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by Sebastian Kluth

Kapitel 73

 Kapitel 73: Freitag, 18 Uhr 46, Turmzimmer

 

Da Thomas mit körperlicher Kraft nicht weiter kam, versuchte er die Methoden zu verwenden, die er erlernt hatte, als er zur Polizeischule gegangen war. Damals war bereits von bewaffneten Geiselnahmen die Rede gewesen und wie man mit den Tätern psychologisch umgehen musste und wie man sie nervös machen konnte. Sein Ausbildungsleiter hatte immer betont, dass man bei einem Geiselnehmer lebenswichtige Zeit gewinnen konnte, wenn man ihn in ein mehr oder weniger sinnvolles Gespräch verstrickte und so langsam die Gelassenheit und Konzentration des Dominators abbauen konnte, um dann selbst überraschend zu agieren.  Thomas hatte diese Methoden bislang nie verwendet, doch diese alte Schulung war für ihn nun zu einer Art letzten Strohhalm geworden, um sich aus dem Sumpf der Gewalten und Intrigen herauszuziehen.  Er hatte immer gehofft, nie selbst in ein Geiseldrama verwickelt zu werden und die aktuellen Ereignisse waren noch viel grausamer und bizarrer, als er sie sich bereits vorgestellt hatte. Immerhin aber hatte er es hier eher mit einem Nebenmann des Übeltäters zu tun, der leicht beeinflussbar war. Zudem war der Täter eigentlich ein guter alter Freund und ehemaliger Bandkollege von ihm. Thomas sammelte also noch einmal seinen ganzen Mut, legte sich auf eine rasch entworfene und provisorische Taktik fest und versuchte sein Glück, zumal sein Mitgefangener völlig still und regungslos wirkte und der Butler immer noch bewusstlos zu sein schien. Allein die Tatsache, dass er die drückende Stille unterbrechen konnte, hatte Thomas in seinem Vorhaben bestätigt.

„Fatmir, hör mir bitte zu. Wir sind nicht deine Feinde. Wir wollen niemanden umbringen und auch den unbekannten Mörder nicht decken. Wir haben doch alle zusammen nur ein Ziel, wir sitzen alle im selben Boot. Wir wollen überleben, wir wollen den Mörder finden und von dieser verdammten Insel herunterkommen.“, begann Thomas und versuchte eine Art solidarische Brücke zwischen dem Albaner und ihm zu bauen.

„Das glaube ich kaum. Ihr deckt den Mörder, wendet euch gegen den Rest der Gruppe, indem ihr ihn verteidigt. Der Butler ist ein enormes Sicherheitsrisiko und wenn wir ihn ausschalten, dann wird sich unsere Situation stabilisieren. Da ihr aber versuchen würdet ihn zu befreien, müsst ihr halt auch die Konsequenzen tragen.“, gab Fatmir kalt und mechanisch zurück, als ob er diese Sätze auswendig gelernt habe.

„Wir wollen nur nicht, dass der Butler völlig zu Unrecht für etwas bestraft wird, was er gar nicht getan hat. Schau dir doch Gwang-jo an. Er ist skrupellos und würde jeden potentiellen Gegner sofort einsperren oder umbringen. Der Mörder hat doch nur vorgehabt eine gewisse Unruhe in die Gruppe zu bringen, alle Anwesenden gegeneinander auszuspielen. Das ist ihm jetzt gelungen, denn wir können uns nicht mehr vertrauen, das Lager wird in mehrere Gruppen gespalten und keiner weiß mehr, wem er sich anschließen soll.“, bemerkte Thomas, der auf keinen Fall so leicht aufgeben wollte.

„Das ist deine Meinung. Ich persönlich denke, dass wir in so einer zerfahrenen Situation gerade jemanden wie Gwang-jo brauchen, der konkrete Vorstellungen hat und eine absolute Führungspersönlichkeit ist.“, erwiderte Fatmir fast schon gelangweilt und spielte lässig mit dem Schweizer Messer, dessen erstaunlich lange Klinge er bereits morbide lächelnd ausgefahren hatte.

„Wir müssen alle an einem Strick ziehen, es reicht nicht, wenn eine Person willkürlich über unsere Köpfe hinweg entscheidet. Gerade der Begriff der Führungspersönlichkeit sollte dich doch  nachdenklich machen, wenn du einmal an gewisse geschichtliche oder politische Aspekte denken würdest.“, versuchte sich Thomas weiterhin und sprach dabei zunehmend hektischer.

„Wie du bereits selbst festgestellt hast, sind sich alle Anwesenden uneinig, niemand weiß mehr, wo es lang geht. Wenn wir uns ganz demokratisch verhalten würden, dann würde jeder den Anderen beschuldigen und wir kämen doch zu keinem Ergebnis. Und beim sterben wäre dann ganz demokratisch jeder der Erste.“, argumentierte Fatmir und brachte Thomas mit dieser sturen Reaktion entgültig zur Weißglut.

