• Metro 2033: Der lange Weg nach Ottawa

    Dear readers of my blog,

     

    Here is the third and probably last old novel I found on the recently recovered backup of my old laptop that I owned between 2009 and 2015. Once again, this is an unfinished novel consisting of two detailed parts of sixty-four pages that I wrote at a certain point during my university studies between 2009 and 2013. I had originally planned to write fifteen parts but I didn’t have enough free time to finish my project towards the end of my studies. This doesn’t mean that I won’t finish this novel at a certain point in the future. Writing novels back then helped me preserving my German writing skills which are still very important to me. This novel is obviously inspired by the ‘‘Metro 2033‘‘ novel series but it isn’t a cheap rip-off. In fact, the author of the first novel Dmitry Glukhovsky openly encouraged writers from all around the world to write stories about what their continents, countries and cities would look like in his dystopian and apocalyptic world. I accepted the challenge but I had to choose a realistic setting first. There are no profound and continuous metro systems in Germany and even Montreal’s metro stations are not often deep enough beneath the surface. That’s why I chose the city of Toronto as setting for my novel. My novel also includes some experimental writing such as divergent first person narratives. I hope you like this and if you aren’t able to read it, here’s a good reason to take some German lessons in the future ;-)

     

    Metro 2033:

    Der lange Weg nach Ottawa 

     

    Teil 1:

    Die Mission 

     

    Mit fiebrig leuchtenden Augen blickte Jordan Jefferson auf den verblichenen Plan der „Toronto Subway and RT“ – oder viel mehr auf die Skizzen dessen, was davon nach der nuklearen Katastrophe übrig geblieben waren.

    Der Bürgermeister der Stadt dachte wehmütig an die Ereignisse zurück, die sich am heutigen Tag zum zwanzigsten Mal jährten. Der Krieg war eskaliert und die Stadt hatte nur wenige Tage Zeit gehabt um sich auf die Katastrophe vorzubereiten bevor die ersten Bomben über den wichtigsten Städten Nordamerikas einschlugen und den einst prächtigen und mit Naturwundern gespickten Nordteil des Kontinents binnen weniger Stunden in eine nukleare Wüstenlandschaft verwandelten. Er erinnerte sich an die Krisensitzungen in der Stadthalle, die vom Bürgermeister und seinen Assistenten, den wichtigsten Ministern der Provinz Toronto und einigen Abgeordneten aus der Bundesregierung in Ottawa, einberufen worden waren. Es hatte nur eine einzige Möglichkeit gegeben dauerhaft den mindestens zwanzig Jahre anhaltenden nuklearen Winter zu überleben – und zwar im weitläufigen U-Bahn-Netz der Stadt. Man hatte zwar schon Jahre vor der Katastrophe die Metro im Norden der Yonge-University-Spadina-Linie um die sechs Stationen Sheppard West, Finch West, York University, Steeles West, Highway 407 Transitway und Vaughan Corporate Centre erweitert, die Metrostationen Keele, Davisville und Rosedale in Anbetracht der Gefahr eines neuen Weltkrieges tiefer gelegt, mit modernsten Materialien von Außen und Innen verstärkt und einen groben Plan entworfen, wie man die einzelnen Station aufteilen könnte, aber jede Metrostation bot natürlich nur rund wenigen Hunderten Menschen Platz. Das System konnte nie und nimmer die gesamte Bevölkerung der Metropolregion aufnehmen, die sich kurz vor der Katastrophe knapp unter sechs Millionen Einwohnern bewegt hatte.

                Jordan Jefferson erinnerte sich an den Moment, als er gemeinsam mit dem Premierminister Ontarios Gregory Packen und dem Premierminister Kanadas Marc-Antoine Larochelle angekündigt hatte, dass die insgesamt 75 Metrostationen lediglich 22500 Menschen aufnehmen konnten.

    Dabei hatte man alle Stationen östlich von Main Street ausklammern müssen, da sie zum Großteil an der Oberfläche lagen und man es nicht mehr geschafft hatte, sie tiefer zu legen. Die Stationen Old Mill bis Kipling und Teile der Station Jane waren nach brutalen Massenprotesten dem Erdboden gleich gemacht worden. Dann gab es da noch die Stationen Eglington West bis Wilson, die ebenfalls zu nah an der Oberfläche und somit unbewohnbar waren.

    Die danach folgenden und größtenteils neueren Stationen zwischen Downsview und Vaughan Corporate Centre, die seit der Katastrophe praktisch vom Rest der Metro getrennt waren, hatte man der Bundesregierung überlassen. Dort befanden sich allerlei moderne Ausrüstungen und Waffendepots, Militäreinrichtungen und Forschungslabore, aber auch eine Bibliothek, Räumlichkeiten für Diplomaten, Minister und ihre Familien und eine hochmoderne Zentrale, die bislang vergeblich versuchte mit Überlebenden aus anderen Metrostationen Kontakt aufzunehmen. Allerdings hatte man selbst mit der eigenen Metro lediglich sporadisch Funkkontakt, aber der letzte war nun auch schon vor sechs Monaten abgebrochen. Von Angesicht zu Angesicht hatte man sich seit kurz nach der Katastrophe nicht mehr gesehen. Man hatte einige Agenten in Strahlenanzügen durch die Stadt geschickt, doch alle diese Männer waren zum Sterben verdammt gewesen. Trotz der Anzüge waren die meisten von ihnen spätestens ein bis anderthalb Monate nach ihrem Erdoberflächenaufenthalt an grauenhaften krebserregenden und radioaktiven Geschwüren zu Grunde gegangen. Daher hatte man solche Treffen und Missionen in den letzten neunzehn Jahren ausgesetzt.

    Die Provinzregierung hatte sich in den Stationen College und Dundas niedergelassen und auch einige wichtige Intellektuelle bei sich in den Stationen aufgenommen. Im Norden befand sich noch eine reine Polizei-und Gefängnisstation namens Wellesley, welche die politisch besetzten Stationen von den anderen Stationen schützend isolierte. Der Bürgermeister und seine Mitarbeiter hatten sich ironischerweise die benachbarten Stationen Queen und King gesichert. Unterhalb dieser beiden Stationen gab es die Station Union, die für administrative Vorgänge reserviert worden war und mit dem größten technischen Knowhow sich selbst und die Stationen der Stadtverwaltung vom Rest der Metro abkapselte. Regierung und Bürgermeister auf der einen und die ganz normale Metrobevölkerung auf der anderen Seite konnten sich nur auf zwei Stationen unter höchster Alarmbereitschaft treffen. Das war zunächst auf der Station St. Andrew, wo Normalbürger bei Stadt und Regierung verschiedene Anträge stellen konnte. Dann gab es noch die Station Bloor-Yonge, die zum Einen als großer Handelsplatz und zentrale Versorgungsstation mit konservierten Lebensmitteln, Trinkwasserreserven und allerlei technischen Apparaturen diente, aber auch als Ort für Reden und Diskussionen von und zwischen Bürgermeister, Provinzregierung und dem sogenannten Metrorat diente, der aus Abgeordneten der verschiedenen Stationen bestand.

    Die benachbarte Station Sherbourne diente der Landwirtschaft und Viehzüchtung, die anschließenden Stationen Castle Frank und Broadview beherbergten einige Industrieanlagen. Anschließend gab es noch die benachbarte Station Bay, die als Art Vergnügungsstation diente, sofern man dies in solch harten Zeiten noch so nennen konnte. Dort gab es unter Anderem noch zwei Bars, eine Bibliothek, ein Bordell, ein Kasino, ein Kino und ein eigentlich illegaler, aber allgemein tolerierter Schwarzmarkt. Die Station Rosedale war im Gegensatz dazu ganz der Bildung gewidmet, denn dort gab es einen Kindergarten, eine Grundschule, eine normale weiterführende Schule und eine kleine Universitätseinrichtung. Die benachbarte Station Summerhill beherbergte ein immer prall gefülltes Krankenhaus mit vielen verschiedenen Einrichtungen. Berüchtigt war eine Abteilung, über die man dort direkt an die Oberfläche gelangte. Dort gingen diejenigen hin, die nicht mehr lange zu leben hatten oder ihrem Leben nach ärztlicher und psychologischer Beratung ein Ende setzen wollten. Die Ressourcen waren knapp, das Leben war hart und viele ältere Menschen wollten den jüngeren Generationen nicht zur Last fallen und kläglich unter Tage verrecken und wählten oftmals den Freitod. Es gab in der Tat genug Bewohner der Metro, die alles verloren hatten und in ihrem Leben keinen Sinn mehr sahen. Viele von ihnen gingen zurück an die Oberfläche, nahmen ihre Gasmasken ab und starben dort innerhalb weniger Stunden an der massiven radioaktiven Strahlung, falls sie nicht vorher von irgendwelchen furchterregenden Mutanten zerrissen wurden.

    Wenn man all diese zerstörten oder bereits anderweitig verplanten Stationen abzog, dann gab es mit der zur Hälfte nutzbaren Station Jane lediglich noch vierzig Stationen. Dabei hatten der Stadtrat und die beiden Regierungen sich entschlossen bei der Verteilung auf ethnische und religiöse Minderheiten Rücksicht zu nehmen, um einen multikulturellen Fortbestand der kanadischen Nation zu gewährleisten und eine Illusion der Normalität aufrecht zu erhalten. Das war allerdings nur die halbe Wahrheit gewesen. Jeder Bewohner der Metro war ein Privilegierter, der ein spezielles Ticket bekommen hatte, das ihm erlaubte im Untergrund zu leben. Wer ohne Ticket versucht hatte in die Metro zu kommen, der wurde eiskalt weggeschickt oder bei zu lautem Protest von den Wachen erschossen. Die Tickets bekamen von vorne herein nur diejenigen, die in ihrer Kommune eine besonders wichtige Rolle gespielt hatten, die möglichst intelligent und am besten so jung und gesund wie möglich waren. In der Station Broadview gab es sogar eine Art Waisenhaus. Dort lebten zum Einen Kinder, deren Eltern in der Metro gestorben waren und die wenigen Glücklichen, die aus den Waisenhäusern der Stadt gerettet worden waren. Aber es gab auch Gerüchte über Truppen der Provinzregierung, die kurz vor der Katastrophe losgeschickt worden waren, um einigen besonderen Kindern Zugang zur Metro zu verschaffen, während die Eltern dieses Privileg nicht gestattet bekamen. Gesucht hatte man ganz selektiv besonders sportliche und intelligente Kleinkinder.  

                Die anderen Metrostationen hatten eine sehr komplizierte Unterteilung. Die Stationen Main Street und Woodbine hatte man der indischen Minderheit Kanadas vermacht. Die Stationen Coxwell und Greenwood wurden von Einwohnern mit afrikanischem Migrationshintergrund und deren Nachkommen bevölkert. Die benachbarte Station Donlands bot den Nachkommen der Einwanderer aus dem Maghreb und aus Vorderasien eine neue Heimat. Pape war der slawisch-russischen Minderheit vermacht worden, Chester den Einwohnern mit Migrationshintergrund aus Süd-und Ostasien und die Station der Latinos hatte man bis nach St. George verlegt. In Spadina wohnten verschiedene europäische Minderheiten und vor allem Italiener, die Stationen Bathurst und Christie waren zum neuen Little China geworden und Ossington sowie Dufferin hatte man den Einwohnern der verschiedenen Staaten des Commonwealth zur Verfügung gestellt.

    Danach kam dann die kanadische Zone. Für Einwohner, die Kanadier ohne näheren Migrationshintergrund aus Toronto und Umgebung waren, gab es die Stationen Lansdowne, Dundas West und Keele. Für Kanadier aus den Prärien und dem Westen war die Station High Park eine neue Heimat geworden. Für Kanadier aus den Atlantikstaaten hatte man die Station Runnymede eingerichtet und die mehr schlecht als rechte renovierte Aussenstation Jane hatten sich die Bewohner aus Neufundland und Québec geteilt. Dann gab es noch Stationen mit religiösen Einrichtungen. Finch hatte man den Moslems zugestattet, North York Centre den Hinduisten, Sheppard/Yonge den Buddhisten, York Mills den Protestanten, Lawrence den Katholiken, Eglington den Orthodoxen, Davisville den Kleingruppen verschiedenster Sektierer und St. Clair den indianischen Religionen. Zudem fungierte diese Station als Zentrale der First Nations, also der Ureinwohner Kanadas. Die Stationen Osgoode und St. Patrick hatte man der jüdischen Kommune überlassen, die etwas von den anderen getrennt war. Offiziell diente dies dem Zweck diese Kommune so weit wie möglich von der Station der Moslems fern zu halten, da es vor der Katastrophe zu vermehrten gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen beiden Parteien gekommen war. Außerdem hatte der Bürgermeister in seiner Rede immer wieder betont, dass die jüdischstämmige Bevölkerung eng mit der Geschichte der Stadt verbunden sei und so eine ganz besondere Beachtung verdient hätte. In Wirklichkeit suchte die jüdische Kommune aber auch ganz bewusst die Nähe zum Bürgermeister und zur Provinzregierung und hatte auch eine beträchtliche Summe Geld für die beiden Stationen bezahlt und zähneknirschend auf die Station St. Clair verzichtet, welche die jüdische Minderheit eigentlich gekauft haben wollte, da viele Juden damals an der Erdoberfläche in der Nähe dieser Station gelebt hatten. Queen‘s Park hatte man der ebenfalls sehr zahlreichen Bevölkerung der Sikhs vermacht. Die Station Museum war eine Art freie Zone, wo verschiedene Intellektuelle ihren Tätigkeiten nachgingen. Zudem gab es dort eine kleine Sektion, die für mögliche Gäste der Regierung reserviert war, obwohl seit neunzehn Jahren keine mehr gekommen waren. Spadina war dementsprechend eine Art freie Transitstation, wo die Bewohner der Metro verschiedenen Aktivitäten nachgehen konnten. So gab es dort beispielsweise verschiedene Sport- und Sprachschulen, da man das Wissen der untergegangenen Welt um jeden Preis erhalten wollte.

    Die Stationen Dupont und St. Clair West hatten sich den Entscheidungen der Regierungen nicht gebeugt und nach wochenlangen Kämpfen innerhalb der Metro ihre eigene Unabhängigkeit erklärt, die auch von Regierung und Abtrünnigen unterzeichnet worden war. Zwischen Spadina und Dupont gab es eine Art Grenze, die von den Unabhängigen auf der einen und von den Polizisten der Stadtverwaltung auf der anderen Seite jederzeit überwacht wurde. Die beiden abtrünnigen Stationen hatten ihr ganz eigenes System aufgebaut, in dem Anarchie und organisierte Kriminalität herrschten. Abtrünnige wie beispielsweise ehemalige Gefangene fanden dort Unterschlupf. Dies wurde von der Metroverwaltung toleriert, denn so verlagerte man gleich mehrere Probleme auf die beiden abtrünnigen Stationen, die somit einfacher zu kontrollieren waren. Allerdings hatte es von beiden Seiten auch immer wieder Übergriffe oder gar Attentate gegeben. Die Abtrünnigen hatten im Jahr vierzehn der Metrozeitrechnung die Gefängnisstation Wellesley überfallen, um einige gleichgesinnte Häftlinge zu befreien, aber das Vorhaben hatte die Polizei so gerade noch abwehren können. Auf der anderen Seite missachtete die Provinzregierung den Unabhängigkeitsvertrag auch regelmäßig, um allzu aufsässige Regierungsgegner manchmal auch ohne konkrete Haftmandate in Gewahrsam zu nehmen. Beide Seiten verabscheuten sich wie die Pest, allerdings waren die Feindseligkeiten in den letzten Monaten langsam abgeklungen. Viele nannten dies die Ruhe vor dem Sturm, andere sahen in den aktuellsten Entwicklungen eher positive Zeichen. 

    Innerhalb von zweiundsiebzig Stunden hatte man also vor zwanzig Jahren insgesamt 22500 Menschen von einer dem Untergang geweihten Stadt in ein paar ellenlange stinkende Tunnel und im Laufe der Zeit zumeist heruntergekommenen Stationen umsiedeln müssen. Die Lösung war natürlich ziemlich unausgegoren und ungerecht gewesen, aber unter den extremen Umständen hatte man nicht die Zeit gehabt einen besseren Plan in die Tat umzusetzen.

    Natürlich war es bei der Durchführung der Umsiedlungsmaßnahmen zu Massenprotesten gekommen. Die Stationen Kipling, Islington, Royal York, Old Mill und Jane waren Schauspiel eines brutalen Zusammenstoßes zwischen Militärs und verschiedenen Ordnungshütern auf der einen und verzweifelten Bürger aus westlicheren Städten wie Hamilton oder Sudbury auf der anderen Seite geworden, welchen die bewaffneten Truppen für sich entscheiden konnten. Dabei waren die Stationen allerdings so stark beschädigt worden, dass sie nicht mehr bewohnbar waren und an Reparaturarbeiten nach der Nuklearkatastrophe konnte nun niemand mehr denken. Man hatte hektisch eine solide Mauer aus Stahl und Beton zusammengezimmert, die quer durch die Station Jane verlief. Die Konstrukteure dieser Abgrenzung hatten es so gerade noch geschafft ihr Werk zu vollenden bevor die ersten Bomben fielen und sie nahezu allesamt pulverisiert worden waren. Sie hatten sich für die Erhaltung der Metro geopfert und nun türmte sich auf der Außenseite der Jane Station ein schauriges Massengrab.

                Es war nicht bei diesem einen Zwischenfall geblieben. Diejenigen, die nicht in die Metro durften, hatten versucht die Stationen College bis King, wo Mitglieder der Provinz- und Stadtregierung weilten, mit Gewalt einzunehmen, was ebenfalls in einem stundenlangen Massaker ausgeartet war, bis die ersten Bomben gefallen waren.

