• Good morning ladies and gentlemen!

    I would like to share some pictures taken from the official Facebook presence of my workplace. These pictures were taken last Thursday during a great soccer game between the teachers and students of our school. Even though several teachers had never played soccer before and despite the fact that we had never played together as a team, we were victorious. The energy, motivation and team spirit were great. The students also played really well and it was everything but an easy victory. In addition to the soccer game, there was also an ultimate frisbee game that the teachers lost to the students. I didn't participate in this game because I'm not good at this type of sports. I enjoyed the sunny lunchtime, talked to a few students and encouraged the participating teachers instead. I would like to thank the students and teachers who have organized these great activities. I would definitely participate again and help organizing further events.

    Soccer 1 

    I'm the guy in the white Montreal Impact jersey on the right side.

    Soccer 2 

    Students and teachers were shaking hands at the end of the game.

    Soccer 3 

    This is a picture of all the students and teachers that participated in the soccer game.

    Soccer 4 

    This is our winning team and we were proud of our 3:0 victory.

    Soccer 5 

    After the game, I discussed soccer with some of my students and watched the ultimate frisbee game.

    Soccer 6 

    This is another picture of the crowd. I'm on the left side with three students.

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  • Dear readers of my blog,

     

    Here is the third and probably last old novel I found on the recently recovered backup of my old laptop that I owned between 2009 and 2015. Once again, this is an unfinished novel consisting of two detailed parts of sixty-four pages that I wrote at a certain point during my university studies between 2009 and 2013. I had originally planned to write fifteen parts but I didn’t have enough free time to finish my project towards the end of my studies. This doesn’t mean that I won’t finish this novel at a certain point in the future. Writing novels back then helped me preserving my German writing skills which are still very important to me. This novel is obviously inspired by the ‘‘Metro 2033‘‘ novel series but it isn’t a cheap rip-off. In fact, the author of the first novel Dmitry Glukhovsky openly encouraged writers from all around the world to write stories about what their continents, countries and cities would look like in his dystopian and apocalyptic world. I accepted the challenge but I had to choose a realistic setting first. There are no profound and continuous metro systems in Germany and even Montreal’s metro stations are not often deep enough beneath the surface. That’s why I chose the city of Toronto as setting for my novel. My novel also includes some experimental writing such as divergent first person narratives. I hope you like this and if you aren’t able to read it, here’s a good reason to take some German lessons in the future ;-)

     

    Metro 2033:

    Der lange Weg nach Ottawa 

     

    Teil 1:

    Die Mission 

     

    Mit fiebrig leuchtenden Augen blickte Jordan Jefferson auf den verblichenen Plan der „Toronto Subway and RT“ – oder viel mehr auf die Skizzen dessen, was davon nach der nuklearen Katastrophe übrig geblieben waren.

    Der Bürgermeister der Stadt dachte wehmütig an die Ereignisse zurück, die sich am heutigen Tag zum zwanzigsten Mal jährten. Der Krieg war eskaliert und die Stadt hatte nur wenige Tage Zeit gehabt um sich auf die Katastrophe vorzubereiten bevor die ersten Bomben über den wichtigsten Städten Nordamerikas einschlugen und den einst prächtigen und mit Naturwundern gespickten Nordteil des Kontinents binnen weniger Stunden in eine nukleare Wüstenlandschaft verwandelten. Er erinnerte sich an die Krisensitzungen in der Stadthalle, die vom Bürgermeister und seinen Assistenten, den wichtigsten Ministern der Provinz Toronto und einigen Abgeordneten aus der Bundesregierung in Ottawa, einberufen worden waren. Es hatte nur eine einzige Möglichkeit gegeben dauerhaft den mindestens zwanzig Jahre anhaltenden nuklearen Winter zu überleben – und zwar im weitläufigen U-Bahn-Netz der Stadt. Man hatte zwar schon Jahre vor der Katastrophe die Metro im Norden der Yonge-University-Spadina-Linie um die sechs Stationen Sheppard West, Finch West, York University, Steeles West, Highway 407 Transitway und Vaughan Corporate Centre erweitert, die Metrostationen Keele, Davisville und Rosedale in Anbetracht der Gefahr eines neuen Weltkrieges tiefer gelegt, mit modernsten Materialien von Außen und Innen verstärkt und einen groben Plan entworfen, wie man die einzelnen Station aufteilen könnte, aber jede Metrostation bot natürlich nur rund wenigen Hunderten Menschen Platz. Das System konnte nie und nimmer die gesamte Bevölkerung der Metropolregion aufnehmen, die sich kurz vor der Katastrophe knapp unter sechs Millionen Einwohnern bewegt hatte.

                Jordan Jefferson erinnerte sich an den Moment, als er gemeinsam mit dem Premierminister Ontarios Gregory Packen und dem Premierminister Kanadas Marc-Antoine Larochelle angekündigt hatte, dass die insgesamt 75 Metrostationen lediglich 22500 Menschen aufnehmen konnten.

    Dabei hatte man alle Stationen östlich von Main Street ausklammern müssen, da sie zum Großteil an der Oberfläche lagen und man es nicht mehr geschafft hatte, sie tiefer zu legen. Die Stationen Old Mill bis Kipling und Teile der Station Jane waren nach brutalen Massenprotesten dem Erdboden gleich gemacht worden. Dann gab es da noch die Stationen Eglington West bis Wilson, die ebenfalls zu nah an der Oberfläche und somit unbewohnbar waren.

    Die danach folgenden und größtenteils neueren Stationen zwischen Downsview und Vaughan Corporate Centre, die seit der Katastrophe praktisch vom Rest der Metro getrennt waren, hatte man der Bundesregierung überlassen. Dort befanden sich allerlei moderne Ausrüstungen und Waffendepots, Militäreinrichtungen und Forschungslabore, aber auch eine Bibliothek, Räumlichkeiten für Diplomaten, Minister und ihre Familien und eine hochmoderne Zentrale, die bislang vergeblich versuchte mit Überlebenden aus anderen Metrostationen Kontakt aufzunehmen. Allerdings hatte man selbst mit der eigenen Metro lediglich sporadisch Funkkontakt, aber der letzte war nun auch schon vor sechs Monaten abgebrochen. Von Angesicht zu Angesicht hatte man sich seit kurz nach der Katastrophe nicht mehr gesehen. Man hatte einige Agenten in Strahlenanzügen durch die Stadt geschickt, doch alle diese Männer waren zum Sterben verdammt gewesen. Trotz der Anzüge waren die meisten von ihnen spätestens ein bis anderthalb Monate nach ihrem Erdoberflächenaufenthalt an grauenhaften krebserregenden und radioaktiven Geschwüren zu Grunde gegangen. Daher hatte man solche Treffen und Missionen in den letzten neunzehn Jahren ausgesetzt.

