by Sebastian Kluth
Kapitel 26: Donnerstag, 10 Uhr 55, Schlossgarten
Thomas und Mamadou hatten sich durch den peitschenden Regen und die matschige Wiese gekämpft. Hinter den Vogelhäusern befand sich eine Art Beet, welches notdürftig durch ein schräges Holzdach abgeschirmt war. Der Wind drängte den Regen dennoch mit enormer Wucht in Richtung der Blumen, sodass Thomas große Zweifel daran hatte, ob die Pflanzen die nächsten Tage überleben würden.
Das Beet war in zwei Abschnitte unterteilt. Auf der linken Seite waren etwas erhöht einige Geranien eingepflanzt worden, während auf der anderen Seite einige Rosen ihren Platz gefunden hatten. Der Boden war matschig und die beiden Polizisten waren wie so oft in letzter Zeit wieder einmal bis auf die Knochen durchweicht.
Mamadou hatte gerade eine verdächtige Stelle entdeckt und sich gebückt. Einige dornige Rosenstängel ragten wie hilflose Strohhalme aus dem nassen Beet, der Rest der Pflanzen war sorgfältig abgetrennt worden. Der mysteriöse Bote, welcher der toten Französin im namen von Thomas die Rosen ausgeliefert hatte, schien nicht gelogen zu haben und die Pflanzen tatsächlich aus diesem Beet im Verlauf der letzten Nacht entfernt zu haben. Mamadou untersuchte weiterhin die nähere Umgebung, doch nach wenigen Momenten schüttelte er hoffnungslos den Kopf und wandte sich zu seinem schottischen Kollegen um.
„Hier finden wir sicher keine Spuren mehr. Der Regen hat alles fortgewischt.“, stellte der Afrikaner resigniert fest, doch Thomas wollte nicht aufgeben. Er selbst war in den Verdacht geraten, ein gewissenloser Mörder zu sein und dieser Vorwurf trieb ihn noch weiter dazu an, dem wahren Täter auf die Schliche kommen zu wollen.
Mühsam wühlte er in der nassen Erde herum, wischte sich verbissen die Haarstränen aus dem Gesicht und störte sich nicht daran, dass er mit seinen Armen die Dornen der Rosen touchierte und mehrere blutige Striemen riskierte. Fieberhaft suchte er weiter und auch Mamadou wollte nicht weiter tatenlos umherstehen und unterstützte seinen Freund, auch wenn er dies nach einiger Zeit mit entnervter Miene tat.
Mit einem Mal sah Thomas ein Blinken innerhalb des aufgewühlten grauen Schlamms und griff nach einem Objekt, das wie ein Schlüsselanhänger aussah und völlig verdreckt war. Mühsam kratzte er die feuchte Erde von dem Objekt, kroch aus dem Blumenbeet hervor und zeigte seinem Begleiter den Fund, der mittlerweile auch aufmerksam geworden war.
Der Schlüsselanhänger war etwa fünf Zentimeter lang und ein wenig oval geformt. Thomas warf einen Blick auf das Bild eines älteren Mannes, der vor einer Art Pult stand und einen energischen Blick hatte. Thomas überlegte lange und auch Mamadou machte eine nachdenkliche Miene.
„Ich habe diesen Mann noch nie gesehen.“, stellte der Ghanaer ratlos fest.
„Ich auch nicht. Er erinnert mich an einen Politiker.“, mutmaßte Thomas nach einer Weile des bedrückenden Schweigens.
„Vielleicht sollten wir dann Gwang-jo danach fragen. Er hat immerhin Politikwissenschaften studiert.“, schlug Mamadou vor.
„Ich weiß nicht. Er hat das Studium abgebrochen und wird nicht unbedingt viel wissen.“, entgegnete Thomas mit Zurückhaltung.
„Jetzt hör mir mal zu. Ich kann ja verstehen, dass du von dem Typen nicht viel hältst, aber in solch einer Situation brauchen wir jede Unterstützung. Mir gefällt es auch nicht von so einem hinterhältigen Egomanen abhängig zu sein, aber das ist unsere erste heiße Spur.“, entgegnete Mamadou energisch und hatte den Schotten kräftig an beiden Schultern gepackt und sah ihn dabei scharf an.
