by Sebastian Kluth
Kapitel 97: Samstag, 15 Uhr 37 Eingangshalle
„Werft mal einen Blick auf eure Armbanduhren! Wenn wir uns bei unseren letzten Vermutungen nicht vertan haben, müsste in diesen Momenten die nächste Falle zuschnappen.“, meldete sich mit Gwang-jo Park auch einer der anderen Anwesenden wieder zu Wort und Thomas, der als Einziger immer noch alles Andere als majestätisch oder selbstbewusst auf dem erhöhten Springbrunnen stand, war ihm für diesen Themenwechsel fast schon dankbar.
„Wer weiß, vielleicht war die Sache mit der verschlossene Luke für Thomas schon eine Art Falle.“, wandte Elaine Maria da Silva ein und blickte dem Schotten besorgt zu, der immer noch regungslos abseits der Gruppe verharrte.
Er glich dabei fast einer antiken und erhabenen dargestellten Statue alter Götter, die in früheren Zeiten in den Philosophieräumen und Bibliotheken der alten Privatschule gestanden hatten und auch oft an kunstvollen Brunnen zu finden waren. Gleichzeitig wirkte er mit dem roten Lack auf seiner Haut und seiner Kleidung aber auch wieder völlig lächerlich.
„Ich denke nicht, denn es gab dort keine direkte und tödliche Falle. Ich hätte bestimmt noch einen guten Tag lang überleben können bevor ich elendig erstickt wäre, falls dieser Moment überhaupt gekommen wäre. Ich denke nicht, dass unsere Zielperson ein solches Risiko eingegangen wäre.“, widersprach der Polizist seiner Geliebten.
„Wenn es das nicht ist, was soll uns dann jetzt passieren? Die vermeintliche Tatzeit ist bereits seit einigen Minuten verstrichen und wir sind alle offenkundig noch mehr oder weniger am Leben.“, bemerkte Gwang-jo Park in einem Anflug von Besserwisserei und seinem typischen sarkastischen Spott. Thomas sinnierte über die Behauptung. Hatte er sich möglicherweise verkalkuliert mit der neuen Todeszeit?
Thomas blickte in die stark dezimierte Runde und stellte fest, dass zwei Schlossbewohner sich derzeit nicht in der Eingangshalle befanden. Sofort war Thomas alarmiert und aus seiner Lethargie gerissen. Energisch sprang er von der Anhöhe herunter, kam dabei direkt neben dem hinkenden Abdullah auf, der von seiner Gattin gestützt und in Richtung der Treppe begleitet wurde. Sein Gegenspieler warf ihm einen bitterbösen Blick zu, doch dieser machte dem Polizisten nicht annähernd so viel Angst wie die leise Drohung seiner Gattin, die sehr aufgewühlt geklangen hatte.
„Ich bemerke, dass zwei Leute nicht anwesend sind.“, teilte Thomas kritisch mit.
„Wieso zwei? Nur Björn Ansgar Lykström liegt auf einer Couch in der Bibliothek, er ist völlig fertig mit den Nerven und braucht seine Ruhe. Wir waren eben wieder bei ihm, während du deine Untersuchungen gemacht hast.“, bemerkte Elaine Maria da Silva und Thomas sah in ihren Augen wieder ein wildes und provokantes Funkeln, als sie den letzten Nebensatz entsprechend giftig betonte und auf das Fehlverhalten ihres Geliebten anspielte.
Thomas traf dieser Seitenhieb wie ein Stich ins Herz, doch er war inzwischen wieder so voller Tatendrang, dass ihn dieser kurze Einwand nicht mehr einschüchtern konnte. Er war gedanklich bereits wieder einen Schritt weiter gegangen. Eifrig gestikulierte er mit seinen Armen und sah die restlichen Anwesenden triumphierend an.
„Falsch gedacht. Eine Person fehlt noch. Sie hält um diese Uhrzeit immer einen Mittagsschlaf und auch der Täter wird gewusst haben, um wen es sich dabei handelt.“, begann Thomas und sah wie es im Gesicht seiner Geliebten zuckte, als ihr ebenfalls die aufklärende Eingebung kam. Überrascht schlug sie die Hände vor ihrem hübschen Gesicht zusammen und riss ihre Augen auf. Thomas bewunderte dabei erneut ihre grazilen und langen Finger, die ihn vor nicht allzu langer Zeit noch so zärtlich berührt hatten. Plötzlich hatte der Schotte wieder eine quälende Sehnsucht nach ihrer Nähe, die für ihn wohl im Moment das allerbeste Heilmittel wäre.
