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by Sebastian Kluth

Kapitel 98

 

Kapitel 98: Samstag, 16 Uhr 08 Zimmer des Kochs


Fast fünf Minuten lang hatten alle Anwesenden stumm und in grimmigem Nachdenken dem Toten seine letzte Ehre erwiesen. Die Totenstille, die sie mit dem Opfer teilten, war kalt und bedrückend und es war schließlich Gwang-jo Park, der anfing mit sich selbst zu kommunizieren, um das Gefühl der hilflosen Einsamkeit irgendwie zu ersticken. Er wirkte dabei, als ob er in einer anderen Welt wäre und seine Mitmenschen und unmittelbare Umgebung nicht mehr wahrnehmen könnte.

„Was ist nur mit mir los? Kaltblütig erstickt, eiskalt präpariert. Wer sagt mir, dass ich nicht der Nächste sein werde? Kann ich mich schützen? Ist mein Wille stärker als das Schicksal? Wo geht meine Reise hin? Ich kann es nicht verantworten. Es geht nicht länger! Ich muss mich befreien. Irgendwie, irgendwann. Es ist Zeit.“, murmelte der Koreaner vor sich hin, wandte sich dann mit bleichem Gesicht und glasigen Augen von dem Toten ab und drängte sich plötzlich gewaltsam an Thomas vorbei, der gerade noch überlegt hatte, ob er auf den seltsamen Monolog eingehen sollte oder nicht.

Stattdessen stieß der Koreaner ihn grob zur Seite, drückte sich auch an Abdullah vorbei, dem er seinen Arm energisch in die Seite rammte, dann stieß er die mit einem kleinen Spalt offen stehende Tür wuchtig auf und taumelte gehetzt in den Flur, wo er sich fast panisch umdrehte und mit eiligen Schritten aus dem Blick der verduzten Anwesenden entschwand.

Thomas wandte sich ebenfalls um und ging langsam in Richtung des Flures, als sich eine Hand wie eine eisige Totenklaue auf seine Schulter legte und ihn sanft, aber bestimmt zur Seite drückte. Mit einem Frösteln und aufgerichteten Nackenhaaren wandte sich Thomas um und blickte in die Augen von Marilou, welche wie düstere Eisseen wirkten, wie unheimliche Gletscher mit einer unergründlichen Tiefe. Thomas wusste nicht wieso, aber er hatte plötzlich einen abartigen Vergleich im Kopf und stellte sich die Augen der Kanadierin als Loch Ness vor und ihre unergründliche Seele als Nessie.

„Es macht keinen Sinn, er braucht jetzt seine Ruhe. Er ist gerade in einer Phase, wo er sich sehr zu verändern scheint, emotionaler und sozialer wird. Allerdings wirkt er sehr verwirrt und gehetzt. Wenn ihn jetzt jemand stört, dann könnte er wieder völlig durchdrehen. Ich würde mich vor diesem seltsamen Kauz in Acht nehmen und ihm auch im Moment keinen Glauben schenken.“, bemerkte Marilou eindringlich und Thomas nickte fast wie paralysiert, als ob er gerade all seine Energie und seinen Willen verloren hätte.

„Wir sollten uns vor jedem hier in Acht nehmen.“, bemerkte lediglich Elaine Maria da Silva schnippisch und tauschte dabei einen bedeutungsschwangeren und frostigen Blick mit der Kanadierin aus, obwohl sich die beiden Frauen eben seltsamerweise noch getröstet hatten.

Diesen leisen Konflikt hatte auch Abdullah bemerkt, der sich symbolisch vor seine Frau stellte und den Blick der Brasilianerin auf diese somit einschränkte. Grimmig verschränkte Abdullah seine Arme.

„Hört bloß auf meine Frau zu beschuldigen! Der Konflikt von eben sollte jedem Warnung genug sein.“, drohte Abdullah nun seinerseits und wirket dabei grimmig, wenngleich er dabei nicht so furchteinflößend aussah wie seine Gattin.

