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by Sebastian Kluth

Kapitel 74

 Kapitel 74: Freitag, 20 Uhr 33, Turmzimmer

 

 Langsam näherte sich Fatmir dem Gefangenen mit der Wasserflasche, blickte Abdullah noch einmal prüfend an und schraubte dann vorsichtig den Verschluss der Flasche auf.

 Diesen Moment der Unachtsamkeit nutzte Abdullah sofort aus. Blitzschnell zuckte sein linkes Bein hoch und traf den Albaner am Kinn, der stöhnend nach hinten taumelte und schwer zu Boden fiel. Die Flasche entglitt seinen Händen und schlug dumpf auf dem Boden auf, ohne dabei jedoch kaputt zu gehen.

Der Katarer rappelte sich langsam auf und rieb sich dabei seine Handgelenke. Irgendwie war es ihm gelungen sich unbemerkt aus den Fesseln zu lösen. Thomas vermutete, dass er dies irgendwie zum Teil schon während des Gespräches zwischen Fatmir und ihm bewerkstelligt hatte und deshalb so still und passiv geblieben war. Thomas empfand durchaus Anerkennung für diese listige Maßnahme.

Abdullah ergriff die Gunst der Stunde, packte die Wasserflasche und stürzte sich auf den Albaner, wobei er noch recht wacklig auf den Beinen war. Thomas sah aus den Augenwinkeln heraus, dass Fatmir sein Messer gezückt hatte und es blitzschnell nach oben recken wollte, doch sein Kontrahent war schneller gewesen und hämmerte die Wasserflasche mit brutaler Wucht auf den Kopf seines Gegners.

Thomas hörte ein hässliches Klirren, als die Flasche in tausend Splitter zerbarst und sah wie sich die Augen des Albaners verdrehten und dieser völlig regungslos nach hinten kippte und auf den schweren Dielen aufschlug. Das Schweizer Messer glitt ihm dabei aus den Fingern.

Abdullah hatte sich selbst kaum auf den Beinen halten können und war halb kniend vor seinem Aufpasser zusammengesunken. In seiner rechten Hand hielt er noch den zersplitterten Flaschenhals, aus einer Wunde an seinem Unterarm, die wohl ein Splitter verursacht hatte, tropfte ein heller Blutstrahl auf die Dielen.

Ächzend ließ Abdullah den Flaschenhals fallen und griff stattdessen nach dem Messer des Koreaners, das er zögernd aufhob. Dann drehte er sich herum und wankte an dem Bett vorbei auf Thomas zu, vor dem er sich niederkniete. Abdullah wirkte erschöpft, war völlig durchgeschwitzt, seine Unterarme waren wund gescheuert und blutig. Aus blassen Augen starrte er Thomas an, der ihm anerkennend zunickte.

Abdullah fuhr die Klinge aus dem erbeuteten Schweizer Messer und machte sich sodann an den Fesseln des schottischen Polizisten zu schaffen. Nach etwa einer Minute waren diese erfolgreich durchtrennt und Abdullah sank erschöpft stöhnend zurück, die zitternden Arme ausgebreitet und die Augen geschlossen.

Thomas massierte sich seine Unterarme und richtete sich nun ebenfalls zögernd auf. Er bekam ein leichtes Schwindelgefühl, stand jedoch nach wenigen Sekunden wieder recht sicher auf den Beinen. Langsam ging er zu seinem Befreier und reichte diesem die Hand. Abdullah ergriff sie mit einem dankbaren Nicken und Thomas zog ihn auf die Beine.

„Danke dir.“, brachte Abdullah erschöpft über die Lippen.

„Nein, ich habe dir zu danken. Das war echt genial, wie du das geschafft hast.“, gab Thomas zu und trat dann auf den bewusstlos daliegenden Albaner zu.

Er kniete sich zu ihm nieder und nahm dessen Verletzung in Augenschein.

„Ich hoffe nur, dass er nicht tot ist. Das würde ich mir nie verzeihen.“, bemerkte Abdullah plötzlich mit einem ängstlichen Unterton.

Thomas antwortete nicht direkt, sondern tastete nach dem Puls des Albaners und untersuchte auch dessen Stirn, die lediglich eine bereits dick anschwellende Beule, jedoch keine aufgeplatzte Wunde, zeigte. Dann wandte er sich langsam zu Abdullah um.