„Mein Gott, du hast ja völlig recht. Wie konnte ich ihn vergessen?“, fragte die kecke Brasilianerin sich selbst, doch bei Gwang-jo, der direkt daneben stand, war der Groschen noch nicht gefallen.
„Zur Hölle, von wem redet ihr?“, fragte er ungeduldig und jähzornig und die Brasilianerin nahm ihre Hände vom Gesicht, um sich langsam zu dem Koreaner zu wenden, der sie eindringlich ansah. Seine Stirnfalten waren vor Ärger und Erregung verzogen, seine buschigen Augenbrauen zusammengekniffen.
„Er meint den Koch!“, brachte Elaine Maria da Silva endlich hervor und überraschte mit dieser simplen Feststellung ihr Gegenüber ungemein.
Es schien, als sei mit dieser Antwort ein Schalter in dem Koreaner umgelegt worden, denn plötzlich wandte er sich blitzschnell um und hechtete die Treppen hinauf in Richtung der Balustrade. Thomas blickte ihm verwundert hinterher und tauschte einen Seitenblick mit der Brasilianerin, die ihm aufmunternd zunickte. Erst danach gab auch er sich einen Ruck und sprintete dem übermütigen Koreaner hinterher. Beim Treppenaufgang kam er dicht an Abdullah und Marilou vorbei, die weniger aufgeregt wirkten und ihm frostige Blicke zuwarfen. Die Kanadierin massierte den lädierten Ellenbogen ihres Gatten, der sich inzwischen von seinem vornehmen Anzug und sogar von seinem blütenweißen Hemd befreit hatte und nun ohne Scham seinen durchtrainierten Oberkörper präsentierte.
Thomas achtete nicht weiter darauf und sah zu, dass er den Anschluss an Gwang-jo nicht verlor. Er nahm mehrere Stufen auf einmal und hatte die Balustrade schnell erreicht, obwohl er noch nach dem Sturz in den Brunnen immer noch ein Stechen in der Schulter verspürte. Jetzt war auch der Koreaner wieder in seinem Blickfeld, der weiter hinten im Gang bereits rutschend vor der Tür des Zimmers stehen blieb, in dem der verschrobene Butler immer seinen Mittagsschlaf hielt.
Energisch klopfte Gwang-jo gegen die nicht allzu robuste Holztür, die unter der Wucht seiner Schläge bedrohlich wackelte. Mit der geballten Faust hämmerte er unbeherrscht dagegen und erinnerte Thomas unwillkürlich wieder an den Moment, als der Koreaner auf den toten Fatmir gestoßen und unberechenbar geworden war. Der Koreaner stand wieder kurz vor einem erneuten Ausraster.
Jeder normale Mensch wäre von solch einem Lärm eigentlich aus dem Schlaf gerissen worden, nicht so der Koch.
Der Koreaner verharrte, hielt dann schwer atmend seinen Kopf schräg gegen die Tür, in der Hoffnung irgendein Geräusch jenseits der Porte zu hören. In diesem Moment stieß Thomas zu ihm.
Der Schotte war von der ungewöhnlichen Besorgnis des Koreaners um seine Mitmenschen sehr erstaunt. Gwang-jo wirkte grimmig und trotz seiner Hektik entschlossen irgendwie in den offensichtlich versperrten Raum zu gelangen. Thomas schloss aus diesem Verhalten erfahrungsgemäß, dass es dem Koreaner weniger darum ging das Leben der anderen Anwesenden zu retten oder ihnen entscheidend zu helfen, sondern wohl eher primär darum den Mörder selbst auszuschalten, um sich zu schützen. Vielleicht war er nach seinen vielen ungerechtfertigten Anschuldigungen und dem letzten Eklat auch aufgewacht und hatte erkannt, dass er sich nun kooperationsbereiter zeigen musste und neue Wege einschlagen sollte, um die wahre Identität des Mörders aufzudecken. Trotz dieser plausiblen Erklärung glaubte Thomas, dass es an der Sache irgendeinen Haken geben musste. Gwang-jo war einfach kein Typ, der eigene Fehler einsah oder seine Verhaltensweisen in irgendeiner Form ändern würde. Die Motivation des Koreaners schien vielleicht doch irgendwo anders begründet zu liegen. Er wirkte nervös, überaus hektisch und steigerte sich in eine Rage der Verzweiflung hinein, als er nun schreiend gegen die Holztür klopfte und gleichzeitig wuchtig in den unteren Bereich der Tür trat. Der Koreaner wirkte wie von Sinnen und Thomas sah voller Überraschung außer unbändiger Wut noch etwas Anderes in den Augen des Koreaners glitzern. Täuschte er sich oder vergoss der sonst so harte Mann in diesen Momenten die eine oder andere Träne? Woher rührte seine Trauer oder Verzweiflung? Sie hatte sicherlich nichts mit dem möglichen Tod eines alten Kochs zu tun, den sie alle kaum kannten.
