by Sebastian Kluth
Kapitel 21: Donnerstag, 8 Uhr 55, Kellergewölbe
Thomas hatte eine unangenehme Nacht verbracht und war mehrere Male unsanft aufgewacht. Entweder hatten ihn die Kopfschmerzen aus seinen wirren Träumen gerissen oder der gewaltige Sturm, der selbst am Morgen kaum abgeflaut war, hatte ihn geweckt. Mal war es ein lautes Grollen gewesen, mal eine aus der Verankerung gerissenen Fensterlade, mal der pfeifende Wind, der unter dem Portal der Eingangshalle durchpfiff und dessen Lärm im ganzen vorderen Schlossbereich zu hören war.
Der Wecker hatte seine letzte Hoffnung auf ein wenig Erholung zerstört und ihn erbarmungslos aus dem Schlaf gerissen. Mühsam hatte Thomas sich hochgequält und kam nun im Halbschlaf die Treppe in die Eingangshalle herunter. Außer Mamadou, der ihn bereits erwartete und sich nach seinem Gesundheitszustand erkundigte, befand sich niemand in der Eingangshalle, zumal es auch erst eine Stunde später das erste Frühstück gab.
„Wie war deine Nacht?“, fragte Mamadou besorgt.
„Beschissen. Lass uns anfangen.“, gab Thomas ungehalten zurück.
Er wandte sich der dunklen und schmalen Treppe zu, die in die Kellergewölbe führte. Der schottische Polizist betätigte einen Schalter, sodass der Gang in ein unnatürlich grelles Neonlicht getaucht wurde. Langsam ging Thomas die Treppe hinab, die nach einiger Zeit einen scharfen Knick machte und noch tiefer führte. Bald erreichte er einen schmalen und niedrigen Gang, der sehr feucht und muffig war. Von irgendwo hörte man das Plätschern des Wassers. Die Beleuchtung war an einigen Stellen kaputt. So prächtig der Rest des Schlosses auch hergerichtet war, die Kellergewölbe wirkten sehr ungepflegt.
Nach wenigen Minuten kamen die beiden Ermittler an eine Art Kreuzung. Der linke Gang führte zu einer verschlossenen Tür, in deren nähe es nach Chlor roch. Der rechte Gang führte zu der Vorratskammer und dem Weinkeller, während ein anderer Gang weiter geradeaus in die bedrückende Düsternis führte.
Mamadou wies stumm in die Richtung der Vorratskammer und des Weinkellers. Thomas verfolgte den dunklen Gang weiter und beobachtete aufmerksam seine Umgebung. Als er einen runden, torbogenartigen Durchgang erreichte, der in die Vorratskammer führte, stockte er. Über dem Tor hing ganz offensichtlich eine kleine, fast kaum erkennbare Kamera. Der junge Schotte wies den erstaunten Afrikaner darauf hin, der die Vorrichtung aufmerksam untersuchte. Nachdenklich wandte er sich ab und blickte Thomas an.
„Das könnte des Rätsels Lösung sein. Die Kamera ist offensichtlich unbeschädigt. Ich schätze, dass der Schlossherr diesen Bereich aus irgendeinem Grund überwachen lässt und sicher auch Aufzeichnungen von gestern Abend hat. Damit könnten wir mit viel Glück den Täter identifizieren.“, stellte Mamadou mit überhitztem Optimismus fest.
Thomas trat nachdenklich in die Vorratskammer. Er konnte sich auf die erstaunliche Entdeckung keinen Reim machen. Aus welchem Grund sollte der Schlossherr ausgerechnet eine Vorratskammer per Kamera überwachen lassen? Hatte er Angst davor, dass jemand heimlich Tiefkühlpizzas oder Kartoffelsäcke stehlen würde?
Der junge Schotte blickte sich aufmerksam um. Er sah mehrere parallel laufende Regale und einige Tiefkühlschränke. In einer anderen Ecke standen volle Getränkekisten, im hinteren Bereich des großen Raumes sah er dann die leeren Kästen. Nachdenklich ging Thomas durch den Raum und zwischen den Regalen hin und her, als er mit einem Mal ein größeres Fass entdeckte, dass im unteren Bereich eines Regals stand. Er überlegte kurz und rief dann Mamadou zu sich, der eine Hintertür gefunden hatte, die sich von innen öffnen ließ und sich unweit des Dickichts und der Vogelhäuser befand. Der Sturm peitschte ihm ins Gesicht und durchnässte ihn in Sekundenschnelle. Fluchend hatte er die Umgebung auf Spuren hin untersucht, doch er war nicht fündig geworden. Mürrisch folgte er nun dem Befehl seines Kollegen und traf diesen zwischen den Regalen wieder.
