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by Sebastian Kluth

Kapitel 51

 

Kapitel 51: Freitag, 10 Uhr 17, Dickicht


Mühsam kämpfte sich Thomas durch das mittlerweile völlig verschlammte Dickicht. Der Weg hatte sich verändert, seitdem er und Mamadou ihn das letzte Mal beschritten hatten. Der Afrikaner hatte seine Verletzung durch die Bärenfalle noch nicht vollständig auskuriert und humpelte noch ein wenig beim Gehen. Dies machte sich allerdings wenig bemerkbar, da die gesamte Gruppe nur sehr langsam vorankam und zudem biss er die Zähne zusammen und wollte unter keinen Umständen irgendeine Schwäche offenbaren.

Fatmir hatte indes durchs eine Schussverletzung ähnliche Probleme, doch seine Neugierde und sein Hass auf den Butler waren stärker gewesen als seine Schmerzen.

Viele Pflanzen und kleinere Bäume waren wie Strohhalme umgenickt, der Trampelpfad war oftmals von umgestürzten Büschen oder halb entwurzelten Sträuchern versperrt. Auf dem Boden hatten sich viele Pfützen gebildet und Thomas war einige Male ausgerutscht, hatte jedoch immer irgendwie sein Gleichgewicht halten können. Durch die widrigen Umstände kam die Gruppe nur mühsam voran, was sich auch merklich in der Stimmung einiger Leute widerspiegelte.

„Wann sind wir endlich da?“, jammerte Fatmir, der direkt hinter Gwang-jo herschritt und der gerade erst mitten in eine Pfütze gefallen war, sodass seine Kleidung fast bis zur Unkenntlichkeit verschmutzt worden waren.

„Hoffentlich führt ihr uns nicht in die Irre. Ich habe ein mieses Gefühl bei der Sache. Die wollen uns bestimmt verarschen.“, fluchte Gwang-jo, der direkt hinter Mamadou entlang schritt und plötzlich das Gleichgewicht verlor.

Fluchend wedelte der Koreaner mit den Armen, doch er konnte seinen Stand nicht mehr halten, taumelte unorthodox nach hinten und stieß dabei mit Fatmir zusammen, der auf dem nassen Untergrund ausrutschte und mit einem überraschten Fluch mitten auf den Weg fiel, während Gwang-jo gegen einen Baumstumpf prallte, davon abrutschte und in ein paar hochgewachsene Brennnesseln rutschte.

Mühsam rappelten sich die beiden auf, während Thomas unbeirrt weiter voranschritt und Mamadou sich mit einem süffisanten Grinsen kurz umwandte, ohne den beiden allerdings in irgendeiner Weise zu helfen. Erst Björn Ansgar Lykström, der das Ende der Gruppe bildete, hatte ein Erbarmen mit den beiden Skeptikern und half Fatmir auf die Beine, während Gwang-jo mürrisch jegliche Hilfe ablehnte, sich aufraffte und fluchend die schmerzenden Unterarme massierte, auf denen sich schon die ersten Brandwunden gebildet hatten. Er wartete kurz, bildete dann den letzten Teil der Gruppe und hing düsteren Gedanken nach.

Thomas Jason Smith war inzwischen endlich an der Stelle angekommen, wo er am vergangenen Tag das Kokain mit seinem provisorischen Kollegen versteckt hatte. Auch Mamadou selbst war jetzt dazu gestoßen und sogar der Rest der Gruppe hatte wieder ein wenig aufgeholt. So standen sie jetzt völlig durchnässt, übellaunig und erschöpft auf relativ begrenztem Raum und warteten auf das weitere Vorgehen.

„Hier in diesem ausgehöhlten Baumstamm haben wir die Drogen versteckt.“, teilte Thomas der Gruppe mit und wischte sich die nassen Haarstränen aus der Stirn.

„Seid ihr sicher, dass es der richtige Platz ist? Ich meine, es gibt hier ja viele umgekippte Baumstämme.“, warf Björn Ansgar Lykström fragend ein.

„Diesen Ort würde ich immer unter tausend anderen Orten wiedererkennen. Ich bin mir meiner Sache absolut sicher.“, zerstreute Thomas die Zweifel der restlichen Gruppe mit Bestimmtheit.

