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by Sebastian Kluth

Kapitel 6

 

Kapitel 6: Mittwoch, 12 Uhr 45, Eingangshalle


Unbehaglich schaute sich Thomas Jason Smith in der dunklen Eingangshalle um. Sie wirkte auf ihn wie ein erdrückendes und überdimensionales Hexagon. Die Halle maß eine enorme Höhe und die Decken waren mit düsteren Freskomalereien verziert. An der Decke waren auch die Halteteile für einen gigantischen Kronleuchter befestigt, dessen schwaches Licht die Halle in ein unnatürliches Zwielicht tauchte. Ansonsten befanden sich an den Seiten mehrere Kerzenständer und Fackeln, sodass sich Thomas unwillkürlich in vergangene Jahrhunderte zurückversetzt fühlte. Der Schotte bemerkte auch einige exotische Waffen, die der Österreicher über Jahre hinweg gesammelt und nun zur Dekoration an den Wänden befestigt hatte. Der Boden der Halle war aus edlem Marmor, der an seinem zentralsten Punkt eine Weltkarte symbolisierte. Auf der rechten Seite, unmittelbar neben dem Eingang, befand sich eine düstere Treppe die steil in die Tiefe führte und einen scharfen Knick machte. Weiter vorne, wo die Halle breiter wurde, führten zwei breite, mit purpurfarbenem Teppich ausgelegte Treppen sanft in die Höhe in das nächste Stockwerk. Etwas höher gelegen lag zwischen den beiden Aufgängen eine Art Vorsprung, auf dem sich ein kleiner, heller Springbrunnen befand, der eine Art Riesenschlange symbolisierte, die mit grausamen Blick das kühle Nass in die Höhe spuckte.

Mit einem Schaudern wandte Thomas seinen Blick von dem mysteriösen Gebilde ab und erspähte ein weiteres Portal am anderen Ende der Halle, das in einen schmalen Gang führte, in dem einige alte Ritterrüstungen standen und zwei elegante Teppiche die Wände verzierten. Sie zeigten beide eine zerstörte Stadt, die entweder von Phantasiegestalten oder glühenden Kometen angegriffen wurde. Hinter dem Durchgang befand sich eine Art Wohnraum, der ebenfalls sehr groß wirkte und in dem sich endlos hohe Bücherregale türmten. An den Wänden befanden sich zudem eine Art Schwertersammlung und afrikanische Totenmasken, die aus pechschwarzen Augen den Ankömmlingen entgegen starrten. Dazwischen erblickte Thomas eine völlig unpassende Kuckucksuhr, die allerdings nicht mehr funktionstüchtig zu sein schien, da die Zeiger stehen geblieben waren und die gesamte Apparatur schon mit Staub überdeckt war.

Auch die anderen Ankömmlinge hatten sich mittlerweile ein wenig vorgewagt und betrachteten mit unguten Gefühlen die bedrohliche Umgebung. Das unechte Lachen des Direktors verstärkte die unangenehme Stimmung noch, obwohl er die Atmosphäre wohl ein wenig auflockern wollte. Er trat aus der Gruppe hervor und stellte sich mit einer einladenden Geste in die Mitte der Halle, eingerahmt von seinem Butler und dem Koch, die beide wie gefühllose Marionetten wirkten.

„Ich heiße sie noch einmal ganz herzlich willkommen auf Osario Island und in unserem Schloss. Sie können ihre Reisetaschen gerne vorübergehend hier stehen lassen, wir haben uns alle vorher eine Stärkung verdient, das Mittagessen ist bereits angerichtet. Wenn Sie uns dann folgen würden...“, schloss Wohlfahrt und wandte sich bereits entschlossen um.

Thomas ließ seine Reisetasche unmittelbar neben dem Treppenaufgang stehen und schaute sich weiterhin missmutig um. Neben ihm tat Mamadou Kharissimi das Gleiche.

„Die ganze Umgebung wirkt irgendwie unheimlich auf mich. Ich hatte vor einem Jahr in meinem Präsidium einen Doppelmord in einem alten Herrenhaus aufzuklären. Es wirkte genauso düster und groß wie hier. Der Hausherr hatte stranguliert in einem großen Ohrensessel gehangen, während seine Frau nackt und kopfüber an das Treppengeländer in der Eingangshalle gefesselt worden war, nachdem man sie brutal erschlagen hatte. Letztlich war es der Butler, der alles gestanden hat und er ist dafür ins Zuchthaus gekommen.“, berichtete Kharissimi nachdenklich und Thomas fühlte sich mit einem Mal noch bedrückter.

