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by Sebastian Kluth

Kapitel 30

 

Kapitel 30: Donnerstag, 12 Uhr 59, Arbeitszimmer

 


 

Als Nächstes war die Brasilianerin Elaine Maria da Silva an der Reihe, die sich umgezogen hatte und einen aufreizend kurzen Minirock trug, der in rot und schwarz gehalten war. Sie hatte sich auch frisch geschminkt und trug an ihrer rechten Hand mehrere Armbänder. Thomas entging dabei nicht, dass sich an ihrem Arm ein tiefer Kratzer befand, den sie dadurch kaschieren wollte. Die Wunde sah noch ein wenig frisch aus. Der Schotte sprach die Anwesende darauf an.

 

„Das ist nur ein Kratzer. Gestern Abend habe ich mir in meinem Zimmer einige Äpfel geschält und bin dabei mit meinem Taschenmesser abgerutscht.“, gab die Brasilianerin nach einem kurzen und verduzten Schweigen zu.

 

Sie war offensichtlich überrascht gewesen, dass man ihre Wunde so schnell bemerkt hatte und die Situation schien ihr peinlich zu sein. Sie betrachtete nervös ihren anderen Arm, an dem sie eine Art längliche Stulpe trug.

 

„Mir sah das eher danach aus, als ob sie irgendwo hängen geblieben wären. In einem Gebüsch vielleicht, an einem spitzen Ast oder an diesen dornigen Sträuchern im Garten.“, wandte Thomas mit einem lauernden Unterton ein, welcher der aufgeweckten Brasilianerin natürlich nicht entgangen war.

 

„Da haben Sie sich wohl getäuscht. Als ich draußen war, habe ich auf der ganz anderen Seite nach Ihnen gesucht, in der Nähe der Küste und der Yacht, nachdem sie beide so lange verschwunden waren.“, gab sie zurück und hatte ihre alte Selbstsicherheit wieder zurück, welche sie mit einem selbstbewussten Lächeln unterstrich. Erst jetzt fiel Thomas auf, dass die Brasilianerin ein relativ kleines Zungenpiercing hatte.

 

„Dafür haben Sie sicherlich auch Zeugen.“, stellte Mamadou fest.

 

„Nun, wir haben uns aufgeteilt und jeder hat woanders nachgesehen. Um ehrlich zu sein, hat niemand den anderen großartig zu Gesicht bekommen. Etwa fünf Minuten vor Ihrem Eintreffen, haben wir uns dann im Eingangsbereich versammelt.“, erklärte die Brasilianerin und neigte leicht den Kopf, um die beiden Polizisten schelmisch anzublicken und zu verunsichern.

 

„Wie sind Sie eigentlich wieder nach Schottland gekommen und wann sind Sie genau angereist?“, wollte Mamadou weiterhin wissen.

 

„Nun, ich bin am Montag mit dem Flugzeug in Glasgow gelandet, habe ein wenig die Stadt erkundet und bin am nächsten Tag mit einem gemieteten Geländewagen in die Küstennähe gefahren, wo ich an unserem Treffpunkt auch übernachtet habe.“, berichtete die Brasilianerin.

 

„Sie sind nicht zufällig abends heimlich mit einem Boot auf die Insel gefahren, haben das Schloss ein wenig erkundet und ein paar Fallen gestellt?“, fragte Thomas mit übertrieben lockerer und beinahe lächerlicher Stimmlage.

 

„Nein, zufällig nicht. Glauben Sie mir, ich bin eine aufmerksame Beobachterin und verfolge die Jagd nach dem ominösen Täter mit großem Interesse. Aber ich wäre niemals die Person, die selbst so etwas inszenieren würde. Die besten Anreize kommen immer von außen, die besten Inspirationen gibt das Unbekannte.“, antwortete die Brasilianerin und beugte sich langsam über die Tischkante zu Thomas herüber, bis Mamadou sie mit einer barschen Handbewegung zurückwies und sie bat nach draußen zu gehen.

 

Beim Verlassen des Arbeitszimmers zwinkerte sie den beiden zu und warf ihnen eine lässige Kusshand zu, bis sie düster kichernd endlich nach draußen trat.

 

„Das gefällt mir nicht. Sie spielt mit uns, sie ist so auffällig unaufgeregt. Ich bin mir gar nicht darüber im Klaren, welche ihrer Ausführungen jetzt der Wahrheit entsprechen und welche nicht.“, gab Mamadou ratlos zu.

 

„Vielleicht stimmt die Sache mit der Verletzung ja doch. Die Sachen, die sie am Ende gesagt hat, waren für sie selbst belastend und ehrlich. Wenn sie gesagt hätte, dass sie erst am Mittwochmorgen im Küstendorf angekommen wäre, hätten wir ihr jetzt kaum das Gegenteil beweisen können.“, sprach Thomas dagegen.

 

„Diese Frau gefällt mir nicht. Sie ist gefährlich. Lass dich bloß nicht von ihr einwickeln.“, mahnte Mamadou seinen Kollegen, der ihn verblüfft ansah und eine Unschuldsmiene aufsetzte. Er fühlte sich irgendwie ertappt, versuchte dies aber zu verbergen und hakte stotternd nach.

