fast überschlagen hatte, dann jedoch von der Mauer gestoppt und grob zurück auf die schmale Fahrspur gestoßen wurde. Dabei zerbrach nicht nur ein Seitenspiegel klirrend ab, auch die Heckscheibe zerbarst in tausend Einzelteile und regnete auf die dreckige Gasse.

    Plichanow konnte dem unkontrollierten Wagen nicht mehr ausweichen, rammte seitlich die Kühlerhaube des Verfolgten, dessen Wagen durch die Kollision noch einmal um die eigene Achse gewirbelt wurde. Die beiden Insassen wurden grob nach vorne gewirbelt, die junge, unangeschnallte Dame prallte mit ihrer Stirn grob gegen die Windschutzscheibe, die an dieser Stelle einen Sprung bekam, aber wie durch ein Wunder ganz blieb. Irgendwie gelang es dem verfolgten Psychopathen noch sich festzuhalten und zu bremsen, sodass er in seinem Fahrersitz blieb und nicht im hohen Bogen durch die Windschutzscheibe flog, während seine Begleiterin regungslos in sich zusammensackte und auf dem Beifahrersitz zu Boden glitt. Grauer Rauch stieg unter der malträtierten Kühlhaube hervor.

    Diese Bilder nahm Plichanow nur in Sekundenbruchteilen wahr, denn er selbst raste mit einem Gefühl des Triumphes weiter die dreckige Gasse entlang und wollte seine rasante Fahrt abbremsen, als er plötzlich in einem Moment der Unachtsamkeit die alte Holzrampe für den Bruchteil einer Sekunde zu spät sah.

    Die Holzrampe in der Gasse entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein altmodischer Anhänger, mit dem früher in der Gegend Lieferungen transportiert worden waren, doch dies änderte nichts an der fatalen Wirkung des Gegenstandes.

    Plichanow stieg mit voller Kraft auf das Bremspedal, wurde nach vorne geschleudert, sodass seine Stirn heftig gegen die Hupe des Wagens prallte, die schrill und gequält aufheulte. Doch die Reaktion kam bereits zu spät, denn mit den rechten Reifen seines Wagens raste Plichanow die kleine Rampe herauf, bekam ein Übergewicht zur linken Seite und flog wie von einer Schanze hinweg durch die Luft, geradewegs aus der Gasse hinaus und auf die nächste größere Straße zu.

    Da erstarrte der benommene Plichanow, dessen Magen sich in Sekunden umgedreht hatte und der nur Mühsam ein Erbrechen verhindern konnte, während sein Kopf zudem auch noch höllisch schmerzte.

    Plichanow sah ein längliches, silbriges Gefährt vor sich, das aus unerfindlichen Gründen durch diese eigentlich verlassenen Hafengegend fuhr und sich plötzlich in einem grausamen Moment der erstarrenden Gewissheit als alter Lastkraftwagen manifestierte.

    Für Plichanow gab es keinen Ausweg mehr, er riss schreiend die Arme hoch, während er sich entgültig übergab und auch seine Schließmuskel sich im Schreck des Augenblicks völlig lösten.

    Dann folgte ein heftiger Aufprall, ein gepeinigtes Kreischen von Stahl und Metall ertönte, die Welt wurde schwarz, rauchig und rußig, während der Wagen sich irgendwie überschlug und fast senkrecht gen Boden jagte. Plichanow spürte, wie ihm Glas ins Gesicht schlug, wie plötzlich die gesamte Kühlhaube innerhalb weniger Sekunden zusammengepresst wurde und auch vor seinem Beinen nicht Halt machten, die unter dem Druck einfach wegknickten und mit einem hässlichen Krachen brachen, was unter dem Lärm für Plichanow aber lediglich zu spüren war. Dann bohrte sich ein spitzer, durch die Luft fliegender Metallsplitter schmerzhaft durch seine Brust, die sich in ein glühendes Höllenfeuer zu verwandeln schien und den Schmerz in seinen Beinen geradezu vergessen ließ. Grellrotes Blut schränkte sein Blickfeld ein, dass fontänenartig durch das Wrack des einst so edlen Autos spritzte.

    Endlich zerschmetterte das Gefährt am Boden, die Welt um Plichanow drehe sich in grellen Spiralen, während Schmerzen und Lärm jegliche Gedankengänge ausschalteten.

    Dann folgte ein grelles, kurzschlussartiges Licht, eine laute Detonation, die ihm alle restlichen Sinne raubte. Die Welt versank in einer sengenden Hitze und war ein grellorangenes Höllenfeuer, das alles auffraß.

    Dann endlich kam die erlösende und leere Schwärze der allumfassenden Stille, die Plichanow von seinen Qualen erlöste, ehe er sie überhaupt richtig begriffen hatte.

     

    Vitali rappelte sich hektisch auf und ergriff in seiner Panik das lange Gewehr mit dem Zielfernrohr, dass Gluschenko achtlos in die Eingangshalle geworfen hatte, während Lukianenko wütend die Hintertür auftrat, die ihm bereits nach dem zweiten Tritt nachgab und scheppernd aus ihren Angeln gerissen und noch zwei gute Meter in die Eingangshalle hinein geschleudert wurde.

    Während Sergej völlig verwirrt flach auf dem Boden liegen blieb und seine Hände schützend über seinem Kopf verschränkt hielt, rannte Vitali hektisch auf die Treppe zu, warf sich um die Ecke und harrte mit wild rasendem Herzen in der improvisierten Deckung aus. Er hatte in einem Anflug der Todesangst agiert, die in ihm eine Menge Adrenalin freigesetzt und ihn auf eine fixe Idee gebracht hatte. Seine Chancen standen eher schlecht als recht und er hatte bestenfalls einen einzigen Versuch Lukianenko zu überraschen und zu überwinden, doch diesen musste er um jeden Preis nutzen.

    Vitali spekulierte darauf, dass Lukianenko die Szene noch nicht schnell genug erfast hatte, um die Ecke in die Eingangshalle trat und sich nach Vitali umsah. Das wäre die Chance für den jungen Journalisten, der vom Regen in die Traufe geraten war, den brutalen Auftragskiller mit einem Schlag des Gewehres gegen den bulligen Schädel außer Gefecht zu setzen. Wenn er Lukianenko verfehlen würde, dann hätte jedoch seine letzten Stunde geschlagen, denn trotz der Verletzung des Mannes, war Vitali ihm in keiner Hinsicht gewachsen.

    All diese hektischen Gedankengänge rasten durch seinen Kopf und bereiteten ihm Mühe sich mit schweißdurchnässtem Gesicht, keuchendem und verdächtig lautem Atmen und pochendem Herzen auf seine einzige Chance zu konzentrieren.

    Aber Lukianenko kam nicht. Der Killer stürzte nicht wild um die Ecke, schoss um sich oder feuerte eine weitere Schimpfkanonade ab. Der Russe hatte den Braten gerochen und agierte abwartend!

    Mit einem Mal wurde Vitali totenbleich. Er realisierte, dass seine einzige Chance vertan war. Er hatte keine Zeit zum Überlegen und zu einem Geduldsspiel um Leben und Tod war er ohnehin nicht fähig. In einem Anflug von Mut und Wahnsinn setzte er seine einzige noch verbleibende Möglichkeit in die Tat um.

    Vitali ging selbst zum Angriff über!

    Mit einem Kampfschrei aus tiefster Seele sprang er in die Tiefe, wirbelte in einer Bewegung um seine eigene Achse, riss das Gewehr an seinem Lauf hoch und erblickte das verduzte, schmerzverzerrte Gesicht Lukianenkos, der mit diesem überfallartigen Angriff nicht gerechnet hatte.

    Der russische Killer riss noch fluchend seinen Waffenarm hoch, als Vitali den Gewehrkolben schreiend nach vorne und mitten in das ungeschützte Gesicht des Russen stieß. Ein hässliches Knacken ertönte, Lukianenko sackte schreiend in sich zusammen, als Vitali in wilder Raserei noch einmal zugeschlagen hatte.  

    Er durchbrach die abwehrenden, zitternden Hände Lukianenkos, schlug ihm auf dem Hinterkopf und traktierte ihn mit ungenauen Hieben, bis sich der russische Mafioso gar nicht mehr rührte und zitternd in seiner Haltung erstarrte. Erst dann warf Vitali das erbeutete Gewehr wuchtig weg, das in den Glasscherben der Hintertür landete.

    Da wich das Adrenalin plötzlich und der Schleier der Aggression senkte sich. Auf einmal erstarrte Vitali, nahm die Situation wie in einem tranceartigen Zustand war und stellte sich doch mit hämmernder Präzision immer und immer wieder dieselbe Frage, als er die Situation überhaupt erst im Ansatz begriffen hatte.

    Was hatte er gerade bloß getan? Welcher böser Dämon war in ihn gefahren, so zu agieren, wie er es gerade getan hatte? Hatte er Lukianenko umgebracht? War er ein Mörder? Lag vor ihm ein toter Mann, auf den er immer und immer wieder eingeschlagen hatte? Hatte er einen verletzten und längst schon geschlagenen Mann willkürlich ins Jenseits geprügelt?

    Vitali blickte fassungslos auf seine Hände, so als ob sie nicht zu ihm gehören würden, als ob sie ihn verraten hätten, als ob sie ein misslungenes und furchtbar hässliches Körperglied eines sonst makellosen Mannes wären. Vitali fühlte sich schuldig und dieses Gefühl fraß ihn innerlich auf, ohne dass ihn jemand davon erlösen konnte.

    Im selben Moment sah Vitali das Blut an seinen Händen. Frisches, warmes Blut. Er blickte an sich herunter. Seine gesamte Kleidung war völlig mit Blut bespritzt. Der Gewehrkolben war auch von einem fein gesprühten Blutregen überdeckt worden.

    Da verschwamm plötzlich die Welt vor den Augen des Journalisten, sein Körper wollte nicht mehr seinen geistigen Befehlen gehorchen, als seine Knie zitternd nachgaben, er selbst ächzend nach hinten kippte und schließlich grob auf dem kalten gefliesten Boden aufschlug.

    Die Welt um ihn herum wurde zu einem Strudel aus Farben, bis sich in seinem Zentrum plötzlich eine alles auffressende Schwärze manifestierte, die wie eine dunkle Flut jeglichen Platz einnahm und Vitali die Sinne und das Bewusstsein raubte.

     

    Eva Maelle Lavoie erwachte gekrümmt liegend aus einer dumpfen, schwarzen Dunkelheit, die sich kaum von der Dunkelheit der Realität unterschied. Lediglich die eiserne Kälte und das wirre Zucken einer alten Glühbirne machten ihr allmählich klar, dass das diesseitige Leben sie wieder hatte. Erst langsam und mit großem Schrecken fielen ihr die hektischen Ereignisse vor der Bewusstlosigkeit ein.

    Sie sah alles bruchstückhaft vor sich. Da war der Aufprall, ein wildes Scheppern, das Übelkeitsgefühl, die Fliehkraft, der Zusammenprall mit der Windschutzscheibe, ein fluchender Entführer, der den alten Wagen wie einen wilden Stier bändigen wollte, die dumpfe Explosion aus der Ferne und dann die tiefe, lichtlose Schwärze.

    Wie lange war die Französin ohne Bewusstsein geblieben? Einige Augenblicke? Ein paar Minuten? Eine halbe Stunde? Eine ganze Stunde? Zwei, drei, vier, fünf Stunden? Einen halben Tag?

    Die Ungewissheit peinigte die Schauspielstudentin noch mehr als der dumpf pochende Schmerz in ihrem Kopf. Zitternd betastete sie ihre Wunde. Sie war grob bandagiert worden und sehr dick. Sie spürte verkrustetes, süßlich riechendes Blut. Jemand musste sie notdürftig verarztet haben.

    Da öffnete sich plötzlich knarrend eine schwere Eisentür und der grelle Schein einer Taschenlampe blendete die verwirrte Französin. Ächzend schob sie sich die Hände abwehrend vor die Augen und starrte angestrengt auf die verschwommene, robuste, dunkle Gestalt hinter dem Lichtpegel, welche die Tür hinter sich zustieß und heiser lachend gemächlich näher trat.

    „So, endlich bist du erwacht, mein Püppchen. Ich hatte mir schon ernsthafte Sorgen um dich gemacht. Eine unschuldige Frau muss nun wirklich nicht sterben, vor allem nicht eine so junge und schöne wie du!“, hauchte der Ankömmling ihr zu.

    Der Mann bückte sich und griff erniedrigend nach dem Kinn der Französin, das er in Richtung seines Gesichtes drehte.

    Eva erkannte das verschwitze und vernarbte Gesicht Gluschenkos, das im flackernden Widerschein der Taschenlampe und der schwachen Glühbirne mysteriös und unheimlich wirkte. Der Russe kicherte irre und weidete sich an den panischen Blicken seiner Gefangenen, bevor er sich langsam, wie ein schwerfälliges Monstrum, wieder aufrichtete und mit einer quälenden Ruhe provokant zu der Französin sprach.

    „Es war eine Heidenarbeit dich hierhin zu verfrachten. Nach dem Unfall konnte ich den Wagen gerade noch ein paar Straßen weiter fahren und ihn dort in einem alten Hinterhof notdürftig verstecken und stehen lassen. Ich hatte lange überlegt, was ich mit dir machen sollte. Ich hatte tatsächlich mit dem Gedanken gespielt dich frei zu lassen, dich einfach irgendwo liegen zu lassen. Dann habe ich aber doch einen alten Wagen vom Schrottplatz gestohlen, dich in den Kofferraum verfrachtet und unerkannt bis hierhin in die Abgeschiedenheit gebracht, denn ich habe schnell realisiert, dass du meine wichtigste Trumpfkarte werden könntest. Dieser Journalist, der mich verfolgt hat, der ist wohl mit deinem Mitbewohner und neuen Liebhaber recht gut befreundet. Wenn die beiden hinter mir her sind und danach sieht es doch derzeit stark aus, dann werden sie es nicht wagen meine Pläne zu durchkreuzen, bis sie wissen, wo du steckst und wie es dir geht. Dasselbe gilt natürlich für die Polizei, die dein Leben wohl ebenfalls nicht riskieren möchte. Die Sache ist ganz einfach. Eine letzten große Etappe steht mir heute Abend noch bevor und wenn dort alles planmäßig verläuft, werde ich mich absetzen und dich irgendwo zurücklassen. Falls ich aber das Gefühl habe, dass man mir eine Falle stellen möchte oder mich bedroht, dann wird es dir schlecht ergehen. Siehst du den klapprigen Holzstuhl dort hinten? Darauf wollte ich dich gerade fesseln und werde mich auch jetzt nicht aufhalten lassen. Unter der Sitzfläche klebt eine ferngesteuerte Bombe und ich könnte sie jederzeit zünden. Dann würde dir im besten Fall noch eine Viertelstunde bleiben und dann ist alles vorbei.“, erklärte Gluschenko mit krächzender Stimme und lachte sadistisch, während die Französin starr vor Angst auf den angesprochenen Stuhl starrte, der mitten im Raum und unter der flackernden Funzel stand. Tatsächlich sah die zitternde Französin, der jetzt Tränen der Angst und der Pein in die Augen schossen, einen dunklen Apparat unter der Sitzfläche, aus dem einige bunte Kabel herausragten und es gab sogar eine Anzeigetafel zu sehen, auf der einige Zahlen standen. Keinen Augenblick zweifelte Eva an dem Wahrheitsgehalt der grausigen Drohung ihres Entführers.

    Dieser lachte nur böse, als er die Angst seines Opfers bemerkte, beugte sich zu ihr hinunter, grinste sie aus seinem stinkenden Mund an und beförderte ein braunes und kräftiges Seil aus seiner Jackentasche, das er diabolisch grinsend vor den Augen seines Opfers von einer Seite zur anderen pendeln ließ.

    Die Französin schloss die Augen, schüttelte benommen wimmernd den Kopf, doch da packte der Entführer erneut grob ihr Kinn, strich ihr mit der anderen rußig verschwitzten Hand über die Stirn und durch die Haare und näherte seinen stinkenden Mund langsam dem Gesicht der Französin, die sich mit verzerrten Zügen aus der Umklammerung winden wollte, aber einfach zu schwach war. Schwindel stieg wieder in ihr auf.

    Da konnte die Französin nicht länger an sich halten, richtete in einem letzten Kraftakt ihren Kopf auf und spuckte ihrem Gegner wütend ins Gesicht.

    Gluschenko erstarrte, wischte sich dann provozierend langsam den Speichel der Französin von seinem Kinn und seinen Wangen, bevor sich sein Gesicht rot verfärbte und sein rechter Arm brutal vorschoss. Wie eine eiserne Klammer legte sich seine knochige Hand plötzlich um die Kehle der Französin, die sich röchelnd hin und her bewegte, was den Druck und die Wut ihres Gegners aber nur noch verstärkte.

    „Du mieses französisches Flittchen! Du meinst wohl, du könntest mich hier fertig machen! Aber wir sind ganz allein hier. Du hast keine Wahl, du musst mir gehorchen. Ich könnte alles mit dir machen, was ich will!“, schrie Gluschenko cholerisch und Speichel sprühte dabei über seine bebenden Lippen.

    Dann verpasste der rasende Russe der Französin mit seiner freien Hand eine schallende Ohrfeige und Eva kippte kraftlos zur Seite. Hart schlug sie mit ihrem Kopf auf dem kalten, rissigen Boden auf, der irgendwie seltsam steril oder chemisch stank.

    Der Aufprall wirbelte ihre Sinne grob durcheinander und gerade als Gluschenko ihr einen groben Tritt in den Magen verpasste und ihr ganzes Körper sich zusammenkrümmte, da wurde die Französin von ihrem Leiden durch die Ohnmacht erlöst, noch bevor sich ein Schrei von ihren Lippen lösen konnte.

     

    Mit großer Hast und seiner Dienstwaffe im Anschlag stürzte Igor Semjonowitsch Matafeev in die Eingangshalle des Hauses der aufgeregten Ekatarina Alexandrowna Kolodina, die vor wenigen Augenblicken die Polizei verständigt hatte. Matafeev hatte diesen Einsatz persönlich übernehmen wollen, da er sofort einen möglichen Zusammenhang mit der grausigen Mordserie in der näheren Umgebung herstellte und war in zehn endlos langen Minuten mit Blaulicht durch den dichten Abendverkehr der Stadt gerast.

    Jetzt stürzte er hochkonzentriert in die Eingangshalle und bemerkte sofort das heillose Chaos von herumliegenden Waffen, zertrümmertem Glas und Einschusslöchern in den Wänden. Nahe der Treppe erblickte der Oberkommissar dann die aufgeregte Vermieterin, die sich um eine bewusstlose Person gebeugt hatte, die Matafeev sofort als den Journalisten identifiziert hatte, der am frühen Morgen erst neu in das Gebäude eingezogen war. Ein wenig weiter links befand sich dessen Begleiter, der sichtlich nervös herumgefahren war und mit einer kleinkalibrigen Pistole einen bulligen, blutenden Mann in Schach gehalten hatte, der sich allerdings nicht rührte.

    Malafeev ließ seine Waffe ein wenig erleichtert sinken und winkte seine Kollegen mit einer raschen Handbewegung ebenfalls in die gespenstisch düster wirkende Eingangshalle. Der Oberkommissar blickte kurz auf die nervös schluchzende Vermieterin, bevor er sich aber zuerst dem anderen Brennpunkt näherte, an dem stotternden Sergej vorbeitrat und sich dann zu dem regungslosen Mafioso hinunterbeugte. Behutsam nahm er den Mann in Augenschein, tastete dann nach dessen Puls, bevor sich sein Gesicht plötzlich kurz verzerrte und er aschfahl wurde. Hektisch tastete er nach der Halsschlagader des regungslosen Mannes, drückte sein Ohr an den Mund des erbarmungslosen Killers und verharrte einige Augenblicke in dieser Position. Nach endlos langen Sekunden des unheilvollen Schweigens richtete sich der Oberkommissar schwer seufzend auf und wandte sich seinen Kollegen zu, die abwartend zurückgeblieben waren und auf weitere Instruktionen gewartet hatten.

    „Rufen Sie einen Krankenwagen hierhin. Am besten sogar gleich zwei!“, forderte Matafeev seine Leute auf.

    „Ist er tot? Sagen Sie doch endlich etwas, Herr Oberkommissar, was ist mit diesem Mann?“, fragte Sergej, der zitternd zu Matafeev getreten war und dabei immer noch die erbeutete Waffe in der Hand hielt, mit der er Lukianenko seit dessen Bewusstlosigkeit und Vitalis Zusammenbruch bewacht hatte. Dabei war der junge Journalist sich sicher gewesen, dass er im Falle eines Falles niemals auf den verletzten und hilflosen Mann hätte schießen können und war nun heilfroh, dass die Polizei endlich erschienen war und ihn von seiner Last befreite.

    Kommentarlos griff Matafeev nach dem zitternden Waffenarm des Journalisten, ergriff selbst die kleinkalibrige Pistole und übergab sie einem Kollegen, der die Waffe sofort in eine Plastikfolie verpackte. Verlegen und nervös starrte Sergej zu Boden.

    „Nein, Josef Iljitsch Lukianenko ist noch am Leben. So einen harten Typen wie ihn wirft so schnell nichts aus der Bahn. Aber einen normalen Typen hätte das Ganze möglicherweise schon umgebracht. Nach ein paar Tagen im Krankenhaus wird er wieder in Ordnung sein, schätze ich.“, antwortete Matafeev endlich und trat dann gemächlich auf den nächsten Bewusstlosen zu, der gerade in diesem Moment stöhnend die Augen aufschlug und von der besorgten Vermieterin versorgt wurde.

    „Sie kennen diesen Kriminellen?“, fragte Sergej ein wenig erstaunt.

    „Ja, er hat in der Petersburger Polizei schon eine Art Legendenstatus, wenn man das so sagen kann. Terrorismus, schwere Körperverletzung, Erpressung, Drogenhandel, das volle Programm. Aber leider können wir ihm nichts mehr anhaben, seitdem er für die stählerne Maske arbeitet. Es mangelt uns an Beweisen, die Anwälte sind auch unglaublich gerissen und selbst in den eigenen Reihen gibt es schwarze Schafe, die Beweise verschwinden lassen, falsche Zeugen kaufen oder die Ermittlungen blockieren. Nun haben wir ihn endlich einmal auf frischer Tat erwischt. Aber wie kam er überhaupt hierhin?“, wollte Matafeev endlich wissen und wandte sich wieder zu Sergej um, der sich inzwischen besorgt über Vitali gebeugt hatte, dessen Gesicht von Schmerzen gezeichnet war, während die Vermieterin übereifrig durch die Eingangshalle huschte, ständig Selbstgespräche führte und versuchte kalte Tücher zu besorgen, um den benommenen Vitali ein wenig zu kühlen und zu beruhigen.

    Der Journalist, der am Vormittag erst in dieses Haus eingezogen war und an diesem wundersamen Tag in dem Gebäude mehr erlebt hatte, als wohl viele andere Mieter in mehreren Jahren, hatte die letzten Bruchstücke der Unterhaltung mitbekommen und blinzelte Matafeev müde und mit einem schwachen Lächeln an.

    „Das ist eine lange Geschichte, Herr Oberkommissar.“, kam es schwach über seine Lippen und er war auch gespannt zu hören, was Sergej erlebt hatte und wie er überhaupt zu ihm gestoßen war, denn seit ihrem überhasteten Zusammentreffen in der Eingangshalle hatten sie kein einziges Wort miteinander wechseln können.

    Jetzt endlich sah Vitali allmählich klarer und lauschte gebannt den Erzählungen seines Kollegen. Viele Dinge erschlossen sich nun völlig neu für ihn und als er aus den neuen Informationen seine Schlüsse zog, war er sofort wieder hellwach und die Sorgen und Schmerzen der letzten Minuten waren vergessen.

     

    Eva Maelle Lavoie fühlte sich kalt und nackt, als sie wieder zu sich kam. Um sie herum war alles dunkel und sie zweifelte einen Moment lang sogar daran, dass sie wieder aus ihrer Bewusstlosigkeit erwacht war. Doch dann spürte sie die rauen Fesseln, die in ihr Fleisch schnitten, umso mehr. Die Hände hatte man ihr grob hinter dem Rücken zusammengebunden, während ihre Beine an Stuhlbeine gefesselt worden waren. Eine schwere und kalte Augenbinde schränkte ihr jegliches Blickfeld ein. Ein trockener Stoff war als Knebel in ihren weit geöffneten Mund gedrückt worden, sodass sie nur stoßartig durch die Nase atmen konnte und in Panik geriet. Das Oberteil der Französin war ziemlich zerrissen worden, sie spürte kalte Luftzüge auf ihrer nackten Haut, die mit kaltem Schweiß bedeckt war.

    Plötzlich kam ihr ein ungeheuerlicher Gedanke! Hatte der Entführer ihre missliche Lage ausgenutzt und sich an ihr vergriffen? Hatte er sie vergewaltigt, als sie ohne Bewusstsein war, ohne dass sie es gemerkt hätte?

    Eva schluchzte verzweifelt, sog tief die klinische, unangenehm kalte Luft hart durch ihre eiskalte Nase ein und ließ sich kraftlos nach vorne hängen. Rasch beruhigte sie ihre panische Angst, indem sie sich sagte, dass sie es sofort gespürt hätte, wenn der grässliche Kidnapper und Mörder ihr etwas angetan hätte. Sie fühlte sich zwar erniedrigt und gedemütigt, aber ihre Jeans war ganz und ihr Intimbereich schien unberührt geblieben zu sein.

    Die Französin konnte nichts sehen und nicht einmal zu sich selbst sprechen. Sie fühlte sich in der allumfassenden Schwärze bedroht und bekam eine frostige Gänsehaut. Selbst die schwache Glühbirne war nicht eingeschaltet, denn sie hätte ihren schwachen Schimmer auch irgendwie durch ihre Augenbinde sehen müssen.

