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by Sebastian Kluth

Kapitel 66

 Kapitel 66: Freitag, 15 Uhr 40, Fischkutter

 

Alle Augenpaare starrten nun den Koreaner an, der das Gefühl des hochmütigen Triumphes genoss, nachdem er vor wenigen Augenblicken noch die Verachtung aller Anwesenden auf sich gezogen hatte. Im gesamten Kutter war es so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Lediglich das ferne Rauschen des unruhigen Meeres und das unheilvolle Knarren der alten und morschen Schiffsplanken sorgten für eine grausige, atmosphärische Untermalung dieser spannungsgeladenen Szenerie.

 Die Anwesenden dachten nach, gingen gedanklich noch einmal die Fotos und Artikel durch und suchten nach der verbliebenen Person, nach der greifbar nahen Lösung, die sich ihnen vermeintlich jetzt präsentieren sollte. Thomas zermarterte dich den Kopf, spürte eine rege Unruhe in sich und zitterte vor Erregung. Die Enthüllungen der letzten Minuten hatten auch ihn völlig überrascht und er musste sich erst einmal langsam wieder ordnen.

 Sein Kollege Mamadou war wieder einmal der Schnellste unter ihnen und brach das unangenehme und ehrfürchtige Schweigen wie ein kraftvoller Blitzschlag den wolkenverhangenen Himmel.

 „Es bleibt niemand übrig, lieber Gwang-jo.“, stellte der Ghanaer knapp und ein wenig hämisch fest.

 „Aber sicher. Du denkst vielleicht zu einfach.“, konterte der Koreaner mit einem überheblichen und trockenen Lachen.

 „Dann kläre uns doch bitte auf.“, antwortete Mamadou ruhig und war mit einem Mal wieder sehr ernst.

 Der Koreaner zehrte jedoch noch von dem Gefühl der Aufmerksamkeit für seine Person und machte eine lange Kunstpause, bevor er endlich stolz seine Enthüllungen preisgab.

 „Ihr mögt recht haben, dass von uns Schülern und Lehrern, die hier anwesend sind, niemand mehr übrig bleibt. Doch zwei andere Menschen, die auf dieser Insel leben, bleiben sehr wohl übrig. Zum einen der alte und rüstige Koch, der zu solchen Taten in seinem Alter aber kaum noch fähig sein dürfte, da sind wir uns sicherlich einig. Zum Anderen gibt es da aber noch diesen kriminellen Butler, aus dem niemand so ganz schlau wird und der uns bereits seit Tagen an der Nase herumführt. Er ist die einzige Person, die übrig bleibt. Ich hatte von Anfang an recht: Er ist der Mörder!“

 Nach dieser Aussage herrschte zunächst allgemeines Schweigen. Auch Thomas ließ sich die Worte des Koreaners durch den Kopf gehen. Auch wenn Gwang-jo beinahe schon auf fanatische Weise die Schuld dem Butler in die Schuhe schieben wollte, so musste er zugeben, dass er mit seinen Argumenten durchaus nicht falsch lag. Der Butler hatte in der Tat verdächtige Stimmungsschwankungen gehabt, dürfte die Insel wie seine Westentasche kennen und war auch auf jenen Fotos nicht vorhanden.

 Dennoch sprachen einige Sachen dagegen. Er konnte gewisse Bilder damals einfach nicht gemacht haben, es musste sich um eine andere Person handeln, die ihre Mitmenschen damals perfekt beobachtet und geradezu akribisch analysiert hatte, was ihr heute insofern zu Gute kam, als dass sie bislang noch keinen Fehler gemacht hatte und jedes Opfer auf eine ganz eigene, persönliche Weise ermordet hatte. Zudem glaubte Thomas dem Butler, dass dieser unschuldig sei und seine Einschätzungen gegenüber anderen Menschen waren bislang fast immer instinktiv richtig gewesen. Im selben Moment dieser Überzeugung fiel Thomas aber auch wieder siedend heiß ein, wie seine ehemalige Geliebte, die Französin Jeanette Rodin-Gagnon, ihn hintergangen, ausgenutzt und mit ihm gespielt hatte. Wenn er sich in ihr getäuscht hatte, konnte er sich dann nicht auch im Butler täuschen?

