by Sebastian Kluth
Kapitel 96: Samstag, 15 Uhr 01 Springbrunnen
Fluchend nahm der schottische Polizist mehrere Sprossen auf der Leiter und hatte bald schon die Klappe erreicht. Energisch drückte er mit seinem rechten Arm gegen die Luke, doch diese gab keinen Zentimeter weit nach. Wütend nahm er nun auch seine zweite Hand zur Hilfe und drückte sich mit verzerrtem Gesicht und zusammengepressten Lippen gegen das Hindernis. Dabei geriet er fast noch aus dem Gleichgewicht und wäre um ein Haar von der Leiter abgerutscht und musste plötzlich nachgreifen. Mit beiden Beinen baumelte er über dem Abgrund und zog sich ächzend wieder an die Leiter heran.
Mit pochendem Herzen schlug er gegen die Klappe, in der Hoffnung, dass ihn irgendwer hören würde. Die Luke wirkte jedoch recht solide und Thomas hatte de Befürchtung, dass auch die Geräusche fast perfekt isoliert waren. Sein Hämmern und Schreien war vermutlich nur dumpf auf der anderen Seite zu hören und die wenigen Geräusche, die bis auf die andere Seite dringen würden, wären dann in der Regel noch von dem plätschernden Brunnen verschluckt worden. Thomas hoffte, dass er durch das Ausschalten des Brunnens jetzt vielleicht doch eine größere Chance hätte gehört zu werden.
Wann würden die restlichen Gäste nach ihm suchen? In fünf Minuten? In einer halben Stunde? Oder war ihnen möglicherweise auch etwas zugestoßen? Hatte der Mörder vielleicht in einer Art Kurzschlussreaktion die restlichen Anwesenden in seine Gewalt gebracht und hielt diese nun in Schach, um Thomas elendig in diesem Schacht verdursten oder verhungern zu lassen? Hatte der Mörder nun eine blutrünstige Initiative ergreifen müssen, seitdem er wusste, dass sein Kutter entdeckt worden war.
Ernüchtert hämmerte Thomas gegen die Luke, gab jedoch nach ein paar Minuten auf, kletterte wieder in die Tiefe und setzte sich in eine dunkle und feuchte Ecke des kurzen Ganges. Das elektrische Licht flackerte düster und verbreitete eine unruhige und künstliche Atmosphäre. Thomas machte es sich in einem Schneidersitz bequem, atmete tief durch und versuchte eine gewisse innere Ruhe zu finden, wie er es beim Meditieren im Kloster gelernt hatte. Er versuchte seine düstere Außenwelt komplett auszuschalten und sich zu isolieren. Obwohl dieser konzentrierte Akt viel Kraft kostete, schöpfte Thomas aus diesem Prozess neue Kräfte. Seine hektischen Gedanken wurden geordneter, sein Puls beruhigte sich ebenfalls und er schloss die Augen. Er schaffte es die höhnischen und besserwisserischen Stimmen komplett zu verdrängen und befand sich ganz in seiner Mitte.
Nach einiger Zeit kam ihm wieder der Aufkleber des Kanisters in den Sinn. Er sah den Namen des Herkunftsortes noch klar vor sich. Wie in einem schnellen Film durchstreifte er sein Gedächtnis nach Erinnerungen an schottische Städte und ließ danach die letzten Tage auf diesem Schloss einschließlich seiner Ankunft noch einmal Revue passieren. Die Erleuchtung kam so unvermittelt und klar, dass Thomas aus seiner meditativen Ruhe gerissen wurde und die Augen weit aufriss.
Bridetown war der Name des Küstendorfes gewesen, wo sie mit der Yacht auf die Insel übergesetzt waren. Das konnte nur bedeuten, dass der Täter bereits im Voraus die Gegend erkundet und alle Maßnahmen vor Ort getroffen hatte, wie es Thomas auch insgeheim nach dem Fund des Kutters vermutet hatte. Vielleicht war die Person aber auch mit dem Fischkutter nachts heimlich zur Küste gefahren, um sich ständig Nachschub zu holen, ohne dass die anwesenden Gäste dies bemerkt hätten. Jedenfalls war der Fund des Kanisters auch eine Erleichterung für Thomas, dem langsam klar wurde, dass er kein übermächtiges Wesen zum Gegner hatte, das kurzfristig perfekte Mordszenarien inszenierte, sondern einen Menschen aus Fleisch und Blut, der alle Taten weit im Voraus geplant und festgelegt hatte. Thomas hoffte inständig, dass man den Täter bald mit einem Ereignis überraschen könnte, was dieser überhaupt nicht vorgesehen hatte, um ihn zu Fehlern zu zwingen und mit einer ihm völlig neuen Situation zu konfrontieren.