                Ungefähr drei Monate nach der Katastrophe hatten einige wenige Einwohner an der Erdoberfläche in irgendwelchen privaten Schutzbunkern überlebt und versucht sich über die Station Main Street Einlass in die Metro zu verschaffen. Angeblich waren unter den Überlebenden auch amerikanische Flüchtlinge gewesen, da besonders ihr Land fast völlig dem Erdboden gleich gemacht worden war. Die Regierung hatte sich dagegen entschieden diese Menschen aufzunehmen. Durch die radioaktive Strahlung, der die Überlebenden zu lange ausgesetzt worden waren, hätte man das Überleben aller Bewohner unter der Erdoberfläche riskiert. Also hat man die Flüchtlinge mit scheinheiliger Freundlichkeit nach tagelangen und immer böser ausartenden Verhandlungen in einem abgesperrten Bereich der Station in eine moderne Schleuse nahe der Station Main Street geführt. Zuvor hatte diese einmal als komplexe Lüftungsanlage für die Metro gedient. Angeblich sollten die Ankömmlinge dort desinfiziert werden, bevor sie in die Metro kommen durften. Also hatten die rund dreihundert Flüchtlinge ihre Kleidungen und Waffen abgenommen um sich desinfizieren zu lassen und erkannten zu spät, dass diese Schleuse eine tödliche Falle war. Die dreihundert Flüchtlinge wurden dort erbarmungslos vergast und die wenigen, die fliehen konnten, wurden rücklings erschossen. So hatte die Regierung ohne Blutvergießen auf ihrer Seite und ohne größere Munitionsverschwendung in solch schwierigen Zeiten ihr Problem ganz radikal gelöst. So etwas wie Gerechtigkeit, Menschenrechte oder Nächstenliebe gab es in der kalten, neuen Welt nicht mehr. Jeder war sich selbst meist der nächste und die ohnehin schon immer egoistische Menschheit war nach dem Untergang genauso verroht wie die komplett zerstörte Erdoberfläche.

                Auch innerhalb der Metro hatten sich viele unmenschliche Ereignisse abgespielt. Die Regierung hatte drei Jahre nach der Katastrophe einen Erkundungstrupp an die Erdoberfläche geschickt, der aus Gefangenen lateinamerikanischer und russischer Herkunft bestanden hatte. Die sieben Männer waren für harmlosere Delikte hinter Gittern gelandet, denn in der Metro griff die Regierung hart durch, seitdem sie eine spezielle Verfassung mit strengen Gesetzen im zweiten Jahr nach dem Untergang verabschiedet hatte. Drei von ihnen hatten sich Schlägereien in der Vergnügungsstation Bay geleistet, zwei weitere hatten illegal Drogen unters Volk gebracht, ein weiterer einen Regierungsbeamten quer über seinen Bürotisch gezogen, als dieser ihm nicht die schriftliche Erlaubnis erteilen wollte seine Verlobte aus einer der chinesischen Stationen zu heiraten und der letzte hatte im alkoholischen Vollrausch einen alten ausrangierten Waggon in einem Seitentunnel zwischen den Stationen Bay und St. George angezündet. Die sieben Männer waren losgeschickt worden, um in einem alten Elektrizitätswerk an der Oberfläche nach wichtigen Ersatzteilen zu suchen, nachdem in der Metro mehrfach der Strom ausgefallen war. Man hatte den sieben Freiwilligen zur Belohnung eine Aufhebung ihrer Haftstrafen angeboten. Der Trupp war sogar fündig geworden und die Regierung hatte die Männer im Umkehrschluss auch frei gelassen. Drei Tage später litten allerdings die Frau und der Sohn eines Latinos, der an der Erdoberfläche dabei gewesen war, an einer seltsamen Krankheit und die Doktoren stellten fest, dass die beiden mit radioaktiv verseuchtem Material in Kontakt gekommen waren. Dies wurde natürlich direkt auf den Ehemann zurückgeführt und als man seinen Strahlenschutzanzug untersuchte, stellte man in der Tat fest, dass darin ein ganz feiner Riss zu finden war. Mit Hilfe des Kamerasystems der Metro machte man alle sieben Männer ausfindig, so wie auch ihre Familien und Freunde, mit denen sie in Kontakt gestanden hatten. Man gab an die mutigen Männer und ihre Freunde und Verwandten für die Mission nachträglich noch einmal zusätzlich entlohnen zu wollen und stellte weitere lukrative Missionen in Aussicht. Daher führte man die rund dreißig Personen in einen hermetisch abgeriegelten Teil der Regierungsstation College und entledigte sich ihnen dort ebenso wie man es einst mit den gut dreihundert Flüchtlingen getan hatte und vergaste sie ihm Schlaf. Danach wurden ihre Leichen verbrannt und ihre Behausungen gründlich desinfiziert. Obwohl man den Bekannten der nun verschwundenen Menschen sagte, sie seien bei einer Mission an der Erdoberfläche als Helden ums Leben gekommen, schenkte man der fadenscheinigen Ausrede der Regierung natürlich keinen Glauben. Diejenigen, die klug genug waren zu schweigen, hielten sich zurück, fünf etwas vorlautere Angehörige wurden von der Regierung in Gewahrsam genommen. In den folgenden Wochen wurden die Stationen der sieben Männer genauestens überwacht und man führte auch Gesundheitstests durch, aber es wurden keine weiteren Infizierten gefunden, die man sonst ebenfalls hätte eliminieren müssen.

                Das letzte große Drama, das sich erst vor vier Monaten in den Tunneln abgespielt hatte, war eine Art Putschversuch gegen die Regierung gewesen. Bewohner afrikanischer und orientalischer Abstammung der Stationen Coxwell, Greenwood und Donlands hatten mit Hilfe dreier Korrupter Minister ein Attentat auf den Premierminister der Provinz und den Bürgermeister während einer öffentlichen Ratssitzung im Zusammenhang mit einer Neujahrsansprache in der Station Bloor-Yonge geplant. Allerdings hatten regierungstreue Bewohner aus der Station Greenwood die Pläne ausgespitzelt und der Regierung lange im Voraus mitgeteilt. Da man die Verschwörer nicht nur als einfache Kriminelle sah, sondern als Terroristen, die das Wohlergehen der gesamten Metro aufs Spiel setzen, hatte man insgesamt fünfzehn Verschwörer festgenommen und an der Station Main Street mit vorgehaltener Waffe an die Erdoberfläche geschickt und damit wohl ihres Todesurteil unterschrieben. Bei eskalierenden Demonstrationen gegen das harte Durchgreifen gegen die Verschwörer waren an der Station Finch eine Woche später insgesamt vier Männer von Regierungskräften erschossen worden.

                Bürgermeister Jordan Jefferson seufzte, als er an all diese Dinge dachte und mit tristem Blick auf den verblichenen Metroplan in seinem luxuriös eingerichteten Zimmer blickte. Die Zahl der Bewohner war von ursprünglich 25000 auf mittlerweile 13178 gesunken. Wenn dies so weiter ging, würde es in drei oder vier Jahrzehnten keine Überlebenden mehr geben. Vielleicht würde es auch schneller gehen, weil sich die Konflikte in der multikulturell ausgerichteten Metro zuspitzen würden.

                Stöhnend wandte sich Jordan Jefferson von dem Plan ab und ließ sich ächzend in seinem mit edlem Leder gepolsterten Sessel nieder und hob dann wütend mit der Faust auf die makellose Marmorplatte, die seinen Bürotisch aus Ahornbaumholz einrahmte. Dann nestelte er in seinem Hemd nach seiner Pfeife und zündete sie sich mit einem Feuerzeug an, das mit der Flagge der neuen Metroregierung verziert war. Es handelte sich um einen blauen Zug, der über ein rotes Ahornblatt fuhr und von einer strahlend gelben Sonne eingerahmt war. Das Blau stand für die ehemalige Flagge Torontos, der Zug logischerweise für die Metro, das rote Ahornblatt für den kanadischen Staat und die gelbe Sonne für das Prinzip Hoffnung, dass man irgendwann wieder einmal an der Erdoberfläche leben und den bislang noch völlig grau zugezogenen Himmel sehen konnte.

                Geräuschvoll atmete der Bürgermeister den Rauch ein und blies ihn dann genüsslich wieder aus. Er machte es sich bequem und legte seine Füße in den edlen Lackschuhen auf die Marmorplatte vor ihm. Dann blickte er kurz auf seine Breitling und zog verärgert die Augenbrauen hoch. Sein durch die neue Verfassung zum Außen- und Verteidigungsminister ernannte ehemaliger Stellvertreter hatte jetzt schon fünfzehn Minuten Verspätung und Jordan Jefferson hasste nichts mehr als auf andere Leute warten zu müssen, denn er war ein sehr ambitionierter und furchtbar ungeduldiger Mensch.

                Endlich klopfte es an der gepolsterten Tür zu seinem Büro in der King Station und seine bildhübsche Sekretärin Amanda Pottsville steckte vorsichtig den Kopf ins Büro. Jordan Jefferson hatte ein Faible für die hübsche Dame. Sie war schon in der Metro geboren und ihre Eltern waren Sektierer gewesen, die sich nach dem Nuklearkrieg radikalisiert hatten. Gemeinsam mit anderen Verzweifelten hatten sie versucht die Regierungsstationen neun Monate nach der Katastrophe zu stürmen und waren wie zweiundzwanzig andere Menschen auch niedergeschossen worden. Die kleine Amanda war da nur zwei Monate alt gewesen. Jordan Jefferson wusste, dass ihr Vater im Leben an der Oberfläche ein renommierter Kernphysiker gewesen war, der immer schon zwischen Genie und Wahnsinn gewandelt war und die große Katastrophe einfach nicht verdaut hatte. Hätte er vorher gewusst, dass dieser vielversprechende Wissenschaftler so unproduktiv und aufwieglerisch sein würde, hätte er ihm und seiner Frau gewiss keinen der begehrten 25000 Plätze in der Metro zugesprochen. Amandas Mutter war eine bildhübsche junge Frau gewesen, die der verklemmte Kernphysiker in einer Nackttanzbar kennen gelernt hatte, in die er notgedrungen während des Junggesellenabschieds seines Bruders hatte gehen müssen, der nicht zu den Ausgewählten gezählt hatte und lediglich ein einfacher Steuerberater gewesen war. Jordan Jefferson hatte die Tochter eines Genies und einer Schönheit nicht einfach in ein Heim stecken wollen und so war sie bei seiner strengen und despotischen Schwester Jessica und ihrem mittlerweile senilen Mann und Multimillionär David Crawford aufgewachsen. Das wahre Schicksal ihrer Eltern hatte man der schönen Sekretärin verschwiegen und ihr gesagt, dass ihre Eltern sie vor der Katastrophe vor eine Metrostation gelegt hätten, wo er sie entdeckt und sich ihrer erbarmt hätte. Amanda Pottsville hatte die alte Sekretärin Elizabeth Topps ersetzt, die inzwischen im Krankenhaus auf ihren Tod wartete und Jordan Jefferson konnte sich auch gut vorstellen, dass sie eines Tages seine immer depressiver werdende Frau Mandy ersetzen würde. Hin und wieder erfüllte die Sekretärin auch den ein oder anderen Spezialauftrag für den Bürgermeister, wenn es in einer vertrackten diplomtischen Situation einer charmanten, hübschen jungen Dame bedurfte. So war sie auch eben überhaupt erst wieder in ihrem Büro eingetroffen. Nach allem, was er für die junge Amanda getan und ihre Eltern ihm hatten antun wollen, fand er das nur legitim. Er lächelte dreckig und nickte Amanda überheblich zu.

                „Herr Jefferson, der Minister Kilian Karnovski ist da.“, sagte sie mit sanfter Stimme und bat dann den abgehetzt und verschwitzt wirkenden Minister herein, der sich japsend vor dem Bürgermeister niederließ, sich ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche nahm und ächzend den Schweiß abwischte. 

                Jordan Jefferson gab der verdutzten Amanda ein Zeichen, sodass diese die Tür zumachte und die beiden Herren allein ließ. Der Bürgermeister schätzte ihre kluge Diskretion und wusste auch, dass sie bewundernd zu ihm heraufschaute. Sie sollte also am besten gar nicht mitbekommen, was hier besprochen wurde.

                Der Bürgermeister hatte seine Pfeife inzwischen in dem mit Diamanten verzierten Aschenbecher abgelegt und richtete sich drohend und mit stechendem Blick auf. Sein Gegenüber fühlte sich sichtbar unwohl.

                „Wenn ich das Treffen für acht Uhr morgens einberufe, dann meine ich auch acht Uhr morgens und nicht acht Uhr siebzehn!“, begehrte der Bürgermeister auf und warf einen Blick auf die sündhaft teure schwäbische Kuckucksuhr an seiner Bürowand. Er fragte sich insgeheim, ob es nach der Katastrophe überhaupt irgendwo anders noch eine Kuckucksuhr gab oder er ein Unikat besaß.

                „Entschuldigen Sie die Verspätung, Herr Jefferson. Es hat ein Problem mit den abtrünnigen Stationen Dupont und St. Clair West gegeben. Wir wollten für unsere Mission die Kontaktperson treffen, aber als wir am Grenzübergang ankamen, hat man einfach das Feuer eröffnet. Zwei unserer Beamten sind schwer verletzt worden. Auf der Gegenseite hat es einen Toten gegeben. Wir konnten die Eskalation so gerade noch abwenden.“, berichtete der Außen-und Verteidigungsminister abgehetzt und blickte den Bürgermeister aus ängstlichen Schweinsaugen an. Sein permanenter Schweißgeruch und die seltsam geröteten Wangen gaben dem Stellvertreter des Bürgermeisters in der Tat ein schweinisches Aussehen.

    Jordan Jefferson schätzte seinen Vertreter nicht sonderlich. Er hatte keine Autorität, kaum Charisma und war ein elender Arschkriecher. Aber genau deswegen konnte er sich auf ihn verlassen und wusste, dass er alle seine Befehle ohne Gewissensbisse oder Widerworte ausführen würde. Kilian Karnovski war gutgläubig und naiv, aber eben auch absolut loyal und das war in solch schwierigen Zeiten eine ganz seltene Charaktereigenschaft.

    Der Bürgermeister zuckte beteiligungslos mit der Schulter. Die Opfer und Verletzten waren ihm relativ egal. Für ihn waren Rebellen auf der einen oder Polizeibeamten auf der anderen Seite nur unwichtige taktische Bauernopfer auf einem großen Schachbrett. Das gab er natürlich nie so zu Protokoll. Jeder verstorbene Regierungsbeamte oder Polizist bekam ein ehrenvolles öffentliches Begräbnis auf einem improvisierten Friedhof der Station Summerhill. Die Waisen und Witwen der Verstorbenen bekamen Unterstützung in Form von frischen und kostenfreien Lebensmitteln bis an ihr Lebensende. So hielt der Bürgermeister seine Untergebenen bei Stange und gab sich nach außen hin gerne als großzügiger Beschützer. Nur wenigen eingeweihten Leuten wie seinem Stellvertreter Kilian Karnovski zeigte er sein wahres Gesicht. Und selbst diese Leute wussten noch längst nicht alles über ihn.

    Mit einem gehässigen Schmunzeln dachte der Bürgermeister daran, dass er einst mit der ältesten Tochter seines Stellvertreters geschlafen hatte, als dieser in der Außenstation Jane mit radikalen frankokanadischen Separatisten verhandelt hatte, die einen Anschlag auf einen hohen Stadtbeamten geplant hatten. Er hatte die junge Frau namens Judy unter dem Vorwand, dass es um das Wohlergehen ihres Vaters ging, in sein Arbeitszimmer gelockt. Dort hatte er sich ihr angenähert und als die junge Frau ihn abblitzen lassen wollte, da hatte er sie kurzerhand vergewaltigt und ihr gedroht ihren Vater zu liquidieren, wenn sie auch nur irgendwem ein Sterbenswörtchen sagen würde. Daran hatte sich Judy Karnovski scheinbar bisher gehalten. Ihrer Mutter hatte sie wohl gesagt, sie sei an der Station Bay von einigen Russen angegangen worden.

    Mit fiebrigem Blick starrte der Bürgermeister auf den Stuhl, auf dem Kilian Karnovski gerade mit offensichtlichem Unbehagen saß. In diesen Stuhl hatte er seine Tochter hineingedrückt, sie mit puterrotem Kopf geohrfeigt, ihr das leichte Kleid brutal vom Körper gerissen und in blinder Erregung seine Lippen auf ihre gepresst.

    Mit einem genüsslichen Schaudern entledigte sich der Bürgermeister seiner perversen Fantasien und versuchte sich wieder auf das Essentielle zu konzentrieren.   

    „Erzähle mir was mit unserer Kontaktperson passiert ist. Und berichte mir auch davon, was mit den vier anderen Kandidaten geschehen ist.“

     

    *

     

    Joshua Burns hielt seine verrostete Maschinenpistole so fest umklammert, dass seine Fingerknochen unter der weißen Haut wie kleine Hügel hervortraten. Ächzend pustete er sich eine seiner langen und verschwitzten Haarsträhnen aus dem Gesicht. Schweiß rann brennend in seine Augen, aber er hatte keine Zeit sich mit solchen Quisquilien abzugeben. Jede falsche Geste konnte jetzt zum Massaker führen.

    Er blickte kurz um sich, um noch einmal die Situation zu erfassen und sich an die letzten Momente zurück zu erinnern. Die Regierungsbeamten waren mit dem Stellvertreter des Bürgermeisters im Schlepptau an der Grenze zur Station Spadina aufgekreuzt. Sie waren auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht stehen geblieben.

    Der abtrünnige Rebell und das Informatikgenie Joshua Burns hatte zu dem Zeitpunkt Wachdienst mit seinem Jugendfreund Travis Hill geschoben, der eigentlich Elektriker war. Zwei Bewohner der abtrünnigen Stationen mussten immer gemeinsam Wache schieben, um diese vor eventuellen Invasoren zu beschützen. Diese Schichten dauerten immer sechs Stunden und in den ersten fünf Stunden war für die beiden auch alles glatt gelaufen.

    Dann aber hatte Travis Hill die Nerven verloren und einen Warnschuss abgefeuert. Daraufhin war er von einer Kugelsalve regelrecht durchsiebt worden. Im zuckenden Todeskrampf hatte sein ehemaliger bester Freund noch auf den Abzug gedrückt und dabei fast seinen Begleiter erschossen, der sich im letzten Moment hinter einer Holzbarrikade in Sicherheit gebracht hatte. Immerhin hatte Travis Hill noch zwei Polizeibeamte auf der Gegenseite erwischt, die nun erbärmlich winselnd im Dreck lagen.

    Joshua Burns blickte an seiner Holzbarrikade vorbei. Er hatte bei seinem riskanten Sprung sein Walkie-Talkie fallen lassen, das neben dem toten Travis Hill lag, sodass er nicht einmal Verstärkung rufen konnte. Er konnte nur hoffen, dass man an der nächsten Station die Schüsse gehört hatte und schnell Verstärkung schicken würde. Der Rebell und Informatiker klammerte sich an diese vage Hoffnung wie der Ertrinkende an einen Strohhalm.

