Eklablog Tous les blogs
Editer l'article Suivre ce blog Administration + Créer mon blog
MENU

by Sebastian Kluth

Kapitel 10

 

Kapitel 10: Mittwoch, 16 Uhr 57, Vogelhäuser


Ein wildes Kreischen ließ Thomas mitten im Schleichgang herumfahren. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals und seine Augen weiteten sich. In seiner Hand trug er nichts als sein Taschenmesser, von dem er wusste, dass es ihm beim Kampf kaum helfen würde. Er hatte es nur mitgenommen, um sich selbst Mut zu machen und zu beruhigen, obwohl es eigentlich nahezu lächerlich naiv war.

Er blickte nervös in die graue Dunkelheit, die sich wie ein unheilvoller Schatten über die Insel gelegt hatte. Er sah in der Nähe des Dickichts bereits erste Nebelschwaden, die sich dem Schloss wie Klauen aus dem Jenseits zu nähern schienen. Thomas stellte entsetzt fest, dass der ominöse Wolf ihn jederzeit aus einem der zahlreichen uneinsehbaren Hinterhalte anfallen konnte.

Thomas duckte sich leicht und spähte mit zusammengekniffenen Augen in die beinahe undurchdringliche Dunkelheit, doch da war nichts. Erneut zuckte er zusammen, als er das bedrohliche Kreischen hörte, welches sich jetzt mit einem Flattern verband. Dieses Mal war es von seiner linken Seite gekommen.

Er erblickte dort einen morschen Baumstumpf, der mit Moos und anderem Unkraut überwuchert war. Auf einem kargen Ast hockte ein schwarzer Rabe, der nun erneut das düstere Kreischen ausstieß, seine pechschwarzen Flügel ausbreitete und plötzlich auf Thomas zuflog.

Der Schotte warf sich mit einem Hechtsprung zur Seite und spürte noch den Hauch des Windes, als der Vogel haarscharf über seinen Kopf hinwegstrich und irgendwo in die Dunkelheit entschwand. Thomas rappelte sich auf und wartete auf eine Rückkehr des unheimlichen Vogels. Schweißgebadet harrte er in geduckter Stellung aus, doch der Rabe kehrte nicht mehr zurück. Thomas Blick fiel auf eine schwarze Feder, die auf einem Felsen lag und mit der nächsten Windböe fortgeweht wurde.

Die Äste des Dickichts zu seiner linken Seite knarrten und gaben bedrohliche Geräusche von sich, als würden sich dort gepeinigte Seelen aus einem makabren Totenreich aufhalten. Thomas schüttelte sich und schauderte. Er versuchte sich von seinen Gedankengängen zu lösen. Der Wind wurde immer stärker und eine tiefgraue Wolkenbank hatte inzwischen den Blick zum Himmel versperrt. Selbst der helle Vollmond war bestenfalls zu erahnen und spendete kaum Licht. Von weitem hörte Thomas wie die Wellen an den Klippen brachen.

In diesem Moment öffnete sich die nur angelehnte Tür des Vogelhauses, aus dem Mamadou behutsam schlich. Langsam bewegte er sich auf Thomas zu. Dieser las an seinem niedergeschlagen wirkenden Gesichtsausdruck ab, dass auch er keinerlei Spuren eines Wolfes gefunden hatte. Er hatte in seiner Ratlosigkeit sogar das Innere der Vogelhäuser vergebens abgesucht.

Kaum war Mamadou bei Thomas angekommen, da hörten sie beide ein unheimliches Geräusch, das ihnen durch Mark und Bein ging. Es war ein lautes, schreckliches und klagendes, langgezogenes Heulen, das kaum mehr aufzuhören schien. Beide fuhren instinktiv in Richtung des Dickichts herum. Nebelschleier bedeckten einen zugewachsenen Pfad. Thomas starrte genau hin und sah einen Schatten, der im Eiltempo vorbeihuschte und im dichten Geäst geradezu lautlos verschwand. Der Schotte blinzelte verschreckt. Konnte er seinen Augen trauen oder hatte er lediglich ein Phantom gesehen?

Ein Knacken im Geäst bewies ihm das Gegenteil. Eine weitere kräftige Windbö peitschte durch das undurchdringliche Dickicht. Ein Zweig löste sich von einem der verkrüppelten Bäume und fiel dumpf zu Boden. Eine Maus huschte unter einem Busch hervor und quer über die Wiese. Mamadou entsicherte seine Pistole und schritt langsam auf den düsteren Pfad zu.