Wenn einer von ihnen jemals von dieser Insel entkommen könnte, dann war sich Thomas sicher, dass man den Täter im Dorf zweifellos identifizieren würde. Auch dieser Gedanke gab ihm neuen Mut und animierte seinen Überlebenswillen.
Er startete einen erneuten Versuch, kletterte die Leiter hinauf und schlug mit allen Kräften gegen die verriegelte Klappe. Außer dem Resultat, dass seine Hände nach einer Zeit rau wurden und anfingen zu schmerzen, konnte er jedoch kein Ergebnis erzielen. Resigniert blieb er auf der Leiter stehen und dachte nun auch wieder intensiver über die Baskenmütze nach, die er inzwischen aus seiner Hemdtasche gekramt hatte. Thomas vermochte nicht einmal zu sagen, ob diese Mütze in diesem Fall eher für einen Mann oder für eine Frau bestimmt war. Thomas klammerte sich aber verbissen an den Gedanken, dass irgendeine andere Person unter den Gästen die Mütze klar identifizieren könnte. Er spürte voller Erregung, dass er des Rätsels Lösung etappenweise näher kam. Vielleicht würde es endlich zum großen Finale kommen, wenn man ihn denn aus seinem stickigen Gefängnis befreien würde.
Wieder schlug der schottische Polizist intervallweise gegen die Luke. Er hatte zwar keine wirkliche Klaustrophobie, dennoch fühlte er sich immer bedrückter und hatte den Eindruck, dass die Wände immer näher kamen und ihm immer mehr Raum und Luft stehlen würden. Das monotone Wummern des Stromaggregators aus der Tiefe trug den Rest zu der unangenehmen Atmosphäre bei.
Unruhig warf Thomas einen Blick auf seine Armbanduhr, deren Ziffernblätter auch im Dunkeln leuchteten. Seine Uhr verfügte sogar über einen kleinen Kompass, eine integrierte Stoppuhr und einen Herzfrequenzmesser und war eine teure Spezialanfertigung gewesen. Die Ziffernblätter bewegten sich nur schleppend langsam, Sekunden kamen Thomas wie Minuten und Minuten mitunter wie Stunden vor. Die Zeit schien sich gegen ihn verschworen zu haben. In jedem Moment, den er jetzt verpasste, könnte wieder etwas Schreckliches geschehen sein. Die Situation könnte wieder eskaliert sein, es hätte schon den nächsten Toten geben können. Es war vor allem die Unwissenheit, die an dem jungen Schotten nagte und die Tatsache, dass er völlig hilflos war und nicht eingreifen konnte.
Ein erneuter Blick auf seine Armbanduhr verriet ihm, dass seit der zugeschnappten Falle bereits eine gute halbe Stunde vergangen war. Voller Verzweiflung hämmerte der junge Schotte wieder gegen die Luke, schrie so laut, dass es in seinen eigenen Ohren fast schon wehtat. Die Haut an seinen Händen riss leicht auf, ein träger Blutstropfen quoll über sein Handgelenk und wurde erst vom Ärmel seines Hemdes aufgesogen. All dies bemerkte der Schotte gar nicht mehr, wie ein Besessener schlug er gegen die Luke und stumpfte dabei immer mehr ab. Seine Stimme wurde heiser, seine Hände, seine Schultern, seine Muskeln fingen an zu schmerzen, doch er schlug mechanisch weiter. Wüste Stimmen ertönten wieder um ihn herum, animierten ihn zu frustrierter und bedingungsloser Gewalt, spornten ihn an und führten ihn doch in die Irre. Thomas war in einer abstrakten Monotonie gefangen. Thomas fühlte sich eingeengt und hatte mehr und mehr Schwierigkeiten zu atmen. Die stickige Luft, seine unkontrollierten Gedankengänge und die Isolation nagten an seiner Geduld. Fühlte sich so eine beginnende Klaustrophobie an?