 Schließlich war es wieder Mamadou, der zu der gewagten Analyse des Koreaners Stellung bezog und diesen damit fast zur Weißglut trieb.

 „Ich finde deine Argumentation etwas einseitig. Erstens leuchtet mir kein Motiv ein. Der Butler kennt weder alle unsere Vergangenheiten, noch könnte er diese Fotos damals selbst gemacht haben. Ich bin davon überzeugt, dass einer der ehemaligen Schüler dahinter steckt oder sogar der Direktor selbst.“, mutmaßte Mamadou laut.

 „Diese ganze Diskussion bringt uns nicht weiter. Wir sollten die Mappen und Schriftstücke hier sicher stellen und später auf die eben vorgeschlagene Schriftprobe zu sprechen kommen.“, schlug Abdullah vor und versuchte gleichzeitig einen aufkommenden Streit bereits frühzeitig zu schlichten.

 „Ich weiß nicht so genau, ob das eine gute Idee ist. Wenn der Killer hierhin zurückkommt und merkt, dass wir das Versteck entdeckt haben und er vielleicht fürchten muss endgültig aufzufliegen, dann rastet dieser Wahnsinnige unter Umständen soweit aus, dass er bei nächster Gelegenheit Amok läuft..“, warf Björn Ansgar Lykström kritisch ein.

 „Wir haben eigentlich nur zwei klare Möglichkeiten. Entweder wir lassen die Sachen hier so wie sie sind oder aber wir nehmen entscheidende Beweismaterialien mit und verbrennen den Rest dieses verdammten Kutters.“, schlug nun Thomas vor.

 „Wenn wir Letzteres tun, dann sollten wir darüber aber auch schweigen und mit keinem der anderen Schlossbewohner über unsere Entdeckungen reden, denn dies könnte den Mörder frühzeitig warnen, sofern er sich nicht ohnehin schon unter uns befindet.“, warf Lykström ein und sah sich langsam und mit einem flauen Gefühl im Magen um.

 „Da finde ich den letzten Vorschlag noch einigermaßen in Ordnung. Wenn wir den ganzen Zunder hier in Flammen aufgehen lassen, dann hat der Killer keinerlei Möglichkeiten mehr und wird auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Entweder er gibt direkt auf oder er verhält sich dann wie ein verwundetes Tier und wird bald irgendwelche Fehler machen, da er sich angegriffen fühlt.“, argumentierte Gwang-jo, der nun ein wenig versöhnlicher schien und seine Meinung dieses Mal fast schon auf diplomatische Art und Weise abgeben wollte.

 „Ich finde auch, dass wir nicht ganz passiv bleiben können. Wir nehmen das Fotoalbum mit, sowie die Notizen und Mappen, den Rest verbrennen wir. Ich habe eben an Deck einige Benzinkanister gesehen. Damit sollte unser Vorhaben kein Problem mehr darstellen.“, meldete sich nun auch Fatmir zu Wort. 

 „Dann sind wir uns ja soweit einig. Wir sollten uns vorher aber noch genauer umsehen. Vielleicht finden wir doch noch einige konkrete Hinweise auf die Identität des Kutterbesitzers.“, forderte Thomas seine Begleiter auf und wirkte einigermaßen erleichtert, dass trotz all der Überraschungen niemand einen großen Streit vom Zaun brechen oder sich gegen den Vorschlag stellen wollte.

 Die Anwesenden durchforsteten somit noch die letzten Räume des düsteren, stinkenden Fischkutters. Auch hier waren die Funkgeräte hoffnungslos zerstört, der Täter hatte wohl an alles, offensichtlich sogar an eine Entdeckung seines Unterschlupfes gedacht. Diese Tatsache machte Thomas irgendwie Angst, denn er konnte sich nicht gänzlich dem Gefühl entwehren, dass dieser Fund vielleicht eine Falle war und vom Täter sogar über kurz oder lang einkalkuliert worden war. Lauerte der oder die Verrückte möglicherweise schon irgendwo jenseits der hohen Klippen und beobachtete die sechs Männer mit Argusaugen und einem diabolischen Lächeln?