Für eine kurze Zeitspanne lang herrschte eine unbehagliche Stille im Raum, bevor sich Thomas vernehmlich räusperte und zum Tatort zurückbewegte, wobei er seiner brasilianischen Geliebten im Vorbeigehen an die Taille griff und sie langsam von dem verärgerten Pärchen wegzog. Thomas kannte das hitzige Temperament seiner Partnerin inzwischen zu Genüge und wollte eine weitere Eskalation unbedingt vermeiden. Bei seiner Aktion blickte Elaine Maria da Silva ihn jedoch zunächst verwundert, dann grimmig an und löste sich mit wehender Mähne aus seinem Griff. Demonstrativ trat sie nun zu Björn Ansgar Lykström, der stumm und nachdenklich auf den Toten starrte und an der hitzigen Diskussion gar nicht teilgenommen hatte. Der Schwede wirkte seltsam in sich gekehrt.

„Ein Opfer wird es heute noch geben. Am Tag unserer Ankunft gab es den ersten Toten, am zweiten Tag gleich zwei Opfer, am dritten Tag wurde die Anzahl auf drei Personen gesteigert und heute sind es vier. Wenn wir diese Rechnung weiter kalkulieren, dann wären wir morgen um diese Uhrzeit vermutlich alle tot.“, bemerkte der Schwede kalt und wandte sich mit leerem Blick der Brasilianerin zu, die ihn an den Schultern packte und heftig durchschüttelte.

„Ich will aber noch nicht sterben! Hast du gehört, du Schwarzseher? Ich will überleben!“, schrie sie außer sich vor Wut und hämmerte wuchtig auf den Brustkorb des durchtrainierten Lehrers ein, der sich gar nicht an dieser Verzweiflungstat störte.

„Wir sollten unseren letzten Abend genießen.“, murmelte er in einer Mischung aus Sarkasmus und Resignation, während sich die Brasilianerin schluchzend gegen ihn presste, dann erschöpft auf die Bettkante sank, wo neben ihr der Tote lag.

Thomas hatte dem Opfer inzwischen die Augen geschlossen und den offenen Mund behutsam zugedrückt, sodass der Anblick nicht mehr ganz so mulmig war. Wie lange mochte der Tote gelitten haben, bevor ihn das Kissen, das neben ihm lag und an der Unterseite völlig zerkratzt und zerbissen worden war, entgültig erstickt hatte? Thomas wollte der Sache unbedingt auf den Grund gehen.

„Alle werden sterben. Alle werden wir sterben. Gemeinsam untergehen.“, murmelte Björn Ansgar Lykström inzwischen heiser vor sich her und lachte unecht dabei.

Gebetsmühlenartig wiederholte er seine Phrasen und Thomas blickte ihn ein wenig besorgt dabei an. Dennoch versuchte er seine Gedanken auf einen erneuten Versuch der Ermittlung eines Täters zu fokussieren. Er konnte sich selbst nicht erklären, warum er sich noch nicht aufgegeben hatte. Trotz aller Angst und Bedrohung hatte er noch einen letzten Funken Hoffnung in sich gewahrt, den er jetzt praktisch als Initialzündung benötigte. Es klang in seinen Ohren makaber, aber je mehr Menschen unter den Anwesenden tot waren, desto näher kam er auch dem wahren Täter.

„Was genau ist passiert, nachdem ich eingesperrt worden bin? Wart ihr als Gruppe zusammen, wer hat sich von ihr entfernt?“, wollte Thomas schließlich wissen.

