by Sebastian Kluth
Kapitel 71: Freitag, 18 Uhr 11, Eingangshalle
Dieser Vorfall löste Thomas endlich aus seiner Erstarrung und die Gedanken rauschten wild und ungeordnet durch seinen Kopf, nachdem er zuvor nur ein hilfloses, dumpfes und irgendwie leeres Gefühl empfunden hatte.
Auch jetzt war die Situation zu überraschend, zu wahnwitzig, als dass er groß hätte überlegen können. Er kniete sich stattdessen neben der umgestürzten Magdalena Osario nieder, bei der auch schon ihr Geliebter Björn Ansgar Lykström hockte. Nervös tastete Thomas nach der Halsschlagader der jungen spanischen Lehrerin und stellte erleichtert fest, dass ihr Puls völlig normal und regelmäßig war. In diesem Moment stöhnte die Lehrerin auch auf, blinzelte verwirrt und kam langsam zu sich.
Thomas und Björn Ansgar Lykström sahen sich langsam an und der Schwede machte eine leichte Kopfbewegung zu einem älteren, roten und staubigem Sofa an der linken Seite der Eingangshalle hin. Der schottische Polizist begriff, packte die Beine der Spanierin, während der Schwede Arme und Kopf seiner Geliebten stützte. Diese Aktion genügte dem Koreaner, der inzwischen das Eingangsportal erreicht hatte, schon wieder als Provokation.
„Ohne meinen Befehl rührt sich hier niemand vom Fleck. Keine falschen Tricks von euch beiden, sonst muss es unsere allseits geliebte Lehrerin für euch ausbaden!“, herrschte er die beiden drohend an.
Lykström blickte Thomas kurz an, sein Gesicht verfärbte sich rot vor Zorn und er bebte angesichts der unmissverständlichen und dreisten Drohung. Irgendwie schaffte der Schwede es noch sich im Zaum zu halten und legte den Körper der Spanierin trotz der deutlichen Warnung des selbstverliebten Koreaners gemeinsam mit Thomas langsam auf dem Sofa ab. Magdalena Osario war nach diesem kurzen Schwächeanfall immer noch ein wenig benommen und Lykström hielt mitfühlend ihre Hand, während Thomas sich rückwärts gehend entfernte.
Plötzlich ertönten ein ohrenbetäubender Knall und ein lautes Splittern. Irgendwo an der Wand fiel ein Bild auf den Boden, wobei der Rahmen in tausend Scherben zersprang. Gwang-jo hielt drohend die Pistole in die Luft, aus deren Mündung es noch qualmte. Lykström war erschrocken und in abwehrender Haltung herumgewirbelt und blickte den Koreaner fassungslos an.
„Hörst du mir nicht richtig zu, Lykström? Ich habe hier die Kontrolle und das war die letzte Warnung für dich. Gehe zurück zum Rest der Gruppe und nimm den Bullen gleich mit! Ich habe die Schnauze voll von diesem dilettantischem und ungeordnetem Vorgehen. Jetzt nehme ich das Ruder in die Hand, um mal ein bisschen Ruhe hineinzubringen und diesen dreckigen Killer zu bestrafen.“, schimpfte er laut und fuchtelte bedrohlich mit seiner Waffe in der Luft.
Lykström gehorchte mit gesenktem Haupt und geballten Händen und auch Thomas schlug langsam denselben Weg ein. Alle Anwesenden hatten sich jetzt mit dem Rücken zum offenstehenden Eingangsportal versammelt, auch Abdullah Gadua war nach seinem Sturz in den Garten wieder zu ihnen gestoßen. Seine Kleidung war schlammig und verdreckt, eine Mischung aus Regen und Schweiß klebte auf seiner Stirn. Schwer atmend ergriff er die Hand seiner Partnerin, die ihm vielleicht das Leben gerettet hatte und hauchte ihr atemlos einen Kuss in den Nacken. Marilou lächelte undefinierbar, obwohl sie auch nur Augen für den Koreaner hatte, der die Anwesenden kritisch musterte.
Jetzt wirkte Gwang-jo tatsächlich fast zufrieden und grinste die Gruppe überheblich an.
„Ich brauche zwei tatkräftige Leute, die diesen Verrückten in ein Zimmer sperren und dann dort die erste Wachschicht schieben. Ich schlage vor, dass wir ihn in sein eigenes Zimmer sperren, von dort oben aus kann er bestimmt nicht mehr abhauen. Fatmir und Mamadou, ihre beide werdet diesen Bastard tragen. Der Rest der Gruppe kommt ebenfalls mit uns hoch, damit niemand auf dumme Gedanken kommt.“, bestimmte der Koreaner mit harter Stimme und ließ den Butler achtlos aus seinen Armen und zu Boden fallen. Dabei war es bezeichnend für den sadistischen Koreaner, dass er zu der Schwerstarbeit nun genau die zwei Männer aufforderte, die zuvor schwer verletzt worden waren und sich kaum mehr aufrecht halten konnten.