    Plötzlich hörte die Französin ein Rascheln, dann ein leises, schneller werdendes Trippeln und ein widerliches, leises Quieken.

    Der schönen jungen Französin stellten sich die Nackenhaare hoch. Sie konnte das seltsame Geräusch nicht sofort orten, aber dafür identifizieren. Entsetzt schrie sie auf, als sie erkannte, dass sie ihren Raum mit Ratten teilte. Der Knebel schwächte ihr panisches Geschrei noch ab und plötzlich hatte die sonst so souveräne und direkte Schauspielerin ungeheure Platzangst und schnappte gierig nach Luft, die sie nicht einatmen konnte und dadurch noch mehr irritiert wurde. Hektisch rüttelte sie an ihrem Holzstuhl, der unheimlich knarrte und unter ihren Bewegungen ächzte. Dabei schnitten die Fesseln ihr noch tiefer in das Fleisch. Ein warmer, dünner Strom kroch ihren Fuß herunter bis tief auf ihre Zehenspitzen. Die Französin wusste, dass es ihr eigenes Blut war.

    Da spürte sie plötzlich etwas Pelziges an diesem Fuß, zuckte kreischend zurück und wand sich wie eine Furie auf ihrem Stuhl. Sie warf sich mit panischer Kraft nach hinten, bekam plötzlich ein Übergewicht, versuchte sich zusammenzukrümmen und schlug doch hart mit der Rückenlehne des Stuhles zuerst auf dem kalten Boden auf. Jetzt war sie plötzlich auf gleicher Höhe mit den grässlichen Nagern!

    Panisch zuckte die Französin von einer Seite zur anderen, in der Hoffnung, dass ihre Fesseln lockerer werden würden oder irgendwann einfach ganz nachgaben, doch dieser Wunsch blieb eine Illusion. Sie war erbarmungslos eingeschnürt worden und hatte juckende Schmerzen an ihren groben Fesseln. Auch ihren Knebel konnte sie mit ihrer pelzig gewordenen Zunge nicht entfernen und schnappte verzweifelt nach Luft.

    Da hörte sie auf einmal ein mechanisches Piepsen und erstarrte. Das Geräusch war direkt unter ihrem Stuhl aufgeklungen und klang erschreckend nah. Da wurde der Französin plötzlich ganz anders. Sie bekam eine eisige Gänsehaut, ihr Herz pochte wild gegen ihre brennenden Rippen und der eiskalte Schweiß brach auf ihrer zerfurchten Stirn aus, denn sie erinnerte sich an die emotionslosen Worte ihres Peinigers: Unter ihrem Stuhl klebte eine ferngesteuerte Bombe!

     

    Vorsichtig und mit wachen Augen folgte Vitali dem Oberkommissar Matafeev in die düstere Wohnung von Gluschenko, nachdem ein weiterer Polizist sich den Generalschlüssel für die Zimmer bei der aufgeregten Ekatarina Alexandrowna Kolodina geholt hatte, die noch nervös im Flur stand und mehr mit sich selbst, als mit den anderen Anwesenden redete. Ein bemitleidenswerter Polizist hörte sich ihren Sermon an und nickte einige Male verständnisvoll.

    „Es ist ja so furchtbar, dass das ausgerechnet in meinen Haus geschehen musste! Seit meiner frühesten Kindheit lebe ich hier und sogar meine Eltern haben hier schon gewohnt. Seit über fünfzig Jahren ist dieses Haus im Besitz der Familie Kolodina, obwohl man ja sagen muss, dass die Gebäude hier in der Region früher offiziell verstaatlicht waren und meine Eltern sozusagen nicht in die eigenen Taschen investieren durften. Heute ist das ja zum Glück anders. Natürlich gab es schon seltsame Mieter bei uns in all der Zeit. Der Parteigenosse Grabowski, der immer diese dubiosen Gäste bei sich versammelt hatte, um mit denen politische Angelegenheiten zu besprechen, streng vertrauliche und geheime Dinge! Oder der alte Pawornjak, der ständig nachts betrunken nach Hause kam und die halbe Nachbarschaft aufgeweckt haben musste. Oder auch dieser Geschäftsmann namens Schischkin, der ständig mit leicht bekleideten Frauen nach Hause kam, die ständig wechselten bei ihm. Aber in all dieser Zeit hat es noch nie einen solchen Skandal gegeben. Eine Schießerei in meiner Eingangshalle! Eine Geiselnahme in meinem Haus! Mein Gott, wenn die Öffentlichkeit davon erfährt, dann werde ich ruiniert sein! Jeder wird spöttisch auf mich zeigen, jeder wird über mich lästern und tuscheln und sagen, dass die alte Frau Kolodina nichts im Griff hat und dass sie ihre Zimmer an brutale Mörder und Entführer vermittelt. Niemand wird mehr in dieses Haus einziehen wollen. Ich werde verarmt sterben und niemand wird Mitleid mit mir haben. Mein Gott, dieser Gluschenko ist ja so ein schrecklicher Mensch. Er war schon immer etwas sonderbar, er hatte so eine kalte, arrogante Ader, aber ich dachte mir, dass er ein Eigenbrötler sei, nur ein etwas seltsamer Kauz, als er vor zwei Jahren hier einzog. Seine Miete hat er immer pünktlich bezahlt, er war sehr akkurat und selten in seiner Wohnung, ein vielbeschäftigter Mann. Mein Gott, wenn ich nur daran denke, was er in all dieser Zeit für Gräueltaten begangen haben könnte, da bekomme ich eine Gänsehaut. Er hat nie den Kontakt mit den anderen Mietern gepflegt, auch das alljährliche Frühstück aller Mieter in meiner Wohnung hat er stets ausgeschlagen. Meine Güte, da hätte ich stutzig werden müssen, ihn besser in Augenschein nehmen sollen, aber jetzt ist es zu spät. Hoffentlich wird dieser Unmensch gefasst. Hoffentlich wird er handlungsunfähig gemacht, bevor alles noch schlimmer wird, das wäre mein sehnlichster Wunsch. Der arme Vitali, gerade heute ist er erst bei mir eingezogen und dann muss er so etwas Schlimmes erleiden, das tut mir so furchtbar Leid. Ich werde ihm anbieten hier ein Jahr lang leben zu dürfen, ohne Miete zu zahlen. Der Ärmste, er ist ja völlig von der Rolle, aber das ist ihm nicht zu verübeln. Tapfer geschlagen hat er sich, er hat diesen Kriminellen fertig gemacht, mein Gott, dieser Mensch hätte uns sonst noch alle umgebracht. Vitali ist ein Held für mich, ja, wahrhaftig, er hat eine große Tat vollbracht!“, rief die alte Kolodina erregt und machte endlich einmal eine Pause.

    Der als Held titulierte Vitali war nach der Ankunft der Krankenwagen, die Lukianenko abtransportiert hatten und ihn eigentlich gleich provisorisch mitnehmen wollten, gründlich untersucht worden. Vitali hatte sich an Matafeev gewandt, ihn angefleht, dass er nicht ins Krankenhaus wolle, sondern dabei sein möchte, wenn die Wohnung von Gluschenko untersucht werden würde. Er sprach davon, dass ihn die Sorge um die Französin und die Ereignisse der letzten Stunden so aufgeregt hatten, dass jeder normale Mensch völlig fertig mit den Nerven sein müsste, aber genauso wenig jetzt einfach Ort und Stelle verlassen konnte, ohne sich moralische Vorwürfe zu machen. Matafeev hatte lange und energisch protestiert und war um die Gesundheit des Journalisten besorgt, zumal er befürchtete, dass Vitali eine Kurzschlussreaktion begehen könnte oder unabsichtlich für Chaos in Gluschenkos Wohnung sorgen würde. Vitali hatte ihm hoch und heilig versprochen, dass es ihm gut ginge du dass er nichts Unüberlegtes anstellen würde. Er hatte dem Oberkommissar so lange ins Gewissen geredet, bis dieser ernüchtert abgewunken hatte und Vitali ihm einfach zurück in die Wohnung gefolgt war. Die anwesenden Ärzte waren entsetzt, hielten Vitali aber nicht auf und hatten vor dessen grimmiger und herzhafter Entschlossenheit und seiner Kämpfernatur offenkundig viel Respekt gehabt. Schließlich hatten sie pikiert aufgegeben und waren mit dem bewusstlosen Lukianenko abgefahren

    Vitali blickte sich inzwischen in der Wohnung des Mannes um, der exakt ein Stockwerk unter ihm gelebt hatte. Die Wohnung wirkte ziemlich unaufgeräumt und schien gar nicht zu dem sonst so organisierten und akkuraten Mann zu passen. Vermutlich war er in letzter Zeit unglaublich nervös und unkoordiniert gewesen, denn auch bei der Entführung hatte er unglaublich hektisch und nicht gerade abgebrüht agiert.

    Vitali trat an der Seite von Matafeev in einen kleinen Raum, der wohl das Arbeitszimmer des Mannes darstellte. Früher war hier das Esszimmer oder ein Aufenthaltsraum gewesen, doch das hatte Gluschenko offensichtlich entfernt. Es befanden sich kaum Stühle in der Wohnung und auch nur das nötigste an Geschirr, wie Vitali mit einem Blick in die gähnend leere Küche feststellen musste. Offenbar hatte Gluschenko sehr selten Gäste empfangen und sehr zurückgezogen gelebt.

    Oberkommissar Matafeev griff langsam nach einem dunkelroten Umhang, der über den Schreibtischstuhl gelegt worden war und suchte ihn mit gerunzelter Stirn ab. Plötzlich hielt er inne und starrte auf ein seltsames Symbol. Vitali trat neugierig näher, um das Aufgenähte besser in Augenschein zu nehmen. Bei näherem Hinsehen erkannte Vitali einen dunklen Raben. Fragend blickte er den Oberkommissar an, der Sergej und ihm inzwischen indirekt erlaubt hatte, die Wohnung ebenfalls in Augenschein nehmen zu dürfen.

    „Kennen Sie das Symbol?“, fragte Matafeev mit düsterer Stimme.

    „Nein, es sagt mir nichts. Es sieht ganz so aus, als ob Gluschenko Mitglied in irgendeiner seltsamen Gruppierung oder Sekte gewesen ist.“, stellte Vitali zögernd fest und Matafeev nickte anerkennend.

    Da fiel der Blick des jungen Journalisten auf ein aufgeschlagenes Buch mit dickem, staubigen Einband, das auf dem Schreibtisch lag. Es war in alter, kyrillischer Schrift verfasst und nur schwer zu lesen, doch Vitali hatte in seiner journalistischen Ausbildung gelernt solche Schriftarten auch zu entziffern. Viel unheimlicher als die Schrift war jedoch das Bild eines gigantischen Wolfsmenschen auf der linken Seite des Textes. Das Wesen maß gut und gerne drei Meter, hatte kräftige, muskulöse Hinterläufe, klauenartige Arme mit Nägeln, die wie kleine Dolchklingen wirkten und ein Gesicht, das wie das eines entstellten Menschen wirkte, während aus den animalischen und doch intelligent wirkenden Augen eine unheimliche Gier und ein unglaublicher Hass sprach. Das Bild wirkte so erschreckend realistisch, dass Vitali benommen vom Schreibtisch zurücktrat. Sein neuer Talisman brannte plötzlich unangenehm auf seiner Haut, sodass es fast schon schmerzte.

    Auch Matafeev war näher getreten und blickte das Buch stirnrunzelnd an, bevor er es umwälzte und auf den edlen Einband blickte, auf dem neben dem Wolfsmensch auch Zeichnungen von Vampiren oder gnomartigen Wesen zu finden waren. Selbst der erfahrene Oberkommissar bekam eine eisige Gänsehaut und blickte Vitali klamm an.

    „Das Buch trägt den Titel „Magische Beschwörungsformeln zum Kontakt mit jenseitigen Wesen und Kreaturen“. Ein ziemlich altes und abergläubiges Werk. Die Namen der Autoren habe ich schon einmal bei meinem Studium gehört. Russische Alchemisten und Sektenmitglieder aus dem frühen siebzehnten Jahrhundert.“, erläuterte Vitali und erinnerte sich dunkel an einige Einzelheiten aus den Biographien der Autoren, deren Namen in zackiger Schrift in den Einband geritzt worden waren.

    „Das muss ein sehr wertvolles Werk sein.“, bemerkte Matafeev nach Minuten des atemlosen Schweigens mit tonloser Stimme.

    „Eigentlich sind alle Exemplare dieses Buches in der frühen Sowjetzeit von Lenin und Konsorten öffentlich verbrannt worden. Vielleicht ist dies sogar das letzte Exemplar seiner Art.“, bemerkte Vitali und spürte, wie der brennende Schmerz seines Talismans allmählich abflaute, je weiter er von dem Buch zurücktrat. Hatte das Schmuckstück des Mönches etwa tatsächlich eine übersinnliche Gefahr gespürt und warnte ihn nun? Vitali fröstelte und wollte diesen Gedanken so schnell wie möglich abschütteln, doch es gelang ihm nicht so recht.

    „Was man von Lenin auch sonst halten mag, das war eine gute Tat von ihm. Es ist grausam zu wissen, dass es solche Exemplare immer noch gibt und manche Verrückte auch noch an die schändlichen Inhalte glauben. Vermutlich hat sich Gluschenko durch solche Werke und die unbekannte Sekte zu seinen bestialischen Taten inspirieren lassen.“, bemerkte Matafeev grimmig und Vitali fielen siedend heiß die Worte der Polizisten ein, die am frühen Morgen, der jetzt schon endlos lang zurückzuliegen schien, über die grausamen Morde gesprochen hatten. Hatte wirklich der nervöse Gluschenko diese kaltblütigen Taten vollbracht? Vitali zitterte wie Espenlaub, als ihm Zweifel kamen und das unheimliche Abbild des Wolfmannes ihn von dem Einband aus förmlich anzustieren schien. Nein, das durfte nicht sein, so etwas durfte es nicht geben! Vitali wehrte sich vehement gegen die Möglichkeit, die durch seine wirre Gedankenwelt schwirrte. Dennoch blieben die Zweifel und er äußerte sie gegenüber Matafeev, der seine Nervosität längst bemerkt hatte und ihn aufmerksam anstarrte, so als ob er bis in seine Seele hinabsehen könnte.

    „Ich glaube kaum, dass so ein nervöser und unkoordinierter Mensch wie Gluschenko zu solch präzisen, grausamen Morden fähig wäre.“, stotterte sich Vitali hektisch zusammen, um das drückende Schweigen endlich zu brechen.

    „Sie meinen also, dass er einen Komplizen hatte?“, fragte Matafeev mit stechendem Blick.

    Vitali fühlte sich seltsam in die Enge gedrängt und überlegte kurz, ob er seine wahren Gedanken dem Oberkommissar kundtun sollte, doch er erahnte dessen Reaktion schon im Voraus. Zu abenteuerlich war der Gedanke, dass ein wahrhaftiger Wolfmensch diese Taten begangen haben könnte!

    „So in der Art.“, gab Vitali endlich mit zugeschnürter Kehle zurück. Wie gebannt starrte er auf das unheimliche Buch der dunklen Magie starrte, was auch Matafeev nicht unbemerkt blieb.

    „Sie glauben doch nicht etwa, dass dieser Gluschenko mit einer Beschwörungsformel einen Dämon zur Hilfe gerufen haben könnte oder ein Wolfmensch oder Vampir in seinem Namen mordet!“, empörte sich Matafeev mit einem düsteren Lachen, sodass Vitali die Schamesröte ins Gesicht schoss und er eilig den Kopf schüttelte.

    „Nein, nein, natürlich nicht. Ich bin ja nicht verrückt.“, antwortete er hastig und Matafeev trat näher zu ihm heran, musterte ihn aus seinen tiefgründigen, kalten Augen und klopfte ihm mit seiner harten Pranke auf die Schulter, sodass Vitali irritiert zusammenzuckte und sich aus dem Griff des Oberkommissars wandte.

    „Glauben Sie mir, Herr Aljenikow, dieser Gluschenko versucht vermutlich absichtlich diese Taten so grausam zu gestalten, um auf eine übersinnliche Macht hinzudeuten. Vermutlich spornt er sich mit solchen Ritualmorden zu extasischen Höchstleistung an und fühlt sich seinem Teufel so ein bisschen näher. Wir können mit unserem rationalen Denken so einen wahnsinnigen Verstand gar nicht nachvollziehen.“, bemerkte Matafeev ruhig und belehrend und wirkte dabei so selbstsicher und überzeugt, dass Vitali hastig nickte und am liebsten selbst daran geglaubt hätte. Doch dann dachte er wieder an das Agnus Die, das eben markant aufgeglüht hatte. Alle Tatsachen sprachen erschreckenderweise für das Übernatürliche, das Ungeheuerliche.

    „Natürlich, das leuchtet mir ein.“, brachte Vitali nur kraftlos hervor und Matafeev klopfte ihm nun weicher und zufriedener auf die Schulter.

    „Sie sollten sich ein wenig ausruhen und beruhigen. Wir werden alles menschenmögliche tun, um ihre französische Freundin aus den Händen dieses Ritualmörders zu befreien. Denn er wird sich nicht zurückziehen, sondern vermutlich heute Abend wieder zuschlagen, möglicherweise bei dem Treffen mit den Mafiabossen, von dem ihr Kollege gesprochen hatte. Wir werden die ganze Umgebung gründlich absperren und bewachen und dann schnappt die Falle zu, denn dieser Gluschenko hat es aus unerfindlichen Gründen auf die Unterwelt abgesehen und möchte selbige vermutlich mächtig aufwirbeln und umwerfen, um selbst etwas mehr Macht und Respekt zu erlangen. Er hat dieselben Feinde wie wir Polizisten, aber insgeheim sind mir die groben Herrscher der Unterwelt immer noch lieber, als solch ein schändlicher Mörder! Vertrauen Sie mir und der Polizei, wir werden diesen Kerl noch heute Nacht schnappen!“, verkündete Matafeev im Brustton der Überzeugung, sodass Vitali, der nur halb zugehört hatte und mit ganz anderen Gedanken beschäftigt war, unaufmerksam nickte, was Matafeev aber offensichtlich zufrieden stellte.

    „In Ordnung. Dann lassen Sie uns gehen und diese Wohnung verlassen.“, bemerkte Vitali plötzlich mit neuem Tatendrang und wirkte wie aus einer tiefen Trance erwacht.

    Matafeev blickte ihn zweifelnd an, als die beiden Männer das Arbeitszimmer verließen. Vitali atmete hingegen tief durch, der Druck und die Angst, die in diesem Zimmer drückend auf ihm gelegen hatten, waren endlich verschwunden. Auch sein Agnus Die war wieder erkaltet und lag unauffällig schützend auf seiner kaltnassen Haut. Und er selbst wollte nun einen riskanten Plan so schnell wie möglich umsetzen.

     

    Pawel Edmundowitsch Gluschenko war über verschiedene Schleichwege bis zur Starobel’skaya Ulitza gelangt, wo am heutigen Abend ein Treffen der drei großen Mafiabosse der Hafenstadt stattfinden sollte, wie er aus sicherer Quelle von einem alten Freund und Wegbegleiter erfahren hatte. Jetzt bewegte sich der nervöse Russe auf den großen und trist wirkenden plattenbauartigen Wohnblock zu, der sich gegenüber der Taverne befand, die als neutraler Platz galt und wo das Treffen stattfinden sollte. Gluschenko hatte mit seinem Komplizen bereits alle wichtigen Dinge in einem geheimen Unterschlupf der Kanalisation besprochen. Gluschenko bekam jedes Mal eine Gänsehaut und zitternde Knie, wenn er die unheimliche Gestalt traf, doch sie war ihm scheinbar treu ergeben und hatte bis jetzt präzise und geschickt gearbeitet. Gluschenko dachte daran, dass den Preis, den er für diese Leistungen zu zahlen hatte relativ hoch war. Er würde sein mühsam aufgebautes Imperium in der Stadt nicht nur mit seinen Glaubensbrüdern und einer noch höheren Kraft teilen müssen, sondern hatte sich auch dazu verschrieben der Sekte mit dem Abzeichen des Kolkrabens auf ewig zu dienen und seine Seele einem höheren Ziel zu opfern. Gluschenko hatte diese Menschen zunächst für gemeingefährliche Spinner gehalten, doch als er realisiert hatte, dass nur sie ihm bei seinem Rachezug und Aufstieg helfen konnten, da hatte er sich mangels Alternativen der mysteriösen Gruppierung angeschlossen. Inzwischen hatte er längst lernen müssen, dass es zwischen Himmel und Erde mehr Dinge gab, als er sich je erträumt hatte. Doch der Schock dieser Erfahrung war einer fanatischen Faszination gewichen und er hatte seine neuen Erkenntnisse bislang geschickt umsetzen können. Die Beschwörung des Werwolfs, die er zum ersten Mal auf einem Friedhof außerhalb der Stadt vollzogen hatte, war eine elektrisierende und faszinierende Erfahrung für Gluschenko gewesen. Über einen Mittelsmann seines Ordens hatte er einen Werwolf herbeigerufen, der ins einem Leben als normaler Mensch ein einsames Försterdasein in einem Waldgebiet nördlich von Sankt Petersburg fristete. Der schon recht alte Mann war irgendwann gebissen worden und hatte sich anfangs nur zu Vollmond in eine entsetzliche Bestie verwandelt. Zu beginn hatte sich der Förster dagegen gewehrt und seinen Drang nach Zerstörung, Blut und Mord versucht zu unterdrücken. Als es ihm einmal nicht mehr gelungen war, hatte er sich mächtig gefühlt und seltsam erleichtert, sodass seine Taten nach anfänglichem Schuldbewusstsein zu einer krankhaften Sucht geworden war. Inzwischen hatte er seinen Körper gar so weit unter Kontrolle, dass er sich auch in anderen Nächten in Minutenschnell verwandeln konnte. Der Förster hatte irgendwann sogar gleichgesinnte Werwölfe mit ähnlichen Schicksalen aus ganz Russland um sich herum geschart und war der sogenannten Werwolf-Liga beigetreten. Seitdem hatte der Förster viele Menschen kennen gelernt, die seine Hilfe benötigen. Neben dem Stillen seiner eigenen Gelüste profitierte er auch finanziell davon und lebte mittlerweile im Luxus. Der neue Auftrag war für den Wolfsmann also auch wieder durchaus verlockend gewesen. Zudem hatte er auch persönliche Motive für einen Rachefeldzug gegen die Mafia, bei dem er voller Inbrunst sein grausames Werk vollbrachte. Die ehemalige Frau des Försters war von mehreren Mafiosi vergewaltigt worden und hatte sich Wochen danach aus Scham umgebracht. Seitdem hatte der Werwolf auf seine Stunde gewartet und so verband ihn recht viel mit dem leidgeplagten und fanatischen Gluschenko, mit dem er sich inzwischen drei Mal auf einem Friedhof und zum letzten Mal in der Kanalisation getroffen hatte.

    An diesem Abend stand nun der finale Schlag gegen die große Mafia an, die beide Täter in gewisser Weise misshandelt oder sogar verstoßen hatte. Dennoch wollten Gluschenko und der Förster getrennt voneinander zuschlagen. Gluschenko wollte die gesamte Lage überwachen und notfalls entscheidend eingreifen, während der Werwolf seinen Blutgelüsten ohne Zügel nachgeben und fürchterlich wüten wollte. War das seltsame Wesen einmal im Blutrausch, so konnte es sich nicht mehr kontrollieren oder klar denken. Alles und jeder, der ihm in den Weg kam, wurde erbarmungslos zerrissen und getötet. Der Förster konnte dann kaum mehr zwischen Feind und Freund unterscheiden und erst recht nicht zwischen Schuldigen oder Unschuldigen.

    Gluschenko wollte sich an diesem schicksalhaften Abend für die Schmach und die Erniedrigungen rächen und war bereit alles dafür zu geben, selbst wenn es seine Seele oder sein Leben sein mussten. Die Wurzel des Hasses war in ihm über die Jahre gereift und trug nun ihre grausamen Früchte.

    Gluschenko kannte sich in der Gegend bestens aus. Auch zu seiner aktiven Zeit in der kriminellen Unterwelt war dieser Ort schon für Unterredungen zwischen Mafiosi von verfeindeten Familien oder Einheiten genutzt worden. So kannte er fast jeden Flecken um die Taverne herum und hatte sofort an das flache Dach auf dem Wohnblock gegenüber gedacht. Von dort aus hatte er alles gut im Blick, war relativ unsichtbar und geschützt und konnte mit seinem präzisen Gewehr, dass er in einen unauffälligen Geigenkoffer gepackt hatte, auch problemlos ins Geschehen eingreifen. Eine handlichere Waffe trug er unter seinem Mantel und auch einen Dolch hatte er mitgenommen. Er war sozusagen bis unter die Zähne bestens bewaffnet. Für alle Notfälle hatte er sich auch einen Fluchtplan zurecht gelegt, denn dieses Mal wollte er nichts dem Zufall überlassen. Um seine Tarnung noch besser zu machen, hatte er aus einem alten Theaterfundus in der Hafengegend eine graue Perücke und einen künstlichen, geschwungenen grauen Schnurrbart entwendet. In dieser Aufmachung würde ihn kaum jemand wiedererkennen.

    Als er den Wohnblock betrat, da stellte er erleichtert fest, dass sich in der gesamten Umgebung kaum Passanten und nicht einmal Polizisten oder Mafiosi aufgehalten hatten, denn er war zuvor eine halbe Stunde lang durch die verwinkelten Gassen gestreift, um die Lage zu inspizieren. Bislang war alles ruhig und so nahm er gemütlich pfeifend den labilen und nicht gerade vertrauenerweckenden Aufzug des Wohnblockes bis in die oberste Etage.

    Als der Aufzug mit einem ächzenden Quietschen und grässlichem Rasseln zum Stillstand gekommen war und sich die alten Holztüren mühsam öffneten, steuerte Gluschenko ohne Umschweife den Treppenaufgang zum Dach an. Auch dieses Stockwerk war völlig leer. Es hätte für ihn wirklich kaum besser laufen können.