    Er sah sich seine Gegner an. Sie waren deutlich in Überzahl und auch deutlich besser ausgerüstet. Sie waren mindestens noch zu siebt oder acht. Joshua Burns lud schnaufend seine Maschinenpistole nach und schickte ein Gebet gen Himmel. Wenn er es klug anstellte, so würde er vielleicht noch vier oder fünf Gegner mit sich in den Tod reißen und den beiden Stationen somit die Verteidigung erleichtern. So sollte sein Tod immerhin nicht umsonst gewesen sein.

    Da hörte der junge Rebel eine etwas nasale, schnaufende Stimme, die er verblüfft als die des stellvertretenden Bürgermeisters identifizierte, den er schon einige Male an der Station Bloor-Yonge irgendwelche von Durchhalteparolen durchzogene sinnentleerte Reden hatte schwingen hören.

    „Joshua Burns?“, fragte Kilian Karnovski, der ihn immer an ein unbeholfenes Schwein erinnert hatte.

    Woher zur Hölle kannte der Dickwanst seinen Namen? Der Rebell blickte grimmig über die Holzbarrikade. Der Anführer der gegnerischen Gruppe hatte die Hände erhoben und schritt langsam auf ihn zu. Die friedliche Geste täuschte, denn seine Begleiter hielten die Anschläge ihrer Waffen immer noch auf Joshua Burns gerichtet. Der warf sich zu Boden und zielte zähneknirschend um die Ecke seiner erbärmlichen Deckung.

    „Kommt keinen Schritt näher oder ich reiße so viele von euch in den Tod, wie ich nur kann!“, krächzte der Rebell panisch und konnte mit diesen Parolen nicht einmal sich selbst überzeugen.

    Der stellvertretende Bürgermeister kam ruhig und beschwichtigend näher und seine Begleiter rückten schweigend und wachsam nach.

    „Herr Burns, Sie können dieses Massaker noch verhindern. Wir wollen Ihnen nichts Böses.“, gab Kilian Karnovski zu Protokoll.

    „Halt die Fresse, du aufgeblasener Wichser. Ihr habt meinen besten Kumpel erschossen!“, schrie Joshua außer sich vor Wut und Tränen schossen dabei in seine Augen.

    Er erinnerte sich daran, wie die beiden sich kennen gelernt hatten. Sein eigener Vater Jeffrey war Informatiker gewesen und hatte nach der großen Katastrophe ursprünglich für die Regierung Ontarios gearbeitet. Eines Tages hatte er sich gegen die zunehmend kontrollsüchtige Metrodiktatur gewehrt und erfolgreich ihr System gehackt und lahm gelegt. Die Sache war aber aufgeflogen und so hatten er und seine schwangere Frau im letzten Moment bei einigen abtrünnigen Rebellen Unterschlupf bekommen. Das waren zunächst die Eltern von Travis Hill gewesen, zwei Anarchisten, die einfach nur den Schikanen der Metroregierung entgehen wollten und damals lose mit Joshuas Eltern befreundet gewesen waren. Man hatte sich in der Vergnügungsstation zu gemeinsamen Filmabenden und Bowlingturnieren getroffen, um sich vom tristen Alltag irgendwie abzulenken. Travis war gerade ein halbes Jahr alt gewesen, als Joshuas Eltern zu seinen gestoßen waren. Die Eltern von Travis waren unter den ersten Dissidenten gewesen und Joshuas Familie war gut zwei Monate nach ihnen zu den beiden abtrünnigen Stationen gekommen. Joshua wurde vier Monate nach diesem Zusammentreffen geboren und die beiden Jungen wuchsen gemeinsam auf. Ihre Familie, ihre Kommune und ihre Freundschaft waren das einzige gewesen, was sie je gehabt hatten. Die beiden abtrünnigen Stationen hatten sie wegen der Blockade ein Leben lang nie verlassen. Jetzt war der arme Travis tot, Joshuas Eltern trotz ihrer wichtigen Stellung in der Kommune alt und gebrechlich und die Einwohner der beiden Stationen selbst von der jahrelangen Isolation aufgerieben. Was blieb ihm jetzt noch, das sein Leben lebenswert machte?

    Die Stimme Kilian Karnovskis riss Joshua zurück aus den tristen Gedankengängen und hinein in einer noch dystopischere Welt.

    „Dein Kumpel hat das Feuer eröffnet! Niemand wollte, dass er stirbt. Er hat zwei unserer Männer schwer verletzt. Wir kommen in Frieden. Du bist allein, wir sind noch zu siebt. Hätten wir dich umbringen wollen, dann würden wir jetzt gar nicht mehr miteinander reden!“, rief die Schweinsbacke.

    „Was wollt ihr von mir?“, schrie Joshua halb erbost und halb verwirrt.

    „Wir wollen die ewigen Streitereien beenden. In einer Welt wie dieser sollten wir unsere Differenzen zu Grabe tragen und für eine bessere Zukunft zusammen arbeiten. Wir wollen mit euren Stationen einen Waffenstillstand aushandeln und einen Friedensvertrag unterschreiben. Aber zuvor musst du mit uns kommen. Wir haben einen wichtigen Auftrag für dich. Wenn du ihn erfüllst, dann lassen wir deine Station und dich in Frieden. Wenn du uns angreifst oder unsere Ziele sabotierst, dann ist es mit unserer Geduld vorbei und wir machen euch dem Erdboden gleich!“, brachte Kilian Karnovski die Sache auf den Punkt und war inzwischen bis auf einige wenige Schritte an Joshuas improvisiertem Schutzwall herangekommen. Die Sache schien dem Minister sehr wichtig zu sein, wenn er sich persönlich an die Front begab und nun sogar sein Leben riskierte.

    Für einen Moment überlegte der junge Rebell, ob er nicht einfach aus seiner Deckung hervorspringen und sein Gegenüber über den Haufen schießen sollte. So hätte er zwar sein eigenes Todesurteil unterschrieben, wäre aber auch als Held gestorben.

    Aber was nützte sein Opfer? Ein wichtiger Minister war dann zwar tot, aber die Regierung würde möglicherweise erbarmungslos zurück schlagen um diesen Verlust zu rächen. Die Moral in seinen beiden Stationen ließ täglich spürbar nach. Einen offenen Krieg konnten sie sich nicht erlauben, denn sie würden alle ihr Todesurteil unterschreiben. Joshua würde nicht nur sein Leben opfern, sondern auch das seiner alternden Eltern und das der Eltern seines toten Freundes Travis.

    Joshua realisierte, dass er nicht wirklich die Wahl hatte. Schwer atmend schloss er die Augen, biss seine blutenden Lippen zusammen und schmeckte auch den säuerlichen Schweiß auf seiner Zunge. Dann stand er fast wie ein alter gebrechlicher Mann auf, blickte den Minister und seine wachsamen Begleiter bedeutungsschwanger an und warf frustriert seine Waffe auf die Gleise. Dann versuchte er soweit es noch möglich war erhobenen Hauptes hervorzutreten und blickte seine Gegner trotzig an.

    Diese hatten bereits rasch seine Waffe an sich genommen, sein Walkie-Talkie zertrampelt und ihn strategisch umzingelt. Der Minister trat hervor und reichte Joshua mit einem gezwungenen, aber erleichterten Lächeln die Hand. Irgendwie wirkte diese Geste auf den Rebellen erstaunlich ehrlich, aber er nahm sie dennoch nicht an und blickte im Angesicht seiner persönlichen Niederlage stattdessen finster zu Boden.

    „Du hast die richtige Entscheidung getroffen. Wir werden dich jetzt in die persönlichen Räumlichkeiten unserer Regierung führen. Dort wirst du deine Partner treffen und alles Weitere erfahren.“

     

    *

     

    Ahmed Amine Ahanfouf war das genaue Gegenteil seines angesehenen Vaters Anig Ayser. Der Senior, der im Metrorat war und sich zum Wortführer der islamisch-stämmigen Metrogemeinde hochgearbeitet hatte, war ein ruhiger und besonnener Intellektueller, der nach Außen hin immer ehrenhaft und respektvoll agierte. Intern konnte er aber auch des Öfteren mal ein deftiges Machtwort sprechen und es war immer er, der die Marschroute seiner Kommune bestimmte. Seit er zum Oberhaupt gereift war, hatte sich die islamische Kommune zu einer unerschütterlichen Bastion des Widerstands gegen die korrupten Machenschaften der Provinz- und Stadtregierung entwickelt. Selbst führende Ratsmitglieder aus der chinesischen und europäischen Kommune wandten sich an ihn und suchten seine klugen Ratschläge. Viele Regierungsmitglieder hatten versucht ihn zu destabilisieren, ihn öffentlich lächerlich zu machen oder ihn gar durch geschmierte Überläufer zu ersetzen, aber sie hatten damit keinen Erfolg gehabt. Die islamische Gemeinde stand wie eine Eins hinter Anig Ayser Ahanfouf. Der ergraute Rechtsanwalt wusste genau, wie er der Regierung die Arbeit erschweren, zu radikale Gesetzesentwürfe blockieren und festgenommene Mitglieder seiner Kommune rasch aus dem Gefängnis befreien konnte. Der gläubige Moslem war kein radikaler Randalierer, sondern ein friedlebender Mensch, der nichts mehr mochte als mit seinen zahlreichen Freunden zu philosophieren und in vertrauter Zweisamkeit mit seiner geliebten Frau Aicha Azza zu leben. Das einzige, was ihm Kopfschmerzen bereitete, war sein ältestes Kind und einziger Sohn.

    Ahmed Amine prahlte ständig von seiner edlen Herkunft, obwohl er von Beruf lediglich Sohn war und sich in seiner Gemeinde kaum engagierte. Er warf mit kostbarem Geld um sich, dass er in der Vergnügungsstation Bay für Drogen, Glückspiele und Prostituierte ausgab. Er gab sich als radikaler Moslem, lauerte mit seiner kriminellen Bande Juden auf und schlug sie brutal zusammen, bespuckte die Mädchen seiner Gemeinde, die keine Burqa oder wenigstens ein Kopftuch trugen und gab damit an die Hälfte aller jungen Frauen seiner Gemeinde entjungfert zu haben. Trotz seines strengen Glaubens lebte er in der Sünde. Zwar betete er regelmäßig und aß kein Schweinefleisch, dafür aber trank er übermäßig viel Alkohol und rauchte alles, was man nur rauchen konnte.

    Wie so oft war er an diesem Freitagabend mit seiner Bande im Vergnügungsviertel unterwegs. Der alte Lubaid hatte dort ein Restaurant, in dessen hinteren Bereich es eine florierende Opiumhöhle gab. Dort hatten Ahmed Amine und seine falschen Freunde es sich bequem gemacht, nachdem der überhebliche Junior vorher jede Menge Geld beim Wetten auf illegale Hahnenkämpfe verloren hatte. Zwar hatte er den Besitzer des Tieres, auf das er fälschlicherweise gesetzt hatte, zusammengeschlagen und dem Gewinnerhahn den Hals herumgedreht, aber da war der gewaltbereite Starrkopf gerade erst so langsam in Fahrt gekommen.

    Nun paffte er genüsslich an seiner Opiumpfeife und hatte zwei leicht bekleidete Damen neben sich liegen, denen er überheblich in den Schritt griff, wenn er nicht gerade einen Schluck aus seiner Flasche sündhaft teuren Absinths nahm. Aus dem Hintergrund dröhnte nervige orientalische Musik und auf einem kleinen Fernseher lief das Lieblingsfußballspiel des jungen Marokkaners. Er hatte es bestimmt schon fünfzig Mal gesehen und konnte sich dennoch nicht daran satt sehen. Es war das letzte Champions League Finale vor einundzwanzig Jahren gewesen. An damals konnte Ahmed Amine sich nicht mehr bewusst erinnern, denn er war kaum älter als ein Jahr gewesen, aber er konnte sich lebhaft vorstellen, wie er in warme Kleidung gebettet im Arm seiner Mutter lag, die sich an seinen Vater gekuschelt hatte und mit ihm auf dem kleinen Sofa im bescheidenen Appartement vor dem Fernseher saß. Sein Vater hatte nie auf Luxus bestanden und im Gegensatz zu seinem Sohn viel mehr Wert auf das Zwischenmenschliche gelegt. Der AS Monaco hatte damals im Elfmeterschießen gegen Zenit Sankt Petersburg verloren. Verschossen hatte den entscheidenden Elfmeter ausgerechnet ein Marokkaner, der Stürmerstar Kemaleddin Choukri.    

    Benebelt und mit geröteten Augen blickte Ahmed Amine auf die entscheidende Szene und klopfte seinen beiden weiblichen Begleitern aggressiv auf den Allerwertesten.

    „Alter, jetzt passt auf! Dieser Hurensohn verschießt gleich. Kemaleddin Choukri, dieser Bastard. Erst schießt er Marokko bei der Weltmeisterschaft ins Achtelfinale, aber dann verkackt er gegen die Russen. Aber ihr Torwart war schon krass drauf, was? Vitali Alenikow hieß der. Der hat bei der Weltmeisterschaft in seinem Land alles gehalten und die Russen bis ins Viertelfinale gebracht. Gegen Spanien hat er sogar zwei Elfmeter pariert.“, schwadronierte Ahmed Amine und merkte nicht einmal, wie seine sogenannten Freunde allesamt von drei bulligen Neuankömmlingen aus dem Raum heraus gelotst worden waren.

    Ahmed Amine nahm einen kräftigen Zug von seiner Opiumpfeife, nahm noch rülpsend einen Schluck vom guten Absinth und steckte der Begleiterin zu seiner Linken die Zunge in den Hals.

    „Na, Süße, wie wäre es mit uns?“, fragte er mit einem schelmischen Grinsen.

    „Das halte ich für gar keine gute Idee.“

                Ahmed Amine zuckte erschrocken zusammen. Die Antwort war weder von der angesprochenen Dahbia, noch von ihrer kleinen Schwester Jawaher gekommen, sondern von einem kräftigen Polizisten, der sich mit zwei grimmigen Begleitern zwischen den Marokkaner und den Fernsehbildschirm geschoben hatte, auf dem Kemaleddin Choukri gerade zum einundfünfzigsten Mal seinen Elfmeter verschoss.

                „Was geht denn jetzt ab?“, brachte Ahmed Amine nur hervor, während das Geschwisterpaar an seiner Seite beschämt aufstand, hektisch seine Anziehsachen zusammensuchte und gehetzt aus dem Raum entschwand.

                „Jede Menge geht hier ab: Körperverletzung gegen Rasil Faras, illegales Glücksspiel, Tierschändung, illegaler Alkoholbesitz, illegaler Drogenkonsum und wenigstens eine der beiden Damen von vorhin war auch noch keine achtzehn Jahre alt.“, klagte der korpulente Polizist den arroganten Nichtsnutz an.

                „Wisst ihr überhaupt, wer ich bin?“, begehrte Ahmed Amine auf und versuchte sich mit drohender Faust zu erheben, was ihm in seinem Zustand nur schwerlich gelang, zumal einer der beiden übereifrigen Begleiter des Polizisten den Marokkaner sogleich wieder mit einem Kinnhaken eine Etage tiefer beförderte. Der Sprecher der drei Polizisten blickte seinen Begleiter drohend an, wandte sich dann aber wieder an den sich stöhnend auf dem Boden wälzenden Marokkaner.

                „Dein Vater wird dich dieses Mal auch nicht heraushauen können. Dieses Mal bist du zu weit gegangen. Du bist eine Schande für ihn und du schadest seinem Ruf. Mit seinem unnützen Sohn im Gefängnis könnte er den Sitz im Metrorat leicht verlieren.“, klagte der kräftige Polizist ihn an.

                „Lasst meine Familie aus dem Spiel!“, wehrte sich der Angeklagte schluchzend und bot ein ziemlich jämmerliches Bild dar, als er mit flehendem Blick auf den Knien herumrutschte.

                „Es gibt aber eine Alternative zu diesem Dilemma. Du hast natürlich die Wahl. Du wanderst im Gefängnis in eine Gemeinschaftszelle mit weitaus älteren Gewaltverbrechern und riskierst die Karrierepläne deines Vaters oder aber du kommst jetzt friedlich mit uns mit, bleibst eine Nacht in einer Ausnüchterungszelle und tust uns dann einen kleinen Gefallen.“, schlug der Anführer der Polizisten vor.

                „Was meint ihr mit Gefallen?“, wollte der Angesprochene halb ängstlich und halb neugierig wissen.

                „Die Mission ist nicht ganz ungefährlich, aber dabei kann jede Menge für dich herausspringen. Du bleibst straffrei und die Justiz drückt zwei Augen zu, dein Vater kann weiter Karriere machen und außerdem wirst du für deine heldenhaften Taten reich entlohnt werden. Damit meine ich nicht nur etwas Geld, sondern auch ein wenig Absinth aus den privaten Vorräten des Bürgermeisters. Einen Absinth, wie du ihn noch nie getrunken hast und der gar kein Vergleich zu deinem billigen Fusel hier ist.“, schwärmte der Polizist dem Marokkaner vor, der sich gerade wieder auf wacklige Beine aufrappelte.

                „Meint ihr das ernst?“, fragte der ertappte Sünder erstaunt und machte sich gar nicht weiter Gedanken über die Inhalte der erwähnten Mission.

    Die Erwähnung der heldenhaften Taten und des edlen Absinths hatten jeglichen Zweifel in ihm erloschen. Mit seiner neuen Reputation würde er jedes Mädchen aus der Metro klar machen und mit dem Absinth würde er die tollsten Feiern schmeißen. Außerdem würden seine Eltern vielleicht endlich einmal stolz auf ihn sein und er würde Allah beweisen, dass er nicht nur in der Sünde lebte und auch zu etwas heldenhaftem gut war. Im Grunde hatte der Marokkaner seine Entscheidung schon längst getroffen und er konnte sein Glück kaum fassen.

                „Das ist unser voller Ernst. Also, wir haben nicht ewig Zeit. Wie lautet deine Entscheidung?“

     

    *

     

                Alain Grosjean rammte seinen Eishockeyschläger wuchtig gegen den Brustkorb seines Gegenspielers, der ächzend an der Bande niedersank. Der junge Frankokanadier mit dem langen braunen Haar übernahm die Kontrolle des Pucks und blickte zur Seite. Sein Mitspieler stand zwar frei, aber bevor er einen Pass spielen konnte kam auch schon der gegnerische Verteidiger auf ihn zugestürmt.