Das Blut aus der zertrümmerten Nase des Butlers sprühte über die Eingangshalle hinweg und er sank fast leblos in sich zusammen, während stumme Tränen aus seinen glasig gewordenen Augen liefen.
Die beiden angesprochenen Männer gehorchten dem Befehl; Mamadou ein wenig zögernd und widerwillig, Fatmir jedoch war weitaus entschlossener. Der Albaner ging sogar mit einem grimmigen Lächeln auf den Butler zu, dem er direkt noch einen kurzen Tritt in die Magengrube verpasste. Der Butler war vor Schmerz mittlerweile so betäubt, dass er gar nicht mehr akustisch darauf reagierte oder Abwehrmaßnahmen unternahm.
Thomas ekelte das ganze bizarre Szenario extrem an und er suchte verzweifelt nach einer Möglichkeit, das Glück wieder auf seine Seite zu bringen.
Er ging gedanklich alle Möglichkeiten durch, die ihm noch blieben. Er musste sich jedoch eingestehen, dass er höchstens einen Moment der Unachtsamkeit des Koreaners ausnützen könnte, denn Thomas war sich sicher, dass Gwang-jo kalt genug war, um von seiner erbeuteten Waffe ab sofort jederzeit auch tödlichen Gebrauch zu machen.
Der sonst so cholerische Koreaner tat Thomas jedoch den Gefallen nicht, sondern wirkte seltsam ruhig und bestimmend und schien gerade den schottischen Polizisten, den er wohl als stärksten Gegner einschätzte, ständig mit Argusaugen zu beobachten.
Mittlerweile hatte Fatmir grob die Arme des Butlers ergriffen, dessen Kopf leblos und schräg über die Schulter des Albaners hing. Mamadou hatte ächzend die Beine des Butlers gepackt und blickte hin und wieder feindselig und verkniffen zu dem Koreaner, der mit dem Lauf seiner Waffe jetzt auf die Treppe wies.
Die beiden Männer, mit einer makabren Last beladen, führten den Befehl aus und Gwang-jo ging nach einiger Zeit rückwärts auf die Treppe zu, sodass er alle Gäste noch im Blick hatte. Thomas versuchte in diesem Moment Blickkontakt mit seinem Kollegen Mamadou aufzunehmen, da dieser jetzt im Rücken des Koreaners stand und somit eine kleine Chance hatte, diesen unbeobachtet zu attackieren.
Doch erneut wurde Thomas ein dicker Strich durch die Rechnung gemacht, denn der Koreaner bemerkte die leichte Kopfbewegung des Schotten und wies sofort mit seiner Waffe auf ihn. Grimmig lachte Gwang-jo auf und drückte plötzlich gnadenlos ab.
Thomas rutschte das Herz in die Hose. Im Moment der Entdeckung seiner versuchten Kontaktaufnahme war ihm bereits der Schweiß ausgebrochen und er wirkte wie versteinert. Als er nun den peitschenden Schuss hörte, schloss er instinktiv die Augen, wohl wissend, dass die Kugel in jedem Fall schneller war als er selbst. Er sandte noch ein rasches Stoßgebet gen Himmel, doch seine Gedanken waren wie betäubt, er schien zugleich an tausend Dinge zu denken und dann doch wieder an nichts. Diese Unordnung hinterließ ein taubes Gefühl in ihm, welches er gar nicht einmal so sehr als unangenehm empfand, da die Gedankengänge ihn aus der bitteren Realität fortrissen, weg von der düsteren Insel, auf der in den letzten Tagen so viele Menschen ihr Leben lassen mussten, weg von der aussichtlosen Jagd auf einen unbekannten Mörder, weg von dem gemeingefährlichen Koreaner, der in seinem Wahn nun selbst die Leben der Leute auslöschen wollte, die sich gegen seine Pläne stellten. Fast war es so, als ob Thomas die Monotonie des Todes mit offenen Armen empfangen würde, denn nicht der Tod war die Hölle, sondern sein Leben war es in den letzten Tagen geworden. Warum war er so abgestraft? Er hatte schon einmal dem Tod näher gestanden als dem Leben, hatte höllische Qualen erlitten und nun war dieser Heilungsprozess nichtig geworden, war lediglich ein Aufschub gewesen und nun war sein Ende gekommen. Er starb wie ein Niemand, beinahe wie ein weiteres Opfer eines Verrückten, eine weiteres durchnummerierte Leiche auf der grausigen Todesinsel. Thomas Gedanken verflüchtigten sich, eine hypnotisierende Stille umgab ihn.
