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by Sebastian Kluth

Kapitel 29

 

Kapitel 29: Donnerstag, 12 Uhr 48, Arbeitszimmer


Der Direktor hatte Mamadou und Thomas nur unter lautstarken Protesten und Drohungen sein Arbeitszimmer überlassen. Die beiden mussten hoch und heilig versprechen, dass sie nichts anrühren würden. Schließlich hatte der selbsternannte Schlossherr ihnen missmutig die Kontrolle überlassen, als er bemerkt hatte, dass die restlichen Gäste, die mittlerweile alle versammelt im Eingangsbereich standen und alle Koffer gepackt hatten, ihn nicht unterstützten.

Mamadou und Thomas hatten sich kurz zurückgezogen und ein wenig besprochen, welche Fragen sie stellen wollten. Der Afrikaner hatte einen weißen Verband um seine Wunde gebunden bekommen und sein angeschlagenes Bein auf ein kleines Tischchen gelegt, welches in einer Ecke des pompösen Arbeitszimmers gestanden hatte. Der Ghanaer war sofort begeistert von der Verhöridee und den Methoden seines Kollegen gewesen.

Thomas stand nachdenklich auf, öffnete die verschlossene Tür des Arbeitszimmers und erblickte die anwesenden Gästen die zumeist stumm, teils genervt und teils schüchtern im Speisesaal auf einigen Stühlen saßen und nachzudenken schienen. Thomas hatte sich vorher überlegt, wie er zunächst vorgehen sollte und entschied sich, auf Grund des Fundstücks, zunächst den rebellischen und unfreundlichen Koreaner zu sich zu bitten. Dieser stand lässig auf, die aufgeknöpfte Lederjacke baumelte über ein mit Nieten und düsteren Farben versehenem Hemd. Er blickte Thomas spöttisch an und trat provozierend langsam in das Arbeitszimmer. Thomas schlug die Tür entnervt hinter dem Koreaner zu, der sich in einen gemütlichen Ledersessel fallen ließ, die Beine weit spreizte und die Arme locker auf die Armlehnen legte. Er kaute gelangweilt an einem Kaugummi und trommelte mit seiner rechten Hand schnelle Rhythmen auf die Lehnen.

Thomas umkurvte ihn und nahm auf einem simplen Holzschemel Platz. Ein großer Holztisch, auf dem auch einige Akten, Berichte und Bücher lagen, sowie ein Computer stand, trennte die beiden Parteien. Thomas räusperte sich geräuschvoll.

„Ich möchte ohne Umschweife zur Sache kommen. Sie sind diesem Wolf ja ebenso begegnet wie wir. Denken Sie bitte noch einmal genau nach. Wo kam er her? Haben Sie eventuell jemanden gesehen, der den Wolf auf sie gehetzt hat? Oder haben Sie vielleicht ein Pfeifen gehört? Wann genau hat das Tier von ihnen abgelassen?“, begann Thomas das Verhör.

„Ich habe mich im Gartenbereich bewegt, in der Nähe eines kleinen Tümpels, nicht weit von dem kleinen Familienfriedhof. Das Tier kam blitzschnell durch das Dickicht gepirscht und hetzte auf mich zu. Es sprang an mir hoch und warf mich um, rannte wild knurrend um mich herum, ich hatte Glück, dass ich das Tier mit einem Tritt am Kopf erwischte. Das gab mir die Gelegenheit aufzustehen. Ich rannte los, das Tier hinter mir her, es verbiss sich im Stoff meiner Jacke, wir fielen zu Boden und ich dachte schon, mein letztes Stündlein habe geschlagen, als das Wesen mit seinem vollen Gewicht auf meinem Brustkorb hockte. Plötzlich war dieser Wolf durch irgendetwas abgelenkt, spitzte die Ohren und zögerte. Nach einiger Zeit sprang das Vieh von mir herunter und lief in Richtung der Vogelhäuser.“, berichtete Gwang-jo mit erstaunlicher Ruhe.

„Was hat es dann gemacht?“, wollte Mamadou wissen.

„Zur Hölle, woher soll ich das wissen? Ich war verdammt froh, dass ich diesen Scheiß überlebt habe! Was hätten Sie denn an meiner Stelle getan? Ich bin weggerannt und wollte euch Idioten warnen, aber es wollte mir ja niemand glauben.“, erwiderte der Koreaner aufbrausend und beugte sich drohend über den Tisch zu den beiden Polizisten herüber.

„Sie haben also nicht gesehen, ob das Tier zurück in den Wald ging und sie haben auch nichts Verdächtiges gehört?“, versicherte sich Thomas stur.