                Der Quebecer schlug einen Haken nach links, deutete dann eine Finte nach rechts an, um sich dann etwas zur Seite zu drehen und so gerade zwischen Bande und Gegenspieler hindurchzuzwängen. Der düpierte Verteidiger versuchte ihm mit seinem Schläger die Beine wegzuziehen, aber Alain sprang behände darüber hinweg und drang unaufhaltsam ins gegnerische Drittel vor.

                „Los, Alain, mach das Ding rein!“, rief sein Vater ihm von der kargen Seitentribüne aus zu.

                Alain warf einen flüchtigen Blick auf die verblichene Anzeigetafel hinter dem gegnerischen Tor. Es stand unentschieden im letzten Drittel und es waren nur noch zehn Sekunden zu spielen.

                Der Frankokanadier spurtete in Richtung des gegnerischen Torwarts und legte dann den Puck quer herüber auf seinen Mannschaftskollegen, der seinen Bewacher grob zu Boden gestoßen hatte.

                Es blieben noch neun Sekunden, als sein Mitspieler den Puck annahm und dann nach rechts ausscherte. Der gegnerische Torwart folgte der Bewegung um die kurze Ecke zuzumachen.

                Noch acht Sekunden standen auf der Anzeigetafel, als der rechte Flügelspieler der frankokanadischen Mannschaft plötzlich nach innen zog und wuchtig in Richtung langes Eck zielte.

                Es waren noch sieben Sekunden zu spielen, als der gegnerische Torhüter wieder einmal eine seiner Glanzparaden zeigte und den Puck mit einem Hechtsprung noch irgendwie aus dem Winkel fischte und sogar fest hielt. Alain bremste vor dem Torhüter ab und ein Regen feiner Eiskristalle regnete auf diesen nieder.

                Der Schiedsrichter pfiff, rauschte an Alain vorbei und ließ sich vom Torhüter den Puck geben. Es gab noch einmal Anstoß rechts vor dem Tor. Alain blickte auf die Anzeigetafel. Sechs Sekunden Zeit blieben seiner Mannschaft noch, um in der regulären Spielzeit den Sieg zu erzwingen.

    Alain hatte es eilig. Er wollte nach dem Spiel kurz unter die Dusche gehen, um dann seine Freundin an der Station Bathurst abzuholen und mit ihr in die Mitternachtsvorstellung des Kinos an der Vergnügungsstation zu gehen. Heute war dort asiatischer Abend und es lief einer seiner Lieblingsfilme namens „I Saw The Devil“. Das war ein echter Klassiker, der inzwischen auch schon mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel hatte.

                Sein Trainer setzte aufs Ganze und wechselte die beiden Verteidiger gegen zwei offensivere Spieler aus, die sich alle im Angriffsdrittel versammelten. Alain fing einen der Offensivspieler ab, der sich gerade zum Anstoß begab.

                „Pass auf, Jean-Philippe! Wenn du den Anstoß gewinnst, spiel direkt hinter dir auf Martin. Der legt den Puck dann quer und ich hau das Ding unter die Latte. Alles klar?“, fragte er seinen Mitspieler und Jean-Philippe nickte schnaufend während er sich den Mundschutz zu recht schob.    

                Alain begab sich auf seine Position und beobachtete gespannt das Duell zwischen Jean-Philippe und seinem Gegenspieler. Der Schiedsrichter pfiff und ließ den Puck fallen. Gedankenschnell stieß Jean-Philippe seinen Schläger vor und spielte den Puck mit der Innenseite durch die eigenen Beine durch nach hinten und kollidierte bei dem Manöver auch noch mit seinem Gegenüber, den er dadurch in seinem Bewegungsradius erheblich einschränkte.

                Der Puck kam zu Martin, der einen Schuss andeutete, den Puck dann aber zentral zu Alain schob. Der nahm selbigen an und sah dass sich sein Gegenspieler in Annahme eines präzisen Schusses wuchtig vor ihm auf den Boden warf. Alain hatte diese Reaktion antizipiert, machte einen Ausfallschritt nach links und feuerte in einer Bewegung dann den Puck in Richtung Tor ab.

                Dort verdeckten ein weiterer Mitspieler und dessen Bewacher wie abgemacht dem Torhüter die Sicht und der Puck ging genau zwischen den beiden Kontrahenten hindurch. Der Torhüter sah den Puck zu spät und riss zwar noch die Arme hoch, konnte den wuchtigen Einschlag im rechten Winkel aber nicht mehr verhindern.

                Jubelnd riss Alain die Arme hoch, als mit dem Pfiff auch die Schlusssirene ertönte und stürmte in freudiger Dankbarkeit auf Martin und Jean-Philippe zu. Bald stieß der gesamte Kader dazu und feierte seinen Torschützen und die beiden Vorbereiter ausgiebig.

                An der Station Jane hatte die Auswahl der Provinz Québec soeben die Auswahl Neufundlands im Freitagabendspiel mit drei zu zwei Treffern bezwungen.

                „Jawohl, den Newfies haben wir es gezeigt!“, rief der Trainer ihnen zu, der nun auch aufs Eis gestürmt kam.

                Alains zweiter Gedanke galt aber den geschlagenen Gegenspielern, denen er als Kapitän seiner Auswahl als erstes die Hand schüttelte. Zudem war einer seiner besten Freunde der Torhüter der gegnerischen Mannschaft, mit dem er öfters mal das ein oder andere Bier trank.

    Der junge Frankokanadier war wohl einer der wenigen Bewohner der Metro, der sich an das Leben unter Tage gewöhnt hatte und positiv damit umging. Seine Stärke und sein Enthusiasmus waren geradezu ansteckend und so zogen viele junge Männer gerne abends mit ihm durch die Stationen und die Damenwelt Torontos flog ebenfalls auf ihn. Seit einem Monat war er allerdings fest mit einer Chinesin namens Li Xia liiert, die er über alles liebte. Ihr Vater war ein angesehener Mann im Metrorat und so etwas wie der inoffizielle Vertreter der gesamten chinesischen Gemeinde, sowie Alains Vater es in der kleinen frankophonen Kommune war, die sich nur noch auf vierzig Einwohner beschränkte.

                Das Einzige, was Alain im Leben Kopfschmerzen bereitete, war die Regierung der Metro. Zum Einen hatte man seine Kommune und die der Neufundländer in einer halb zerstörten Metrostation einquartiert. Dann mussten sie höhere Steuerabgaben als die breite Masse zahlen, da die Station gerade anfangs oftmals neu isoliert und umgebaut werden musste, damit die gefährlichen Strahlen von außerhalb nicht in die Metro eindrangen. Dazu kam dann noch die Bürokratie, die unter Tage genauso schlimm war wie einst an der Oberfläche. Als Frankokanadier musste man ohnehin für jede Dienstleistung mehr zahlen, da man kein gebürtiger Anglophoner war. Dann musste man auch noch länger auf seine Papiere warten. Alain fühlte sich nicht als Kanadier, sondern in erster Linie als Quebecer und manchmal verfluchte er den Umstand, dass seine Eltern kurz vor der großen Katastrophe Arbeit in Toronto gefunden hatten und er jetzt nicht in der Metro Montreals saß. Auf der anderen Seite gab es Gerüchte, dass Montreals Metro komplett zusammengebrochen und alle ihre Einwohner qualvoll gestorben waren. Ob da etwas dran war, wusste natürlich in Wirklichkeit keiner.

                Alain wischte sich mit einem grau gewordenen und schmutzigen Handtuch den Schweiß von der Stirn, als sein Vater an der Bande auf ihn zutrat.

                „Klasse Spiel, Alain, denen hast du es gezeigt!“, begrüßte er seinen ältesten Sohn enthusiastisch. Alain hatte noch eine ziemlich freizügige Schwester namens Geneviève, die als Krankenschwester in der Metro arbeitete und einen kleinen Bruder namens Nathan, der Autist war.

                „Ja, das war ein wichtiger Schritt in Richtung Meisterschaft! Ich gehe gleich mit Xia ins Kino. Willst du nicht mitkommen und danach noch einen heben? Der Film würde dir bestimmt auch gefallen.“, lud Alain seinen Vater ein, doch der winkte ab.

                „Wenn du mit deiner Freundin dahin gehst, dann ist der Film doch ohnehin zweitrangig für euch. Ich will euch da im Dunkeln nicht stören. Ich mache es mir heute Abend gemütlich und werde noch etwas lesen. Ich bin gerade am letzten Roman von Sergei Lukjanenko dran.“, entgegnete sein Vater.

                „Russische Literatur ist immer gut. Kennst du Dmitry Glukhovski? Der ist auch nicht schlecht.“, meinte Alain.

                „Ach, übrigens, da ist jemand, der dich sprechen will.“, bemerkte sein Vater und nickte in Richtung eines ganz in schwarz gekleideten und hochaufgeschossenen Mannes mit kurzem strohblonden Haar und dunkler Sonnebrille, der sich gerade in einer Ecke der kleinen Arena unterhalb der Station Jane eine Zigarette anzündete.

                Alain runzelte die Stirn. Der Mann war nicht nur sehr seltsam gekleidet und passte einfach nicht in die Arena, sondern er rauchte auch. Das konnten sich nur die reichsten Bewohner der Metro und die Regierungsbeamten leisten. Rauchen war eine Art Statussymbol für finanziellen und sozialen Wohlstand geworden und unglaublich in die Mode gekommen. Die meisten Einwohner der Metro starben ohnehin meist bevor sie ein Lungenkrebs dahinraffen konnte. Auf seine Gesundheit achtete hier kaum jemand mehr, wobei Alain eine lobenswerte Ausnahme war und sich täglich fit hielt.

                „Was will der Kerl von mir?“, fragte Alain über den mysteriösen Mann, der auf ihn wirkte, als wäre er gerade von einem Gothic-Festival gekommen oder aus einem Steampunkroman entsprungen.

                „Keine Ahnung. Aber pass auf. Der Typ ist mir nicht geheuer.“, bemerkte sein Vater und Alain nickte.

                Dann verließ er das Eis und ging schweren Ganges auf den Mann zu. Er hätte sich erst umziehen und duschen können, aber Alain wollte mit gutem Beispiel vorangehen. Er wartete selbst ungern auf andere Leute und so wollte er den seltsamen Fremden auch nicht warten lassen. So trat er auf den düsteren Mann zu, der gerade seine Sonnenbrille auf die Stirn schob, hinter der sich glasklare blaue Augen verborgen hatten.

                Der Mann behielt seine Zigarette zunächst im Mundwinkel, zog dann behutsam seine schwarzen Handschuhe aus und reichte Alain die Hand. Der junge Québécois griff zu und spürte den kräftigen Handschlag des muskulösen Mannes. Scheinbar gehörte auch er zur kleinen Fraktion der gut trainierten Metrobewohner, obwohl er Raucher war.

                „Da haben Sie ein starkes Spiel abgeliefert. So etwas sieht man heute sehr selten. Wollen Sie vielleicht eine Zigarette?“, begrüßte ihn der Mann mit kräftiger und autoritärer, aber durchaus nicht unfreundlicher Stimme. Er hatte einen leichten anglophonen Akzent, sprach ihn aber auf Französisch an, was Alain schon einmal als positive Respektsbekundung zu Kenntnis nahm.

                „Nein danke, sehr freundlich von Ihnen.“, erwiderte Alain bloß.

                „Das dachte ich mir. Vielleicht sind Sie noch zu jung, aber erinnern Sie sich an die allerletzte NHL-Saison?“, fragte sein Gegenüber, der ganz ruhig an seiner Zigarette zog und auch sonst eine absolute Selbstbeherrschung ausstrahlte.

                „Ich habe Aufzeichnungen der Spiele gesehen. Die Vancouver Canucks haben in sechs Spielen gegen die Toronto Maple Leafs gewonnen.“, gab Alain detailgetreu wieder.

                „Ganz genau. Sie sind ja bestens informiert. Ich war damals noch ganz klein gewesen, aber mein Vater hatte Karten für das erste Finalspiel ergattern können. Das war vielleicht das schönste Erlebnis meines Lebens. In der dritten Verlängerung hat Toronto das erste Spiel mit drei zu zwei gewonnen. So haben Sie ja eben auch gespielt. Ihr Angriffsspiel erinnert mich ein wenig an Pat Smith. Er war damals Torontos Kapitän und wenn Sie mich fragen einer der besten kanadischen Spieler seiner Zeit.“, fachsimpelte der Mann in Schwarz weiter.

                „Danke, das ehrt mich sehr. Mein Vater vergleicht mich allerdings immer mit Jean-Christophe L’Espérance von der Mannschaft Drakkar de Baie-Comeau, welche die letzte „Ligue de hockey junior majeur du Québec“ gewonnen hat.“, bemerkte Alain freundlich.

                „Genau, das war damals in sieben Spielen gegen die Halifax Mooseheads als Revanche für die Finalniederlage im Jahr 2013. Anschließend haben sie aber im Memorial Cup gegen die Kamloops Blazers verloren. Nun, es stimmt, Ihre Stile ähneln sich, allerdings finde ich sie etwas robuster, dafür im Verteidigungsspiel aber nicht ganz so geschickt.“, analysierte der Mann in Schwarz und deutete ein leichtes Lächeln an.   

                „Sie kennen sich ja gut aus. Leute wie Sie trifft man in der Metro nur noch selten. Ich würde Sie ja durchaus zu einem gepflegten Bier einladen, aber deswegen sind Sie vermutlich nicht gekommen. Da Sie mich zu kennen scheinen, dürfte ich dann wissen wer Sie eigentlich sind?“, beendete Alain die höfliche Fachsimpelei und kam aufs Essentielle zu sprechen.

                Der Mann in Schwarz seufzte und warf seine Zigarette zu Boden, wo er sie behutsam austrat. Dann blickte er Alain ernst an.

                „Mein Name ist General Geoff Madison und ich arbeite für die Regierung Ontarios. Bevor Sie jetzt schreiend weg laufen, lassen Sie mich erklären, warum ich hier bin.“, bemerkte der General rasch, als er Alains entsetztes Gesicht bemerkte.

                Der junge Eishockeyspieler hatte sein Gegenüber gerade angefangen sympathisch zu finden und musste nun erst einmal verdauen, dass er einen Regierungsmitarbeiter vor sich hatte, gegen die er von klein auf eine große Abneigung hatte.

                „Dann wird das mit dem Bier wohl wirklich nichts. Und meine Freundin muss ich dann wohl auch versetzen.“, gab Alain sarkastisch zu Protokoll.

                „Beides kann man nach Beendigung unserer Mission ja nachholen.“, bemerkte der General mit fast schon bedauernder Stimme.

                „Unserer Mission?“, echote Alain ungläubig.

    „In der Tat. Ich werde jetzt nicht mehr um den heißen Brei herumreden. Unsere Metro ist in Gefahr. An einigen Außenstationen kam es zu Zusammenstößen zwischen Mutanten und Regierungsmitarbeitern. Ich darf Ihnen da keine Details nennen, allerdings ist ein Vorstoß der Mutanten in unser System nicht mehr unwahrscheinlich. Allerdings fehlen uns nach all den Konflikten der letzten Jahre die Waffen, um die Metro gegen eine geordnete Großoffensive zu verteidigen. Solche Waffen befinden sich jedoch im Regierungsbunker in Ottawa, wo auch die Codes zu selbigen sind. Unsere Regierung hat Strahlenanzüge entwickelt, mit denen man an die Erdoberfläche kann, zumal die Strahlung inzwischen etwas nachgelassen hat. Daher soll eine Mannschaft von sieben Personen aufbrechen und sich von Toronto nach Ottawa durchschlagen. Dazu brauchen wir die besten Leute. Sie sind auserwählt worden, Alain Grosjean.“, erklärte der General kurz und bündig.

    „Werden Sie auch dabei sein?“, fragte Alain etwas verwirrt.

    „Die Mission wird von General Jeremy McCoyle und mir persönlich geleitet. Dazu kommen fünf Metrobewohner mit außerordentlichen Fähigkeiten. Sie sind ein überaus gut trainierter und sehr intellektueller junger Mann. Sie sind ein Mannschaftsspieler und sie verkehren mit Bewohnern verschiedenster Herkünfte. Wie ich gehört habe sprechen Sie nicht nur fließend Französisch und Englisch, sondern sogar ein wenig Arabisch und Chinesisch. So jemanden wie Sie brauchen wir.“, erläuterte der General weiter.     

    „Was ist, wenn ich mich weigere?“, bemerkte Alain. Er war sich bewusst, dass er im Grunde eine rhetorische Frage stellte. Eine wirkliche Wahl hatte er nämlich nicht. Wenn die Regierung um Hilfe bat, dann kam dies einem Befehl gleich, dem man sich nicht widersetzen konnte. Die Konsequenzen würden dann nicht unbedingt er selbst, sondern seine Familie und Freunde zu spüren bekommen.

    Alain stellte das Wohlergehen seiner Freunde, seiner Eltern, seiner Geschwister und seiner neuen Freundin über das eigene. Das war eine Tugend, die es in der langsam vor sich hin sterbenden Metro nur noch ganz selten gab.

    Auch wenn er diese Frage stellte, hatte Alain im Grunde seine Entscheidung schon getroffen. Zwar verachtete er die Regierung Ontarios und den Bürgermeister und sein Kabinett, aber hier ging es nicht um politische Überzeugungen, sondern um das Wohl der gesamten Metro. Das wusste Alain zu unterscheiden und er war bereit für das Wohlergehen seiner Nächsten auf diese Mission zu gehen, koste es was es wolle. Zudem war Alain ein guter Menschenkenner. General Geoff Madison wirkte auf ihn wie jemand, der seine Überzeugungen teilte und mit so einem Himmelfahrtskommando am besten umzugehen wusste. Er war im Grunde überhaupt der erste Regierungsmitarbeiter, vor dem Alain Respekt hatte und diese Haltung wurde von seinem Gegenüber ganz offenbar erwidert.

    Alain blickte den General an, der auf seine letzte Frage nicht geantwortet hatte und ihn in einer seltsamen Mischung aus leichtem Spott über die Frage selbst und Ernst über das schwierige Thema allgemein ansah.