Da hörte der junge Schotte einen dumpfen Knall, ein Splittern und Krachen. Was konnte das sein? Wo befand er sich? Thomas hatte die Augen verschlossen, er sah nichts als eine dunkle Schwärze. Wo war das ominöse Licht des Jenseits? Wo waren die imaginären Welten, die man gemeinhin als Himmel oder Hölle bezeichnete?
Thomas blinzelte verwirrt und machte die Augen auf. Die Überraschungen rissen nicht ab. Er stand immer noch in der Eingangshalle, stocksteif, ebenso wie die anderen Gäste, die ihn wie einen Geist anblickten oder voller Angst den Koreaner musterten, der locker den Qualm von dem Lauf seiner Pistole blies.
„Beim nächsten Mal ziele ich genauer, Bullenschwein. Das gilt für jeden hier, der versucht mich zu hintergehen. Ich will kein unnötiges Blutvergießen, ich will lediglich Gerechtigkeit und dass wir diesen Mörder einsperren. Wenn ihr zu mir haltet, kommen wir vielleicht alle noch lebendig von hier weg, doch wenn ihr mich hintergeht, dann seid ihr meine Feinde und ich werde eure Leben für das meinige opfern.“, mahnte Gwang-jo heldenhaft und ging dann weiter rücklings die Treppe hinauf.
Mit einer überheblichen Handbewegung gab er zu verstehen, dass die restlichen Gäste ihm folgen sollten. Thomas setzte sich als Letzter wie betäubt in Bewegung und schritt langsam die breiten Stufen hinauf, bewegte sich dann in Richtung des Turmes.
Sie hatten das Zimmer des Butlers schon beinahe erreicht, als sich der nächste überraschende Vorfall ereignete. Zunächst hörte Thomas nur ein Fluchen, ein Poltern und plötzlich eine Schuss der sich aus einer Waffe löste. Dann sprangen die Leute vor ihm plötzlich rücklings die Treppe hinunter, rissen Thomas mit, der sich so gerade noch auf den Beinen halten konnte. Taumelnd wich er zur Seite in den größeren Gang aus und sah plötzlich wie zwei ineinander verhake und sich umklammernde Männer mit enormer Geschwindigkeit die Treppe hinunterstürzen und sich dabei gegenseitig zu schlagen versuchten.
Thomas erkannte, dass es sich um Gwang-jo und Mamadou handelte. Offenbar hatte der Ghanaer die Geste des schottischen Polizisten doch mitbekommen oder hatte möglicherweise sogar aus eigenem Entschluss gehandelt und den herrischen Koreaner auf der Treppe attackiert, als dieser keinen Schutz oder Sicherheitsabstand mehr vor ihm hatte.
Der Schotte wich hastig zur Seite und musste mit ansehen, wie der Koreaner plötzlich einen Kinnhaken platzieren konnte, der den auf ihm liegenden Gegner mit aller Brutalität traf und ihn in die Luft wirbelte. Benommen schlug der ohnehin körperlich eingeschränkte Mamadou wenige Zentimeter neben Thomas auf, der plötzlich hellwach war und reagieren wollte. Er packte den linken Arm des Benommenen und zerrte ihn wieder auf die Beine, als er in der Bewegung plötzlich ein kaltes, bedrohliches, metallisches Klicken vernahm.
Wie in Zeitlupe bewegte Thomas seinen Kopf zur Seite und blickte in das vor Zorn gerötete Gesicht des Koreaners, der sich schnell aufgerappelt hatte und seine Waffe offensichtlich bei dem Kampf und Sturz nicht verloren hatte. Trotz seiner misslichen lage hatte er wieder die Oberhand geworden und selbst die Menschen ins einem Rücken, die sich noch auf der Wendeltreppe befanden, wagten es nicht ihn herauszufordern. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Minuten blickte Thomas in ein kaltes Mündungsloch und erstarrte atemlos.
Würde sich der zu allem bereite gewalttätige Asiate noch einmal im Zaum halten können? Thomas war sich über nichts mehr sicher, aber dieses Mal schloss er nicht wie ein Feigling die Augen, sondern wollte sich dem Kontrahenten und Unterdrücker ohne Angst und Schwäche als ebenbürtiger Gegenüber stellen.