Elaine Maria da Silva blickte nachdenklich zu Boden und fuhr sich gedankenverloren durch ihr Haar, während der Schwede weiterhin regungslos auf den Toten starrte. Ein leises, kaltes Lächeln umspielte seine Lippen und er kicherte kopfschüttelnd. Die Augen des Schweden funkelten, als er sich zu Thomas umwandte. Der schottische Polizist bekam eine Gänsehaut und spürte wieder eine seltsam Veränderung, die nun diesen Anwesenden getroffen zu haben schien. Die Atmosphäre in dieser abgedunkelten Kammer wirkte plötzlich noch unheilvoller als bereits zuvor.

Auch Elaine Maria da Silva warf dem Schweden einen ängstlichen Blick zu und trat wieder näher zu Thomas heran. Langsam und mit brüchiger Stimme versuchte sie sich abzulenken, in dem sie zu der Frage ihres Partners Stellung bezog. Dabei griff sie fast instinktiv an dessen Unteram.

„Nun, ich versuche die Situation noch einmal zu rekonstruieren. Wir sind alle gemeinsam in die Bibliothek gegangen. Herr Lykström hatte sich gerade wieder ein wenig erholt und war zu Beginn gar nicht anwesend, was uns etwas überrascht hatte. Wir haben ihn dann aber in der Küche gefunden, wo er sich etwas zu trinken geholt hatte. Bei der Gelegenheit haben wir uns auch nach den verbliebenen Essensgegenständen umgesehen, aber hauptsächlich nur Konservendosen mit Hühnerbrühe gefunden. Das ist für mich aber kein Problem, es gibt eigentlich kaum etwas, was ich lieber esse als Hühnchen, egal in welcher Form.“, begann die Brasilianerin mit ihrer Reflektion und ließ ihre grazilen Hände dabei über den Unterarm des Schotten gleiten, der schließlich sanft ihre Hand ergriff und sie schützend umschloss.

„In Ordnung. Was genau habt ihr danach gemacht?“, wollte Thomas dann wissen und war inzwischen nur noch auf das Gesicht der Brasilianerin konzentriert, wenngleich sie ihm mehr ihr Profil zuwandte und in eine unsehbare Ferne zu blicken schien. Björn Ansgar Lykström setzte sich plötzlich wie paralysiert auf das Bett des Toten und versteifte in dieser Position, bis er anfing wie ein Seekranker von einer Seite zur anderen zu schwanken.

„Danach sind wir zurück in die Bibliothek gegangen, Gwang-jo ist aber noch kurz im Speisesaal geblieben und hat dort am zerstörten Fenster eine Zigarette geraucht. Der Sturm und Regen war draußen abgeflaut, daher bestand keinerlei Gefahr.“, fuhr die attraktive Brasilianerin nach einigen Sekunden der Verwirrung fort.

„Habt ihr ihn dabei denn auch die ganze Zeit im Auge gehabt?“, wollte Thomas genau wissen und bemerkte das leichte Kopfschütteln seiner Partnerin, die ihn jedoch noch immer nicht anblickte und ein wenig verloren wirkte. Auch sie hatten die letzten Ereignisse offensichtlich zermürbt, zumal ja auch noch der Konflikt mit Thomas selbst noch hinzu gekommen war.

„Wir haben ihn vielleicht für fünf Minuten aus den Augen gelassen, aber er kam dann zurück in die Bibliothek und wirkte seitdem sehr nachdenklich und besorgt. Man konnte seinen Sinneswandel förmlich spüren. Wir wollten uns aber vermehrt um Lykström kümmern, er war nach dem Mord an Mamadou und der Explosion dieser präparierten Kuckucksuhr völlig fertig. Marilou bot an, dem fiebrig und zittrig wirkenden Lehrer einige Wadenwickel zu machen und ein paar Handtücher zu holen. Sie muss auf ihrem Weg zu ihrem Zimmer dann irgendwie auf dich aufmerksam geworden sein. Nach einer Zeit rief sie uns und sagte Bescheid, dass sie dich wohl gefunden hatte. Wir waren ohnehin alle kurz davor gewesen nach dir zu suchen, wollten aber nicht getrennte Wege gehen.“, erklärte Elaine Maria da Silva fast entschuldigend und wandte Thomas zu ersten Mal seit langer Zeit wieder ihr Gesicht zu.