    „In Ordnung, ich werde meine Sachen packen. Ich möchte mich noch bei meiner Familie und meinen Freunden hier verabschieden. Vielleicht können wir auf dem Weg zum Regierungsbunker ja auch an der Station Bathurst Halt machen.“, schlug Alain vor.

    „Selbstverständlich, so viel Zeit muss sein. Ich gebe Ihnen eine Dreiviertelstunde und werde am Ausgang der Station auf Sie warten.“, willigte General Geoff Madison ein und blickte seinem neuen Schützling dann nachdenklich nach.

     

    *

     

      Noah Cohen trat gerade aus der Synagoge an der kleinen Station Osgoode, als er den herrisch dreinblickenden Mann im Militärdress bemerkte, der im Stechschritt auf ihn zukam. Der junge Jude hatte den Ankömmling noch nie persönlich getroffen, aber schon oft von ihm gehört und er war ihm auch so direkt unsympathisch.

    Sein Gegenüber war General Jeremy McCoyle, ein despotischer General, der sein fünfzigstes Lebensjahr schon überschritten hatte und zu den ältesten Einwohnern der Metro gehörte. Dennoch war er sehr gut in Form und trainierte jeden Tag wie ein Besessener, wenn er nicht gerade irgendwelche Untergebenen schikanierte. Viele verglichen den General mit einem Soldat aus der Nazizeit. Sein Spitzname war „ Hans Landa“, angelegt an die Figur aus Quentin Tarantinos Film „Inglorious Basterds“.

    Der junge Jude fühlte sich gleich ganz mulmig und war wie erstarrt stehen geblieben. Er war der Sohn eines sehr einflussreichen Bankiers und einer Juwelierin, er selbst war hingegen Biologe und untersuchte in einem Forschungslabor die verschiedenen Mutationen, die es nach der großen Katastrophe so an der Erdoberfläche gab. Noah Cohen war äußerst bescheiden, diszipliniert, fleißig, neugierig und talentiert. Er war von Natur aus eher ein Einzelgänger, der lediglich viel Zeit damit verbrachte die Tora zu lesen, alte jiddische Gedichte auswendig zu lernen oder traditionelle jüdische Lieder zu singen und auf Gitarre zu spielen, denn er war auch ein begnadeter Musiker. Erst vor wenigen Monaten war er erstmals aus seiner Isolation ausgebrochen. Bei einer alljährlichen Wirtschaftsversammlung, die sein Vater leitete, war er mitgekommen, um Protokoll zu führen und hatte dabei eine junge hübsche Dame getroffen, die genau dieselbe Aufgabe gehabt hatte wie er. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen und nun waren sie seit vier Monaten liiert. Niemand wusste von ihrer Beziehung und sie sahen sich sehr selten und Noah spürte, dass sie sich in Zukunft noch seltener sehen würden, als General Jeremy McCoyle auf ihn zukam.

    „Sind Sie Noah Cohen aus der jüdischen Metrokommune?“, fragte der General mit schneidender und leicht nasaler Stimme und dem Angesprochen rannen eiskalte Schauer über den Rücken.

    „Ja, das bin ich.“, gab Noah Cohen verschüchtert zurück und nahm verunsichert Haltung an, während rundherum Leute empört tuschelten und auf das ungleiche Paar blickten, das sich da gerade getroffen hatte.

    „Mitkommen!“, befahl der General nur und wandte sich auf dem Absatz um.

    „Wollen Sie mir nicht bitte erst erklären worum…?“, begann Noah Cohen vorsichtig, doch da wandte sich der General schon mit puterrotem Gesicht um, hob grimmig seinen Zeigefinger und stieß diesen wiederholt gegen die Stirn des schmächtigen Juden.

    „Wenn ich sage, dass Sie mitkommen sollen, dann sollen Sie mitkommen und keine Fragen stellen!“, wies der General sein Gegenüber herrisch zurecht. Dabei betonte er jedes einzelne Wort in übertriebenem Tonfall und Speichel sprühte über seine Lippen.

    Noah Cohen wusste, wann man den Mund zu halten hatte und verkniff sich eine Bemerkung. Er schickte sich an in rascher Folge zu nicken und dem wahnsinnigen Blick seines Gegenübers auszuweichen.

    Der bebte vor Wut, beließ es dann aber doch bei einem cholerischen Ausbruch und wandte sich wieder auf dem Absatz um. Noah Cohen folgte ihm bis in die nah gelegenen Privatquartiere des Bürgermeisters.

     

    *

     

    „Skalpell!“, befahl Sofia Maria Gutierrez und nahm das Instrument von ihrer Assistentin und besten Freundin an.

    Dann setzte sie einen präzisen Schnitt an der eingezeichneten Stelle knapp oberhalb des Herzens ihres Patienten. Ein wenig Blut spritzte dabei auf ihren grünen Kittel und sogar auf ihren weißen Mundschutz, aber davon ließ sich die junge kolumbianische Ärztin ohne Grenzen nicht aufhalten.         

    Die attraktive Dame Ende zwanzig hatte eine Art private Praxis an der weitläufigen Station St. George, die der Regierung eine Art Dorn im Auge war. Zuvor hatte die charakterstarke und lebenslustige junge Frau im offiziellen Metrokrankenhaus gearbeitet, aber als sie vom Chefarzt mehrfach sexuell belästigt worden war, hatte die erfahrene Jiu-Jitsu-Kämpferin den Stalker aufs Kreuz gelegt und mit gezieltem Tritt zum Eunuchen gemacht. Eine Gefängnisstrafe hatte sie umgehen können, da sie auf versuchte Vergewaltigung plädiert hatte. Ihre beste Freundin, die argentinische Krankenschwester Juanita Fernandez, hatte ihre Aussage bestätigt. Dennoch hatte man ihr für ein Jahr ein Berufsverbot erteilt. In der Zeit hatte sie unter der Hand ihre eigene Praxis eröffnet, die schon bald florierte und die ihr ganzer Stolz war. Das Berufsverbot war zwar bald vorbei, aber Sofia Maria Gutierrez dachte gar nicht daran die Praxis aufzugeben und ihre alte Arbeit wieder anzunehmen.

    Auch ihre Freundin Juanita war zur ihr gewechselt, da sie hier weitaus angenehmere Arbeitsbedingungen vorfand. Dreißig-Stunden-Schichten ohne Schlaf und permanentes Mobbing am Arbeitsplatz nach ihrer Aussage vor Gericht hatten sie zermürbt und fast zu einem Burnout-Syndrom getrieben.

    Der dritte im Bunde war der Brasilianer Carlos da Silva, der eigentlich gelernter Physiotherapeut war. Der muskulöse und schweigsame Koloss verteidigte zudem die Arztpaxis gegen unerwünschte Gäste. Nicht nur Regierungsbeamte hatte er mehrfach in die Flucht geschlagen, sondern sogar ein paar russische Geldeintreiber, die einen schwer verletzten Senegalesen umbringen wollten, der sich so gerade noch bis in die Arztpraxis geschleppt hatte. Heute fehlten den russischen Geldeintreibern einige Zähne, aber ihre gebrochenen Rippen waren wohl wieder gerichtet worden.

    Der aktuelle Patient hörte auf den Namen Mackenzie Bacon und war ein Innu-Indianer, der wegen eines geplatzten Drogendeals in einen handfesten Streit mit einigen Thailändern geraten war. Er hatte mehrere derbe Schläge abbekommen und einige völlig zersplitterte Rippen hatten sein inzwischen schon unregelmäßig schlagendes Herz in Gefahr gebracht.

    Diese Art von Patienten bekam die junge Ärztin fast täglich zu sehen. Es handelte sich meist um Ausgestoßene oder Kriminelle, die im normalen Krankenhaus erst gar nicht behandelt wurden. Sofia Maria war die Samariterin der Armen, Kranken und Verfolgten und genoss für ihre Diskretion, ihr Geschick und ihre Schnelligkeit hohes Ansehen in der Metro. Mehrere ehemalige Patienten hatten ihr sogar Heiratsanträge gemacht, aber die Ärztin zog es vor allein zu sein. In einer Welt wie diesen wollte sie keine Kinder in die Welt setzen und ihr Alltag war zu gefährlich und kurzlebig, als dass sie in einer Heirat irgendeinen Sinn gesehen hätte. Zudem war ihr Leben bereits so aufregend und ausgefüllt, dass sie für angenehme Nebensächlichkeiten schlicht keine Energie und Zeit hatte.

    Eine halbe Stunde später hatte sie das Herz ihres Patienten gerettet und einige der Rippen so bearbeitet, dass sie wenigstens wieder einigermaßen zusammenwachsen würden. Der gewichtige Indianer stand noch unter Narkose und würde erst in gut zwei Stunden wieder aufwachen.

    „Was willst du hier? Du kannst gleich wieder umdrehen!“, hörte sie da von draußen Carlos poltern.

    „Ich will zu Sofia Maria Gutierrez, wenn das möglich ist.“, erwiderte eine weiche Frauenstimme.

    „Du siehst mir nicht gerade wie eine Verletzte aus. Hat dich die Regierung geschickt?“, fragte der Brasilianer mit einer dunklen und drohenden Stimme wie ein aufziehendes Gewitter.

    „Darüber würde ich gerne persönlich mit Frau Gutierrez reden.“, erwiderte die junge Frau gelassen.

    „Frau Gutierrez ist gut beschäftigt. Wenn sie gleich fertig ist, dann hat sie sich ihren Feierabend wohl verdient. Samstags Abend ist hier immer katholische Messe und da kommt die ganze Kommune hin. Das möchte niemand verpassen.“, entgegnete Carlos entschieden und ließ sich einfach nicht überreden.

    „Es ist aber wirklich ganz wichtig.“, versuchte es die unbekannte Dame noch einmal.

    „Nichts ist wichtiger als die Gesundheit der Menschen und Gott. Frau Gutierrez steht beidem sehr nahe.“, fuhr Carlos gebetsmühlenartig fort.

    Sofia Maria Gutierrez streifte die blutverschmierten Plastikhandschuhe ab und warf sie in einen Mülleimer. Sie dachte daran, dass ihr bald Narkosemittel, saubere Handschuhe und frische Spritzen ausgehen würde. Sie wollte so bald wie möglich ihre Kontakte spielen lassen. Der venezuelanische Chirurg Xavier Alonso würde ihr sicher gerne helfen, nachdem sie seinen kriminellen Schwager nach einem gescheiterten Überfall auf die jüdische Station St. Patrick notoperiert hatte.

    Zunächst aber trat sie aus ihrer kleinen Praxis und griff in das Wortgefecht ein. Dabei betrachtete sie die junge und attraktive Frau, die da gerade mir Carlos diskutierte. Sie war zwar bildschön und sprach mit fester Stimme, aber auf die Kolumbianerin wirkte sie seltsam traurig und irgendwie auch etwas schüchtern. Sie schien nicht oft in diese Gegend der Metro zu kommen und sah sich immer wieder ein wenig verschreckt um.

    „Schon gut, Carlos. Sie kann ins Vorzimmer kommen. Ich gebe ihr fünf Minuten.“, sagte die Ärztin zum Physiotherapeuten und Aufpasser gerade so laut, dass die junge Frau es ebenfalls hören konnte.

    Mürrisch ließ der Brasilianer die Dame passieren, die dann sogleich auf Sofia Maria Gutierrez zutrat, die sich auf einen spartanischen Holzstuhl hinter ihrem Büro gesetzt hatte, auf dem absolutes Chaos herrschte. Dort lagen nicht nur einige Patientenakten, sondern auch jede Menge Fachliteratur herum, denn die Kolumbianerin war vermutlich die eifrigste und belesenste Ärztin der gesamten Metro. 

                „Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber es geht um etwas sehr wichtiges. Das Leben aller Bewohner dieser Metro hängt davon ab.“, begann die attraktive junge Frau und ließ sich elegant und geschmeidig auf einem eigentlich ungemein unbequemen Schemel nieder und legte ihre Beine, die in edle Seidenstrümpfe gekleidet waren, vornehm über Kreuz.

                Die Ärztin spürte ein leichtes Kribbeln in ihrem Nacken und räusperte sich mit etwas Unbehagen frei, nachdem sie ihr Gegenüber lange ausgiebig gemustert hatte und über die seltsame Gesprächseröffnung nachgedacht hatte. Ihrer Meinung nach hatte die Dame dabei einige Etappen übersprungen.

                „Dürfte ich denn überhaupt wissen, wer Sie sind?“, fragte die Kolumbianerin dann auch sogleich und irritierte die feine Dame auf der anderen Seite des Büros damit offenbar ganz kurz, bevor diese wieder ein charmantes Lächeln aufsetzte.

                „Aber selbstverständlich, entschuldigen Sie meine unhöfliche Zerstreutheit. Mein Name ist Amanda Pottsville und ich bin die Sekretärin des Oberbürgermeisters, der mich in aller Eile und mit höchster Priorität zu Ihnen geschickt hat.“ begann die Sekretärin sanft und blickte fast betreten zu Boden, da sie wusste dass die Ärztin auf die Regierung nicht gut zu sprechen war und es nun einer guten Portion Diplomatie bedurfte, um ihr Gegenüber von einer Kollaboration für die so wichtige Mission zu überzeugen.

                „Wenn es um den Vorfall mit dem Chefarzt geht oder um meine kleine Privatpraxis hier, so möchte ich weder diskutieren noch verhandeln. Alles ist gesagt und alle Positionen sind klar fixiert.“, gab sich die Ärztin dann auch prompt kalt und knapp.

    Amanda Pottsville versuchte ihr Gegenüber wirkungsvoll zu überraschen.

    „Um den ärgerlichen Vorfall von damals müssen Sie sich keine Sorge machen. Der Oberbürgermeister hat persönlich in Auftrag gegeben das Urteil von damals zu revidieren und Sie im Nachhinein von jeder Schuld freizusprechen. Der damalige Chefarzt ist inzwischen sogar schon strafversetzt worden.“, bemerkte die Sekretärin.

    Sofia Maria Gutierrez stockte kurz und war überrascht. Sie hatte in der Tat vor ein paar Tagen von dem venezuelanischen Chirurg erfahren, dass der Chefarzt zur Büroarbeit in eine der Regierungsstationen versetzt und innerhalb kürzester Zeit von einem jungen und kompetenten Arzt ersetzt worden war.

    „Die Regierung ist sogar bereit ihre Praxis hier zu tolerieren, sie mit dem nötigen Material zu versorgen und sie von jeglichen Steuerabgaben zu entbinden. Als Gegenleistung brauchen wir Sie als beste Ärztin in der Metro aber unbedingt bei einer wichtigen Mission.“, verblüffte die gewandte Sekretärin ihr Gegenüber weiter und erzählte ihr dann in groben, aber eindringlichen Zügen von der bevorstehenden Mission, bis sie die engagierte Ärztin überzeugt hatte sie zu den Regierungsstationen zu begleiten.

     

    Teil 2:

    Der Aufbruch  

     

    Man hatte uns sieben Kandidaten, die für die riskante Mission auserwählt worden waren, kurz aber eindringlich auf die bevorstehenden Gefahren vorbereitet und auf die Wichtigkeit der Mission eingeschworen. Die Worte des Bürgermeisters waren klar und deutlich gewesen. Im Gegensatz zu seinem Stellvertreter Kilian Karnovski hatte er Charisma und bestach durch klare Worte, ohne um den heißen Brei herumzureden. Das zeichnete eine Führungsperson natürlich aus und gleichzeitig hatte er die Härte und Kälte, um bislang jeden Umsturzversuch abzuwenden und die Zügel der Metro Torontos in der Hand zu behalten. Er wirkte sicherlich etwas diktatorisch, aber es bedurfte einer solch entschlossenen Identifikationsperson in harten Zeiten wie diesen. Im Grunde flößte sein Auftreten sogar seinen ärgsten Feinden Respekt ein und das war sicher auch ein Grund, warum ihn in der Stadtverwaltung und in der Regierung Ontarios niemand ernsthaft in Frage stellte.

    Er hatte auch die Fakten kurz und bündig wiedergegeben. Man hatte vor drei Monaten damit begonnen, die neuen Strahlenanzüge zu testen. Insgesamt hatten sich drei Kandidaten nach draußen gewagt. Der erste war brutal von einer seltsamen Mutation direkt im Blickfeld der Außenkameras zerfleischt worden. Diese Kreaturen nannte man gepanzerte Hunde. Sie waren klein und wendig wie wilde Hunde, trotz ihrer schuppigen und gepanzerten Reptilienhaut, die sich fast chamäleonartig ihrer Umgebung anpasste womit sie den ersten Mann auch überrascht hatte. Diese Mutation war immer nur in Rudeln unterwegs und es waren wohl fast immer nur Männchen. Die Weibchen schienen irgendwo in Höhlen und Ruinen zu hausen, von denen es in der zerstörten Großstadt mehr als genug gab. Über keine der ganzen neuartigen Spezies wussten die Forscher und Kundschafter der Metro mehr, als über diese gepanzerten Hunde.

    Die beiden anderen Kandidaten hatte ein ungewisses, aber zweifellos schlimmes Schicksal ereilt. Sie waren von seltsamen nackten und bleichen Kreaturen entführt worden, die zwar blind waren, dafür aber über gute Geruchsinne und ein exzellentes Gehör zu verfügen schienen, mit denen sie ihren Opfern problemlos auflauerten. Sie ähnelten Menschen, allerdings wirkten sie unförmiger, waren mit über zwei Metern Größe deutlich imposanter und kommunizierten in einer seltsamen zischartigen Sprache, die durchaus entfernt an Englisch erinnerte. Ihre Körper wirkten kräftiger und muskulöser als die eines Menschen, aber es waren gerade ihre Gesichter, die sich deutlich unterschieden. Sie waren oft von eitrigen Geschwüren entstellt, ihre Lippen waren wulstig, ihre Zungen waren gespalten, ihre Nasen flach und schlitzartig und sie hatten keinerlei Behaarung am Körper. Diese Kreaturen wirkten zwar primitiver als die Metrobewohner, schienen aber doch überdurchschnittlich intelligent zu sein und hatten sich den Gegebenheiten nach der großen Katastrophe offensichtlich weitaus besser angepasst als die erbärmlichen Überbleibsel der Menschheit unter Tage.