„Ich kann ihm nur zustimmen.“, warf auch Mamadou jetzt ein.

„Worauf warten wir denn dann noch, zur Hölle?“, beklagte sich Gwang-jo und drängte sich grob nach vorne, sodass er nun unmittelbar neben dem grimmig wegblickenden Butler stand, dem er einen feindlichen Blick zuwarf.

Thomas hatte die Zeichen der Zeit verstanden, bückte sich und sah den halb umgestürzten Baum, dessen Wurzeln aus dem Boden ragten, sodass der ausgehöhlte Stamm ein ideales Versteckt bot. Selbst die Steine, die Thomas und Mamadou vor das Versteck gelegt hatten, lagen größtenteils unberührt davor, lediglich einige leichtere Exemplare waren von der Sturmflut weggespült worden. Thomas rollte die Steine mühelos zur Seite, blickte kurz in das undurchdringliche Dunkel des ausgehöhlten Stammes und griff nun mit beiden Händen in der in die Öffnung.

Er schien zunächst nicht fündig zu werden, legte sich flach auf den Boden, um tiefer greifen zu können. Entsetzt tastete er von einer Seite zur anderen, klopfte gegen die innere Rinde, näherte seinem Kopf der Öffnung und verfiel in Hektik. Entsetzt stellte er fest, dass die Päckchen allesamt verloren waren. Schweiß brach auf seiner Stirn aus und er wandte sich mit klopfendem Herzen zu seinen Begleitern um, die ungeduldig hinter ihm verharrten und sofort merkten, dass etwas nicht stimmte. Schwer atmend stand Thomas auf, ging um den Baumstumpf herum und suchte nach einer zweiten Öffnung, doch er wurde nicht fündig.

 Fluchend eilte er noch einmal um den umgestürzten Baum und wurde nun endlich von Mamadou unterstützt, der sich flach auf den Boden gelegt hatte und nun ebenfalls das Versteck inspizierte. Er war noch einen Tick größer als Thomas, hatte auch längere Arme und steckte sogar seinen Kopf in die Öffnung, doch auch er wurde nicht fündig, rappelte sich wieder auf und schüttelte entsetzt den Kopf.

Thomas waren inzwischen die Nerven durchgegangen. Er trat wütend gegen die morsche Rinde des Baumstamms, die diesem Gewaltakt nicht mehr Stand hielt. Das Holz splitterte morsch auseinander und schon bald nahm Thomas die Hände zur Hilfe, um die Öffnung zu vergrößern. Erschrocken zuckte er zurück, als er eine Gruppe glitschiger Maden sah, die  verschreckt aus dem Holz kroch. Mit rasselndem Atem trat Thomas erneut gegen das Holz und hatte nun endlich eine größere Öffnung, in die er erwartungsvoll hineinstarrte.

Ernüchtert taumelte er zurück und stützte seinen Unterarm an einem verkrüppelten Baum ab. Nervös legte er seinen Kopf gegen den Arm und atmete tief durch. Schweiß und Regenwasser rannen ihm über das Gesicht.  Auch durch die Öffnung war kein Blick auf die Päckchen zu sehen gewesen. Die Beute war also nicht etwa tiefer in den Stamm hineingerutscht.

Mamadou wollte indes nicht aufgeben, packte den Stamm mit seiner vollen Kraft und drehte ihn leicht zur Seite, suchte dann die nähere Umgebung ab, bis das Dickicht ihm den Weg versperrte. Doch so sehr er sich auch bemühte, seine Versuche blieben allesamt erfolglos. Der sonst so beherrschte Afrikaner geriet völlig aus der Fassung. 

Thomas begegnete dem Blick des Butlers, der ihn düster anstarrte, wobei auch etwas Ängstliches in seinem Blick lag. Thomas fühlte sich plötzlich schuldiger denn je für das Schicksal des ehemaligen Drogendealers.