    Die Provinzregierung hatte sich in den Stationen College und Dundas niedergelassen und auch einige wichtige Intellektuelle bei sich in den Stationen aufgenommen. Im Norden befand sich noch eine reine Polizei-und Gefängnisstation namens Wellesley, welche die politisch besetzten Stationen von den anderen Stationen schützend isolierte. Der Bürgermeister und seine Mitarbeiter hatten sich ironischerweise die benachbarten Stationen Queen und King gesichert. Unterhalb dieser beiden Stationen gab es die Station Union, die für administrative Vorgänge reserviert worden war und mit dem größten technischen Knowhow sich selbst und die Stationen der Stadtverwaltung vom Rest der Metro abkapselte. Regierung und Bürgermeister auf der einen und die ganz normale Metrobevölkerung auf der anderen Seite konnten sich nur auf zwei Stationen unter höchster Alarmbereitschaft treffen. Das war zunächst auf der Station St. Andrew, wo Normalbürger bei Stadt und Regierung verschiedene Anträge stellen konnte. Dann gab es noch die Station Bloor-Yonge, die zum Einen als großer Handelsplatz und zentrale Versorgungsstation mit konservierten Lebensmitteln, Trinkwasserreserven und allerlei technischen Apparaturen diente, aber auch als Ort für Reden und Diskussionen von und zwischen Bürgermeister, Provinzregierung und dem sogenannten Metrorat diente, der aus Abgeordneten der verschiedenen Stationen bestand.

    Die benachbarte Station Sherbourne diente der Landwirtschaft und Viehzüchtung, die anschließenden Stationen Castle Frank und Broadview beherbergten einige Industrieanlagen. Anschließend gab es noch die benachbarte Station Bay, die als Art Vergnügungsstation diente, sofern man dies in solch harten Zeiten noch so nennen konnte. Dort gab es unter Anderem noch zwei Bars, eine Bibliothek, ein Bordell, ein Kasino, ein Kino und ein eigentlich illegaler, aber allgemein tolerierter Schwarzmarkt. Die Station Rosedale war im Gegensatz dazu ganz der Bildung gewidmet, denn dort gab es einen Kindergarten, eine Grundschule, eine normale weiterführende Schule und eine kleine Universitätseinrichtung. Die benachbarte Station Summerhill beherbergte ein immer prall gefülltes Krankenhaus mit vielen verschiedenen Einrichtungen. Berüchtigt war eine Abteilung, über die man dort direkt an die Oberfläche gelangte. Dort gingen diejenigen hin, die nicht mehr lange zu leben hatten oder ihrem Leben nach ärztlicher und psychologischer Beratung ein Ende setzen wollten. Die Ressourcen waren knapp, das Leben war hart und viele ältere Menschen wollten den jüngeren Generationen nicht zur Last fallen und kläglich unter Tage verrecken und wählten oftmals den Freitod. Es gab in der Tat genug Bewohner der Metro, die alles verloren hatten und in ihrem Leben keinen Sinn mehr sahen. Viele von ihnen gingen zurück an die Oberfläche, nahmen ihre Gasmasken ab und starben dort innerhalb weniger Stunden an der massiven radioaktiven Strahlung, falls sie nicht vorher von irgendwelchen furchterregenden Mutanten zerrissen wurden.

    Wenn man all diese zerstörten oder bereits anderweitig verplanten Stationen abzog, dann gab es mit der zur Hälfte nutzbaren Station Jane lediglich noch vierzig Stationen. Dabei hatten der Stadtrat und die beiden Regierungen sich entschlossen bei der Verteilung auf ethnische und religiöse Minderheiten Rücksicht zu nehmen, um einen multikulturellen Fortbestand der kanadischen Nation zu gewährleisten und eine Illusion der Normalität aufrecht zu erhalten. Das war allerdings nur die halbe Wahrheit gewesen. Jeder Bewohner der Metro war ein Privilegierter, der ein spezielles Ticket bekommen hatte, das ihm erlaubte im Untergrund zu leben. Wer ohne Ticket versucht hatte in die Metro zu kommen, der wurde eiskalt weggeschickt oder bei zu lautem Protest von den Wachen erschossen. Die Tickets bekamen von vorne herein nur diejenigen, die in ihrer Kommune eine besonders wichtige Rolle gespielt hatten, die möglichst intelligent und am besten so jung und gesund wie möglich waren. In der Station Broadview gab es sogar eine Art Waisenhaus. Dort lebten zum Einen Kinder, deren Eltern in der Metro gestorben waren und die wenigen Glücklichen, die aus den Waisenhäusern der Stadt gerettet worden waren. Aber es gab auch Gerüchte über Truppen der Provinzregierung, die kurz vor der Katastrophe losgeschickt worden waren, um einigen besonderen Kindern Zugang zur Metro zu verschaffen, während die Eltern dieses Privileg nicht gestattet bekamen. Gesucht hatte man ganz selektiv besonders sportliche und intelligente Kleinkinder.  

                Die anderen Metrostationen hatten eine sehr komplizierte Unterteilung. Die Stationen Main Street und Woodbine hatte man der indischen Minderheit Kanadas vermacht. Die Stationen Coxwell und Greenwood wurden von Einwohnern mit afrikanischem Migrationshintergrund und deren Nachkommen bevölkert. Die benachbarte Station Donlands bot den Nachkommen der Einwanderer aus dem Maghreb und aus Vorderasien eine neue Heimat. Pape war der slawisch-russischen Minderheit vermacht worden, Chester den Einwohnern mit Migrationshintergrund aus Süd-und Ostasien und die Station der Latinos hatte man bis nach St. George verlegt. In Spadina wohnten verschiedene europäische Minderheiten und vor allem Italiener, die Stationen Bathurst und Christie waren zum neuen Little China geworden und Ossington sowie Dufferin hatte man den Einwohnern der verschiedenen Staaten des Commonwealth zur Verfügung gestellt.

