Eklablog Tous les blogs
Editer l'article Suivre ce blog Administration + Créer mon blog
MENU

by Sebastian Kluth

Kapitel 75

 Kapitel 75: Freitag, 21Uhr 01 Eingangshalle

 

Thomas zuckte panisch zusammen und schreckte sofort hoch. All seine Sinne waren jetzt in höchster Alarmbereitschaft und auch sein Begleiter war instinktiv in den Flur gestürmt und blickte sich hektisch um.

Der schottische Polizist wusste zunächst überhaupt nicht, wie er auf diesen unheimlichen Zwischenfall reagieren sollte. Der Schrei hatte so geklungen, als ob die Person, die ihn unter größten Qualen ausgestoßen hatte, relativ weit entfernt gewesen wäre.

Abdullah stand immer noch nahe der Tür zum Gang und zitterte wie Espenlaub. Ängstlich blickte er Thomas an und stürmte dann in höchster Panik weiter den Gang in Richtung der Eingangshalle entlang. Thomas wollte ihn noch zurückhalten, da er befürchtete, dass Abdullah sie alle durch diese unbedachte Aktion verraten könnte.

Fluchend stürzte der bedrückte Schotte ebenfalls in den Gang und sah noch, wie Abdullah bereits in großer Eile auf die breite Treppe zusteuerte, die hinunter in die Eingangshalle führte. Doch er war nicht die einzige Person gewesen, die auf den grausigen Schrei aufmerksam geworden war.

Thomas hörte rasche Schritte in der Eingangshalle und plötzlich einen überraschten Ruf.

„Was zur Hölle machst du hier?“, brüllte Gwang-jo in einer gefährlichen Mischung aus Erstaunen und grenzenloser Wut.

Abdullah hielt in der Bewegung inne und schien nun entgültig völlig verunsichert zu sein. Thomas biss sich auf die Lippen und ärgerte sich über das Fehlverhalten seines Begleiters, der die ohnehin schon prekäre Situation noch verschlechterte.

„Der Schrei! Es ist etwas passiert!“, stammelte Abdullah hilflos und Thomas hörte wie Gwang-jo nach kurzem und grimmigen Zögern die knarrende Tür des Eingangsportals aufriss und wie angewurzelt stehen blieb. Nach einigen Sekunden des Verharrens stürmte er energisch nach draußen, der kräftige Wind blies währenddessen das Eingangsportal zu, welches mit einem dunklen und entgültig klingenden Geräusch schwer ins Schloss fiel.

Diesen Moment der Abwesenheit des Koreaners wollte der schottische Polizist nutzen, zückte sein erbeutetes Messer und stürzte nun ebenfalls in die düstere Eingangshalle. Von der anderen Seite her kamen auch die restlichen Anwesenden zusammen, die sich bis dahin wohl in der Bibliothek aufgehalten hatte.

Mamadou erkannte den schottischen Polizisten als Erster und humpelte erstaunt als Erster auf ihn zu. Wenigstens der Ghanaer ließ sich durch die Extremsituation nicht isolieren und blieb der Zweckgemeinschaft mit dem schottischen Kollegen vorerst treu.

„Thomas, wo kommst du her?“, fragte er atemlos.

„Wir konnten uns befreien und fliehen. Abdullah hat Fatmir überwältigt, wir sind gerade erst aus dem Turmzimmer gekommen. Was ist hier passiert?“, wollte Thomas seinerseits wissen und blieb in seinen Ausführungen recht wortkarg.

„Ich weiß es selbst nicht. Gwang-jo hat uns bislang mit seiner Waffe in Schach gehalten. Wir konnten ihn dazu überreden, dass wir den Leichnam des Wolfes suchen könnten, den der Butler angeblich umgebracht hat. Wir haben allerdings lediglich ein paar Blutspuren gefunden, der Regen hatte ohnehin schon fast alles weggewaschen. Von dem Wolf gab es tatsächlich keine Spur. Gwang-jo hat dies natürlich wieder darin bestätigt, dass der Butler gelogen hat und dies entsprechend kundgetan. Allerdings war der Koreaner sehr nervös und ungeduldig und hat uns genauestens überwacht und dann rasch wieder im Schloss zusammengetrommelt.“, erläuterte der Ghanaer aufgeregt.

