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by Sebastian Kluth

Kapitel 17

 

Kapitel 17: Mittwoch, 21 Uhr 58, Yacht


Auf dem Weg aus dem Turmzimmer nach unten konnte sich Thomas einige Fragen nicht mehr verkneifen, die ihm unter den Nägeln brannten. Entschlossen wandte er sich an den vorauseilenden Direktor.

„Es sieht mir ganz danach aus, dass der Täter sich sehr gut in diesem Schloss auskennt. Hat einer der Gäste Sie bereits in den letzten Jahren hier besucht?“, fragte Thomas und bemerkte, dass der Schlossherr stockte und erst nach einer kurzen Überlegung antwortete.

„Nein, nein, niemand war zuvor hier, nicht einmal Lykström. Sie wollen doch nicht etwa die Unverschämtheit haben anzudeuten, dass ich hinter diesen Ereignissen stecke?“, fragte Wohlfahrt drohend und verharrte in seinem Marsch.  

„Wäre das denn so ausgeschlossen?“, fragte Thomas grimmig und sah wie der Direktor empört nach Luft schnappte und einen roten Kopf bekam, bevor Mamadou den aufkommenden Streit zu schlichten versuchte.

„Wissen Sie, wir sind nach den heutigen Ereignissen alle ein wenig erhitzt und aufgebracht. Allerdings müssen Sie in Anbetracht der präzisen Vorgehensweise verstehen, dass außer Ihnen nicht mehr viele Leute zu bleiben scheinen, die dann als Täter in Frage kämen.“

„Allerdings. Vorausgesetzt, dass Sie uns nichts vorspielen und wirklich so ahnungslos und schockiert sind, wie sie vorgeben, dann könnten höchstens noch ihre Frau, sowie ihr Butler und ihr Koch dahinter stecken.“, zählte Thomas ihm grimmig auf und erhoffte sich von seiner druckvollen und etwas unkonventionellen Vorgehensweise einen Erfolg.

„Hören Sie, das ist völlig absurd. Meine Frau war den Schülern immer eng verbunden, meiner Meinung nach sogar viel zu sehr. Sie ist ein ungemein sozialer Mensch und hat sich auch mit den Kollegen immer gut verstanden. Sie hätte sicherlich kein Motiv und erst recht nicht den Mut und die Klugheit, solch eine perfekt organisierte Tat zu begehen. Was meinen Koch angeht, so war er fast den ganzen Nachmittag mit der Vorbereitungen für das Abendessen beschäftigt und hielt vorher seinen Mittagsschlaf, den er immer hält. Mein Butler hat mir indes beim Ausfüllen und Korrigieren einiger Dokumente geholfen. Beide hätten nicht die Zeit gehabt, irgendetwas zu manipulieren.“, entgegnete der Direktor barsch.

„Irgendwer hat es aber geschafft die Kabel in ihrem Arbeitszimmer durchzuschneiden. Wann haben Sie beispielsweise den Computer zuletzt benutzt?“, hakte Thomas nach, während sie inzwischen den unteren Flur, der düster vor ihnen lag, wieder erreicht hatten.

„Das weiß ich nicht mehr so genau. Es wird irgendwann heute Nachmittag gewesen sein.“, erwiderte der Österreicher mürrisch.

„Dann kann das Durchtrennen der Kabel eigentlich nur zu dem Zeitpunkt gewesen sein, als sie die Haie gefüttert haben. Somit können wir immerhin schon einmal Elaine Maria da Silva ausschließen, die mit ihnen unterwegs war.“, stellte Mamadou fest.

„Vielleicht geschah das Ganze aber auch unmittelbar vor dem Essen. Es bleiben aber so oder so immer noch unzählige Verdächtige.“, gab Thomas, der die düstere und morbide Elaine persönlich für recht verdächtig hielt, eine Spur pessimistischer zu bedenken.