    Wie viele es von ihnen gab wusste niemand so genau, aber es waren genug, als dass sie ein Risiko für die Metro und ihre Bewohner darstellten. Der zweite Kandidat war in eine ihrer Fallen getappt. Die Kreaturen hatten eine breite Grube auf einem Straßenzug so gut getarnt, dass der Mann im Schutzanzug dort hineingefallen war. Dann waren die Kreaturen aus den nahe liegenden Häusern gekommen. Sie waren mindestens ein Dutzend gewesen, hatten den Verletzten aus der Grube gezerrt und ihn aus der Sichtweite der Kameras geschleppt. Die Schreie des Mannes, dessen linkes Bein offensichtlich beim Sturz gebrochen und dessen Schutzanzug von den krallenartigen kurzen Händen der Mutanten aufgeschlitzt worden war, würde ich als Zeuge der damaligen Mission wohl niemals vergessen. Manchmal verfolgten mich die gepeinigten Schreie sogar noch in den schweißtreibendsten Alpträumen.

    Der dritte Kandidat war hingegen eher zufällig in einem zerstörten Einkaufszentrum unweit des CN Towers auf eine der Kreaturen gestoßen und hatte das Feuer auf sie eröffnet. Die Kreatur schien von den Schüssen unbeeindruckt gewesen zu sein und hatte ihren Gegenüber in den Trümmern niedergeschlagen, die Waffe des Gegners mit ihrem Speichel verätzt und zerstört und den bewusstlosen Mann im Schutzanzug anschließend mit zwei weiteren Kreaturen in ein Parkhaus gebracht, aus dem der Entführte nie wieder aufgetaucht war. Ich fragte mich nach wie vor, wie man diesen unverwüstlichen Kreaturen dort draußen beikommen konnte.  

     Sie wurden von allen nur die „Weißen“ nannten. Sie gingen technisch erbarmungslos und taktisch klug vor. Deswegen war ihr Gefahrenpotenzial nicht zu unterschätzen. Da sie offensichtlich gegen Schüsse streckenweise immun waren, brauchten die letzte menschliche Bastion der einstigen Millionenmetropole Toronto eben die Zugangscodes zu den modernsten Waffen, die kurz vor dem Untergang fertig gestellt worden waren. Zwar gab es in den abgeschnittenen Metrostationen noch einige Waffen der Bundesregierung, aber da die restliche Metro von dieser seit vielen Jahren nichts mehr gehört hatten, wollte der Bürgermeister direkt eine Gruppe Auserwählter in die Regierungsbunker unter dem Parlament in Ottawa schicken, wo sich die Sicherheitscodes in irgendwelchen unverwüstlichen Safes und die Massenvernichtungswaffen selbst in irgendwelchen mehrfach gepanzerten Kleinbunkern befanden.

    Diese Auserwählten waren nun wir.

    Ich blickte mir die Kandidaten rund um mich herum an und analysierte sie kurz und knapp. Sofia Maria Gutierrez war eine mutige Frau, um die ich mir wenig Sorgen machte, obwohl sie die einzige Dame der Gruppe war. Sie war eine disziplinierte und geschickte Ärztin, die gut auf sich aufpassen und ihre Begleiter effizient behandeln konnte. Im Notfall war sie so etwas wie unsere Lebensversicherung.

    Noah Cohen war aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Er war ein schüchternen Einzelgänger und vom Typ her eher der intellektuelle Bücherwurm. Er hatte eine Kladde dabei, in die er Zeichnungen von verschiedenen Mutationen gemacht hatte. Allerdings kannten wir kaum Spezies von der Erdoberfläche. Neben den Weißen und den gepanzerten Hunden gab es noch die gigantischen Flugechsen, die ihre Beute aus der Luft angriffen, die angriffslustigen Langhaarratten, die mindestens zehn Mal so groß waren wie ihre Vorfahren und sich in der Nähe von Kanalisationen und Wasserläufen aufhielten und die Schmalhyänen, die unseren frühen Katzen glichen, allerdings größer und schlanker waren und sich nur von Kadavern ernährten, selbst jedoch sehr schüchtern wirkten und in den dunklen Ecken der Stadt lebten.

    Dann gab es da Joshua Burns. Er war für mich ein zweischneidiges Schwert. Er konnte gut mit Waffen umgehen und war auch durchaus mutig. Allerdings wirkte er sehr impulsiv und hatte wohl auch den bedauerlichen Tod seines Freundes längst noch nicht verdaut. Ich konnte nur hoffen, dass er diszipliniert bleiben und keinen Aufstand anzetteln oder da oben ganz durchdrehen würde.

    Das größte Risiko war für mich jedoch Ahmed Amine Ahanfouf. Gott weiß, warum der Bürgermeister und sein Kabinett ausgerechnet ihn für eine solch heikle Mission ausgewählt hatten. Vielleicht lag es einfach am Einfluss seines Vaters, dass er in unsere Multikultigruppe aufgenommen worden war. Der junge Mann war arrogant, aufwieglerisch und undiszipliniert. Er hatte eine große Klappe, aber nichts dahinter. Er würde in der Gruppe Zwietracht säen und uns sicherlich bei der allerersten Gelegenheit in den Rücken fallen. Vor allem mit Noah stand er wegen seiner geringen Wertschätzung für Juden auf Kriegsfuß und auch mit Sofia Maria würde er sich wohl nicht gut verstehen. Seine lüsternen Blicke ihr gegenüber waren eindeutig und ihre abschätzige Haltung auch.

    Der beste Mann in der Gruppe war für mich zweifellos Alain Grosjean. Zwar war er als Frankokanadier ganz eindeutig nicht vollständig von unserer Mission überzeugt und hatte es sogar gewagt den Bürgermeister während seiner Präsentation mehrfach zu unterbrechen, um kritische Fragen zu stellen. Auf der anderen Seite war dieser Charakterzug auch löblich, denn der intelligente junge Mann hinterfragte wichtige Entscheidungen, übernahm selbst Verantwortung und ließ sich kein X für ein U vormachen. Zudem war er sehr gut in Form und ein Kämpfer, der da draußen von den fünf Kandidaten sicherlich die realistischsten Überlebenschancen hatte. Vielleicht mochte ich ihn auch nur, weil sein Wesen mich an mich selbst erinnerte. Es war wichtig, dass er mir vertraute und er auf meiner Seite stand, wenn es hart auf hart kommen würde.

    Dann war da noch mein Kollege Jeremy McCoyle. Warum hatte man ausgerechnet ihn an meine Seite gestellt? Der ältere, aber sehr erfahrene und kluge General Anthony Horovitz hätte besser zu mir gepasst, ebenso wie die junge schwarze Generalin Leyla Diagabaté. Jeremy McCoyle war ein Einzelgänger und wurde von allen Kollegen gemieden. Er schien sich nie zu amüsieren und schien auch keinerlei Laster oder Leidenschaften zu haben. Er trank und rauchte nicht, er machte keinen bestimmten Sport, er verachtete jegliche Art von Kunst, er hatte keinen Sinn für Humor, er hatte keine Freunde oder Verwandte und eine Frau schien er auch nie an sich heranzulassen. Der Kerl war kalt wie ein Felsbrocken und das einzige, was ihn antrieb, war seine bedingungslose Loyalität zum Bürgermeister. Diese radikale Bedingungslosigkeit wirkte fast schon blind und fanatisch und auf mich einfach unnatürlich und sogar gefährlich.

    Innerhalb weniger Sekunden hatte ich meine kurze Analyse beendet und blickte auf die teilweise gespannten und ernsten, im Fall von Ahmed Amine aber auch überheblichen und unbeteiligten Gesichter meiner sechs Begleiter, mit denen ich nun nach den Worten des Bügermeisters allein in einem stickigen und abgedunkelten Konferenzraum war.

    Ich machte einen Beamer per Fernbedienung an und präsentierte der wild zusammengewürfelten Truppe eine Karte des südöstlichen Teils der Provinz Ontario, bevor ich mich mit klaren Worten an meine Zuhörer wandte.

    „Morgen früh werden wir um sechs Uhr frühstücken und danach unsere Ausrüstung mitnehmen. Jeder von uns bekommt einen Strahlenanzug und einen Rucksack, der folgende Dinge enthalten wird: fünf Liter Trinkwasser, Nahrung in Form von Müsliriegeln, Dörrfleisch und Suppenpulver, ein Bowiemessser, ein Feuerzeug, einen Geigenzähler, einen Kompass, diverse Landschaftskarten, ein Rettungsseil, einen Schlafsack, ein Schweizer Taschenmesser, eine kleine Signalrakete, eine Taschenlampe, ein wenig Verbandsmaterial und ein kleines Zelt. Die Ausrüstung wird an die fünfundzwanzig Kilo wiegen, aber ihr werdet euch daran gewöhnen. “, begann ich mit meiner präzisen Aufzählung.

    „Was ist mit Knarren? Ich meine, wir werden diese Mutantenviecher ja bestimmt nicht mit einem Taschenmesser platt machen, oder?“, quatschte Ahmed Amine direkt dazwischen.

    „Das ist der nächste Punkt. Wir werden an der Station Main Street an die Erdoberfläche gehen. Einen Kilometer von dort befindet sich eine ehemalige Feuerwehrkaserne. Dort wurden vor der großen Katastrophe diverse Fahrzeuge deponiert. Wir werden dort kleinkalibrige Geländemotorräder vorfinden mit denen wir uns weiter fortbewegen. Fünf Kilometer weiter befindet sich eine alte Militärkaserne, wo wir uns mit Colts M1911 und Berettas 92 ausrüsten werden. Ich weiß, es sind nicht die besten Waffen, aber sie sind auch für Anfänger nicht allzu schwierig handzuhaben.“, fuhr ich ruhig und sachlich fort, aber der übereifrige Marrokaner funkte mir schon wieder feixend dazwischen.

    „Was machen wir denn, wenn uns diese Mutanten zwischen der Metro und dieser Kaserne angreifen? Ich meine, diese drei Typen, die ihr da oben herausgeschickt habt, die haben es nicht mal einen Kilometer weit weg geschafft.“, bemerkte der Jungspund und ich musste zugeben, dass die Frage gar nicht so dumm war. Scheinbar hatte der Frechdachs mehr auf dem Kasten, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte.

    „General McCoyle und ich sind erfahrene Männer und wir sind zu siebt. Die armen Seelen dort oben waren ganz allein und hatten keinerlei Erfahrung.“, brachte ich hervor, aber eine leise Stimme in meinem Innern sagte mir, dass ich da gegen meine Überzeugungen sprach und mir bei der ganzen Sache alles Andere als sicher war. Im Grunde hatte der junge Marokkaner eine wunde Stelle unserer Mission getroffen.

    „Hier unten sind doch genügend Waffen. Warum rüsten wir uns nicht direkt hier aus?“, warf nun auch Alain Grosjean ein.

    „Das ist unmöglich. Alle Waffen müssen unter Tage bleiben. Es ist durchaus möglich, dass in unserer Abwesenheit die Metro von Mutanten angegriffen wird oder es zu Aufständen kommt und da wird jede einzelne Waffe gebraucht.“, warf General McCoyle mit einer schneidenden Stimme ein, die keinen Widerspruch duldete. Für einen Moment war ich ihm fast dankbar, dass er die Diskussion so schnell beendet hatte.

    „Entschuldigen Sie meinen Einwand, aber ich kann weder mit Waffen umgehen, noch Motorrad fahren. Da hätten Sie sich jemand Anderes suchen müssen.“, meldete sich nun auch Sofia Maria zu Wort.

    „Gerade ihr Fachwissen werden wir an der Erdoberfläche brauchen. Wir können auf Sie nicht verzichten. Wir werden mit den Waffen einige Schussübungen vor Ort machen. Es ist wirklich nicht allzu schwer. Mit den Motorrädern ist das sehr ähnlich. Zu Fuß wollen Sie die vierhundertfünfzig Kilometer bis nach Ottawa sicherlich auch nicht überwinden, oder?“, hakte ich nach.

    „Warum fahren wir nicht mit einem Panzer?“, wollte Alain Grosjean wissen.

    „Oder mit diesen Dingern, die sich so drehen?“, warf Ahmed Amine etwas unbeholfener dazwischen und gestikulierte dabei wild.

    „Sie meinen sicherlich Hubschrauber. Das ist aus drei Gründen nicht möglich. Erstens können wir die Strahlung in der Luft nicht einschätzen. Es ist gut möglich, dass sie viel zu stark ist, da müssten wir wissenschaftliche Tests durchführen, die wir bislang nicht machen konnten. Zweitens dürfen sie die Flugechsen nicht vergessen. Wenn unser Helikopter angegriffen wird, dann sind wir allesamt auf der Stelle tot. Wir wären auch für möglichen Beschuss wie auf dem Präsentierteller. Das ist zu riskant. Zu guter Letzt gibt es so weit ich weiß gar keinen intakten Hubschrauber mehr im Großraum Toronto. Was die Panzer angeht, so sind diese in Kasernen untergebracht, die viel zu weit von der Metro entfernt liegen. Mit den Motorrädern sind wir schneller und agiler und müssen nicht von unserer direkten Route abweichen.“, hebelte ich die Argumente der Gruppe aus.

    „Angenommen wir schaffen es bis zu dieser Kaserne. Was passiert dann?“, lenket Alain Grosjean die Diskussion wieder in die richtigen Bahnen.

    „Wir werden uns bis auf den Highway 401 in Scarborough durchschlagen. Dann geht es an den Scarborough Bluffs vorbei und über Kingston bis in die Kleinstadt Prescott, wo früher der Grenzübergang zu den Vereinigten Staaten war. Dort nehmen wir den Highway 416 nordöstlich bis kurz vor Napean. Dann treffen wir auf die 417, die uns bis ins Zentrum Ottawas führt.“, fuhr ich fort und deutete dabei auf die auf der Karte bereits eingezeichnete Route.

      „Wie lange werden wir bis dorthin brauchen?“, fragte Sofia Maria und blickte mich mit ihren geheimnisvollen bernsteinfarbenen Augen undurchdringlich an.

    „In den Zeiten vor der Katastrophe hätten wir es an einem einzigen Tag in fünf Stunden geschafft. Heute würde ich eher fünf Tage einkalkulieren. Genau kann das aber niemand sagen. Wir wissen nicht in welchem Zustand die Straßen sind und auf wen wir bei unserer Reise treffen werden.“, gab ich ganz ehrlich zu.

    „Das bedeutet also für uns: Hoffen wir das beste und rechnen wir mit dem schlimmsten.“, bemerkte Alain Grosjean und blickte sich bedeutungsschwanger um.

    „Wir werden das schon schaffen. Davon bin ich überzeugt. Wenn Sie sonst keine Fragen mehr haben, dann würde ich Ihnen empfehlen sich in ihre Gemächer zurückzuziehen. Morgen wird ein anstrengender Tag.“, schloss ich die kurze Präsentation und wartete, bis sich das kleine Grüppchen so langsam aufgelöst hatte.

    Nur General McCoyle blieb noch im Raum, als ich soeben den Beamer ausschaltete und mich daran machte auch in mein Lager aufzubrechen.

    „Hören Sie, ich möchte mich ja nur ungerne einmischen, aber der Erfolg dieser Mission hat ja oberste Priorität. Ich finde, dass Sie zu viele Zwischenfragen erlaubt haben. Als General ist man eine Führungspersönlichkeit und da lässt man sich von dieser Bande unverschämter Zivilbürger und Dissidenten nicht ständig unterbrechen. Man hält seinen Vortrag vom Anfang bis zum Ende und erst dann werden Fragen erlaubt. Wenn wir weiter so sinnlos herum debattieren, dann verlieren wir kostbare Zeit, verunsichern uns gegenseitig und Sie verlieren an Autorität.“, bemerkte McCoyle drohend und schritt steif neben mir her, als wir das Konferenzzimmer verließen. Der Atem des Generals stank wie ein ausgetrockneter alter Gulli und er atmete schwer und krächzend.

    Gelassen, aber bestimmt wandte ich zu ihm um. Ich dachte mir insgemein, dass ich wohl eher mit diesem General als mit der verbliebenen Zivilbevölkerung autoritär umgehen müsse und wollte direkt und ehrlich zu ihm sein.

    „Hören Sie, McCoyle…“, begann ich, wurde aber direkt scharf unterbrochen.

    „General McCoyle, wenn ich bitten darf.“, fuhr mein Gegenüber schneidend dazwischen und fixierte mich mit einer Mischung aus Ärgernis und Überheblichkeit.

    „Hören Sie, General McCoyle“, fuhr ich bewusst überspitzt fort und blickte den General aus kalten Augen an, da er mich auch nicht mit General angesprochen hatte, „diese sogenannten Zivilbürger und Dissidenten sind auserwählt worden, um die Zukunft der Metro zu gewährleisten. Das Gelingen ihrer und unserer Mission ist von entscheidender Bedeutung. Sie haben also das Recht so viele Fragen zu stellen, wie es ihnen beliebt. Das Stellen einer scheinbar noch so unwichtigen Frage kann entscheidend für unser aller Überleben dort draußen sein. Sobald wir dort oben sind, müssen wir eine Mannschaft formen, in der ein gewisses Maß an Harmonie herrscht und sich der eine auf den anderen verlassen kann.“

    „Harmonie ist etwas für verklärte Romantiker. Was uns dort oben am Leben erhält sind Disziplin und Gehorsam.“, widersprach General McCoyle leise und blickte mich an, als ob er mir am liebsten an den Hals springen würde.

    „Jetzt passen Sie mal auf, Herr General. Wenn Sie denken, dass Sie mir Angst machen oder mich von meinen Prinzipien abbringen können, dann haben Sie sich getäuscht. Sie sind sicherlich der suboptimalste Partner, den man mir zuteilen konnte. Stellen Sie sich mir bloß nicht quer und reißen Sie sich gefälligst zusammen. Es geht hier nicht um Sie oder mich, sondern um das Wohl aller Einwohner Torontos. Falls Sie diesem Ziel hinderlich sein sollten, dann werde ich ohne zu zögern die direkten Konsequenzen daraus ziehen.“, sprach ich nun ebenfalls leise und hatte doch ein wenig Mühe ganz ruhig und sachlich zu bleiben. Ich konnte kaum ausdrücken, wie sehr ich diesen General verachtete. Es hatte an unbeherrschten militärischen Tyrannen wie ihm gelegen, dass das politische Pulverfass hochgegangen war, das letztlich zur großen Katastrophe geführt hatte. Der General war sozusagen das Abbild aller negativen Klischees des Militärs und ich war auf Grund solcher Leute selbst General geworden, um Verantwortung zu nehmen und der Bevölkerung und allen voran auch mir selbst zu zeigen, dass das Militär noch zu etwas zu Nutze war und in irgendeiner Weise für die unfassbaren Fehler der Vergangenheit Schadensbegrenzung betreiben und die Menschheit so lange wie möglich am Leben erhalten konnte.

