by Sebastian Kluth
Kapitel 48: Freitag, 2 Uhr 47, Thomas Zimmer
Der junge Schotte hatte den verletzten Albaner erfolgreich verarztet und war in den oberen Flur des Schlaftraktes zurückgekehrt. Dort hatte sich bereits eine Menschentraube versammelt, der Elaine Maria da Silva ihre Version des nächtlichen Vorfalls erzählte und den Butler klar beschuldigte. Unterstützung erhielt sie dabei auch von Fatmir Skola, der völlig erbost war. Thomas Jason Smith hatte mit dem Butler auch kurz gesprochen und ihm nur geraten sich in sein Zimmer heimlich zurückzuziehen, die Tür zu verriegeln und sich vorerst nicht blicken zu lassen. Er hatte versucht den Butler zu verteidigen, doch er stand wohl auf ziemlich einsamer Front und konnte gegen den Redefluss des Albaners, der Brasilianerin und auch des Koreaner Gwang-jo nur resignieren.
Die Wachübergabe hatte dann auch entsprechend früher stattgefunden, Magdalena Osario und Björn Ansgar Lykström, die sich für diese Nacht ein Zimmer geteilt hatten, waren ebenfalls geweckt worden und gerade die Spanierin wirkte müde und zermürbt. Sie wurde mit kritischen Fragen nahezu überhäuft, wich diesen jedoch aus und legte sich nur darauf fest, dass der Butler gewiss kein kaltblütiger Mörder sei und sie seine Identität nur geheimgehalten hatte, um ihn vor den Wutausbrüchen ihres aggressiven Mannes zu schützen. Die meisten Anwesenden glaubten ihr nur zum Teil und selbst ihr schwedischer Geliebter äußerte einige Zweifel, die sie müde abwehrte.
Thomas hatte sich kurz darauf schlafen gelegt, aber kaum ein Auge zugedrückt. Die vorhergegangenen Ereignisse liefen ihm nach, er lag schweißgebadet in seinem Bett und lauschte dem dumpfen Grollen des gewaltigen Sturmes. Er war gerade kurz vor dem Einschlafen, als ein Tumult auf dem Flur entstand, der ihn wieder wachrüttelte. Mehrere Stimmen riefen durcheinander und der Schotte zog sich stöhnend wieder etwas über und torkelte schlaftrunken in den Zimmerflur. Er vernahm sowohl empörte Schreie, als auch Hilferufe und hart geführte Diskussionsfetzen.
Björn Ansgar Lykström stand im Mittelpunkt des Geschehens. Neben ihm stand seine Geliebte, Magdalena Osario, die ihn mit ängstlichem Blick zur Seite drängen wollte. Mamadou stand betroffen neben dem Paar und versuchte gleichzeitig die Gäste zu beruhigen, die sich schon auf dem Flur versammelt hatten. Besonders Gwang-jo Park und Fatmir Skola drängten sich vehement nach vorne und kommentierten lautstark die neuesten Erkenntnisse. Abdullah Gadua stand sprachlos neben ihnen und wirkte geschockt. Im Hintergrund stand auch Marilou Gauthier, welche die hektische Männergruppe kritisch beäugte. Neben ihr stand Paola Francesca Gallina, die sich hastig bekreuzigte und ein Gebet vor sich hermurmelte. Schon bald waren auch alle restlichen Gäste versammelt.
Erst nach einigen Augenblicken konnte der schlaftrunkene schottische Polizist überhaupt erkennen, was den Grund für die Aufregung ausgelöst hatte. Bis jetzt war der Butler von der Menschentraube verdeckt worden, doch nun bekam auch der Schotte einen Blick auf den Diener des Schlossherrn. Sein Anblick verschlug ihm völlig die Sprache.
Der Butler hatte eine klaffende Platzwunde an der Stirn, er zitterte am ganzen Leib und wurde nur noch vom strammen Griff des Schweden in aufrechter Lage gehalten. Sein Blick wirkte apathisch und er schüttelte schluchzend den Kopf.
Thomas verschaffte sich einen Durchgang durch die Menschenmasse, stieß seinen ehemaligen albanischen Freund zur Seite, bedachte Mamadou mit einem vorwurfsvollen Blick und trat energisch an den schwedischen Lehrer heran.
