by Sebastian Kluth
Par kluseba
Kapitel 19: Mittwoch, 22 Uhr 40, Malcolms Zimmer
Mit erhöhter Aufmerksamkeit trat Thomas in das dunkle Zimmer des Ermordeten und schloss die Tür behutsam hinter sich. Nervös bewegte sich seine Hand zum Lichtschalter. Zitternd betätigte er diesen und blickte mit schreckgeweiteten Augen in das Zimmer.
Auf dem Boden lagen überall willkürlich verteilte Anziehsachen, die Schubladen waren aufgezogen worden und selbst die Bettdecke und das Kissen waren verrückt worden. Thomas war klar, dass Malcolm dies nicht gewesen sein konnte, da er trotz allen schlechten Angewohnheiten stets ein relativ ordentlicher Mensch gewesen war. Irgendjemand schien bereits vor ihm nach wichtigen Beweisen gesucht zu haben. Thomas schauderte, als er daran dachte, dass es möglicherweise der Mörder war, der vor wenigen Augenblicken noch letzte Indizien hatte beseitigen wollte. Vielleicht war auch der Täter auf der Suche nach dem gefälschten Brief gewesen.
Thomas bekam eine Gänsehaut und fragte sich nervös, ob der Täter mit seiner Suche Erfolg gehabt hatte. Das Chaos bedeutete immerhin, dass er oder sie den Brief nicht sofort gefunden zu haben schien. Dennoch wollte Thomas nicht aufgeben und schlich langsam zu dem kleinen Nachtschränkchen neben dem Bett. In den meisten Fällen versteckten Menschen solch intime Dinge entweder dort oder in oder unter dem Kopfkissen. Ächzend ging Thomas in die Knie und zog die oberste Schublade auf, die bereits durchwühlt worden war. Auch bei der zweiten Schublade hatte er keinen Erfolg, doch die dritte war noch unangetastet. Dort lagen einige Taschentücher und ein Notenordner, sowie zwei Bücher des toten Schotten. Langsam nahm Thomas das Buch aus der Schublade und sah sofort, dass in der Mitte etwas lag. Mit wild pochendem Herzen schlug er die Seite mit zitternden Fingern auf und wurde enttäuscht. Es handelte sich nicht um den gesuchten Brief, sondern viel mehr um ein altes Lesezeichen und einen Notizzettel mit einigen Namen bekannter Musiker darauf.
Enttäuscht wollte sich Thomas bereits abwenden, doch er besann sich dazu auch das zweite Buch anzuschauen, welches wesentlich dünner war. Mit gemischten Gefühlen zwischen nervöser Erwartung und aufkommender Resignation blätterte er die Seiten durch, als plötzlich ein weißes, zusammengefaltetes Papier aus dem Buch und auf den Boden fiel. Hektisch klappte Thomas das Buch zusammen und legte es auf das Bett und hob den Zettel auf. Nervös entfaltete er ihn und bemerkte zunächst, dass der Brief offensichtlich mit einem Füller geschrieben worden war. Thomas wusste, dass Jeanette sich sehr für Kaligraphie interessierte und bereits zu früheren Zeiten wegen ihres Füllers in der Schule aufgezogen worden war. Thomas hatte immer heimlich bei sich gedacht, dass der Füller zu einer eleganten und verführerischen Französin perfekt passte.
Er schrak auf, als er registrierte, dass der Brief mit dem Namen der Französin unterschrieben worden war. Er hatte das gefunden, wonach sein schlampiger Vorgänger vergeblich gesucht zu haben schien. Thomas atmete tief durch und wollte die ersten Zeilen durchlesen. Er war vollkommen auf das brisante Schriftstück konzentriert und vergaß mit einem Mal seine Vorsicht und die eigentliche Umgebung.
Er bemerkte nicht den Schatten, der sich ihm von hinten näherte und sah auch nicht den Reflex in dem Zahnputzglas, als sich das Licht in diesem spiegelte. Mit einer heftigen Bewegung traf die zweckentfremdete Waffe den Hinterkopf des Schotten, der noch erstaunt aufstöhnte, während der Brief aus seinen Händen glitt. Mühsam zwinkernd wollte Thomas sich zur Seite wenden, als ihn der zweite Schlag im Nacken traf. Noch während er gegen den Nachttisch prallte und anschließend mit diesem unter großem Krach zur Seite stürzte, wurde dem schottischen Polizist mit einem dritten Schlag gegen die Schläfe der Rest gegeben. Er sah noch eine dunkel gekleidete Gestalt vor ihm, deren umrisse rasch verschwammen und sich wie ein tödlicher Tornado drehten. Ein Gefühl der Übelkeit stieg in dem benebelten Schotten auf, bevor er entgültig ins Reich der Schatten und Träume geschickt wurde, wo ihn eine kalte und undurchdringliche Schwärze umgab.
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