Thomas senkte den Kopf und sah insgeheim ein, dass sein Begleiter ihn durchschaut hatte. Nachdenklich fixierte er das Bild des Mannes noch einmal und erkannte mit einem Mal zwei kleine Buchstaben, die in der unteren Ecke des Bildes undeutliches zu erkennen waren. Thomas kniff die Augen zusammen und wies mit dem Zeigefinger auf die Stelle. Mamadou beugte sich zu ihm und erkannte die Buchstaben mit wachen Augen.
„P.Q.“, murmelte er nachdenklich und wiederholte beide Buchstaben.
„Ich kenne niemanden, auf den diese Initialen passen würden.“, stellte Thomas fest und wog das Fundstück nachdenklich in seinen Händen.
„Es müssen ja nicht unbedingt Initialien sein.“, stellte Mamadou mahnend fest und wollte seinen Gedanken weiter ausführen, als er ein finsteres Knurren hörte.
Auch Thomas hatte das Geräusch bemerkt und fuhr herum. Im dichten Regenfall konnte er das Geräusch nicht genau orten und drehte sich hektisch und verschreckt um die eigene Achse. Mamadou spähte in alle Richtungen und behielt die Ruhe, bis sich das Knurren wiederholte. Jetzt reagierte auch der sonst so besonnene Afrikaner erschrocken.
„Das ist der Wolf!“, hauchte er nervös und blickte unwillkürlich in das nahe Dickicht.
Auch Thomas sah jetzt näher dorthin, als sich das aggressive Knurren ein drittes Mal wiederholte. Er glaubte einen dunklen Schatten zu sehen und seine düstere Ahnung wurde zur Gewissheit, als das Wesen mit behänden Sprüngen aus dem schützenden Wald pirschte und Kurs auf die beiden hilflosen Polizisten nahm. Der Wolf fletschte seine Zähne, die unheimlich fahl blinkten, die graugrünen Augen wirkten erbarmungslos und das Tier schlug einen hastigen Haken. Mamadou riss die Waffe, die er immer bei sich trug aus seinem, aus seiner hinteren Hosentasche, entsicherte sie in aller Eile und taumelte einige Schritte zurück. Thomas hatte sich inzwischen behände umgedreht und sprintete in Richtung des Schlosses, in der Hoffnung schneller zu sein als die Bestie.
Der Schrei seines Kollegen ließ ihn zusammenfahren und er drehte sich eilig um. Der Afrikaner war nicht mehr zum Schuss gekommen und der zügellose Wolf hatte sich mit voller Wucht auf seinen menschlichen Gegner gestürzt. Beide waren hingefallen. Die Bestie stemmte ihre Hinterläufe in den nassen Boden und seine Vorderläufe auf die Brust des Afrikaners, der mit letzter Kraft und beiden Händen die gefährliche Schnauze der Bestie zudrückte, sodass sie nicht mehr zubeißen konnte. Seine Waffe war nutzlos geworden und lag einige Meter von ihm entfernt im Schlamm.
Mit verzerrter Miene kämpfte Mamadou gegen die Urgewalt des Tieres an und seine starken Arme zitterten dabei, während der winselnde Wolf sich von einer Seite zur anderen drehte und seine monströse Schnauze aus der eisernen Umklammerung zu befreien versuchte. Lange würde der Afrikaner den Bemühungen nicht mehr Stand halten.