„Nein, er ist nur bewusstlos.“, gab er zurück und bemerkte, wie Abdullah tief durchatmete und ein Stoßgebet seiner Religion aussprach und den Kopf dabei gen Himmel reckte.

Ihm war ganz offensichtlich ein großer Stein vom Herzen gefallen und er wirkte sichtlich erleichtert. Diese positive Meldung gab ihm auch neue Antriebskraft, denn er trat jetzt forscher auf Thomas zu und blickte diesen fragend an.

„Was machen wir denn jetzt mit ihm?“

„Ich gestehe es nur ungern, aber wir werden wohl nur die Möglichkeit haben, ihn selbst zu fesseln. Er ist von dem Gerede des Koreaners so verblendet, dass er diesem sofort von unserer Flucht Bescheid geben und nicht mit sich reden lassen würde und die beiden würden wohl selbst vor Mord nicht zurückstecken. Zu unserer eigenen Sicherheit und auch zu der von den anderen Anwesenden im Schloss müssen wir ihn jetzt einsperren und fesseln.“, argumentierte Thomas nach einigen Augenblicken des Nachdenkens.

„Was machen wir mit dem Butler?“, wollte Abdullah noch wissen und starrte auf das wohl bewusstlose Häufchen Elend, das auf seinem eigenen Bett angekettet lag und von Schweiß und Dreck bedeckt war.

„Er kann auf keinen Fall hier so liegen bleiben. Ich denke, dass wir ihn in mein Zimmer bringen könnten. Dort können wir ihm das Schweizer Messer geben und er sollte sich dann dort einschließen.“, schlug Thomas vor.

„Was ist, wenn er wirklich der Mörder ist?“, sprach Abdullah tonlos eine recht unangenehme Frage aus und musterte den regungslosen Butler ängstlich.

„Er ist es definitiv nicht. Selbst wenn er es wäre, schau ihn dir doch mal an. Glaubst du etwa, dass er in diesem Zustand noch irgendeiner Fliege etwas zu Leide tun könnte?“, fragte Thomas seinen Begleiter mit kritischer Stimme und merkte nun selbst überrascht, wie sicher er klang und wie überzeugt er inzwischen war, dass der Butler nur ein Pechvogel war, der sich zur falschen Zeit am falschen Ort befunden hatte und nun an den ihn beengenden Umständen zerbrach, zumal er keinen der noch Anwesenden, abgesehen vielleicht von der Frau des verstorbenen Schlossherrn, annähernd kannte und einschätzen konnte. Und die meisten Anwesenden reagierten in der Extremsituation trotz ihrer guten Schulung und ihrer verschiedenen Herkunftsländer, Kulturen und Religionen eben empfindlich auf diejenige oder denjenigen, den sie nicht kannten und der fremd war. Und der Mensch steht von Natur aus allem kritisch gegenüber, was irgendwie fremdartig sein könnte. Thomas dachte bei sich, dass dies vielleicht auch der Grund war, warum es so viele Spannungen in der Gruppierung gab. Wäre die Situation weniger extrem, wenn alle Anwesenden Schotten wären? Thomas glaubte dies nicht, denn er wusste, dass Menschen immer unterschiedlich sind und sich scheinbar naturgemäß in Klassen und Rassen unterteilen. Wenn sie also allesamt Schotten wären, würden sie sich vielleicht in zwei gegengeschlechtliche Lager spalten, sich nach Alter oder nach Stärken und Schwächen sortieren und immer weiter abspalten. Man müsste gar nicht versuchen logisch zu denken, denn Menschen haben scheinbar immer den Drang sich irgendwie abzuspalten, herauszustellen, zu unterscheiden, gleichzeitig aber auch irgendwo einzuordnen und geborgen zu fühlen. Dieser Dualismus ist schon komplex genug, aber wenn in so einer Extremsituation keine Geborgenheit und Ordnung mehr besteht und diese Komponente somit eliminiert ist, dann gibt es nur noch die Abspaltung, auf die man sich fokussieren kann und die dann bedrohliche Ausnahme annehmen konnte. Und genau darin sah Thomas das Problem: Er hatte es nicht nur mit einem gefährlichen Koreaner zu tun, sondern mit vielen, kleineren Gruppierungen, die sich immer weiter zerlegten auf Grund des wachsenden Misstrauens und der Häufung der Todesfälle. Der schwächere Fatmir hatte sich an Gwang-jo orientiert und sie hatten eine Zweckgemeinschaft gegründet. Nach der Stümperei des Albaners würde der Koreaner sich aber wohl kaum wieder so eng mit ihm verbünden und weiter abschotten und der Albaner stünde dann auch ganz allein da. Und selbst zwischen Paaren wie Marilou und Abdullah oder den Lehrern Lykström und Osario gab es immer mehr Spannungen. Gute Freunde und enge Partner schweißt das Schicksal zusammen, aber hier war es eher umgekehrt, wie Thomas zu bemerken glaubte. Dies sprach aber auch dafür, dass die Beziehungen zwischen den Individuen nicht mehr wirklich intakt waren – falls dies überhaupt jemals der Fall gewesen war. Die Privatschule hatte damals keine Gemeinschaft geformt, sondern einen Haufen Einzelkämpfer aus allen Ecken der Welt rekrutiert und dann verfeinert, eine einsame Elite, wobei manche nicht einmal der Elite angehörten und einfach nur einsam waren. So wie Thomas selbst, der sich so allein fühlte. Der sinnierende Schotte atmete tief durch und versuchte seine Gedanken wieder zu ordnen.

