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by Sebastian Kluth

Kapitel 70

Kapitel 70: Freitag, 18 Uhr 03, Eingangshalle

 

            Alle Augen starrten auf den Butler, der sich ächzend aufrappelte und ängstlich von einem Anwesenden zum Nächsten blickte. Seine Augen waren geweitet, sein Blick wirkte glasig und verwirrt. Der ehemals vornehme und um Stil und Anstand bemühte Butler wirkte nun völlig von der Rolle in seinen zerrissenen, blutverschmierten und durchweichten Kleidungsstücken. Dreckiger Lehm hatte sich an seinen Wangen und auf der Stirn zu klobigen Krusten festgesetzt.

 Thomas hatte jedoch auch noch einen Blick für den Vorgarten, in dem eine ebenfalls blutverschmierte Kettensäge achtlos weggeworfen worden war. Thomas war ziemlich schnell klar, dass der Butler sich mit irgendjemandem brutal duelliert haben musste. Wer aber konnte dies sein? War es der unbekannte Mörder? Oder war der Butler letztlich doch selbst der Serienkiller und hatte mit diesem Werkzeug seinen eigenen Arbeitgeber kaltblütig angegriffen, zerstückelt und erst danach in das Haifischbecken geworfen?

 Der verwirrte Butler wollte sich stotternd erklären und blickte immer wider ängstlich zu Gwang-jo herüber, der ja sein größter erklärter Feind war. Dem fahrigen Nervenbündel war in diesen Momenten nur schwer zu folgen.

„Draußen... Duell... Ich meine, dass... er kam einfach so... hierher... aus dem Gebüsch kam er und sah mich...  Verfolgung... habe schon seit Minuten hier angeklopft... hatte Angst, er könnte noch am Leben sein... hat mich bis hierher verflogt... auf der Wiese... das Duell... hat mich angefallen... rücklings... dann mit Kettensäge attackiert... große Wunde... alles voller Blut... er kam nicht zurück... müsste im Gebüsch verendet sein... riesiges Monstrum von Wolf... gezüchtet, habe ich direkt erkannt... brutalste Sorte... kein Schrecken mehr, ich habe ihn umgebracht.“

Thomas, wie auch der Rest der Gruppe konnten kaum glauben, was sie dort hörten. Hatte der verwirrte Butler sie tatsächlich von dem Fluch des grausamen Wolfes erlöst? Wie würde sein Besitzer darauf reagieren?

Der junge schottische Polizist blickte sich dezent um, denn er rechnete damit, dass der potentielle Eigentümer des Wolfes sich durch irgendeine entrüstete, unüberlegte Reaktion verdächtig hätte machen können. Alle Anwesenden wirkten jedoch einfach wie erstarrt, manche mit grimmigen Mienen, die anderen mit verwirrten und ängstlichen Gesichtszügen. Eine krasse Ausnahme war für Thomas nicht auszumachen. Der Täter musste sich nach diesem zweiten Niederschlag an selben Tag unglaublich gut unter Kontrolle haben, um nicht in Panik zu verfallen oder auszurasten. Wer von den Anwesenden hatte für solch eine besonnene und überlegte Reaktion überhaupt genügend Selbstvertrauen, persönliche Kälte und Verschwiegenheit? Insgeheim ging Thomas die Liste der Anwesenden noch einmal durch und war mit dem Ergebnis doch relativ unzufrieden.

Mitten in seine Überlegungen platzte einmal wieder Gwang-jo hinein, der langsam auf den stammelnden und schwer atmenden Butler zutrat und anklagend auf ihn wies, während er die restlichen Gäste dabei hart ansah.

„Das glaubt ihr ihm doch nicht, oder? Wir waren allesamt entweder draußen bei der Suche unterwegs oder hier im Schloss zusammen. Dieser verrückte Typ hat uns an der Nase herumgeführt. Er lockt uns in den Wald, damit er im Schloss eiskalt zuschlagen konnte. Er kennt die besten Schleichwege, denn er lebt ja schon lange auf dieser Insel und in diesem Schloss, dringt in das Kellergewölbe ein, bringt unseren ehemaligen Direktor um und versucht uns dann die Sache mit dem Wolf aufzutischen, um unser Vertrauen zu gewinnen und dann wieder zuzuschlagen. Damit soll jetzt Schluss sein! Der Kerl gehört eingesperrt!“, schrie Gwang-jo.

Der Butler kroch auf den Koreaner zu, klammerte sich hilflos und bemitleidenswert um das rechte Bein des empörten Cholerikers, der ihn grob von sich stieß. Der Butler schluchzte laut, rappelte sich auf und zitterte am ganzen Körper.