Elaine Maria da Silva wirkte müde und ausgelaugt und doch lag in diesen Momenten eine fast friedliche Glückseligkeit in ihren Zügen. Sie lächelte Thomas an und ergriff nun ihrerseits seine Hand. Ihre wilde Liebeslust war einer sanften Zuneigung gewichen und sie drückte ihren Kopf an die Brust des Schotten, der ihr gedankenverloren durch das Haar strich. Er hörte ein leises Schluchzen der Brasilianerin und spürte selbst in sich eine resignierende Traurigkeit in sich aufsteigen.

„Wir sollten zusammen bleiben, sonst ist niemand sicher.“, flüsterte Thomas ihr ins Ohr und sie löste sich sanft von ihm und blickte dem Schotten tief in die Augen. Sie sah ihn fast flehend und verzweifelt an.

„Verzeihst du mir?“, fragte sie ihn unvermittelt mit dünner Stimme und hatte Schwierigkeiten ihm weiter gerade in die Augen zu gucken, weil ihr ganzes Gesicht wie unter Krämpfen zu beben schien.

Thomas griff mit seiner rechten Hand zart nach dem Kinn der Brasilianerin und drückte es leicht in de Höhe, um in ihren Augen zu versinken und ihr seine Offenheit darzulegen. Mit einem traurigen Lächeln streichelte er mit seiner anderen Hand ihre linke Wange.

„Wofür soll ich dir verzeihen?“, fragte er ebenso ruhig und sanft.

„Das weißt du doch genau! Ich habe mich kindisch verhalten, als wir eben noch in der Eingangshalle gewesen waren. Ich habe dich vor allen anderen Anwesenden angeklagt und ein schlechtes Bild auf dich geworfen.“, bemerkte die südamerikanische Schönheit und atmete dabei tief und seufzend durch.

Missmutig blickte sie zu Boden, doch Thomas ergriff erneut ihr Kinn, drückte es sanft in die Höhe, sodass seine Augen wieder in ihren versinken konnten.

„Es war mein Fehler. Fast alle Anwesenden wussten über die Funde Bescheid, weil sie zufällig dabei waren. Ich hätte dich auch einweihen sollen, gerade dich. Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber trotz aller Gefahren und Täuschungen vertraue ich dir irgendwie und ich hätte es dir dadurch beweisen können. Wie kann ich jemanden wie Gwang-jo es wissen lassen und eine so herzensgute und aufrichtige Dame wie dich nicht?“, fragte sich Thomas selbst mit einigem Spott und einem schelmischen Lächeln.

„Lass es uns einfach vergessen. Auch ich vertraue dir, daran sollst du niemals zweifeln. Lass uns das, was vorgefallen ist, einfach vergessen.“, bat die Brasilianerin ihren Partner, der daraufhin langsam nickte.

Dennoch wirkte der Schotte nicht sonderlich überzeugt. Die letzten Ereignisse waren völlig unvermittelt über ihn hereingebrochen. Gerade beziehungstechnisch hatte Thomas in seinem Leben immer ausreichend Probleme gehabt. Er war lange Zeit verwirrt gewesen, doch seit der letzten Nacht hatte er geglaubt klar zu sehen, war mit Elaine Maria da Silva wie auf Wolke sieben gewesen, doch durch ihre verbale Attacke am Nachmittag war sie ihm plötzlich viel menschlicher erschienen, ihre Liebe hatte etwas von ihrer magischen Unschuld verloren. Ihre erst langsam aufkeimende Beziehung stand jetzt unter keinem guten Vorzeichen, doch Thomas redete sich ein, dass er nun etwas hatte, für das es sich plötzlich zu kämpfen lohnte. Der engagierte Schotte schwor sich, dass er das Leben seiner Geliebten bis auf den letzten Tropfen Blut verteidigen würde. Wenn der Täter ihn zermürben sollte, dann musste er erst die Brasilianerin zermürben. Trotz oder gerade wegen all den Zweifeln und der Angst waren die beiden wie zusammengeschweißt und diese Gewissheit erfüllte das Herz des Schotten mit Leidenschaft und Stolz. Er war überzeugt, dass er an den Problemen wachsen würde und jeder Stich in sein Herz und jeder Schlag ins Gesicht ihn noch stärker machen würde. Je mehr Thomas über die ganze verfahrenen Situation nachdachte, desto mehr spürte er wieder ein gewisses Maß an Entschlossenheit in sich aufkeimen.