Thomas musste eingreifen, atmete tief durch und rannte mit pochendem Herzschlag auf die Kämpfenden zu und verschaffte sich mit einem wilden Schrei selbst Mut. Der Wolf zuckte zur Seite, durchbrach die Umklammerung des Afrikaners, spitzte die Ohren und bleckte die Zähne. Er warf dem heraneilenden Schotten einen bösen Blick zu und kümmerte sich nicht mehr um den hilflosen Ghanaer. Stattdessen eilte er geschwind auf sein neues Ziel zu, während Thomas verzweifelt überlegte, wie er dem entfesselten Angreifer noch ausweichen konnte. Er fasste den eiligen Entschluss die Bestie mit einem schnellen Tritt aus dem Lauf heraus ausschalten zu wollen, bewegte seine Arme nach hinten in die Höhe und rückte sich energisch ab. Thomas erkannte mit grausigem Schrecken, dass er nur eine einzige Chance haben würde und bei einem Fehlversuch möglicherweise mit seinem Leben oder zumindest schweren Verletzungen bezahlen müsste. Diese schockierende Tatsache lähmte seine sonst so flinken Bewegungsabläufe und der Schotte kam sich viel zu langsam, ungelenk und wie in Watte gepackt vor, als ob er sich selbst von außen aus einer Zeitlupeneinstellung heraus betrachten würde.
Die Natur spielte dem Schotten gleich zwei Streiche, die seinen Angriff kläglich scheitern ließen. Zum Einen schien der Wolf die Aktion bereits geahnt zu haben und hatte einen gedankenschnellen Haken geschlagen, sodass Thomas das Ziel wohl ohnehin verfehlt hätte. Zum Anderen rutschte er mit dem rechten Standbein auf der nassen Wiese aus, geriet ins Schleudern und fiel hart auf den Rücken.
Er konnte den Sturz noch mit den Armen abfangen, rollte sich zur Seite und wollte aufstehen, als der Wolf bereits mit geöffnetem Maul auf ihn zujagte.
Thomas wusste selbst nicht genau, wie er es noch schaffte, die Faust hochzubekommen, doch er hatte das unwahrscheinliche Glück, dass er mit ihr genau die Augen des Gegners traf, der winselnd aufheulte und mit verlangsamter Kraft auf den Oberkörper des Schotten prallte. Die Bestie sprang von ihm herunter und fuhr herum und begann ihn drohend zu umkreisen. Der Wolf schien sich zunächst von dem Schlag erholen zu wollen, doch das unheimliche Wesen schien bereits zu ahnen, dass seine Beute ihm jetzt nicht mehr entkommen könnte.
Thomas fühlte sich wie gelähmt und zitterte doch am ganzen Leib vor Angst und Kälte. Er verwarf den Gedanken eines schnellen Fluchtversuches direkt wieder, denn damit würde er die Bestie nur weiter provozieren und er wäre zudem in jedem fall langsamer als sie. Der Schotte sah für sich plötzlich keine Möglichkeiten mehr. Die Kreise des Wolfes wurden immer enger und die Bestie starrte ihn aus kalten und ausdruckslosen Augen erbarmungslos an. Das Wesen stemmte sich ein wenig mehr auf die Hinterläufe und war jeden Moment zum Absprung bereit.
Mit einem Schaudern lenkte Thomas seinen Blick von der Bestie ab und starrte in die andere Richtung, wo sich noch sein afrikanischer Kollege befand. Der angeschlagene Mamadou, den Thomas ursprünglich durch seinen Auftritt gerettet hatte, war jetzt seine allerletzte Hoffnung.
In einigen Metern Entfernung stand der Ghanaer, der sich mühsam aufgerappelt und seine Pistole aufgehoben hatte und angestrengt auf den Wolf zielte, der sich jedoch flink um den Schotten herum bewegte, sodass der Afrikaner bei der schlechten Sicht keinen Schuss wagen wollte. Nervös und leicht humpelnd eilte er den beiden Kämpfenden entgegen und hatte mit einem Mal eine gute Schussposition. Er nahm einen tiefen Atemzug, ging in die Knie und blickte in das Gesicht des knurrenden Wolfes, der sich der Gefahr bewusst geworden war und mit einem Mal steif verharrte.
Doch in diesem Moment kam plötzlich alles ganz anders.
Für wenige Sekunden standen Mensch und Tier von Angesicht zu Angesicht in einem tödlichen Kampf gegenüber. Der Moment der Entscheidung war gekommen.