„Er hat recht. Schaut doch nur, wie der Typ zittert und bettelt. Er ist psychisch völlig labil und niemand weiß, was er als Nächstes tun wird. Der Kerl ist eine Bedrohung für uns alle und sich selbst.“, pflichtete Fatmir dem Koreaner bei und Thomas merkte beunruhigt, dass viele Gäste den beiden mittlerweile Glauben schenkten und manche sogar instinktiv vor dem ominösen Butler zurückwichen.

Dieser warf sich plötzlich herum und taumelte wieder nach draußen, wo der wieder aufkommende Regen ihn völlig durchnässte.

„Haltet diesen Verrückten auf, wir dürfen ihn nicht noch einmal entkommen lassen!“, heizte Gwang-jo die Masse noch einmal zusätzlich auf und setzte somit eine Kettenreaktion in Gang.

Die nächsten Geschehnisse passierten so schnell, dass Thomas sie erst im Nachhinein vollständig begreifen und analysieren konnte, denn er war im ersten Moment ebenso verwirrt, wie auch geschockt.

Der Butler war im Vorgarten auf die Knie gesunken, wandte sich plötzlich um und riss die Kettensäge, die er soeben aufgehoben hatte, drohend in die Luft. Mit einem lauten Heulen betätigte er dieses tödliche Werkzeug und ein entschlossener, brutaler Zug war in sein Gesicht getreten. Mit einem düsteren und grunzartigen Angriffsschrei taumelte er vorwärts, während hinter ihm über dem Meer ein Blitz zu explodieren schien, der mit einem lauten Krachen alle Anwesenden betäubte.

Abdullah Gadua war als Erster durch das Eingangsportal gegangen, um den Butler zu stoppen und war nun schreckensbleich wie angewurzelt stehen geblieben, während der Butler mit wahnsinnigem Blick auf sein erstes Opfer zueilte.

Es schien bereits, als habe das letzte Stündlein für den überraschten Abdullah geschlagen, als aus dem Eingangbereich des unheilvollen Schlosses plötzlich ein Schatten von der Seite auf ihn zugeflogen kam und brutal zur Seite rammte. Gadua knickte weg und fiel mit einem Schrei die kurze Treppe hinunter und schlug im nassen Blumenbeet auf. Völlig verstört blickte der Katarer auf die Person, die ihm gerade das Leben gerettet hatte.

Es handelte sich um Marilou Gauthier, die nun ihrerseits rücklings in der Türschwelle lag und von dem Butler angegangen wurde. Mutig riss die Kanadierin ihr linkes Bein hoch und trat dem völlig verduzten Butler, der seine Waffe auf zwar krampfhaft umklammert hielt, aber nicht die richtige Technik besaß, um sie vernünftig zu gebrauchen, damit wuchtig in den Magen. Der Butler war von der Attacke überrascht, taumelte nach hinten und stolperte über die oberste Treppenstufe. Mit rudernden Armen ließ er sie Kettensäge fallen, verlor das Gleichgewicht und prallte mit dem Rücken auf die Stufenkanten und fiel das kurze Stück bis in den Vorgarten. Die Kettensäge selbst war geräuschvoll auf der Treppe aufgeschlagen und rutschte, sich um ihre eigene Achse rotierend, nun die Treppe hinunter und auf den eigentlichen Täter zu, der sich im letzten Moment benommen zur Seite rollte.

Damit rissen die Ereignisse jedoch nicht ab! Gwang-jo hatte ebenfalls reagiert und setzte mit einem gewaltigen Hechtsprung über die kurze Treppe hinweg und kam direkt neben dem Butler auf. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern ließ der Koreaner einen brutalen Handkantenschlag auf den Nacken des Butlers niederfahren, der stöhnend zusammenbrach, als er sich gerade wieder aufrichten wollte und vor Schmerz erbärmlich aufgeschrien hatte. Dieser Klagelaut motivierte den Koreaner nur noch mehr, der sich auf den Butler warf und ihm einen Schwingschlag gegen den Kiefer verpasste und dann abwechselnd mit beiden Fäusten weiter pausenlos zuschlug.

Hilflos riss der Butler seine Arme hoch, um die Handkantensalve abzuwehren, doch nach wenigen Sekunden war sein Widerstand gebrochen und er hatte der Wucht der Angriffe nicht mehr viel entgegenzusetzen.

In diesem Moment jagte auch Mamadou an dem starr und fassungslos im Eingang stehenden Thomas vorbei, überwand die Treppe mit einem sportlichen Satz, packte die Schultern des Koreaners und zerrte diesen unter grölendem Protest von dem nur noch leblos zuckenden Butler weg, dessen Gesicht ein einziger blutiger Klumpen zu sein schien.