 

„Ich kenne dich besser, als du denkst. Solch eine Beobachtungsgabe haben alle guten Polizisten.“, gab der Ghanaer trocken zurück, bevor er zur Tür des Arbeitszimmers trat und die nächste Person zum Verhör bat.

 

Beide Polizisten hofften darauf, dass sie nun endlich ein wneig weiter kommen würden, als das bei den ersten beiden Provokateuren der Fall gewesen war.

 

Als Nächstes trat nämlich Paola Francesca Gallina ein, die sich hastig auf den äußersten Rand des ihr angebotenen Sessels kauerte und nervös von Thomas zu Mamadou blickte. Beiden war sofort klar, dass ihre Nervosität nicht gespielt war, sie beantwortete ängstlich alle Fragen und ging erst gegen Ende aus sich heraus.

 

„Frau Paola Francesca Gallina, Sie brauchen gar nicht so nervös zu sein. Wir haben nur einige wenige Fragen an Sie, das ist alles. Wo befanden Sie sich, als vorhin die Suche nach uns beiden gestartet war?“, wollte Thomas wissen und evrsuchte die schüchterne Italienerin ein wenig zu beruhigen.

 

„Ich bin hier im Schloss geblieben, ich habe mich gefürchtet nach draußen zu gehen.“, gab sie knapp zurück.

 

„Wann sind Sie denn im Küstendorf angekommen?“, wollte Mamadou routinemäßig wissen.

 

„Am frühen gestrigen Morgen.“, antwortete sie knapp.

 

„Sind Sie ganz allein gekommen?“, hakte der Afrikaner weiter nach.

 

„Zwei Ordensschwester haben mich begleitet.“, erwiderte Paola Francesca Gallina und blickte nervös zu Boden.

 

„Das war doch ein ziemlich weiter Weg für die Schwestern, immerhin kommen Sie aus Italien.“, wandte Thomas überrascht ein.

 

„Sie wollten einige Partnergemeinden in Großbritannien besuchen.“, erklärte die Italienerin knapp und schaute den Polizsiten auch weiterhin nicht ins Gesicht.

 

„Was hat Sie denn überhaupt bewogen ihre Gemeinde zu verlassen und an diesem treffen teilzunehmen?“, fragte Mamadou weiter.

 

„Ich war einfach neugierig und habe der Privatschule ja auch viel zu verdanken. Allerdings habe ich mir den gesamten Aufenthalt hier ohnehin ganz anders vorgestellt und möchte so schnell wie möglich fort von hier.“, ging die gläubige Italienerin aus sich heraus und wippte unruhig hin und her.

 

„Glauben Sie mir, das würden wir alle gern tun.“, warf Mamadou verständnisvoll ein und warf Thomas einen Seitenblick zu.

 

„Ich bereue es zutiefst, überhaupt hierher gekommen zus ein.“, meinte die Italienerin grimmig und blickte verkniffen zur schmuckreichen Wand des Arbeitszimmers.

 

Mamadou und Thomas machten sich durch einen weiteren kurzen Augenkontakt klar, dass diese nervöse und streng glubige Person unmöglich hinter den Anschlägen stecken könnte. Ihre Hoffnungen lagen mehr darin begründet, dass die stille Dame möglicherweise etwas Verdächtiges bemerkt haben könnte.

 

„Glauben Sie mir, dieses Schloss ist verflucht. Die Dinge, die hier geschehen, sind nicht mit normalen Methoden zu erklären. Dahinter steckt eine höhere, dunklere Kraft. Das Ganze kann nur das Werk einer kranken Person sein, die vielleicht beeinflusst worden ist.“, warnte Paola Francesca Gallina die beiden Polizisten nach einiger Zeit des Schweigens mit mahnendem Zeigefinger ihres zitternden Armes. Erstmals suchte sieüberhaupt den Augenkontakt mit den beiden Verhörern.

 

„Haben Sie vielleicht eine Idee, wer diese Person sein könnte?“, fragte Thomas nach und bemühte sich zwanghaft trotz der abergläubigen Ausführung der Italienerin ernst und interessiert zu bleiben.

 

„Viele dieser Unmenschen hier hätten das Zeug dazu. Ich hätte gar nicht erst hierher kommen dürfen und auf meine innere Stimme hören sollen. Ich habe aber einen ganz besonderen Verdacht, ich traue mich ja kaum es auszusprechen.“, gestand sie im Flüsterton und blickte sich unruhig um, als ob sie sich versichern wollte, dass die drei Personen wirklich allein im Arbeitszimmer saßen. Sie schien dennoch sehr beunruhigt.

 

„Tun Sie sich keinen Zwang an.“, munterte Mamadou sie auf.

 

„Lieber ein falscher Verdacht und Hinweis, als ein völliges Tappen im Dunkeln.“, fügte Thomas hinzu, der mit einem Mal richtig interessiert war.

 

„Es handelt sich um diesen Albaner, Fatmir Skola.“, gestand sie im Flüsterton, nachdem sich die beiden Polizisten über die Tischplatte hinweg zu ihr herübergebeugt hatten. Mamadou und Thomas sahen sich erstaunt an.