    Danach kam dann die kanadische Zone. Für Einwohner, die Kanadier ohne näheren Migrationshintergrund aus Toronto und Umgebung waren, gab es die Stationen Lansdowne, Dundas West und Keele. Für Kanadier aus den Prärien und dem Westen war die Station High Park eine neue Heimat geworden. Für Kanadier aus den Atlantikstaaten hatte man die Station Runnymede eingerichtet und die mehr schlecht als rechte renovierte Aussenstation Jane hatten sich die Bewohner aus Neufundland und Québec geteilt. Dann gab es noch Stationen mit religiösen Einrichtungen. Finch hatte man den Moslems zugestattet, North York Centre den Hinduisten, Sheppard/Yonge den Buddhisten, York Mills den Protestanten, Lawrence den Katholiken, Eglington den Orthodoxen, Davisville den Kleingruppen verschiedenster Sektierer und St. Clair den indianischen Religionen. Zudem fungierte diese Station als Zentrale der First Nations, also der Ureinwohner Kanadas. Die Stationen Osgoode und St. Patrick hatte man der jüdischen Kommune überlassen, die etwas von den anderen getrennt war. Offiziell diente dies dem Zweck diese Kommune so weit wie möglich von der Station der Moslems fern zu halten, da es vor der Katastrophe zu vermehrten gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen beiden Parteien gekommen war. Außerdem hatte der Bürgermeister in seiner Rede immer wieder betont, dass die jüdischstämmige Bevölkerung eng mit der Geschichte der Stadt verbunden sei und so eine ganz besondere Beachtung verdient hätte. In Wirklichkeit suchte die jüdische Kommune aber auch ganz bewusst die Nähe zum Bürgermeister und zur Provinzregierung und hatte auch eine beträchtliche Summe Geld für die beiden Stationen bezahlt und zähneknirschend auf die Station St. Clair verzichtet, welche die jüdische Minderheit eigentlich gekauft haben wollte, da viele Juden damals an der Erdoberfläche in der Nähe dieser Station gelebt hatten. Queen‘s Park hatte man der ebenfalls sehr zahlreichen Bevölkerung der Sikhs vermacht. Die Station Museum war eine Art freie Zone, wo verschiedene Intellektuelle ihren Tätigkeiten nachgingen. Zudem gab es dort eine kleine Sektion, die für mögliche Gäste der Regierung reserviert war, obwohl seit neunzehn Jahren keine mehr gekommen waren. Spadina war dementsprechend eine Art freie Transitstation, wo die Bewohner der Metro verschiedenen Aktivitäten nachgehen konnten. So gab es dort beispielsweise verschiedene Sport- und Sprachschulen, da man das Wissen der untergegangenen Welt um jeden Preis erhalten wollte.

    Die Stationen Dupont und St. Clair West hatten sich den Entscheidungen der Regierungen nicht gebeugt und nach wochenlangen Kämpfen innerhalb der Metro ihre eigene Unabhängigkeit erklärt, die auch von Regierung und Abtrünnigen unterzeichnet worden war. Zwischen Spadina und Dupont gab es eine Art Grenze, die von den Unabhängigen auf der einen und von den Polizisten der Stadtverwaltung auf der anderen Seite jederzeit überwacht wurde. Die beiden abtrünnigen Stationen hatten ihr ganz eigenes System aufgebaut, in dem Anarchie und organisierte Kriminalität herrschten. Abtrünnige wie beispielsweise ehemalige Gefangene fanden dort Unterschlupf. Dies wurde von der Metroverwaltung toleriert, denn so verlagerte man gleich mehrere Probleme auf die beiden abtrünnigen Stationen, die somit einfacher zu kontrollieren waren. Allerdings hatte es von beiden Seiten auch immer wieder Übergriffe oder gar Attentate gegeben. Die Abtrünnigen hatten im Jahr vierzehn der Metrozeitrechnung die Gefängnisstation Wellesley überfallen, um einige gleichgesinnte Häftlinge zu befreien, aber das Vorhaben hatte die Polizei so gerade noch abwehren können. Auf der anderen Seite missachtete die Provinzregierung den Unabhängigkeitsvertrag auch regelmäßig, um allzu aufsässige Regierungsgegner manchmal auch ohne konkrete Haftmandate in Gewahrsam zu nehmen. Beide Seiten verabscheuten sich wie die Pest, allerdings waren die Feindseligkeiten in den letzten Monaten langsam abgeklungen. Viele nannten dies die Ruhe vor dem Sturm, andere sahen in den aktuellsten Entwicklungen eher positive Zeichen. 

    Innerhalb von zweiundsiebzig Stunden hatte man also vor zwanzig Jahren insgesamt 22500 Menschen von einer dem Untergang geweihten Stadt in ein paar ellenlange stinkende Tunnel und im Laufe der Zeit zumeist heruntergekommenen Stationen umsiedeln müssen. Die Lösung war natürlich ziemlich unausgegoren und ungerecht gewesen, aber unter den extremen Umständen hatte man nicht die Zeit gehabt einen besseren Plan in die Tat umzusetzen.

    Natürlich war es bei der Durchführung der Umsiedlungsmaßnahmen zu Massenprotesten gekommen. Die Stationen Kipling, Islington, Royal York, Old Mill und Jane waren Schauspiel eines brutalen Zusammenstoßes zwischen Militärs und verschiedenen Ordnungshütern auf der einen und verzweifelten Bürger aus westlicheren Städten wie Hamilton oder Sudbury auf der anderen Seite geworden, welchen die bewaffneten Truppen für sich entscheiden konnten. Dabei waren die Stationen allerdings so stark beschädigt worden, dass sie nicht mehr bewohnbar waren und an Reparaturarbeiten nach der Nuklearkatastrophe konnte nun niemand mehr denken. Man hatte hektisch eine solide Mauer aus Stahl und Beton zusammengezimmert, die quer durch die Station Jane verlief. Die Konstrukteure dieser Abgrenzung hatten es so gerade noch geschafft ihr Werk zu vollenden bevor die ersten Bomben fielen und sie nahezu allesamt pulverisiert worden waren. Sie hatten sich für die Erhaltung der Metro geopfert und nun türmte sich auf der Außenseite der Jane Station ein schauriges Massengrab.

                Es war nicht bei diesem einen Zwischenfall geblieben. Diejenigen, die nicht in die Metro durften, hatten versucht die Stationen College bis King, wo Mitglieder der Provinz- und Stadtregierung weilten, mit Gewalt einzunehmen, was ebenfalls in einem stundenlangen Massaker ausgeartet war, bis die ersten Bomben gefallen waren.