Der Koreaner sah nicht ein sich zu beruhigen und verstand die eingreifende Geste des Polizisten völlig falsch. Gwang-jo entwand sich aus dem Griff des Afrikaners, stieß diesem brutal den Ellbogen in die Magengrube und zog dann in einer blitzschnellen Aktion die Pistole des Eingreifenden aus dessen Holster, welches er seit der nachmittäglichen Untersuchung um seinen Hosengürtel geschnallt hatte.

Drohend riss Gwang-jo die Waffe hoch, entsicherte diese hastig und stieß ein teuflisches Lachen auf, als er in die entsetzt geweiteten Augen seines Gegenübers starrte. Alle Anwesenden waren völlig verstummt und in ihren Bewegungen eingefroren und es schien so, als würde der Koreaner Mamadou einfach brutal niederschießen wollen.

Stattdessen wich er jedoch grimmig zurück, riss die Waffe hektisch in die Luft und feuerte einen Schuss ab, der ebenso ohrenbetäubend laut zu sein schien, wie der Blitz, der vor wenigen Augenblicken noch über dem Ozean eingeschlagen war.

Gwang-jo schien diese Aufmerksamkeit für sich sichtlich zu genießen, blickte sich hochnäsig um und reckte sein Kinn in die Luft. Dann hielt er seine erbeutete Waffe plötzlich wieder auf Mamadou, der sich von der Seite hatte anschleichen wollen, um den kurzen Moment des arroganten Triumphes und der scheinbaren Unaufmerksamkeit des gewaltbereiten Koreaners auszunutzen.

Entsetzt wich der Polizist zurück und sein Gegner schüttelte spöttisch und mitleidig den Kopf. Der Koreaner wich ein wenig von den restlichen Anwesenden zurück und gelangte in die Mitte des kleinen Parks, von wo aus er eine bessere Übersicht hatte. Alle Augen waren auf ihn gerichtet und keiner konnte ihn nunmehr überraschend angreifen.

Mit einem sarkastischen, langgezogenen Lachen bewegte er seine Waffe lässig in einem Halbkreis und schien auf jeden der Gäste einmal zielen zu wollen. Auch Thomas stockte der Atem, denn wer konnte schon wissen, was der sadistische Choleriker und Misanthrop als Nächstes vorhaben könnte? War auch er jetzt so unberechenbar geworden wie der Butler?

Gwang-jo hob seine Stimme und blickte die restlichen Anwesenden in einem Gefühl der Überlegenheit an, das keinen Widerspruch oder Kommentar zu dulden schien. Eine düstere Totenstille hatte sich über die Insel gelegt, nur aus dem grauschwarzen Himmel und dessen nebligen Schlieren schien ein unheilvolles Grollen zu klingen.

„Wenn ihr jetzt brav seid und genau das tut, was ich euch sage, dann wird euch nichts passieren. Es ist alles nur zu unserem Besten, glaubt mir.“, rief Gwang-jo, der plötzlich sehr ruhig und organisiert wirkte.

Dabei ging er wieder allmählich näher an den Rest der Gruppe heran, wobei er jedoch nur den beinahe bewusstlosen Butler im Visier hatte. Die Kettensäge, die einige Meter daneben im Gebüsch lag, war inzwischen auch wieder ausgegangen und lag wie ein fremdes Instrument herum, bedeckt mit einigen roten Flecken, die alle Anwesenden wieder daran erinnerten, dass von der Waffe vor nicht allzu langer Zeit erfolgreich Gebrauch gemacht worden war.

Gwang-jo trat jetzt an den Butler heran, packte mit seiner linken Hand den Kragen des ausgeleierten Hemdes und zerrte den ehemals im organisierten Verbrechen tätigen Schotten energisch in die Höhe, drückte den laschen Körper an sich und hielt dem labilen Diener den Pistolenlauf an den Kopf.

„Ich verlange nur eine einzige Sache von euch! Wir werden diesen gottverdammten Bastard jetzt gemeinsam einsperren und überwachen. Wer sich mir in den Weg stellt, der wird die Konsequenzen tragen müssen. Sagt nicht, dass ich euch nicht gewarnt hätte!“, ereiferte sich der erbarmungslose Koreaner und nahm die vor ihm liegende Treppe wachsam in Angriff, warf einige Blicke auf die anderen Gäste, die jedoch völlig starr wirkten und nicht einmal daran zu denken schienen, den Koreaner in irgendeiner Weise attackieren zu wollen.

Da brach Magdalena Osario neben Thomas plötzlich zusammen, schlug hinterrücks auf dem kalten Boden der Eingangshalle auf und hatte in diesem Moment bereits ihr Bewusstsein verloren…

 

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