    Mit neuer Motivation und einer glühenden Vorfreude auf die nächsten Stunden trat Gluschenko auf die schwere Eisentür zu, die geradewegs auf das Dach führte, drückte den schweren Metallhebel herunter und drückte die solide Tür nach außen auf. Peitschender, schneidend kalter Wind schlug ihm in dieser Höhe entgegen. Rasch trat Gluschenko nach draußen und warf einen kurzen Blick in die Runde – und erstarrte!

    Von seiner linken Seite richtete sich urplötzlich eine Pistole gegen seine Schläfe und er hörte das angestrengte Keuchen des Mannes, der schräg hinter ihm im Schatten der Tür gelauert haben musste. Der faulige Atem des Angreifers war sogar in dem pfeifenden Nachtwind der russischen Metropole fast unerträglich, zudem roch der Mann stark nach Schweiß!

    Gluschenko drohte beinahe zu kollabieren, als der seltsame Mann ihn ansprach.

    „Dich mache ich fertig, du miese Ratte!“

    Dann zog der Überraschungsangreifer unvermittelt grob an der Perücke von Gluschenko, riss sie ab und warf sie verächtlich lachend auf den Dachboden. Dann riss der Mann ihm den Geigenkoffer aus den Händen, legte ihn zu Boden und kickte ihn außer Reichweite polternd über das Dach hinweg.

    Gluschenko war zu allem Überfluss bereits jetzt enttarnt worden!

     

    Josef Iljitsch Lukianenko erwachte aus einer emotionslosen, unendlichen Schwärze und schlug langsam die Augen auf. Sein Kopf drohte zu explodieren und er hatte eine elendiges Schwindelgefühl. Er schloss die Augen wieder, atmete tief durch und versuchte dann zu rekonstruieren, was vor seiner tiefen Bewusstlosigkeit genau geschehen war. Als die Erinnerung daran zurückkam, spürte er einen glühenden Hass in sich aufsteigen, doch auch diese Wut konnte seine Enttäuschung und seine Selbstvorwürfe nicht zerstreuen, denn er wusste, dass er versagt hatte. Josef Iljitsch Lukianenko hatte aber noch niemals zuvor versagt und er wollte auch diese unerwartete Niederlage nicht auf sich sitzen lassen.

    Langsam öffnete er wieder die Augen und ertrug die Schmerzen nun leichter. Er befand sich allein in einem klinisch sauberen Krankenzimmer, was in Sankt Petersburg durchaus eine Seltenheit war. Lukianenko war schon in den heruntergekommensten, altmodischsten, stinkigsten Krankenhäusern behandelt worden, aber dieses hier hatte Komfort und bot sogar eine Aussicht auf den träge vor sich hinfließenden Fluss Fontanka. Lukianenko erkannte die Gegend sofort und schloss daraus schnell, dass er sich im Mariinskij Krankenhaus am Litejnij Prospekt befinden musste.

    Durch eine Glasscheibe auf den Flur konnte Lukianenko zwei Krankenschwestern sehen, die sich nervös besprachen. Weiter an der Seite saß ein Wachmeister, der sich gerade einen Flachmann mit dem Emblem des Hammers und der Sichel aus einer Tasche seiner Uniform geholt hatte.

    Man hatte Lukianenko seine alten Anziehsachen angelassen. Noch schien niemand bemerkt zu haben, dass der Mafioso wieder zu sich gekommen war.

    Plötzlich spürte der angeschlagene Russe ein Vibrieren in seiner rechten Hosentasche und schreckte hoch. Er dachte zunächst panisch an einen Elektroschock, doch er war beruhigt, als er feststellte, dass es nur sein kleines und handliches Handy war. Lukianenko konnte von Glück sprechen, dass die Polizei das Gerät nicht gefunden hatte, denn dann hätte er es wohl niemals wieder gesehen. Nicht dass die Polizei die darauf gespeicherten Nummern verwenden könnte, um Mafiosi dingfest zu machen, das war nicht der Fall, da Lukianenko geschickt genug war keine wichtigen Nummern einzuspeichern, sondern diese direkt auswendig zu lernen, aber die Polizisten hätten das edle elektronische Gerät wohl an der nächsten Straßenecke für ein paar Rubel an ein paar Neureiche oder Touristen verhökert, um ein bisschen Trinkgeld zum spärlichen Lohn dazu zu verdienen.

    Jetzt griff Lukianenko stöhnend nach dem Handy und drehte sich seitlich zur Tür, sodass man seine Bewegungen nicht bemerken würde. Vorsichtig nahm er das Handy und legte es an das Ohr, das er schräg gegen das weiße Kissen des Bettes gedrückt hatte. Er redete nur sehr leise und langsam, um sich nicht zu auffällig zu verhalten, obwohl er erschrocken war, als er realisierte, wer ihn da anrief. Wie immer hatte keine Nummer auf dem Display aufgeleuchtet, denn der Anrufer rief immer unauffällig von irgendwelchen öffentlichen Telefonzellen an.

    Es war sein großer Boss, die stählerne Maske höchstpersönlich, das erkannte Lukianenko an der rauchigen, aber durchaus vollen und markanten Stimme mit dem mysteriösen Akzent, den Lukianenko nie so ganz zuordnen konnte.

    „Genosse, ich habe bereits drei Mal versucht dich anzurufen.“, war das Erste, was die stählerne Maske ihm zu sagen hatte.

    „Es gab Komplikationen. Die Zielperson hat eine Geisel genommen und ist überhastet geflohen. Ich hatte zivile Gegner und die Polizei ist aufgetaucht.“, berichtete Lukianenko knapp, doch er erwartete bereits, dass sein strenger Boss dies als Entschuldigung nicht gelten lassen würde und ihn bald zur Rechenschaft ziehen würde, da Versager in seiner Gruppierung generell nicht geduldet waren. Seit dem Debakel mit Gluschenko vor einigen Jahren und anderen Zwischenfällen griff die stählerne Maske hart durch, denn sie wollte zur größten Macht der Metropole aufsteigen und dies ging nach ihrer Maxime nur, wenn nur die allerbesten Leute für sie arbeiten würden, die einhundertprozentig zuverlässig und erfolgreich waren, egal auf welche Weise. Lukianenko war bislang immer erfolgreich gewesen, doch an diesem verhängnisvolle Tag hatte sich das fatalerweise geändert. Lukianenko verfluchte innerlich den Journalisten, der ihm in die Quere gekommen war und malte sich schon die perversesten Rachegelüste aus.

    „Semak ist tot. Plichanow ist tot.Es gibt ein ziviles Opfer zu beklagen. So darf es nicht weiter gehen. Gluschenko muss gefasst werden. Heute Abend findet ein Treffen mit den anderen Bossen der Unterwelt statt. Die Umgebung muss strengstens überwacht werden. Das erledigen für mich die Genossen Rostov und Jaschin, sowie einige Bodyguards. Aber deine Hilfe wird anderweitig benötigt.“, gab die stählerne Maske ruhig und knapp wieder.

    „Sehr wohl, ich werde meine Fehler ausmerzen. Auf mich ist Verlass!“, beteuerte Lukianenko und wirkte bei den Worten geradezu unterwürfig. Sogar ein leichtes Zittern schwang in seiner Stimme mit. Doch die stählerne Maske ging auf das beteuernde Flehen gar nicht erst ein.

    „Du erinnerst dich an die Fabrik, in der Gluschenko vor unserer Zeit gearbeitet hat?“ fragte die stählerne Maske stattdessen hart und eisig.

    „Die Fabrikanlage vom alten Dostojewski in der nördlichen Hafengegend?“, hakte Lukianenko ungläubig nach.

    „Exakt. Die Anlage in der Ulitza Petrovskaya Kosa. Er kennt die Gegend wie seine Westentasche, fast fünfzehn Jahre war er dort tätig und sein Vater und sein Großvater vor ihm auch.“, resümierte die stählerne Maske knapp.

    „Ich erinnere mich. Vielleicht zieht er sich dorthin zurück, jetzt, wo wir ihm auf den Versen sind. Und seine Geisel muss ja auch irgendwo stecken. Aber das wird doch in dieser Anlage nicht unbemerkt bleiben, oder?“, fragte Lukianenko ein wenig überrascht nach.

    „Die Anlage ist seit dem Herbst letzten Jahres geschlossen, Genosse. Es wurde Insolvenz angemeldet. Ein Ölmilliardär hat die Firma aufgekauft. Die Sitze und die Firmen wurden allesamt nach Irkutsk in Sibirien verlegt.“, berichtete die stählerne Maske, die sich stets allumfassend informiert, perfekt vorbereitet und äußerst gebildet gab. Davor hatte Lukianenko eine Menge Respekt.

    „Verzeihung, das wusste ich nicht. Was ist meine Aufgabe?“, wollte Lukianenko mit neuer Energie und Entschlossenheit wissen.

    „Infiltriere die Anlage und stelle Gluschenko eine Falle, falls er sich dorthin zurückzieht.“, befahl die stählerne Maske knapp.

    „Was ist, wenn ich die Geisel finde?“, wollte Lukianenko noch wissen.

    „Das ist zweitrangig. Ob sie gerettet wird oder stirbt, ist mir völlig gleichgültig. Aber Gluschenko muss sterben!“, forderte die stählerne Maske energisch und legte dann sofort auf. Es war alles Nötige gesagt worden.

    Und auch für Lukianenko waren nun alle Details geklärt. Er steckte das kleine Handy unauffällig weg und wartete noch eine Minute ab. Dann richtete er sich vorsichtig aus seinem Bett auf und betätigte einen roten Knopf, um die Krankenschwester zu rufen. Sein Boss hatte wohl nicht gewusst, dass Lukianenko sich im Krankenhaus befand. Vielleicht hatte er es aber doch gewusst und es war ihm völlig egal. Die stählerne Maske nahm keine Rücksicht auf Nebensächlichkeiten. Wer für sie arbeitete, musste unter allen Umständen auch immer alles geben.

    Als die junge Krankenschwester mit den blonden Haaren mit schüchternem Lächeln und zögerndem Blick eintrat, musste Lukianenko ebenfalls kurz lächeln. Die schöne Dame tat ihm ein wenig Leid. Aber ebenso wie sein Boss, mit dem er vielleicht deswegen bislang so gut kooperiert hatte, nahm auch Lukianenko keinerlei Rücksicht auf Nebensächlichkeiten.

    Eiskalt hatte er sich bereits einen raschen plan überlegt, den er ohne Zögern oder Zweifel ausführen wollte.

     

    Vitali und Sergej hatten in der Küche Platz genommen, in der Vitali vor wenigen Stunden noch seiner französischen Nachbarin näher gekommen war, doch diese schöne Erinnerung schien schon endlos lang zurück zu liegen. Seitdem hatte sich alles zum Schlechten gewendet und der traumatisierte Vitali war völlig durcheinander. Er verspürte nicht einmal eine übermäßige Trauer, sondern viel mehr eine flammende Wut in sich aufsteigen, eine grimmige Entschlossenheit, den Peiniger der Französin so schnell wie möglich zu finden. Vitali war voller Adrenalin und erzählte seinem skeptischen Kollegen ohne Umschweife von seinen Ideen, die ihm im Arbeitszimmer mit Matafeev gekommen waren, der inzwischen die ganze Umgebung hatte absperren lassen und sich nun darum kümmerte ein Kommando zusammenzustellen, das am Abend das Treffen zwischen den Unterweltbossen überwachen und nötigenfalls schützen sollte.

    „Sergej, dieses Treffen, von dem du gesprochen hast, das auf dem Zettel von deinem toten Korrespondenten stand, das ist unsere einzige Chance Gluschenko zu kriegen und Eva zu finden.“, sagte Vitali grimmig und eindringlich und hatte sich entschlossen über den Tisch gebeugt, an dem die beiden Journalisten sich gegenüber saßen.

    Sergej lachte bitter auf und schüttelte traurig den Kopf, bevor er seine Meinung zu der mutigen Idee abgab.

    „Vitali, das ist der helle Wahnsinn. Wir begeben uns in die Höhle des Löwen. Da drüben sind vielleicht nicht nur Gluschenko und sein Komplize, falls er einen hat, sondern haufenweise Mafiosi und eine ganze Horde von Polizisten. Sobald eine dieser Person nervös wird und die Kontrolle verliert, dann stecken wir mitten in einer üblen Schießerei, die uns das Leben kosten könnte!“, meinte Sergej mit eben solcher Eindringlichkeit.

    „Nein, Sergej, wir können nicht einfach zu Hause bleiben und so tun, als ob nichts wäre. Wir stecken schon unfreiwillig viel zu tief in der ganzen Angelegenheit drin. Wir werden ganz normal in diesen Pub gehen und uns etwas zu essen oder trinken bestellen, vielleicht eine Runde Billard spielen und abwarten.“, schlug Vitali grimmig vor, doch erneut schüttelte Sergej bitter lachend den Kopf.

    „Das kann doch nicht dein Ernst sein! Da findet ein hochrangiges Treffen zwischen den Köpfen der Unterwelt statt, da können wir nicht einfach hineinspazieren und Billard spielen.“, schmetterte Sergej auch diesen Vorschlag ab.

    „Dann werden wir uns durch den Hinterausgang hineinschleichen und dem Wirt ein paar Rubel geben, damit er den Mund hält und wir beobachten das Ganze von dort aus. Mein Gott, irgendetwas wird uns schon einfallen, wenn wird dort sind!“, gab Vitali trotzig und energisch zurück, wobei er wild mit den Armen gestikulierte und sich endlich in seinen Stuhl zurückfallen ließ und seiner Anspannung Luft machte.

    „Junge, du unterschätzt die Lage völlig! Die Mafiosi werden sämtliche Hintereingänge, Kellergewölbe und was weiß ich überwachen. Es sind ungefähr ein halbes Dutzend Menschen heute draufgegangen! Wenn wir da hineinschneien, wird man uns für Komplizen von diesem Gluschenko halten und einfach abknallen.“, argumentierte Sergej weiter.

    „Ach, mach doch, was du willst. Ich zwinge dich gewiss nicht dazu, dass du mitmachst. Du hast heute schon einiges durchgemacht. Geh nach Hause, ruh dich aus und leg dich schlafen, ich werde es dir nicht verübeln. Aber ich kann das nicht! Ich werde etwas unternehmen, um Eva zu retten und diesen Gluschenko zu stellen!“, bekräftige Vitali auch trotz fehlender weiterer Argumente sein Vorhaben. 

    Jetzt beugte sich Sergej über den Tisch und blickte seinen Kollegen wütend an. Langsam wurde auch er hitzig und verlor die Fassung.

    „Glaubst du etwa ernsthaft, dass ich in Ruhe schlafen könnte, während mein bester Freund und Kollege so eine Kamikazenummer startet? Ich soll Schäfchen zählen, während du von Mafiosi gefoltert oder von Gluschenko und seinen Leuten massakriert wirst? Du hast vielleicht Nerven!“, rief Sergej wütend.

    „Ich zwinge dich zu nichts. Du bist mir nichts schuldig.“, gab Vitali trotzig zurück und verschränkte seine Arme vor der Brust.

    „Doch, genau das tust du. Du lässt mir keine andere Wahl. Ich kann einfach nicht wider meines Gewissens handeln!“, gab Sergej sauer zurück.

    „Genau das kann ich auch nicht. Mein Gewissen sagt mir, dass ich etwas unternehmen muss!“, fauchte Vitali zurück und für eine Weile verstummten die beiden Streithähne und starrten mit leeren Blicken in die Luft.

    Sergej atmete schwer durch, während Vitali von verschiedensten Gefühlen verwirrt wurde. Ihm war völlig klar, dass Sergej die besseren Argumente hatte, dass sein Kollege durchaus den Verstand eingeschaltet hatte und seine berechtigten Zweifel an seinem wild konstruierten Plan hatte. Aber Vitali wusste dennoch, dass Sergej ihn selbst mit den besten Argumenten nicht überzeugen könnte. Er machte sich Vorwürfe, dass er die Entführung der Französin nicht hatte verhindern können. Und wegen Gluschenko war er selbst in eine tödliche Gefahr gekommen und hatte fast einen Menschen zu Tode geschlagen. Er konnte jetzt nicht einfach den Schalter umlegen und sich zurückziehen. Stöhnend ließ Vitali seinen schweren Kopf in die Hände seiner auf dem harten Tisch angewinkelten Arme fallen und schloss krampfhaft die Augen. Das Schweigen im Raum bedrückte ihn noch mehr. Er wollte keine Entscheidung treffen müssen und doch kam der Moment der Wahrheit unerbittlich näher.

    Plötzlich hörte Vitali ein Klirren und hob den Kopf. Sein Kollege Sergej hatte seine Autoschlüssel aus der Tasche geholt und sich langsam erhoben. Das war es wohl. Vitali blickte betreten zu Boden. Sein Kollege würde nach Hause fahren und ihn zurücklassen. Er war jetzt ganz auf sich allein gestellt. Einer gegen alle, wie sollte das bloß gut gehen?

    Doch als er dann doch noch einmal fragend seinen Blick auf Sergej richtete, wurde er überrascht. Sein Kollege nickte ihm ebenfalls betreten zu.

    „Komm mit, wir fahren los.“, sagte er mit schwacher Stimme und wich dem Blick seines Freundes aus.

    „Wohin fahren wir?“, fragte Vitali verwirrt.

    „Zu diesem gottverdammten Pub. Ich werde dir helfen. Aber vorher muss ich noch etwas erledigen an der Ecke beim Leninskiy Prospekt und der Ulitza Ziny Portnovoy.“, gab Sergej zurück und trat aus dem Zimmer.

    In einer Mischung aus Nervosität, hektischer Angst und eine erleichterten Freude stand Vitali auf und ging seinem Kollegen hinterher. Kurz blickte er sich noch einmal bedeutungsschwer um und starrte in die friedliche, leere Küche seiner neuen Wohnung. Mit einem mulmigen Gefühl fragte sich Vitali, ob er sie jemals wiedersehen würde.

     

    Lukianenko wartete so lange bis die Krankenschwester sich fragend über ihn gebeugt hatte. Dann wurde er blitzartig quicklebendig, sprang von seinem Bett hoch, packte die Krankenschwester grob, umklammerte mit einem Arm ihre Taille, während er ihr mit der zweiten Pranke gegen die Kehle drückte. Für diesen Überraschungsangriff hatte er nicht einmal fünf Sekunden gebraucht.

    Auf dem Flur sprang der diensthabende Wachmann auf und ließ vor lauter Schreck seinen Flachmann fallen. Zwei Krankenschwestern stoben kreischend auseinander, als sie einen Blick in das Krankenzimmer warfen. Lukianenko spürte, wie die Krankenschwester in seinem Griff zitterte und vor lauter Angst wimmerte, doch noch wollte er seinen Würgegriff nicht lockern. Langsam näherte sich sein Mund dem zarten, weichen Ohr der Krankenschwester.

    „Süße, je mehr du zappelst, desto schlimmer wird es für dich. Wenn du lieb bist, dann tue ich dir nicht weh und lasse dich laufen, sobald ich aus diesem verfluchten Krankenhaus heraus bin, okay?“, fragte Lukianenko und sein Opfer nickte hektisch röchelnd, was er als positives Zeichen einstufte.

    Lukianenko versuchte seine dröhnenden Kopfschmerzen zu ignorieren und einen kühlen Kopf zu bewahren, als der Wachmann mit seiner Waffe im Anschlag in das Krankenzimmer stürzte. Da hatte Lukianenko die Krankenschwester schon längst so positioniert, dass sie genau zwischen dem Polizisten und ihm stand. Lukianenko wusste genau, dass der Wachmann nie im Leben schießen würde und alles dafür tun würde, um eine unschuldige Zivilistin zu retten. So bestechlich die Polizei auch oft in Russland war, so hatte sie doch noch ein letztes Fünkchen Moral und Anstand bewahrt und dieser Funke verbot es den Polizisten das Leben unschuldiger, junger Damen zu riskieren.

    Der Polizist stockte und stotterte sich nervös etwas zusammen, als ihn Lukianenkos barsche Stimme sofort herrisch unterbrach.

    „Pass auf, Kumpel! Du legst jetzt mit beiden Händen die Waffe auf den Boden und schiebst sie langsam und weit genug mit dem Fuß zu mir herüber. Dann nimmst du deinen Wagenschlüssel und wirfst ihn auf das Kissen meines Bettes. Wenn du irgendwelche Faxen machst und hier den Helden markieren willst, dann erwürge ich das hübsche Püppchen, das hier in meinen Armen liegt. Wenn du aber genau das tust, was ich dir sage, dann kommt niemand zu Schaden und das Püppchen darf gehen, sobald ich in deiner Karre sitze. Haben wir uns verstanden?“, fragte Lukianenko grimmig und der Polizist nickte nervös, während er schon dem ersten Befehl Folge leistete und seine Waffe vorsichtig zu Boden sinken ließ und sie dann mit schlotternden Knien zu Lukianenko hinüberkickte, der ihn die ganze Zeit über wach und mit kaltem Blick musterte.

    Nach außen wies nichts auf seine dröhnenden Kopfschmerzen hin. Sein Schädel drohte beinahe zu explodieren und sein Herzschlag pochte in seiner verbundenen Wunde am Hinterkopf. Auch das Atmen fiel ihm schwer, da ihm einige Rippen schmerzten. Vermutlich hatte der rasende Mitbewohner von Gluschenko ihm mit seinen Tritten einige Rippen gebrochen.

    Vorsichtig bückte sich Lukianenko, während er die Krankenschwester mit der anderen Hand immer noch hart umklammert hielt und nahm in einer geübten Bewegung die Waffe auf. Sofort entsicherte er sie und hielt die Mündung gegen die Schläfe der nun krampfhaft weinenden Krankenschwester.

    Der nervöse Polizist nestelte hektisch in seiner Uniform und förderte die Wagenschlüssel zu Tage, die er mit unsicherem Blick auf das Bett warf und selbiges dabei verfehlte. Die Schlüssel fielen auf den Boden und der Polizist blickte Lukianenko ängstlich an. Er wirkte wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange.

    „Wo steht dein Wagen, Arschloch?“ wollte Lukianenko gereizt wissen.

    „In der Seitenstraße, rechts vom Ausgang aus gesehen. Ich glaube, es ist die Ulitza Zhukovskogo.“, stotterte der Polizist mit geweiteten Augen und verschwitzten Haaren, die ihm im Gesicht hingen.

    Zornig schubste Lukianenko die schluchzende Krankenschwester vorwärts, bückte sich rasch nach den Autoschlüsseln am Boden und richtete seine Waffe dann einhändig auf den Polizisten, der kreidebleich bis zur Zimmerwand zurückwich und stotternd den Kopf schüttelte. Am liebsten hätte Lukianenko dem Stümper eine Kugel verpasst, doch er dachte an seinen Auftrag und daran, dass er mit solchen Lappalien keine unnötige Zeit verschwenden oder die Mission dadurch gefährden durfte, dass die ganze Stadt nach einem Polizistenmörder fahndete.

    So spuckte Lukianenko nur verächtlich zu Boden und ging seitwärts auf die Tür in den Flur zu, die noch immer offen stand. Er hatte Glück, dass sich der Aufzug direkt gegenüber seines Zimmers befand. Der restliche Weg würde für ihn nur noch ein Kinderspiel sein.

    Rasch huschte Lukianenko rückwärts auf den Aufzug zu und drückte den Knopf, um selbigen zu rufen. Der Flur war inzwischen völlig leer, niemand wollte sich mit dem wild gewordenen Mafioso anlegen. Haltlos schluchzte die Krankenschwester in seinem Griff und hatte nun auch jegliches Zappeln und Sträuben aufgegeben.

    Mit einem Klingeln traf der Aufzug ein, in dem sich noch ein verduzter Assistenzarzt befand, der erbleichte, als er in die Mündung der Waffe blickte, die Lukianenko ihm vor die Nase hielt. Der böse Mafioso musste gar nichts weiter sagen, der Assistenzarzt huschte hastig und mit erhobenen Armen in den Flur. Lukianenko lächelte zufrieden und drückte den Knopf für das Erdgeschoss.

    „Adios amigos!“, rief er mit rauchiger Stimme dem zitternden Polizisten und dem dümmlich starrenden Assistenzarzt zu, bevor sich die Türen des Aufzugs schlossen und Lukianenko seinem Ziel immer näher kam.

     

    Sergej hatte seinen klapprigen Lada in einer Seitenstraße geparkt und bewegte sich auf einen kleinen Lebensmittelladen zu. Die ganze Fahrt über hatten die beiden Journalisten sich düster angeschwiegen. Vitali war seinem Kollegen für dessen Hilfe unbeschreiblich dankbar, doch er wusste nicht so recht, wie er seine Freude in Dankbarkeit fassen sollte. Zudem plagte ihn auch ein schlechtes Gewissen. Er dachte ängstlich daran, dass am Abend möglicherweise etwas schlimmes passieren könnte und dann trug er dafür die Schuld, dass er seinen Kollegen in unnötige Gefahr gebracht hatte. Vitali wusste mit all diesen widersprüchlichen Gefühlen kaum umzugehen und war froh, als die beiden Journalisten den kleinen Laden betraten und durch einen geschäftigen Russen von kleiner und rundlicher Statur abgelenkt wurden.

    „Na, wenn das mal nicht Sergej ist, der alte Klatschspaltenfüller! Du hast dich ja lange nicht mehr blicken lassen! Was kann ich dir anbieten? Ich habe einen exzellenten neuen Wodka aus dem fernen Wladiwostok, in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen. Ist das nicht etwas für dich?“, fragte der geschäftige dicke Mann.

    „Nein, Dmitry, das ist nichts für mich.“, gab Sergej ruhig zurück und wollte bereits weitersprechen, doch er wurde von dem übereifrigen Dmitry einfach unterbrochen.

