Eklablog Tous les blogs
Editer l'article Suivre ce blog Administration + Créer mon blog
MENU

by Sebastian Kluth

Kapitel 31

 

Kapitel 31: Donnerstag, 13 Uhr 14, Arbeitszimmer


Der Butler war einigermaßen verwundert, als Thomas ihn ins das Arbeitszimmer bat und auch die anwesenden Gäste schauten dem steifen Angestellten perplex hinterher. Einige der Anwesenden wollten Fatmir nach dieser ungewohnten Aktion befragen, doch der bemühte sich hastig den Speisesaal zu verlassen. Er sehnte sich nach ein wenig Ruhe und war um die Mittagszeit besonders müde, gerade weil er in der letzten Nacht auf Grund seiner Wanderungen durch das fremde Schloss sehr wenig geschlafen hatte.

So trat Francis McGregor langsam in das Arbeitszimmer. Er bewegte sich ein wenig unrund und nervös, nahm zögernd auf dem ihm angebotenen Ledersessel Platz und wischte sich mit einem weißen Seidentaschetuch einige Schweißperlen von der Stirn. Die beiden Polizisten verfolgten sein nervöses Eintreten mit Spannung.

„Wie kann ich Ihnen behilflich sein, meine Herren?“, erkundigte sich Francis McGregor nach einer Weile mit brüchiger Stimme.

„Wir wissen noch recht wenig über Sie. Es wäre vielleicht von Vorteil, wenn Sie uns ein wenig von ihnen erzählen könnten. Wo kommen Sie her, wie lange arbeiten Sie schon hier? Was haben Sie vorher gemacht und wie ist Ihr Verhältnis zu Frau Osario und Herr Wohlfahrt?“, löcherte ihn Thomas mit Nachdruck.

Der Butler blickte zu Boden, schien sich sammeln zu wollen, atmete tief durch und fing dann an zu berichten.

„Nun gut, da gibt es nicht so viel zu sagen. Ich bin in Greenock, im Westen Schottlands geboren. Meine Eltern waren Bedienstete in einem dort ansässigen Clan und ich durchlief eine ähnliche Schule. Ich hatte zunächst vor Schauspieler zu werden, zog gegen den Willen meiner Eltern nach Aberdeen, hatte dort aber wenig Erfolg beim Theater. Ich wohnte dort eine Zeit lang bei einem Bekannten, der für mich eine Zeitungsannonce gefunden hatte. Darin fragte Herr Doktor Wohlfahrt nach einem hilfsbereiten, jungen, aber erfahrenen Butler und da ich in Geldnot steckte und arbeitslos war, nahm ich das Angebot an. Unter fünf verschiedenen Kandidaten hat er zuletzt mich ausgewählt. Die anderen waren ihm zu persönlich oder zu undiszipliniert. Ich bin jetzt seit fast vier Jahren in diesem Schloss angestellt. Mein Verhältnis zu Frau Osario und Herr Wohlfahrt ist lediglich beruflich, wenn man das so nennen mag. Wir kommen alle miteinander aus, aber wir pflegen keinerlei Privatgespräche.“

„Das ist nun schon einmal sehr ausführlich. Warum sind Sie eigentlich die ganze Zeit so schrecklich nervös?“, fragte Thomas ihn offen, stand auf und kreiste langsam um den Anwesenden, der ihn mit hektischen, schüchternen Blicken verfolgte.

„Ich weiß es nicht. Die ganze Sache hat mich doch mehr mitgenommen, als ich dachte.“, gab der Butler verlegen stammelnd zurück.

„Seltsam. Heute Morgen waren Sie noch die Ruhe selbst, auch beim Abtransportieren der Toten haben Sie nicht einmal mit der Wimper gezuckt und jetzt dieser Gefühlsausbruch. Das passt nicht zu Ihnen.“, stellte Thomas knallhart fest und beugte sich rasch zu dem Anwesenden hinunter, der seinem Blick nicht standhielt und seine Fußspitzen fixierte.

„Sie müssen verstehen, dass ich meinem Schlossherrn gegenüber nie Emotionen zeigen darf. Er ist sehr streng und das Leben auf dem Schloss ist oft sehr einsam und unpersönlich und man muss seine Gefühle oft unterdrücken. Jetzt verschafft sich das Angestaute seinen Platz.“, erklärte der Butler und blickte hoffnungsvoll erst Thomas, dann Mamadou an, der sich nachdenklich auf die Tischplatte gestützt hatte.

„Das hört sich negativ an. Ihr Verhältnis war also vermutlich doch schlechter. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie von hier wegkommen wollten und ich frage mich, warum Sie das nicht getan haben.“, stellte Thomas klar und der Butler schüttelte schwitzend den Kopf. Seine Steifheit schien er unkontrolliert abgelegt zu haben.

„Unser Verhältnis war nicht schlecht, es gab einfach keines. Ich war natürlich anfangs erst einmal froh, dass ich überhaupt Arbeit gefunden hatte, mittlerweile denke ich anders und habe auch vor, mich in den nächsten Monaten an einer anderen Stelle zu bewerben.“, berichtete der Butler überzeugend.

„Sagen Sie, haben Sie schon einmal Kokain eingenommen?“, fragte Thomas ihn knallhart.

Der Butler zuckte zusammen, wurde rot, schluckte und schüttelte beharrlich den Kopf. Er wich dem Blick des Schotten aus und fixierte Mamadou aus entsetzten Augen, der sein Gegenüber eher gelassen und aufmerksam betrachtete, während Thomas den Verhörten nachdringlich scharf musterte.

