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by Sebastian Kluth

Kapitel 72

 Kapitel 72: Freitag, 18 Uhr 23, Turmaufgang 

 

Der Koreaner blickte Thomas und Mamadou kalt an, als plötzlich ein böses Lächeln auf seinem Gesicht erschien. Dann näherte er sich den beiden, bekam den noch benommenen Ghanaer zu packen und hielt diesem urplötzlich den Lauf der Waffe an die Schläfe.  

 Thomas brach in Schweiß aus, sein ganzer Körper schien zu zittern. Die Geiselnahme seines Kollegen machte ihm viel mehr zu schaffen, als wenn der Koreaner sich an ihm vergriffen hätte. Hilfesuchend blickte der nun unschlüssige und etwas überraschte Schotte zu den restlichen Gästen, die auf der Treppe zum Turm standen und die unheimliche Szene steif und wortlos verfolgten. Von ihnen hatten Thomas und Mamadou wohl keine Hilfe zu erwarten, zu sehr waren sie nach dem brutalen Vorgehen des Koreaners geschockt.

 Gwang-jo blickte kalt und überlegen zu Thomas und sprach ihn mit leiser, drohender Stimme an, während er den Lauf der Pistole jetzt in den Nacken seiner neuen Geisel drückte.

               „Du tust jetzt genau das, was ich sage, sonst ist dein Kollege hier ein toter Mann. Du gehst jetzt langsam die Treppe bis ins Turmzimmer hinauf, ohne faule Tricks. Oben angekommen, wirst du dich auf das Bett setzen und auf mich und deinen erbärmlichen Verbündeten warten.“, gab der Koreaner vor.

In Thomas brodelte es, alles strebte sich in ihm gegen den Gehorsam, doch er hatte einfach keine anderen Optionen. Er musste den Anforderungen des Koreaners Folge leisten, der alle Trümpfe in der Hand hatte und leichtfertig mit Leben und Tod zu spielen schien.

 Langsam wandte sich Thomas um und ging auf die steile Treppe zu, die sich kreisförmig in die Höhe schraubte und in dem Zimmer des Butlers endete. Thomas blickte in ausdruckslose, manchmal aber auch grimmige und beschämte Gesichter, als er an den anderen Gästen vorbeischlich. Das düstere Knarren der Holzstufen erinnerte an eine bizarre Symphonie des Todes. Niemand wollte oder konnte dem Schotten helfen, die Köpfe der Anwesenden waren gesenkt. Niemand wollte an seiner Stelle sein und noch viel wneiger an der seines Kollegen und neuen Freundes.

 Thomas fühlte sich, als ob er im falschen Film sei, wo der Gefangene sich auf seinem letzten Marsch in Richtung des Dorfplatzes begibt, wo er exekutiert werden soll. Was aber würde ihn selbst im Turmzimmer erwarten?

 Die Dielen knarrten, Staub wirbelte durch die Luft und draußen schlug irgendwo mit infernalischer Wucht ein Blitz ein. Durch die Fenster des Turmzimmers und in den düsteren Gang zuckten gespenstische und helle Strahlen. Die Gesichter der anderen Gäste wirkten wie dämonische Fratzen, deren grausamsten Offenbarungen noch in den düsteren Schatten kaschiert zu sein schienen.

 Endlich sah Thomas die dunkle Holztür, ein kalter, schneidender Wind trieb ihm von dort entgegen, denn draußen tobte wieder die Fortsetzung des großen Unwetters, welches seit Tagen wie ein unheilvolles Omen diese Insel umwaberte. Offensichtlich war diese Turmkammer nicht vollständig isoliert.

 Thomas blickte auf das Bett, welches zentral in diesem Zimmer stand. Der Butler, mehr tot als lebendig, war inzwischen mit seinen eigenen Bettlaken an das Gestell gebunden worden und rührte sich nicht vom Fleck. Neben dem gefesselten stand Fatmir Skola, der Thomas kalt entgegenblickte. Von den ehemaligen Annäherungsversuchen zwischen den beiden war nichts mehr zuspüren. Fatmir hatte sich in dieser Extremsituation zu einem völlig neuen Menschen entwickelt, der scheinbar nur auf die Kraft des despotischen Koreaners zu vertrauen schien. Thomas erinnerte sich an seinen Ausbildungsleitner, der immer gesagte hatte, dass Menschen in Extremsituationen zu rücksichtlosen Bestien wurden und denen jedes Mittel recht war, um auch nur eine Minute ihres Lebens hinauszuschinden. Allerdings hatten sie im Unterricht eher von Bankräubern und professionnellen Geiselnehmer gesprochen und nicht von einem verzweifelten Alkoholiker, der sich an den größten Despoten der Gruppe klammerte, als ob er sein letzter Rettungsring auf hoher See sei.