Thomas schloss die Augen und der Angstschweiß lief in strömen über sein Gesicht. Ihm wurde leicht schwindlig, doch wollte er auf keinen Fall die Leiter wieder hinuntersteigen und in der dunklen Tiefe gefangen sein. Wie ein schwarzer Schlund ins Verderben lag der Schacht unter ihm. Der lärmende Mechanismus des Brunnens war auch abgeschaltet worden, sodass unter ihm nur eine eisige Stille war. Thomas dachte bei sich, dass der Weg nach oben der Weg zurück ins Leben war, während der Weg nach unten das Tor zum Jenseits oder gar in die Hölle war. Irgendjemand musste die Luke für ihn öffnen, ihn befreien, denn aus eigener Kraft konnte er nichts mehr ausrichten. Angespannt und schwer atmend verharrte er steif an die Leiter geklammert direkt unter der Luke und betete, dass irgendjemand sich ihm erbarmte und an ihn dachte, der so sehr and die Anderen gedacht hatte.
Irgendwann, als er selbst nicht mehr daran glaubte, dass ihn irgendjemand hören würde, vernahm er plötzlich ein leises Klicken und die Luke schwang völlig unvermittelt vor seinen Augen auf.
Thomas schlug plötzlich ins Leere und hielt völlig verdutzt in seiner Bewegung inne. Das diffuse Licht der Eingangshalle blendete ihn nach der Dunkelheit unter dem Springbrunnen geradezu. Er musste einige Mal blinzeln, wurde dann an den Armen gepackt und aus dem Schacht gezogen. Erschöpft sank er in sich zusammen, bereitete seine Arme weit aus und blickte auf Marilou Gauthier, die ihn besorgt ansah und sich dann nach der Luke bückte, um diese kräftig zuzuschlagen. Erst mit diesem Geräusch war der Alptraum für den Schotten beendet, der zitternd und schweißgebadet auf dem Boden lag. Aus den Augenwinkeln heraus bemerkte er noch Abdullah Gadua, der über den konvulsivisch zuckenden Körper des Schotten hinwegstieg und einige flüsternde Worte mit seiner Gattin wechselte. Diese trat dann behutsam auf Thomas zu, der Mühe hatte seine Blicke auf die Kanadierin zu fixieren. Er beruhigte sich nur allmählich, denn das kalte und harte Gesicht von Marilou riss ihn wieder zurück in die Wirklichkeit. Ächzend schloss der ehemalige Mönch die Augen und hörte die Frage der Kanadierin wie durch dichte Watte.
„Bist du in Ordnung? Hörst du mich oder kannst du mich sehen?“, fragte die Kanadierin hart und Thomas hob bestätigend seinen schlaffen linken Arm.
„Du kannst von Glück reden, dass ich zufällig hier vorbeigekommen bin und das Schlagen gehört habe. Ich habe sofort die anderen Gäste verständigt. Ich nehme an, dass die Luke zufällig hinter dir zugefallen ist und du dich versehentlich selbst eingeschlossen hast, nicht wahr?“, wollte Marilou wissen.
Thomas schüttelte ächzend seinen Kopf und fühlte sich wie ein durchnässter Pudel, als sein Schweiß aus Strömen von seinen Haaren in seine Gesicht tropfte und die Spitzen seiner Strähnen ihn hart wie leichte Peitschenhiebe streiften. Er brauchte einige Augenblicke, bevor er mit geschlossenen Augen eine klare, aber leise gesprochene Antwort gab.
„Nein, so war es nicht. Ich habe jemanden gesehen, der die Luke bewusst geschlossen hat.“, erläuterte Thomas ächzend.
Für einige Sekunden herrschte ein ehrfurchtsvolles Schweigen und Thomas öffnete zögerlich die Augen und blickte in die düsteren Augen einer hart und misstrauisch blickenden Marilou. Thomas bekam ein unangenehmes Schaudern, als er ihren analytischen Blick auf sich spürte. Er fühlte sich, als ob er nackt und ungeschützt wäre. Die Kanadierin hatte auf ihn eine unglaublich negative Ausstrahlung.