„Wer zur Hölle sagt uns denn, dass der Weg dieses misanthropischen und ignoranten Koreaners der einzig richtige ist? Wer sagt uns denn, dass er nicht selbst der Mörder ist und gleich zurückkommt um uns vier ganz leicht der Reihe nach auszuschalten? Du hast dich verändert, Fatmir, du folgst blind einem Despoten, der in seinem Wahn mit jeder Stunde einen anderen Anwesenden als Mörder darstellt.“, schrie Thoams seinen ehemaligen freund leidenschaftlich an und der Speichel sprühte unkontrolliert von seinen leicht aufgeplatzten Lippen.

„Er hat sich auf den Butler festgelegt und ich bin davon überzeugt, dass dieser dreckige Bastard tatsächlich dahinter steckt. Das hat nichts mit Gwang-jo zu tun, das ist meine eigene Überzeugung.“, begehrte Fatmir trotzig auf und ließ sich trotz seiner scheinbaren Selbstsicherheit auf eine langatmige Situation mit Thomas ein, der von diesem Verhalten irgendwie profitieren wollte.

„Ich bin davon überzeugt, dass er nicht dahinter steckt. Er ist völlig labil, vor allem mental und jetzt auch physisch gesehen. Der Mörder geht jedoch eiskalt und perfekt strukturiert vor. Er scheint jeden von uns perfekt zu kennen, er weiß von unseren Schwächen und von unseren Sünden aus der Vergangenheit. Du hast doch die Bilder auf dem Fischkutter gesehen, woher sollte denn dieser Butler sie herhaben?“, herrschte Thomas seinen Bewacher an.

„Er wird sich in den Unterlagen und Archiven des Direktors oder von Magdalena Osario heimlich umgesehen haben. Die ganzen Akten und Unterlagen von uns werden irgendwo hier lagern und er hätte fast jederzeit Zugriff darauf gehabt.“, entgegnete Fatmir nach einigen Sekunden des zögernden Schweigens.

Thomas lachte laut auf und spürte eine zornige Hitze in sich aufsteigen. Er merkte jedoch, dass Fatmir langsam die Argumente auszugehen schienen und er den verblendeten Albaner immerhin zu einer vielseitigeren Reflektion der Dinge zwang. Mühsam kniff Thomas die Lippen zusammen und spürte wie die stramme Kordel tiefer ins seine Haut schnitt. Seine Handgelenke begannen zu schmerzen.

„Das glaubst du doch wohl selbst nicht! Du denkst, dass Magdalena Osario und Wohlfahrt diese Bilder geschossen haben?“

„Gerade unser Direktor wollte immer für Zucht und Ordnung sorgen und hat uns strengstens überwacht...“, setzte Fatmir an, wurde jedoch sofort wieder von dem aufbrausenden Thomas unterbrochen.

„Du denkst, dass er sich selbst fotografiert, während er eine Schülerin sexuell belästigt? Falls die Fotos entdeckt worden wären, hätte ihn das ins Gefängnis gebracht und den Job gekostet! Ganz zu schweigen von seiner Ehe und seinem öffentlichen Ansehen. Falls du denkst, dass Magdalena Osario davon wusste und die Dinge auch noch fotografiert hat, dann hätte sie wohl nicht so lange mit diesem Scheusal unter einem Dach gelebt.“, argumentierte Thomas weiter.

„Ihr war das sicher ganz egal, sie hatte ja selbst einen Geliebten. Die ganze Ehe war doch ohnehin nur eine einzige Komödie.“, entgegnete Fatmir ihm, doch er klang nicht mehr so überzeugt, wie noch vor wenigen Augenblicken.

„Aber sie hatte doch damals noch keinen Geliebten! Damals waren der Direktor und sie nicht einmal verheiratet!“, widersprach der Schotte frustriert.

„Ich traue Wohlfahrt durchaus zu, dass er das Bild selbst geschossen und als Erinnerung behalten hat. Wer weiß, wie viele Schulmädchen noch denselben Weg gehen mussten wie damals Marilou. Er hat bestimmt eine ganze Sammlung solcher Bilder in seinen Archiven liegen und der Butler ist irgendwann darauf gestoßen.“, redete sich der Albaner stockend heraus und rückte nun unruhig auf dem Holzschemel hin und her, den er sich inzwischen herangezogen hatte.

Thomas hielt erst einmal inne und ließ sich den Verlauf des Gespräches erneut durch den Kopf gehen. Zwar hatte Fatmir an Überzeugung und Selbstbewusstsein verloren und war auch auf relativ naive Weise auf die Diskussion eingegangen, doch Thomas hatte leider noch kein letztes, schlagkräftiges Argument, mit dem er den Albaner wieder auf seine Seite ziehen konnte. Deswegen gab sich der schottische Polizist selbst eine Auszeit, doch die monotone Stille störte seine Konzentration und trieb ihn nach wenigen Augenblicken wieder zur Weißglut. Unverständlich war für ihn auch das Verhalten Abdullahs, der sich kein einziges Mal in die Diskussion eingemischt hatte und völlig passiv geblieben war.