    „Dann habe ich hier etwas ganz Besonderes für dich. Stell dir das mal vor, Ginseng-Schnaps, original importiert von einem Botschafter aus Pjöngjang. Originales nordkoreanisches Ginseng, stell dir mal vor, was ich da für Preise verlangen könnte! Für dich aber mache ich einen Rabatt von zwanzig Prozent, weil du mein Kumpel bist!“, erzählte Dmitry geschäftig und klopfte Sergej eifrig auf die Schulter.

    „Danach suche ich auch nicht.“, gab Sergej knurrend und schon ein wenig ungeduldig zurück und Vitali fragte sich mit einem Blick auf die Uhr, was die ganze Komödie überhaupt sollte. Seine französische Freundin schwebte in Lebensgefahr, die ganze Stadt war zu einem Pulverfass der Kriminalitäten geworden und er hörte sich das Gerede eines idiotischen Kaufmannes an, der ihnen irgendeinen Schund aus dem fernen Osten verkaufen wollte, wo das Zeug mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht einmal herkam.

    „Nicht? Ich verstehe, du suchst mehr nach etwas Deftigerem? Ich habe hier ein herausragendes zehnteiliges Gourmet-Set aus Hanoi, wirklich eine vorzügliche Sache!“, redete Dmitry gleich wieder los und jetzt verlor auch Sergej die Fassung und packte den dicken Geschäftsmann am Kragen.

    „Ich will diesen Krimskrams nicht, verstanden?“, rief Sergej und blickte sich nervös im Laden um, der außer den beiden Ankömmlingen und dem Händler aber völlig leer war. Dann näherte Sergej sein Gesicht dem des Händlers.

    „Ist ja in Ordnung, was bist du denn so gereizt? Du solltest es mal mit Baldrian probieren. Das habe ich übrigens auch vorrätig und zwar eine ganz besondere Rezeptur aus Jakarta, der indonesischen Hauptstadt.“, begann der Händler und wurde von Sergej bedrohlich und aus zusammengekniffenen Augen angesehen, sodass der Händler beschwichtigend die Arme hob.

    „Können wir jetzt loslegen?“, fragte Sergej grimmig.

    „Okay, was brauchst du?“, fragte der Händler überrascht und wirkte auf einmal ganz ruhig und besonnen.

    „Zwei kleinkalibrige Pistolen mit ausreichend Munition. Zwei deiner gut getarnten Elektroschocker kannst du auch gleich mit dabei packen!“, forderte Sergej den Händler auf, der nervös auf Vitali blickte, dessen überrascht offen stehender Mund gar nicht mehr zuklappen wollte. Sergej bemerkte den Blick.

    „Der gehört zu mir, mach dir da keine Gedanken.“, beschwichtigte er den Händler, der kurz schluckte, sich dann aber wortlos umwandte und durch einen alten Perlenvorhang in einem Hinterzimmer verschwand. Jetzt konnte Vitali nicht mehr an sich halten.

    „Bist du verrückt? Woher kennst du solche Leute?“, fragte Vitali völlig entsetzt.

    „Ich habe mal eine Artikelreihe über die besten Supermärkte und Lebensmittelhändler geschrieben und in meinem Fazit hat dieser Laden hier auf dem ersten Platz abgeschlossen. Dmitry hat wirklich einige tolle Waren hier in petto. Man mag es kaum glauben, aber die meisten seiner Sachen kommen tatsächlich aus so exotischen Ländern. Ich bin über einige Informanten dahinter gekommen, dass er diese Spezialitäten meist als eine Art Danke Schön bekommt, wenn er ein paar Waffen erfolgreich nach Thailand, China, Nordkorea oder weiß der Geier wohin geschafft hat.“, erklärte Sergej im Flüsterton und Vitali schüttelte entsetzt und fassungslos den Kopf. 

    „Mein Gott, du machst gemeinsame Sache mit so einem Terroristen?“, fragte er angewidert und entsetzt. 

    „Er ist kein Terrorist, er ist Geschäftsmann. Ihm ist völlig egal, ob seine Ware als Spielzeug im Weißen Haus bei Barack Obama oder im persönlichen Waffenarsenal von Kim Jong Il landet. Ihm geht es um den Profit.“, bemerkte Sergej, was Vitali wieder mit einem verständnislosen Kopfschütteln kommentierte, doch er hielt sich jetzt mit weiteren Kommentaren zurück.

    Erstaunlich rasch kehrte der schwer bepackte Dmitry hinter seine Theke zurück und winkte Sergej vorsichtig und mit wachen Argusaugen heran. Dann schob er diesem zwei kleinkalibrige Pistolen und Munition herüber, danach zwei altmodisch wirkende Handies, vermutlich die verkappten Elektroschocker. Rasch steckte Sergej die Waffen in seine inneren Jackentaschen und nickte dem nervösen Geschäftsmann zufrieden zu.

    „Das macht dann fünftausend Rubel.“, forderte Dmitry und Sergej lachte so schallend laut auf, dass Dmitry sich ärgerlich umblickte und Vitali nervös von den beiden Streithähnen wegtrat.

    „Willst du einen alten Freund so übers Kreuz legen? Ich geben dir bestenfalls die Hälfte!“, gab Sergej amüsiert zurück.

    „Die Nordkoreaner haben mir für fünf dieser kleinkalibrigen Pistolen achttausendfünfhundert nordkoreanische Won gezahlt!“, warf Dmitry entrüstet ein.

    „Ich bin nicht irgendein verdammter Koreaner, sondern ein armer Journalist und ein guter Kunde. Ich gebe dir dreitausend Rubel, das ist mehr als genug!“, feilschte Sergej weiter.

    „So lasse ich mich nicht herunterhandeln. Sergej, ich habe eine Frau und vier Kinder, wir müssen doch auch von irgendetwas in diesem Moloch hier leben. Mit weniger als viertausend Rubel kann ich mich nicht zufrieden geben.“, klagte Dmitry.

    „Du Schwachkopf hast gar keine Kinder! Ich kenne deine Frau, die arbeitet als Bibliothekarin in der Saltykow-Schtschedrin-Bibliothek, da war ich vor zwei Wochen erst zum letzten Mal und habe mit ihr geplaudert. Also erzähle mir keinen Schwachsinn, du Lügner! Dreitausendzweihundert Rubel und keine Kopeke mehr!“, argumentierte Sergej, der mittlerweile recht aufgebracht war.

    „Na gut, du hast gewonnen, alter Halsabschneider!“, brummte Dmitry, doch Sergej überraschte ihn erneut und holte die rostige Waffe hervor, die ihm der Obdachlose gekauft hatte, als ihn in der alten Fabrikhalle Gluschenko verfolgt hatte.

    „Was kriege ich dafür?“, wollte Sergej wissen, doch Dmitry nahm die Waffe kopfschüttelnd und mit angewidertem Blick an. Dann leuchteten seine Augen für den Bruchteil einiger Sekunden erstaunt auf. Sergej hatte es nicht bemerkt, da er einen Seitenblick mit Vitali ausgetauscht hatte, der sich nicht wohl in seiner Haut fühlte.

    „Verdammt, ist das Ding alt und rostig. Funktioniert es überhaupt noch?“, fragte Dmitry hektisch und nahm die Pistole kritisch in Augenschein.

    „Darauf kannst du Gift nehmen. Sie hat mir vor ein paar Stunden noch das Leben gerettet.“, gab Sergej knurrend zurück und Dmitry fiel kein gutes Gegenargument mehr ein.

    „Na schön, ich könnte sie dir für eintausend zusätzliche Rubel bis Ende der Woche aufpolieren und reparieren.“, schlug Dmitry vor, nachdem er seine kritische Begutachtung beendet hatte, in dem sicheren Wissen, dass Sergej das Angebot nie im Leben annehmen würde. Er hatte richtig getippt.

    „Das kannst du dir abschminken. Ich gebe sie dir und du kannst sie an deine kriminellen Freunde in Fernost verkaufen. Dafür gehst du mit dem Preis für die neue Ware noch ein bisschen herunter.“, forderte Sergej und Dmitry blickte ihn zerknirscht und enttäuscht an.

    „Na gut, dann belassen wir es insgesamt bei dreitausend Rubel.“, meinte Dmitry schließlich und streckte seine Hand aus, um mit Sergej den Pakt zu besiegeln, doch dieser zog die Hand zurück.

    „So ein Unfug! Du wolltest sie mir eben für eintausend Rubel reparieren. Jetzt soll sie nur noch zweihundert wert sein?“, fragte er kritisch und Dmitry seufzte ernüchtert.

    „Ich sollte nicht so viel erzählen. Na gut, machen wir zweitausendfünfhundert Rubel daraus und den Deckel auf die Geschichte.“, schlug Dmitry niedergeschlagen vor.

    „Das ist ein Wort!“, stimmte Sergej zu und schlug endlich ein.

    Der Journalist kramte in seiner Hosentasche nach seinem erstaunlich prall gefüllten Portemonnaie und drückte dem gierig blickenden Dmitry einige zerknüllte Scheine in die Hand. Dieser zählte das Geld hektisch ab und steckte die Einnahmen dann eifrig in seine Hosentasche, so als ob er Angst hätte, dass Sergej ihm das Geld wieder abnahm oder neu verhandeln würde. Sergej hingegen war nun, obwohl er zwischendurch an einem Bankautomaten gehalten hatte, völlig pleite.

    Sergej nickte dem Waffenhändler knapp zu und wandte sich zu Vitali um, der ihn skeptisch ansah. Dmitry freute sich scheinbar doch sehr über das Geschäft und verabschiedete sich überschwänglich.

    „Macht es gut und viel Spaß mit der Ware, was immer ihr damit auch machen werdet. Es hat mich gefreut Geschäfte mit dir zu machen, Sergej.“, sülzte Dmitry, doch da hatten seine beiden Kunden schon rasch den staubigen, kleinen Lebensmittelladen verlassen und Dmitry zog sich zufrieden grinsend in seine Hinterkammer zurück.

    Zuvor warf er noch einen liebevollen Blick auf die alte Waffe, die Sergej ihm am Ende noch zugesteckt hatte.

    „Wahnsinn, wo hat der Kerl dieses alte Sammelstück bloß her? Perfekt, mein nächstes Jahreseinkommen ist gesichert!“, sprach er zu sich selbst und brach in fröhliches Gelächter aus.

     

    Eva Maelle Lavoie hatte jegliches Gespür für Raum und Zeit verloren. Ihr war furchtbar kalt und sie zitterte am ganzen Körper, doch sie hatte sich so sehr daran gewöhnt, dass der leichte und monotone Schüttelfrost sie ermüdete. Oft fielen ihr die Augen zu und sie schreckte hoch, wenn sie das Fiepen der gierigen Nagetiere ganz nah hörte, der Holzstuhl bedrohlich knackte oder die unheilvolle Bombe wieder einen Pfeifton von sich gab. Noch aber war der Zeitmechanismus nicht aktiviert worden, doch die Ungewissheit, wann ihr Peiniger sie in diesem frostigen Loch sterben lassen wollte, nagte an ihrem ohnehin schon destabilisierten Nervenkostüm.

    Eva wusste nicht wie lange sie zwischendurch schlief, Zeit und Ort hatten irgendwann jegliche Bedeutung verloren und selbst ihre wirren Gedanken erlahmten allmählich.

    Nach endlos langen Stunden – oder war es gar bereits ein ganzer Tag gewesen - wachte Eva erneut aus einem ihrer Sekundenschläfe auf und hörte ein metallisches Scheppern und kurz darauf gedämpfte, langsame Schritte irgendwo in einem Gang jenseits ihrer Zellentür.

    Die Französin schreckte hoch und plötzlich war sie wieder bei vollem Bewusstsein. Panische Gedanken gingen ihr durch den Kopf. War ihr Peiniger zurückgekommen? War seine grausige letzte Mission geglückt? Wollte er sie nun auch umbringen? Oder würde er sie in der Euphorie des Triumphes einfach frei und laufen lassen?

    Plötzlich kam Eva noch ein weiterer, positiver Gedanke. War die Person vielleicht gar nicht Gluschenko? Hatte die Polizei nach ihr gesucht und stand nun kurz davor sie zu finden? Oder hatte sich ihr geliebter neuer Nachbar Vitali aufgemacht sie zu retten? Oder hatte sie irgendein Landstreicher gefunden, ein Obdachloser? Eva wusste ja nicht einmal ansatzweise, wo sie sich überhaupt befand.

    Da dachte sie näher nach. Sie erinnerte sich an den klinischen, fast chemischen Geruch, spürte den kalten, aber irgendwie weichen Boden unter sicht, dachte an das Geräusch der sich öffnenden Türen, versuchte sich an etwas zu erinnern, das sie hinter Gluschenko gesehen hatte, als dieser in ihre Zelle getreten war. Sie erinnerte sich an eine große, weite Halle, doch die Erinnerung daran war ungenau und schwammig. Vielleicht befand sie sich in einem abgelegen liegenden Industriegebiet. Möglicherweise ein Fabrikgelände oder ein Hangar. Vielleicht in einer alten Chemiefabrik, was den Geruch erklären würde. Aber all dies half der Französin nicht wirklich weiter. In Sankt Petersburg gab es mit Sicherheit Dutzende von Chemiefabriken und Hunderte von alten, ausrangierten Hallen.

    Verzweifelt legte die Französin ihren Kopf gegen den kühlen Boden, als sie wieder die Schritte vor der Tür hörte, die sich ungewöhnlich vorsichtig und stockend bewegten und sich doch sehr schwer anhörten. So schwer hatten die Schritte von Gluschenko nie geklungen! Außerdem würde sich ihr Entführer auf von ihm ausgesuchten Terrain nie so vorsichtig bewegen.

    Eva fasste den Entschluss um Hilfe zu rufen, in der Hoffnung, dass die unbekannte Person, die jetzt wohl unmittelbar in ihrer Nähe stehen musste, sie vernahm und sie befreien würde. Eva versuchte zu schreien, ihre Angst und Not aus sich herauszubrüllen, doch sie hatte den schweren Knebel in ihrem Mund vergessen, an den sie sich schon fast gewöhnt hatte. Kaum ein Laut drang durch den nassen Stoff. Aus ihrem Befreiungsschrei wurde ein undeutliches Stöhnen, ein unartikuliertes Knurren.

    Eva versuchte noch lauter zu schreien, warf sich auf dem Boden hin und her, doch in ihrer misslichen Lage konnte sie sich selbst und den umgekippten Holzstuhl unter ihr nur marginal bewegen. Ein leichtes Klackern ertönte und ihr unterdrücktes Stöhnen, aber trotz grausamster Anstrengungen, konnte sie sich nicht lauter verständlich machen. Verzweifelt rebellierte sie mit jeder Zelle ihres Körpers gegen ihre Fesseln und Knebel und versuchte ihre Bewegungsfreiheit auszuweiten, doch alle Anstrengung war völlig umsonst.

    Da hörte Eva wieder die schweren Schritte, die langsam ihre Tür passierten und irgendwo tiefer im Gang verklangen. Eva riss verzweifelt die Augen auf, obwohl sie ohnehin so gut wie nichts sah, schmiss sich wie eine Furie auf dem Boden hin und her, doch ihre möglicherweise einzige Chance war vertan. Die Schritte waren verklungen und die Schreie und Bewegungen hatten der Französin auch enorm viel Kraft gekostet. Sie fühlte sich jetzt ausgelaugt, enttäuscht und leer.

    Erschöpft sackte die gerade noch so hitzige und wilde Französin geschlagen in sich zusammen. Sie lauschte noch einige Minuten, doch Schritte vernahm sie keine mehr. Mit der drängenden, ungewissen Frage, wer die Person war, die durch diesen Gebäudekomplex schlich, übermannte die Französin erneut eine betäubende, allumfassende Müdigkeit, der sie nach den Anstrengungen der letzten Minuten ihren Tribut zollen musste.

     

    Gluschenko spürte die kalte Mündung der Waffe an seiner Schläfe, als der unbekannte Angreifer ihm endlich vor die Augen trat und böse anlächelte. Gleichzeitig kam ein zweiter Mann von der Rückseite des Aufgangs zum Dach des Wohnhauses jetzt auf Gluschenko zu. Auch er war bewaffnet und musterte seinen Gegner kalt und grausam.

    Gluschenko hatte die beiden Männer gleich erkannt. Rostov und Jaschin arbeiteten beide seit Jahren für die stählerne Maske und hatten gemeinsam mit Gluschenko, der oft der Dritte im Bunde gewesen war, so manche Drecksarbeit für ihren Boss erledigt. Oft hatten die Männer von einem besseren Leben geträumt, daran gedacht alles hinzuschmeißen, eine Revolte zu planen oder die stählerne Maske von ihrem Thron zu stoßen, doch den drei Männern hatte dazu die Unterstützung und der Mut gefehlt. Sie hatten immer wieder versucht durch kleine und unauffällige Manipulationen die Geschäfte ihres Bosses zu vermasseln, um mit diesem Druckmittel höhere Gehälter und mehr Einfluss zu gewinnen oder lästige Konkurrenten los zu werden. Diese hinterhältige Taktik war fast immer aufgegangen, doch irgendwann hatten sich Rostov und Jaschin auch gegen Gluschenko gestellt und dafür gesorgt, dass einer seiner größten Deals platzte. Danach war Gluschenko grausam bestraft worden, niemand hatte seiner Version Glauben geschenkt, da er ohnehin unbeliebt gewesen war und so hatte man ihn aus der Gruppierung schändlich verstoßen. Jahrelang hatte Gluschenko davon geträumt sich nicht nur bei der stählernen Maske, sondern auch bei Rostov und Jaschin zu rächen, die inzwischen in der Hierarchie weit aufgestiegen waren und über einen guten Schutz durch andere Mitarbeiter verfügten. Rostov war eine Art persönlicher Schüler der stählernen Maske geworden, was vielen anderen Mitgliedern überhaupt nicht in den Kram gepasst hatte, während Jaschin versucht hatte den Machtbereich der Organisation auszuweiten. Er war oft für Verhandlungen mit Plichanow unterwegs gewesen, manchmal aber sogar allein in seiner Heimatstadt Nowgorod. Jetzt standen sich die drei Kontrahenten erstmals seit fast zwei Jahren wieder unter völlig anderen Bedingungen gegenüber.

    Rostov, der Gluschenko zuerst bedroht hatte war ein verwegener, ungepflegt wirkender Kerl, der keinen Hehl daraus machte, dass er aus ärmlichen Verhältnissen stammte. Doch sein Aussehen täuschte nur über seine überdurchschnittliche Intelligenz und seine enorme Kreativität hinweg, die ihn zum Liebling seines Meisters gemacht hatten. Rostov hatte einen Vollbart und ein Glasauge, da er sein richtiges Auge vor vielen Jahren bei einer Messerstecherei verloren hatte, als er seine kriminelle Energie noch bei einer großen Jugendgang ausgelebt hatte und mit einer konkurrierenden Bande in Konflikt geraten war.

    Jaschin war das komplette Gegenteil von seinem Begleiter. Er war hochgeschossen, hatte dunkle Lackschuhe an, trug einen teuren, maßgeschneiderten Anzug, sowie zahlreiche Ringe und sogar zwei Armbanduhren. Er kam ursprünglich auch aus eher ärmlichen Verhältnissen, doch er wollte nichts an seine Vergangenheit erinnern lassen und war im Laufe seiner kriminellen Laufbahn relativ vermögend geworden, was er gerne zur Schau stellte. Sein Haar war halblang und streng gescheitelt und er trug trotz der düsteren Abendstunde eine Sonnenbrille.

    Gluschenko blickte die beiden Männer an, die nun frontal zu ihm standen und ihn mit ihren Waffen bedrohten. Er versuchte sich seine Angst und Nervosität nicht anmerken zulassen, denn gerade vor seinen ehemaligen Weggefährten wollte er keinerlei Schwächen offenbaren. Allerdings überlegte er fieberhaft nach einem Ausweg aus der heiklen Lage. Während er angestrengt nachdachte, hielt er seine beiden Gegner hin, indem er ein Gespräch mit ihnen begann. Da Rostov und Jaschin sich als die eindeutigen Gewinner und für ihr Opfer auch keinerlei Fluchtmöglichkeiten sahen und Gluschenko mit perverser Freude verhöhnen und demütigen wollten, gingen die beiden Jungspunde auf die Konversation ein, was Gluschenko als ersten Erfolg für sich verbuchte, um das Blatt noch einmal zu wenden.

    „Es ist verdammt lang her, dass wir uns das letzte Mal gegenüber gestanden haben.“, bemerkte Gluschenko verbissen.

    „Sicherlich, wir haben im Gegensatz zu dir auch Karriere gemacht, viel gearbeitet und uns mühsam in der Hierarchie hochgearbeitet. Uns gehört die Zukunft.“, gab Jaschin arrogant und überheblich zurück und grinste Gluschenko unverschämt an.

    „Nur die besten kommen eben durch. Du hast damals versucht alles und jeden zu boykottieren, du wolltest uns für deinen Egoismus ausnutzen und uns gegen die stählerne Maske aufbringen. Fast wäre es dir gelungen und wir wären dir auf den Leim gegangen, aber zum Glück haben wir rechtzeitig klar gesehen und konnten die Verhältnisse umstellen. Du hast es nicht besser verdient, du mieser Heuchler. Du hättest noch alle verblendet und Unfrieden gestiftet, solche Egomanen wie du sind der letzte Abschaum der Gesellschaft.“, legte Rostov den Finger in die Wunde seines Gegenübers, der ihn mit puterrotem Gesicht böswillig anstarrte.

    „Lächerlich. Die stählerne Maske hat von der Sache Wind bekommen und euch zur Rede gestellt und euch für euren Verrat vermutlich Geld geboten, weil er mich für den intelligentesten und stärksten der Gruppierung hielt und deswegen loswerden wollte.“, mutmaßte Gluschenko grimmig, dem immer noch nicht alle Details um das damalige Debakel klar geworden waren.

    „Das ist Unsinn. Wir haben selbst unser Gehirn aktiviert, weil du irgendwann zu weit gegangen bist. Ein paar Deals zu vermasseln und selbst ein bisschen abzukassieren ist die eine Sache, aber kontinuierlich der Organisation zu schaden, der man selbst alles zu verdanken hat, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe.“, gab Jaschin entschlossen zurück.

    „Du warst der Schmarotzer, der sich überall beliebt machen wollte und unterwürfig gab, aber in Wirklichkeit warst du ein unloyaler Verräter und das haben wir lange verkannt, weil du ein guter Redner warst und deine Aktionen uns Geld eingebracht haben. Wir haben nach unserem Gewissen gehandelt.“, stimmte Rostov polternd zu und versuchte möglichst aufbrausend, bedrohlich und beleidigend zu klingen.

    „Als ob ihr irgendein Gewissen hättet!“, rief Gluschenko schallend lachend auf und spuckte geräuschvoll auf den Boden, um seine Gegner zu provozieren und von seinem eigentlichen Vorhaben abzulenken, denn innerlich schmiedete Gluschenko mit fiebriger Energie einen perfiden Plan.

    Langsam wich Gluschenko Schritt für Schritt zur eisernen Tür zurück, die in das oberste Stockwerk des Wohnblocks führte. Die Tür war inzwischen ins Schloss gefallen, doch Gluschenko baute darauf, dass er mit einer schnellen Reaktion die Tür aufreißen und sich in den rettenden Flur werfen konnte, um dann aus einer neuen Deckung seine Kontrahenten aus einer neuen Lage heraus zu überwinden. Sein Vorhaben war äußerst riskant, denn er hat nur einen einzigen Versuch, der sofort gelingen musste. Der Abend war für ihn bereits jetzt zu einem reinen Nervenspiel geworden.

    „Jedenfalls haben wir mehr Anstand, als du mieses Schwein. Du willst nach zwei Jahren im Jammertal den großen Rächer markieren und bringst nachts wahllos Leute aus dem Hinterhalt um, die überhaupt nichts für dein persönliches Schicksal können.“, gab Rostov inzwischen gereizt zurück und fuchtelte drohend mit seiner Waffe.

    „Damit ist jetzt Schluss für dich. Du bist schon einmal an uns gescheitert und jetzt wird es dir wieder schlecht ergehen.“, knurrte Jaschin zustimmend.

    „Nun, man sieht sich immer zwei Mal im Leben!“, gab Gluschenko zweideutig zurück und reagierte plötzlich ansatzlos und schnell wie der Blitz.

    In den Bruchteilen weniger Sekunden packte er den Griff der schweren Tür, riss diese in der selben Bewegung geduckt auf und warf sich mit einem seitlichen Hechtsprung wild zurück in den Wohnblock, wo er unsanft auf die harten Kanten der Treppenstufen stürzte, sich irgendwie abrollte und hinter der nächsten Biegung in Deckung ging. Seine verduzten Gegner hatten nicht einmal die Gelegenheit gehabt überhaupt auf ihn zu schießen.

    Angespannt entsicherte Gluschenko seine Waffe, während die schwere Eisentür wieder zurück ins Schloss fiel. Von seiner Stellung aus hatte er einen guten Überblick über den Aufgang zum Dach, sowie auch zum Treppenhaus und Aufzug, von wo aus man ihn theoretisch auch überraschen könnte, denn Gluschenko rechnete mit einem großen Aufgebot von Mafiosi, die ihm unbedingt in die Quere kommen wollten. Dabei war er insgeheim sogar froh, dass sich alle Aufmerksamkeit so auf ihn konzentrierte, sodass die eigentliche Gefahr völlig unvermittelt und unerwartet zuschlagen würde.

    Doch kaum labte sich Gluschenko an den Gedanken der nahen Zukunft, als er wieder überrascht wurde. Seitlich neben ihm ging knarrend eine Wohnungstür auf und Gluschenko hielt mit rasendem Herzschlag rasselnd seinen Atem an.

     

    Sergej hatte seinen alten Lada einige Straßen von ihrem Zielort in der Ulitza Grafova abgestellt. Nervös waren die beiden Journalisten ausgestiegen und nahmen den Weg am Ufer des Reka Chernaya Rechka, der bestenfalls als größeres Rinnsal zu bezeichnen war. Das Licht der flackernden Straßenlaternen und der Leuchtreklamen der Stadt spiegelte sich auf fast idyllische Weise in dem Gewässer, an dem auch junge Pärchen lachend und unbeschwert flanierten.

