by Sebastian Kluth
Geräuschlos fuhr der alte Kutter in die tiefschwarze Bucht ein. Sie lag gut versteckt auf der Rückseite der kleinen Privatinsel, die sich etwa sechs Kilometer von der Küste im Norden Schottlands unweit der Orkney Inseln befand. Es war eine sternenklare Nacht. Es herrschte eine unheimliche Stille auf der Insel, die gerade einmal fünf Kilometer lang und keine zwei Kilometer breit war. An ihrer Südseite besaß die Insel einige steile Felsenkliffs und vorgelagerte Korallenriffs, die ein Anlegen dort unmöglich machten. Die einzige offizielle Anlegestelle befand sich im Osten der Insel, wo sich ein Pier befand, das den Besitzern des einzigen Gebäudes auf der Insel diente. Die Vegetation der Insel war um das Gebäude und im Nordosten sehr karg, während sich auf der Südseite ein wildes Dickicht mit einigen verdorrten Bäumen und Sträuchern befand. Dort war das Gelände sehr hügelig und stieg zum Teil bis etwa einhundert Meter über den Meeresspiegel an, allerdings befanden sich dort auch zwei kleinere Buchten, die allerdings auf Grund mehrerer spitzer Felsnadeln im Wasser sehr schwer zugänglich waren.
In eine dieser zwei Buchten lief nun der alte Kutter ein. Er war weiß gestrichen und die Lettern seines ursprünglichen Namens waren längst abgeblättert. Die Planken waren voller Algen und Moos und der alte Kahn knarrte bedrohlich unter dem Einfluss einiger Windböen. Im hinteren Bereich des Kahns befanden sich einige Fangnetze, sowie ein kleines, aber solides Paddelboot, an dem sogar ein kleiner, aber funktionstüchtiger Dieselmotor für Notfälle befestigt war. Theoretisch hätte der Inselbesucher auch dieses Boot nehmen können, aber darauf befand sich nicht ausreichend Platz für gewisse Dinge und so hatte er sich für den Kutter entschieden, den er einem alten, graubärtigen, mürrischen Seebären an der schottischen Küste abgekauft hatte. Das kleinere Boot würde aber sicherlich auch noch von größerem Nutzen sein.
Eine einsame Gestalt, in einen schwarzen Regenmantel gekleidet, stand hinter dem Steuerrad des Kutters und vor einem Verdeck, welcher einen kleinen Raum beinhaltete, in dem sich eine Koje, ein Schrank voller Proviant, eine Herdplatte, sowie ein größerer Hundezwinger und zwei Regale mit Lebensmittel und Büchern befanden. Neben der düsteren Gestalt befand sich ein Tier, welches seinen Kopf gegen die Beine seines Besitzers schmiegte. Das Wesen stieß ein schauriges Heulen aus und bekam von seinem Besitzer einen Klaps auf die Schnauze, woraufhin es verstummte. Die Gestalt betrachtete den hellen Vollmond und griff zu einem Tau, welches sich neben ihr auf einer kleineren Ablage befand.
Die Gestalt bewegte sich zur Bugseite des Schiffes und visierte einen größeren Felsen in Küstennähe an. Die ominöse Gestalt schleuderte das Tau mit ungemeiner Kraft, beinahe wie ein Lasso. Es verfehlte sein Ziel nicht und umschlang die kleine Felsnadel. Sofort verknotete die Gestalt das Tau mit geübten Griffen an einer kleineren Vorrichtung des schäbigen Schiffes und war mit ihrer Arbeit zufrieden.
Kurz darauf touchierte die Bugseite des Schiffes bereits die niedrige Felswand der Küste. Die Gestalt näherte sich einer größeren Holzplanke, die lose auf dem vertäuten Kutter lag und hievte diese auf den äußersten Rand der Reling, sodass sie als Übergang zur Küste fungierte, die auf fast gleicher Höhe lag. Die Gestalt klatschte kurz in die Hände und das Tier näherte sich ihr, hüpfte behände auf die breite Planke und wartete dort auf seinen Besitzer. Dieser folgte seinem Tier, nachdem er sich mit einem kurzen Blick versichert hatte, dass er keine unnötigen Spuren zurückließ und alles an seinem Platz lag.
Mit einem unheilvollen Lächeln betrat die Gestalt die Küstenregion und machte sich daran einige Halterungen in die zerklüfteten, mal kalkweißen, mal grauen Wände der Küste zu verankern, was ohne Mühe gelang. Mit einer störrischen Ruhe befestigte die Person ein Seil, welches sie in ihrem Rucksack verstaut hatte, an den Halterungen und prüfte, ob die Konstruktion die nötige Stabilität besaß.
Nach einigen Minuten war die Arbeit vollbracht und die Person erklomm zufrieden den kleinsten Teil der Felswand. Mit geübten Griffen und ohne Angst erklomm die Gestalt die Steilküste und ließ sich auch nicht von dem immer stärker werdenden Wind aufhalten. Bald schon wurde die Klippe weniger steil und macht einem leicht abgerundeten, steinigen Hügel Platz. Die Gestalt löste sich von dem Sicherungsseil und trat auf das kleine Plateau. Das Tier, welches den Anstieg auch ohne Hilfsmittel rasch und elegant überwunden hatte, stand bereits dort und erwartete freudig die düstere Gestalt. Mit glänzenden Augen schmiegte sich das Wesen an die Beine des unheimlichen Inselbesuchers, der dem Tier sanft durch das Fell strich.