„Was zur Hölle ist geschehen? Was habt ihr mit ihm gemacht?“, herrschte der schottische Polizist den Schweden außer sich vor Wut und blankem Entsetzen an.
„Wir haben ihm einen nächtlichen Besuch abgestattet, damit er uns von seinen Plänen erzählt. Dein afrikanischer Kollege wollte mich nicht so recht unterstützen, sogar meine Geliebte hat sich für diesen Wahnsinnigen eingesetzt, aber ich wollte die Wahrheit erfahren.“, erklärte ihm Lykström triumphierend und in seinen Augen blitzte es gefährlich.
„Du hast einfach versucht ein Geständnis aus ihm herauszuprügeln?“, fragte Thomas in einer Mischung aus Unglauben und gewaltiger Empörung.
„Fatmir und ich haben ihm ein wenig geholfen das Vögelchen zum Singen zu bringen.“, meldete sich plötzlich Gwang-jo hinter ihm zu Wort und grinste Thomas bestialisch an.
„Ich gebe zu, dass die Situation ein wenig eskaliert ist. Aber was haben wir noch zu verlieren, jetzt wo drei Menschen tot sind? Ich will nicht der nächste auf der Liste sein!“, schrie Lykström seine Angst und seinen Frust sich von der Seele.
„Es tut mir Leid, Thomas. Ich hatte erst zu spät gemerkt, dass sich Lykström von seinem Überwachungsposten abgesetzt hatte, ich selbst bin durch das Haus patrouilliert und habe mich auch um den Direktor gekümmert, ihn beruhigt, verarztete und das Gespräch mit ihm gesucht, denn das hatte er wahrlich nötig. Ich habe die Gruppe dann erst gerade eben am Flur getroffen.“, gab Mamadou kleinlaut in Richtung seines Kollegen zu.
Thomas schüttelte entsetzt den Kopf und warf einen blick auf Magdalena Osario, die völlig aufgelöst war und sich zitternd von der Gruppe abgewandt hatte. Noch erbärmlicher anzusehen war allerdings der Butler. Zu seiner ohnehin schon seelisch instabilen Lage war nun auch die körperliche Pein hinzugekommen. Er war mehr bewusstlos als bei Besinnung.
„Er hat die Morde nach wie vor bestritten, aber er hat dabei gezittert und gefleht. Wenigstens konnten wir ihm das Geständnis über seine Drogenvergangenheit abverlangen. Tatsächlich hat er uns von seinem Versteck hier im Schloss erzählt, wo er zwei Kilogramm Kokain versteckt hält. Aber es war nichts da, wir haben es schon überprüft. Er wollte uns in die Irre führen. Es gab weder ein Weinfass, noch irgendwelche Drogen an dem von ihm beschriebenen Ort. Er hatte den Mut uns hereinzulegen. Jetzt ist doch allen klar, dass er ein viel schlimmeres Geheimnis auf dem Gewissen hat!“, schrie nun Fatmir Skola, dessen Wut auf den Butler nach dem Streifschuss ins Unermessliche gestiegen war und nun fast einem blinden Wahn glich.
Thomas und Mamadou tauschten kurz ihre Blicke auf. Der Ghanaer nickte kurz und auch dem Schotten war klar geworden, dass der Butler seine brutalen und aufgebrachten Gegner nicht etwa angelogen hatte, sondern dass die beiden Polizisten die Drogen am Morgen des gestrigen Tages versteckt hatten. Thomas musste die Wahrheit sagen, um den Butler vor weiteren Folterungen zu schützen. Er musste irgendwie erreichen, dass sich der Hass nicht so einseitig auf den Butler fokussierte, denn dieser würde der psychischen Belastung nicht mehr allzu lange Stand halten.
„Der Kerl führt uns an der Nase herum, ich wusste sofort, dass er dahinter steckt, seitdem er nach dem Verhör vom Nachmittag so extrem reagiert hatte.“, äußerte sich nun auch Gwang-jo zu dem Thema.
„Wir müssen uns schützen und die Wahrheit aus diesem gefährlichen Bastard herausprügeln!“, pflichtete ihm nun sogar Elaine Maria da Silva mit markigen Worten bei, die gerade erst zur Gruppe getreten war und sich sofort auf die Seite der aufgebrachten Männer stellte.