„Nein, damit kenne ich mich gar nicht aus.“, widersprach er vehement.

„Woran ist ihr Erfolg beim Theater eigentlich gescheitert?“, fragte Thomas ihn.

„Ich war wohl zu steif und förmlich, die Konkurrenz war groß. Ich war damals nur froh, dass ich nicht weiter in der Butlerschule war und mit meinen Eltern dem Clan dienen musste.“, stellte Francis McGregor klar.

„Sie wollten dem Butlerdasein unbedingt entfliehen und nehmen dann eine Stelle auf dieser abgelegenen Insel an? Das nehme ich Ihnen nicht ab.“, provozierte Thomas ihn und der Butler wich seinem Blick erneut betreten aus.

„Es war so. Ich hatte nach der gescheiterten Schauspielkarriere doch keine andere Möglichkeit mehr. Ich hatte doch nur diese eine Ausbildung.“, verteidigte sich der Butler, der nun aus allen Poren des Körpers zu schwitzen schien und sich gehetzt umblickte.

„Angenommen Sie schenken uns reinen Wein ein. Was haben Sie dann gestern mitten in der Nacht im Weinkeller fabriziert?“, herrschte Thomas, der nun langsam ungehalten und laut wurde, ihn an.

Der Butler zuckte zusammen, trommelte unruhig mit den Fingern auf der Armlehne seines Sessels herum und presste sich immer tiefer in das nachgiebige Leder und blickte ins Leere. Thomas sah, dass der Butler nachdenken wollte und nicht direkt antwortete und Thomas wollte ihn weiter verunsichern, schritt drohend auf den Butler zu, wollte etwas erwähnen, als er die Hand seines gemächlicheren Kollegen auf seiner Schulter spürte. Thomas zuckte herum und Mamadou sah in gelassen und beschwichtigend an. Thomas merkte, dass er vielleicht zu aufbrausend reagiert hatte und sich in einer zweifelhaften Theorie verrannte. Auf der anderen Seite fühlte er, dass ihm das zweifelhafte Verhalten des Butlers auch irgendwie wieder Recht gab.

Mit einem Mal sprang der Butler auf, marschierte eilig zur Zimmertür und blickte hektisch zu den beiden verduzten Polizisten, die auf eine solch rasche Reaktion nicht vorbereitet gewesen waren. Der Butler fuchtelte wild mit seiner Hand und schien kurz vor einem Kollaps zu stehen, so rot hatte sich sein Gesicht schon verfärbt.

„Ihr könnt mir nichts anhängen. Ich schwöre euch, dass ich mit der ganzen Sache nichts zu tun habe. Ich bin kein Mörder, ich will hier weg!“, rief er, riss ruckartig die Zimmertür auf und zuckte zusammen. Vor der Tür stand Gwang-jo Park in geduckter Haltung. Rasch sprang der Koreaner auf und hatte nach wenigen Sekunden der Verblüffung sein Schamgefühl bereits wieder überwunden. Feixend wandte er sich den restlichen Anwesenden zu.

„Er wollte gerade abhauen. Ich weiß jetzt Bescheid. Der Butler ist der Mörder!“, rief der rebellische Asiat, während Francis McGregor neben ihm versteifte und erschreckend bleich wurde.

Hektisch stammelnd taumelte er nach vorne, spürte, dass er von allen Anwesenden kritisch, teils auch offensichtlich gehässig gemustert wurde und fuhr herum. Gehetzt beschleunigte er seine Schritte und lief mit gesenktem Oberhaupt an den Wartenden vorbei und verließ laut schluchzend den Speisesaal wie ein vom Teufel Verfolgter.

Kaum hatte er den Speisessaal durchschritten, da fingen einige der Anwesenden an zu tuscheln und starrten dem Butler hinterher. Einige sprangen sogar auf. Einer der ersten war der Englischlehrer Björn Ansgar Lykström, der den Verdächtigen verfolgen wollte. Thomas und Mamadou sahen ihre Felle davonschwimmen und drohten die Kontrolle komplett zu verlieren, bis dem Schotten eine hilfreiche Idee einfiel.

„Lykström, Sie bleiben hier. Sie wollten wir als Nächstes befragen. Das Verhalten des Butlers hat gar nichts zu bedeuten.“, beteuerte er, doch wusste zugleich, dass ihm die ungläubigen Gesichter, die sich nun ihm zuwandten, keinen Glauben schenkten.

Der Schwede schien einen Moment lang mit seinem Schicksal zu hadern und abwägen zu wollen, ob er der Aufforderung auch Folge leisten sollte. Letztlich entscheid er sich gegen ein rebellisches Verhalten, nachdem er einen kurzen Blickkontakt mit Magdalena Osario ausgetauscht hatte. Mit weiten Schritten und grimmiger Miene durchquerte er den Raum und trat als Nächster in das Arbeitszimmer des Direktors.

Kurz bevor Thomas hinter dem Schweden die Tür schloss, gelang es ihm noch einen Blick auf Wohlfart zu werfen, der trist und nachdenklich etwas abseits der Gäste saß und rauchte, wobei er seinen Blick in der Leere des blauen Dunstes verlor. Er erhob sich nicht, um die Anwesenden zu beruhigen oder seinen Bediensteten zu verteidigen, sondern machte eher ein unglückliches, unentschiedenes Gesicht. Thomas wusste nicht so recht, wie er dieses Verhalten einordnen sollte. Langsam und sanft schloss er die Tür.

Retour à l'accueil
Partager cet article
Repost0
Pour être informé des derniers articles, inscrivez vous :