Thomas blieb kurz in der Türöffnung stehen und blickte den Albaner grimmig an. Er hoffte insgeheim, dass dieser irgendeine menschliche Reaktion zeigen würde, doch diese Gedanken waren nur unscheinbare Illusionen.

Der sonst so dynamische Schotte bekam nun einen heftigen Stoß in den Rücken, taumelte vorwärts und wandte sich schnell um. In der Türöffnung stand jetzt Gwang-jo Park, der sich rasch von der Tür wegdrehte und Mamadou Kharissimi, den er immer noch in eiserner Umklammerung hielt, brutal mit sich riss. Kalt und arrogant nickte er seinem albanischen Verbündeten zu.

„Binde den schottischen Bullen vor dem Bett an das Gestell am Fußende fest. Im Kleiderschrank wirst du sicher etwas Brauchbares dafür finden!“, befahl der Koreaner kalt und der Albaner befolgte den Befehl ohne Widerspruch.

Fatmir Skola trat langsam zu dem Kleidungsschrank, in dem vor wenigen Stunden noch erdrückendes Beweismaterial gegen den Butler gefunden worden war. Hektisch durchwühlte er dabei mehrere Fächer und Schubladen und warf mehrere Hemden, Unterhosen und sogar Kopfbedeckungen achtlos hinter sich in den Raum, bevor er innehielt und plötzlich mit einem triumphierenden Grinsen ein altes Seil oder auch eine Kordel in die Luft hielt. Prüfend spannte er den zweckentwendeten Fund und nickte zufrieden.

Gwang-jo wies nun wieder auf Thomas und bedeutete diesem mit einem kalten Nicken sich dem Bett zu nähern, wo der bewusstlose und blutüberströmte Butler noch lag. Der schottische Polizist setzte sich langsam in Bewegung, wollte irgendwie Zeit gewinnen und hoffte noch auf ein Ende, auf ein fremdes Eingreifen, ein Erwachen aus diesem irrealen Alptraum. Er dachte vor allem an seinen Partner Mamadou, der sonst so mutig und energisch war und begegnete sogar dessen Blick, da er nahe der Eingangstür kauerte, wo sich auch manche anderen Gäste befanden. Der Ghanaer wirkte ratlos und war am Ende seiner Kräfte angelangt. Er zuckte bedauernd mit den Schultern, als er dem Blick seines Kollegen begegnete und starrte dann sogar betreten zur Seite, da der Koreaner die erneute Kontaktaufnahme bemerkt hatte und dem Ghanaer einen herben Tritt auf das verwundete Bein verpasst hatte. Mamadou wand sich vor Schmerzen und konnte nur mit zusammengepressten Lippen und weitgeöffneten Augen einen Schmerzensschrei unterdrücken.

Thomas wirkte entmutig und angeekelt, ballte die Hände zu Fäusten und suchte nach weiteren Möglichkeiten zu einer Flucht.

Da trat jedoch Fatmir auf ihn zu, drückte Thomas brutal zu Boden und umschlang dessen Arme sogleich mit der Kordel. Der Albaner ging unglaublich schnell und geschickt vor, während Thomas das Ganze mit zusammengekniffenen Lippen ertrug und aggressiv zu Gwang-jo blickte, der höhnisch lächelte und mit der Mündung der Waffe nun Thomas anvisierte.

Thomas fühlte, wie die alte Kordel ihm in die Unterarme schnitt, wie die Haut aufgescheuert wurde und wie die Umklammerung stramm gezogen wurde. Ebenso fest und energisch band der Albaner ihn am Bettgestell fest und prüfte diese Festigkeit erneut, in dem er an den Fesseln zerrte. Nach nur wenigen Minuten war er zufrieden und blickte nun Gwang-jo wieder erwatungsvoll an, ohne Thomas auch nur eines einzigen Blickes gewürdigt zu haben.

Dieser spürte einen bebenden Zorn in sich aufsteigen, prüfte seine Fesseln, wand sich in seiner Umklammerung wie eine Schlange, doch er spürte recht schnell, dass der Albaner unglücklicherweise zufällig ein richtiger Profi für so etwas zu sein schien. Die Fesseln gaben nicht um einen einzigen Zentimeter nach. 

