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by Sebastian Kluth

Kapitel 55

 

Kapitel 55: Freitag, 11 Uhr 14, Kapelle


Thomas hatte sich inzwischen auf eine der schmalen Holzbänke gesetzt und hielt eine mit Leder beschichtete und zerfallene Bibel fest in seinen Händen umklammert. Mamadou hatte sich schweigsam neben ihn gesetzt und so verharrten die beiden provisorischen Ermittler wider Willen für einige Augenblicke. Die grausame Entweihung der kleinen Kapelle und der grausame Anblick des Opfers gingen beiden sehr nahe.

„Magdalena Osario hat recht. Bislang waren die Morde zwar fraglos verabscheuungswürdig, aber nicht brutal. Alle drei Opfer starben nicht durch eine direkte Konfrontation mit dem Täter, sondern durch Vergiftungen oder eben die Explosion. Das hier übertrifft meine Vorstellungskraft.“, gab Mamadou offen zu und legte seinen Kopf erschöpft gegen die Lehne der Vorderbank.

„Dieser Mord gibt dem Fall eine ganz neue Dimension.“, stellte Thomas mit bebender Stimme fest und bekreuzigte sich, als er aus den Augenwinkeln einen unliebsamen Blick auf die Tote warf.

„So schwer uns das auch fällt, wir müssen das Ganze jetzt irgendwie analysieren.“, warf Mamadou ein, der trotz allem seine Zielstrebigkeit nicht verloren hatte.

„Was nützt das schon? Wir können dem Täter nicht entkommen. Er spielt mit uns Katz und Maus.“, gab Thomas monoton zurück und blickte apathisch aufs eine Fußspitzen.

„Du kannst doch jetzt nicht aufgeben! Thomas, wir müssen jetzt unser Leben und auch das der anderen Gäste retten!“, herrschte Mamadou ihn an und rückte näher auf den Schotten zu, der völlig regungslos sitzen geblieben war und in einer düsteren Depression zu versinken drohte.

„Das hier ist kein Platz für Helden.“, gab Thomas zurück, hob seinen Kopf und spürte wie  Tränenströme stumm über sein Gesicht flossen. Selbst der leidgeprüfte Schotte war von den aktuellen Vorgängen sehr mitgenommen.

Mamadou schwieg und sank neben Thomas in sich zusammen. Schweigend verharrten die beiden erneut für einige Minuten. Es war im wahrsten Sinne des Wortes mit einem Mal totenstill in der Kapelle, die plötzlich kalt, bedrohlich und fast schon diabolisch wirkte. Auch von draußen waren derzeit keine Geräusche mehr zu vernehmen, die Gäste schienen sich vom Ort des Verbrechens so schnell wie möglich entfernen zu wollen und sogar das heftige Unwetter schien eine kurze Pause eingelegt zu haben.

Nach endlos lang dahinfließenden Momenten durchbrach Mamadou endlich wieder das quälende Schweigen, das ein Symbol ihrer Machtlosigkeit und Ernüchterung darstellte.

„Wir müssen die Nerven behalten. Wir können nicht einfach hier sitzen und nichts tun. Überlegen wir mal, wie es zu so etwas kommen konnte. Wir wissen, dass Paola Francesca Gallina eine sehr religiöse Person ist. Sie hat sich an der Suche nach dem Butler nicht beteiligt, war von den Morden geschockt und hat sich vielleicht schon in den frühen Morgenstunden allein hier in die Kapelle zurückgezogen.“, begann Mamadou.

„Der Mörder kannte ihren Hang zur Religion und spekulierte darauf, dass die Italienerin hier allein anzutreffen sein würde. Er stellte ihr nach, verschloss irgendwie die Tür und schlug gnadenlos zu.“, vermutete Thomas, der sich zunächst eher widerwillig vom Aufklärungsdrang seines Kollegen hatte anstecken lassen, mittlerweile aber den ersten tiefen Schock überwunden hatte.

„Solch eine Kreuzigung erfordert allerdings viel Arbeit. Wir können davon ausgehen, dass der Täter diese Hinrichtung schon langfristig geplant hatte, wie auch die Morde zuvor.“, ergänzte Mamadou den letzten Gedankengang seines Kollegen.

„Ich denke, dass wir davon ausgehen können, dass der Täter irgendwo ein geheimes Versteck hat, wo er oder sie wichtige Utensilien aufbewahrt. Zum Einen das tödliche Gift, dann den Zündstoff für die zerstörte Yacht und jetzt diese riesigen Nägel. Wir müssten dieses Schloss einmal gründlich untersuchen, komplett auf den Kopf stellen und nach weiteren tendenziellen Mordwaffen suchen.“, schlug Thomas weiter vor.

„Vielleicht befinden sich diese Werkzeuge auch außerhalb des Schlosses. Ich könnte mir vorstellen, dass es im Dickicht irgendein Versteck gibt, wo unter Umständen auch der Wolf haust.“, dachte Mamadou noch einen Schritt weiter.