 

„Wie kommen Sie denn darauf?“, fragte Thomas erstaunt. Er hatte eher damit gerechnet, dass die gläubige Christin sich gegen die Brasilianerin oder den Koreaner aussprechen würde.

 

„Er war ihr Freund, nicht wahr? Verzeihen Sie mir, was ich sage, ich möchte kein falsch Zeugnis reden wider meiner Nächsten.“, redete sich die Italienerin verlegen heraus.

 

„Jetzt führen Sie ihre Vermutung doch bitte ein wenig aus.“, bat Thomas sie ein wenig ungehalten und die Italienerin zuckte verwirrt zusammen.

 

„Nun, ich habe ihn nachts über den Flur schleichen gesehen. Er geisterte durch das Schloss und ging sogar nach unten zum Speisesaal. Ich bin aufgewacht, weil ich so einen unruhigen Schlaf habe und bei den kleinsten Geräuschen sofort hochschrecke.“, erklärte Paola Francesca Gallina verlegen flüsternd.

 

„Haben Sie vielleicht gesehen, ob er irgendetwas bei sich hatte oder bei irgendwelche Gästen vor der Tür gestanden hat?“, fragte Mamadou gespannt.

 

„Nein, das nicht. Er ist eigentlich relativ zielstrebig nach unten gegangen. Gott allein weiß, was er dort tun wollte.“, orakelte die Italienerin

 

„Haben Sie denn mitbekommen, wie lange der Albaner unterwegs war und ob er irgendwann in sein Zimmer zurückgekehrt ist?“, sollte Thomas gespannt wissen, dochs eine Hoffnungen wurden enttäuscht.

 

„Wissen Sie, über Nacht ist ja dieses schreckliche Gewitter losgegangen. Ein Zeichen der Hölle, wenn Sie mich fragen. Jedenfalls habe ich durch diesen infernalischen Lärm kaum etwas gehört. Ich blieb die ganze Zeit auf meinem Zimmer, denn ich hatte Angst. Ja, Angst hatte ich, vor dem Unwetter und vor diesem unheimlichen Menschen.“, erläuterte die Italienerin und schauderte bei dem Gedanken an die letzte Nacht.

 

Mamadou und Thomas blickten sich an und der Afrikaner nickte schließlich, bevor er sich erhob und die Italierin nach draußen bat und sich bei ihr für ihr Entgegenkommen bedankte.

 

Leise schloss die schleichend und gebückt gehende Italienerin die Tür des Arbeitszimmers, nachdem sie sich ein wenig theatralisch bekreuzigt hatte.

 

Mamadou und Thomas beschlossen sich den Albaner als Nächstes vorzuknöpfen und baten ihn in das Arbeitszimmer, wo er kurz danach ein wenig nervös Platz nahm und die beiden Polizisten aus müden Augen anblickte.

 

„Fatmir, wo warst du gestern Nacht?“, fragte Thomas in geradeheraus und merkte, wie der Albaner verwundert zusammenzuckte. 

 

„Thomas, du verdächtigst doch nicht etwa mich?“, stammelte Fatmir entsetzt und blickte Hilfe suchenden zu dem regungslosen Ghanaer, der ihn nachdenklich musterte.

 

„Fatmir, das habe ich nicht gesagt. Sag einfach, wo du warst und ob du vielleicht etwas gesehen hast.“, forderte Thomas ungeduldig.

 

„Nun, ich werde es dann wohl gestehen müssen. Ich war auf der Suche nach Alkohol. Ich brauche dieses Teufelszeug einfach und habe mich ein wenig in der Küche umgesehen. Dort war alles verschlossen, also ging ich hinunter in den Weinkeller, wo ich ausreichend genug fand. Ich habe zwei oder drei Flaschen heimlich mit auf mein Zimmer genommen.“, berichtete der Albaner kleinlaut.

 

„Verdammt Fatmir, du musst von diesem Dreck wegkommen.“, herrschte Thomas ihn an.

 

„Ja, das weiß ich. Ich habe dir ja versprochen die Entziehungskur zu machen, wenn das hier vorbei ist. Aber es ist so verdammt schwer. Ich kann nachts nicht mehr ruhig schlafen, nicht mehr klar denken ohne dieses Zeug.“, erwiderte der Albaner hastig.

 

„Hast du zufällig auch etwas mit Drogen am Hut? Kokain zum Beispiel?“, fragte Thomas und dachte an seinen Fund im Weinkeller.

 

„Nein, so etwas habe ich nie angerührt, ehrlich nicht.“, beteuerte Fatmir ihm händeringend.

 

„Hast du denn auf deiner nächtlichen Wanderung irgendetwas bemerkt oder jemanden getroffen?“, fragte Mamadou, obwohl er sich keine positive Antwort erhoffte. So wurde er positiv überrascht.

 

„Doch, da war jemand im Weinkeller.“

 

„Was? Hast du ihn erkannt?“

 

„Ich bin mir nicht ganz einhundertprozentig sicher...“

 

„Bitte, Fatmir...“

 

„Ich glaube, es war dieser Butler, Francis McGregor!“

 

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