by Sebastian Kluth
Kapitel 67: Freitag, 17 Uhr 09, Eingangshalle
Neun Minuten waren seit dem vereinbarten Treffpunkt bereits verstrichen und Thomas war sogar, entgegen seiner sonstigen Gewohnheiten, überpünktlich erschienen. Erst nach und nach waren die weiteren Gäste aufgetaucht, wobei diejenigen, die nicht an der Erkundungstour über die Insel teilgenommen hatten, aufgeregt miteinander tuschelten. Alle waren auf die Präsentation der Ergebnisse gespannt.
Doch die Person, die sonst immer, abgesehen von Gwang-jo, am ungeduldigsten von allen reagierte, war noch immer nicht erschienen. Der selbsternannte Schlossherr und ehemalige Direktor Wohlfahrt war und blieb verschwunden. Thomas saß wie auf heißen Kohlen und wurde immer unruhiger, bis er endlich das nervöse Schweigen brach.
„Wir warten eigentlich nur auf Doktor Wohlfahrt. Es ist sonst gar nicht seine Art zu spät zu kommen. Wer hat ihn zuletzt gesehen?“, fragte Thomas ungeduldig.
„Vermutlich sein Butler oder sein Koch.“, mutmaßte Marilou Gauthier leise und mit einem unschuldigen Schulterzucken. Ihr schien die Versammlung unangenehm zu sein, sie wirkte schüchtern und auch irgendwie angespannt.
„Wo befinden sich die beiden?“, wollte Thomas ungeduldig wissen.
„Der Koch bereitet inzwischen das Abendmahl vor. Der Butler ist immer noch nicht aufgetaucht und scheint sich irgendwo im undurchdringlichen Wald in einem Unterschlupf aufzuhalten. Wir hatten eigentlich alle damit gerechnet, dass Sie ihn finden würden.“, bemerkte Magdalena Osario nicht ohne Spott.
„Wir haben ihn leider nicht gefunden. Es wird mittlerweile auch zu dunkel und stürmisch. Wir werden wohl frühestens am nächsten Morgen wieder nach ihm suchen können.“, bemerkte Thomas vorsichtig und versuchte dabei explizit mit keinem Wort seine Entdeckungen zu thematisieren. Dennoch zog er den giftigen Zorn der Spanierin auf sich.
„Wollen Sie uns nun sagen, dass sie zwei Stunden völlig ergebnislos die Insel durchkämmt haben?“, herrschte sie Thomas ungläubig an.
„Fast. Es gibt tatsächlich einen neuen Hinweis, den wir aber nicht benennen möchten. Da hier in der Gruppe ohnehin jeder den Anderen beschuldigt, haben wir aber daran gedacht, dass ein jeder von Ihnen auf ein einfaches Blatt Papier schreibt, wen er für den Mörder hält, warum und welche Indizien es dafür gibt.“, wich Thomas dem Thema aus und brachte nun eine ganz neue Ermittlungsmethode ins Spiel.
Tatsächlich wollte er das Gesagte nur als Grund vorschieben, um an die Handschriften jedes Anwesenden heranzukommen, um diese mit den Funden aus dem Schiff zu vergleichen. Seine ehemaligen fünf Begleiter widersprachen ihm nicht und schienen seine Absicht erkannt und glücklicherweise – Thomas fiel ein Stein vom Herz – sogar akzeptiert zu haben.
Die restlichen Anwesenden sahen sich jedoch verstört an und konnten den Ausführungen des Schotten nicht folgen. Vor allem Magdalena Osario war mit der neuen Vorgehensweise alles Andere als einverstanden.
„Ich konne da nicht so ganz mit, Herr Smith. Was soll diese Geheimniskrämerei? Was haben Sie mit uns vor? Ich bin eher dafür, dass wir uns jetzt zunächst darum bemühen den Direktor zu finden. Er steckt möglicherweise in größter Gefahr und wir müssen alles dafür tun, damit ihm in unserem Schloss nichts mehr geschieht. Danach schenken Sie, Herr Smith, uns reinen Wein ein und im Anschluss daran gehen wir vielleicht auf ihre seltsamen Ermittlungsmethoden ein.“, entgegnete die Spanierin selbstbewusst und wurde selbst von ihrem Geliebten dabei überrascht angesehen, da dieser mit einem solchen Einsatz für den Direktor von ihrer Seite überhaupt nicht gerechnet hatte.
„Ich finde die Idee gut. Wer weiß, was mit dem Direktor jetzt schon alles passiert sein könnte. Auf dieser verdammten Insel ist doch niemand mehr sicher!“, meldete sich Marilou Gauthier eindringlich zu Wort.
„Er ist um diese Uhrzeit doch immer bei den Haifischbecken, wenn ich mich nicht täusche.“, warf Abdullah nun ebenfalls ein, der seine Arm behutsam um den Hals seiner steif stehenden Frau gelegt hatte und ihr einen Kuss in den Nacken gab.
„Sehr richtig. Elaine war ja erst gestern dort mit dem Herrn Professor beschäftigt.“, deutete Gwang-jo kalt ein und kreuzte den Blick der Brasilianerin, deren Augen gefährlich und kühl wie Rasierklingen aufblitzten.
„Heute war dies nicht der Fall. Falls du also wieder eine neue Verschwörungstheorie planst oder haarsträubende Verdächtigungen in den Raum wirfst, solltest du dir überlegen, ob dies nicht gewisse Konsequenzen für dich haben könnte.“, gab Elaine kalt und überlegen zurück und verzog ihr hübsches Gesicht zu einer bedrohlichen Fratze, sodass es selbst dem großmäuligen Koreaner den Atem verschlug.