„Ich glaube kaum, dass der Butler uns angelogen hat.“, gab Thomas knapp zurück.

„Ich weiß es nicht, Thomas.“, gab Mamadou ratlos zurück.

Thomas wandte sich plötzlich ab und stellte sich in die Nische hinter dem Eingangsportal, da es plötzlich an selbiger hektisch geklopft hatte. Von draußen hörte man die gedämpft fluchende Stimme des Koreaners, der nun ausgesperrt war und ähnlich wie Abdullah völlig unbesonnen reagiert hatte.

 Der Schotte bemerkte mit zunehmender Beunruhigung, dass allen Anwesenden langsam die Nerven durchbrannten, selbst der sonst so friedfertige Mamadou wirkte völlig mitgenommen.

Alle Gäste blickten sich erwartungsvoll an, als ob jeder von dem Anderen erwarten würde, dass er dem tyrannischen Koreaner die Tür öffnen müsste. Schließlich war es Marilou, die vortrat und sich ein Herz nahm und das Eingangsportal energisch aufriss. Thomas war von der frischen Dynamik der sonst so verstörten Frau sehr überrascht. Auf der anderen Seite wäre es dem Schotten lieber gewesen, wenn man den Verrückten ausgesperrt hätte, aber es war ja auch noch Magdalena Osario irgendwo da draußen.

Kaum hatte sich das hohe Portal geöffnet, als Gwang-jo völlig cholerisch und hektisch über die Schwelle stürzte und plötzlich von dem präzisen Kinnhaken der Kanadierin gestoppt wurde, die ihn eiskalt anblickte.

Gwang-jo war von dieser Aktion völlig überrascht, taumelte zurück und an dem Eingangsportal vorbei und hielt sich seine aufgeplatzte Unterlippe. Bevor der Koreaner seine Überraschung verdauen konnte, griff Thomas ein und stürzte sich in den Rücken seines ungeliebten Gegners. Er wollte endlich die Gunst der Stunde nutzen und sich den Koreaner gefügig machen.

Dieser war darauf auch nicht vorbereitet und musste einen brutalen Schlag in den Nacken kassieren, der ihn zu Boden zwang. Der nächste Handkantenschlag des schottischen Polizisten schickte den Koreaner entgültig ins Reich der Bewusstlosigkeit. Gwang-jo verdrehte die Augen und fiel flach auf den Bauch.

Thomas ergriff rasch die Pistole, die dem Koreaner aus der Hand gerutscht war und reichte sie dem heranstürmenden Mamadou. Dieser nickte ihm dankend zu. Beide blickten nachdenklich auf den bewusstlosen Koreaner und überlegten, was sie mit ihm nun anstellen sollten.

Bevor die beiden jedoch einen Entschluss fassen konnten, war von draußen ein weiterer Schrei aufgeklungen, dieses Mal jedoch weitaus leiser und kraftloser. Thomas warf sich herum und stürzte über die offenstehende Tür hinaus in den düsteren und völlig verschlammten Garten. Nur im Westen der Insel war die dichte Wolkendecke ein wenig aufgebrochen und tauchte den Garten in ein diffuses Licht.

Thomas wollte seinen Augen kaum trauen, als er das unheimliche Szenario mit eigenen Augen sah. Auf der linken Seite des Gartens bemerkte er mehrere Grabsteine, wobei vor einem der größten ein relativ frischer Strauß Blumen lag. Dies war jedoch nichts Außergewöhnliches, sondern viel mehr die leblose Magdalena Osario, die völlig steif und mit starr geöffneten Augen wie eingefroren im Schlamm vor dem Grab lag.

In diesem Moment ertönte ein erneutes Grollen und ein gewaltiger Blitz stürzte aus dem düsteren Himmel auf die Insel herunter. Dieser Blitz wurde mit einem Krachen irgendwo vom Dach des Schlosses aus abgeleitet und schlug vehement in den Körper der Spanierin ein, sowie in den daneben stehenden Grabstein, der durch diese Wucht krachend zerbarst und in unendliche viele Einzelteile zertrümmert wurde.