„Tatschlich? Wen hast du denn gesehen? Wer sollte so etwas überhaupt tun?“, wollte Marilou schließlich wissen und Thomas merkte, dass sie dabei sehr angespannt wirkte.
Hatte die mysteriöse Frau etwas zu verbergen? Er wollte jetzt aufs Ganze gehen und eine Provokation mit Hilfe einer kleinen Lüge wagen. Mit einem Mal war seine Unsicherheit und Benommenheit wie durch einen Zauber wieder verschwunden.
„Du weißt doch genau, wen ich gesehen haben muss, schöne Marilou. Du selbst hast das getan.“, sagte Thomas klar und deutlich, sodass auch der völlig überraschte Abdullah seine Worte hörte, der sich aufbrausend zu ihm wandte und seine Frau grob beiseite drängte.
„Wie kannst du so etwas nur behaupten? Ständig werden haltlose Anschuldigungen geäußert, die sich durch nichts beweisen lassen.“, regte sich der Mann mit dem Turban auf und verzerrte sein Gesicht zu einer entrüsteten Grimasse, während er wild mit dem mahnenden Zeigefinger vor dem Gesicht des schottischen Polizisten herumfuchtelte, der sich langsam aufrichtete und auf wacklige Beine stellte.
Dabei warf er auch einen Blick auf die Kanadierin, die plötzlich wieder sehr lauernd und defensiv wirkte. Dieses ausweichende Verhalten wollte Thomas nicht durchgehen lassen und setzte sofort nach, ohne sich von Abdullah irgendwie einschüchtern zu lassen. Er ignorierte ihn einfach, was diesen natürlich auf die Palme brachte.
„Marilou, du kannst es nicht leugnen. Nimm endlich Stellung. Du kannst sicher auch Klartext reden, ohne dass dein Mann sich in den Vordergrund drängt. Sprich endlich die Wahrheit und lass deine Maske fallen!“, forderte der Schotte sie auf und sah ein bedrohliches Blitzen in den Augen der Kanadierin, die ihren Kopf leicht schräg legte und ihre Augenbrauen zusammenkniff.
„Du lügst, du selbst solltest deine Maske fallen lassen und aufhören den großspurigen Helden und Boss zu markieren. Ich habe dich eben gerettet und du wirfst mir nun solch eine unerhörte Behauptung an den Kopf. Ich habe diese Klappe definitiv nicht zugeschlagen! Vermutlich steckst du selbst dahinter. Es ist schon seltsam: Kaum bist du für einige Minuten aus dem Spiel, da geschiehen plötzlich keine Morde mehr und es gab in der Zwischenzeit auch keinerlei Konflikte. Manchmal habe ich das Gefühl, dass du dich ganz bewusst in den Vordergrund drängst, um uns nach Belieben zu manipulieren. Vielleicht hast du dich einfach selbst eingeschlossen, um den Verdacht auf andere Leute zu lenken und das Unschuldslamm zu spielen. Darauf fallen wir aber nicht herein, Thomas, das ist vorbei!“, erwiderte die Kanadierin bestimmt und bewegte dabei wild gestikulierend, aber wohl unterbewusst, ihren linken Arm.
Thomas bemerkte, dass die ganze Körperhaltung der Kanadierin gegen ihre eigenen Worte zu sprechen schien. Der Schotte hatte mal eine wissenschaftliche Sendung gesehen, in der es darum ging, aufzuklären, wie man erkennt, ob ein Mensch lügt oder nicht. Unterbewusste, heftige Gesten waren eines der Kriterien gewesen, ein leicht schräg gehaltener Kopf ein weiterer Aspekt. Aber waren diese Zeichen allein ein Beweis dafür, dass Thomas mit seiner eher zufällig gewagten These richtig lag? Im Fernsehen wurden solche Situationen immer leicht aufgeschlüsselt und plausibel erklärt, aber die Wirklichkeit sah vielleicht ganz anders aus. Thomas wollte eine klare Gewissheit haben und spürte, dass er auf einer heißen Fährte war. Er ließ sich auch von den laut gesprochenen und diffamierenden Worten der Kanadierin nicht beeindrucken, denn er war inzwischen schon viel zu sturköpfig in seine eigene Theorie vernarrt.