Die mysteriöse Gestalt sah nun bereits jenseits des großen Dickichts, welches einige Meter entfernt begann, die schattenhaften Umrisse des großen Gebäudes, das relativ nah am eigentlichen Hafen der Insel lag. Es handelte sich um ein gespenstisches Schloss, welches zwei große Türme besaß und im neogotischen Stil erbaut zu sein schien. An der Küstenseite des Schlosses befanden sich ein kleines Thermalbad, sowie eine kleinere Hütte, in der sich eine Sauna befand. Weiter im Landesinneren befand sich ein kleiner, aber gepflegter Park, der bis an das düstere Dickicht grenzte. Dort befand sich lediglich ein alter Geräteschuppen, sowie eine Feuerstelle mit offen stehendem Grill, sowie zwei Vogelhäuser, die bis an die ersten verkrüppelten Bäume heranreichten. Unweit davon befand sich etwas abseits des Gebäudes noch ein kleinerer Familienfriedhof, auf dem alle Besitzer des Schlosses beerdigt worden waren und prächtige Grabsteine erhalten hatten. An ein jüngeres Grab waren einige frische Kränze gelegt worden.
Die düstere Gestalt hatte sich langsam einen Weg durch das auf den ersten Blick undurchdringlich wirkende Dickicht gebahnt und stand nun an der Rückseite des Schlosses. In einem der beiden Türme war noch Licht auszumachen, während der Rest, auch der Gästetrakt, sich in düsterer Stille präsentierte. Die Gestalt hielt einige Augenblicke inne und genoss die Stille, während ihr vierbeiniger Begleiter weitaus ungeduldiger wirkte. Die Gestalt kramte einen Plastikbeutel aus ihrem schwarzen Regelmantel hervor und öffnete diesen behutsam. Mit der rechten Hand, die mit einem schwarzen Seidenhandschuh bedeckt war, griff die Gestalt in den Plastikbeutel und packte ein Stück Fleisch, welches sie ihrem Begleiter hinhielt, der genüsslich knurrend danach schnappte und das Essen ungeduldig hinunterschlang. Die Gestalt griff nun in eine andere, innere Tasche ihres Mantels und förderte eine kleine Dose mit einer blassgrauen Flüssigkeit zu Tage, sowie einen kleinen Notizblock, auf dem sich eine Liste mit mehreren Namen und Beschreibungen befand. Die Handschrift wirkte sehr verschnörkelt und auf altertümliche Weise auch elegant. Noch einmal betrachtete die Gestalt die dort stehenden Informationen und versank dann in eine beinahe meditative Ruhe, um ihre Kräfte zu sammeln. Nach einiger Zeit formten die schmalen Lippen düstere, hasserfüllte Worte, die Gestalt sank auf die Knie und betrachtete die gläserne Ampulle, die sich an einer Kette um ihren schmalen Hals befand, in der sich eine seltsame, dunkle Flüssigkeit befand. Sie betrachtete ebenfalls ihren verzierten, silbernen Ring, nachdem sie einen ihrer Seidenhandschuhe ausgezogen hatte und küsste diesen innig, bevor sie ihren Handschuh wieder anzog.
Langsam erhob sich die Gestalt und flüsterte ihrem vierbeinigen Begleiter etwas ins Ohr. Das Wesen schnurrte und die Gestalt entfernte sich in Richtung des Schlosses, während das seltsame Tier auf der Stelle verharrte und zurückblieb.
Die ominöse Gestalt jedoch näherte sich einer älteren Hintertür des Schlosses und verweilte dort für einige Minuten im Schatten einer Nische. Im Turm des Schlosses ging das Licht aus, wie es vorhergesehen war und wie es in der Regel jeden Abend war. Es war jetzt 23 Uhr.
Das Phantom nestelte in der Tasche seiner weiten und schwarzen Hose, die beinahe schon rockförmig aussah und fand dort auch das, was sie suchte. Mit einem bösen Lächeln steckte die Gestalt den mittleren der drei Dietriche ins Schloss der Hintertür. Er passte perfekt, so wie sie sich das vorgestellt hatte. Nach einigen, vorsichtigen Versuchen schaffte sie es das Schloss zu knacken und die Hintertür schwang mit einem düsteren Knarren auf. Ein dunkler Weinkeller lag vor ihr in einem der drei kleineren Kellergewölbe. In dem anderen befand sich eine Art Aquarium, beziehungsweise mehrere Haifischbecken, denn diese grausamen Könige der Meere waren die große Leidenschaft des alten Mannes, der dieses Schloss mit seiner weitaus jüngeren Frau und eigentlichen Schlossherrin bewohnte. In dem letzten Keller befand sich hingegen jede Menge Proviant. Zudem lag an einer anderen Stelle des Schlosses, ebenfalls leicht unterirdisch und ein wenig abseits des Hauptgebäudes gelegen, noch eine kleine Kapelle, die auch regelmäßig genutzt wurde.
Der nächtliche Eindringling hielt kurz inne und überlegte sich, wie sie weiter vorgehen sollte und warf einen flüchtigen Blick auf seine Liste. Er schloss die Hintertür hinter seinem Rücken und griff in eine andere Innentasche des Mantels, in der sich eine kleine, aber leistungsstarke Taschenlampe befand.
Die Gestalt kicherte düster und ein Lichtstrahl erhellte den von Spinnweben und Staub beschmutzen, geräumigen Weinkeller. Mit Hilfe eine Planes, den die Gestalt geräuschlos aus ihrem Rucksack nahm, fand sie sich recht schnell zurecht. Das Schloss wirkte auf sie so, wie sie es den Aufzeichnungen und Informationen nach erwartet hatte. Die anfängliche Nervosität wich einem fiebrigen Optimismus. Böse kichernd machte die unheimliche Erscheinung ihren Gefühlen Luft.
Die letzten Vorbereitungen konnten beginnen...