In diesem Moment wandte sich Gwang-jo zu Thomas um, blickte den Schotten mit geröteten Augen an und senkte dann den Kopf. Seine Aggressivität war der Resignation gewichen und der ungewöhnliche Mann zitterte am ganzen Leib. Schwer atmend beugte er sich nach vorne, warf Thomas aus den Augenwinkeln jedoch einen furchtsamen Blick zu. Es hatte fast den Anschein, als ob der Koreaner kurz davor stünde, seinem schottischen Erzrivalen etwas mitteilen zu wollen. Thomas bemerkte mit Unbehagen, dass diese Situation schon fast an das Verhalten seines verstorbenen Kollegen erinnerte. Scheinbar schienen viele Gäste über Dinge Bescheid zu wissen, die der Schotte nicht einmal erahnte. Eine düstere Stimme redete ihm keifend ein, dass er der einzige Unwissende war und man sich ein teuflisches Komplott gegen ihn erarbeitet hatte. Mühsam verdrängte Thomas diese Eingebung. Vielleicht war der Koreaner auch mittlerweile fertig mit den Nerven und konnte all die Frustrationen nun nicht mehr in seinen Agressionen und Anschuldigungen ausdrücken, sondern nur noch in einer erschöpften Resignation. Die Fassade des brutalen Asiaten schien mehr und mehr zu bröckeln. Oder spielte er dem Schotten nur etwas vor? Welches war das wahre Gesicht des seltsamen Koreaners?
In diesem Moment traten auch die restlichen Gäste in den Gang. Abdullah humpelte grimmig voran, wurde dabei von Marilou gestützt, die eine noch bösere Miene aufgesetzt hatte und die beiden Männer vor sich durchdringend fixierte. Hinter ihnen gingen dann noch Elaine Maria da Silva und sogar Björn Ansgar Lykström, der ziemlich bleich wirkte und von der Brasilianerin sogar gestützt werden musste. Sie redete ihm leise, aber beschwichtigend zu und führte ihn wie ein kleines Kind Schritt um Schritt vorwärts. Der Schwede wirkte völlig willenlos und geistesabwesend. Thomas empfand jedoch so etwas Ähnliches wie Stolz für seine brasilianische Geliebte, die an den Schweden gedacht hatte und ihn nicht ungeschützt und unbeaufsichtigt in der Bibliothek gelassen hatte. Dieses kleine Zeichen gab Thomas die Hoffnung, dass die Solidarität unter den wenigen Überlebenden zumindest noch in Ansätzen vorhanden war. Zumindest dann, wenn es unmittelbar um Leben und Tod ging.
„Was ist los? Wo ist jetzt dieser Koch?“, fragte Abdullah Gadua ungehalten und wirkte grimmiger als jemals zuvor.
Thomas erkannte den sonst so humorvollen und streng gläubigen Mann kaum mehr wieder. Es war offensichtlich, dass die Konfrontation mit den schrecklichen Taten und die Situation seiner Frau ihn völlig verändert hatten. Er klammerte sich in diesen Zeiten verzweifelt an seiner Frau fest, versuchte sie um jeden Preis zu schützen und zu verteidigen, wie er zuvor erst gezeigt hatte. Thomas konnte den Mann verstehen, auch er selbst hatte sich an seine frisch entfachte Liebe zu Elaine Maria da Silva klammern wollen, doch wer von ihnen beiden konnte dies wirklich mit Überzeugung tun, solange sie nicht wussten, wer unter ihnen hinter all diesen Taten steckte? War es noch zu verantworten sich an den Strohhalm der Emotionen zu klammern oder sollten sie besser allesamt allein kämpfen und alle anderen Dinge ausblenden? War dies denn überhaupt möglich oder war Thomas das Opfer einer generellen menschlichen Verhaltensweise, an der er ohnehin wenig ändern konnte?
Thomas fühle sich zermürbt, denn er wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. In diesem kurzen Moment der Nachdenklichkeit ergriff sein koreanischer Begleiter das Wort.