Inzwischen hatten sie die Eingangshalle erreicht, wo nur noch Björn Ansgar Lykström stand, der von dem peitschenden Regen einiges abbekommen zu haben schien. Erstaunt sah er den drei Männern entgegen und wandte sich an den Direktor.

„Wo wollen Sie denn hin?“

„Wir wollen zur Yacht. Wir werden eine Nachricht an die Küstenwache funken.“, antwortete ihm der Direktor.

„Das werden Sie nicht tun.“, ab Lykström zurück und alle drei Ankömmlinge starrten ihn erstaunt an. Der Schwede schien selbst zu merken, dass er ein wenig barsch geklungen haben musste und wirkte verlegen. Stammelnd versuchte er sein Verhalten ins rechte Licht zu rücken und blickte die anderen Männer nervös lachend an.

„Ich meine... Ich wollte sagen, dass es doch viel zu gefährlich ist bei solch einem Sturm nach draußen zu gehen... es könnte Ihnen immerhin sonst etwas passieren.“, gab er zu bedenken.

„Das sagt mir jemand, der seine Gesundheit dafür riskiert, um bei dem Wetter draußen zu rauchen.“, gab Wohlfahrt arrogant zurück.

„Ich dachte ja nur.“, gab der Schwede kleinlaut zurück.

„Überlassen Sie das mit dem Denken den Leuten, die dies wirklich können. Es ist ja wirklich rührend, dass Sie sich so um mich sorgen, aber ebenso unnütz. Ich weiß sehr genau was ich tue. Sie können gerne im Schloss verweilen und gewissen Personen ihre Gesellschaft schenken, Herr Lykström.“, fügte der Direktor mit drohendem Unterton hinzu.

Der Schwede wurde bei diesem Kommentar ein wenig bleich und nickte betreten, bevor er sich eilig zurückzog. Auch Thomas fragte sich nach dieser Andeutung mit einem flauen Gefühl im Magen, ob der mysteriöse Schlossherr nicht vielleicht besser über die geheime Liebesbeziehung seiner Frau im Bilde war, als man bisher angenommen hatte.

Der Direktor hatte indes das Eingangsportal geöffnet und eilte mit den Händen über dem Kopf verschränkt über den Vorgarten hinweg. Mamadou und Thomas folgten ihm schnellen Schrittes und hatten ihn rasch eingeholt. Nach wenigen Sekunden erreichten sie den nassen und glitschigen Pier, auf dem der Direktor prompt ausrutschte und der Länge nach schmerzhaft hinfiel. Mamadou wollte ihm aufhelfen, doch der Österreicher wehrte seinen Helfer mit einer harschen Geste ab und richtete sich mühsam allein wieder auf. Er wollte unter keinen Umständen irgendwelche Schwächen preisgeben oder auf irgendjemanden gar hilflos wirken.

Der Regen prasselte mit gewaltiger Wucht auf ihre Körper und durchnässte ihre Kleider in Sekundenschnelle. Ein Blitz jagte krachend aus dem Dunkel der pechschwarzen Nacht auf einen der Schlosstürme hinab und wurde dort von einem Blitzableiter zur Seite gelenkt. Thomas zuckte zusammen, da er nie zuvor einem solchen Ereignis großer Naturgewalten beigewohnt hatte. Er riss sich nur mühsam von dem Anblick los, als auch schon der nächste Blitz aus dem Himmel krachte, ihn abrupt blendete und durch seinen infernalischen Krach zudem zu betäuben schien. Halb blind raste Thomas auf die Yacht zu und kletterte an der schmalen Reling herauf und befand sich erstmals unter einem einigermaßen schützenden Verdeck. Die Yacht schaukelte in dem starken Wellengang jedoch wie ein Betrunkener hin und her und Thomas hatte große Mühe den kleinen Steg auszufahren, was ihm jedoch schließlich gelang. Der Direktor hatte bereits ungehalten gewartet, sprang behände auf den Steg und hetzte auf das Deck, wo er sofort die nächste Treppe nahm und sich zu dem kleinen Häuschen hinbewegte, in dem sich die wichtigsten technischen Geräte, sowie das Steuerbord befanden.