                Ungefähr drei Monate nach der Katastrophe hatten einige wenige Einwohner an der Erdoberfläche in irgendwelchen privaten Schutzbunkern überlebt und versucht sich über die Station Main Street Einlass in die Metro zu verschaffen. Angeblich waren unter den Überlebenden auch amerikanische Flüchtlinge gewesen, da besonders ihr Land fast völlig dem Erdboden gleich gemacht worden war. Die Regierung hatte sich dagegen entschieden diese Menschen aufzunehmen. Durch die radioaktive Strahlung, der die Überlebenden zu lange ausgesetzt worden waren, hätte man das Überleben aller Bewohner unter der Erdoberfläche riskiert. Also hat man die Flüchtlinge mit scheinheiliger Freundlichkeit nach tagelangen und immer böser ausartenden Verhandlungen in einem abgesperrten Bereich der Station in eine moderne Schleuse nahe der Station Main Street geführt. Zuvor hatte diese einmal als komplexe Lüftungsanlage für die Metro gedient. Angeblich sollten die Ankömmlinge dort desinfiziert werden, bevor sie in die Metro kommen durften. Also hatten die rund dreihundert Flüchtlinge ihre Kleidungen und Waffen abgenommen um sich desinfizieren zu lassen und erkannten zu spät, dass diese Schleuse eine tödliche Falle war. Die dreihundert Flüchtlinge wurden dort erbarmungslos vergast und die wenigen, die fliehen konnten, wurden rücklings erschossen. So hatte die Regierung ohne Blutvergießen auf ihrer Seite und ohne größere Munitionsverschwendung in solch schwierigen Zeiten ihr Problem ganz radikal gelöst. So etwas wie Gerechtigkeit, Menschenrechte oder Nächstenliebe gab es in der kalten, neuen Welt nicht mehr. Jeder war sich selbst meist der nächste und die ohnehin schon immer egoistische Menschheit war nach dem Untergang genauso verroht wie die komplett zerstörte Erdoberfläche.

                Auch innerhalb der Metro hatten sich viele unmenschliche Ereignisse abgespielt. Die Regierung hatte drei Jahre nach der Katastrophe einen Erkundungstrupp an die Erdoberfläche geschickt, der aus Gefangenen lateinamerikanischer und russischer Herkunft bestanden hatte. Die sieben Männer waren für harmlosere Delikte hinter Gittern gelandet, denn in der Metro griff die Regierung hart durch, seitdem sie eine spezielle Verfassung mit strengen Gesetzen im zweiten Jahr nach dem Untergang verabschiedet hatte. Drei von ihnen hatten sich Schlägereien in der Vergnügungsstation Bay geleistet, zwei weitere hatten illegal Drogen unters Volk gebracht, ein weiterer einen Regierungsbeamten quer über seinen Bürotisch gezogen, als dieser ihm nicht die schriftliche Erlaubnis erteilen wollte seine Verlobte aus einer der chinesischen Stationen zu heiraten und der letzte hatte im alkoholischen Vollrausch einen alten ausrangierten Waggon in einem Seitentunnel zwischen den Stationen Bay und St. George angezündet. Die sieben Männer waren losgeschickt worden, um in einem alten Elektrizitätswerk an der Oberfläche nach wichtigen Ersatzteilen zu suchen, nachdem in der Metro mehrfach der Strom ausgefallen war. Man hatte den sieben Freiwilligen zur Belohnung eine Aufhebung ihrer Haftstrafen angeboten. Der Trupp war sogar fündig geworden und die Regierung hatte die Männer im Umkehrschluss auch frei gelassen. Drei Tage später litten allerdings die Frau und der Sohn eines Latinos, der an der Erdoberfläche dabei gewesen war, an einer seltsamen Krankheit und die Doktoren stellten fest, dass die beiden mit radioaktiv verseuchtem Material in Kontakt gekommen waren. Dies wurde natürlich direkt auf den Ehemann zurückgeführt und als man seinen Strahlenschutzanzug untersuchte, stellte man in der Tat fest, dass darin ein ganz feiner Riss zu finden war. Mit Hilfe des Kamerasystems der Metro machte man alle sieben Männer ausfindig, so wie auch ihre Familien und Freunde, mit denen sie in Kontakt gestanden hatten. Man gab an die mutigen Männer und ihre Freunde und Verwandten für die Mission nachträglich noch einmal zusätzlich entlohnen zu wollen und stellte weitere lukrative Missionen in Aussicht. Daher führte man die rund dreißig Personen in einen hermetisch abgeriegelten Teil der Regierungsstation College und entledigte sich ihnen dort ebenso wie man es einst mit den gut dreihundert Flüchtlingen getan hatte und vergaste sie ihm Schlaf. Danach wurden ihre Leichen verbrannt und ihre Behausungen gründlich desinfiziert. Obwohl man den Bekannten der nun verschwundenen Menschen sagte, sie seien bei einer Mission an der Erdoberfläche als Helden ums Leben gekommen, schenkte man der fadenscheinigen Ausrede der Regierung natürlich keinen Glauben. Diejenigen, die klug genug waren zu schweigen, hielten sich zurück, fünf etwas vorlautere Angehörige wurden von der Regierung in Gewahrsam genommen. In den folgenden Wochen wurden die Stationen der sieben Männer genauestens überwacht und man führte auch Gesundheitstests durch, aber es wurden keine weiteren Infizierten gefunden, die man sonst ebenfalls hätte eliminieren müssen.

                Das letzte große Drama, das sich erst vor vier Monaten in den Tunneln abgespielt hatte, war eine Art Putschversuch gegen die Regierung gewesen. Bewohner afrikanischer und orientalischer Abstammung der Stationen Coxwell, Greenwood und Donlands hatten mit Hilfe dreier Korrupter Minister ein Attentat auf den Premierminister der Provinz und den Bürgermeister während einer öffentlichen Ratssitzung im Zusammenhang mit einer Neujahrsansprache in der Station Bloor-Yonge geplant. Allerdings hatten regierungstreue Bewohner aus der Station Greenwood die Pläne ausgespitzelt und der Regierung lange im Voraus mitgeteilt. Da man die Verschwörer nicht nur als einfache Kriminelle sah, sondern als Terroristen, die das Wohlergehen der gesamten Metro aufs Spiel setzen, hatte man insgesamt fünfzehn Verschwörer festgenommen und an der Station Main Street mit vorgehaltener Waffe an die Erdoberfläche geschickt und damit wohl ihres Todesurteil unterschrieben. Bei eskalierenden Demonstrationen gegen das harte Durchgreifen gegen die Verschwörer waren an der Station Finch eine Woche später insgesamt vier Männer von Regierungskräften erschossen worden.

                Bürgermeister Jordan Jefferson seufzte, als er an all diese Dinge dachte und mit tristem Blick auf den verblichenen Metroplan in seinem luxuriös eingerichteten Zimmer blickte. Die Zahl der Bewohner war von ursprünglich 25000 auf mittlerweile 13178 gesunken. Wenn dies so weiter ging, würde es in drei oder vier Jahrzehnten keine Überlebenden mehr geben. Vielleicht würde es auch schneller gehen, weil sich die Konflikte in der multikulturell ausgerichteten Metro zuspitzen würden.