„Wir wissen es nicht. Er wird in seinem Zimmer stecken, wir haben nichts getan, wir haben nichts gesehen, wirklich nicht.“, stammelte er und wurde von allen Seiten nur stirnrunzelnd mit fragenden Blicken bedacht. Man konnte die Nervosität des Koreaners förmlich fühlen.
„Dann brecht diese Tür auf. Vielleicht ist es noch nicht zu spät! Wer weiß, vielleicht ist er noch am Leben. Los, wir haben keine Zeit zu verlieren!“, herrschte Abdullah den Koreaner an, der dieses Mal auf eine hämische Entgegnung verzichtete und stattdessen zustimmend nickte und einige Schritte von der Zimmertür zurücktrat, sich dann rasch umwandte und sie eingehend fixierte.
Die hektische Bewegung riss Thomas aus seinen Gedanken. Er ahnte bereits, was der Koreaner vorhatte und dieser setzte seine Idee auch sofort in die Tat um. Gwang-jo Park nahm kurz Anlauf, beschleunigte seine Schritte und sprang seitlich vom Boden ab, um sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Holztür zu werfen. Krachend fiel er dagegen und die Tür erzitterte, bog sich leicht nach innen durch, doch sie gab nicht nach.
Ächzend sank Gwang-jo am Rahmen in die Tiefe und rieb sich eifrig und mit verzerrtem Gesicht seinen schmerzenden Arm, bevor er sich stöhnend aufrichtete und grimmig Platz verschuf, um einen erneuten Versuch zu starten. Wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann wollte er es auch bedingungslos umsetzen. Thomas sandte ein Stoßgebet gen Himmel und hoffte, dass die stoische Ignoranz des unsympathischen Zeitgenossen ihnen wenigstens dieses eine Mal zu Gute kommen könnte. Der Koreaner schien inzwischen zwischen Resignation und brutaler Verzweiflung zu pendeln.
Gwang-jo atmete tief durch, ballte die Hände zu Fäusten, nahm zwei weite Schritte Anlauf und setzte dann zu einem hohen Sprung an, in dessen Verlauf er seine Vorderbeine hochriss und seinen Oberkörper nach vorne beugte, um eine bessere Aerodynamik zu bekommen. Die Kampfsportarten, mit denen er sich auch aufgrund seiner eigenen Herkunft während seiner Jugend beschäftigt hatte, wenngleich er alles Andere als ein Meister dieser Arten geworden war, kamen ihm nun zu Gute. Mit beiden Beinen zuerst traf er die Holztür in Höhe des Schlosses und hörte ein saftiges Knacken.
Noch während Gwang-jo nach dem Tritt das Gleichgewicht verlor und sich instinktiv zusammenkauerte und auf dem Teppichboden abrollte, war die Tür wuchtig aufgesprungen und gegen die Innenwand des Zimmers geprallt, von dort aus wieder zurück, sodass die Tür wieder fast zugeschlagen war und einen eingehenderen Blick auf die Räumlichkeiten des Kochs den neugierigen Anwesenden zunächst nicht gewährte.
Gwang-jo Park ignorierte den Schmerz des Aufpralls und war die erste Person, die sofort wieder aufgesprungen war und eilig die Tür aufgestoßen hatte. Der Koreaner wirkte sehr entschlossen und auch schweigsam, was man von ihm gar nicht gewohnt war. Stattdessen schien nun Abdullah die Rolle des Koreaners eingenommen zu haben und kommentierte mit bitterem Unterton die Geschehnisse.
„Sehr gut, Gwang-jo, das wurde aber auch Zeit. Schön zu sehen, dass du nicht nur dumme Reden schwingen kannst, sondern von Zeit zu Zeit sogar deinen Arsch hochkriegst und dich nützlich machst.“, meckerte Abdullah, was Thomas mit einem grimmigen Seitenblick quittierte.
Dabei begegnete er fast automatisch wieder dem stechenden und kalten Blick von Marilou Gauthier, die den Arm ihres Mannes hielt und den Katarer nun auf eine fast überhebliche Weise in Richtung der offenen Tür drückte, als ob er in ihren Händen nur eine hilflose Puppe wäre.
„Gwang-jo, du solltest aufpassen. Wer weiß schon, was der Mörder sich alles ausgedacht haben könnte. Das Zimmer könnte mit weiteren Fallen präpariert sein, du kannst nicht so sorgenfrei hineinspazieren.“, forderte Thomas den Koreaner mahnend auf, doch dieser war bereits aus seinem Blickfeld entschwunden.