„Wir sollten beiden Möglichkeiten nachgehen. Aber es gibt weitere Dinge, die mich noch stören. Erstens frage ich mich, warum niemand auf diese Tat aufmerksam geworden ist. Eine solche Kreuzigung ist ein langwieriger Prozess, der viel Kraft und Schmerzen kostet, das Opfer müsste sich eigentlich die Seele aus dem Leib geschrieen haben.“, merkte Thomas an.

„Das stimmt allerdings. Ich habe allerdings zwei Ideen dazu. Zum Einen liegt die Kapelle ein wenig tiefer, die Wände sind stabil, die Tür sehr solide, sodass kaum Laute hinausdringen. Außerdem würde ich vermuten, dass auch hier irgendein Betäubungsmittel verwendet wurde. Uns fehlen aber die notwendigen Materialien vor Ort, um diese Idee näher zu untersuchen.“, gab Mamadou offen und ein wenig betrübt zu.

„Da hast du leider recht. Was mir dann noch Kopfschmerzen bereitet ist das umgekehrte Pentagramm. Bislang sind wir von einem simplen Serienkiller ausgegangen. Die Kreuzigung an sich muss noch kein satanistischer Akt sein, denn alle Opfer wurden auf Grund ihrer persönlichen Vorlieben und Schwächen umgebracht. Das mit Blut aufgetragene Zeichen an der Wand wäre aber eigentlich nicht nötig gewesen. Der Mörder will aus irgendeinem Grund eine Art Zeichen hinterlassen.“, stellte Thomas fest, der nun wieder ruhiger und sachlicher mit dem Todesfall umging.

„Das ist ein guter Ansatz. Ich wüsste allerdings nicht, dass irgendjemand sehr atheistisch oder satanistisch geprägt wäre unter uns. Ich möchte nur ausschließen, dass Magdalena Osario und Doktor Wohlfahrt die Tat begangen haben. Beide sind sehr religiös und wirkten von der Toten offen geschockt. Das haben sie nicht gespielt, die beiden fallen also aus dem Raster.“, begann Mamadou ein erstes Ausschlussverfahren.

„Wenn uns ausreichend Materialien zur Verfügung stehen würden, dann könnten wir feststellen, wann der Tod oder die Kreuzigung genau eintrat. Der Killer wird wohl bis zum endgültigen Tod der Italienerin gewartet haben und sie nicht hier drin allein gelassen habe. Wenn jemand gekommen wäre, hätte die Tote dann eventuell noch etwas verraten können und dieser bestialische Killer ist zu clever, als dass er dieses Risiko eingegangen wäre. Das Blut tropfte noch von ihrem Körper, als wir gekommen sind. Sie kann also noch nicht sehr lange tot sein. Ein Großteil der Gruppe war eben mit uns im Dickicht und konnte somit diesen Mord schwerlich präpariert haben.“, schlussfolgerte Thomas aus seinen Ergebnissen.

„Das könnte so sein, aber es sind nur waghalsige Vermutungen. Angenommen deine These würde stimmen, wer bliebe dann noch übrig?“, dachte Mamadou laut nach und kratzte sich nachdenklich an seinem relativ kahlrasiertem Kopf.

„Der Schlossherr bliebe übrig, fällt aber aus erwähnten Gründen aus dem Raster. Sein Koch könnte auch dahinter stecken, aber einem so ruhigen und korpulenten Kerl, der selbst die siebzig Jahre schon überschritten hat, dem traue ich die Tat ehrlich gesagt auch nicht zu.“, begann Thomas mit der Auflistung.

„Es blieben Abdullah Gadua, Marilou Gauthier und Elaine Maria da Silva übrig. Alle drei Verdächtigen könnten dahinter stecken. Abdullah ist schwer einzuschätzen, ich weiß recht wenig über ihn. Er wirkt zwar sehr lebenslustig und trotz seiner Beharrlichkeit auf seine Religion sehr aufgeschlossen. Das Pentagramm spricht für ein religiöses Motiv. Vielleicht steht er dem Christentum feindlich gegenüber. Was seine Frau angeht, wirkt sie sehr depressiv und manchmal schon apathisch. Sie hat viele schwere Dinge durchlitten, die eventuell auch ihre Denkweise negativ beeinflusst haben könnten. Dann wäre da noch Elaine Maria da Silva, die ich kaum einschätzen kann. Sie hat definitiv eine sadistische Ader und ihr würde ich solch eine Tat sogar zutrauen.“, führte Mamadou die ersten Gedankengänge fort.

„Es gäbe theoretisch auch die Möglichkeit, dass ein völlig Unbekannter dahinter steckt, jemand, an den wir noch gar nicht gedacht haben. Eine Person, die sich heimlich eingeschlichen hat, aus dem Verborgenen heraus agiert und beobachtet.“, warf Thomas einen neuen Aspekt in die Runde.

„Daran hatte ich tatsächlich noch gar nicht gedacht. Der Gedanke scheint mir zunächst sehr abwegig, aber wir sollten uns alle Spielräume aufhalten.“, gab Mamadou anerkennend zu.