                Stöhnend wandte sich Jordan Jefferson von dem Plan ab und ließ sich ächzend in seinem mit edlem Leder gepolsterten Sessel nieder und hob dann wütend mit der Faust auf die makellose Marmorplatte, die seinen Bürotisch aus Ahornbaumholz einrahmte. Dann nestelte er in seinem Hemd nach seiner Pfeife und zündete sie sich mit einem Feuerzeug an, das mit der Flagge der neuen Metroregierung verziert war. Es handelte sich um einen blauen Zug, der über ein rotes Ahornblatt fuhr und von einer strahlend gelben Sonne eingerahmt war. Das Blau stand für die ehemalige Flagge Torontos, der Zug logischerweise für die Metro, das rote Ahornblatt für den kanadischen Staat und die gelbe Sonne für das Prinzip Hoffnung, dass man irgendwann wieder einmal an der Erdoberfläche leben und den bislang noch völlig grau zugezogenen Himmel sehen konnte.

                Geräuschvoll atmete der Bürgermeister den Rauch ein und blies ihn dann genüsslich wieder aus. Er machte es sich bequem und legte seine Füße in den edlen Lackschuhen auf die Marmorplatte vor ihm. Dann blickte er kurz auf seine Breitling und zog verärgert die Augenbrauen hoch. Sein durch die neue Verfassung zum Außen- und Verteidigungsminister ernannte ehemaliger Stellvertreter hatte jetzt schon fünfzehn Minuten Verspätung und Jordan Jefferson hasste nichts mehr als auf andere Leute warten zu müssen, denn er war ein sehr ambitionierter und furchtbar ungeduldiger Mensch.

                Endlich klopfte es an der gepolsterten Tür zu seinem Büro in der King Station und seine bildhübsche Sekretärin Amanda Pottsville steckte vorsichtig den Kopf ins Büro. Jordan Jefferson hatte ein Faible für die hübsche Dame. Sie war schon in der Metro geboren und ihre Eltern waren Sektierer gewesen, die sich nach dem Nuklearkrieg radikalisiert hatten. Gemeinsam mit anderen Verzweifelten hatten sie versucht die Regierungsstationen neun Monate nach der Katastrophe zu stürmen und waren wie zweiundzwanzig andere Menschen auch niedergeschossen worden. Die kleine Amanda war da nur zwei Monate alt gewesen. Jordan Jefferson wusste, dass ihr Vater im Leben an der Oberfläche ein renommierter Kernphysiker gewesen war, der immer schon zwischen Genie und Wahnsinn gewandelt war und die große Katastrophe einfach nicht verdaut hatte. Hätte er vorher gewusst, dass dieser vielversprechende Wissenschaftler so unproduktiv und aufwieglerisch sein würde, hätte er ihm und seiner Frau gewiss keinen der begehrten 25000 Plätze in der Metro zugesprochen. Amandas Mutter war eine bildhübsche junge Frau gewesen, die der verklemmte Kernphysiker in einer Nackttanzbar kennen gelernt hatte, in die er notgedrungen während des Junggesellenabschieds seines Bruders hatte gehen müssen, der nicht zu den Ausgewählten gezählt hatte und lediglich ein einfacher Steuerberater gewesen war. Jordan Jefferson hatte die Tochter eines Genies und einer Schönheit nicht einfach in ein Heim stecken wollen und so war sie bei seiner strengen und despotischen Schwester Jessica und ihrem mittlerweile senilen Mann und Multimillionär David Crawford aufgewachsen. Das wahre Schicksal ihrer Eltern hatte man der schönen Sekretärin verschwiegen und ihr gesagt, dass ihre Eltern sie vor der Katastrophe vor eine Metrostation gelegt hätten, wo er sie entdeckt und sich ihrer erbarmt hätte. Amanda Pottsville hatte die alte Sekretärin Elizabeth Topps ersetzt, die inzwischen im Krankenhaus auf ihren Tod wartete und Jordan Jefferson konnte sich auch gut vorstellen, dass sie eines Tages seine immer depressiver werdende Frau Mandy ersetzen würde. Hin und wieder erfüllte die Sekretärin auch den ein oder anderen Spezialauftrag für den Bürgermeister, wenn es in einer vertrackten diplomtischen Situation einer charmanten, hübschen jungen Dame bedurfte. So war sie auch eben überhaupt erst wieder in ihrem Büro eingetroffen. Nach allem, was er für die junge Amanda getan und ihre Eltern ihm hatten antun wollen, fand er das nur legitim. Er lächelte dreckig und nickte Amanda überheblich zu.

                „Herr Jefferson, der Minister Kilian Karnovski ist da.“, sagte sie mit sanfter Stimme und bat dann den abgehetzt und verschwitzt wirkenden Minister herein, der sich japsend vor dem Bürgermeister niederließ, sich ein Stofftaschentuch aus der Hosentasche nahm und ächzend den Schweiß abwischte. 

                Jordan Jefferson gab der verdutzten Amanda ein Zeichen, sodass diese die Tür zumachte und die beiden Herren allein ließ. Der Bürgermeister schätzte ihre kluge Diskretion und wusste auch, dass sie bewundernd zu ihm heraufschaute. Sie sollte also am besten gar nicht mitbekommen, was hier besprochen wurde.

                Der Bürgermeister hatte seine Pfeife inzwischen in dem mit Diamanten verzierten Aschenbecher abgelegt und richtete sich drohend und mit stechendem Blick auf. Sein Gegenüber fühlte sich sichtbar unwohl.

                „Wenn ich das Treffen für acht Uhr morgens einberufe, dann meine ich auch acht Uhr morgens und nicht acht Uhr siebzehn!“, begehrte der Bürgermeister auf und warf einen Blick auf die sündhaft teure schwäbische Kuckucksuhr an seiner Bürowand. Er fragte sich insgeheim, ob es nach der Katastrophe überhaupt irgendwo anders noch eine Kuckucksuhr gab oder er ein Unikat besaß.

                „Entschuldigen Sie die Verspätung, Herr Jefferson. Es hat ein Problem mit den abtrünnigen Stationen Dupont und St. Clair West gegeben. Wir wollten für unsere Mission die Kontaktperson treffen, aber als wir am Grenzübergang ankamen, hat man einfach das Feuer eröffnet. Zwei unserer Beamten sind schwer verletzt worden. Auf der Gegenseite hat es einen Toten gegeben. Wir konnten die Eskalation so gerade noch abwenden.“, berichtete der Außen-und Verteidigungsminister abgehetzt und blickte den Bürgermeister aus ängstlichen Schweinsaugen an. Sein permanenter Schweißgeruch und die seltsam geröteten Wangen gaben dem Stellvertreter des Bürgermeisters in der Tat ein schweinisches Aussehen.