    Mein Gegenüber blieb überhaupt nicht ruhig und reagierte auf meine provokante Antwort wie ein wild gewordener Derwisch. Er bebte vor Wut, seine Glubschaugen traten nervös aus ihren Höhlen hervor, seine Halsschlagader trat ebenso pochend hervor und er hatte die Hände verkrampft zu Fäusten geballt. Er japste kurz nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und beruhigte sich nur ganz langsam.

    „Wollen Sie mir etwa drohen?“, fragte General McCoyle mit erstickter Stimme.

    „Es ist nicht meine Sache, wie Sie das interpretieren wollen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich habe noch zu tun und morgen einen anstrengenden Tag vor mir.“, beendete ich das Gespräch mit klirrender Kälte.

    Ich drehte mich auf dem Absatz herum und ging im Stechschritt in Richtung meines Zimmers. Dabei spürte ich die giftigen Blicke des Generals, die mich geradezu hinterrücks erdolchen wollten. Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken und kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Dieser Wahnsinnige war unberechenbar!

    Als ich endlich aus seinem Blickfeld verschwunden war und auf der Treppe schon in Richtung Schlafquartier gehen wollte, überlegte ich es mir doch noch einmal anders und machte schweren Herzens kehrt. Ich hatte noch etwas Wichtiges zu erledigen.

     

    *

     

                Amanda Pottsville wirkte auf mich heute etwas fahrig und unkonzentriert. Die junge Sekretärin hatte nervöse Zuckungen in den Händen und der Schweiß lief ihr über die Stirn in das sonst so hübsche und makellos geschminkte Gesicht. Sie hatte auf mich immer wie ein Püppchen gewirkt, aber heute erinnerte sie mich eher an Chucky, die Mörderpuppe.

    In einem Anflug plötzlicher Nostalgie dachte ich daran, als ich den letzten Film dieser Reihe namens „Curse of Chucky“ im Kino gesehen hatte. Es war in einem Vorort Torontos gewesen und ich war dort damals mit meiner japanischen Freundin gewesen. Gerade einmal neunzehn war ich damals gewesen und mitten in der Militärausbildung. Sie war die Liebe meines Lebens gewesen, aber Kawashima Momoko hatte die Katastrophe damals nicht überlebt. Wir hatten die letzten gemeinsamen Momente am Handy verbracht. Ich wurde gerade gewaltsam unter Tage gelotst, weil ich eigentlich oben bleiben wollte, um irgendwie noch den Weg zu meiner Freundin zu finden. Sie war damals in Ottawa auf einer Fortbildung gewesen, als die ersten Bomben gefallen waren. Sie hatte sich sofort ins Auto gesetzt, um nach Toronto zu kommen, aber schon bei Napean war der Kontakt abgebrochen. Sie hatte es nicht geschafft.

    Seit ihrem Tod war mir alles Andere zweitrangig geworden. Selbst wenn ich morgen schon an der Erdoberfläche von einem gepanzerten Hund in Stücke gerissen werden würde, so war mir das gleichgültig. So würde ich endlich mit meiner großen Liebe im Jenseits vereint sein, wenn es denn so etwas gab. Auch das war unwichtig für mich, allein der Gedanke daran, dass es so etwas geben konnte, erfüllte mich mit Frieden. Ich machte mir um mein eigenes Schicksal keine Sorgen und um das von General McCoyle ohnehin nicht. Das Schicksal der fünf Novizen war mir aber nicht gleichgültig, denn ich war schließlich auch für sie verantwortlich und sie brauchten einen perfekt aufgelegten General Geoff Madison dort oben.

    In dem Moment ging die Tür zum Büro des Bürgermeisters auf, der mich mit einem aufgesetzten Lächeln empfing, das aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass er von meiner abendlichen Stippvisite überrascht war.

    „General Madison, was kann ich für Sie zu so später Stunde noch tun?“, fragte der Bürgermeister und eine Mischung aus Ungeduld und Vorwurf schwang darin mit.

    Ich blickte kurz auf die Sekretärin, die sich tunlichst bemühte woanders hinzusehen. In diesem Moment fixierte sie sehr konzentriert die Decke. Was zur Hölle war bloß los mit ihr?

    „Ich würde das gerne unter vier Augen besprechen.“, begann ich und trat zu Jordan Jefferson ins Büro.

    Dort nahm ich Platz und blickte auf die kitschige Kuckucksuhr. Mein Vater war ebenfalls General und jahrelang in Deutschland stationiert gewesen. Er hatte auch einmal eine dieser Uhren mit nach Hause gebracht. Zur Zeit der Katastrophe hatte er sich in Deutschland befunden und meine Mutter war gerade dort zu Besuch gewesen. Ob die Bundesrepublik wohl auch so vom Krieg zerstört worden war wie Kanada?

    Es war genau 21:12 Uhr. Das erinnerte mich an ein gleichnamiges Album der kanadischen Band Rush, die auch aus Toronto kam. Es war die Lieblingsband meines Vaters gewesen. Ich hatte die Band mit ihm während einer seiner raren Besuche im Sommer 2013 sogar einmal live in Hamilton gesehen. Das war eines der letzten Male gewesen, dass er und ich uns richtig nah gewesen waren, sowohl emotional, als auch physisch. Nur mühsam konnte ich mich von dieser ermunternden und gleichzeitig tonnenschwer lastenden Nostalgie losreißen.

    „Jetzt bin ich aber mal gespannt. Womit kann ich Ihnen dienen?“, fragte Jordan Jefferson und ließ sich mit gerunzelter Stirn in seinem Bürosessel nieder.

    „Es geht um General McCoyle. Ich möchte mir gewiss nicht anmaßen ihn zu diskreditieren, aber ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass er für die Mission nicht die richtige Wahl ist.“, kam ich direkt zum Thema.

    „Führen Sie das bitte weiter aus.“, meinte der Bürgermeister ernst.

    „Er ist herrisch und überheblich mit den Auserwählten und flößt ihnen mehr Angst und Unbehagen, als Mut und Vertrauen ein. Zudem hat er mir gegenüber eine negative Attitüde. Er stellt mich ständig in Frage, äußert Dinge, die ich als persönliche Drohungen interpretiere und hat sein Ego und seine Gefühle nicht ausreichend in seiner Gewalt, um ein makelloses Gelingen unserer Mission zu gewährleisten.“, berichtete ich so sachlich wie möglich.

    Mein Gegenüber stand auf und lief nun nachdenklich hinter seinem Büro hin und her. Dabei zündete er sich in aller Ruhe seine Pfeife an und zog entspannt daran.

    „Herr General, mir ist bewusst, dass General McCoyle und Sie sich nicht grüne sind. Ich habe mit ihrem Kollegen auch letztens noch einmal gesprochen und ihn ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Sie das Oberkommando haben und persönliche Streitereien bei der Mission fehl am Platze sind. Er wirkte auf mich gescheit und einsichtig und ich bin mir sicher, dass er sich dort oben ihren Befehlen unterordnen und ausgezeichnete Arbeit vollrichten wird.“, erklärte der Bürgermeister.

    „Da habe ich berechtigte Zweifel. Warum stellen Sie mir nicht Generalin Diagabaté oder General Horovitz an die Seite?“, fragte ich.

    „Bei aller Liebe, Herr General, aber ihr ehrenwerter Kollege Horovitz geht stramm auf die siebzig zu. Ein solcher Außeneinsatz würde ihm zu viel abverlangen. Bei der Kollegin Diagabaté fehlt es hingegen an Erfahrung. Sie ist ohne Frage außerordentlich talentiert, aber es mangelt ihr noch an Disziplin. General McCoyle ist aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Er ist der Regierung gegenüber absolut loyal, seine Fitnesswerte sind fast so gut wie ihre und sein Umgang mit Waffen ist sogar noch etwas besser. Er ist nur etwas älter als Sie. Er verfügt über genügend Erfahrung und ist außergewöhnlich agil. Es ist ja nicht so, als ob wir hier Hunderte von Generälen hätten, wir haben lediglich vier. Aber ich vertraue General McCoyle bedingungslos und wenn ich das tue, dann sollten Sie das auch.“, erklärte der Bürgermeister ruhig und bestimmt.

    Ich merkte sofort, dass ich mit meinem Vorliegen bei ihm auf Granit biss. Irgendwo konnte ich den Bürgermeister sogar verstehen. Rein vom Papier her war General McCoyle der perfekte Kandidat. Vom mentalen und zwischenmenschlichen her war er aber die schlimmste Wahl. Ich kam hier jedoch nicht weiter und musste mich meinem Schicksal beugen.

    „Sie können sich absolut auf mich verlassen. Ich vertraue mir ebenfalls und bin mir einhundertprozentig sicher, dass ich auch unsere fünf Rekruten unter Kontrolle habe. Lediglich für General McCoyle kann ich da nicht sprechen.“, bemerkte ich noch einmal.

    „Ich spreche ihm das vollste Vertrauen aus und dabei bleibt es. Sie sollten jetzt in ihr Schlafgemach gehen, denn es ist schon spät und morgen früh werden Sie ihre Kräfte brauchen. Machen Sie sich um General McCoyle keine Sorgen. Er kann etwas aufbrausend sein, aber er weiß besser als jeder Andere, was auf dem Spiel steht.“, beendete der Bürgermeister das Gespräch und bot mir seine Hand an.

    Ich nahm sie mit festem Griff an und verabschiedete mich in Richtung meiner Quartiere, aber meiner Sorgen und Zweifel hatte der Bürgermeister mich gewiss nicht entledigen können und so ging ich mit großer Unruhe schlafen. Dabei war ich so sehr in Gedanken versunken, dass ich nur im tiefsten Unterbewusstsein bemerkte, wie verkrampft mir die Sekretärin Amanda Pottsville hinterher blickte bis ich endlich aus ihrem Blickfeld entschwunden war.

     

    *

     

                Ich war außer mir vor Rage! So respektlos wie dieser Madison hatte man mich ja noch nie behandelt. Was der sich wohl herausnahm? Mit seiner unwürdigen und kumpelhaften Einstellung würde er den fünf undisziplinierten Dissidenten jedenfalls keinen Respekt einflössen. Dieser General hielt sich selbst wohl für den besten unter Gottes Sonne, aber mir konnte dieser aufgeblasene und ignorante Truthahn das Wasser nicht reichen. Er hatte weniger Disziplin als ich, er zeigte sich gegenüber den Vorgesetzten bei weitem nicht so dienstbeflissen, einsichtig und loyal, wie man das von einem Mann seiner Klasse erwarten musste und selbst was die praktischen Dinge wie den Umgang mit Waffen und die Reaktionsschnelligkeit anging war ich ihm weit voraus.

                Nun gut, er war immer noch besser als dieser alte und vertrottelte Horovitz, den man am besten so rasch wie möglich in Rente schicken sollte. Von diesem schwarzen Flittchen Diagabaté wollte ich am liebsten gar nicht erst sprechen. Dass man überhaupt wertvolle Plätze in der Metro für diese ganzen Buschneger, Indianer, Schlitzaugen und was weiß der Geier noch alles verschwendet hatte war ja schon der blanke Hohn, aber dass eine von denen auch noch denselben Rang und Titel wie ich tragen durfte, das war eine schallende Ohrfeige bar jeglichen Verstands.

    So gesehen war dieser überhebliche Madison noch das kleinste Übel. Aber er würde mich noch so richtig kennen lernen. Sobald sich die erstbeste Möglichkeit bieten würde, da würde der Schwachmaat sein blaues Wunder erleben.

    In diesem Moment klingelte neben meinem spartanischen Bett das alte Telefon. Sofort richtete ich mich auf und nahm das Gespräch an.

    „General McCoyle am Apparat!“, bellte ich ins Telefon.

    „Jefferson hier. Raten Sie mal, wer gerade bei mir vorstellig geworden ist.“, begann der Bürgermeister am anderen Ende und ich musste gewiss nicht lange raten.

    „Sicher dieser General Madison.“, knurrte ich und legte so viel Verachtung wie möglich in meine Worte, was meinem Gesprächspartner nicht entging.

    „Ganz genau. Er hat sich über Ihr Verhalten beschwert und wollte mir klar machen, dass Sie nicht der richtige Mann für die Mission sind.“, erklärte Jordan Jefferson ganz ruhig am anderen Ende.

    „Diese undisziplinierte und hinterhältige Art überrascht mich gar nicht von diesem überheblichen Nichtsnutz.“, begann ich zu poltern, aber der Bürgermeister behielt die Ruhe und unterbrach meinen Wutausbruch.

    „General McCoyle, Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Wir haben doch alles immer wieder durchgekaut. Ich habe die Bedenken von General Madison zerstreut. Aber Sie müssen sich am Riemen reißen und zurücknehmen. Es geht hier nicht um Sie oder um ihn, es geht um das Wohl aller. Begreifen Sie das doch endlich. Sie dürfen nicht scheitern, General McCoyle! Sie sind eine unverzichtbare Schlüsselfigur!“, ermahnte mich der Bürgermeister eindringlich.

    „Das ehrt mich sehr. Ich bin mir dieser Bürde bewusst und trage sie mit Stolz.“, gab ich zufrieden zurück.

    „Das ist auch Ihr gutes Recht! Sie sind das entscheidende Element. Es hängt von Ihnen ab, ob die Mission gelingt oder nicht. Also beißen Sie in den sauren Apfel und kooperieren Sie dort oben mit General Madison. Es laufen schon genug Mutanten an der Erdoberfläche herum und ihre fünf Schützlinge werden Ihnen auch alles abverlangen. Da können wir uns einen persönlichen Kleinkrieg mit ihrem Kollegen nicht leisten!“, mahnte Jordan Jefferson noch einmal.

    „Machen Sie sich keine Gedanken. Ich weiß, was zu tun ist.“, erwiderte ich mit breitem Grinsen.

    „Das will ich auch hoffen. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht!“, beendete der Bürgermeister das Gespräch und legte dann auf.

    Ich legte den Hörer ebenfalls auf und legte mich entspannt auf mein Bett. Die Vertrauensbekundung des Bürgermeisters hatte wie Balsam auf mein angeschlagenes Ego gewirkt. Ich fühlte mich schlagartig entschlossener, konzentrierter und ruhiger. Es tat gut zu wissen, dass die wichtigste Person der Metro voll auf mich zählte und es war meine Pflicht, das in mir gesteckte Vertrauen doppelt und dreifach zurückzuzahlen.

    Mit diesem martialischen Gedanken und einem breiten Grinsen auf den Lippen schlief ich endlich langsam ein.

     

    *

     

                „Das ist doch das reinste Himmelfahrtskommando!“, begehrte ich auf und blickte meine zukünftigen Mitstreiter an.

    Ich traute bisher keinem von ihnen und dieses Misstrauen schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Zwar befanden wir uns im so genannten Gemeinschaftsraum, an den unsere kleinen Einzelzimmer grenzten und der auf mich eher wie ein düsterer Schutzbunker aus dem zweiten Weltkrieg wirkte aus dem es kein Entrinnen gab, aber von Gemeinschaft war hier keine Spur. Jeder von uns war vor der heiklen Mission mit sich selbst beschäftigt, aber irgendwann hatte ich diese drückende Stille nicht mehr ausgehalten und versuchte wenigstens irgendetwas über die Menschen zu erfahren mit denen ich ab morgen Seite an Seite in einer desolaten Welt um Leben und Tod kämpfen würde. Ich sah mir meine vier Begleiter in diesen Momenten genauer an.

    In einer dunklen Ecke des Raumes hatte sich Ahmed Amine Ahanfouf auf einen Perserteppich gesetzt, der wohl extra für ihn hier deponiert worden war. Eben hatte er noch gen Mekka gebetet, jetzt saß er ungewöhnlich konzentriert da. Er hatte die Augen geschlossen, die Hände ausgebreitet und murmelte sich einige Worte zu, die ich akustisch nicht verstand. Er hatte meinen Kommentar scheinbar gar nicht wahr genommen.

    Alain Grosjean saß in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes und blickte einige Gegenstände an, die er in einer kleinen handlichen Schatulle verstaut hatte. Ich erkannte einige Fotos, aber auch eine Kette und sogar einen Eishockeypuck. Es waren wohl persönliche Gegenstände, die ihn an gewisse Menschen oder Erlebnisse seiner Vergangenheit erinnerten und es wirkte beinahe so, als suche er in ihnen Kraft für die bevorstehenden Aufgaben und nehme gleichzeitig Abschied von ihnen.  

                Noah Cohen saß ebenfalls mit leerem Blick abseits und schien sich auf ein Gebet vorzubereiten. Nach der großen Katastrophe hatte ich ohnehin gemerkt, dass viele Menschen wieder religiöser geworden waren. Sie hatten oftmals alles verloren, was sie gehabt hatten und ihnen blieb nichts mehr als ihr Leben und der Glaube an eine höhere Macht, die sich ihrer erbarmen würde.

                Lediglich Joshua Burns blickte mich an und schien für diese Unterbrechung fast schon dankbar zu sein. Er hatte sich in der Mitte des Raumes auf ein ausrangiertes Sofa neben einen kleinen Tisch mit einer flackernden kleinen Lampe gekauert und kaute nervös auf seinen Fingernägeln. Er fand einfach keine innere Ruhe, wirkte fast schon grimmig und hatte sich mit der Gesamtsituation offensichtlich noch nicht abgefunden.

                „Ich glaube, dass die uns nicht ausgewählt haben, weil wir so besonders clever und talentiert sind. Ich glaube, dass die uns loswerden wollen!“, bemerkte der junge Kanadier grimmig.

    Mir war dieser Gedanke auch schon gekommen, aber ich wusste einfach viel zu wenig über meine Mitstreiter, um das beurteilen zu können. Im Grunde kannte ich gerade mal ihre Namen und ihre ethnische Herkunft. Ich wollte dieser düsteren These auf den Grund gehen.

    „Warum ausgerechnet uns? Was haben wir verbrochen?“, fragte ich also den griesgrämigen Fingernagelkauer.