„Ihr habt recht. Lieber sein Leben als das unsrige.“, überzeugte sich nun sogar Abdullah Gadua und die Stimmung drohte immer mehr auf die Seite der brutalen, rebellierenden Männer zu kippen.
Thomas sah die aufkommende Gefahr einer vorschnellen Verurteilung und merkte, dass ihm die Felle davonschwammen. Er sah sich gezwungen nun einzugreifen.
„Hört mir zu! Dreht jetzt bloß nicht durch! Er hat euch die pure Wahrheit gesagt!“
Überrascht blickten die Anwesenden zu ihm. Für einen kurzen Moment war es ganz still, bevor Gwang-jo schallend lachte und auch Fatmir Skola eine feixende Bemerkung abgab, die für seinen ehemaligen schottischen freund wie ein Stich ins Herz war. Er schluckte seinen Zorn herunter und versuchte sich weiterhin bemerkbar zu machen, obwohl man ihm bereits jetzt höhnischen Protest entgegenbrachte.
„Es ist wahr, dass er im Drogengeschäft verwickelt war und seine Beute war auch bis heute Morgen im Keller.“, fuhr der Schotte fort und verschaffte sich mit lautstarker Stimme mühsam Gehör.
„Was willst du damit sagen?“, fragte ihn Lykström drohend.
„Mamadou und ich haben heute Morgen einen Kontrollgang durch die Kellergewölbe gemacht nach dem Mord. Wir waren sozusagen auf Spurensuche und uns ist auch das deplaziert wirkende Weinfass aufgefallen.“, berichtete Thomas nun weiter.
„Das sagst du doch nur, weil du als Bulle den Angeklagten schützen willst. Wir haben keine handfesten Beweise und somit ist er für dich automatisch unschuldig!“, herrschte Gwang-jo ihn an und hob drohend seine Faust.
„Ihr wollt immer nur nach Indizien suchen und Leute befargen, anstatt den gesunden Menschenverstand zu benutzen. Der Kerl kannte den Geheimgang und hat uns kaltblütig überfallen!“, warf auch der Albaner ein, der die Ereignisse ziemlich verdrehte.
„Die beiden haben recht und die Mehrheit ist gegen euch beide. Ihr habt nicht über uns zu bestimmen und das Recht unsere Taten zu verurteilen. Es geht um unser Leben und wir werden uns nicht weiter von euch einschränken lassen.“, begehrte nun auch Abdullah gadua auf, dessen Turban verrutscht war, sodass seine kurzen haare schweißnass auf die Stirn gepresst waren.
„Die Sache ist ja wohl eindeutig, Herr Kommissar!“, höhnte auch Elaine Maria da Silva und blickte Thomas tiefgründig an.
„Es ist die Wahrheit. Mamadou und ich haben die Drogen im Wald versteckt. Ihr könnt dort gerne nachsehen und euch davon überzeugen! Wir ahnten, dass irgendwer die Sachen suchen könnte und wollten sie als Beweismaterial für spätere Aufklärungsversuche verstecken!“, erwiderte Thomas, der äußerlich gefasst wirkte, innerlich aber den fast unnachgiebigen Drang verspürte sich vor allem wieder auf den misanthropischen Koreaner zu stürzen, der mit hasserfüllten und haltlosen Beschuldigungen nur so um sich warf.
„Da haben wir doch das perfekte Motiv.“, keifte Elaine Maria da Silva.
„Unsinn! Nur ich wusste von seiner anderen Identität und selbst ich war mir nicht darüber im Klaren, dass hier im Schloss noch Beute lagern könnte. Ich war die einzige Gefahr für ihn, aber die anderen, die tot sind, haben mit der Geschichte nichts zu tun!“, griff nun Magdalena Osario schluchzend und nuschelnd ein.
„Du hast diesen Kriminellen geschützt!“, herrschte ihr Liebhaber sie ungläubig an und hob drohend seinen rechten Arm zum Schlag.
„Ja, vor der Wut und Brutalität meines Mannes.“, gestand die Spanierin, blickte ihren Geliebten ängstlich und schüchtern an und sank zitternd auf die Knie.
Jetzt war sogar Lykströms erbarmungslose Kälte gebrochen und er zeigte eine menschliche Regung, als er sich besann und auf seine Geliebte zu bewegte, sie in den Arm nahm und ihr aufhalf.