In dem diffusen Licht, das von irgendwo durch die Fenster in den Raum des Butlers gelangte, sah er jedoch noch schemenhaft die Schatten des Koreaners, die völlig erstarrt und reglos wirkte. Zudem zeigte Gwang-jo keinerlei sichtliche Reaktionen auf die Kommentare, was Thomas wieder stutzig machte.
Entschlossen drückte er Abdullah zur Seite, was dieser mit offenem Mund und bitterböser Miene quittierte, drückte die Tür auf und fand Gwang-jo wie erstarrt vor dem Bett in dem spartanisch eingerichteten, altmodischen Raum. Der Koreaner schüttelte atemlos den Kopf und nahm das Eintreten des Schotten gar nicht bewusst wahr.
Erst als Thomas noch ein paar Schritte herankommen konnte, erkannte er, was Gwang-jo so erschreckt zu haben schien.
Auf dem kleinen Bett aus Holzgestell lag tatsächlich der alte Koch, der seinen Mittagsschlaf hatte halten wollen. Doch dieser hatte für ihn ein Ende in einem ewigen Schlaf gefunden.
Der Mund des alten Mannes stand vor Überraschung weit offen, die Augen waren ebenfalls weit aufgerissen und spiegelten noch das Erstaunen und die Angst kurz vor seinem Tod wieder. Er schien seinen Mörder also durchaus erkannt zu haben.
Zwei weitere Dinge fielen Thomas sofort an dem Toten auf. Zum Einen lag eines seiner Taschentücher ausgebreitet auf seinem Bauch. Es war ein älteres, besticktes Stofftuch, auf welches jemand zwei Namen, zwei verschlungene Eheringe und ein Datum gestickt hatte. Der vermeintliche Täter hatte die erste Zahl des Datums mit einem schwarzen Filzstift überdeutlich eingekreist.
Irgendwie wirkte diese Methode zur offensichtlichen Andeutung auf die nächste Todesuhrzeit für den Mörder auf Thomas eigentlich viel zu simpel. Die aufgerissenen Augen und Ohren, das hektisch markierte Stofftaschentuch, all diese Dinge wirkten irgendwie viel zu unprofessionell und hektisch für einen Mörder, der bislang immer detailliert vorgegangen war. Daher konnte Thomas nur zwei mögliche Schlussfolgerungen ziehen. Entweder hatte der Täter, nachdem er Thomas in dem Schacht zu den Generatoren und Pumpanlagen des Brunnens eingesperrt hatte, unter Zeitdruck die Tat vollbracht, um sich vor den anderen Anwesenden durch seine längere Abwesenheit nicht verdächtig zu machen oder aber der Mörder war von irgendetwas oder irgendjemandem überrascht worden.
Konnte es sich dabei um Gwang-jo handeln und reagierte er deshalb so seltsam zittrig? Thomas konnte mal wieder nur spekulieren. Trotz seines Fehlers hatte der Täter hier am Tatort scheinbar keine offensichtlichen Hinweise zurückgelassen.
Dafür bemerkte der schottische Polizist allerdings, dass das Opfer ihnen im Moment seines Todes noch etwas mit auf dem Weg geben wollte. Thomas hatte eher zufällig die leicht verknoteten Hände des Toten bemerkt. Dieser hatte seine rechte Hand kreisrund geballt und den Zeigefinger der anderen Hand tief in diese stilisierte Öffnung hineingesteckt, sodass dieser Hinweis eher an eine obszöne Geste für den Geschlechtsverkehr erinnerte. Eine andere Bedeutung konnte Thomas hieraus auch nicht ermessen.
Es wunderte ihn jedoch ungemein, dass ein so alter und konservativer Mann mit seinem letzten Atemzug so ein tabubehaftetes Zeichen gemacht hatte. Was wollte er damit wohl sagen? War seine Geste, die vom Täter selbst wohl nicht bemerkt worden war, vielleicht der Schlüssel zur Lösung?
Thomas schreckte hoch, als er neben sich plötzlich die leise und kratzige Stimme des schwedischen Englischlehrers hörte, der sich kraftlos an eine Zimmerwand gelegt hatte und eingehend das Taschentuch fixierte.
„Der Mann hätte am achtzehnten November vor über vierzig Jahren geheiratet.“, bemerkte Gwang-jo mit tonloser Stimme.
„Die erste Zahl ist eingekreist. Der Nächste von uns wird also um 18 Uhr draufgehen. Noch nie war das Rätsel mit den Uhrzeiten so einfach und doch so niederschmetternd.“, kommentierte Thomas in einer Mischung aus Wut und Sarkasmus und hatte damit allerdings den Nagel auf den Kopf getroffen.