                „Meine Eltern haben sich einst gegen die Regierung gestellt und sind zu den beiden abtrünnigen Stationen übergelaufen. Diese sogenannten Rebellen sind alles, was ich habe und ich würde ohne zu zögern alles für sie tun, auch wenn ich selbst dabei draufgehen würde. Als dieser stellvertretende Bürgermeister mich aufgesucht hat, da kam er mit einer ganzen Horde Soldaten auf meinen besten Freund und mich zu. Meinen Kumpel haben sie einfach erschossen und mir keine Wahl gelassen mitzukommen!“, berichtete Joshua mit bebenden Lippen und in seinen feuchten Augen spiegelte sich unbändiger Hass.

                „Ja, bei mir ist es nicht ganz unähnlich. Auch ich bin den Behörden ein Dorn im Auge. Ich habe eine kleine Arztpraxis, in der ich auch denen helfe, die in dem von der Regierung geführten Krankenhaus nicht behandelt werden. Das sind meistens Regierungsgegner oder Kleinkriminelle.“, gab ich ehrlich zu und versuchte nun auch meine anderen Mitstreiter in dieses Gespräch zu verwickeln.

    Alain Grosjean verstaute seine Erinnerungsstücke in seiner Schatulle und packte sie in die Brusttasche seines weiten Hemdes. Dann zuckte er nur mit den Achseln.

    „Bei mir gibt es eigentlich wenig zu berichten. Sie haben mich vielleicht nur genommen, weil ich zu den sportlichsten Bewohnern der Metro gehöre.“, mutmaßte der attraktive junge Mann verhalten.

    „Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Die Rassisten von der Regierung wollen euch Minderheiten loswerden. Zudem seid ihr Frankokanadier ja ohnehin ständig gegen alles und spielt euch auf, als ob ihr ein eigenes Land seid.“, entgegnete Joshua Burns.

    „Da hat er recht. Als ethnische Minderheit beißt man in Kanada ja immer in den sauren Apfel. Vielleicht wollte man einfach eure Gemeinde ein wenig schwächen.“, fügte auch ich hinzu und war überrascht, dass der Frankokanadier so gelassen reagierte und auf unsere Verschwörungstheorien nicht einging. Normalerweise waren die Frankokanadier vor der großen Katastrophe in aller Regelmäßigkeit immer die ersten gewesen, die sich von der breiten Masse ungerecht behandelt gefühlt hatten und Streit suchten. Alain Grosjean bestätigte diese Klischees hingegen überhaupt nicht. Er war der einzige, der mit dieser brenzligen Situation behutsam umging und diese Besonnenheit flößte mir jede Menge Respekt ein. Der junge Mann imponierte mir.

    „Das kann ich mir weniger vorstellen. Im Moment gelten zwischen unserer Station und den Regierungsstationen ein relativ faires Handelsabkommen und ein umfangreicher Friedenspakt in zwölf Punkten, denen alle Bewohner der Station Jane zugestimmt haben.“, begründete Alain Grosjean.

    „Man hat euch einen Maulkorb verpasst und an eine kurze Leine gespannt, das ist alles. Du klingst ja fast, als seist du auf der Seite der Regierung!“, gab Joshua aggressiv zurück und stand von seinem Sofa auf.

    „Ich versuche lediglich keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.“, bemerkte der Angesprochene und reagierte auf die Provokationen seines neuen Gefährten ganz ruhig.

    „Was ist mit dir? Glaubst du an eine Verschwörung?“, fragte ich nun Noah, der aus seiner Starre erwacht war, unsere Diskussion nervös zusammengekauert verfolgt hatte und nun wie unter einem elektrischen Schlag zusammenzuckte, als ich ihn direkt ansprach.

    „Ich? Ja. Also, ich meine nein. Es gibt keine Verschwörung. Ich habe niemandem etwas getan.“, antwortete der Angesprochene stotternd.

    „Na klar, ihr braven Juden habt nie irgendjemandem etwas getan. Ihr habt nur euren eigenen Heiland verraten und dem Tode ausgeliefert. Ihr habt nur ganz zufällig den Leuten über Jahrhunderte hinweg schamlos das Geld aus den Taschen gezogen. Ihr habt nur aus Versehen Regierungen bestochen und manipuliert und allen eure Überzeugungen diktiert. Vielleicht hatte die Regierung der Metro von eurer Einstellung auch mal gestrichen die Nase voll. Was meint ihr wohl, warum euch keiner mag und ihr immer verfolgt und ermordet wurdet, wo immer ihr auch hingegangen seid?“, begehrte jetzt Ahmed Amine auf, der sich von seinem Teppich erhoben hatte und mit nackten Füßen über den kalten Beton auf den eingeschüchterten Noah zuging.

     „Hör sofort mit diesen Provokationen auf!“, sagte Alain mit ganz leiser und drohend düster klingender Stimme.

    „Was ist denn? Ich habe doch recht! Natürlich sind wir hier das Kanonenfutter der Regierung. Die Eltern vom Juden sind einflussreich. Deine Eltern sind in ihrer Kommune wichtig. Joshua ist bei den Rebellen. Die Tusse da drüben pflegt Gangster gesund. Mein Vater ist ein einflussreiches Mitglied im Metrorat und einer der reichsten hier unten. Man will uns loswerden und die Macht unserer Familien einschränken. So sieht die Sache doch aus!“, bemerkte Ahmed mit immer lauter werdender Stimme und war fast schon symbolisch in unsere Mitte getreten.

    „Selbst wenn es so ist, so müssen wir respektvoll miteinander umgehen. Hier geht es nicht um dich oder um dein großes Ego. Es geht um das Überleben unserer Freunde und unserer Familien. Wir müssen da oben zusammen kämpfen und uns aufeinander verlassen können. Da muss es dir egal sein, ob einer deiner Partner eine Frau oder ein Jude oder weiß der Geier was ist. Vielleicht erschießt die Tusse morgen früh schon das Monster, das sich in deinem Rücken herangeschlichen hat und dich fressen will und der Jude gibt dir morgen Abend von seinem Proviant ab, nachdem du es beim Kampf schon verloren hast.“, belehrte Alain den aufgebrachten Moslem.

    „Darauf kann ich verzichten, Mann! Lieber verrecke ich morgen da oben, als mein Leben einer Schlampe zu verdanken oder Almosen von einem Juden anzunehmen.“, gab der Marokkaner trotzig zurück und es herrschte nach seinen Worten mit einem Mal frostige Stille im Raum, sodass Ahmed sich feixend und wild gestikulierend umsah.

    „Halt die Fresse und geh sofort in dein Zimmer!“, brach Joshua die betretene Stille und trat dem Kanadier marokkanischen Ursprungs mit geballten Fäusten näher.

    „Wer bist du denn mit deinem beschissenen Judennamen? Du hast mir mal gar nichts zu sagen!“, begehrte dieser auf.

      „Das werden wir ja sehen, du Bastard. Hier hast du vier Leute gegen dich!“, nahm Joshua die provokante Steilvorlage an und trat direkt vor Ahmed.

    Die Stirnen der beiden berührten sich kurz und sie blickten sich fest in die Augen. Da drückte Ahmed sein Gegenüber mit beiden Händen von sich weg. Joshua reagierte sofort und verpasste seinem Gegner eine schallende Ohrfeige.

    Ahmed berührte die getroffene Stelle kurz mit seiner eigenen Hand, blickte diese verwirrt an und richtete seinen Blick dann voller Wut auf den Angreifer. Dann warf er sich nach vorne und verpasste Joshua einen wuchtigen Hieb in den Magen. Dieser reagierte gewandt, drehte sich rasch zur Seite und riss sein Knie so hoch bis es seinerseits in der Magengrube des Anderen landete, der stöhnend in die Knie ging.

    Joshua wollte direkt nachsetzen und mit einem senkrechten Handkantenhieb auf den Hinterkopf des Zusammengekrümmten eindreschen, als Alain schon herangeeilt kam und den entfesselten Rebellen robust in den klassischen Polizeigriff nahm.

    Da Noah die ganze Szene nur ängstlich verfolgt und sich verkrampft in die am weitesten vom handfesten Streit entfernte Ecke des Raumes verkrochen hatte, erkannte ich, dass es nun an mir lag einzugreifen um den zweiten Streithahn zu bändigen. Rasch lief ich an den mit Joshua ringenden Alain vorbei und fing so gerade noch mit meinem Unterarm einen Schlag Ahmeds ab, der seinem Gegner gegolten hat.

    Ein stechender Schmerz machte sich sofort an der getroffenen Stelle breit und mein Arm wurde kurzzeitig ein wenig taub. Wild pochend versuchte sich das Blut einen Weg durch die Adern zu zwängen und ich war von dem unangenehmen Gefühl kurzzeitig abgelenkt.

    Ahmed versuchte dies auszunutzen und rempelte mich ungestüm zur Seite. Alain reaghierte gedankenschnell und stieß nun seinerseits Joshua zur Seite, um diesen aus der unmittelbaren Gefahrenzone heraus zu befördern. So ging Ahmeds Schlag ins Leere und er geriet bei seiner unplanmäßigen Gewichtsverlagerung nach vorne ins Stolpern.

    Alain nutzte den Schwung des Gegners aus, duckte sich unter dessen nächsten ungestümen Schlag geschmeidig hinweg und unterlief somit den Angriff des Kanadiers mit marokkanischen Wurzeln. Gedankenschnell packte der Frankokanadier den ausgestreckten Arm seines Gegners, drängte seinen Körper gegen den des Unruhestifters und beförderte diesen mit einer weichen Hebelbewegung mit seinem gesamten Körpergewicht über seine Schulter. Ahmed schrie vor Überraschung auf, als er durch die Luft katapultiert wurde und drohte hart auf dem kalten Betonboden aufzuschlagen, aber Alain wollte seinen Duellanten nicht verletzen. Er bremste seinen Wurf ab, indem er seinen Gegner festhielt, leicht in die Knie ging und somit den Sturz beträchtlich abfederte. So deponierte er den hilflosen Gegner geradezu behutsam auf den kalten Boden und ging sicher, dass dieser sich nicht verletzte.

    Dann aber fuhr der Frankokanadier herum und drückte seinem Kontrahenten das Knie gegen den Brustkorb während er gleichzeitig die beiden Arme des Gegners zu packen kam und zu Boden drückte. So befand sich der am Boden liegende in einer Position, aus der er sich nur mit wahren Bärenkräften oder einer gerissenen Kampfkunsttechnik hätte befreien können.

    Da Ahmed weder über das eine, noch über das andere verfügte und seinem Ärger dennoch Luft machen wollte, spuckte er seinem Gegner wütend ins Gesicht.

    Alain hielt kurz inne, wischte sich mit dem Handrücken die Spucke aus dem Gesicht und packte dann mit der anderen Seite der Hand seinem Gegenüber ans Kinn. Dabei blickte er ihn durchdringend an und verlagerte seine Position und sein Gewicht in die Mitte dessen Brustkorbs, sodass er seinen Gegner auch mit nur einer freien Hand ganz am Boden bändigen konnte.

    „Pass gut auf, mein Freund. Das hast du gerade zum allerletzten Mal getan. Wenn du dir dort oben solch eine physische oder verbale Entgleisung leistest wie gerade, dann kann dein Leben ganz schnell verdammt einsam und unangenehm werden, falls du dann überhaupt noch am Leben bist“, sagte Alain leise, aber beängstigend deutlich.

    Ahmed blickte ihn zunächst weiter grimmig an, aber die Wut in seinem Blick wisch schnell der Angst und der Unruheherd zog es mit einem Mal vor den Boden neben sich mit verdrehten Augen anzustarren.

    „Hast du mich verstanden?“, fragte Alain, aber der stolze Ahmed antwortete ihm nicht direkt.

    Alain verlagerte noch einmal sein Gewicht nach vorne und Ahmed stöhnte angestrengt auf. Dann packte der Frankokanadier das Gesicht des Gegners und rückte es spielend leicht in sein Blickfeld, sodass sich die beiden jungen Männer anblicken konnten.

    „Haben wir uns verstanden?“, wiederholte Alain sein Anliegen und erst jetzt nickte Ahmed ächzend.

    Alain Grosjean blickte ihn noch eine Weile warnend an, bevor er sich sanft zur Seite abrollte und in derselben Bewegung wieder auf die Beine kam.

    Während Ahmed sich nur mühsam wieder erhob und dann wortlos in seinem Zimmer verschwand, merkte ich, dass auch der wütende Joshua und der verängstigte Noah schon in ihre Zimmer gegangen waren.

    „Geht es dir gut? Verdammt, du blutest da!“, bemerkte Alain und wies auf meinen Mund.

    Verwirrt tastete ich über meine Lippe und merkte, dass sie leicht angeschwollen war. Dann blickte ich auf meine Fingerkuppen, an denen leicht das Blut klebte. Scheinbar war ich doch etwas ungestüm in den Schlag Ahmeds hineingelaufen. Ich hatte in der ganzen Aufregung gar nicht gemerkt, dass ich mich verletzt hatte. Erst jetzt merkte ich, dass mein Unterarm immer noch pochte und sich auch ein leicht süßlicher Geschmack in meinem Mund bereit gemacht hatte. Ernsthafte Schmerzen hatte ich aber nicht.

    „Ach, das ist gar nichts. Da sind nur ein paar Kratzer. Da bin ich schlimmeres gewohnt.“, gab ich mit unsicherem Lächeln zurück und dachte kurz an den perversen Chefarzt, der versuchte hatte mich in einem kleinen Aufenthaltsraum des Krankenhauses sexuell zu belästigen.

    „Bist du dir da sicher? Ich könnte ein Pflaster besorgen.“, bemerkte Alain, der ganz den Gentleman spielte und sich um mich sorgte.

    Normalerweise mochte ich eine solche Attitüde gar nicht und trat ihr sehr kritisch gegenüber. Ich war es gewohnt mich um mich selbst zu kümmern und die meisten Männer, die anfangs höflich wirkten, hatten es doch nur auf Sex abgesehen oder wollten dem Ruf ihres übergroßen Egos folgen. Bei Alain wirkte die Geste aber sehr ehrlich und auch unaufdringlich. Dennoch wollte ich auf sein Angebot nicht eingehen, denn ich kannte ihn ja gerade erst seit ein paar Stunden und wusste noch gar nicht, wie ich die ganze Situation einschätzen sollte. Mit einem Mal wurde ich ganz müde und musste herzhaft gähnen.

    „Da bin ich mir sicher. Ich brauche nach all der Aufregung einfach etwas Ruhe. Es ist spät geworden. Wer weiß, wann ich das nächste Mal so etwas Ähnliches wie ein Bett sehen werde. Ich werde mich jetzt zurückziehen, wenn dich das nicht stört.“

    Es störte ihn nicht. Als ich die Tür zu meinem Schlafraum kurz danach langsam hinter mir herzog, dachte ich mir noch, dass Alain für einen Mann schon gute Manieren hatte. Und dass er auch ganz gut aussah. Schnell schüttelte ich den Kopf und verdrängte den Gedanken, wobei er mich kurz von dem abgelenkt hatte, was morgen auf uns zukommen würde. So gesehen war ich dem Frankokanadier für seinen beherzten Auftritt sehr dankbar. Man merkte, dass er Verantwortung übernehmen wollte und während mir diese Profilierungssucht bei den meisten Leuten missfiel, so wirkte sie bei ihm nicht nur diplomatisch, sondern auch natürlich.

    Mit schweren Gliedern bettete ich mich auf meine Schlafstätte und merkte wie sich meine Augen wie von ganz allein schlossen. Es war ja auch ein verrückter Tag gewesen. Erst hatte ich einen verletzten Indianer verarztet, dann dieses seltsame Gespräch mit der sanftmütigen Amanda Pottsville gehabt, mir dann eine Rede des widerwärtigen Bürgermeisters anhören müssen, anschließend einer Sitzung mit zwei völlig verschiedenen Generälen beigewohnt und zu allem Überfluss auch noch einer handfesten Auseinandersetzung mit meinen neuen Gefährten beiwohnen müssen. Das waren wohl die aufregendsten vierundzwanzigsten Stunden meines Lebens gewesen und dies schien erst der Anfang zu sein.

    Mit diesem Gedanken wurde ich immer müder und fiel endlich in einen tiefen und traumlosen Schlaf.

     

    *

     

                „Die beiden würden ein gutes Pärchen abgeben, was meinst du Kilian?“, fragte ich amüsiert, als ich auf den Kameras im Kontrollraum verfolgte wie Sofia Maria Gutierrez sich in ihren Schlafraum zurückzog während Alain Grosjean sich nachdenklich auf dem großen Sofa in der Mitte des Raumes niederließ und der attraktiven Kolumbianerin nachblickte.

    „Vielleicht, aber an so etwas ist doch im Moment nicht zu denken. Außerdem hat Herr Grosjean ja eine Freundin.“, erwiderte mein Stellvertreter mit dem kantigen Ernst, den ich an ihm so schätzte und der mir gleichzeitig auf die Nerven fiel.

    „Er hat eine Freundin, die er vielleicht nie wieder sieht, je nachdem, was da draußen passiert. Und das weiß der schlaue Bursche auch. Heute ist vielleicht das letzte Mal, dass er zu so etwas eine Gelegenheit bekommt.“, erwiderte ich mit einem unverschämten Lächeln auf den Lippen.

    „Mit Verlaub, aber was mich viel mehr beschäftigt ist die Spannung in der Gruppe.“, bemerkte mein Minister mit belegter Stimme.

    „Ein bisschen Feuer kann nicht schaden, solange es nicht lichterloh brennt.“, entgegnete ich vieldeutig und fand diese Antwort irgendwie besonders gelungen.

    „Damit meine aber auch die beiden Generäle.“, setzte Kilian nach und warf mir einen besorgten Seitenblick zu.

    „Mach dir da mal keine Gedanken. Beide wissen ganz genau, was sie zu tun haben.“, erwiderte ich mit einer abwertenden Handbewegung.

    „Bist du dir da wirklich sicher?“, fragte Kilian Karnovski und der fettleibige Angsthase klang dabei so erbärmlich, dass ich ein Drucksen unterdrücken musste.

    Kurz musste ich daran denken, was ich mit den beiden Generälen in vielen getrennt voneinander geführten Einzelgesprächen, denen mein engster Angestellter nicht beigewohnt hatte, bis ins kleinste Detail erläuterte hatte.

     

    „Da bin ich mir zweihundertprozentig sicher!“, gab ich mit glänzenden Augen zurück und duldete keinen Widerspruch mehr.

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