    Vitali wurde ganz anders, als er an die Ahnungslosigkeit der Anwohner dachte. Im nächsten Moment konnte sich diese ganze Umgebung in einen wahrhaftigen Vorhof der Hölle verwandeln und würde die zahlreichen Pärchen, Touristen und Spaziergänger unmittelbar mit in den Strudel des Terrors hineinreißen. Am liebsten hätte Vitali sich aufgerafft und Warnungen in die fröhlichen Gesichter der glücklichen Menschen geschrieen, ihnen sein Leid mitgeteilt, ihnen von seiner unglaublichen Tagesgeschichte des erzählt, die sein ganzes Leben zu verändern drohte. Noch am gestrigen Abend nach dem Fußballspiel war er eine dieser flanierenden Personen gewesen, eine Person, die den kalten Wind in den Straßen der Stadt genoss, die sich den kulinarischen Genüssen hingab, die mit einem Freund nach dem Sieg von Zenit Sankt Petersburg feierte, die heilfroh war eine neue Wohnung zum Spottpreis gefunden zu haben. Innerhalb von nicht einmal vierundzwanzig Stunden war aus dem optimistischen, fröhlichen Vitali ein verzweifelter, düster denkender Mensch geworden, der alles auf eine Karte setzen musste.

    In diesen düsteren Gedanken um sein unheilvolles Schicksal betrat Vitali endlich die Starobel’skaya Ulitza. Wenige hundert Meter entfernt konnte er schon den Pub auf der Ecke der nächsten Straßenkreuzung sehen. Trotz der Leuchtreklame und der fröhlichen Volksmusik, die aus dem Laden kam, lag irgendwie ein düsterer Schleier des Terrors um dieses Gebäude, den Vitali spürte, sich aber nicht erklären konnte. Der junge Journalist blickte sich unauffällig um. Von Polizeiwagen oder auffälligen dunklen Wagen mit getönten Scheiben gab es keine Spur. Auf der linken Seite der Straße stand eine Imbissbuden, die russische Spezialitäten anbot. Ein alter Mann mit grauem Bart und Augenklappe, der mehr wie ein in Plunnen gehüllter alter Seebär in der Arktis wirkte, blickte sich träge um, während ein jüngerer Mann in einfacher Kleidung an einigen Pfannen und Töpfen hantierte. Schräg gegenüber dieses Standes bemerkte Vitali einen in Lumpen verhüllten Penner, der es sich in zahlreichen Kleidungsschichten auf einer klapprigen Bank bequem gemacht hatte. Eine alte Zeitung vom Vortag verhüllte sein Gesicht. Der Obdachlose schien zu schlafen.

    Vitali fragte sich, ob diese Menschen tatsächlich das waren, wonach sie aussahen. Waren sie unschuldige Statisten oder verkleidete Späher der Mafia oder gar getarnte Polizisten? Vitali wusste es nicht und diese Ungewissheit bereitete ihm noch mehr Bauchschmerzen, als er ohnehin schon hatte. Der junge Journalist hatte einfach nur noch furchtbare Angst.

    An der nächsten Straßenecke blieben die bislang sehr schweigsam konzentrierten Journalisten stehen und sahen sich aufmerksam um. Sergej blickte Vitali fragend an.

    „Wie sollen wir jetzt weiter vorgehen? Das Treffen müsste in zwanzig Minuten statt finden. Gleich werden schon die ersten Gäste auftauchen, wir sollten uns also schnell etwas überlegen, denn wir stehen hier mitten auf dem Präsentierteller.“, drängte Sergej seinen Freund und wirkte mit einem Mal wieder ungeheuer pessimistisch. In seinen Worten lag ein harter, ungeduldiger Klang und Vitali hatte seinen Freund noch nie so ernst mit ihm sprechen gehört. All dies waren Zeichen für ihre ungeheure Anspannung.

    „Wir werden auf den Hinterhof gehen, dort, wo die Frachten geliefert werden. Von dort aus werden wir durch den Keller gehen und uns im Hintergrund halten. Ich schätze nicht, dass an dieser Stelle schon Wachposten oder Ähnliches sind.“, gab Vitali relativ spontan zurück, als er eine kleine Einfahrt erspäht hatte auf der ein alter Lastkraftwagen stand und die hinter die Häuser führte.

    Sergej nickte stumm und die beiden Männer gingen im Eilschritt über die Straße, die gespenstisch leer geworden war. Der Lärm der nächstgrößeren Straßen, das Lachen der Touristen und das Necken der Pärchen schien unglaublich fern und war bestenfalls noch gedämpft zu hören. Die Nächte in Sankt Petersburg hatten zwei grundsätzlich verschiedene Gesichter. Auf der einen Seite das wilde Nachtleben, die flanierenden Touristen du Einheimischen, die den Abend genießen wollten und auf der anderen Seite die dunklen Machenschaften der Mafia, der Jugendgangs, deren Zeit in der späten Nacht gekommen war. Problematisch wurde es vor allem, wenn diese zwei Welten miteinander kollidierten.

    Vitali trat stramm und entschlossen in die Einfahrt, die komplett dunkel vor ihm lag. Hier gab es keine Straßenlaternen und nicht einmal Leuchtreklamen. Lediglich die grünlichen Funzeln einiger Notausgänge spendeten ein diffuses Zwielicht. Durch die Einfahrt ging ein kalter und schneidender Wind, der wie der Atemzug eines frostigen Ungeheuers wirkte und Vitali frösteln ließ. Es roch nach alten Kartons, Motorenöl und verfaulten Lebensmitteln.

    Vitali ging um den leeren Lastkraftwagen herum und blickte zu seiner Rechten in eine weitere kleine Einfahrt. Hier lag die Rückseite der Taverne. Vitali sah eine kleine Treppe, die in die Tiefe zu einem Lagerraum und Keller führte. Hochgestapelte Kartons versperrten den Blick auf den Hintereingang. Eine dicke Ratte huschte zwischen den Kartons umher und war auf der Suche nach Nahrung.

    Der Hinterhof war relativ klein, aber die Gebäude ringsherum waren sehr hoch geschossen. Vitali fühlte sich winzig und unscheinbar und in diesem schachtähnlichen Bereich seltsam gefangen. Die maroden Gebäude, von deren Fassaden die Farbe abblätterte, waren noch Relikte aus der Blütezeit des Kommunismus. Aus den Fenstern der Wohnungen ragten vereinzelte Satellitenschüsseln wie mechanische Hände, die sich nach Luft und Freiheit sehnten. Auf manchen Fensterbänken standen Blumentöpfe und die Pflanzen schienen sich müde dem Himmel entgegen zu recken, als ob sie auf der Flucht zu den Sternen wären. Aus den Fenstern drangen vereinzelte Geräusche. Ein wild stöhnendes und erregt schreiendes Liebespaar schien sich in einem höheren Stockwerk zu finden, während in den tiefer gelegenen Wohnungen das ein oder andere russische Fernsehprogramm lief. Doch kein einziger Bewohner wollte in den tristen Hinterhof gucken und so blieben Vitali und Sergej unbemerkt.

    Vitali trat entschlossen auf die Treppe zu, die in ein Kellerloch führte, wo sich eine offen stehende Tür befand, die in den Hinterbereich des Pubs führen musste. Der Journalist drückte sich an die Hauswand und verharrte schweigend. Er wartete einige Augenblicke ab, um irgendwelche Geräusche auszumachen, doch auch im Keller der kleinen Taverne herrschte beängstigende und trügerische Ruhe. Es war keine Menschenseele zu sehen. Dafür sah Vitali angewidert zwei hässliche Ratten, die hastig in den Keller krochen. Offenbar wurden sie dort eher nach Nahrung fündig, als auf den Straßen der Umgebung.

    Da legte sich plötzlich eine schwere Hand auf die Schulter des verharrenden Journalisten, der mit rasendem Herzen herumfuhr und in die Mündung einer Waffe blickte!

    Vitali konnte seinen Angstschrei gerade noch schwer keuchend unterdrücken, als er den ernst schauenden Sergej erblickte, der ihm eine Waffe hinhielt und dann auch den Elektroschocker übergab.

    „Du Idiot, du hast mich zu Tode erschreckt!“, fluchte Vitali giftig, doch Sergej musste dabei grinsen und als Vitali dies bemerkte wich seine Empörung einer gewissen Erleichterung. Sergej klopfte ihm entschuldigend auf die Schultern. So locker hatte Vitali seinen Kollegen seit Stunden nicht mehr erlebt und diese Gefühlsregung gab ihm neuen Mut für die heikle Mission.

    Vitali huschte nach kurzem Blickkontakt mit Sergej die dreckige Steintreppe hinunter und starrte in Lauerstellung in einen düsteren Gang, der an mehrere kleine Gewölbe angeschlossen war, in denen Lebensmittel oder Kühltruhen standen. Eine flackernde, seltsam helle Funzel erleuchtete den unheimlichen Gang bis zur nächsten Treppe, die wohl in die Küche führte.

    Mit seiner Waffe im Anschlag schlich Vitali in den Gang. Es war immer noch keine menschliche Regung zu sehen oder zu hören. Vitali fühlte sich sehr seltsam mit der Waffe in seiner Hand. Er hatte zwar als kleiner Junge von seinem Vater das Schießen beigebracht bekommen, aber er hatte seit Jahren schon keine Waffe mehr in die Hand genommen und seines Wissens auch nie auf ein Lebewesen damit geschossen. Er kam sich vor wie ein wahnsinniger Söldner aus einem der amerikanischen Actionstreifen, die Vitali gar nicht leiden konnte. Er mochte die simpel gestrickte Tragik des amerikanischen Kinos nicht und zog russisches Kino vor.

    Wie ein wilder Rächer pirschte er sich bis zum ersten Gewölbe vorwärts und lugte in den dunklen Raum hinein, während sein Partner Sergej auf die andere Seite des Ganges gehuscht war und dort die Gewölbe unter die Lupe nahm. Wortlos verstanden sich die beiden Freunde und kooperierten miteinander.

    Das erste Gewölbe auf dem Weg von Vitali war fast leer. Es befanden sich einige Anhänger für Lastkraftwagen darin, einige Stapel Autoreifen und ein ganzes Arsenal von Benzinkanistern und kleineren Werkzeugen. Erleichtert ging Vitali weiter.

    Das zweite Gewölbe war enger und dunkler als das erste Gewölbe. Mit angestrengt zusammengekniffenen Augen machte Vitali einige Kühltruhen aus, die düster und monoton summten. Vitali bekam eine Gänsehaut und traute sich nicht weiter in das dunkle Gewölbe hinein, das wie ein dunkler Schlund bedrohlich vor ihm lag.

    Der junge Journalist wollte sich gerade umdrehen, als er mit seinem linken Fuß in eine klebrige Masse trat. Erschrocken verharrte Vitali und blickte starr auf den Boden. Er war in eine dunkle Flüssigkeit getreten, die als Lache aus dem düsteren Gewölbe kam. Hatte ein Küchenjunge hier irgendeinen Saft verschüttet?

    Vitali bückte sich und nahm einen süßlichen Geruch war. Dann erkannte er, dass die Flüssigkeit rötlich schimmerte und schreckte kreidebleich hoch.

    Vitali war in frisches Blut getreten!

     

    Stöhnend erhob sich der Obdachlose von der Bank gegenüber des Imbissstandes und blickte sich vorsichtig um, bevor er sich hinter einen dreckigen Glascontainer begab, der ihn vor den Blicken anderer Beobachter schützte. Dann nahm er ein handliches Handy aus seiner Hosentasche und wählte rasch die Wahlwiederholung. Schon nach dem ersten Klingeln nahm sein Gesprächspartner ab.

    „Bitte?“, fragte eine knurrende und ungehalten wirkende Stimme.

    „Herr Matschiwjenko...“, begann der Obdachlose, doch er wurde bereits von seinem bösartig reagierenden Gesprächspartner grob unterbrochen.

    „Zur Hölle mit dir! Du sollst mich am Telefon nicht bei meinem Namen nennen! Und für dich bleibe ich immer noch Don Matschiwjenko. Kann denn das so schwer sein?“, fragte der Mafiaboss polternd.

    „Verzeihung, Don, ich bitte Sie vielmals um Verzeihung.“, stotterte der Obdachlose nervös und ihm war der Angstschweiß ausgebrochen, so groß war sein Respekt vor seinem Boss.

    „Komm zur Sache. Ich habe nicht mehr viel Zeit. Wir sind jetzt schon auf der Torzhkovskaya Ulitza. Was gibt es zu melden?“, fragte Matschiwjenko ungehalten und mit tief tönender Bassstimme.

    „Zwei Männer bewegen sich auf den Hinterhof des Treffpunktes zu. Sie sind bewaffnet, soweit ich das erspähen konnte.“, berichtete der Obdachlose atemlos und sein Gesprächspartner dachte einige Augenblicke schweigend nach.

    „Gehören die beiden zu Gluschenko?“, wollte er dann energisch wissen.

    „Ich habe die beiden Männer noch nie zuvor gesehen.“, gab der vermeintliche Obdachlose ein wenig beschämt und ratlos zurück.

    „Es sind auch keine Polizisten? Oder Männer von der stählernen Maske oder dem dritten Mafiaboss Tsirkhov?“, wollte Matschiwjenko ungeduldig wissen.

    „Ich glaube nicht, Don. Was soll ich tun?“, wollte der Obdachlose mit unsicherer und brüchiger Stimme wissen. Sein Gesprächspartner atmete tief und geräuschvoll durch, bevor er einen entschlossenen Befehl gab.

    „Verfolge die beiden und eliminiere sie!“

    „Sind Sie sicher, Don?“, fragte der Obdachlose überrascht haspelnd, da er mit solch einer radikalen Maßnahme nicht gerechnet hätte und sich plötzlich sehr unwohl in seiner Haut fühlte.

    „Ich denke, dass ich mich klar genug ausgedrückt habe. Wir dürfen kein Risiko eingehen. Eliminiere die beiden, am besten noch, bevor wir da sind!“, befahl der Mafiaboss energisch und legte ohne ein weiteres Wort auf.

    Verdattert starrte der Obdachlose auf das Handy und steckte es mit einem flauen Gefühl im Magen wieder weg. Dann tastete er nervös nach seinem Revolver unter seinen Lumpen und blickte argwöhnisch durch das Zwielicht auf die Gasse, in der die beiden Männer verschwunden waren.

    Tief atmete er durch und gab sich dann endlich einen Ruck. Lautlos schlich er über die Straße zu, um seinen Auftrag auszuführen.

     

    Entsetzt und wie gebannt musste Vitali auf die unheilvolle Lache starren und wandte dann wie in Zeitlupe seinen Kopf wieder in Richtung des düsteren Gewölbes, aus dem die Blutspur kam. Das monotone Brummen der Kühltruhen wirkte auf ihn mit einem Mal wie eine Symphonie des Grauens. Vitali war unfähig zu sprechen oder noch klar zu denken, denn erstmals in seinem ganzen Leben wurde er so direkt mit dem Tod konfrontiert.

    Sergej hatte das Zögern seines Kollegen gemerkt, nachdem er auf seiner Seite schon drei Gewölbe examiniert hatte und trat verwundert auf Vitali zu. Erst versuchte er sich zischend und flüsternd bemerkbar zu machen, dann kam er schließlich ungehalten und nervös ganz zu seinem Partner heran und blieb ebenfalls stocksteif stehen, als er die Blutlache erblickte, die sogar noch träge in den Flur floss. Lange konnte das mögliche Opfer also noch gar nicht tot sein.

    Endlich hatte sich Vitali einen Ruck gegeben und vom ersten Schock erholt. Er musste seine inneren Dämonen bekämpfen und versuchte alle Gedanken auszublenden, als er nach dem Lichtschalter des Gewölbes tastete und ihn auch auf Anhieb fand. Angespannt legte Vitali den Schalter um und hielt seine Waffe krampfhaft umklammert, in der Erwartung, dass der Mörder noch unmittelbar vor ihm lauern könnte. Auch Sergej stand schussbereit in dem kleinen Durchgang und die beiden Journalisten wirkten wie düstere Rächer, als ein flackerndes Licht nach einiger Verzögerung mühevoll surrend ansprang.

    Vitali erstarrte vor Schreck, als er einen jungen Mann mit weißer Schürze sah, der verkrümmt auf dem Bauch lag und mit Blut besudelt war. Irgendjemand oder viel mehr irgendetwas hatte den armen Küchenjungen völlig zerfetzt und aufgeschlitzt. Vitali wandte sich würgend ab, während Sergej fassungslos auf den Toten starrte, obwohl sein Geist ihm sagte, dass er sich ebenfalls abwenden sollte. Sein Körper aber gehorchte ihm nicht mehr und er fühlte sich wie gelähmt. Auch Vitali stand kreidebleich und mit drückendem Magen verkrampft im Flur und fragte sich panisch zu was für einem Himmelfahrtskommando sich die beiden bloß durchgerungen hatten.

    Da ertönte plötzlich vom anderen Ende des Flurs die fragende Stimme eines älteren Mannes, dessen Körperkonturen einen langen Schatten in die Tiefe warfen, sodass er unheimlich groß und kräftig wirkte. Vitali bekam eine frostige Gänsehaut, als er das Hackbeil in der Hand des Mannes entdeckte, der mühsam einige Stufen in die Tiefe ging und die beiden Eindringlinge in wenigen Augenblicken überraschen musste.

    „Nikita, wo bleibst du bloß so lange? Hast du den Lebertran etwa nicht gefunden?“, fragte der Mann mit dem Beil in der Hand ungeduldig und war kurz stehen geblieben.

    Vitali und Sergej tauschten einen panischen Blick aus. Sie mussten unverzüglich verschwinden! Aber wohin?

    In ihrer Not huschten die beiden zurück in das düstere Gewölbe, in dem auch der Tote lag. Ein Ratte huschte quiekend zwischen den beiden durch und auf den Flur. Vitali bekam ein ganz flaues Gefühl im Magen als er den in Blut getunkten Schwanz des Nagers sah.

    „Nikita, nun beeile dich doch. Tsirkhov und seine Leute sind gerade eingetroffen und die anderen beiden Parteien sind auch bald da. Die wollen ihr Essen in wenigen Minuten auf dem Tisch sehen! Wo steckst du denn?“, fragte der Koch fluchend und trat noch einige Schritte in die Tiefe.

    Vitali lugte vorsichtig aus dem Gewölbe heraus und erblickte einen älteren Mann mit einem lächerlich großen Kochhut, der eher wie eine Schlafmütze aussah. Der ganz in weiß gekleidete Mann blickte sich missmutig in seiner unmittelbaren Umgebung um, bevor er dann entschlossen in den Flur trat. Wenige Armlängen trennten ihn jetzt noch von den beiden versteckten Journalisten. Vitali hielt den Atem an und kroch tiefer in das unheilvolle Gewölbe hinein. Ihre Mission drohte zu einem Fiasko zu werden.

    Doch plötzlich wurde alles anders!

     

    Gluschenko starrte atemlos auf die junge und leicht bekleidete Dame, die verärgert aus ihrer Wohnungstür schaute und überrascht den unerwarteten Ankömmling erblickte.

    „Was zur Hölle wollen Sie hier? Ich erwarte gleich schon Kundschaft, ich habe heute keine Zeit!“, begann die aufgetakelte Russin nörgelnd, doch da sprang Gluschenko plötzlich hervor und drückte ihr die Hand auf den Mund.

    Aus wild aufgerissenen Augen starrte die Prostituierte ihm entgegen und schüttelte unwillig und erschrocken den Kopf. Gluschenko blickte die Frau hart an und nahm ihr mit einer drohenden Geste die Hand wieder vom Mund. Verwundert wischte sich die Dame mit dem Handrücken ihr Gesicht ab.

    „Mein Gott, wenn Sie so versessen drauf sind, dann kann ich noch eine schnelle Nummer einlegen, wenn Sie ein paar Rubel drauflegen.“, plapperte die Prostituierte los, doch irgendetwas im Blick ihres Gegenübers ließ sie schlagartig wieder verstummen.

    Wortlos drängte sich Gluschenko an der Dame vorbei in die Wohnung, zerrte die Prostituierte mit und machte die Wohnungstür hinter sich zu. Mit schnellen Griffen verriegelte er die Tür und blickte sich gehetzt in der äußerst schäbigen Wohnung um. Das Badezimmer war voller Spiegel und Schminkkoffer, auf dem Küchentisch lagen Handschellen, Peitschen und einige Lackkostüme. Viel mehr interessierte sich Gluschenko aber für das Fenster des Wohnraumes, beziehungsweise für den kleinen Balkon, der jenseits davon lag. Der schweigsame Russe erspähte ebenfalls eine sehr kleine und geradlinig senkrecht verlaufende Feuerleiter neben diesem Balkon, auf dem die Prostituierte alte und leere Flaschen Schampus oder billigen Wodka gehortet hatte.

    Die Prostituierte schmiegte sich von hinten an Gluschenko und griff ihm mit ihrer feingliedrigen Hand und ihren künstlichen Fingernägeln in den Schritt, während sie sich von hinten mit ihrem kräftigen Becken an ihn anschmiegte.

    „Sie mögen es wohl besonders heiß und schnell.“, hauchte die Prostituierte mit lustvoller Stimme, doch Gluschenko riss sich grob von ihr los und zückte seine kleinkalibrige Waffe, was die Prostituierte mit schreckgeweiteten Augen registrierte.

    „Nein, bitte, ich besitze doch nichts, das macht doch keinen Sinn!“, jammerte sie theatralisch, doch Gluschenko beachtete sie nicht und öffnete stattdessen die Tür zum Balkon, deren Griff längst verschwunden und durch braunes Klebeband notdürftig ersetzt worden war.

    Dann blickte er sich nervös um und trat vorsichtig zwischen den Flaschen hindurch auf den Balkon. Die Prostituierte lief ihm aufgeregt nach.

    „Bitte, ich mache es Ihnen auch ganz umsonst, wenn Sie unbedingt wollen, mit allem Drum und Dran.“, plapperte sie, doch da wandte sich Gluschenko gereizt um, verpasste der übermäßig geschminkten Dame mit den künstlich blondierten Haaren eine schallende Ohrfeige und legte seinen Zeigefinger auf seine Lippen. Jetzt endlich verstummte die Prostituierte wimmernd und zog sich ängstlich in ihre Wohnung zurück.

    Gluschenko aber schlich über den Balkon und hatte Glück, dass die Feuerleiter nur etwa einen Meter vom Balkon aus verlief. Er kletterte über den Rand des Balkons und griff mit schwitzigen Händen nach der Leiter, zu der er sich keuchend herüberschwang. Dabei versuchte er es den Blick in die Tiefe zu vermeiden, obwohl ihm der Angstschweiß ausgebrochen war. Gluschenko hatte schon immer an einer gewissen Höhenangst gelitten. Krampfhaft kletterte er die leicht quietschende Leiter hoch und erreichte nach wenigen Augenblicken den Rand des Daches, auf das er eben noch über den normalen Aufgang getreten war. Gluschenko erblickte seine Gegenspieler Jaschin und Rostov sofort, die lauernd zu dem Aufgang starrten und sich dann berieten. Der Wind trug ihre Stimmen bis zu Gluschenko herüber, dessen Hände verkrampft die Feuerleiter umklammerten.

    „Wir können hier nicht ewig warten, verdammte Scheiße!“, fluchte Rostov ungeduldig.

    „Nein, pass auf, wir machen es so: Du gehst wieder runter und sicherst das obere Stockwerk und suchst nach dem Schwein. Ich bleibe hier oben und sichere dich ab.“, schlug Jaschin drängend vor.

    „Du hast doch nur Angst selbst da runter zu gehen und schickst mich vor, um die Drecksarbeit zu machen.“, verhöhnte Rostov seinen Kollegen und klang dabei nicht einmal wütend oder ängstlich, sondern lediglich sarkastisch und ein wenig arrogant.

    „Jetzt hör auf hier zu nörgeln, sonst ist Gluschenko schon über alle Berge. Schnell!“, forderte Jaschin seinen Begleiter auf und überging den Vorwurf nervös.

    Heiser lachend befolgte Rostov den Befehl und riss ruckartig die Tür auf, durch die Gluschenko vor wenigen Minuten noch in die Tiefe gesprungen war. Der Mann auf der Feuerleiter robbte sich noch ein Stück in die Höhe und blinzelte dem frostigen Windzug entgegen, während er mit seiner linken Hand nach seiner kleinkalibrigen Waffe tastete. Er fand es erstaunlich, dass die Mafiosi nicht daran gedacht hatten, ihn näher auf Waffen zu untersuchen. Diesen dilettantischen Fehler wollte Gluschenko nun gnadenlos ausnutzen, um seinen Erzrivalen aufzuzeigen, dass er der beste war.

    Aufgeregt lief Jaschin hin und her und blickte seinem Begleiter angespannt nach. An eine Gefahr von hinten dachte er dabei überhaupt nicht. Schließlich griff er nervös zu seinem Handy, tippte hektisch eine Nummer ein, verwählte sich und fing fluchend wieder von vorne an. Dadurch war der Mafioso nun vollends abgelenkt.

    Gluschenko lächelte finster, als er sich über den Dachrand hinwegbeugte und auf den Hinterkopf seines Gegners zielte. Als er sich völlig sicher fühlte machte er einen verräterischen Pfeifton und sah amüsiert wie Jaschin erschrocken herumfuhr und nach einigen Augenblicken des nervösen Haderns endlich Gluschenko im Halbdunkel erblickte.

    Da drückte Gluschenko bereits ab. Die Kugel traf den verwunderten Jaschin gerade als er realisierte, wer ihm die Falle gestellt hatte. Geräuschvoll jagte sie mittig durch seine Stirn und schoss an seinem Hinterkopf wieder heraus. Der Mann war auf der Stelle tot.