Sein Blick fiel während seiner Gedankengänge wieder auf den schwedischen Lehrer, der sich immer seltsamer benahm und Thomas fast schon Angst machte. Björn Ansgar Lykström hatte es sich inzwischen im Schneidersitz auf dem Bett bequem gemacht und streichelte mit einem irrsinnigen Lächeln über die wenigen grauen Haare des Toten. Dabei summte er eine Art Kinderlied vor sich hin und wog sch leicht von vorne nach hinten. Thomas wurde immer besorgter um den schwedischen Lehrer, der allmählich dem Wahnsinn zu verfallen sein schien.

„Björn Ansgar Lykström, hören Sie mich?“, fragte er laut und deutlich, doch sein Gegenüber reagierte gar nicht mehr auf seinen Ruf und schaukelte weiter ziellos neben dem Leichnam hin und her.

In diesen Augenblicken fiel Thomas mit Schrecken auf, dass auch Marilou und Abdullah aus dem Zimmer des Toten verschwunden waren. Thomas war so sehr auf seinen wichtigen und erlösenden Dialog mit der Brasilianerin konzentriert gewesen, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie sich das andere Pärchen heimlich aus dem Zimmer geschlichen hatte.

Erschrocken löste er sich aus der Umarmung seiner brasilianischen Geliebten und trat verwirrt nach draußen auf den Flur. Eilig sah er sich um, doch die nähere Umgebung lag völlig verlassen vor ihm. Thomas hatte sofort das ungute Gefühl, dass sich das Pärchen nicht nur entfernt hatte, weil es den Anblick des Toten nicht mehr verkraften konnte. Thomas fühlte seinen rasenden Puls und tausend wirre Gedanken schwirrten durch seinen Kopf.

Der schottische Polizist schloss die Augen, atmete regelmäßiger durch und schaffte es seinen Kreislauf zu beruhigen. Automatisch wurden auch seine Gedanken geordneter und eine fast meditative Ruhe schien ihn zu empfangen. Solche Methoden hatte er in seiner Zeit im Kloster erlernt und sie spendeten ihm jetzt viel Kraft und Besonnenheit.

Er wurde erst durch die grazile Hand seiner Begleiterin aus dieser Ruhe gerissen, die inzwischen ebenfalls wieder ruhig und ernst wirkte.

„Es bringt uns nichts, wenn wir jetzt in aller Hektik das Schloss durchsuchen und uns möglicherweise auch noch trennen. Wir müssen die Ruhe bewahren. Ich habe allerdings gerade noch eine andere Idee.“, deutete die Brasilianerin leise und überlegt an.

„An was dachtest du?“, wollte Thomas wissen, der ihre Vorschläge sehr vernünftig fand.

„Dein Kollege Mamadou hatte sich sehr seltsam benommen, weil er das Geheimnis des Mörders zu kennen schien. Ich bin davon überzeugt, dass er irgendwo ein paar Notizen gemacht oder so etwas Ähnliches unternommen hat.“, begann Elaine Maria da Silva.

„Da magst du recht haben. Es ist die Marotte eines Polizisten ständig irgendwelche Notizen zu machen.“, stimmte Thomas ihr anerkennend zu.