Thomas starrte zu den zwei dunkel wirkenden Vogelhäusern, die sich trotz der geringen Distanz nur noch schemenhaft von der bedrohlichen Dunkelheit abhoben. Die Vögel waren längst allesamt verstummt. Sie schienen die gefährliche Atmosphäre noch intensiver zu spüren.

Thomas folgte seinem afrikanischen Begleiter mit zitternden Knien. Keiner von ihnen hatte eine Taschenlampe mitgenommen, denn sie hatten sich nicht getraut den Schlossherrn danach zu fragen. Zunächst wollten sie mit niemandem über den Bericht des Koreaners sprechen, um eine Panik zu vermeiden, die sich womöglich als unbegründet herausstellen sollte. Auch Gwang-jo selbst hatten beide eingeschärft unter keinen Umständen öffentlich von seinen Beobachtungen zu erzählen. Sie konnten nur hoffen, dass der verschreckte Koreaner ihren Instruktionen Folge leisten würde.

Mamadou hatte inzwischen den Beginn des verwucherten Pfades erreicht und schob eine Dornenranke zur Seite. Thomas folgte ihm ein wenig zögerlich. Mamadou hatte gerade einen niedergestürzten Baumstumpf umgangen, als sie beide wieder das qualvolle Heulen hörten. Dieses Mal schien es noch näher zu sein.

Plötzlich hörten beide in nächster Nähe ein Rascheln und dann von ihrer rechten Seite her auf einmal ein bedrohliches Knurren. Mamadou fuhr herum und erspähte im selben Augenblick zwei graugelbe Punkte zwischen einigen Dornenranken. Darunter glaubte er schattenrissartig ein weißes Blitzen zu sehen. Es konnte sich nur um die Bestie handeln!

Thomas zuckte zurück, als er das Tier ebenfalls entdeckte, doch Mamadou reagierte intuitiv. Er richtete seinen Revolver mutig ins Dunkel und drückte ab.

Der Krach war ohrenbetäubend. Die Kugel schoss durch Geäst und Dornenranken und schlug irgendwo dumpf ein. Das Wesen winselte laut auf und sprang zur Seite und entfloh in die schützende Schwärze des Dickichts. Im selben Moment ertönte abrupt das gewaltige Krachen eines Blitzes, der sich deutlich oberhalb des Schlosses abzeichnete und die Umgebung für wenige Augenblicke erhellte. Thomas blickte in das schweißgebadete Gesicht seines Begleiters, der die Helligkeit nutzte um einen kurzen Rundblick zu werfen, bevor sich wieder Dunkelheit über das Dickicht legte. Von der Bestie war allerdings nichts mehr zu sehen.

Mamadou schüttelte den Kopf und steckte seine Pistole ein. Grimmig warf er einen letzten Blick den Pfad entlang, der nach einiger Zeit durch ein abartiges Wirrwarr aus Ranken, Büschen und umgestürzten Baumstämmen versperrt wurde. Von dem Wolf fand sich keine Spur. Ein Kauz stieß irgendwo einen klagenden Laut aus.

Mamadou und Thomas verließen langsam aber zielstrebig das Dickicht und blickten sich an.

„Es hat keinen Sinn das Vieh in diesem Dickicht zu verfolgen.“, stellte Mamadou fest.

„Wir sollten am nächsten Morgen weitersuchen. Vielleicht hatten wir Glück und du hast die Bestie verwundet. Dann könnten wir eine Spur oder Fährte finden.“, meinte Thomas eifrig.

„Das glaube ich kaum. Der Regen, der heute Nacht fallen wird, wird alle Spuren verwischen.“, stellte der ghanaische Polizist nüchtern fest.

Wie zu seiner Bestätigung fing es nach einigen harmlosen Tropfen plötzlich sintflutartig an zu regnen. Der Himmel schien all seine Schleusen geöffnet zu haben. Mamadou rannte fluchend in Richtung des Schlosses, doch Thomas drehte sich noch einmal zu dem Dickicht um. Täuschte er sich oder war dort in der Ferne wieder ein dunkelgelbes Augenpaar zu erkennen?  

Verschreckt wandte sich Thomas ab und lief seinem afrikanischen Begleiter hinterher. Ihre Rückkehr in das Schloss wurde von einem letzten unheilvollen Heulen des mysteriösen Wolfes begleitet, bevor ein infernalisch lauter Blitz wie in einer Symphonie der Zerstörung alles zu übertönen schien.

Retour à l'accueil
Partager cet article
Repost0
Pour être informé des derniers articles, inscrivez vous :