„Ich bin mir absolut sicher. Du kannst mir nichts einreden. Ich merke an deiner ganzen Körpersprache, wie nervös du bist und dass du lügen musst. Glaube mir, ich habe lange genug als Polizist gearbeitet, um Falschaussagen von wahren Sachverhalten unterscheiden zu können.“, setzte der Schotte nach.
Plötzlich griff Abdullah wieder ein, packte den Hemdkragen des Schotten und stieß sein Gegenüber grob ein Stück nach hinten, sodass Thomas fast kopfüber in den Brunnen gefallen wäre. Abdullah setzte nach und ergriff die Schultern des Polizisten und schüttelte diesen kräftig durch. Eine glühende Zornesröte war in sein Gesicht gestiegen, Speichel sprühte von seinen Lippen, als er seine Worte an den Schotten richtete.
„Hör sofort auf meine Frau so fertig zu machen! Sie ist ohnehin schon völlig fertig mit den Nerven. Sie hat in ihrem Leben schon so viel hinnehmen müssen.“, argumentierte der Gatte der Beschuldigten irgendwo zwischen Engagement und Jähzorn.
„Auch ich musste in meinem Leben viel durchmachen und das stellt mich auch nicht frei von jeglichen Zweifeln. Vielleicht hat sie so viel erleben müssen, dass sie sich nun rächen will, dass sie nun all diejenigen umbringen will, die ihr schreckliches Leid angetan haben. Sie hat die Schule damals gehasst!“, erwiderte Thomas zornig und schubste sein Gegenüber mit beiden Händen energisch von sich weg, sodass Abdullah nun seinerseits hilflos zurücktaumelte und gegen die Wand unterhalb der Balustrade prallte, wo auch seine Gattin stand.
„Das ist doch kein Argument! Wir alle haben die Schule gehasst!“, schrie Abdullah ihm entgegen und ballte seine Hände zu Fäusten.
„Sie musste doch besonders leiden. Sie hatte keine Freunde, wurde verlacht. Von ihrem Direktor wurde sie zu abartigen Sexspielen gezwungen, du selbst hast sie sogar betrogen und ihr Vertrauen missbraucht.“, begann Thomas und zerrte die Tatsachen ans Tageslicht, die zuvor öffentlich verschwiegen worden waren.
Bevor der Schotte sich dessen bewusst wurde und ein schlechtes Gewissen haben konnte, sah er plötzlich Abdullah blind vor Wut auf sich zu rasen.
Mit einem Schrei höchster Wut stürmte der Katarer mit hochgerissenen Armen auf den schottischen Ermittler zu, der nicht lange zögerte und die Gefahr nicht unterschätzen wollte. Er wich zwei Schritte zurück und beförderte sich mit einem Hechtsprung zur Seite in den blutroten Brunnen. Hart schlug er auf den harten Grund und prallte mit seiner linken Schulter gegen irgendeine Kante. Prustend biss er die Zähne zusammen, der stinkende Lack lief in mehreren Bahnen über sein Gesicht.
Abdullah hatte es jedoch noch unangenehmer erwischt. Er hatte sich mit solch verbitterter Entschlossenheit auf den schottischen Ermittler gestürzt, dass er sich der möglichen Folgen eines Ausweichens oder einer Gegenattacke nicht wirklich mehr bewusst gewesen war. Mit voller Wucht hatte er sich auf Thomas gestürzt und war dabei taumelnd ins Leere gesprungen. Verblüfft wedelte er mit den Armen in der Luft und versuchte seine Bewegung noch abzubremsen, doch er war bereits viel zu schnell unterwegs.
Abdullah Gadua kam auf dem nassen Untergrund auf, rutschte über die Kante und fiel mit einem überraschten Schrei seitwärts von der Erhöhung des Brunnens in die Tiefe. Er fiel dabei leicht schräg, sodass sein verzweifeltes Nachfassen ineffektiv war und er sich nirgendwo mehr festhalten konnte. Der Springbrunnen lag in einer Höhe von nicht einmal drei Metern, doch der Sturz auf den kalten und rauen Boden der Eingangshalle war dennoch sehr schmerzhaft.