„Eine zweite Sache war mir ja noch aufgefallen. Es geht um die Art der Kreuzigung. Fällt dir daran etwas auf?“, hakte Thomas bei seinem Kollegen nach, der sich nun gezwungen sah den entstellten Leichnam erneut und eingehend zu betrachten, was in ihm erneut ein Gefühl der Ohnmacht und Übelkeit hervorrief.

„Worauf willst du hinaus?“, fragte Mamadou, der Schwierigkeiten hatte sich bei dem schonungslosen Anblick auf irgendetwas zu konzentrieren und bald wieder stumm und grimmig zu Boden starrte.

„Sie ist mit fünf eisernen, aber leicht rostigen Nägeln gekreuzigt worden. Normalerweise werden bei einer Kreuzigung lediglich vier Nägel verwendet. Hier wurde zusätzlich noch ein fünfter Nagel in die Körpermitte gestoßen.“, stellte Thomas fest, der eine sehr genaue Beobachtungsgabe hatte.

„Ein interessanter Ansatz. Ich schätze, dass der Täter so in seinem Element war, sich in einem solch perversen Blutrausch befand, dass er zum Abschluss seiner Tat den letzten und vielleicht tödlichen Nagel in die Tote hineinhieb.“, beantwortete der Ghanaer die nichtgestellte Frage lapidar.

„Das glaube ich wiederum nicht. Der Täter wollte sein Opfer leiden sehen, sonst hätte er eine gänzlich andere Methode gewählt. Er hat sich die Arbeit gemacht die Tote zu entkleiden, sie so herzurichten und so schrecklich zu foltern. Mit einem solchen Todesstoß hätte er seinen ganzen Aufwand faktisch wertlos gemacht. Ich könnte mir vorstellen, dass es sich hier um ein Zeichen handelt, ebenso wie das Pentagramm.“, verfolgte der schottische Polizist seine Theorie weiter, denn sein Eifer war plötzlich wieder geweckt.

„Der Täter will uns auf seine Fährte locken und Katz und Maus mit uns spielen.“, mutmaßte Mamadou fassungslos und mit tonloser Stimme.

„Oder er will uns bewusst auf eine falsche Fährte locken, um noch mehr Panik unter den Gästen herzustellen, was es ihm ermöglicht einfacher zuzuschlagen. Dieser Unmensch ist psychologisch klar im Vorteil. Ich denke im Übrigen auch, dass der Täter die Päckchen Kokain entfernt hat, um somit weitere falsche Fährten zu legen.“, erläuterte Thomas einen neuen Aspekt, den die beiden noch nicht ausreichend besprochen hatten.

„Du glaubst, dass der Täter bewusst von sich ablenkt und den Butler beschuldigt?“, versicherte sich Mamadou noch einmal.

„Genau davon gehe ich aus. Aber außer uns wird das wohl kaum jemand glauben“, erwiderte Thomas mit belegter Stimme und die beiden Polizisten verfielen wieder in ein bedrückendes Schweigen.

Nach einiger Zeit raffte sich Mamadou auf, wandte sich mühsam und mit großem Ekelgefühl der Leiche zu, betrachtete sie eingehend und wandte sich dann mit bebendem Gesicht seinem Kollegen zu.

„Ich sage diesem Unmensch den Kampf an. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir sollten nach dem Versteck mit den Mordinstrumenten suchen und vor allem nach einer anderen wichtigen Sache, die mir gerade eingefallen ist.“, bemerkte Mamadou grimmig entschlossen.

„Und die wäre?“, wollte Thomas wissen, der zuvor in ein stilles Gebet versunken war und nach neuer Kraft durch göttlichen Beistand gesucht hatte.

„Die Kleidungsstücke der Toten müssen noch irgendwo sein. Vielleicht wurde mit ihnen auch das Pentagramm an die Wand geschmiert. Wenn wir das Beweisstück hätten, würde es uns einen großen Schritt weiterbringen.“, stellte Mamadou fest und schritt energisch und voller neuem Tatendrang in Richtung Ausgang.

Thomas verweilte noch einige Augenblicke in der Kapelle, murmelte ein Gebet vor sich hin und ließ in seinem Kopf die Ereignisse der letzten Tage noch einmal Revue passieren. Endlich hatte er die Zeit, die Dinge zu reflektieren und aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Er unterdrückte seine subjektiven Eindrücke und fokussierte sich auf die objektiven Aspekte, wobei ihm sein fotographisches Gedächtnis im besonderen Maße half.

Nach einer Weile stutze der Schotte, er vergrub sein Gesicht in den Händen, massierte nervös seine Schläfen und atmete tief durch. Ihm war eine weitere Sache aufgefallen, der er nachgehen wollte und seine Gedankengänge bestätigten ihn mehr und mehr. Thomas wagte es noch nicht ein vorläufiges Fazit zu ziehen, doch er spürte, dass er auf dem richtigen Weg sein könnte und fühlte sich den Gedankengängen des Mörders plötzlich ein wenig näher, was ihn selbst abgrundtief erschreckte und doch triumphieren ließ.

Mit neuer Kraft stand er auf, wandte sich noch ein letztes Mal der Toten zu und verließ dann mit festem Schritt die unheilvolle Kapelle des Todes.

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