„Nun malen Sie mal nicht den Teufel an die Wand. Wozu erzählen Sie mir solche Schauergeschichten überhaupt. Man bekommt es hier ja bislang allerseits nur mit negativen Neuigkeiten zu tun. Hier wird es keine Kriminalfälle zu lösen geben.“, sprach Thomas aus und wollte sich selbst Mut zureden, während er mit seinem Handrücken nervös die Nasenflügel massierte und tief durchatmete.

„Nichts ist unmöglich.“, antwortete Kharissimi orakelhaft und lächelte vielsagend, bevor er sich weiter in Bewegung setzte und dem Schlossherrn in den Wohnsaal folgte.

Malcolm McCollaugh hatte den letzten Teil des Gespräches mitbekommen und legte seinem ehemaligen Mitschüler seine kräftige Hand auf die Schulter. Thomas mochte diese pseudofreundschaftliche Geste nicht sehr gerne, zudem schien die eiserne Hand ihn gar nicht mehr loslassen zu wollen.

„Er hatte schon früher immer solch einen schwarzen Humor gehabt. Paola hatte mich gerade schon darum gebeten, heute Abend ein wenig Dudelsack zu spielen, das wird die Stimmung sicherlich auflockern.“, erwähnte McCollaugh und löste seine Hand endlich von Thomas Schulter, der sich diese mit der Hand des anderen Arms sanft rieb.

„Das halte ich für eine gute Idee.“, antwortete er knapp und folgte nun auch in das große Wohnzimmer, welches noch leicht von einem letzten glimmernden Holzscheit im Ofen erhellt wurde und komplett mit Teppich überzogen war.

In dem recht altertümlichen Raum gab es keinerlei Fenster, jedoch einen schmalen, dunklen Gang der in den Speisesaal führte, der auf der rechten Flügelseite des Schlosses lag und dort auch viele Fenster hatte, die den Raum in ein blendend weißes Licht tauchten. Ein riesiger, langer Tisch stellte den Mittelpunkt des Raumes dar. An jedem Platz gab es ein Namensschild, neben dem jeweils ein Schlüssel lag. Thomas wunderte sich ein wenig über diese Prozedur, die auf ihn irgendwie eher unpersönlich wirkte. Zudem fragte er sich, warum jeder strikt ein Einzelzimmer bekam, sogar Abdullah und Marilou.

Er blickte sich weiter um und erspähte am anderen Ende des Raumes eine Art Rezeption, hinter der sich jedoch die Küche befand, die auf ihn selbst aus der Entfernung steril sauber wirkte und eher an ein Krankenhaus erinnerte. Schräg mittig davor befanden sich zwei Tische, auf denen das Büffet auslag. Rechts davon gelegen befand sich ein weiterer Gang, der in ein anderes Zimmer führte, sowie ein Aufgang zu einer steilen Treppe, die wohl bis in das Turmzimmer führte.

Thomas hatte schon bald sein Namensschild erspäht und setzte sich widerwillig an den befohlenen Platz und wartete, bis die letzten Gäste ihren Platz gefunden hatten. Thomas hatte zu seiner linken Seite die schüchtern wirkende Religionswissenschaftlerin Paola Francesca Gallina und zu seiner rechten Seite die brasilianische Horrorautorin Elaine Maria da Silva sitzen, die still und aufmerksam die anderen Gäste musterte und hin und wieder verschmitzt lächelte, wenn sie deren Unbehagen bemerkte. Es herrschte noch immer ein bedrückendes Schweigen unter den Gästen und so dauerte es nicht lange, bis sich der Gastgeber wieder zu Wort meldete, der theatralisch mit einer Art Schlagstock gegen eine kleine, orientalische Gong schlug. Der blecherne, unnatürliche Klang ließ alle noch einmal zusammenzucken und alle wandten ihre Blicke in Richtung des Direktors, der ein wenig abseits am Tischende saß und lediglich seinen Butler neben sich stehen hatte, der immer mehr wie ein gefühlloser Roboter wirkte. Thomas mochte diese künstliche Steifheit nicht, sie war ihm sogar suspekt. Doktor Wohlfahrt, der seltsamerweise nicht in der Nähe seiner Gattin, sondern am anderen Kopfende des Tisches Platz nehmen wollte, hatte nur einen Satz zu verkünden und er tat dies wieder mit einem gezwungenen, schmalen Lächeln.

„Verehrte Damen und Herren: Das Büffet ist hiermit eröffnet.“

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