    Mit erschrocken verdrehten Augen kippte Jaschin wie in Zeitlupe nach hinten und schlug hart auf dem Dachboden auf. Zufrieden und böswillig lachend kroch Gluschenko entgültig über den Dachrand und ging mit schweißnassen Händen hinter einem Schornstein in Deckung und wartete auf seine nächste Gelegenheit.

    Er sah bereits den Schatten seines zweiten Gegners, der den Zwischenfall bemerkt hatte und im trüben Licht des Flures wieder mit erhöhter Vorsicht zurück auf das Dach steigen wollte.

    Da lief Gluschenko einem Geistesblitz folgend geschmeidig auf den Aufgang zu und kletterte an der Rückseite der eckigen Überdachung per Klimmzug herauf. Dabei knirschte nur das Kies auf dem Dach, ansonsten war seine Aktion schnell und geräuschlos verlaufen. Gluschenko legte sich auf die Lauer nach Rostov, der sich unmittelbar unter ihm befinden musste.

    Nach wenigen Sekunden trat der grobe Mafioso auf das Dach, blieb in der Tür aber noch stehen und blickte sich nach einem möglichen Gegner um. Dann stürzte er nach vorne, drehte sich um in der Erwartung seinen Gegner hinter sich zu sehen.

    Als er bemerkte, dass sich Gluschenko jedoch viel mehr über ihm befand, kam die Erkenntnis bereits zu spät. Eine Kugel jagte mitten in sein Gesicht hinein und der Russe stürzte wimmernd nach hinten, stolperte über die Leiche seines Kollegen und viel der Länge nach hin. Rostov zuckte noch kurz, Blut quoll über seine Lippen und lief in Strömen seine Wangen hinab, dann erstarrten auch seine Muskelreflexe und sein Kopf sackte gurgelnd zur Seite.

    Gluschenko sprang gewandt von dem Übergang hinab, schloss die Tür zum obersten Stockwerk und trat zufrieden auf seine Opfer zu. Endlich hatte er sich für die persönlichen Qualen, die ihm der Verrat der beiden Mafiosi bereitet hatte, grausam gerächt. Er fühlte sich nun stark euphorisiert und war von einer grimmiger Freude und einem abartigen Verlangen nach Blut und Mord erfüllt.

    Grimmig verharrte Gluschenko einige Minuten, bis er von der Straße einige Wagen vorfahren hörte. Erwartungsvoll ging Gluschenko auf dem Dach in Deckung und spähte schließlich vorsichtig über dessen Rand in die Tiefe.

    Die Wagen der stählernen Maske waren vor dem Pub vorgefahren, es waren drei an der Zahl. Aus dem mittleren stieg zuerst ein Bediensteter aus, der die Tür für seinen Boss offen hielt, der auch dieses Mal seine Maske trug und seine Identität nicht Preis gab. Mit energischem Schritt betrat der Mafiaboss den Pub und ihm folgte eine ganze Horde von Leibwächtern und anderen Bediensteten.

    Erwartungsvoll rieb sich Gluschenko die Hände. Das Spiel konnte beginnen!

     

    Vitali glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als aus dem Gewölbe vor ihnen plötzlich schnell wie der Blitz eine riesige Kreatur mit grauschwarzem Fell hervorstürzte und den Koch so schnell unter sich begrub, dass dieser nicht einmal wusste, wie ihm geschah. Das Wesen hatte einen gekrümmten Rücken, muskulöse Hinterläufe und einen spitzen Kopf. Mehr konnte Vitali in den wenigen Sekunden nicht erkennen, zumal das Tier ihm den Rücken zuwandte.

    Mit einem hässlichen Knacken brachen die Knochen des Wirtes und Blut spritzte im hohen Bogen gegen die Wände des Flurs. Die Arme, die als einzige Körperteile nicht unter dem unheilvollen Angreifer begraben waren, zuckten noch verzweifelt, bevor der Körper des Kochs entgültig erschlaffte.

    Dann richtete sich das Tier auf seine Hinterläufe auf und reckte sein blutgetränkte Schnauze so weit in die Höhe, dass das Ungeheuer fast die Decke des Flurs erreichte. Jetzt erst bemerkte Vitali, wie groß das Unwesen in Wirklichkeit war und begann haltlos zu zittern.

    Das Unwesen stieß einen schrecklich lauten, triumphalen Heullaut auf und trippelte dann rasch die Treppe hoch, um in die Küche zu gelangen. Kurz darauf erklang der panische Schrei einer Frau und Unruhe breitete sich in der Taverne aus.

    Vitali fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen. Das Erscheinen des unheilvollen Wesens hatte nur wenige Sekunden gedauert und erschien ihm jetzt wie ein wirrer Alptraum, aus dem er unvermittelt erwacht war. Doch gleichzeitig hatte er in dem monströsen Wesen, dass er zwar nur von der Seite und von hinten gesehen hatte, aber dennoch identifizieren konnte, das Abbild des Wesens erkannt, dass in dem Buch auf Gluschenkos Schreibtisch abgebildet worden war. Vitali war völlig geschockt! Der brutale Mörder war kein menschliches Wesen, nicht einmal ein Tier, sondern ein unheimliches Zwischending, das eigentlich überhaupt nicht existieren durfte.

    Der unheilvolle Killer war ein Wesen, von dem Vitali bisher nur aus gruseligen Märchen oder unrealistischen Sagen gehört hatte. Das Monstrum war ein Werwolf!

    Benommen taumelte Vitali aus seiner Deckung heraus und auf den Flur. Angewidert, aber gleichsam wie betäubt starrte er auf den entstellten Leichnam des Koches, dessen Knochen größtenteils gebrochen und dessen Kopf zur Hälfte weggerissen und abgebissen worden waren. Seltsam verrenkt waren fast alle Glieder des bedauerlichen Opfers.

    Plötzlich trat eine zweite Person schwer keuchend neben Vitali. Dieser dachte zunächst an seinen Kollegen Sergej, doch der hockte kopfschüttelnd wimmernd in dem Gewölbe und verstand die Welt nicht mehr. Der Neuankömmling neben Vitali war der Obdachlose, den er vor einer Viertelstunde noch auf einer Bank gesehen hatte! Vitali hatte also richtig vermutet, dass diese Person zu einer der Mafiagruppierungen oder der Polizei gehören könnte.

    Auch der in Lumpen gehüllte Mann, der zwei Maschinengewehre in seiner Hand hielt, zitterte wie Espenlaub, blickte Vitali lang und mit glasigen Augen an und stolperte dann wortlos an dem toten Koch vorbei und in die Küche hinauf.

    Vitali wusste nicht, warum er so reagierte, aber er torkelte dem Mann benommen hinterher, lief wie in Trance die Treppe hinauf und hörte hinter sich das panische Schreien seines Freundes und Kollegen, der ihn zurückhalten wollte, sich selbst aber nicht traute ihm zu folgen.

    Vitali überhörte die Schreie von Sergej und erreichte die Küche, in der das Wesen eine Spur der Verwüstung zurückgelassen hatte. Pfannen und Kochtöpfe lagen wild verteilt herum, eine dicke Köchin hockte wimmernd, aber offensichtlich unverletzt in einer Ecke und starrte Vitali entgeistert an, als ob er ebenfalls ein Monster wäre.

    Der Journalist folgte in einer Mischung aus Neugier, Instinkt und Realitätsverlust dem als Obdachlosen verkleideten Mafioso und trat in einen engen Flur mit getäfelten Wänden, der an einer Theke vorbei in den Essenraum des Pubs führte.

    Dort hatte sich das Wesen aufgerichtet und schlug wild mit seinen Pranken um sich. Auch hier hatte der Werwolf bereits ein heilloses Chaos angerichtet.

    Ein Großteil der Mafiosi war von den Stühlen aufgesprungen und überhastet aus dem Pub auf die Straße gerannt. Von dort waren vereinzelte Schüsse zu hören, da irgendjemand vom Dach des gegenüberliegenden Gebäudes in die aufgeregte Menge schoss. Drei Mafiosi wurden von einer Traube von Leibwächtern geschützt und zu ihren Wagen eskortiert. Von irgendwoher waren Polizeisirenen zu hören und wenige Augenblicke später fuhren drei Wagen der Polizei mit Blaulicht und quietschenden Reifen vor. Polizisten sprangen behände aus den Fahrzeugen und liefen entweder auf den Wohnblock zu, von dessen Dach die Schüsse aufgeklungen waren oder aber auf den Pub, wo sie mit herausstürmenden Mafiosi kollidierten und das Chaos noch vergrößerten.

    Etwa ein Dutzend Leute befanden sich noch in der Taverne. Zwei Mafiosi in schicken Anzügen waren von dem unheimlichen Werwolf wie Puppen zur Seite gedrückt worden und lagen bewusstlos auf dem Boden. Ein besonders mutiger Mafioso war auf einen der kreisrunden Tische gesprungen, hatte zwei Maschinenpistolen fest im Griff und feuerte eine gewaltige Salve in den aufgerichteten Werwolf, den er gar nicht verfehlen konnte.

    Vitali hielt den Atem an. Zwar wurde das riesige Wesen vom Druck der Einschläge zurückgetrieben und heulte gereizt auf, doch der Journalist sah keinerlei Blut und der Werwolf sank auch nicht zu Boden. Er schien die Kugeln einfach wegzustecken und sie störten ihn kaum mehr als lästige Mückenstiche.

    Gereizt sprang das Wesen vor und hol mit seiner linken Pranke zum Schlag gegen den verduzten Mafioso aus, der sein ganzes Magazin bereits leer geschossen hatte. Der Mann konnte nicht mehr ausweichen und wurde brutal an der Seite getroffen. Wie wahnsinnig schreiend wurde er von dem Werwolf durch die Luft katapultiert und flog durch eine Fensterscheibe, die unter ihm klirrend und in Hunderte von Einzelteilen zersplittert nachgab. Der Mafioso landete panisch schreiend auf dem Asphalt der Straße vor dem Pub, wo Mafiosi und Polizisten gleichermaßen auseinander stoben.

    Auch der verkleidete Obdachlose hatte inzwischen das Feuer eröffnet und jagte dem Werwolf eine Salve nach der anderen in den Rücken. Einige Querschläger schlugen in die Fensterscheiben und Wände des Pubs und auf dem Bürgersteig wurde ein Mafioso im Kugelregen an der Schulter getroffen und ging schreiend in die Knie.

    Der Werwolf jedoch wieselte erst nach einigem Zögern herum und sprang dann ansatzlos auf den Obdachlosen zu und somit auch in die Richtung von Vitali, der dem schrecklichen Schauspiel bislang nur untätig gebannt zugeschaut hatte.

    Der Obdachlose ließ instinktiv seine Waffen fallen und katapultierte sich mit einem Hechtsprung über die Theke. Doch seine Flucht war einen Tick zu langsam und er erreichte die schützende Deckung nicht mehr. Der Prankenschlag der Bestie traf ihn noch in der Luft und obwohl der Hieb den Mafioso nicht voll traf, sondern viel mehr streifte, wurde seine Flugbahn so unglücklich verlängert, dass er in das Regal mit den Spirituosen hinter der Theke krachte, das in einem Heidenlärm zerbrach. Flaschen prasselten wie ein Regen auf den Mafioso hinab, der hart auf dem Boden aufgeschlagen war. Der Geruch von Alkohol, Blut und den animalischen Ausdünstungen des Werwolfs schwebten wie ein höllischen Odem durch den Schankraum. Ein Kellner, der sich hinter der Theke versteckt gehalten hatte, wurde von einem zusammenbrechenden Regal am Kopf getroffen und sank mit einer Platzwunde zu Boden, wo er die Augen verdrehte und von einer tiefen Bewusstlosigkeit von dem Höllenszenario erlöst wurde, das er zuvor mit ansehen musste.

    Vitali spürte ein warnendes Brennen auf seiner Brust und wurde erst dadurch aus seiner gefährlichen Starre geweckt. Verwundert blinzelnd tastete der Journalist nach seinem Agnus Dei und realisierte jetzt erst richtig, dass er sich in höchster Lebensgefahr befand und sich die unheilvollen Vorgänge nicht nur einbildete. Zitternd ergriff er die Kette seines Talismans und zog sie über seinen Kopf hinweg. Verkrampft hielt er das Schmuckstück und dessen Kette mit zu Fäusten geballten Händen fest. Der junge Journalist kam sich mit so einem kleinen Schmuckstück mehr als lächerlich vor. Er fragte sich selbst, warum er in diesem Moment zu dem Talisman und nicht selbst zu einer richtigen Waffe griff. Vielleicht lag es daran, dass er als einer der Ersten verstanden hatte, dass dem Werwolf mit normalen Mitteln nicht beizukommen war.

    Der Werwolf hatte sich bereits nach einem neuen Ziel umgesehen und blickte Vitali für den Bruchteil einiger Sekunden an. Zum ersten Mal sah der Journalist das Wesen frontal und blickte an seinem zerzausten und vor lauter Blut triefenden Maul mit den gebleckten Zähnen, die wie scharfe Säbel wirkten, direkt vorbei in die dunklen Augen des Wesens, die seltsam menschlich wirkten. Aus dem zwinkernden Blick sprach erst eine unglaublich fanatische Gier und eine böswillige Drohung, die Vitali noch mehr Angst machte, doch plötzlich las der Journalist noch etwas Anderes in den Augen des Werwolfs: Angst!

    Wie Vitali zuvor, so starrte nun der Werwolf völlig gebannt auf den Journalisten und wirkte wie versteift. Es dauerte eine Weile, bis Vitali realisierte, dass das Wesen nicht ihm in die Augen blickte, sondern auf das inzwischen glühend heiße Agnus Dei in den Händen des Mannes starrte.

    Vitali musste an die Worte des weisen Mönches denken, die sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt hatten. Er sah den alten Mann wieder vor sich, wie er ihm den Talisman überreichte. Nie hätte Vitali damals geglaubt, dass er das Agnus Dei wirklich einmal gebrauchen könnte, um damit gegen übersinnliche Kräfte anzukämpfen. Es erschien ihm unfassbar, dass dieses schicksalhafte Treffen mit dem Mönch kaum länger als sechs Stunden zurücklag.

    Die Zeit schien plötzlich eingefroren zu sein. Vitali bemerkte nicht, dass Polizisten in strenger Formation den Pub stürmten und den Journalisten und die Bestie einkesselten. Er merkte auch nicht, dass Oberkommissar Matafeev das Einsatzkommando leitete und ihm energisch zuschrie, dass er flüchten solle. Er registrierte nicht, dass sein verängstigter Begleiter Sergej in die Küche gekommen war und ihm voller Angst dabei zusah, wie er und die Bestie sich Auge in Auge gegenüberstanden.

    Plötzlich heulte der Werwolf auf, doch aus dem zuvor majestätischen Ruf des Wesens war ein klägliches Jaulen geworden. Dennoch riss dieses Geräusch Vitali aus seinem Bann. Plötzlich hatte er neuen Mut gefasst. Auf einmal war ihm klar, was er zu tun hatte.

    Der Werwolf warf sich herum, wollte durch eines der zerschmetterten Fenster flüchten, um den Mafiabossen nachzusetzen und den Journalisten mit dem bedrohlichen Talisman abzuhängen. Doch das Ungeheuer rechnete nicht mit der Entschlossenheit seines unerwarteten Gegenspielers.

    Vitali sprang aus dem Stand reflexartig und mit gestreckten Armen zuerst nach vorne. Eisern hielt er sein Agnus Dei umklammert und weitete seine Augen. Vitali kamen diese Momente wie in Zeitlupe vor, obwohl schon einige Sekunden vergangen waren. Der Journalist sandte ein Stoßgebet gen Himmel und schloss im letzten Moment die Augen.

    Da kollidierte er mit den Hinterläufen des Werwolfs und drückte seinen Talisman auf den struppig behaarten Rücken des Monsters. Plötzlich wurde Vitali von gleißendem Licht geblendet, während seine Hände anfingen zu glühen! Die himmlische Kraft ging unerklärlicherweise von seinem Talisman aus.

    Alle Anwesenden rissen reflexartig ihre Hände hoch, um sich vor dem Licht zu schützen, das die Umgebung mehr als taghell erleuchtete. Nur Vitali hielt seine Augen gebannt offen und wurde Zeuge eines unbegreiflichen Schauspiels.

     

    Gluschenko fluchte laut, als er die Streifenwagen hörte, die sich in rasendem Tempo dem Pub und seinem Hinterhalt näherten. Er fragte sich verärgert, wie es dazu kommen konnte, dass die Polizei bereits so früh auftauchte. Dann erinnerte er sich an die Prostituierte, in deren Wohnung er eingedrungen war. Vermutlich hatte die verängstigte Frau die Polizei gerufen, kurz nachdem er auf das Dach geklettert und seine zwei ehemaligen Mitstreiter erledigt hatte. Gluschenko dachte kurz daran in die Wohnung der Prostituierten zu stürmen und sie für ihr Fehlverhalten büßen zu lassen. Gnadenlose Wut flammte in Gluschenko auf und stieg ihm zu Kopf, doch dann entkrampfte er sich und verwarf den Rachegedanken wieder. Die Prostituierte war es seiner Meinung nach nicht wert, dass er wegen ihr noch mehr Zeit verlor und weiter in die Bredouille geriet.

    Stattdessen nahm Gluschenko noch einmal genau Maß und feuerte auf die davonfahrenden Wagen der Mafiosi, bis sein Magazin leer war. Er hörte das schaurige Heulen des Werwolfes, der inzwischen den Pub gestürmt und bereits ein heilloses Durcheinander angerichtet hatte. Jetzt kamen die Polizisten an und sprangen eilig aus ihren Wagen.

    Gluschenko wusste, dass man ihn bald entdecken und genauer ins Ziel nehmen würde und beschloss, dass er seinen Teil des Auftrages erfüllt hatte. Dennoch war er wutentbrannt und unzufrieden, als er sein Gewehr mit Zielfernrohr zurückließ und stattdessen eine handlichere Schnellfeuerwaffe in die Hand nahm und sich schnell in das Treppenhaus des Wohngebäudes begab. Gluschenko vermutete, dass trotz seines perfiden Plans und des erfolgreichen Vordringens des Werwolfes, den er erst vor weniger als eine Woche auf Anraten seiner Sektenbrüder beschworen hatte, einige der Mafiabosse in den Autos entkommen waren.

    Doch so sehr er auch mit seinem Schicksal haderte, Gluschenko blieb nichts weiter übrig, als sich jetzt selbst vorläufig in Sicherheit zu bringen und zu einer anderen Gelegenheit noch einmal zuzuschlagen. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, um seinen Fluchtweg zu nehmen.

    Mehrere Stufen auf einmal nehmend sprang Gluschenko in die Tiefe, bis er das unterste Stockwerk fast erreicht hatte. Hier traf er auf die ersten Polizisten, die sich im Erdgeschoss versammelt hatten und nun die Treppe stürmen wollten, die Gluschenko überhastet herunterhetzte. Der Gejagte nutzte den kurzen Augenblick der Überraschung aus, um dem Polizisten vor ihm eine Kugel zwischen die Augen zu platzieren und seinem Kollegen einen unpräziseren Streifschuss zu verabreichen. Sein erstes Opfer sackte sofort zusammen und rollte leblos die Treppe hinunter, während der zweite Polizist von der Wucht des Schusses nach hinten katapultiert wurde, gegen das eiserne Treppengeländer prallte, Übergewicht bekam und rücklings in die Tiefe und genau in die nächste Gruppe von Polizisten stürzte.

    Gluschenko aber lief gezielt weiter, erreichte das Erdgeschoss und rannte Haken schlagend auf den Hinterausgang zu, den er energisch aufriss. Gehetzt durchquerte er den weiträumigen Hinterhof, um zum nächsten Wohnblock zu gelangen. Dort riss er ebenfalls die Hintertür auf und hetzte geradewegs durch das Gebäude und die offenstehende Eingangstür auf die Ulitza Grafova. Rasend lief er über die menschenleere Straße und hetzte an Hinterhöfen vorbei, aus denen er das aggressive Bellen einiger Hunde vernahm, bevor er auf einen heruntergekommen Bauwagenplatz abbog, auf dem es mächtig stank und dreckig war.

    Mit rasselndem Atem und von schmerzhaften Seitenstichen geplagt lief Gluschenko an den rostigen und in Brand gesetzten Tonnen vorbei, um die sich einige angetrunkene Penner mit ihren Hunden versammelt hatten, um Karten oder Schach zu spielen. Verwirrt blickten sie hinter dem bewaffneten Gluschenko her und schüttelten mitleidig den Kopf. Sie hielten ihn für einen sonderbaren Spinner und unterschätzten die Gefahr. Dadurch machten sie auch keinerlei Anstalten den Flüchtenden in irgendeiner Form aufzuhalten.

    Der gejagte Rächer aber lief quer über den Bauwagenplatz und rannte blindlings auf die Beloostrovskaya Ulitza. Für einen Moment wurde Gluschenko durch das Licht eines heranrauschenden Autos geblendet, dessen Fahrer abrupt auf die Bremse trat und mit quietschenden Reifen zum Stehen kam. Sofort öffnete sich die Fahrertür und ein jüngerer Mann rief dem Flüchtenden böswillige Schimpfwörter hinterher. Auf der anderen Fahrspur hupten einige Autos, als Gluschenko auf die Serdobol’skaya Ulitza stürzte, die weniger befahren und von einige Bäumen am Straßenrand gesäumt war.

    Mit letzter Kraft hechtete Gluschenko noch gut einhundert Meter weiter und bog auf einen heruntergekommenen Schrottplatz ab, vor dem er noch vor der Ermordung von Sascha und dem Zusammentreffen mit Sergej bereits seinen Fluchtwagen im Voraus platziert hatte.

    Erst hier wagte der flüchtende Massenmörder einen Blick über die Schulter. Er hatte vor zwei heranrennenden Polizisten immerhin einen Vorsprung von einhundert Metern erarbeiten können.

    Mit flinken Fingern riss Gluschenko die Tür des alten gelben Wolgas auf. Die eigentlichen Autoschlüssel hatte er unter dem Beifahrersitz versteckt und holte sie jetzt rasch hervor. Endlich bekam er den Schlüsselbund zu fassen und konnte den Wagen starten.

    Gluschenko riss die Fahrertür zu, während er auf das Gaspedal drückte und auf die Einfahrt zur Straße zujagte. Da tauchte unvermittelt der erste der beiden Polizisten auf und wollte sich ihm mit erhobener Waffe in den Weg stellen. Gereizt trat der fluchende Gluschenko das Gaspedal durch und jagte erbarmungslos auf den Polizisten zu, der sich in Sekundenschnelle überlegen musste, ob er lieber schießen oder flüchten sollte.

    Der heranstürmende Polizist entschied sich für sein eigenes Wohl und machte im letzten Moment einen gewaltigen Hechtsprung, der ihn gegen einige ausrangierte Autoreifen prallen ließ, auf denen er immerhin verhältnismäßig weich landete. Sein Kollege, der ein wenig zurückhing, jagte dem gelben Fluchtwagen von der Straßenecke aus einige Schüsse entgegen, die aber nicht trafen, da der Wolga bereits eine extreme Geschwindigkeit aufgenommen hatte, mitten auf der Straße mit quietschenden Reifen eine Drehung um fast einhundertachtzig Grad hinlegte und dann unkontrolliert weiter herunterraste.

    Auf der Gegenseite musste ein empört hupender Autofahrer dem Verrückten ausweichen und fuhr im letzten Moment schlingernd auf den schmalen Bürgersteig und dann frontal gegen eine der spärlich gesäten Straßenlaternen.

    Gluschenko aber konnte vorerst entkommen und wollte sich endlich dorthin zurückziehen, wo er die gefangene Französin als letzten Trumpf ausspielen konnte.

     

    Vitali sah wie der Werwolf mitten im Lauf erstarrte, seinen Schädel gequält in die Luft reckte und ihn auf unheimliche Weise fast um einhundertachtzig Grad zu ihm herumdrehte, um ihn aus hervorquellenden Augen fiebrig anzustarren. Das vor Geifer und Blut triefende Maul hatte das düstere Wesen weit aufgerissen und entsandte ein schauriges Heulen durch die Taverne, das Vitali bis ins tiefste Mark traf. 

    Längst war der Journalist zu Boden geprallt und hielt sein Agnus Dei wie einen Rettungsanker umklammert, den er dem Werwolf trotzig entgegenreckte. Das Wesen starrte wie gebannt auf den Talisman, als das gleißende Licht auf einmal noch heller wurde und sich um die Konturen des Werwolfes schmiegte, der plötzlich kraftlos zusammenbrach und verschreckt aufheulte.

    Dann schien das unheilvolle Wesen zu implodieren. Es begann an der Stelle am Rücken, wo Vitali das Monstrum mit seinem Talisman touchiert hatte. Dort breitete sich ein rötliches Licht aus und plötzlich zerfielen die Konturen des Wesens einfach an dieser Stelle, ein fluoreszierendes Licht breitete sich aus und verwandelte das dämonische Gewebe in Staub, der zu Boden rieselte.

    Erst fing dieser unvorstellbare Prozess langsam an, dann weitete er sich immer schneller aus, umfasste die Hinterläufe des Wesens, plötzlich aber auch den vorderen Teil des Körpers und machte auch nicht vor dem Gesicht des Werwolfes Halt, dessen Geheule abrupt verstummte, in ein schauriges Winseln überging und schließlich völlig abbrach. Einen letzten, gepeinigten und wässrigen Blick warf das Monstrum seinem Vernichter noch zu, bevor beide Gestalten ein noch gleißenderes Licht blendete.

    Vitali warf sich mit krampfhaft verschlossenen Augen zu Boden, verharrte dort und betete so inbrünstig zu Gott, wie er es nie zuvor in seinem Leben getan hatte. Er spürte, dass ihm diese Spiritualität in Verbindung mit der magischen Wirkung des Agnus Dei unvorstellbare Kräfte verlieh, die er nicht in Worte fassen konnte. Vitali fühlte sich seltsam euphorisiert und frei.