Thomas zuckte völlig verwirrt herum und warf einen Blick hoch zur Fassade des Schlosses, wo auf dem Vordach ein äußerst wackliger Blitzableiter stand. Er glaubte nicht daran, dass dieser Blitzeinschlag, der in wenigen Augenblicken offensichtlich gleich zwei oder gar drei Mal an derselben Stelle erfolgt war, purer Zufall war. Thomas fühlte ein Schaudern in seinem Rücken, als er daran dachte, dass der Mörder erneut zugeschlagen und auch diese Tat bereits im Voraus perfekt und bis ins Detail geplant hatte. Woher hatte der Täter wissen können, dass Magdalena Osario genau um diese Zeit die Grabstätte ihres Vaters aufsuchen würde? Woher wusste der Killer, wann genau ihr Vater damals gestorben war?

Je länger Thomas auf dieser unheilvollen Insel verweilte, desto mehr Fragen stellten sich ihm und desto weniger Antworten konnte er darauf finden. Er wurde aus diesem allwissend erscheinenden Täter einfach nicht schlau.

Wie in Trance taumelte er über die Treppe hinweg durch den völlig überfluteten und arg mitgenommenen Garten und näherte sich dem grausam erstellten Leichnam der Spanierin, der an einigen Stellen bereits völlig dunkel und verschmort war. Ein strenger Geruch kam dem jungen Schotten entgegen, der ihm den Magen umzudrehen schien.

Er überwand seinen Ekel, umrundete die wenigen Gräber und hockte sich dann rasch neben der toten Magdalena Osario nieder, die vor dem Grabstein ihres Vaters hockte, in dem lediglich dessen Name, dessen Geburts- und Todesdatum, sowie die römische Zahl II eingesetzt worden war.

„Thomas, komm von da weg, das ist zu gefährlich!“, schrie Mamadou vom Eingangsportal her und brachte den verstörten Thomas wieder zur Besinnung. Schnell ergriff er den Körper der Spanierin und zerrte ihn ächzend von dem Grab weg. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er noch ein seltsames schwarzes Pulver, welches eine rostige Metallplakette bedeckte, die neben dem Grabstein fast unerkenntlich im Schlamm versunken war. Thomas vermutete, dass durch diese Geräte der Tod der Spanierin gesteuert worden war, doch er kannte sich mit solchen naturwissenschaftliche Phänomenen zu wenig aus und verwarf den Gedanken wieder, zumal die düstere Wolkenwand weiterhin bedrohlich rumorte.

Mühsam schleppte er die Spanierin von den Grabsteinen weg und nahm ihren leblosen Körper in die Arme, als plötzlich Björn Ansgar Lykström auf ihn stürzte, ihn brutal zur Seite stieß und den regungslosen Körper seines Verlobten in seine Arme riss und ihn wie verrückt mit Küssen bedeckte. Dann ließ er ihren Körper in seinen Armen zu Boden gleiten, blickte in den Himmel und entsandte einen gequälten Schrei in die dunkle Nacht.

Thomas, der auf dem matschigen Grund ausgerutscht war, starrte wie betäubt auf die gespenstische Szene und nahm kaum mehr war, wie Mamadou zu ihm kam, ihm auf die Beine half und zurück ins Schloss drängte.

Erst als die beiden wieder am Eingangsportal angekommen waren, wandten sie sich um und blickten in einer Mischung aus Mitgefühl und verzweifelter Wut auf den schwedischen Englischlehrer, der sein Gesicht in den durchnässten und durchschmorten Kleidungsstücken seiner Geliebten vergraben hatte. 

Nach einigen Momenten wandte Thomas das Gesicht von dem grausamen Szenario ab und schloss das Eingangsportal, da er dem Trauernden und der Toten noch eine gewisse Intimität eingestehen wollte.

Sein Blick fiel nun auf den Koreaner, der aus seiner Bewusstlosigkeit inzwischen erwacht war und ihn feindselig anstarrte. Mamadou hatte mitgedacht und hielt ihn mit seiner Waffe, die er nun endlich zurück bekommen hatte, in Schach. Gwang-jo hinderte dies nicht daran verächtlich auf den Boden zu spucken.

„Da haben wir es! Kaum ist es diesem Bastard und dem Killer gelungen sich zu befreien, da stirbt die nächste Person unter uns.“, griff er Thomas mit bitterer Wut an, doch dieser erwiderte dessen Blick nur kalt und konnte sich eine hämische und zugleich makabre Antwort nicht verkneifen.

