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by Sebastian Kluth

Kapitel 50

 

Kapitel 50: Freitag, 10 Uhr 03, Eingangshalle


Irgendwann war Mamadou wieder aufgewacht, denn ein Geräusch hatte ihn geweckt. Zunächst war er völlig verwirrt, wusste nicht einmal mehr, wo er sich befand, bis seine Erinnerungen an die letzte Nacht zurückkamen. Erschrocken zuckte er vom Flurboden in die Höhe, wandte sich zur Seite und wäre um ein Haar mit einer böse lachenden Person zusammengestoßen, die ihm ihre eiserne Hand provozierend auf die Schulter legte.

„Das nennt man also Nachtschicht. Die Polizei – dein Freund und Helfer. Ein irrer Butler bringt jeden einzelnen Gast um und die Polizei legt sich auch noch erholsam schlafen.“, knurrte Gwang-jo sein Gegenüber an und lächelte grausam.

Mamadou hatte erst jetzt seinen ersten Schock überwunden und löste sich mit einer raschen Drehung aus der Umklammerung des erbosten Koreaners. Er wollte sich verteidigen, doch er musste sich eingestehen, dass Gwang-jo mit seinen Anschuldigungen leider vollkommen richtig gelegen hatte. Mamadou wurde rot, blickte betreten zu Boden und seine Wut auf den Koreaner stieg noch, als er merkte, dass er ihm keine Argumente entgegenbringen konnte. Er fühlte sich schuldig, schwach und gleichzeitig durchfuhr ihn ein Gedanke, der ihn in Schweiß ausbrechen ließ. Hatte der Mörder während seiner Unaufmerksamkeit erneut zugeschlagen? Hatte der wahnsinnige Killer eine weitere Falle vorbereitet? Die Unwissenheit und die Schuldgefühle trieben Mamadou in den Wahnsinn und er wandte sich abrupt ab.

„Ich würde vorschlagen, dass du uns die Drogen zeigst, von denen du gesprochen hast. Vielleicht können wir euch ja wenigstens in dem Punkt Vertrauen schenken. Wir warten in der Eingangshalle, Bulle.“, fuhr der Koreaner Mamadou an und schritt fies lachend weiter den Flur entlang.

Mamadou ballte seine Hände zu Fäusten und starrte Gwang-jo böse nach. Er atmete tief durch und versuchte seine Beherrschung wieder zu gewinnen. Eigentlich hätte er sich immer als ruhigen, verständnisvollen und ausgeglichenen Menschen betrachtet, doch diese Ausnahmesituation zehrte an seinen Nerven und seiner Selbstbeherrschung. Nervös wandte er sich um und klopfte an die Zimmertür seines Kollegen und trat ein, ohne eine Antwort abzuwarten.

Thomas Jason Smith trat gerade mit nacktem Oberkörper aus dem Badezimmer und sah seinen Kollegen überrascht an. Der Butler saß mittlerweile auf einem Holzschemel nahe des Fensters und blickte still nach draußen, wo der Sturm das Dickicht hinter dem Schloss von einer Seite zur anderen riss und die Wellen wie monströse Klauen aggressiv gegen die steinige Küste brandeten, als ob sie das uralte Gestein mit ihrer Kraft entzweireißen und die Insel in den Fluten verschlingen lassen könnten.

„Mamadou, selbst die Wasserleitungen sind defekt. Es gibt keinerlei warmes Wasser mehr. Ich habe eben unter der Dusche fast einen Herzinfarkt bekommen.“, beklagte sich der schottische Polizist und zog sich eilig ein langärmeliges Hemd über.

„Gwang-jo erwartet uns in der Eingangshalle.“, meinte Mamadou nur emotionslos.

Thomas fuhr herum und kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe, während er sich gedankenverloren seine russische Armbanduhr anzog und dann nach einem Kamm griff.

„Ich weiß nicht, ob wir auf die Forderungen dieses Mannes eingehen sollten. Wir könnten die Drogen auch einfach in ihrem Versteck lassen.“, schlug Thomas vor.