„Jetzt wo Sie es erwähnen... Ich glaube, ich habe einen Pfeifton gehört, der kam von der anderen Seite des Schlosses, in der Nähe der Vögelhäuser und des Kellerausgangs.“, gestand der Koreaner nach einem kurzen Zögern, nachdem er zuvor schon wieder aufbrausend reagieren wollte.

Gwang-jo dachte merklich nach und ließ die Geschehnisse nun in einem anderen Blickwinkel und mit mehr Ruhe Revue passieren. Er hatte seine laute du arrogante Ader zunächst einmal abgelegt und wirkte mit einem mal sehr konzentriert. Dieser Zustand sollte allerdings nicht sehr lange anhalten.

„Sie haben aber niemanden gesehen?“, fragte Mamadou erneut.

„Nein, der Regenfall war zu dicht.“, gab der Koreaner karg zurück.

„Dieser Pfeifton, klang er nach einer Stimme oder nach einem Instrument?“, fragte Mamadou.

„Was stellen Sie mir für beschissene Fragen? So etwas kann man doch kaum voneinander unterscheiden. Ich hatte andere Gedanken im Kopf, verdammt.“, gab der Koreaner wütend und ungehalten zurück und trommelte mit seinen Fingern auf der Tischplatte herum.

„Sehr schön. Dann werden wir Ihnen eine andere Frage stellen. Sie haben ja Politikwissenschaften studiert, nicht wahr?“, fragte Thomas und stand energisch auf.

„Ja, fast drei Semester, ich habe das Ganze dann aber abgebrochen. Ich hätte zu keiner Partei so richtig gepasst und musste mir leider eingestehen, dass eine politische Laufbahn die falsche Option für mich gewesen wäre. Ich wollte etwas Neues ausprobieren. Zudem wäre ich allein schon auf Grund der Herkunft meiner Eltern in eine falsche Schublade gesteckt worden. Als Kind nordkoreanischer Flüchtlinge, die sich in kurzer Zeit viel erarbeitet haben und reich geworden sind, wird einem meist mit Misstrauen begegnet, verstehen Sie?“, wollte Gwang-jo gestenreich wissen.

Thomas nickte bekräftigend, doch bei sich dachte er, dass weniger die Herkunft, als das Verhalten des Mannes eine nicht unbeträchtliche Rolle nach und während des Studiums gespielt haben könnte.

„Na ja, ich habe es jedenfalls vorgezogen mit einigen Kumpels eine Motorradtour um die Erde zu machen. Wir waren sogar in Japan und Ägypten.“, fuhr Gwang-jo versöhnlicher fort und seine Augen leuchteten dabei auf.

„Vielleicht können Sie uns helfen. Wir haben hier einen Schlüsselanhänger gefunden, der vielleicht dem Täter gehört. Wissen Sie, wer diese Person ist und was die Initialen bedeuten könnten?“, fragte Thomas, beugte sich zu dem Koreaner und präsentierte ihm das Fundstück, welches er in ein Taschentuch eingewickelt hatte, nun auf offener Handfläche. 

Gwang-jo kniff die Augen zusammen und kratzte sich lässig an der Stirn. Für einen kurzen Moment machte er große Augen, lächelte knapp, beugte sich dann noch näher zu dem Objekt herunter, räusperte sich geräuschvoll und lehnte sich dann kopfschüttelnd zurück.

„Tut mir Leid, aber da bin ich überfragt.“, gab er gekünstelt zurück.

Thomas zögerte und sah den Koreaner forsch an. Dieser lächelte süffisant und hob leicht die Schultern an. Der Schotte glaubte ihm kein Wort. Die Reaktionen des Befragten waren ihm zu auffällig erschienen.

„Hören Sie, Gwang-jo, wenn Sie etwas wissen, teilen Sie es uns mit. Es könnten Menschenleben davon abhängen.“, meinte Mamadou mit ernster Miene, während Thomas unruhig auf und ab wanderte.

„Ich habe keine Ahnung.“, gab Gwang-jo zurück.

„Sie zeigen doch sonst so gerne Ihre Überlegenheit. Jetzt können Sie sich beweisen und uns zeigen, was Sie drauf haben, denn dank Ihnen könnten wir vielleicht den Mörder dingfest machen.“, redete Mamadou auf ihn ein.

„Egal wie oft Sie noch fragen, ich weiß es leider nicht. Ich kenne das Gesicht von irgendwoher, aber es fällt mir absolut nicht ein und mit den Initialen kann ich gar nichts anfangen.“, gab der Koreaner gelangweilt zurück.

Thomas platzte der Kragen. Er sprang auf den Koreaner zu, packte ihn am Kragen seiner Lederjacke und zerrte ihn gewaltsam aus seinem Sessel. Er näherte ihm sein Gesicht und schüttelte sein gegenüber kräftig durch. Der Koreaner riss seine Augen weit auf und wirkte völlig überrascht.