„Ein Punkt, den ihr mit uns Schriftstellern gemeinsam habt. Ich würde logischerweise vorschlagen, dass wir dem Zimmer deines toten Freundes einen Besuch abstatten, bevor der Mörder auf dieselbe Idee kommen könnte.“, mahnte die Brasilianerin Thomas, dem dieser Gedanke ebenfalls zeitgleich gekommen war. Er schalt sich einen Narren, dass er nicht bereits vorher an diese Möglichkeit gedacht hatte.

War das Zimmer des Ghanaers das Ziel von Abdullah und Marilou gewesen? Steckten die beiden sogar zusammen hinter all den Morden? Was für eine Rolle spielte dann aber der seltsame Gwang-jo?

In diesem Moment erklang ein düsteres, kratziges Lachen, das kaum noch etwas Menschliches an sich hatte. Mit einem lauten Klirren fiel irgendwo etwas zu Boden und kurz danach ertönte ein seltsam dumpfes Geräusch. Thomas blickte besorgt in das Zimmer des Toten und sah dabei durch die offene Tür, wie eine beschädigte Nachtischlampe behäbig über den Boden rollte und erst von einer Fußleiste gestoppt wurde. Sie warf ein bizarres Licht in den Raum, das die Konturen einer langsam kriechenden Person flackernd vergrößerte. Langsam schlich die Person auf allen Vieren auf die Lampe zu und Thomas erkannte sofort das verschwitzte Gesicht des schwedischen Lehrers, in dessen Augen ein seltsames Funkeln stand. Kichernd kroch der Schwede vorwärts auf die Lampe zu, stieß dabei gegen einen kleineren Tisch, auf dem lediglich eine verzierte, aber leere Blumenvase auf einer Decke stand. Instinktiv griff der verwirrte Mann nach der Decke und riss sie seitwärts fallend vom Tisch. Die Blumenvase fiel ein Stück nach hinten, rollte über die Kante und ging mit einem lauten Klirren am Boden zu Bruch. Verschreckt blickte sich der Lehrer um und blickte in einer Mischung aus Unglauben und Wissbegier auf Elaine du Thomas, als ob er von ihnen eine Antwort erwarten würde oder sogar Angst vor den beiden zu bekommen schien. Ängstlich kroch er auf allen Vieren zurück, warf sich schreiend herum und stürzte in den hinteren Bereich des Zimmers, wo er versehentlich eine Stehlampe umstieß, die polternd umkippte. Verwirrt klammerte sich der Schwede an den Jalousien fest, die das Zimmer abgedunkelt hatten und riss diese im Fallen zum Großteil mit herunter. Ein Geräusch reißenden Materials und ein metallisches Hallen begleiteten die versehentliche Zerstörungsorgie des Schweden, der sich in den Jalousien verstrickte und ächzend zu Boden fiel.

Schummriges Licht erhellte nun das Totenzimmer durch das Fenster. Der Himmel war grau und düster, die Umgebung war als neblig zu bezeichnen, doch der Sturm schien mehr und mehr abgeflaut zu sein. Vielleicht würde er am nächsten Abend schon wieder ganz abgeklungen zu sein.

Doch was nützte dies Thomas schon? Die Entscheidung um Leben oder Tod würde früher getroffen werden und ob die Verbesserung der Wetterlage auch bedeutete, dass man von dieser Insel entkommen konnte, stand auf einem ganz anderen Blatt. Es gab kein Boot, zum Anfertigen eines Floßes fehlte es an nötigen und robusten Materialien und ein ordinäres Fischerboot würde bestimmt niemals auf die Idee kommen auf dieser Insel an Bord zu gehen. Die Leute würden sich erst dann Sorgen um den einsiedlerischen Direktor machen, wenn er zu Beginn des nächsten Schuljahres nicht in seiner Privatschule erscheinen würde. Bis zu Wiederbeginn der Schulzeit waren es aber noch gute zwei Wochen hin und die wollte Thomas nicht zwischen all den Toten auf der Insel verbringen.