Alle Anwesenden wirkten überrascht und auch niedergeschlagen, lediglich Gwang-jo stand feixend abseits der Gruppe und ließ seinem Spott freien Lauf. Fast provokant lässig und langsam steckte er sich eine Zigarette an und warf das noch brennende Streichholz grinsend ins Dickicht. Genüsslich sog er den schlierenförmigen Rauch in seine Lungen ein.

„Ein tolles Versteck und eine tolle schauspielerische Leistung. Eure Enttäuschung und Überraschung sieht schon beinahe echt aus. Aber ihr könnt mich nicht täuschen! Ihr habt gelogen und euer Butler auch. Vielleicht steckt ihr zu dritt unter einer Decke. Er macht die Drecksarbeit und ihr schützt ihn und besorgt ihm die nötigen Informationen über die einzelnen Opfer. Ihr seid allesamt verrückt! Aber mich kriegt ihr nicht!“, schrie der Koreaner voller Wut, blickte sich grimmig um und sah, dass auch die anderen Begleiter der Gruppe ungeduldig geworden waren.

„Was soll das bedeuten, was habt ihr mit uns vor?“, fragte Fatmir zitternd und wich immer weiter von den Polizisten und dem Butler zurück, als ob er eine plötzliche Attacke der vermeintlichen Mörder erwarten würde.

Er hielt es schließlich nicht mehr länger aus, fuhr herum, rutschte mit seinem linken Bein weg, fing sich gerade noch und humpelte über den schmalen Trampelpfad hinweg davon. Er war zwar von seiner Verletzung geplagt, doch seine Angst vor einem möglichen Hinterhalt verlieh ihm fast schon unnatürliche Kräfte und er huschte davon, als ob er von tausend Teufeln gejagt werden würde.

„Ich lasse mir nichts vormachen. Ich habe auch keine Angst vor euch“, herrschte der Koreaner die beiden Polizisten und den Butler an, als ob er sich selbst Mut zureden müsste. In seinem Blick flackerte eine wahnsinnige Aggressivität, der er plötzlich freien Lauf ließ.

Völlig unvermittelt warf er seine Zigarette in die Büsche und raste ohne jegliche Vorwarnung auf den Butler zu, sprang diesen an und stieß ihn grob zu Boden. Mit beiden Händen packte er den Hals des überraschten Opfers und drückte mit finsterem Blick unbarmherzig zu. Gleichzeitig verpasste der Koreaner seinem Gegner einen brutalen Kopfstoß gegen die Nase und das Röcheln des Butlers vermischte sich mit einem gequälten Schmerzensschrei.

Thomas reagierte einen Augenblick schneller als sein Kollege, stürzte auf den Koreaner zu, der den Angriff sah und sich mit einer Seitwärtsrolle blitzschnell aus der Gefahrenzone beförderte. Thomas prallte im Fallen noch gegen den bemitleidenswerten Butler, rappelte sich aber sofort auf und stand seinem Gegenspieler plötzlich wieder gegenüber.

Gwang-jo reagierte blitzschnell, nahm lediglich zwei schritte Anlauf, drückte sich vom matschigen Boden ab, rutschte noch ab und flog mit dem rechten, gespreizten Fuß voraus, auf den schottischen Polizisten zu. Dieser hatte durch das Abrutschen des Standbeines des Koreaners einige Sekundenbruchteile Zeit gehabt zu reagieren und dieser Umstand rettete ihn vor einer gröberen Verletzung. Er konnte sich im letzten Moment zur Seite wenden, sodass ihn der brutale Tritt nur an der Schulter traf, aber dennoch gegen den Baumstumpf schleuderte, auf den er prallte, um auf der anderen Seite ins nasse Gras zu fallen.

Der Koreaner hatte beim Landen nach dem Sprung sein Gleichgewicht verloren und war ausgerechnet auf den angeschlagenen Butler geprallt, aus dessen Nasenlöchern ein roter Blutstrom rann. Nervös rappelte er sich auf und blickte rasch hin und her, um sich in seiner panischen Wut den nächsten Gegner auszugucken.

Er wollte bereits wieder auf den benommenen schottischen Polizisten zustürmen, als er plötzlich etwas Kaltes in seinem Nacken spürte und ein metallisches Klicken vernahm.

           Der Koreaner erstarrte.

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