„Du hast mich gerufen?“, fragte er neugierig.
„Schau dir mal genau das Fass da unten an.“, riet Thomas ihm.
Mamadou duckte sich und untersuchte das große Fass. Mit seinen Fingern glitt er vorsichtig darüber und wunderte sich.
„Da ist kaum Staub dran. Die anderen Gegenstände hier sind völlig zugestaubt, abgesehen von einigen Gefrierschränken.“, stellte Mamadou erregt fest und hievte das schwere Fass aus dem Regal. Nachdenklich drehte er es von einer Seite auf die andere.
„Nicht nur das. Es handelt sich offenkundig um ein Weinfass, es steht sogar „Bordeaux“ darauf. Warum ist das Ding hier, wenn es extra einen Weinkeller dafür gibt?“, fragte Thomas laut und sah, dass sein Begleiter anerkennend nickte.
Mamadou fand in der Nähe des Regals einen spitzen Hammer und bearbeitete mit diesem das große Holzfass. Thomas unterstützte ihn, indem er das Fass ein wenig schräg hielt und nach einigen Schlägen hatte Mamadou bereits den Fassboden durchbrochen. Eifrig machte er weiter und hatte bald ein mehr als faustgroßes Loch in den Fassboden geschlagen. Splitternd flog das Holz durch die Luft. Mamadou bemerkte sofort, dass sich keinerlei Flüssigkeit in dem Fass befand und griff mühsam mit seinem Arm in das Holzgefäß hinein. Thomas hielt dieses ein wenig schräg und bald darauf hatte der Afrikaner eine Art Beutel ergriffen, den er aus dem Fass zog. Beide erstarrten, als Mamadou seinen Fund gegen das diffuse Licht der Neonröhren hielt. Der Beutel war ein prall gefülltes Päckchen mit einem weißen Stoff darin. Mamadou nickte grimmig.
„Das ist mit Sicherheit Kokain. Zudem gibt es noch andere Päckchen in diesem Fass. Irgendwer leistet sich hier im Schloss kriminelle und lukrative Geschäfte.“, stellte der Afrikaner fest.
„Du glaubst, dass der Direktor ein Drogendealer ist?“, fragte Thomas ungläubig.
„Nicht unbedingt er. Vielleicht ist es sein Koch, der hat auch immer Zugang hierhin. Möglicherweise aber auch der Butler oder Magdalena Osario, wer kann das schon wissen.“, mutmaßte Mamadou.
„Was machen wir jetzt damit?“, fragte Thomas ratlos.
„Ein Päckchen werde ich mitgehen lassen, als Beweis sozusagen. Das Fass können wir nicht mehr reparieren, wir sollten es am besten von hier wegschaffen.“, schlug Mamadou entschlossen vor.
„Wohin denn?“, fragte Thomas verdutzt.
„Das ist die große Frage. Am besten verstecken wir das Zeug in dem Dickicht, da wird es kaum jemand finden. Später wird einer von uns das Zeug holen, nachdem wir die Polizei verständigt haben.“, führte Mamadou seine Idee weiter aus.
„Das hört sich riskant an.“, gab Thomas zu bedenken.
„Das ist es auch. Aber hast du einen besseren Vorschlag?“, fragte Mamadou provozierend.
„Nein, das nicht. Glaubst du, dass die Morde etwas mit den Drogen zu tun haben? Vielleicht hatte Malcolm diese zufällig entdeckt oder davon gehört. Der Täter hat Malcolm auf den Kameraaufnahmen gesehen und dafür gesorgt, dass er schweigt.“, mutmaßte Thomas.
„Unwahrscheinlich. Das Fass hat niemand vorher angerührt oder aufgebrochen. Wie hätte Malcolm wissen sollen, was sich darin befindet? Er könnte höchstens irgendwie davon gehört haben, aber auch das ist nicht sicher. Hilf mir lieber das Fass nach draußen zu schleppen.“, forderte Mamadou ihn auf.
