• Kapitel 27

     

    Kapitel 27: Donnerstag, 11 Uhr 10, Dickicht

     

    Mit einem Mal ertönte ein schrilles Pfeifen, welches weder Thomas noch Mamadou direkt zuordnen konnten. Der Pfeifton wiederholte sich und der lauernde Wolf hatte seine Ohren gespitzt und rannte mit einem Mal fort.

    Mamadou hatte nicht mehr die Gelegenheit auf das Tier zu zielen, zu sehr war er von den Ereignissen in Sekundenschnelle überrascht worden. Er versuchte schnell zu schalten und überlegte nicht all zu lange, sondern entschloss sich das Tier zu verfolgen. Er war überzeugt davon, dass der Pfeifton nicht natürlichen Ursprungs gewesen war, sondern dass jemand das Tier perfekt dressiert und möglicherweise auch auf ihn und Thomas gehetzt hatte. Mamadou verstand nur nicht, warum die Bestie, wo sie kurz davor gewesen war erfolgreich zuzuschlagen, jetzt wieder im wahrsten Sinne des Wortes zurückgepfiffen wurde.

    Mamadou sah wie der flinke Wolf mitten ins dunkle Dickicht sprang und hob ein wenig den Blick. Der Eingang zu dem Pfad, den der Wolf genommen hatte, lag auf einer etwas höher gelegnen Ebene und Mamadou glaubte einen schemenhaften Körper im Dickicht zu sehen. Er hob seine Pistole und sah wie die dunkel gekleidete Person reagierte. Sie lief tiefer in das Dickicht hinein und verschwand ebenso wieder Wolf.

    Thomas hatte sich gerade wieder aufgerafft und konnte sein unglaubliches Glück noch gar nicht so richtig fassen. Im allerletzten Moment war er dem Sensemann noch einmal vom Schippchen gesprungen. Der Schotte wischte sich nervös Wasser und Dreck aus dem Gesicht und beobachtete seinen Begleiter.

    Der afrikanische Polizist wollte sich so leicht nicht geschlagen geben, sondern beschleunigte inzwischen seine Schritte zur Verfolgung. Er hatte die vielleicht einmalige Chance dem mysteriösen Geheimnis auf die Spur zu kommen und möglicherweise sogar den Verursacher der beiden Mordfälle zu entlarven. Der Gedanke daran spornte ihn weiter an und so sprang er voller Elan in das Dickicht, schlug einige Äste zur Seite und schirmte sein Gesicht mit einer Hand ab, um durch den dichten Regenfall und die wilde Vegetation den schmalen Weg noch erkennen zu können. Erneut hörte er das schrille Pfeifen, welches jetzt noch näher klang als wenige Minuten zuvor.

    Der Ghanaer sprang voller Elan über einen umgestürzten Baumstamm, drückte einige Dornenranken zur Seite, die sein Gesicht und seine Arme zerkratzten, doch die Schmerzen nahm er in seinem Adrenalinschub kaum wahr. Eilig nahm er eine scharfe Kurve und stolperte über eine Baumwurzel, doch er fing sich wieder, hastete weiter, rutschte auf dem nassen Untergrund aus und konnte sich doch noch im letzten Moment an einem morschen Baum festhalten. Ächzend trieb er sich weiter an und sprang über eine Wölbung, durch die bei diesem Wetter nun ein Rinnsaal floss, welches schon eine enorme Breite angenommen hatte. Der Weg ging nun leicht bergauf und Mamadou sah sogar einige kahle Felsen, die er geschickt umkurvte.

    Der Pfad wurde immer schmaler und weniger zugänglich und mit einem Mal führte der Weg wieder steiler in die Tiefe und wand sich durch eine Böschung, die nach einigen Metern wieder steiler anstieg. Dort sah Mamadou am höchsten Punkt die Person, die er auch vorher auf der Anhöhe gesehen hatte. Die Gestalt, die in einen schwarzen Umhang mit tief ins Gesicht hängender Kapuze gekleidet war, verharrte, wandte sich um und lachte schallend. Die Stimme verursachte eine eisige Gänsehaut auf dem Rücken des Afrikaners. Er konnte die Stimme in dieser extremen Situation überhaupt nicht zuordnen und doch glaubte er, dass sie ihm früher irgendwo schon einmal begegnet war.

    Mamadou fühlte sich gereizt und legte noch an Tempo zu. Er war so gehetzt und verwirrt, dass er nicht einmal darauf geachtet hatte, ob die Stimme des Unheimlichen männlich oder eher weiblich geklungen hatte, zudem hatte der prasselnde Regen den Klang zusätzlich verfälscht. In einem Schleier aus Regen, Schweiß und Dreck schien alles um ihn herum seltsam zu verschmelzen. Der Afrikaner erreichte die Talsenke und sah, dass sich der Verfolgte nicht rührte und ihn eiskalt beobachtete.

    Die Situation kam dem Polizisten dann doch langsam seltsam vor. Der Verfolgte schien sich trotz allem sicher zu fühlen, das höhnische Lachen war Beweis genug gewesen. Überrascht hielt der Afrikaner inne, warf einen Blick umher und dachte an die wilde Bestie, die ihn jeden Moment attackieren könnte. Er befand sich praktisch auf dem Präsentierteller, mitten in einer Senke, leicht zu beobachten und auch leicht angreifbar.