In der Luft hatte sich der wütende Angreifer noch zusammengerollt und somit die Wucht des Aufpralls vermindert, doch er fiel dennoch hart auf seinen linken Ellenbogen. Die restlichen Anwesenden, die den kurzen Kampf verwirrt verfolgt hatten, waren respektvoll von dem Brunnen zurückgetreten und machten auch keinerlei Anstalten Abdullah aufzuhelfen oder sich der Gefahrenzone zu nähern.
Thomas rappelte sich vorsichtig auf und stieg stöhnend aus dem Brunnen. Der klebrige Lack hatte seine gesamte Kleidung durchweicht und er fühlte sich schlechter als je zuvor in seiner Haut. Er war nun persönlich angegriffen worden und hatte mehrere der Anwesenden gegen sich aufgebracht, obwohl er sooft an das Gemeinschaftsgefühl appelliert hatte. Er musste auch noch an die betroffene Reaktion seiner brasilianischen Geliebten denken. War er in den letzten Minuten vielleicht wirklich zu weit gegangen? Wie sollte er mit dieser Situation umgehen, in der sich plötzlich jeder gegen ihn zu wenden schien? Hatte er überhaupt noch die Kraft weiterhin Ermittlungen durchzuführen und sich als eine Art Sprecher und Anführer der Gruppe zu präsentieren? Sollte er nicht vielleicht etwas ganz Anderes wagen?
Thomas warf einen Blick auf das Eingangsportal, unter dem pfeifend der Wind hindurchjagte. Mit einem Mal kam dem Schotten die Idee, dass der Sturm langsam abzuflauen schien und dass die schottische Küste zwar weit weg war, aber nicht unerreichbar fern schien. In seiner Schulzeit war Thomas ein motivierter Sportler gewesen und hatte auch über Jahre hinweg regelmäßigen privaten Schwimmunterricht genossen.
Bevor er diesen Gedanken zu Ende bringen konnte, trat Marilou Gauthier still an ihn heran. Er spürte ihren heißen, flachen Atem in seinem Rücken und seine Nackenhaare richteten sich alarmierend auf. Dann spürte er für einen Moment die Lippen der Kanadierin ganz dicht an seinem Ohr. Ihre Worte waren leise, aber dafür umso bedrohlicher.
„Du kennst mein Geheimnis. Du weißt über die Sache mit dem Direktor Bescheid. Ich wollte hierhin kommen, um die Sache zu vergessen, um die ehemaligen Schüler und Lehrer aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, um mir zu sagen, dass Leute sich verändern können und eine zweite Chance verdient haben. Aber ihr seid alle gleich geblieben und ihr seid sogar noch schlimmer als früher. Glaube mir, du wirst dafür bezahlen, dass du all diese negativen Erinnerungen mit deinen unerträglichen Äußerungen wieder in mir geweckt hast. Es ist so, als würde ich ein zweites Mal von dem widerlichen Direktor an ein Bett gefesselt und missbraucht werden. Mit dem einzigen Unterschied, dass du es bist, der mich jetzt missbraucht.“, flüsterte sie zischend und schritt dann eifrig auf den vorderen Vorsprung des Springbrunnens zu, wo sie in die Knie ging, um vorsichtig in die Tiefe zu springen.
Der Blick des paralysierten Schotten fiel dabei auf die wilde Haarmähne der empörten Frau und auf ihren runden und perfekt geformten Hintern. Thomas stellte erstaunt fest, dass er in all den Jahren erst jetzt die schönen Züge der mysteriösen Dame wahrgenommen hatte. Unwillkürlich dachte er an Elaine Maria da Silva, die in der Eingangshalle stand und ihn mittlerweile eher besorgt als wütend ansah. Scheinbar hatte der schottische Polizist ein Faible für gefährliche Frauen. Thomas konnte sich trotz der bedrohlichen Situation ein Lächeln nicht verkneifen und die Brasilianerin erwiderte es nach einigem Zögern, da sie es fälschlicherweise direkt auf sich bezog.