 Je mehr Thomas entdeckte, je mehr Indizien er aufspürte, desto unklarer wurde die Sache für ihn. Er fühlte sich wie bei einer ergebnislosen Schnitzeljagd, die ihn von einer Hölle in die nächste zu schicken schien. Immer wenn ein mutmaßlicher Verdächtiger greifbar erschien, entpuppte sich die heiße Spur als falsche Fährte. Der junge Polizist ballte die Fäuste und spürte eine blinde Wut und Ohnmacht in sich aufsteigen, die ihn gleichzeitig erregte. Er schwor sich die Ermittlungen mit Mamadou zu verschärfen, erneute Einzelgespräche zu führen und den Schrifttest durchzuführen.

 Nach etwa zehn Minuten hatten die beiden Polizisten wider Willen die notwendigen Beweisstücke aus dem brüchigen Kutter geschafft.

 Nach einer kurzen Absprache wurde die letzte Entscheidung noch einmal allgemein bestätigt. Der unheilvolle Kutter sollte verbrannt werden. Wie zum Protest ertönte ein harsches und ohrenbetäubendes Donnern, das sie alle aufschrecken ließ. Ein greller Blitz zuckte wie ein lebloser Arm über dem grauen, unruhigen Meer auf. Ein erneuter Sturm bahnte sich an und ein möglicher heftiger Regenschauer hätte das Feuer direkt wieder löschen können. Daher trieben sich die sechs Männer gegenseitig zur Beeilung an.

 Gwang-jo und Fatmir leerten die Benzinkanister und verteilten das stinkige Nass nicht nur an Deck, sondern auch im Schiffsrumpf und in einer spärlich eingerichteten Kajüte. Nach etwa fünf Minuten verließen die beiden harten Männer den Kutter. Alle blickten bereits erwartungsvoll auf Abdullah Gadua, der sein Feuerzeug opfern wollte, welches er, nachdem er vor vier Jahren schon mit dem Rauchen aufgehört hatte,  ohnehin nur noch für besondere Anlässe benutzte und mehr oder weniger zur Zierde bei sich trug.

 Langsam klappte der immer noch leicht verstört wirkende Katarer sein edles Zippo auf und eine halbhohe, bläulich lodernde Flamme schoss empor. Abdullah schloss die Augen und sandte ein Stoßgebet gen Himmel, bevor er das Feuerzeug mitten auf das Deck warf.

 Von dort aus vernahmen sie alle ein aggressives Fauchen als Zeichen der Entzündung des Kraftstoffes. Langsam züngelten die Flammen an den morschen Holzplanken entlang und fanden dort rasant schnell die geeignete Nahrung. Bald schoss das Feuer lichterloh in den trostlosen Himmel und ein Krächzen des Gebälkes läutete den endgültigen Zerfall des Kutters ein, den die sechs Gefährten wider Willen in einer Mischung aus Ehrfurcht, grimmiger Freude und Nachdenklichkeit verfolgten.

 Ein düsteres Grollen kündigte auch bald das Gewitter an, welches jetzt unausweichlich erschien und die sechs Männer machten sich gemeinschaftlich auf den Rückweg über die Strickleiter, die sie danach durchtrennten und achtlos in die Bucht warfen, in welcher der Kutter endgültig zusammengebrochen war. Hin und wieder hatte man kleinere Explosionen aus dem Inneren des Schiffes gehört, die vermutlich die Zerstörung anderer Kanister oder mancher Chemikalien bedeuteten.

 In dem Moment, als der Kutter fast völlig ausgebrannt war und sich die Flammen flach über die aschfahlen Überreste legten, öffnete auch der Himmel seine Schleusen und überfiel die Gruppe fast sinflutartig.