    Jordan Jefferson schätzte seinen Vertreter nicht sonderlich. Er hatte keine Autorität, kaum Charisma und war ein elender Arschkriecher. Aber genau deswegen konnte er sich auf ihn verlassen und wusste, dass er alle seine Befehle ohne Gewissensbisse oder Widerworte ausführen würde. Kilian Karnovski war gutgläubig und naiv, aber eben auch absolut loyal und das war in solch schwierigen Zeiten eine ganz seltene Charaktereigenschaft.

    Der Bürgermeister zuckte beteiligungslos mit der Schulter. Die Opfer und Verletzten waren ihm relativ egal. Für ihn waren Rebellen auf der einen oder Polizeibeamten auf der anderen Seite nur unwichtige taktische Bauernopfer auf einem großen Schachbrett. Das gab er natürlich nie so zu Protokoll. Jeder verstorbene Regierungsbeamte oder Polizist bekam ein ehrenvolles öffentliches Begräbnis auf einem improvisierten Friedhof der Station Summerhill. Die Waisen und Witwen der Verstorbenen bekamen Unterstützung in Form von frischen und kostenfreien Lebensmitteln bis an ihr Lebensende. So hielt der Bürgermeister seine Untergebenen bei Stange und gab sich nach außen hin gerne als großzügiger Beschützer. Nur wenigen eingeweihten Leuten wie seinem Stellvertreter Kilian Karnovski zeigte er sein wahres Gesicht. Und selbst diese Leute wussten noch längst nicht alles über ihn.

    Mit einem gehässigen Schmunzeln dachte der Bürgermeister daran, dass er einst mit der ältesten Tochter seines Stellvertreters geschlafen hatte, als dieser in der Außenstation Jane mit radikalen frankokanadischen Separatisten verhandelt hatte, die einen Anschlag auf einen hohen Stadtbeamten geplant hatten. Er hatte die junge Frau namens Judy unter dem Vorwand, dass es um das Wohlergehen ihres Vaters ging, in sein Arbeitszimmer gelockt. Dort hatte er sich ihr angenähert und als die junge Frau ihn abblitzen lassen wollte, da hatte er sie kurzerhand vergewaltigt und ihr gedroht ihren Vater zu liquidieren, wenn sie auch nur irgendwem ein Sterbenswörtchen sagen würde. Daran hatte sich Judy Karnovski scheinbar bisher gehalten. Ihrer Mutter hatte sie wohl gesagt, sie sei an der Station Bay von einigen Russen angegangen worden.

    Mit fiebrigem Blick starrte der Bürgermeister auf den Stuhl, auf dem Kilian Karnovski gerade mit offensichtlichem Unbehagen saß. In diesen Stuhl hatte er seine Tochter hineingedrückt, sie mit puterrotem Kopf geohrfeigt, ihr das leichte Kleid brutal vom Körper gerissen und in blinder Erregung seine Lippen auf ihre gepresst.

    Mit einem genüsslichen Schaudern entledigte sich der Bürgermeister seiner perversen Fantasien und versuchte sich wieder auf das Essentielle zu konzentrieren.   

    „Erzähle mir was mit unserer Kontaktperson passiert ist. Und berichte mir auch davon, was mit den vier anderen Kandidaten geschehen ist.“

     

    *

     

    Joshua Burns hielt seine verrostete Maschinenpistole so fest umklammert, dass seine Fingerknochen unter der weißen Haut wie kleine Hügel hervortraten. Ächzend pustete er sich eine seiner langen und verschwitzten Haarsträhnen aus dem Gesicht. Schweiß rann brennend in seine Augen, aber er hatte keine Zeit sich mit solchen Quisquilien abzugeben. Jede falsche Geste konnte jetzt zum Massaker führen.

    Er blickte kurz um sich, um noch einmal die Situation zu erfassen und sich an die letzten Momente zurück zu erinnern. Die Regierungsbeamten waren mit dem Stellvertreter des Bürgermeisters im Schlepptau an der Grenze zur Station Spadina aufgekreuzt. Sie waren auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht stehen geblieben.

    Der abtrünnige Rebell und das Informatikgenie Joshua Burns hatte zu dem Zeitpunkt Wachdienst mit seinem Jugendfreund Travis Hill geschoben, der eigentlich Elektriker war. Zwei Bewohner der abtrünnigen Stationen mussten immer gemeinsam Wache schieben, um diese vor eventuellen Invasoren zu beschützen. Diese Schichten dauerten immer sechs Stunden und in den ersten fünf Stunden war für die beiden auch alles glatt gelaufen.

    Dann aber hatte Travis Hill die Nerven verloren und einen Warnschuss abgefeuert. Daraufhin war er von einer Kugelsalve regelrecht durchsiebt worden. Im zuckenden Todeskrampf hatte sein ehemaliger bester Freund noch auf den Abzug gedrückt und dabei fast seinen Begleiter erschossen, der sich im letzten Moment hinter einer Holzbarrikade in Sicherheit gebracht hatte. Immerhin hatte Travis Hill noch zwei Polizeibeamte auf der Gegenseite erwischt, die nun erbärmlich winselnd im Dreck lagen.

    Joshua Burns blickte an seiner Holzbarrikade vorbei. Er hatte bei seinem riskanten Sprung sein Walkie-Talkie fallen lassen, das neben dem toten Travis Hill lag, sodass er nicht einmal Verstärkung rufen konnte. Er konnte nur hoffen, dass man an der nächsten Station die Schüsse gehört hatte und schnell Verstärkung schicken würde. Der Rebell und Informatiker klammerte sich an diese vage Hoffnung wie der Ertrinkende an einen Strohhalm.

    Er sah sich seine Gegner an. Sie waren deutlich in Überzahl und auch deutlich besser ausgerüstet. Sie waren mindestens noch zu siebt oder acht. Joshua Burns lud schnaufend seine Maschinenpistole nach und schickte ein Gebet gen Himmel. Wenn er es klug anstellte, so würde er vielleicht noch vier oder fünf Gegner mit sich in den Tod reißen und den beiden Stationen somit die Verteidigung erleichtern. So sollte sein Tod immerhin nicht umsonst gewesen sein.