„War das etwa eine Drohung?“, fragte er leise und kalt, nachdem er einige Sekunden nachgedacht hatte und spürte gleichzeitig, dass alle Anwesenden verstummt waren und den aufkommenden Streit mit inzwischen nahezu krankhafter Neugierde verfolgten.
„Ich würde es eher einen Ratschlag nennen.“, bemerkte Elaine Maria da Silva mit ebenso kalter Stimme.
Gwang-jo verzerrte sein Gesicht zu einer Grimasse, ballte die Fäuste und trat langsam auf die Brasilianerin zu, die keine Anstalten machte, in irgendeiner Weise vor ihrem cholerischen Gegenspieler zurückzuweichen. Sie lächelte provozierend, als sie das Flackern im Blick des Koreaners sah und wie dessen Kopf hochrot wurde. Eine gedrückte Spannung lag förmlich in der Luft und alle Anwesenden wirkten wie erstarrt und trauten sich nicht, in diesen Konflikt irgendwie einzugreifen.
Schließlich fasste sich doch jemand ein Herz, nämlich Mamadou, der entschlossen in der Mitte des Personenkreises stand und sich elegant vor den Koreaner schob, der den Polizisten wutschnaubend zur Seite stoßen wollte und plötzlich gar mit seiner rechten Faust zu einem heftigen Schlag gegen den hilfsbereiten Ghanaer ausholte.
Mamadou duckte sich gerade noch im letzten Augenblick und bekam mit einem blitzartigen Reflex mit seiner linken Hand noch das Handgelenk des Koreaners zu fassen, welches er brutal zur Seite hebelte. Der Koreaner schrie vor Überraschung und Schmerz auf und taumelte zur Seite, wo ihn der Fußfeger des Polizisten traf, der ihm das Gleichgewicht nahm und brutal zu Boden fallen ließ.
Erst jetzt ließ Mamadou das Handgelenk los und brachte schnell einige Schritte zwischen sich und dem Koreaner, der vor Wut und Erniedrigung aufschrie und nach dem Afrikaner spuckte.
Jetzt war es Thomas, der in die Mitte lief und seinen Kollegen, der sich nun seinerseits enorm gereizt fühlte, vor einem weiteren Angriff zurückhielt. Wie ein Derwisch wandte sich Thomas um und herrschte brüllend die Anwesenden an und machte seiner Verzweiflung und seinem Unverständnis deutlich Luft.
„Seid ihr denn alle völlig durchgedreht? Wir können es uns nicht weiter leisten, uns gegenseitig so zu behandeln wie wilde Tiere. Wenn wir jetzt keinen kühlen Kopf bewahren, dann nehmen wir diesem Killer noch die Arbeit ab und bringen uns gegenseitig um! Hört mit diesem verdammten Provozieren auf! Es geht hier nicht mehr um die eigene Macht oder die Frage, wer das größere Ego hat, es geht hier nur noch um das blanke Überleben. Das sollte in eure Köpfe rein!“, ereiferte Thomas sich so stark, dass der Speichel im hohen Bogen von seinen Lippen sprühte und seine Halsschlagadern pulsierend hervortraten.
Der emotionale Ausbruch des Schotten hatte seine Wirkung tatsächlich nicht verfehlt und die Anwesenden verfielen in ein peinlich berührtes, aber auch ängstliches Schweigen. Die Kontrahenden begruben auch für eine Weile das Kriegsbeil und zogen sich in die Gesamtgruppe zurück. Erst nach einigen Sekunden der unerträglichen Stille brach Mamadou kleinlaut das Schweigen.
„Er hat völlig recht. Lasst uns gemeinsam in den Keller gehen und nach diesen Haifischbecken sehen. Irgendwo muss der Direktor ja doch stecken.“
Schweigend setzte sich die Gruppe in Bewegung und steuerte auf die uralte und staubige Treppe zu, die in die Tiefen der Kellergewölbe führte. Als der Letzte die Eingangshalle verlassen hatte, ertönten ein dumpfes Grollen und ein krachender Blitz, der den gespenstischen Eingangsbereich jäh und unwirklich erleuchtete. Von weit draußen war irgendwo ein schauriges Heulen zu hören, welches jedoch vom prasselnden Regen bald wieder übertönt wurde.
So war die Eingangshalle wieder in eine monotone Stille getaucht, bis es plötzlich mehrere Male an der Eingangstür klopfte und dumpfe Schreie der Verzweiflung zu vernehmen waren. Niemand konnte dem Unbekannten das Tor öffnen, denn die Anwesenden waren inzwischen gemeinschaftlich in die Kellergewölbe gegangen. Obwohl der unbekannte Ankömmling sich die Lungen wund schrie, drang kaum ein Laut durch das solide Holz ins Innere des Schlosses. Seine Bemühungen waren nicht von Erfolg gekrönt und so nahmen die heftigen Schläge gegen das Portal nach einiger Zeit dann regelmäßig ab, bis sie schließlich ganz ungehört verklungen waren, ebenso wie auch die verzweifelten Hilferufe.
Nach etwa fünf Minuten war dann alles vorbei und es kehrte eine drückende Totenstille ein, bei der sogar das Unwetter merklich abflaute. Von dem verzweifelten Menschen oder dem schaurigen Geheule des Wolfes war nichts mehr zu hören. Kalt und unheilvoll war es in der gigantischen Eingangshalle, in der mehr als noch zuvor jede Harmonie und alles Leben völlig ausgestorben war.