 Thomas verharrte noch kurz an der äußersten Klippe der Insel. Während der Regen ihm seine Haare wirr ins Gesicht drückte, blickte er starr auf den Kutter, dessen Bug gerade im Begriff war völlig zusammenzubrechen. Danach ertönte ein schiefes Kreischen, vermutlich von alten Metallstreben, die sich nun in Wohlgefallen auflösten.

 Thomas dachte nach. Hatten sie mit der Zerstörung des Kutters einen wichtigen teilsieg erringen können? Hatten sie die Mordwaffen des wahnsinnigen Mörders zu wertlosem Schrott verbrennen und seine bestialischen Pläne somit völlig ruinieren können? Waren dem Täter nun die Hände gebunden? Würde er bei der Entdeckung seines zerstörten Kutters völlig durchdrehen und entscheidende Fehler machen? Würde er sich aufgeben und den Freitod wählen?

 Thomas wurde von den stechenden Fragen förmlich überfallen und sein Blick trübte sich.

 „Komm Thomas, lass uns schnell zum Schloss zurückkehren!“, rief ihm Mamadou zu, der als Einziger außer der Gruppe noch auf den zurückgebliebenen Thomas wartete, der nun langsam und wie betäubt  sein Gesicht vom Kutter abwandte und in Richtung des Dickichts schritt.

 Den Rückweg ging man nun nicht mehr getrennt, denn man wollte kein unnötiges Risiko eingehen. Mamadou und Thomas trugen alle wichtigen Unterlagen in den Innentaschen ihrer Mäntel und appellierten noch einmal an alle, dass die Entdeckungen zunächst unter ihnen bleiben sollten. An die Suche nach dem völlig überhastet geflüchteten Butler dachte bei diesem Wetter und nach den schwer im Magen liegenden Funden niemand mehr. Man wollte erst einmal die neuesten Entdeckungen verdauen und zum Teil auch auswerten. Zudem wurde der Regen immer stärker und die schmalen Trampelpfade waren bereits völlig verschlammt und kaum noch zugänglich. So wurde beschlossen die Suche nach dem labilen Butler zu verschieben. Thomas wollte sich zudem nicht zu lange abseits des Schlosses aufhalten, denn er wusste nicht, wann und wo der verrückte Serienmörder wieder zuschlagen würde und wollte versuchen seinem Gegner zukünftig mit den neuen Informationen ein wenig mehr voraus zu sein, um seine nächsten Schritte zu erahnen.

 So marschierten die sechs erschöpften Männer schweigsam durch den ungemütlichen Wald und kamen dabei nur langsam voran. Auf ihrem Weg entdeckten sie weder irgendwelche Spuren des ominösen Wolfes, noch auch nur eine Haarspitze des geflüchteten Butlers, der ja sogar eine gefährliche Waffe hatte mitgehen lassen.

 Nach einer guten halben Stunde hatten sie gemeinsam das verwucherte Dickicht durchquert und den düsteren Schlosspark erreicht. Gerade als sie sich auf die Eingangstür zu bewegten, ertönte weit hinter ihnen ein klagendes Heulen, so als ob der Wolf den zerstörten Kutter entdeckt hatte und nun ein schauriges Rachelied anstimmen wollte. Mit einem Schaudern traten die sechs Männer auf das Eingangsportal zu und waren zum ersten Mal seit der Ankunft auf dieser unglückseligen Insel sogar froh, zurück in das warme Schloss zu kehren.

 Nach der Ankunft profitierten die Anwesenden zunächst von ihren Duschen und vereinbarten danach, dass sie sich um 17 Uhr wieder im Eingangsbereich treffen wollten. Auch die nervös wartenden Gästen, unter denen sich sogar der schweigsame Koch befand und die sie zum Teil am Eingangstor empfangen hatten, bekamen lediglich diese knappe und zunächst unbefriedigend wirkende Nachricht mitgeteilt und fieberten der nächsten Zusammenkunft bereits entsprechend pikiert und ungeduldig entgegen.

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