„Theoretisch schon. Aber wenn wir ihm keinen Gegenbeweis bringen und zeigen, dass der Butler die Wahrheit gesagt hat, dann wird er uns noch mehr misstrauen, andere Gäste gegen uns aufwiegeln und es wird zu einer unvermeidlichen Eskalation kommen.“, argumentierte der Afrikaner und trat auf seinen Kollegen zu.

Thomas hielt inne und blickte Mamadou bedeutungsschwer an.

„Es könnte beim nächsten Mal eine tödliche Eskalation sein.“, fügte Mamadou hinzu, der die Gedanken seines Kollegen erraten zu haben schien.   

Plötzlich meldete sich erstmals der Butler zu Wort, der bislang lediglich völlig teilnahmslos am Fenster gesessen hatte und beinahe dem Wahnsinn verfallen zu sein schien. In jedem Fall hatten ihn die Ereignisse des letzten Tages stark mitgenommen und einen vielleicht lebenslangen Schock verursacht.

„Ich werde mitkommen. Ich will meine Unschuld beweisen.“, sagte er sehr energisch.

„Ich halte das für keine gute Idee.“, tat Thomas seine Zweifel kund.

„Ich habe nichts zu verlieren. Ich will zeigen, dass ich es ehrlich meine. Ich werde die Drogen nehmen und in die Fluten werfen. Sie sind mir völlig egal geworden.“, tat der Butler kund, ohne seine Gesprächspartner dabei anzusehen. Sein Blick war immer noch auf das Fenster und in eine uneinsehbare Ferne gerichtet.

Thomas überlegte eine Weile lang. Eigentlich hatte er die Drogen als Beweismaterial zurückstellen wollen. Auf der anderen Seite konnte bei den aktuellen Ereignissen niemand mehr an eine solche Lappalie denken. Der Butler hatte viel durchgemacht und ein Gefängnisaufenthalt würde ihm womöglich sogar den Rest geben. Mit den gestrigen Ereignissen war der Butler genügend bestraft und Thomas glaubte daran, dass eine solche Geste von Seiten des Butlers wieder für mehr Ruhe sorgen könnte und auch die Argumente der ärgsten Kritiker entschärfen würde.

Langsam nickte er, denn er hatte seine Entscheidung getroffen.

„So soll es sein. Ich halte das für eine gute Idee.“, gab er zurück und blickte auch seinen ghanaischen Kollegen an, der ihm mit einem kleinen Lächeln zunickte und ebenso wie er auf eine Wendung zum Guten hoffte.

Für einen kurzen Augenblick waren die Sorgen und Ängste vergessen und Thomas war immer überzeugter von dem Plan. Optimistisch verließ er sein Zimmer und wurde von Mamadou und dem stillen und in sich versunkenen Butler in die kalte und düstere Eingangshalle begleitet, wo bereits einige Anwesende warteten. In vorderster Front zur Treppe standen Gwang-jo und Fatmir, etwas abseits von ihnen Magdalena Osario, die einen hohen, grauen Wollkragenpullover trug und sich traurig an ihren Geliebten schmiegte, der ein wenig bedrückt wirkte und sich merklich zurückhielt nach den gestrigen Ereignissen. Vermutlich hatte er Gewissensbisse und blickte auch zu Boden, als der Butler an ihm vorbeischritt und einen undeutbaren Blick auf den Schweden warf.

Wortlos trat Thomas zum Eingangsportal, wandte sich noch einmal der betreten schweigenden Menschentraube zu und riss kraftvoll die Tür auf, die ihm aus seinem Griff gerissen wurde, und brutal gegen die Wand der Eingangshalle schlug, wo sie noch leicht nachbebte. Ein heftiger Wind schlug ihnen entgegen und durchnässte Thomas bereits bei seinen ersten Schritten bis auf die Haut. Er atmete tief durch und stürzte sich als Erster geduckt in das infernalische Unwetter, das die Insel zu verschlingen drohte.

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