„Sagen Sie endlich, was Sie wirklich wissen! Heraus mit der Sprache!“, herrschte Thomas den Koreaner an, der sich mit einem wuchtigen Ruck aus der Umklammerung befreite und Thomas grob zurückstieß, sodass dieser gegen die Tischplatte prallte und den rebellischen Gwang-jo bitterböse anfunkelte. Erst die beruhigende, aber durchaus druckvolle Hand seines ghanaischen Kollegen, die sich von hinten auf seine Schulter legte, brachte den Schotten wieder ein wenig zur Beruhigung.

„Pack mich nie wieder an! Ich habe euch nichts zu sagen, begreift es endlich!“, herrschte der Koreaner unterdessen die beiden Polizisten an und ballte drohend die Fäuste.

„Gwang-jo, wenn du jetzt nichts sagst und wir herausfinden sollten, dass du etwas wusstest, dann wirst du dafür bestraft werden, falls du es nicht sogar mit deinem Leben bezahlen musst.“, versuchte es Mamadou mit ruhiger, aber bedrohlicher Sachlichkeit.

„Vielleicht steckst du aber auch mit dem Täter unter einer Decke. Zutrauen würde ich das einem Sadisten wie dir! Wie sollen wir dein Verhalten denn überhaupt anders deuten?“, ging Thomas aus sich heraus.

„Ihr schüchtert mich nicht ein! Wenn ihr nach sadistischen Schweinen sucht, dann knüpft euch diesen elenden, miesepetrigen Schlossherr vor oder diese geisteskranke, brasilianische Schlampe, die ständig von Vampiren, Satanisten und dem Tod labert und schreibt. Bei mir seid ihr an der falschen Stelle, ich habe gar kein Motiv“, fuhr Gwang-jo die beiden an, wandte sich um und hatte seine Hand bereits an der eisernen Türklinke.

„Was hätten die anderen Leute denn für ein Motiv?“, fragte Mamadou zurück und legte seine Hand wieder auf die Schulter des schottischen Kollegen, der vor Wut bebte und sich beinahe auf den provokanten Koreaner stürzen wollte.

„Seid ihr die Bullenschweine oder ich? Diese Psychotante sucht bestimmt noch Anregungen für ihren nächsten Roman. Ich sehe den Titel schon vor mir „Das blutige Satanistenmassaker auf der Teufelsinsel“. Und was unseren werten Direktor angeht, so muss ich wohl niemandem mehr klar machen, dass er ein Misanthrop durch und durch ist.“, antwortete Gwang-jo letztlich doch energisch.

„Eine letzte Frage. Wo waren Sie denn zu dem Zeitpunkt, als wir beide draußen allein nach Indizien gesucht haben und angegriffen wurden?“, fragte Mamadou.

„Ihr glaubt doch nicht, dass ich dahinter stecke und den Angriff auf mich nur vorgetäuscht habe?“, fragte Gwang-jo giftig und mit offen stehendem Mund.

„Antworten Sie einfach auf die Frage.“, gab Mamadou gelassen zurück.

„Ich war seit dem Frühstück mit dem Packen meiner Koffer beschäftigt. Ich denke, dass Hamit Gülcan das bezeugen kann, denn er tat dasselbe wie ich und wir sind uns einige Male im Flur begegnet und haben uns sogar ein wenig unterhalten. Er ist wohl der einzige Vernünftige unter dem ganzen Pack hier, vielleicht noch mit Ausnahme von Fatmir Skola, der auch seine Sachen gepackt hat, bis er dazu überredet wurde draußen nach euch beiden zu suchen.“, gab der Koreaner gehässig zurück, drückte die Türklinke und trat energisch aus dem Zimmer, während er seine Lederjacke mit beiden Händen wieder stramm in die richtige Haltung schob.

Wortlos schritt er an den wartenden Anwesenden vorbei und verließ den Speisesaal ohne ihnen einen einzigen Blick zu schenken.

Mamadou wandte sich zu Thomas, der nachdenklich auf den Boden starrte.

„Ich glaube, dass er mehr weiß, das habe ich direkt bemerkt.“, meinte Thomas wütend.

„Ja, aber er ist nicht der Mörder, da bin ich mir ganz sicher. Ich glaube auch nicht daran, dass er ein Komplize ist. Er ist viel zu emotional und unruhig für solch ausgeklügelten Pläne.“, ergriff Mamadou für den arroganten Koreaner Partei.

„Da muss ich dir leider zustimmen. Aber warum schützt er den Täter dann?“, fragte Thomas und starrte seinen Kollegen fast verzweifelt an. Dieser konnte ihm nur mit einem bedrückten Schulterzucken antworten.

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