In dem Turmzimmer war es mittlerweile fast stockdunkel, der heftige Regenfall prasselte weiter gegen das Dach und hallte gewaltig nach. Der schottische Butler, stöhnte von Zeit zu zeit auf und zurrte vergeblich an seinen Fesseln. Sein Wimmern ließ Thomas ein kaltes Schaudern über den Rücken laufen.

Fatmir saß nun wieder unbeweglich auf seinem Stuhl und spielte gelangweilt an seiner Waffe herum, warf hin und wieder einen verächtlichen Blick auf den Butler und erhob sich von Zeit zu Zeit, um ein paar Schritte zu gehen oder nach draußen zu gucken, wo es außer einer undurchdringlichen Schwärze aber wohl nicht viel zu sehen gab. Danach setzte er sich wieder auf seinen angestammten Platz und so verging die Zeit elendig langsam. Minuten reihten sich an Minuten und Stunden an Stunden und Thomas hatte wenigen Augenblicken schon beinahe jegliches Zeitgefühl in dem kalten und dunklen Turmzimmer verloren. So sehr Thomas auch arüber nachdachte, er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, fühlte sich dreckig und verschwitzt und zermarterte sich den Kopf darüber, wie er wieder ein Gespräch mit dem Albaner aufbauen sollte. Mit der Zeit hatte er den Gedanken daran schon fast aufgegeben und hing müde und apathisch in seinen strammen Fesseln. Selbst die gescheuerten Wunden an seinen Gelenken schmerzten jetzt nicht mehr, denn alle seine Sinne wirkten wie betäubt.

Von den restlichen Gästen war überhaupt nichts zu hören. Thomas fragte sich, ob sie gerade allesamt von Gwang-jo in irgendeinem Raum mit seiner Waffe in Schach gehalten wurden oder ob Mamadou möglicherweise wenigstens rhetorisch versucht hatte, den fanatischen Koreaner irgendwie zur Vernunft zu bringen oder die anderen Gäste aufzuwecken und zu einer kleinen Revolution zu animieren. Mit großer Sorge fragte sich Thomas auch, wann und wie der Mörder wieder zuschlagen würde, denn er ging stark davon aus, dass sich der Täter nicht unter den vier Anwesenden im Turmzimmer befand. Es war mehr seine Intuition, die ihm dies sagte, denn er hatte für diesen gedanken keine stichhaltigen Beweise oder Begründungen.

Plötzlich wurde Thomas aus seinen düsteren Gedanken gerissen, da Abdullah am anderen Ende des Bettes auf einmal anfing zu stöhnen. Selbst Fatmir hielt inne und steckte seine Waffe in die Hosentasche. Der Albaner wirkte einigermaßen nervös, als er aufstand und sich behutsam dem Gefesselten näherte.

„Was ist mit dir los? Was willst du von mir?“, herrschte Fatmir sein Gegenüber an und Thomas versuchte verzweifelt seinen Kopf noch mehr zu drehen, um wenigstens aus den Augenwinkeln heraus die Szene verfolgen zu können.

Er sah Abdullah, der reglos und erschöpft in seinen Fesseln lag und seinen Bewacher, der sich kritisch zu ihm heranschlich. Thomas hatte plötzlich eine elektrisierende Vorahnung, zitterte vor Aufregungen und wand sich in seinen Fesseln von einer Seite zur Anderen, um noch mehr mitzubekommen.

„Mir geht es schlecht. Ich brauche dringend ein Glas Wasser.“, stöhnte Abdullah gerade geräuschvoll.

„Wir haben hier aber kein Wasser.“, gab der Albaner zögernd zurück.

„Doch, bestimmt. Irgendwo in dem Schrank wird der Butler sicher etwas zu trinken aufbewahrt haben.“, schlug Abdullah tonlos vor.

„Ich werde kurz gucken gehen. Komm bloß nicht auf die Idee, hier mit irgendwelchen faulen Tricks zu spielen.“, gab Fatmir nach einigen Augenblicken des Zögerns zurück und wandte sich von den drei Gefangenen ab und dem ziemlich verwüsteten Holzschrank zu.

Mit dem Rücken zu ihnen durchsuchte der Albaner einige Schubladen und nahm sich nach einiger Zeit die rechte Hälfte des Schrankes vor, wo er ganz unten mehrere alte Wasserflaschen fand. Argwöhnisch musterte er die Flaschen und wandte sich langsam um. Thomas begegnete in diesem Moment dem Blick Abdullahs, der sich ein wenig zur Seite gewandt hatte und ihm kurz mit einem kaum angedeuteten Lächeln zuzwinkerte, bevor er in seine alte Position verfiel.

Die Spannung in Thomas wuchs mit jeder verstrichenen Sekunde. Was hatte Abdullah bloß vor?

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