Abdullah hatte den Blick gesenkt und nickte langsam, doch wirklich überzeugt schien er immer noch nicht zu sein, was die Unschuld des Butlers anging. Auch er schien kurz in sich zu horschen.

Thomas wandte sich ebenfalls ab und kümmerte sich nun um den bewusstlosen Albaner, den er nun mit seinen eigenen Waffen schlug und an das Bettgestell fesselte. Thomas hatte in seiner Ausbildung auch solche Dinge gelernt und war mit seinem Ergebnis zufrieden, als er merkte, dass er die alten Methoden nicht verlernt hatte. Der Albaner würde sich aus seinen Fesseln kaum eigenständig befreien können.

Entschlossen richtete sich Thomas auf und wandte sich nun dem Butler zu, der inzwischen sogar die Augen aufgeschlagen hatte und Thomas apathisch anblickte. Mit einem Frösteln bemerkte der junge Polizist, dass der Butler einfach durch ihn hindurch sah und nicht mehr Herr seiner Sinne zu sein schien. Er hatte nicht das Bewusstsein, sondern eher den Verstand verloren. Auch als Abdullah, der direkt neben ihm stand, den Butler ansprach, zuckte dieser nicht einmal mit den Wimpern.

Thomas ergriff das Schweizer Messer und durchschnitt damit mühsam die Bettlaken, die den Butler gefesselt hielten. Ängstlich blickte der Butler auf die Klinge und fing an zu wimmern und unruhig zu werden. Thomas schaffte es kaum den Gefangenen zu beruhigen und brauchte viel Zeit und Geduld, bis er endlich alle Fesseln durchtrennt hatte.

Auch danach, als Thomas sich erschöpft zurückbeugte und das Messer in seinen Hosentasche steckte, reagierte der Butler nicht und schien nicht einmal mehr wahrzunehmen, dass er wieder ein freier Mann war. Thomas sah ein, dass er keine Zeit zu verlieren hatte und es keinen Sinn hatte auf den Verwirrten weiter einzureden.

Mit einer Kopfbewegung forderte Thomas Abdullah dazu auf die Füße des Butlers zu ergreifen, während er selbst die Arme ergriff. Dieser ließ dies mit sich machen und gab keinen Ton mehr von sich. Thomas wurde ganz anders, als er sich bewusst wurde, dass er einen Wahnsinnigen auf seinen Schultern trug, der dem Tod mittlerweile näher stand als dem Leben. Der Butler schien erneut das Bewusstsein verloren zu haben, seine Haut war schweißbedeckt und er atmete schwer ein und aus. Seine mittlerweile verkrusteten und eitrigen Wunden waren nicht medizinisch behandelt worden. Thomas nahm sich vor den Verletzten in seinem Zimmer wenigstens irgendwie notdürftig zu pflegen und ihn ein wenig zu waschen.