Gemeinsam packten sie das Fass an und hievten es hoch. Sie bewegten sich damit langsam in Richtung der Hintertür. Zum Glück für sie war das Fass im Grunde fast leer und dadurch nur geringfügig schwer. Bald hatten sie die Tür erreicht, die Mamadou mit einem Sack Kartoffeln blockierte, sodass sie nicht hinter ihnen zufiel. Mühsam quälten sie sich durch den Sturm und waren in Sekundenschnelle wieder durchnässt. Sie steuerten an den Vogelhäusern vorbei und auf das Dickicht zu.
Thomas musste unwillkürlich an den unheimlichen Wolf denken, der sich irgendwo in dem Wald befinden musste. Aus dem Grund für dessen Anwesenheit wurde er auch noch nicht schlau.
Dieses Mal betraten sie einen anderen Pfad als am vergangenen Tag, der allerdings ebenso unzugänglich war. Mühsam kämpften sie sich an umgestürzten Bäumen vorbei und Dornenranken schlugen ihnen gegen die Beine. Einmal rutschte Mamadou auf dem glitschigen Laub aus und stürzte gegen einen Baumstumpf. Er ruderte wild mit den Armen und fiel unangenehm nach hinten und auch Thomas hatte vor Schreck das Fass fallen lassen. Mit einem dumpfen Krachen zerbarst der Seitenteil des Gefäßes, nachdem es auf einen spitzen Stein gefallen war, der aus dem Untergrund ragte. Mamadou rappelte sich mühsam auf, nachdem er die helfende Hand seines Kollegen ergriffen hatte.
„Ich schlage vor, dass wir das Fass ins Dickicht werfen und stattdessen die Beutel mit dem Kokain einzeln verstecken.“, schlug Thomas vor und Mamadou stimmte nach kurzem Überlegen zu.
Gemeinsam nahmen sie alle Beutel aus dem halb zerstörten Fass, das sie gemeinsam irgendwo ins Dickicht schleuderten. Es handelte sich insgesamt um acht Päckchen. Mamadou schüttelte grimmig den Kopf.
„Das sind fast zwei Kilogramm, schätze ich mal. Diese Menge ist nahezu ein Vermögen wert“, rief er Thomas zu.
Beide bewegten sich auch weiterhin durch das nasse und schwer zugängliche Dickicht, bis sie eine Stelle erreichten, an der es kaum einen weiteren Durchgang mehr gab. Die Sicht zum Schloss war längst durch die ganzen Sträucher versperrt worden und sie hatten fast das Gefühl mitten in irgendeinem abstrakten Urwald zu stehen. Rings umher wuchsen mehrere Dornenbüsche und zudem sahen sie viele zerstörte und zerborstene Baumstämme, die windschief in den Himmel ragten. Hinter der undurchdringlichen Stelle schien sich zudem eine kleine Lichtung zu befinden. Thomas vermutete, als er an einigen weggeknickten Baumstümpfen Ruß sah, dass hier in der stürmischen Nacht ein Blitz eingeschlagen war.
Mamadou machte sich bereits daran, die Umgebung nach einer passenden Stelle für ein Versteck zu untersuchen und wurde rasch fündig. Unweit von ihnen befand sich ein halb umgestürzter Baum, dessen Wurzeln ebenfalls aus dem Boden ragten und den Blick auf den zum Teil ausgehöhlten Stamm freigaben. Einige Käfer und eine Spinne huschten verschreckt aus dem Unterschlupf hervor, als Mamadou seine Hand dem Versteck näherte. Erschrocken zuckte er zurück und warf einen misstrauischen blick auf den Baumstamm. Schließlich legte er zitternd das erste Päckchen Kokain in den halb ausgehöhlten Stamm hinein und verstaute auch die anderen Pakete. Thomas tat es ihm gleich und Mamadou hievte einen größeren Stein aus dem Dickicht hervor, den er mit Hilfe des jungen Schotten vor den Baumstumpf legte. Die Tarnung schien vorerst perfekt zu sein. Zufrieden nickend wandten sich die beiden ab und kehrten zurück in Richtung des Schlosses. Dort zogen sie es mit Blick auf die Uhr eher vor nicht durch den Keller zurückzugehen, da sich möglicherweise schon andere Gäste im Eingangsbereich befanden und sie niemandem offenbaren wollten, wo sie herkamen und was sie möglicherweise entdeckt hatten.
Somit entfernte Thomas den Kartoffelsack, schlug die Hintertür zu und hetzte mit seinem afrikanischen Partner zur Vorderseite des düsteren Schlosses. Durchnässt bis auf die Knochen traten sie dort ein und fanden bereits einen verwunderten Schlossherrn dort vor.