Der Polizist schüttelte diese Gedanken von sich ab und ging endlich auf Elaine Maria da Silva ein, die ihn bereits fragend, auffordernd und auch ungeduldig anschaute, da sie bemerkt hatte, dass er mit den Gedanken noch ganz woanders gewesen war.

„Ich stimme dir zu. Die Frage ist nur, was wir mit Lykström in der Zwischenzeit machen werden.“, bemerkte Thomas nachdenklich.

„Er wird wohl nicht viel mehr anrichten, als das, was er ohnehin schon getan hat. Er stellt derzeit keine Gefahr dar und nach seinem Verhalten zu urteilen, ist auch er nicht der Mörder.“, beruhigte Elaine Maria da Silva den pflichtbewussten Schotten.

„Das ist mir auch klar. Wir können ihn aber doch nicht bei dem Toten lassen, wer weiß, was er noch alles mit ihm anstellen wird! Zudem habe ich arge Bedenken ihn hier zurückzulassen, da er für den Täter praktisch auf dem Präsentierteller sitzt.“, hielt Thomas entschlossen dagegen und spürte gleichzeitig die liebkosende und weiche Hand der Brasilianerin an seinen Lippen.

Die südamerikanische Schönheit wollte ihn damit beruhigen, gleichzeitig aber auch zum Schweigen drängen. Sie hatte sich etwas in den Kopf gesetzt und wollte dies nun mit Anwendung dieser etwas unfairen Mittel auch knallhart durchsetzen. Thomas spürte wieder eine kure Welle der Erregung in sich und knabberte leicht an den Fingerkuppen der Brasilianerin, die glockenhell dabei lachte.

„Wir werden nur kurz ein paar Räume weiter ein Zimmer untersuchen, das ist nichts Gefährliches, mein Süßer. Wenn es dich beruhigt, dann kannst du auch die Untersuchung allein vornehmen und ich stehe auf dem Gang Schmiere und halte die Augen offen.“, hauchte die Brasilianerin dem Schotten ins Ohr und dieser nickte fast instinktiv, als die Brasilianerin ihm einen weichen und feuchten Kuss auf die Wange hauchte und mit ihrer Hand in seinen Schritt griff.

„Vielleicht hast du recht.“, murmelte Thomas mit hochrotem Kopf und erneut schien seine Partnerin leicht spöttisch über ihn zu lachen.

„Mit gewissen Tricks sind Männer manchmal sehr leicht zu überzeugen.“, deutete die Brasilianerin mit einem raueren Lachen an und funkelte ihren Partner dabei verschwörerisch an.

Dieser konnte sich nun doch ein Lächeln nicht ganz verkneifen und blickte in die überrascht aufstehenden Augen der Brasilianerin, die mit diesem plötzlichen Wandel ihres Partners nicht gerechnet hätte.

Dieser zunächst unscheinbare und doch plumpe Spruch der Brasilainerin hatte die unheilvolle Atmosphäre endlich durchbrochen und Thomas von seinen dunklen Gedanken abgelenkt, wofür er ihr unsagbar dankbar war, obwohl immer noch ein letztes Gefühl des Zweifels in seinem Hinterkopf verweilte.

Fast im selben Moment brachen beide in schallendes Gelächter aus. Die Brasilianerin hauchte ihrem Partner einen Kuss auf die Stirn und Thomas fühlte sich wieder wie neugeboren. Mit frischer Motivation hakte er bei seiner neuen Partnerin unter und sie marschierten beide mit einem Lächeln auf dem Gesicht und endlich auch ohne große Bedenken in Richtung des Zimmers des toten Ghanaers, ohne dabei einem anderen Gast über den Weg zu laufen.

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