Vorsichtig näherten Abdullah und Thomas sich der steilen Wendeltreppe und hielten zunächst inne. Kein Geräusch war aus den unteren Stockwerken zu hören, gespenstig lag die steile und düstere Treppe vor ihnen. Das Knarren der Holzstufen ging ihnen durch Mark und Bein und beide wirkten nervös und hielten mehrmals inne, da sie große Angst hatten, doch noch von irgendjemandem bemerkt zu werden.

Nach einigen Minuten hatten sie das Ende der alten Treppe erreicht und waren dankbar, dass sie nun auf einem ausrangierten, roten Teppich laufen konnte, der die Geräusche ihrer schweren Schritte ein wenig dämpfen konnte.

Vorsichtig geduckt bewegten sich die beiden vorwärts und die Last auf den Schultern fügte Thomas immer mehr Schmerzen zu. Sein Nacken war völlig angespannt und auch die angestrengten Bewegungsabläufe taten ihm nicht sehr gut.

Die beiden Träger und der benommene Butler kamen an der breiteren Treppe vorbei, die in die Eingangshalle führte. Plötzlich vernahmen sie Stimmen und versteckten sich rasch im Schatten einer Nische, in der eine altertümliche Vase stand.  Der Butler stöhnte leicht auf und Thomas durchfuhr ein heißes Schaudern. Eilig presste er seine Hand gegen den Mund des Butlers, der darauf hin verstummte und wieder in einen fiebrigen Traum versank. Abdullah blickte ihn ängstlich und bedeutungsschwanger an.

Inzwischen waren zwei Personen in die Eingangshalle getreten. Thomas konnte aus seinem ungünstigen Blickfeld zwar nicht erkennen, um wen es sich handelte, doch er konnte die Stimmen rasch zuordnen. In der Empfangshalle befanden sich offensichtlich die arg gebeutelte Schlossherrin Magdalena Osario und der despotische Gwang-jo.

„Glauben Sie mir, ich werde Sie von hier aus genau im Auge behalten. Versuchen Sie keine miesen Tricks oder eine Flucht, die wird Ihnen auf dieser gottverdammten Insel ohnehin nichts bringen.“, befahl der Koreaner energisch wie gewohnt.

„Es geht mir nur um meinen Vater. Ich möchte Blumen an sein Grab legen und seinem Tod gedenken. Er ist genau heute vor einem Jahr um diese Uhrzeit gestorben und wurde hier auf dieser Insel beigesetzt.“, erwiderte Magdalena Osario mit belegter Stimme.

„Es wundert mich, dass Sie jetzt überhaupt noch an ihren verreckten Alten denken können! Aber mir kann es eigentlich auch egal sein, wenn Sie sich draußen den Tod holen wollen. Beeilen Sie sich aber damit und lassen Sie die Tür offen stehen. Ich muss jetzt zurück zu dem Rest der Gruppe, bevor denen irgendwelche Dummheiten einfallen.“, gab der Koreaner barsch zurück und man hörte wie sich das Eingangsportal unter protestierendem Quietschen öffnete.

Danach entfernten sich die Schritte des Koreaners rasch und man hörte nur einen hohlen Pfeifton, da der Wind mit eisiger Gewalt in die Halle strömte. Von draußen her hörte man ein dumpfes Donnern und ein Blitz erhellte das Dunkel des Schlosses.

Abdullah und Thomas warteten noch einige Augenblicke ab, bevor sie die Deckung der Nische verließen und vorsichtig den Gang entlang schlichen. Nach wenigen Augenblicken kam Thomas an seiner Zimmertür an, die nicht abgeschlossen war. Ächzend drückte er sie auf und trat mit Abdullah in den düsteren Raum, wo er den benommenen Butler vorsichtig auf sein Bett legte. Danach sank er neben diesem zu Boden und atmete tief durch, Abdullah stand nervös in der Tür und blickte hin und wieder in den Gang.

      Thomas wollte sich nach einigen Augenblicken gerade wieder aufrichten, um den Butler zu verarzten, als er plötzlich einen lautes Krachen und kurz darauf einen ohrenbetäubenden, langgezogenen Schrei höchster Angst hörte, bevor es urplötzlich wieder totenstill war.

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