    Nach wenigen Sekunden war das faszinierende Spektakel dann vorbei. So urplötzlich das Licht aufgetaucht war, so unvermittelt brach es ab und Vitali hob überrascht den Kopf, um die Augen zu öffnen.

    Mit einem Mal herrschte eine gespenstische Stille im Pub und auf der Straße. Vitali starrte fassungslos auf sein Agnus Dei, das seine Hitze im selben Augenblick verloren hatte, als auch das gleißende Licht verschwunden war. Dann blickte er auf die Überreste dessen, was vor wenigen Augenblicken noch eine furchteinflößende und erbarmungslose Kreatur dunkler Mächte dargestellt hatte. Nur noch grauer Staub auf dem Holzboden zeugte davon, dass hier zuvor noch das Monstrum gestanden hatte. Alle Anwesenden rieben sich die Augen und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Bestie war in Sekundenschnelle zu Staub zerfallen, nachdem Hunderte von Pistolenkugeln ihr fast keinen Kratzer beigefügt hatten. Mit dem Verstand war dieses Phänomen überhaupt nicht zu erklären.

    Vitali tastete nach dieser seltsamen Asche, um sich zu überzeugen, dass sie echt war und er nicht irgendeinen Fiebertraum durchlebte. Die merkwürdige Asche rieselte durch seine Hände und fühlte sich fast wie der Sand an der Newa an.

    Vitali blickte auf und traf das fassungslose Gesicht des Oberkommissars Matafeev. Ihm näherte sich von draußen gerade ein Polizist, der ihn keuchend ansprach und erst dann verdattert auf Vitali starrte, der mitten im Raum erschöpft in der Asche des Werwolfs hockte.

    „Herr Oberkommissar, Gluschenko konnte entkommen. Er ist gen Norden geflüchtet, zwei Männer verfolgen ihn!“, teilte der junge Polizist mit und salutierte auf alberne Weise.

    Mühsam erhob sich Vitali, wischte sich die Asche benommen von seiner Kleidung und hängte sich seinen Talisman wieder um den Hals. Sein Blick traf Sergej, der völlig entgeistert hinter ihm im Flur stand und ihn wie einen unbekannten Magier mit übermenschlichen Fähigkeiten betrachtete.

    Doch Vitali kümmerte sich nicht um die Verwunderung der Polizisten, Mafiosi und seines Partners, sondern trat zielstrebig auf Matafeev zu, dem es die Sprache verschlagen hatte und der ihn in einer Mischung aus Angst und Ehrfurcht anstarrte. Energisch griff Vitali dem zusammenzuckenden und respektvoll zurückweichenden Oberkommissar an die Schultern und schüttelte ihn durch.

    „Herr Matafeev, wohin könnte Gluschenko geflohen sein? Los, sagen Sie es mir, es könnte um Leben und Tod gehen.“, forderte Vitali sein Gegenüber erregt auf und verhielt sich so, als ob überhaupt nichts vorgefallen sei, während Matafeev ihm direkt und starr in die Augen blickte.

    Der Oberkommissar brauchte drei Anläufe, bis endlich einige Silben über seine Lippen kamen und er dem mysteriösen Retter eine Antwort geben konnte. Diese Sprachlosigkeit war man von dem sonst so selbstbewussten Oberkommissar überhaupt nicht gewohnt.

    „Vielleicht will er zur stillgelegten Fabrikanlage vom alten Dostojewski in der Ulitza Petrovskaya Kosa. Da hat er früher gearbeitet.“, brachte Matafeev schließlich hervor und starrte nun betreten zu Boden.

    „Wo zur Hölle ist das? Ich bin neu in der Stadt! Verdammt, ich kenne mich hier nicht aus!“, fluchte Vitali voller Ungeduld, als er plötzlich unmittelbar hinter sich eine Stimme vernahm.

    „Ich weiß es aber. Lass uns meinen Lada nehmen.“, brachte Sergej mit belegter Stimme hervor und Vitali drehte sich überrascht zu ihm herum.

    Sein Freund hatte sich aus seiner Starre gelöst und blickte ehrfürchtig zu Boden, als Vitali ihn so verblüfft anblickte. Doch dieser packte ihn an den Schultern, blickte ihn hektisch an und drängte ihn an einer Horde ehrfurchtsvoll zurückweichender Polizisten durch den Ausgang auf die Straße. Endlich kam wieder Bewegung in die Leute und auch Sergej bewegte sich jetzt von allein.

    „Lass uns keine Zeit verlieren. Schnell!“, forderte Vitali seinen Kollegen auf und sprintete los. Er dachte dabei nur noch an seine bildschöne französische Nachbarin, die er erst seit vierundzwanzig Stunden kannte und in die er sich doch irgendwie auf den ersten Blick verliebt zu haben schien.

    Sein eigenes Ansehen war ihm völlig gleichgültig geworden und auch die Anerkennung der von ihm und den weißmagischen Kräften seines Talismans geretteten Menschen, welche die Welt nicht mehr verstanden, interessierten ihn in keiner Weise.

    Vitali holte trotz der nervenzehrenden letzten Minuten noch einmal alles aus sich heraus.

     

    Gluschenko raste wie ein Wahnsinniger durch die Innenstadt von Sankt Petersburg. Er wusste, dass sein Vorsprung nur knapp war und ihm bald die halbe Stadt auf den Fersen war. Mafiosi und Polizisten würden ihre Fühler nach ihm ausstrecken, doch er hatte bereits einen Fluchtplan. Am Fluss Malaya Neva, auf der Rückseite der Chemiefabrik, hatte er ein Motorboot stehen, mit dem er bis ins offene Meer hinausfahren würde. Die französische Geisel sollte dabei seine Lebensversicherung sein und ihn vor möglichen Angriffen der Küstenwache oder eines Polizeihelikopters schützen, bis er Kronstadt erreichte und sich dort mit einem der Boote seiner Sektenbrüder bis nach Finnland absetzen konnte. Sein weiteres Ziel war die finnische Hafenstadt Hamina.

    Doch bis dahin war es noch ein beschwerlicher Weg für ihn. Im schnellen Tempo ratterte er soeben über die Novoladozhskaya Ulitza und überquerte die unspektakuläre und kleine Brücke über den kleinen Fluss Zhdanovka. Der Verkehr hatte hier nachgelassen und so kam der Flüchtende auch erstaunlich schnell über die Remeslennaya Ulitza bis zum Petrovskiy Prospekt, auf dem die alte Chemiefabrik bereits lag.

    Gluschenko jubilierte, als er die alten Schlote und die grauen Gebäudefassaden des Ortes sah, an dem er sich fast fünfzehn Jahre lang die Seele aus dem Leib geschuftet hatte, nachdem er die Schule abgebrochen hatte und bevor er über den Kontakt eines Schichtarbeiters in die organisierte Kriminalität eingestiegen war.

    Mit quietschenden Reifen hielt Gluschenko am Straßenrand und lief eilig über den Asphalt hinweg auf den Eingang der stillgelegten Fabrik zu, die zu dieser späten Stunde wie ein unheimlich düsteres Labyrinth aus uneinladenden Plattenbauten und verrußten Schornsteinen wirkte. Gluschenko machte sich nicht einmal die Mühe seinen Wagen vernünftig zu parken, den Motor abzustellen oder die Wagenschlüssel mitzunehmen. Für solche Lappalien blieb ihm jetzt keine Zeit mehr, denn jede Minute konnte entscheidend sein.

    Plötzlich aber ertönte ein überlauter Knall und Gluschenko schrak überrascht für den Bruchteil einiger Sekunden zusammen, bevor ein wuchtiges Geschoss seine rechte Kniescheibe zertrümmerte und ein flammender Schmerz den schreienden Massenmörder quälte. Mit Tränen in den Augen sackte Gluschenko zusammen, da das rechte Bein sein Gewicht nicht mehr halten konnte. Wie ein hilfloser Krüppel fiel er auf den staubigen und von Unkraut überwucherten Boden vor der Fabrikhalle und starrte auf den Mann, der mit einem Gewehr auf dem Dach hockte und sich eine Zigarre angezündet hatte.

    Die Person starrte lässig auf Gluschenko herab und visierte den Entführer erneut an, bevor sie die Zigarre geräuschvoll ausspuckte.

    „Nein, bitte nicht, Erbarmen! Wer immer du bist, ich kann dir alles geben, was du brauchst. Macht, Drogen, Geld, ich kann dir leichte Mädchen beschaffen, die schönsten, die es gibt, wenn du mich nicht hier abknallst!“, flehte Gluschenko mit weinerlicher Stimme und Tränen traten ihm in die Augen in dem Gewissen kurz vor seinem Ziel nun gescheitert zu sein.

    Er rechnete nicht einmal mehr mit einer Antwort des unbekannten Schützen, der jeden Moment abdrücken und Gluschenko ins Jenseits befördern konnte, doch dann rang sich sein unbekannter Gegner doch noch zu einem Kommentar durch.

    „Leck mich am Arsch, Gluschenko! Das alles kann ich mir auch ohne deine Hilfe besorgen!“, rief sein Gegner aggressiv und Gluschenko erstarrte. Er kannte die Stimme irgendwoher, konnte sie in seiner Panik aber überhaupt nicht mehr einordnen. Er hatte generell Probleme jetzt noch klar zu denken.

    Er wusste, dass es für ihn nun keine Fluchtmöglichkeit mehr gab. Hastig fingerte er in seiner Jackentasche nach dem Fernzünder für die Bombe unter dem Stuhl der gefesselten Französin. Endlich bekam er ihn zu fassen und drückte mit einem morbiden Grinsen den Knopf, der den tödlichen Mechanismus in Gang setzte, der die Französin mitsamt der halben Fabrikanlage in die Luft jagen würde. Der Zünder gab einen Pfeifton von sich, der Zerstörungsmechanismus war erfolgreich aktiviert! Wild lachte Gluschenko auf.

    „Wenn ihr mich umlegen wollt, sollt ihr auch alle zur Hölle fahren! Ich nehme so viele von euch Bastarden mit, wie ich nur kann!“, flüsterte er sich selbst grimmig zu und musste gleichzeitig mit ansehen, wie sein Gegner vom immerhin gut vier Meter hoch gelegenen Vordach des Fabrikeingangs heruntersprang, federnd aufkam und sich mit seiner Waffe im Anschlag langsam wie ein Westernheld dem regungslosen Gluschenko näherte.

    Angestrengt starrte der verletzte Rächer seinem Gegenspieler entgegen, der endlich in das Licht einer Straßenlaterne geriet. Gluschenko erkannte den bulligen, kräftig gebauten Mann mit dem Narbengesicht jetzt endlich wieder.

    Es war Lukianenko!

     

    Im Eilschritt waren Vitali und Sergej durch die Straßen zum Lada gerannt. Gehetzt hatte Sergej seine Wagen gestartet, gewendet und raste nun wie ein Verrückter durch Sankt Petersburg. Um seine Nervosität ein wenig zu mindern, hatte er erneut eine alte Kassette der russischen Band Aria eingeworfen, doch er konnte sich auf ihr letztes Erfolgsalbum aus den Achtzigern, bei dem er jedes Lied mitsingen konnte, leider nicht konzentrieren.

    Vitali hockte angespannt neben ihm und hatte sich nicht einmal angeschnallt. Er stand unter Strom und starrte gebannt auf den Verkehr der stets lebendigen Innenstadt. Nervös kaute er ans einen Fingernägeln. Schließlich hielt er das Schweigen nicht mehr aus.

    „Sergej, wie weit ist es noch?“, wollte er krächzend wissen.

    „Wir sind jetzt schon auf dem Bol’schoy Prospekt, es kann nicht mehr weit sein!“, gab Sergej, der verbissen das Lenkrad umklammerte und seinem altersschwachen Lada noch einmal alles abverlangte, eifrig zurück.

    „Wir müssen Eva retten, um jeden Preis.“, hauchte Vitali atemlos.

    „Willst du mir nicht mal verraten, was das eben für eine gottverdammte Aktion in diesem Pub war?“, wollte Sergej wissen und wandte seine Blick dabei nicht von der Straße ab.

    „Ich kann es mir selbst kaum erklären. Es ist dieses Agnus Dei, das mir der Mönch heute Nachmittag gegeben hat. Es hat irgendetwas damit zu tun.“, gab Vitali zurück. Er hatte seinem Kollegen schon nach der Entführung der Französin in ein paar Sätzen von dem Zusammentreffen mit dem Mönch erzählt, ursprünglich eigentlich, um seinen Partner und vor allem sich selbst von den schrecklichen Ereignissen des späten Nachmittags abzulenken.

    „Es ist also so eine Art magische Wunderwaffe? Wie aus Herr der Ringe oder Harry Potter? Und dieser Mönch ist ein weißer Magier?“, fragte Sergej in einer Mischung aus Unverständnis und Spott, woraufhin Vitali ernüchtert seufzte.

    „Ich weiß es doch auch nicht. Es könnte so etwas in der Art sein, möglicherweise.“, gab Vitali zurück und kam sich dabei selbst irgendwie lächerlich vor.

    „Und was zur Hölle war das für ein Monstrum, das all die Leute im Pub umgebracht hat?“, wollte Sergej entgeistert wissen und raste über eine rote Ampel, ohne sich um das Hupen der anderen Verkehrsteilnehmer zu scheren.

    „Ich bin mir nicht sicher. Ich denke, es war eine Art Werwolf.“, meinte Vitali kleinlaut und Sergej musste schallend lachen und warf seinem Partner zum ersten Mal während der Fahrt einen Seitenblick zu.

    „Willst du mich auf den Arm nehmen?“, fragte Sergej schließlich fassungslos und bog mit erhöhter Geschwindigkeit auf eine Seitenstraße ab.

    „Habe ich das jemals getan? Ich kann es doch selbst kaum fassen. Aber das Wesen sah exakt so aus wie das Ungetüm aus dem Buch mit den satanistischen Beschwörungsformeln auf dem Schreibtisch in Gluschenkos Wohnung.“, gab Vitali entnervt und auch verzweifelt zurück, weil sein Partner sich über ihn lächerlich zu machen drohte. Der junge Journalist konnte nur hoffen, dass er seinen Kollegen und auch sich selbst irgendwann von der diffusen Wahrheit überzeugen konnte. Noch lieber hätte er den gesamten Tag gänzlich aus seinem Gedächtnis verbannt, doch er wusste, dass dies nicht gehen würde. Es hatte Dutzende von Zeugen gegeben, die dieselbe unglaubliche Geschichte in der Taverne erlebt hatten wie er selbst.

    Bevor Sergej eine Erwiderung aussprechen konnte, ertönte plötzlich ein lauter Knall, der Lada wurde hart durchgerüttelt und aus der Motorhaube zog ein schwarzer Qualm auf, der ihre Sicht auf die Fahrbahn fast völlig einschränkte. Hart fuhr Sergej an den Straßenrand der Zhdanovskaya Ulitza, auf der sie sich mittlerweile schon befanden. Hinter ihnen bremsten einige Wagen quietschend ab, ein empörtes Hupen ertönte und zwei Passanten stoben entsetzt auseinander, als Sergej auf den Bürgersteig jagte und sein Lada endlich zum Stehen kam.

    Wütend schlug der leidenschaftliche Fahrer auf die Hupe seines Wagens, die mehr nach einem heiseren Entengeschrei klang. Dann schlug er seine Faust grimmig gegen das Armaturenbrett, riss die Fahrertür auf und trat wütend auf den Bürgersteig.

    „Verdammt, warum muss diese alte Schrottkarre ausgerechnet jetzt schlapp machen!“, ließ nun auch Vitali seinen Unmut heraus und stieg schwungvoll aus dem Wagen auf.

    „Das ist nicht irgendeine Schrottkarre, du Idiot! Sie hat mir immer treue Dienste geleistet, wie meinem Onkel und meinem Großvater zuvor auch!“, giftete Sergej angespannt zurück und beugte sich hustend über die qualmende Motorhaube.

    „Es wird Zeit, dass die alte Rostlaube ins Museum kommt. So ein gottverdammter Scheißdreck!“, schrie Vitali seine Wut weiter aus sich heraus und trat unbeherrscht gegen einen Mülleimer auf dem Bürgersteig, während die Passanten ihn und Sergej kopfschüttelnd und verächtlich anblickten oder gar beschimpften.

    „Leckt mich doch alle am Arsch“, fluchte Sergej aufgebracht, als plötzlich Polizeisirenen aufheulten, die immer näher in ihre Richtung kamen.

    „Jetzt kreuzen auch noch die Bullen auf!“, fluchte Vitali und dachte mit Tränen in den Augen an seine französische Freundin. Er malte sich bereits die grässlichsten Bilder in seinem Kopf aus. Er sah die strahlende Schönheit gepeinigt in einem düsteren Keller hocken, nackt und dreckig, halb verhungert und völlig ausgelaugt. Er sah den verschwitzten, schmierigen Gluschenko vor seinen inneren Augen und wie er sich an der Französin vergriff, ihr eine Waffe an den Kopf hielt... Verzweifelt schrie Vitali seine Wut und Angst in den Nachthimmel von Sankt Petersburg. Ihm war es völlig egal, was die umstehenden Leute von seinem Gefühlsausbruch hielten. Vitali war mit den Nerven völlig am Ende.

    „Unter diesen Umständen hängen wir morgen früh noch hier ab, falls man uns dann nicht schon längst eingebuchtet hat!“, nörgelte Sergej, dem die Sache auch wegen seines kaputten Ladas sehr nahe ging.

    Da hielt plötzlich mit quietschenden Reifen ein Streifenwagen neben ihnen und vom Beifahrersitz sprang ein Polizist mittleren Alters eifrig auf und kletterte mühsam aus dem Auto. Vitali und Sergej erkannten den Mann im gleichen Moment und konnten ihr Glück kaum fassen!

    „Steigt hinten ein. Nun macht schon, die Zeit wird knapp!“, forderte Matafeev die beiden Journalisten auf, die sich dies nicht zweimal sagen ließen.

     

    Eva Maelle Lavoie schreckte aus ihrem Halbschlaf hoch, als sie den schrillen Pfeifton unter ihrem Stuhl vernahm. Halb benommen nahm sie ein seltsames Ticken war, das sie an eine Uhr erinnerte.

    Dann traf sie die Erkenntnis wie ein Schlag ins Gesicht. Sofort war die Französin hellwach und schreckte ängstlich hoch. Entsetzt vor sich hinmurmelnd schossen ihr Tränen in die Augen. Sie wusste, dass ihre letzten Minuten geschlagen hatten, denn die Bombe unter ihrem Stuhl war soeben aktiviert worden!

    Fünfzehn Minuten Zeit verblieben ihr noch. Fünfzehn Minuten in einem kalten Raum, den sie sich mit Ratten und anderem Ungeziefer teilen musste. Eine Viertelstunde in unheilvoller Dunkelheit, in grausamer Einsamkeit. Fünfzehn Minuten der Bedeutungslosigkeit, um sich mental noch ein letztes Mal zu sammeln, da die Französin physisch nach wie vor an den Holzstuhl gefesselt war.

    An wen oder was sollte sie in den letzten Minuten ihres Lebens denken? An ihre besorgten Eltern? An ihre Jugendfreunde? An ihre erste große Liebe? An ihre russische Theatergruppe? An Vitali, in den sie sich verliebt hatte? An den Mann, der ihr all dies angetan hatte?

    Gesichter huschten durch den melancholischen Geist der Französin, die stumm zu beten begann, während wirre Gedankefetzen panisch durch ihren Kopf gingen. Monoton und erbarmungslos lief ihre Zeit ab.

    Da hörte die Französin erneut einen Pfeifton. Eine Minute war bereits seit der Aktivierung der Bombe über den Fernzünder vergangen.

    Eva dachte angestrengt nach. Warum hatte ihr Peiniger die Bombe aktiviert? War ihm etwas zugestoßen? War er von der Polizei erwischt worden? War er auf der Flucht aus der Stadt heraus? Hatte er die Bombe bewusst aktiviert oder war er versehentlich auf den Auslöser gekommen? Würde er noch einmal zu ihr zurückkehren, um sie zu verhöhnen, sie zu erniedrigen oder doch um sich ihr gegenüber zu erbarmen?

    Die Französin war in diesen Momenten der absoluten Erniedrigung bereit ihrem Entführer alles zu geben, was dieser verlangen würde. Sie würde sich ihm sexuell hingeben, um ihn zu beschwichtigen, sie würde ihm alle Kreditkarten und Geheimnummern übergeben, damit er sie bis auf den letzten Cent ausbeuten konnte.

    Erneut ertönte ein schriller Pfeifton. Es waren noch dreizehn Minuten bis zum entgültigen Ende. Bald war alles vorbei.

    Eva verwarf die erniedrigenden Gedanken. Sie wollte in Würde sterben. Lieber ging sie ehrenvoll in den Tod, als sich ihrem abartigen geisteskranken Entführer hinzugeben. Sie verfluchte ihren Mitbewohner, der Mann, mit dem sie unter einem Dach gelebt hatte und der zu ihrem tödlichen Schicksal geworden war. War es tatsächlich Schicksal? Warum war sie von Millionen von Bürgern in Sankt Petersburg in die Fänge dieses Wahnsinnigen gegangen? Womit hatte eine junge, unschuldige Immigrantin dies verdient?

    Da kam der nächste Pfeifton. Zwölf Minuten verblieben ihr noch.

    Gab es vielleicht doch noch Hoffnung? Eva erinnerte sich an die Schritte, die sie vor ihrer Tür gehört hatte. Könnte diese Person sie retten? Sie wusste, dass diese Person nicht ihr Peiniger gewesen war. Sie hatte eine ganz andere Schrittfolge gehabt, das hatte Eva mit ihrem feinen und gut geschulten Gehör sofort ausgemacht. Wer aber konnte der Unbekannte sonst sein? Handelte es sich um einen Landstreicher oder Obdachlosen? War es ein Krimineller gewesen, der sich für zwielichtige Geschäfte an diesen Ort zurückgezogen hatte? Wo lag dieser Ort, möglicherweise eine stillgelegte Fabrik, überhaupt? War sie in einem Außenbezirk der Stadt oder gar schon an einem anderen Ort gefangen? Oder lag die Fabrik in der Hafengegend, möglicherweise nur wenige Meter von ihrer Wohnung entfernt? Schlug Gluschenko nur im Hafenviertel zu und trieb dort seinen grausigen Terror? Was war sein ultimatives Ziel, falls er überhaupt ein solches besaß?

    Der neue Pfeifton läutete die elfte Minute ein. Die Französin zuckte nicht einmal mehr ängstlich zusammen. Sie hatte sich mit ihrem desolaten Schicksal abgefunden. In ihr steckte kaum mehr Lebensmut, kein Aufbäumen und keine übermenschliche Kraft. Sie hatte den Kampf aufgegeben, denn gegen die höheren Mächte des Schicksals hatte sie allein einfach keine Chance. Selbst zum Weinen hatte sie keine Energie mehr.

    Benommen lag Eva auf dem kalten Boden. Ihre aufgeregten Gedanken waren verklungen. Eine bedrohliche Leere hatte sich in ihr breit gemacht. Sie wollte einfach einschlafen, doch irgendein letzter Funke Widerstand in ihrem Körper und Geist wehrte sich dagegen. Apathisch blieb sie wach und harrte aus.

    Der nächste Pfeifton erklang noch früher als erwartet. Die Zeit schien wie im Fluge zu vergehen. Zehn mickrige Minuten blieben Eva noch.

    Stöhnend wälzte sich die Französin auf dem Boden herum und hörte das Quieken einer Ratte, die erschrocken von ihr weghuschte. Würde die Französin als Fraß der Nagetiere enden? Würde man sie überhaupt in diesem Drecksloch finden und ihren Leichnam beerdigen? Sie verwarf den Gedanken wieder. Die Bombe würde sie bis zur Unkenntlichkeit zerfetzen. Und ebenso die Ratten, die sie dann auch nicht mehr anrühren konnte. Wenigstens diese Ehre konnte Eva noch wahren.

    Mit diesen wirren Gedanken schloss Eva die Augen in dem Moment, als durch den nächsten und unerbittlichen Pfeifton die neunte Minute eingeläutet wurde. Die Hälfte der Zeit war beinahe schon vorbei und an ihrer misslichen Lage hatte sich nichts verändert.

    Eva fing benommen an zu beten. Flüsternd sagte sie das Vater Unser auf. Nicht einmal nur, sondern immer wieder. Gebetsmühlenartig kamen die Verse über ihre Lippen. Sie sprach dabei immer lauter und schneller, nicht wegen ihres starken Glaubens, sondern um das monotone Ticken der Bombe zu übertönen. Sie wollte auch ihre eigene Stimme hören. Sie konnte sich nicht sehen, ihre Glieder waren so taub geworden, dass sie sich auch kaum mehr fühlen konnte und somit wollte sie sich wenigstens noch ein letztes Mal hören. Sie wollte etwas Menschliches an ihr selbst zurück in ihr Gedächtnis rufen. Sie wollte sich sprechen hören, um zu spüren, dass sie keinen Alptraum durchlebte, sondern ihr Schicksal bittere Realität war.

    Der nächste Pfeifton ertönte. Es blieben ihr noch acht Minuten. Was konnte man in acht Minuten bewerkstelligen? Eine E-Mail schreiben vielleicht.Eine Portion Spaghetti essen.Ein Gedicht schreiben. Geschlechtsverkehr haben. Ein Spiegelei mit Speck zubereiten. Mit der Petersburger Metro von ihrer Wohnung aus bis kurz vor die Innenstadt fahren. Einem kleinen Kind ein Märchen vorlesen.