„Ich wollte dir keinen Vorwurf machen, es tut mir Leid. Mir sind die Nerven einfach ein wenig durchgegangen.“, flüsterte er ihr entschuldigend zu und die Spanierin presste ihr verweintes Gesicht erleichtert gegen seine Schulter.
„Daraus sollten wir alle lernen. Haltlose Beschuldigungen helfen niemandem weiter. Der Butler hat mit den Morden nichts zu tun und wenn wir uns auf ihn als Täter fokussieren, dann hat der wahre Mörder genau das erreicht, was wir wollen.“, erklärte Thomas der gespannt mitverfolgenden Gruppe.
Die meisten der Anwesenden nickten verständig und zum Teil betroffen, doch die ursprünglichen Unruhestifter, allen voran Gwang-jo, ließen sich nicht überzeugen oder gar einschüchtern.
„Von einem Drogendealer zu einem Mörder ist es nicht weit!“, bemerkte der Koreaner grimmig und blickte die anderen Gäste um Zustimmung heischend an.
„In seiner Akte stand, dass er unter akutem Mordverdacht stand.“, stellte nun auch Elaine Maria da Silva fest und ein unruhiges Raunen ging wieder durch die Gäste.
„Ich habe mit ihm darüber gesprochen. Es sind falsche Anschuldigungen, die ihm ehemalige Kollegen der Szene anhängen wollen.“, ergriff Magdalena Osario Partei, die sich ein wenig beruhigt hatte und wieder gefasster und klarer sprach, wobei sie immer noch in den Armen ihres Geliebten lag.
„Du bist zu gutgläubig. Er hat dir das so erzählt, aber woher willst du wissen, dass es so stimmt? Er hat mich kaltblütig angeschossen!“, erwähnte Fatmir Skola nun und wies anklagend und wütend auf seine verbundene Schusswunde.
„Ein professioneller Mörder hätte besser getroffen. Ihr seid auf dem Holzweg!“, wies nun auch Mamadou den Albaner zurecht.
Die anwesenden Gäste wirkten auch weiterhin bedrückt und verfolgten zum Teil aufmerksam die angeregte, skurrile Diskussion, wobei sie zwischen den einzelnen Thesen hin und hergerissen waren. Sie alle wirkten müde und erschöpft, aber auch ängstlich und übermäßig nervös.
„Das Diskutieren nützt nichts. Morgen werden wir noch einmal in Ruhe über alles reden. Lasst den Butler in Ruhe. Ich werde mich um ihn kümmern. Geht nun schlafen, nach einem solchen Tag hat das wirklich jeder von uns nötig!“, ergriff Thomas wieder das Wort und stieß den empörten Lykström zur Seite, um den zu Boden sinkenden Körper des Butler aufzufangen, den er stützend durch die offene Tür seines Zimmers bugsierte und auf sein Bett legte.
Thomas wurde bei diesem Gedanken nun auch von Mamadou wieder unterstützt, der es tatsächlich schaffte, die anderen Gäste einigermaßen zu beschwichtigen und aufzufordern wieder in ihre Zimmer zurückzukehren. Selbst Gwang-jo und Fatmir gehorchten, nicht ohne vorher einen hasserfüllten, misstrauischen Blick auf das Bett und in das Zimmer des schottischen Polizisten geworfen zu haben. Sie hielten die Köpfe zusammen, flüsterten angeregt und der Koreaner lachte grimmig. Thomas bekam wieder ein ungutes Gefühl. Er war sich sicher, dass er vor allem diese beiden Männer, aber wohl auch die Brasilianerin niemals auf seine Seite ziehen konnte und hatte den unguten, aber wohl unfehlbaren Instinkt, dass sie weiterhin auf ihrer Meinung beharren und sich dem Butler gegenüber feindlich verhalten würden. Thomas betete, dass die Situation nicht noch weiter eskalieren möge. Doch selbst er war sich nicht sicher, ob göttlicher Beistand ihnen jetzt noch zu helfen vermochte.
Langsam trat auch Mamadou in das Zimmer des schottischen Kollegen, warf noch einen nachdenklichen Blick zurück in den Zimmerflur und machte mit einem desolaten Kopfschütteln die Tür bedeutungsschwanger hinter sich zu.