    Da hörte der junge Rebel eine etwas nasale, schnaufende Stimme, die er verblüfft als die des stellvertretenden Bürgermeisters identifizierte, den er schon einige Male an der Station Bloor-Yonge irgendwelche von Durchhalteparolen durchzogene sinnentleerte Reden hatte schwingen hören.

    „Joshua Burns?“, fragte Kilian Karnovski, der ihn immer an ein unbeholfenes Schwein erinnert hatte.

    Woher zur Hölle kannte der Dickwanst seinen Namen? Der Rebell blickte grimmig über die Holzbarrikade. Der Anführer der gegnerischen Gruppe hatte die Hände erhoben und schritt langsam auf ihn zu. Die friedliche Geste täuschte, denn seine Begleiter hielten die Anschläge ihrer Waffen immer noch auf Joshua Burns gerichtet. Der warf sich zu Boden und zielte zähneknirschend um die Ecke seiner erbärmlichen Deckung.

    „Kommt keinen Schritt näher oder ich reiße so viele von euch in den Tod, wie ich nur kann!“, krächzte der Rebell panisch und konnte mit diesen Parolen nicht einmal sich selbst überzeugen.

    Der stellvertretende Bürgermeister kam ruhig und beschwichtigend näher und seine Begleiter rückten schweigend und wachsam nach.

    „Herr Burns, Sie können dieses Massaker noch verhindern. Wir wollen Ihnen nichts Böses.“, gab Kilian Karnovski zu Protokoll.

    „Halt die Fresse, du aufgeblasener Wichser. Ihr habt meinen besten Kumpel erschossen!“, schrie Joshua außer sich vor Wut und Tränen schossen dabei in seine Augen.

    Er erinnerte sich daran, wie die beiden sich kennen gelernt hatten. Sein eigener Vater Jeffrey war Informatiker gewesen und hatte nach der großen Katastrophe ursprünglich für die Regierung Ontarios gearbeitet. Eines Tages hatte er sich gegen die zunehmend kontrollsüchtige Metrodiktatur gewehrt und erfolgreich ihr System gehackt und lahm gelegt. Die Sache war aber aufgeflogen und so hatten er und seine schwangere Frau im letzten Moment bei einigen abtrünnigen Rebellen Unterschlupf bekommen. Das waren zunächst die Eltern von Travis Hill gewesen, zwei Anarchisten, die einfach nur den Schikanen der Metroregierung entgehen wollten und damals lose mit Joshuas Eltern befreundet gewesen waren. Man hatte sich in der Vergnügungsstation zu gemeinsamen Filmabenden und Bowlingturnieren getroffen, um sich vom tristen Alltag irgendwie abzulenken. Travis war gerade ein halbes Jahr alt gewesen, als Joshuas Eltern zu seinen gestoßen waren. Die Eltern von Travis waren unter den ersten Dissidenten gewesen und Joshuas Familie war gut zwei Monate nach ihnen zu den beiden abtrünnigen Stationen gekommen. Joshua wurde vier Monate nach diesem Zusammentreffen geboren und die beiden Jungen wuchsen gemeinsam auf. Ihre Familie, ihre Kommune und ihre Freundschaft waren das einzige gewesen, was sie je gehabt hatten. Die beiden abtrünnigen Stationen hatten sie wegen der Blockade ein Leben lang nie verlassen. Jetzt war der arme Travis tot, Joshuas Eltern trotz ihrer wichtigen Stellung in der Kommune alt und gebrechlich und die Einwohner der beiden Stationen selbst von der jahrelangen Isolation aufgerieben. Was blieb ihm jetzt noch, das sein Leben lebenswert machte?

    Die Stimme Kilian Karnovskis riss Joshua zurück aus den tristen Gedankengängen und hinein in einer noch dystopischere Welt.

    „Dein Kumpel hat das Feuer eröffnet! Niemand wollte, dass er stirbt. Er hat zwei unserer Männer schwer verletzt. Wir kommen in Frieden. Du bist allein, wir sind noch zu siebt. Hätten wir dich umbringen wollen, dann würden wir jetzt gar nicht mehr miteinander reden!“, rief die Schweinsbacke.

    „Was wollt ihr von mir?“, schrie Joshua halb erbost und halb verwirrt.

    „Wir wollen die ewigen Streitereien beenden. In einer Welt wie dieser sollten wir unsere Differenzen zu Grabe tragen und für eine bessere Zukunft zusammen arbeiten. Wir wollen mit euren Stationen einen Waffenstillstand aushandeln und einen Friedensvertrag unterschreiben. Aber zuvor musst du mit uns kommen. Wir haben einen wichtigen Auftrag für dich. Wenn du ihn erfüllst, dann lassen wir deine Station und dich in Frieden. Wenn du uns angreifst oder unsere Ziele sabotierst, dann ist es mit unserer Geduld vorbei und wir machen euch dem Erdboden gleich!“, brachte Kilian Karnovski die Sache auf den Punkt und war inzwischen bis auf einige wenige Schritte an Joshuas improvisiertem Schutzwall herangekommen. Die Sache schien dem Minister sehr wichtig zu sein, wenn er sich persönlich an die Front begab und nun sogar sein Leben riskierte.

    Für einen Moment überlegte der junge Rebell, ob er nicht einfach aus seiner Deckung hervorspringen und sein Gegenüber über den Haufen schießen sollte. So hätte er zwar sein eigenes Todesurteil unterschrieben, wäre aber auch als Held gestorben.

    Aber was nützte sein Opfer? Ein wichtiger Minister war dann zwar tot, aber die Regierung würde möglicherweise erbarmungslos zurück schlagen um diesen Verlust zu rächen. Die Moral in seinen beiden Stationen ließ täglich spürbar nach. Einen offenen Krieg konnten sie sich nicht erlauben, denn sie würden alle ihr Todesurteil unterschreiben. Joshua würde nicht nur sein Leben opfern, sondern auch das seiner alternden Eltern und das der Eltern seines toten Freundes Travis.

    Joshua realisierte, dass er nicht wirklich die Wahl hatte. Schwer atmend schloss er die Augen, biss seine blutenden Lippen zusammen und schmeckte auch den säuerlichen Schweiß auf seiner Zunge. Dann stand er fast wie ein alter gebrechlicher Mann auf, blickte den Minister und seine wachsamen Begleiter bedeutungsschwanger an und warf frustriert seine Waffe auf die Gleise. Dann versuchte er soweit es noch möglich war erhobenen Hauptes hervorzutreten und blickte seine Gegner trotzig an.