Die Tür war nicht abgeschlossen und so riss er sie wuchtig auf und torkelte in den Raum. Auf seinem Gesicht spiegelte sich großer Eifer und grimmige Wut wieder. Mit einigen geübten Griffen betätigte er einige Knöpfe, nahm das Funkgerät, schaltete dieses ein und hielt es prüfend an sein linkes Ohr. Alles was er jedoch hörte war ein verzerrtes Rauschen. Er versuchte einige Funksprüche abzugeben, doch er erkannte schnell, dass dies bei dem Wetter hoffnungslos war.

„Das Funkgerät ist soweit unbeschädigt, aber bei diesem Sturm werden wir es nicht benutzen können. Wir müssen wohl oder übel den nächsten Tag abwarten.“, gab der Direktor zu verstehen und trat missmutig aus dem Raum, nachdem er das Gerät zuvor wütend zur Seite geworfen hatte.

Gemeinsam mit einem enttäuschten Mamadou und einem genervten Thomas verließ der Direktor das Schiff wieder und sie eilten gemeinsam über das Pier hinweg in Richtung des Schlosses zu. Sie erreichten das Eingangsportal gerade in dem Moment, als ein dumpfes Grollen über die Insel hinwegfegte und beeilten sich die Türen zu schließen.

Der Direktor schüttelte sich und wandte sich bereits mürrisch ab. Ohne weiteren Kommentar ließ er Mamadou und Thomas in der nun verwaisten und düsteren Eingangshalle nachdenklich zurück.

„Jetzt müssen wir hoffen, dass das Wetter mitspielt. Wenn wir Glück haben, können wir morgen früh sogar schon einen Funkspruch absetzen.“, stellte Mamadou fest und Thomas bewunderte ihn für seinen unumstößlich erscheinenden Optimismus, der fast schon an Naivität zu grenzen schien, da das Unwetter ja sogar noch eine ganze Woche lang anhalten sollte. Thomas nickte lediglich stumm.

„Ich werde mich dann mal zurückziehen und mir noch eine kurze Dusche gönnen, nachdem ich jetzt wieder völlig durchnässt in meiner kalten Kleidung bin. Wir sprechen uns am besten morgen früh hier in der Eingangshalle wieder. Ich habe ein ungutes Gefühl für diese Nacht. Nun ja, ich werde meine Zimmertür einfach verriegeln.“, fügte Mamadou mit einem gekünstelten Lachen hinzu und trat auf die breite Treppe zu, während sich Thomas noch einmal in den Speisesaal zurückbegab, aus dem ihm Abdullah und Marilou entgegenkamen, die sich eng aneinander schmiegten, wobei die Kanadierin ihn stechend musterte und ihren Gatten dabei völlig außer Acht zu lassen schien.

Mit einem mulmigen Gefühl mied er den Blickkontakt mit der unheimlichen Person und beschleunigte seine Schritte. Wurde er etwa von den Anwesenden bereits verdächtigt?

Als Thomas den Saal erreichte, sah er gerade noch wie der Schlossherr selbigen mit seiner grimmig wirkenden Gemahlin verließ, die er rüde am Arm gepackt hatte und mit nicht unbeträchtlicher Gewalt hinter sich herzog. Es befanden sich nur noch zwei Personen im Raum, nämlich die apathisch ins Leere starrende Jeanette, sowie Fatmir, der seinen Kopf schnarchend auf einen Tisch gelegt hatte und sein leeres Whiskeyglas wie einen Rettungsanker umklammert hielt.

Thomas zögerte kurz und hielt im Türrahmen zwischen Speisesaal und Bibliothek kurz inne, doch dann entschied er sich die schöne Französin anzusprechen, wenngleich er ein drückendes Gefühl in der Magengegend verspürte, als er an das denken musste, was ihm seiner Meinung nach nun eventuell bevorstehen könnte.

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