    Eva hätte gerne Kinder gehabt, vielleicht eine Tochter, die sie nach ihrer Großmutter benannt hätte, die sie so geliebt hatte. Jetzt war sie froh keine Angehörigen zurückzulassen. Vielleicht war es doch besser so einsam zu sterben, als in irgendeinem Krankenhaus, wo ihre Freunde und ihre Familie am Krankenbett ausharrten und verzweifelt weinten oder zu ihr sprachen. Möglicherweise war ihr Schritt nach Sankt Petersburg zu gehen die richtige Wahl gewesen, um sich von all dem loszueisen, was sie mit ihrem früheren Leben verbunden hatte. Hatte Gott sie bewusst auf diesen Weg geführt? Gab es einen Gott? War es von irgendeiner Bedeutung, ob es ihn gab oder nicht? Würde Eva in acht Minuten in den Himmel kommen und Petrus treffen? Oder sollte sie in der Hölle schmoren? Wie konnte darüber entschieden werden?

    Da ertönte der Pfeifton wieder. Sieben Minuten waren noch übrig. Übrig wovon? Wie viele Minuten hatte sie gelebt? Wie viel Zeit hatte sie geschlafen oder mit Lernen, Essen oder Schlafen vergeudet? Was hatte ihr Leben wirklich lebenswert gemacht? Warum fiel ihr auf Anhieb einfach nichts ein?

    In tiefer Melancholie versunken brachen die Gedanken der Französin wieder ab, bis sie der nächste Pfeifton wieder aus der Lethargie riss. Sechs Minuten blieben ihr noch. Und sie wollte leben! Sie wollte frei sein! Sie hatte ein Grundrecht darauf, wie jeder andere Bürger des Planeten auch! Sie wollte sich gegen ihr Schicksal stellen! Sie wollte sich nicht unterkriegen lassen! Sie wollte als energische Kämpferin zugrunde gehen und nicht als melancholische und verwirrte Immigrantin mit Hang zum Pessimismus!

    Eva gab sich wieder ein Ruck. Sie öffnete ihren Mund so weit es ging, holte tief Luft und schrie so laut sie nur konnte! Obwohl der Knebel ihren Hilferuf dämpfte, so klang er in ihren Ohren doch lauter und deutlicher, als beim letzten Mal, als sie die seltsamen Schritte gehört hatte. Möglicherweise war diese unbekannte Person ja tatsächlich noch irgendwo in der Nähe.

    Mit neuem Mut übertönte Eva den Pfeifton, der ihr die letzten fünf Minuten signalisierte.

     

    Lukianenko blickte den geschlagenen Gluschenko aus seinen kalten Augen erbarmungslos an und hob seine Waffe. Im selben Moment hörte er aus der Ferne aufheulende Polizeisirenen und auf dem Gesicht des am Boden liegenden Gegners tauchte ein kurzer und hoffnungsvolles Lächeln auf. Doch da lachte Lukianenko dreckig und trat noch näher an seinen Feind heran, der sich zur Seite robbte und ihm ausweichen wollte.

    „Wenn du meinst, dass ein paar Polizeiwagen mich daran hindern könnten dir dein dreckiges Gehirn aus dem Schädel zu pusten, dann täuschst du dich gewaltig! Bevor die Kerle mich schnappen können, bist du tot!“, drohte Lukianenko in eiskaltem Flüsterton und raubte Gluschenko die letzte Illusion auf eine Flucht aus seiner prekären Lage.

    Mit angezogener Handbremse und quietschenden Reifen schoss ein Polizeiwagen auf den Vorplatz der alten Chemiefabrik, doch Lukianenko ließ sich von der plötzlichen Hektik nicht im Geringsten stören und registrierte das Erscheinen weiterer Polizeiwagen nur beiläufig. Er hatte sich von Gluschenko düpieren lassen und er wollte diese Schmach rächen, selbst wenn er dafür ins Gefängnis gehen musste. Eiskalt zog er seinen Racheplan durch.

    Gluschenko blickte noch einmal zu ihm auf, nachdem er einen hektischen Blick über die Schultern geworfen hatte und gerade überlegte, ob er um Hilfe schreien sollte, damit die Polizisten wenigstens sein Leben retteten.

    Hektisch riss Oberkommissar Matafeev im vordersten Wagen die Beifahrertür auf und zückte seine Waffe. Von der Rückbank standen die beiden Journalisten auf, die wider Willen in eine verrückte und unheilvolle Odyssee geraten waren, aus der sie bis hierhin nur mit viel Glück heil herausgekommen waren.

    „Lukianenko, lassen Sie die Waffe fallen! Überlassen Sie Gluschenko uns! Er wird seine gerechte Strafe erhalten!“, schrie Matafeev zu ihm herüber und der Angesprochene lächelte knapp, während er seine Waffe auf den zitternden Gluschenko richtete.

    „Ja, seine gerechte Strafe wird er genau jetzt erhalten!“, flüsterte er gerade so laut, dass Gluschenko ihn vernahm und aus ängstliche Augen anblickte.

    Da drückte Lukianenko entgültig ab.

     

    Sergej und Vitali mussten mit ansehen, wie der Kopf von Gluschenko wie eine reife Frucht zerplatzte, als Lukianenko seinen Gegner ohne eine Gefühlsregung liquidierte. Verzweifelt schrie Vitali auf. Mit dem Tod des Wahnsinnigen schien auch das Schicksal seiner französischen Freundin besiegelt, von der er nicht wusste, wo sie sich befand und ob sie in Lebensgefahr schwebte.

    Matafeev ging hinter der aufgestoßenen Beifahrertür in Deckung und erwartete einen Angriff von Lukianenko, der sich möglicherweise an einer Flucht versuchen würde. Doch zum großen Erstaunen des Oberkommissars blickte Lukianenko zufrieden grinsend auf, nachdem er seine Tat begutachtet hatte und starrte fast amüsiert auf die zahlreichen Polizisten, die inzwischen eingetroffen waren und den linken Arm der stählernen Maske ins Visier genommen hatten.

    Lachend ließ Lukianenko lässig seine Waffe auf den staubigen Boden fallen und trat den Polizisten mit erhobenen Händen, aber ebenso erhobenen Hauptes, entgegen.

    Jetzt reagierte Matafeev, fuhr aus seiner Deckung hoch und lief auf Lukianenko zu. Auch Sergej und Vitali sahen dies als ihr Startsignal und liefen los, steuerten aber den entstellten Leichnam von Gluschenko an, dessen Gesicht kaum mehr identifizierbar war. Lukianenko warf dem vorbeilaufenden Vitali einen grimmigen Blick zu und spuckte verächtlich zu Boden, während Matafeev dem Mafioso Handschellen anlegte, wogegen dieser sich nicht einmal mehr wehrte.

    Vitali sank verzweifelt vor dem Toten auf die Knie, in der Hoffnung bei ihm irgendeinen Hinweis auf den Verbleib seiner französischen Nachbarin zu finden. Hastig durchwühlte er die Jackentaschen des Massenmörders, doch sie waren allesamt leer. Auch in den Hosentaschen, die Sergej mühevoll durchforstete, fand sich keine Spur. Da stürmten auch schon die ersten Polizisten heran, welche die beiden Journalisten von dem Leichnam wegdrängen wollten.

    Todtraurig und geschlagen rappelte sich Vitali auf und wollte stumm den Forderungen der Beamten nachkommen, als sein Blick auf die geballte rechte Faust des Toten fiel. Ein blinkendes, kleines Gerät hielt dieser fest umklammert.

    Erregt warf sich Vitali noch einmal zu Boden, öffnete die klamme Hand des Toten und erspähte voller Schreck einen Fernzünder. Er verstand sofort, was er dort in seinen Händen hielt und wozu es diente, denn er sah die roten Zahlen, die erbarmungslos heruntertickten. Der Countdown war unlängst gestartet worden und es blieben nicht einmal mehr zehn Minuten bis zur Detonation.

    „Verdammt, dieses Schwein hat hier irgendwo eine Bombe gezündet!“, schrie Vitali panisch und Speichel flog hektisch über seine Lippen.

    Die Polizisten um ihn herum starrten ihn an wie ein Gespenst, während Matafeev ungläubig näher trat, nachdem er Lukianenko in die Obhut eines Kollegen überreicht hatte.

    „Was sagst du da?“, fragte der Oberkommissar mit tonloser Stimme.

    „Er hat eine Bombe aktiviert. Irgendwo in dieser Chemiefabrik. Vermutlich wird er Eva damit umbringen!“, schrie Vitali vor Schmerz und Angst und Tränen kullerten in Strömen über seine geröteten Wangen.

    „Verdammt, dieser Gebäudekomplex ist riesig! Wie sollen wir da in neun Minuten die Bombe finden?“, fragte Sergej, der entsetzt hinter seinem Kollegen stand.

    „Wir haben auch gar keine Bombenexperten dabei. Selbst wenn wir das Ding finden, würden wir es nicht entschärfen können und vermutlich alle dabei draufgehen.“, bemerkte Matafeev düster und zerstörte die letzten Hoffnungen des zitternden Journalisten, dessen Herz bis zum Hals schlug.

    „Wenn wir das Gelände nicht evakuieren, gehen wir selbst alle drauf.“, warf Sergej ein, in der vagen Hoffnungen seinen Kollegen zur Vernunft zu bringen, der sich mit dieser Hiobsbotschaft allerdings absolut nicht abfinden wollte.

    „Gibt es denn keine gottverdammte Lösung?“, schrie Vitali fragend seine Wut aus sich heraus, doch die umstehenden Polizisten schwiegen ihn nur betreten an.

    Da meldete sich plötzlich Lukianenko zu Wort, mit dem niemand mehr gerechnet hatte. Mit einem grimmigen Lächeln trat er vor und konnte auch von zwei Polizisten und den Handschellen nicht aufgehalten werden.

    „Ich könnte eine Lösung anbieten.“, sprach Lukianenko ruhig und ohne Häme oder Triumph in seiner Stimme. Alle Blicke wandten sich ihm zu.

    „Was wollen Sie damit andeuten?“, fragte Matafeev lauernd und misstrauisch.

    „Ich kenne mich mit Bomben aus. Ich könnte sie vermutlich entschärfen.“, meinte Lukianenko und nun stahl sich doch ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht.

    „Das ist unsere einzige Chance! Worauf warten wir denn noch?“, herrschte Vitali die Menschen um ihn herum an, als diese Lukianenko keine Antwort gaben.

    Matafeev kraulte sich nachdenklich am Kinn und wog die Argumente ab, doch auch er war zu einer schnellen Entscheidung gezwungen. Schließlich bezwang er seinen inneren Schweinehund.

    „Na gut, Lukianenko. Wir nehmen Ihre Hilfe an.“, meinte er schließlich mit Seitenblick auf Vitali und Sergej kleinlaut und einige Polizisten blickten ihn entsetzt an.

    „Dann lasst uns keine Zeit verlieren. Wir müssen sofort in das Gebäude!“, rief Vitali energisch und stand nahe der Hyperventilation. Ihm war mittlerweile völlig egal, wer ihm bei der Rettung der Französin half, für ihn zählte einzig und allein das erfolgreiche Ergebnis.

    „Moment, so einfach ist es nicht. Eine Hand wäscht die andere!“, warf Lukianenko schnarrend ein und Vitali starrte ihn verwundert an.

    „Was meinst du damit?“, wollte der Journalist mit einem unguten Gefühl wissen. 

    „Ich helfe euch und bekomme dafür eine Gegenleistung. Von reiner Nächstenliebe kann man schließlich nicht leben!“, erklärte Lukainenko und verschränkte seine in Handschellen gelegten Arme vor seiner breiten Brust.

    „Verdammt Lukianenko, wir verhandeln hier jetzt nicht!“, rief Matafeev bebend vor Wut und Lukianenko wandte sich schulterzuckend und demonstrativ ab.

    „Na schön, es ist eure Entscheidung.“, brummte er arrogant und wusste genau, dass die Diskussion damit noch einmal richtig angeheizt wurde.

    „Verdammt, was willst du von uns haben?“, rief Matafeev cholerisch und geriet völlig aus der Fassung. Triumphierend grinsend wandte sich Lukianenko erneut um, bevor sein Gesicht wieder zu einer eisigen Maske wurde.

    „Ihr lasst mich gegen eine Geldstrafe und ein paar Sozialstunden laufen. Ich komme nicht in den Knast.“, forderte der Mafioso hart und blickte auf Matafeev, der grimmig den Kopf schüttelte.

    „Wie zur Hölle sollen wir das den Haftrichtern erzählen? Du hast hier einen Menschen hingerichtet und ein heilloses Chaos veranstaltet!“, argumentierte Matafeev gereizt.

    „Unsinn. Ihr habt doch alle gesehen, dass ich in Notwehr gehandelt habe oder etwa nicht? Wenn ihr das gesehen habt, wird es auch der Haftrichter so sehen müssen!“, meinte Lukianenko unverschämt und sah wie Matafeev seine Hände zu Fäusten ballte.

    „In Ordnung. Männer, nehmt ihm die Handschellen ab. Nun macht schon! Und Lukianenko, ich schwöre dir, dass du lebenslänglich bekommst, sobald du hier irgendeine Harakiriaktion veranstaltest oder dich zukünftig noch einmal unauffällig verhältst!“, drohte Matafeev, der vor lauter Wut dazu übergegangen war sein Gegenüber zu duzen. Lukianenko nickte grinsend, während ein verdatterter Polizist ihm mit zitternden Händen die Handschellen aufschloss.

    Grimmig fuhr Matafeev herum und ging an vorderster Front auf den Eingang der Chemiefabrik zu. Der überraschte Vitali hatte Mühe mit ihm Schritt zu halten.

    „Danke, Herr Matafeev, ich danke Ihnen!“, sprach Vitali gerührt, doch der Angesprochene stürmte grimmig auf das Eingangsportal zu und bebte immer noch vor Wut und Ohnmacht., während Lukianenko zufrieden und fast gemächlich hinter ihnen herschlenderte.

     

    Irgendwann hatte Eva das Schreien wieder aufgegeben. Die Götter schienen sie nicht zu erhören, ihr Schicksal schien besiegelt. Ein schriller Pfeifton läutete die letzten zwei Minuten ihres bewegten Lebens ein.

    Da hörte sie plötzlich Schritte. Erst aus weiter Ferne, dann kamen sie immer näher. Sie hörte Stimmengemurmel und merkte, dass es sich um mehrere Personen handeln musste. Bildete die Französin sich die Geräusche in einem Anflug von Wahnsinn nur ein? Hatte das Wunschdenken Besitz von ihrer Gedankenwelt ergriffen? Gaukelten die Sinne ihr eine Täuschung vor?

    Eva zögerte, lauschte in fiebrigem Schweiß den gedämpften Geräuschen. Mühsam rappelte sie sich noch einmal auf. Dann nahm sie ihre letzte Kraft zusammen und schrie wieder nach Hilfe. Zunächst war ihr Rufen durch den Knebel gedämpft, doch dann schrie sie mit aller Entschlossenheit, drückte den weich gewordenen Knebel mit ihrer Zunge nach unten, riss ihren Mund weit auf und schrie immer wieder.

    Die Schritte im Gang verstummten abrupt. Hatte man sie gehört?

    „Eva?“, rief da eine männliche Stimme in einer bizarren Mischung aus Angst und Freude fragend. Eva hatte sie sofort erkannt. Es war die Stimme von Vitali!

    Da ertönte ein schriller Pfeifton, der die allerletzte Minute ankündigte. Die Zeit rann erbarmungslos davon.

     

    Matafeev wollte gewaltsam die klemmende Tür zu dem alten Versuchslabor öffnen, in dem Eva gefangen war. Doch die solide Tür war abgeschlossen.

    Da verlor Matafeev die Nerven, zückte seine Dienstwaffe und jagte eine Kugel nach der anderen auf das Türschloss, bis dieses beim dritten Versuch zersprang und die Tür grob aufklappte. Matafeev hatte einen schmerzhaften Tinnitus, da er aus ziemlich kurzer Distanz gefeuert hatte, doch dies war ihm völlig egal. Hektisch trat er die zerstörte Tür auf, fand zielsicher den Lichtschalter und stürzte in den Raum, der nur durch eine billige Funzel beleuchtet war und wie ein Kerker wirkte. 

    Vitali sandte ein Stoßgebet gen Himmel. Sie hatten die Suche schon abbrechen wollen, als ihnen nur noch drei Minuten geblieben waren und er hatte im letzten Moment die Rufe seiner Freundin gehört. Jetzt drängte er sich an Matafeev vorbei, erblickte die weghuschenden Ratten und vor allem die geblendet blinzelnde Französin, die schräg an einen Stuhl gefesselt auf dem Boden hockte und ihren Freund ungläubig anblickte. Doch der Anblick der gefesselten, geknebelten und gepeinigten Französin wirkte auf Vitali wie ein Stich in sein Herz. Er taumelte benommen um seine Nachbarin herum und erblickte die Bombe unter dem Stuhl. Die kleine Anzeigetafel zeigte noch fünfundzwanzig Sekunden an.

    Endlich kam Lukainenko in den Raum, ging sofort zu der Unterseite des Stuhls und starrte mit wachen Augen auf das Durcheinander von bunten Kabeln und Drähten. Zögernd inspizierte er die Apparatur und versuchte sich verbissen zu konzentrieren. Der Mafioso atmete tief und ächzend durch.

    „Verdammt, was ist los?“, schrie Vitali ihn an und glaubte plötzlich, dass Lukianenko sie absichtlich bis hierhin gelockt hatte, um sie alle mit in den Tod zu reißen. Der Schrecken dieser Hypothese umklammerte Vitali wie eine eiserne Klaue.

    „Das ist ein verdammt gerissener Mechanismus. Man muss drei Kabel gleichzeitig ziehen. Ich bräuchte eine helfende Hand!“, gab Lukianenko mürrisch zurück und wirkte noch erstaunlich ruhig und besonnen. Vermutlich hatte er schon viele lebensbedrohliche und haarsträubende Situationen erlebt und wurde deswegen als Einziger der Anwesenden einigermaßen mit dem Druck fertig.

    Vitali ging neben Lukianenko zu Boden und starrte ihn fragend an.

    „Ich nehme das blaue und das grüne Kabel. Du nimmst das Gelbe. Wir ziehen gleichzeitig auf drei!“, forderte Lukianenko, während die roten Lettern der Bombe auf fünf verbleibende Sekunden umsprangen.

    Mit zitternden Händen ergriff Vitali das gelbe Kabel und schloss verkrampft die Augen, während Lukianenko, den er vor wenigen Stunden noch fast zu Tode prügeln wollte und der jetzt das Leben der Französin retten sollte, den Countdown einläutete. Es war eine Art Ironie des Schicksals.

    „Drei... zwei... eins... jetzt!“, schrie Lukianenko und Vitali riss blind an dem gelben Kabel und verkrampfte.

    Er erwartete irgendeine riesige Explosion, panische Schreie, eine glühende Hitze, doch nichts von all dem passierte. Schweißgebadet schlug Vitali die Augen auf. Die Anzeigetafel war bei einer Sekunde stehen geblieben. Eva war gerettet!

    Lukianenko klopfte Vitali hart auf die Schulter und erhob sich schwerfällig.

    „Da hast du gut gemacht, kleiner Scheißer!“, knurrte er zufrieden, während Vitali ausgelaugt zurück auf den kalten Boden sank und krampfhaft das Agnus Dei unter seinem Hemd umklammerte.

    Die Rivalität zwischen dem Journalisten und dem Mafioso schien fast schon vergessen, als Lukianenko selbstbewusst zu den Polizeibeamten schritt und einen überglücklichen Vitali mit seiner Freundin allein ließ.

     

    Die nächsten Minuten erlebte Vitali wie in einem wirren Traum. Er nahm die Befreiung Evas kaum zur Kenntnis, fühlte sich wie in einem Film, als die Französin ihm um den Hals fiel und sich an seiner Schulter bitterlich ausweinte, wobei sie nicht nur Tränen der Pein, sondern auch die ein oder andere Freudenträne vergoss.

    Vitali bemerkte, wie Lukianenko abgeführt wurde. Man wollte ihn auf das Revier bringen, doch Matafeev hatte sich verlegen bei ihm bedankt und versprochen, dass er sein Wort halten und auf die utopischen Forderungen des Mafioso eingehen werde.

    Vitali, Sergej und Eva wurden ebenfalls in einem der Streifenwagen mitgenommen und auf eine Polizeistation mitgenommen, wo man sie kurz befragte und ihre Adressen und Personalien aufnahm. Auf die Frage des Oberkommissars nach der magischen Wirkung des Agnus Dei in dem Pub hüllte sich Vitali in Schweigen, bis Matafeev das kurze Verhör aufgab und murmelte, dass es vielleicht sogar besser sei, wenn er nicht die Wahrheit erfahren würde.

    Es war ziemlich genau Mitternacht, als ein Polizeibeamter Vitali und Eva nach Hause fuhr, nachdem sie sich von Matafeev und auch von Sergej erschöpft verabschiedet hatten.

    Als die beiden ausstiegen, da ging ein Licht im Wohnhaus an und die Vermieterin Ekatarina Alexandrowna Kolodina trat ihnen aufgeregt entgegen und erkundete sich emotionsgeladen und vor Glück und Angst weinend nach ihrem Wohlbefinden. Doch Vitali winkte nur noch ab. Er war völlig erschöpft und musste die chaotischen Ereignisse der letzten vierundzwanzig Stunden erst einmal verarbeiten. Dieser grausame Apriltag in seiner neuen Heimat Sankt Petersburg hatte ihn für immer geprägt und verändert.

    „Frau Kolodina, bitte nicht jetzt. Ich will einfach nur meine Ruhe haben.“, ächzte Vitali mit matter Stimme und erstaunlicherweise zeigte die herzhafte Vermieterin dafür Verständnis und war nicht einmal eingeschnappt. Allerdings wies sie vehement darauf hin, dass sie am nächsten Tag ein Frühstück für das Pärchen machen würde, bevor sie in ihrer Wohnung verschwand.

    Eva hatte sich bei Vitali untergehakt, als sie fröstelnd an der Wohnung von Gluschenko vorbeitraten und das oberste Stockwerk erreichten. Eva blickte Vitali lange und eindringlich an, bevor sie sanft zu ihm sprach.

    „Willst du wirklich jetzt allein sein oder darf ich mit zu dir kommen?“, hauchte sie fragend.

    Wortlos wandte sich Vitali um und schloss mit einem leichten Grinsen seine Wohnungstür auf, bevor er sich theatralisch einladend in Richtung der Französin verneigte, die ihn strahlend anstarrte, auf ihn zuging und ihm einen heißen Kuss auf die Lippen hauchte, der dem jungen Russen fast die Sinne raubte und doch wie eine Wiederbelebung nach seiner enormen Erschöpfung auf ihn wirkte.

    Überschwänglich genossen sie ihre gegenseitige Nähe in dem Flur. Dann traten sie glücklich vereint in seine Wohnung. Sie waren sich einig, dass die folgende Nacht für viele Dinge des chaotisch verlaufenen Tages entschädigen würde, als sie sich wortlos in die Augen blickten und realisierten, dass der Tag trotz allem Schrecken auch eine gute Sache für sich gehabt hatte. Die beiden waren in den letzten vierundzwanzig Stunden unglaublich zusammengeschweißt worden und wussten, dass dies der Anfang einer wunderbaren Zeit für sie beide darstellen sollte.

     

    Geduldig blickten die beiden Männer in den scharlachroten Umhängen mit dem aufgestickten schwarzen Kolkraben auf den alten Fischkutter, der langsam in den Hafen von Kronstadt einfuhr. In der allgemeinen geschäftigen Hektik kümmerte sich niemand um die beiden seltsamen Gestalten.

    Es war der ältere, hagere Mann, der den Jüngling nur ansprach, um das drückende Schweigen des frostigen Aprilmorgens zu durchbrechen.

    „Das ist unser Schiff. Es wird uns bis jenseits der finnischen Grenze bringen.“, bemerkte der ältere Mann, obwohl er sich darüber im Klaren war, dass der Jüngling dies auch wusste.

    „Ich finde es feige, dass wir uns zurückziehen.“, gab das jüngere Sektenmitglied mit gepresster Stimme zurück.

    „Es ist kein Rückzug bis in alle Ewigkeit. Wir werden neu konzipieren und wieder zuschlagen. Möglicherweise mit der Werwolf-Liga. Vielleicht wieder hier, aber vielleicht auch anderswo.“, orakelte der ältere Mann, doch auch aus seiner weisen Stimme sprach eine gewisse Enttäuschung.

    „Dieser Gluschenko war ein Versager“, knurrte der Jüngling und spuckte verächtlich in das dreckige Hafenbecken.

    „Er ist weit gekommen für seine erste große Mission. Viele Andere wären noch vor ihm erwischt worden.“, bemerkte der Ältere besänftigend.

    „Woher willst du das alles so genau wissen? Wir wissen lediglich, dass er von einem Mafioso in Notwehr erschossen wurde, auch wenn ich dieser Version eher wenig Glauben schenken möchte“, fragte der Jüngling grimmig.

    „Ich habe halt so meine Kontakte. Es ist aber besser diese erst einmal ruhen zu lassen, bis sich die Lage in der Stadt entspannt hat.“, gab der Ältere zurück und trat auf das Pier, an dem der Fischkutter soeben anlegte.

    „Meinst du, sie können uns finden?“, fragte der Jüngling nervös, doch da blieb der Ältere stehen und blickte ihn mit stechendem Blick geradewegs in die Augen.

    „Glaubst du an die Bruderschaft?“, wollte der Ältere mit schneidender Stimme wissen.

    „Ja, sicherlich.“, gab der Jüngling zurück und versuchte seiner Stimme einen festen Klang zu geben, doch ein leichtes Zittern war nicht ganz zu überhören. Der Ältere starrte ihn lange an und der Jüngling fühlte sich immer unwohler in seiner Haut.

    „Lass uns gehen.“, meinte der Alte schließlich knapp und wandte sich abrupt um. Für ihn war die Diskussion beendet, doch der Jüngling wusste nicht, wie er mit dem fragwürdigen Ergebnis umgehen sollte.

    Mit gemischten Gefühlen betrat er nach seinem älteren Sektenbruder den alten Fischkutter und nahm mental längst schon Abschied von Sankt Petersburg.

     

    Ende von Band 1