by Sebastian Kluth
Kapitel 32: Donnerstag, 13 Uhr 20, Arbeitszimmer
Björn Ansgar Lykström nahm ungehalten Platz und richtete in seiner Empörung das Wort direkt an Thomas, der ihn so brüsk zu sich gebeten hatte.
„Hören Sie. Der Butler steckt hinter der ganzen Sache und jetzt lassen Sie ihn einfach laufen. Er wird sich noch absetzen können oder weitere grausame Mordpläne schmieden und Sie schützen diesen Kriminellen!“, fuhr er Thomas wütend an.
„Wir wissen überhaupt nicht, ob er dahinter steckt.“, widersprach Mamadou ihm vehement.
„Seine Reaktion ist doch offensichtlich. Außerdem hat Gwang-jo doch gerade selbst davon berichtet, er hat alles mitgehört.“, entgegnete Lykström ihm mit lauter Stimme.
„Wie naiv sind Sie eigentlich? Glauben Sie so einem Provokateur wie Gwang-jo? Er versucht doch nur alle gegeneinander auszuspielen. Der Butler hat hier überhaupt nichts gestanden!“, übertönte Thomas ihn grimmig.
„Denken Sie doch einmal genau nach. Glauben Sie, dass so ein Nervenbündel zu solch eiskalten Morden fähig wäre?“, fragte Mamadou ihn provozierend.
„Wir sind nach den ganzen Ereignissen doch alle nur noch Nervenbündel!“, entgegnete ihm Lykström mit Vehemenz.
„Vielleicht stecken ja auch Sie selbst dahinter!“, sprach Thomas ihn an und fixierte den Englischlehrer kalt und stechend.
„Was nehmen Sie sich heraus!“, herrschte Lykström ihn an und sprang behände aus seinem Ledersessel. Drohend hob er seine Faust.
„Setzen Sie sich wieder.“, forderte Mamadou kalt und ruhig und in Lykströms Gesicht zuckte es, doch er befolgte den Befehl nach einigen Sekunden und blickte die Polizisten grimmig an.
„Wenn Sie es sich herausnehmen den Butler so zu beschuldigen, dann haben wir auch das Recht über ihre Motive Vermutungen anzustellen.“, stellte Thomas fest.
„Ich habe aber kein Motiv. Ich bin doch selbst Lehrer, kenne den Großteil von Ihnen noch von früher und verbinde gute Erinnerungen an meine ersten Jahre im Lehramt. Warum sollte ich all das zerstören?“, fragte Lykström gereizt.
„Vielleicht wegen Ihrer Geliebten. Sie wollen sich doch mit ihr absetzen und ein neues Leben anfangen. Jeanette wusste davon, sie ist auf mysteriöse Weise umgekommen. Vielleicht hatte Malcolm ja auch etwas geahnt und Sie sogar darauf angesprochen. Als Nächstes wäre folglich ich selbst an der Reihe.“, führte Thomas seine Überlegungen aus, was Lykström mit einem schallenden, aber unechten Lachen kommentierte.
„So eine schwachsinnige Verschwörungstheorie habe ich mein ganzes Leben lang noch nicht gehört. Fast jeder der Anwesenden hat doch Augen im Kopf und sieht wie die Sache läuft. Dann müsste ich ja alle umbringen.“, erwähnte Lykström kopfschüttelnd.
„Vielleicht haben Sie genau das auch vor.“, entgegnete Mamadou gelassen.
„Unsinn! Wenn ich überhaupt eine Person umbringen würde, dann wäre es dieser Wohlfahrt. Er hat abscheuliche Dinge getan, behandelt seine Frau, aber auch seine Dienerschaft und andere Menschen wie minderbemittelte Wesen. Ich glaube nicht, dass mir von den Schülern jemand widersprechen würde und versuchen würde sich Magdalena und mir in den Weg zu stellen. Es droht keine Gefahr und daher gibt es auch keinen Grund jemanden umzubringen.“, verteidigte sich Lykström energisch.
Thomas nickte langsam und musste sich eingestehen, dass der Schwede mit seinen Ausführungen recht hatte. Er hätte wirklich kein zwingendes Motiv, um solche Schandtaten zu begehen. Aber würde der Butler auf der anderen Seite zwei Menschen umbringen, um zu verheimlichen, dass er möglicherweise Drogen im Schlosskeller versteckte oder etwas Anderes dort zu suchen hatte? Der Schotte konnte sich darauf keinen Reim machen. Er war auf der verzweifelten Suche nach einem vernünftigen Motiv, doch so viele Möglichkeiten es bisher auch gab, so wenig Sinn machten seine Vermutungen. Seufzend ließ er sich auf einen Drehstuhl fallen und zündete sich eine seiner russischen Zigaretten an.
„Wo waren Sie denn heute Morgen, als Thomas und ich draußen nach Spuren gesucht haben?“, fragte Mamadou ihn und gewährte seinem Kollegen somit eine kurze Verschnaufspause.
„Ich war draußen und habe mich an der Suche beteiligt, wie viele andere auch. Ich war eine ganze Zeit lang mit Fatmir draußen unterwegs und bin gelegentlich zum Schloss zurückgekehrt, um dem werten Schlossherrn und meiner Geliebten von unseren Fortschritten zu berichten, wenngleich es kaum welche gab. Alle werden dies bezeugen können, mit Ausnahme des Schlossherrn vielleicht, da er mir gewiss nichts Gutes will.“, erwähnte Lykström.
„Was haben Sie gestern Nacht gemacht?“, fragte Mamadou ihn weiter.
„Nun, ich will ehrlich zu Ihnen sein. Ich habe mich während der Nacht heimlich mit Magdalena Osario getroffen, wir haben einige Stunden gemeinsam in meinem Zimmer verbracht, bevor sie vor Anbruch der Dunkelheit zurück in das Schlafgemach ihres Mannes gegangen ist.“, gestand der Schwede und war jetzt ein wenig ruhiger und auch deutlich offener geworden.
„Das ist schon sehr gefährlich und provokant. Im Schloss des Direktors wagen Sie es in der ersten Nacht gleich mit seiner Frau zu schlafen. Er hätte das Ganze ohne Probleme aufdecken können und dann hätten Sie große Probleme gehabt.“, stellte Mamadou zynisch fest.
„Probleme? Was hätte er den tun sollen? Dieser gottverdammte Direktor, wie Sie ihn so schön nennen, hätte gegen mich doch keine Chance. Was will er gegen unsere Beziehung ausrichten?“, fragte der Schwede energisch.
Darauf wussten auch Thomas und Mamadou auf Anhieb keine Antwort. Sie ließen den Schweden kurze Zeit später gehen und mahnten ihn, dass er die restlichen Gäste nicht gegen den Butler aufhetzen solle und sie im Gegenteil beschwichtigen müsse.
„Ich werde mich aus allem heraushalten. Aber das Misstrauen und die Feindseligkeit gegen diesen Butler sind bereits gesät und werden vielleicht bald Früchte tragen.“, orakelte der Schwede und verließ das Arbeitszimmer, während sich die beiden Ermittler unbehaglich anblickten. Sie hatten dieselben Befürchtungen wie der Schwede.