    Plötzlich kam der Unheimliche wieder in Bewegung, wandte sich mit wallendem Gewand um und verschwand eilenden Schrittes aus dem Blickfeld des Afrikaners, der nach kurzem Zögern einige Schritte nach vorne machte, um die Anhöhe zu erklimmen.

    In dem Moment schnappte die Falle unbarmherzig zu.

    Mamadou hörte ein metallisches Klicken, dann jagte ein stechender Schmerz durch sein linkes Bein und er stürzte schreiend zu Boden. Ein Höllenfeuer schien in ihm zu toben, Schmerzenstränen schossen ihm in die Augen, Blut quoll aus seinen Wunden, der Stoff seiner Hose war zerfetzt. Er versuchte sich zu befreien, doch je mehr er sich bewegte, desto mehr vergrößerte sich auch der unheilvolle Schmerz.

    Erst jetzt besann sich der Afrikaner zur Ruhe, wischte sich mit seiner verdreckten Hand die Tränen aus den Augen und warf einen hilflosen Blick auf sein linkes Bein. Seine Befürchtungen bestätigten sich. Er war mitten in eine Bärenfalle getappt, die unter dem dichten Laub der Talsenke versteckt gewesen war. Vermutlich hatte die verfolgte Person ihn bewusst zu dieser Stelle geführt und die gesamte Umgebung mit diversen Fallen präpariert.

    Stöhnend ließ sich Mamadou zu Boden gleiten, griff nach seiner Waffe, die er kurz fallen gelassen hatte und observierte die nähere Umgebung. Weder der Wolf, noch die ominösen Gestalt schien ihn weiter attackieren zu wollen. Der Afrikaner schüttelte den Kopf. Der Täter hatte wieder mit erschreckender Präzision agiert und alle Ereignisse bereits im Voraus erahnt und er war wie ein amateurhafter Tölpel genau in die vorhergesehene Falle getappt. Er ärgerte sich in diesen Moment viel mehr über seine eigene Naivität, als über die Hinterlistigkeit des Gegners. Die aufkommende Wut ließ ihn den Schmerz kurzzeitig vergessen, lediglich ein heftiges, aber dumpfes Pochen vibrierte in seinem linken Bein. Das Blut rann an den zerfetzten Stoffteilen hinab, tropfte auf seine Schuhe oder ins triste Laub, wo es sich mit dem peitschenden Regen vermischte.

    In dem Moment erschien eine weitere Gestalt, dieses Mal aus der Richtung, aus der er selbst gekommen war. Mamadou brauchte nicht lange zu überlegen, um zu erkennen, wer sich ihm da näherte. Es war kein Geringerer als Thomas, der eilig die Verfolgung aufgenommen und den Weg zu ihm gefunden hatte. Eilig hastete er die Böschung hinunter, stolperte und fiel zu Boden, wo er den Fall mit einer gedankenschnellen Rolle vorwärts abfing und wieder elegant auf die Beine kam. Mamadou schrie ihm eine Warnung zu, denn er dachte daran, dass möglicherweise noch anderweitig irgendwelche Fallen versteckt worden waren.

    Thomas, der sich doch relativ dicht hinter seinem Kollegen befunden und die Ereignisse einigermaßen gut beobachten konnte, reagierte darauf und bewegte sich nun vorsichtiger und mit wachen Augen durch das dichte Laub, bis er schließlich seinen afrikanischen Kollegen erreicht hatte. Mit bloßen Händen und enormer Anstrengung riss er die Bärenfalle auseinander und Mamadou schlüpfte gedankenschnell aus der Falle, bevor Thomas sie nicht länger aufhalten konnte und sie erneut mit einem ins Mark dringenden metallischen Geräusch zusammenschlug.

    Der Afrikaner stöhnte erschöpft und wälzte sich zur Seite. Thomas näherte sich ihm und half dem verletzten Begleiter auf die Beine. Der Ghanaer hatte große Schmerzen und konnte kaum laufen, daher stützte Thomas ihn. Mamadou bis die Zähne zusammen und humpelte auf einem Bein durch das Laub.

    „Ich habe die Person nicht näher erkannt, sie ist mittlerweile ohnehin über alle Berge.“, antwortete Mamadou, bevor Thomas die dazu gehörigen Fragen überhaupt gestellt hatte.

    „Ich habe nicht mehr als einen düsteren Schemen gesehen. Du hast keine Idee wie groß die Person ist, was sie für ein Geschlecht hat, wo sie vielleicht hingehen wollte?“, fragte Thomas beinahe schon verzweifelt.

    „Nein. Sie trug einen riesigen Umhang, ich habe nicht den Hauch einer Ahnung. Ich erinnere mich nur deutlich an ihr Lachen.“, gab Mamadou ächzend zurück.

    „Und?“, hakte Thomas erwatungsvoll nach.

    „Es klang unheimlich, düster, trocken. Vielleicht so wie die Lache des Teufels.“, antwortete Mamadou und schauderte bei dem Gedanken daran, während Thomas betrübt und wortlos zu Boden blickte, da ihm der Vergleich seit den Ereignissen der letzten Stunden überhaupt nicht mehr übertrieben oder gekünstelt vorkam.

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