Gwang-jo trat nun wieder in Aktion, allerdings anders als erwartet. Verächtlich blickte er auf den Ghanaer und spuckte abfällig auf den Boden. Dann wandte er sich zu den anwesenden Gästen an, musterte diese grimmig und winkte dann Abdullah Gadua mit seinem Pistolenlauf zu sich, der sich bleich von Marilou löste, die sich noch verzweifelt an seinen Arm klammerte und den Koreaner verständnislos und vorwurfsvoll anblickte.

„Unser Kollege Kharissimi ist völlig hinüber. Es ist völlig sinnfrei ihn in Gefangenschaft zu halten, diese Rolle wirst du daher übernehmen, mein lieber Abdulla, du bist auch einer von der härteren Truppe und sollst mir nicht länge rim Weg stehen. Das müsste dir doch auch in den Kram passen, nicht wahr? Du wirst hier im Turmzimmer direkt dem Spektakel beiwohnen können, wenn wir dem Typen, der dir zehntausend Pfund gestohlen hat, fertig machen und über den Jordan schicken. Na, ist das nichts?“, fragte Gwang-jo voller triefendem Spott und stieß Abdullah Gadua mit dem Pistolenlauf in den Rücken zu seinem albanischen Helfer, der bereits eine zweite Kordel in der Hand hielt und sein nächstes Opfer brutal auf die andere Seite des Bettes zerrte, welches völlig schräg und ungeordnet in dem fast völlig verwüsteten Raum stand.

Während der Albaner still seine Arbeit ausführte, von den Argusaugen des Koreaners beobachtet, prasselte von außen ein fast schon monsunartiger Regenstrom gegen das Dach. Die Brutalität dieser betäubenden Monotonie der Natur raubte Thomas fast den Verstand. Er fühlte sich elendig erniedrigt, lag hilflos verschwitzt auf einem dreckigen Boden und an ein rostiges Bettgestell gefesselt. Auch sein Blickfeld war eingeschränkt, denn er sah nur noch Gwang-jo, der zentral im Raum stand und sein Blick zwischen den stummen Gästen, seinem Verbündeten und dem gefesselten Thomas schweifen ließ. Die Szene wirkte fast wie eingefroren, nur das leise Zurren der Kordel war zu hören, mit der jetzt auch Abdullah Gadua gefesselt wurde.

Thomas erhaschte auch einen Blick auf die Partnerin seines gefesselten Schicksalsbruders, denn Marilou stand direkt neben dem erschöpft und gedemütigt wirkenden Mamadou, der zurück zur Gruppe gekrochen war und sich mühsam am Türrahmen aufgerichtet hatte. Die Kanadierin wirkte grimmig und stierte abfällig zu Gwang-jo, als ob sie ihn am liebsten sofort persönlich umbringen wollte. Thomas hatte die sonst so stille und fast apathisch wirkende junge Dame selten so aufgewühlt und aggressiv erlebt und er fürchtete sich fast vor ihrem beinahe schon wahnsinnigen und stechenden Blick. Der Schotte sagte sich aber, dass die Kanadierin wenigstens nicht in eine neue Depression gestürzt war und offensichtlich um ihren Ehemann sorgte. Vielleicht würden diese extremen Ereignisse die beiden wieder unweigerlich zusammenschweißen. Doch an ein rechtes Happy End konnte der Schotte im Moment einfach noch nicht glauben.

Endlich hatte Fatmir seine unehrenhafte Sisyphosarbeit abgeschlossen und blickte nun wieder erwartungsvoll zu Gwang-jo, der anerkennend nickte.

„Sind die Fesseln auch stramm genug?“, fragte dieser noch einmal kritisch nach.

„Darauf kannst du dich verlassen.“, erwiderte Fatmir mit einem überheblichen Grinsen.

„Falls nicht, wirst du dafür bezahlen. Du bleibst jetzt vorerst als Wachmann hier oben und setzt dich auf einen der Stühle. Ich werde mit den anderen Leuten wieder nach unten gehen und sie ein wenig in Schach halten.“, bestimmte der Koreaner grimmig und herrisch.

  „Worauf sollen wir denn eigentlich warten?“, wollte Fatmir wissen.