„Wenn der Butler oder ich der Mörder wären, dann hätten wir dich als Erstes umgebracht.“, gab Thomas frostig zurück.

Gwang-jo blickte den schottischen Polizisten kalt an, sein Gesicht verfärbte sich zu einer zornigen Röte und erst als Mamadou mit seiner Waffe in das Blickfeld des Koreaners trat, fühlte dieser sich dazu gezwungen ein wenig zurückzuweichen. Langsam entfernte er sich von den beiden Polizisten und trabte benommen, aber wutschnaubend in Richtung der Bibliothek. Weder Mamadou noch Thomas hinderten ihn daran.

Mit einem Mal hatte Thomas einen Einfall und erinnerte sich wieder an den verletzten Butler. Entschlossen wandte er sich zu Mamadou.

„Behalte die Situation hier unter Kontrolle. Ich werde noch einmal nach dem Butler sehen, er braucht dringend medizinische Verpflegung.“, flüsterte Thomas ihm sein Vorhaben vorsichtig vor, sodass die restlichen Gäste nichts davon mitbekamen.

Thomas kam diese Ausrede ganz gelegen, um sich von dem neuen Todesfall ein wenig abzulenken, der ihn eher betäubend, als schmerzlich getroffen hatte. So grausam es auch klang, aber inzwischen hatte Thomas mit den Toten kaum mehr Mitgefühl und hatte sich an die schlimme Regelmäßigkeit der Todesfälle geradezu gewöhnt.

„In Ordnung, du kannst dich auf mich verlassen.“, gab Mamadou nickend zurück und Thomas wandte sich bereits zur Treppe hin, als Abdullah auf ihn zutrat und ihm die Hand auf die Schulter legte.

„Thomas, es tut mir Leid wegen meiner überstürzten Reaktion eben. Ich habe mich wie ein naives Kleinkind verhalten.“, meinte er betreten und fast schon sanftmütig.

Thomas ergriff die Hand Abdullahs und nickte ihm seufzend zu.

„Das kann ich dir nicht verübeln. Über kurz oder lang werden wir auf dieser Insel noch alle durchdrehen. Das Grauen findet einfach kein Ende.“, gab der schottische Polizist zurück.

„Darf ich dich nach oben begleiten und dir helfen?“, hakte Abdullah nach.

„Ja, das wäre vielleicht gar nicht schlecht. Man sollte in diesem Schloss nirgendwo mehr allein hingehen. Nicht einmal mehr in sein Zimmer oder auf Toilette.“, stimmte Thomas zu und blickte noch einmal mahnend zu den restlichen Anwesenden, die steif und ratlos im Eingangsbereichs standen und immer mehr wie Marionetten wirkten.

Danach traten die beiden Männer auf die breite Treppe zu und atmeten sichtbar auf, als sie die düstere Empfangshalle und die bedrückende Stimmung, die dort herrschte, hinter sich gelassen hatten.

Als Thomas sich erneut umwandte, sah er, wie sich das Eingangsportal öffnete und ein völlig durchnässter Björn Ansgar Lykström durch die Tür trat. In seinen Armen hielt er immer noch den toten Körper der Spanierin, den er mitten in der Eingangshalle zu Boden gleiten ließ. Die restlichen Anwesenden betrachteten die Szene in einer Mischung aus Abscheu und Angst. Mamadou schloss das Portal mit einem dumpfen Geräusch.

Thomas wandte sich wieder um, denn er wollte dem schweren Abscheid des verliebten Schweden von seiner Geliebten nicht unbedingt beiwohnen. Stattdessen steuerte er jetzt auf seine Zimmertür, die geschlossen vor ihm lag. Plötzlich hielt er inne. Siedend heiß fiel ihm ein, dass er die Tür bei seinem überstürzten Aufbruch nicht verschlossen hatte. Wer aber hatte sie dann zugemacht?

Der Polizist bekam eine eisige Gänsehaut, atmete tief durch und riss mit grober Entschlossenheit die Zimmertür auf, wo ihn sofort der nächste Schock traf.

Sein Zimmer war völlig leer. Der Butler war erneut verschwunden!

 

Retour à l'accueil
Partager cet article
Repost0
Pour être informé des derniers articles, inscrivez vous :