 „Darauf, dass endlich die Polizei kommt oder irgendein Schiff. Sobald das Wetter besser wird, werde ich ein großes Feuer machen, damit man dieses Signal von der Küste aus sehen kann. Ich werde mir aber auch die Stromleitungen im Haus ansehen, irgendetwas wird mir wohl einfallen, um sie vernünftig zu reparieren.“, gab der Koreaner zurück.

„Eine andere Wahl bleibt uns tatsächlich nicht.“, gab Fatmir zu.

„Sehr gut. Pass gut auf diese drei verabscheuungswürdigen Gestalten auf. Wenn einer von denen irgendeinen Mucks macht, dann weißt du, was zu tun ist. Und du weißt auch, bei wem du hin und wieder etwas härter zulangen darfst.“, erläuterte Gwang-jo mit einem bitterbösen Blick auf den Butler, trat gleichzeitig auf Fatmir zu und zog mit einem Mal ein großes Schweizer Messer aus seiner linken hinteren Hosentasche. Fast schon feierlich überreichte er seinem Verbündeten die Waffe.

„Das ist die einzige Waffe, falls man sie überhaupt so nennen kann, die ich mit auf diese Insel genommen habe. Du wirst es kaum glauben, aber mein Großvater hat das Teil einem ermordeten amerikanischen Soldaten abgenommen und schon im Koreakrieg benutzt. Gehe sorgfältig damit um.“, mahnte Gwang-jo den Albaner, der das Messer mit einem Schaudern entgegennahm und ehrfürchtig und eifrig nickte.

Gwang-jo war zufrieden und wandte sich mit einem kalten Lachen wieder den anderen Gästen zu, nachdem er noch einen letzten abfälligen Blick zu den drei Gefangenen geworfen hatte. Überheblich spuckte er auf den Boden und ließ seine erbeutete Waffe lässig um seinen Zeigefinger herum rotieren.

„Wir werden jetzt alle zusammen wieder schön in die Empfangshalle gehen. Versucht erst gar keine miesen Tricks.“, herrschte er die Anwesenden an und trat langsam und drohend auf die steil nach unten führende Wendeltreppe zu.

Thomas verrenkte fast seinen Kopf, um einen letzten Blick auf die Gäste zu erhaschen. Mamadou bemerkte ihn und nickte ihm grimmig zu, während sich Marilou wütend herumwarf und sich an den Abstieg machte. Die anderen Gäste wirkten sprachlos oder einfach nur verängstigt. Sie wirkten wie gelähmt und hatten während der gesamten Aktion im Schlossturm kein einziges Wort gesprochen und sich kaum vom Fleck gerührt. Die Angst stand in fast allen ihren gesichtern geschrieben. 

Nach wenigen Augenblicken wandte sich auch Mamadou humpelnd ab und schritt als Letzter die Treppe hinunter, verfolgt von Gwang-jo, der noch einen letzten, ernsten Blick zu Fatmir warf, der sich nahe des Treppenaufgangs auf einen alten Holzstuhl gesetzt hatte. Mit einem grimmigen Knurren fischte der Koreaner im Fortgehen noch lässig eine Zigarette aus seinem Ärmel und zündete sich diese an. Vermutlich wollte er sich mit dieser demonstrierten Gelassenheit nicht nur selbst Mut machen, sondern die restlichen Anwesenden zusätzlich erniedrigen.

Dann schritt auch der Koreaner als abschließendes Glied der schweigsamen Prozession in die Tiefe und nach einer Minute war selbst das düstere Knarren der Treppen verklungen. Das gesamte Schloss war ruhig und wie ausgestorben. Nur der starke Regenfall prasselte mit sturer Monotonie weiter gegen den Turm mit den verdreckten und spärlichen Fenstern, durch die man bereits einen tiefschwarzen Abend sehen konnte, der wie ein Mahnmal ewiger Dunkelheit wirkte.

Thomas machte die Stille fast wahnsinnig und immer wieder versuchte er unbemerkt an seinen eisernen Fesseln zu zerren, doch er hatte kaum Erfolg. Fatmir sah ihm mit einem höhnischen Lächeln dabei zu.

       Der junge schottische Mann lehnte sich schließlich erschöpft und entmutigt zurück gegen das rostige Gitter des Bettgestells, doch da hatte er noch eine letzte Idee, die er sich als letzte Option offen gehalten hatte. Lauernd richtete er sich auf und überraschte selbst seinen Mitgefangenen Abdullah, als er ihren gemeinsamen Bewacher ansprach.

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