    Diese hatten bereits rasch seine Waffe an sich genommen, sein Walkie-Talkie zertrampelt und ihn strategisch umzingelt. Der Minister trat hervor und reichte Joshua mit einem gezwungenen, aber erleichterten Lächeln die Hand. Irgendwie wirkte diese Geste auf den Rebellen erstaunlich ehrlich, aber er nahm sie dennoch nicht an und blickte im Angesicht seiner persönlichen Niederlage stattdessen finster zu Boden.

    „Du hast die richtige Entscheidung getroffen. Wir werden dich jetzt in die persönlichen Räumlichkeiten unserer Regierung führen. Dort wirst du deine Partner treffen und alles Weitere erfahren.“

     

    *

     

    Ahmed Amine Ahanfouf war das genaue Gegenteil seines angesehenen Vaters Anig Ayser. Der Senior, der im Metrorat war und sich zum Wortführer der islamisch-stämmigen Metrogemeinde hochgearbeitet hatte, war ein ruhiger und besonnener Intellektueller, der nach Außen hin immer ehrenhaft und respektvoll agierte. Intern konnte er aber auch des Öfteren mal ein deftiges Machtwort sprechen und es war immer er, der die Marschroute seiner Kommune bestimmte. Seit er zum Oberhaupt gereift war, hatte sich die islamische Kommune zu einer unerschütterlichen Bastion des Widerstands gegen die korrupten Machenschaften der Provinz- und Stadtregierung entwickelt. Selbst führende Ratsmitglieder aus der chinesischen und europäischen Kommune wandten sich an ihn und suchten seine klugen Ratschläge. Viele Regierungsmitglieder hatten versucht ihn zu destabilisieren, ihn öffentlich lächerlich zu machen oder ihn gar durch geschmierte Überläufer zu ersetzen, aber sie hatten damit keinen Erfolg gehabt. Die islamische Gemeinde stand wie eine Eins hinter Anig Ayser Ahanfouf. Der ergraute Rechtsanwalt wusste genau, wie er der Regierung die Arbeit erschweren, zu radikale Gesetzesentwürfe blockieren und festgenommene Mitglieder seiner Kommune rasch aus dem Gefängnis befreien konnte. Der gläubige Moslem war kein radikaler Randalierer, sondern ein friedlebender Mensch, der nichts mehr mochte als mit seinen zahlreichen Freunden zu philosophieren und in vertrauter Zweisamkeit mit seiner geliebten Frau Aicha Azza zu leben. Das einzige, was ihm Kopfschmerzen bereitete, war sein ältestes Kind und einziger Sohn.

    Ahmed Amine prahlte ständig von seiner edlen Herkunft, obwohl er von Beruf lediglich Sohn war und sich in seiner Gemeinde kaum engagierte. Er warf mit kostbarem Geld um sich, dass er in der Vergnügungsstation Bay für Drogen, Glückspiele und Prostituierte ausgab. Er gab sich als radikaler Moslem, lauerte mit seiner kriminellen Bande Juden auf und schlug sie brutal zusammen, bespuckte die Mädchen seiner Gemeinde, die keine Burqa oder wenigstens ein Kopftuch trugen und gab damit an die Hälfte aller jungen Frauen seiner Gemeinde entjungfert zu haben. Trotz seines strengen Glaubens lebte er in der Sünde. Zwar betete er regelmäßig und aß kein Schweinefleisch, dafür aber trank er übermäßig viel Alkohol und rauchte alles, was man nur rauchen konnte.

    Wie so oft war er an diesem Freitagabend mit seiner Bande im Vergnügungsviertel unterwegs. Der alte Lubaid hatte dort ein Restaurant, in dessen hinteren Bereich es eine florierende Opiumhöhle gab. Dort hatten Ahmed Amine und seine falschen Freunde es sich bequem gemacht, nachdem der überhebliche Junior vorher jede Menge Geld beim Wetten auf illegale Hahnenkämpfe verloren hatte. Zwar hatte er den Besitzer des Tieres, auf das er fälschlicherweise gesetzt hatte, zusammengeschlagen und dem Gewinnerhahn den Hals herumgedreht, aber da war der gewaltbereite Starrkopf gerade erst so langsam in Fahrt gekommen.

    Nun paffte er genüsslich an seiner Opiumpfeife und hatte zwei leicht bekleidete Damen neben sich liegen, denen er überheblich in den Schritt griff, wenn er nicht gerade einen Schluck aus seiner Flasche sündhaft teuren Absinths nahm. Aus dem Hintergrund dröhnte nervige orientalische Musik und auf einem kleinen Fernseher lief das Lieblingsfußballspiel des jungen Marokkaners. Er hatte es bestimmt schon fünfzig Mal gesehen und konnte sich dennoch nicht daran satt sehen. Es war das letzte Champions League Finale vor einundzwanzig Jahren gewesen. An damals konnte Ahmed Amine sich nicht mehr bewusst erinnern, denn er war kaum älter als ein Jahr gewesen, aber er konnte sich lebhaft vorstellen, wie er in warme Kleidung gebettet im Arm seiner Mutter lag, die sich an seinen Vater gekuschelt hatte und mit ihm auf dem kleinen Sofa im bescheidenen Appartement vor dem Fernseher saß. Sein Vater hatte nie auf Luxus bestanden und im Gegensatz zu seinem Sohn viel mehr Wert auf das Zwischenmenschliche gelegt. Der AS Monaco hatte damals im Elfmeterschießen gegen Zenit Sankt Petersburg verloren. Verschossen hatte den entscheidenden Elfmeter ausgerechnet ein Marokkaner, der Stürmerstar Kemaleddin Choukri.    

    Benebelt und mit geröteten Augen blickte Ahmed Amine auf die entscheidende Szene und klopfte seinen beiden weiblichen Begleitern aggressiv auf den Allerwertesten.

    „Alter, jetzt passt auf! Dieser Hurensohn verschießt gleich. Kemaleddin Choukri, dieser Bastard. Erst schießt er Marokko bei der Weltmeisterschaft ins Achtelfinale, aber dann verkackt er gegen die Russen. Aber ihr Torwart war schon krass drauf, was? Vitali Alenikow hieß der. Der hat bei der Weltmeisterschaft in seinem Land alles gehalten und die Russen bis ins Viertelfinale gebracht. Gegen Spanien hat er sogar zwei Elfmeter pariert.“, schwadronierte Ahmed Amine und merkte nicht einmal, wie seine sogenannten Freunde allesamt von drei bulligen Neuankömmlingen aus dem Raum heraus gelotst worden waren.

    Ahmed Amine nahm einen kräftigen Zug von seiner Opiumpfeife, nahm noch rülpsend einen Schluck vom guten Absinth und steckte der Begleiterin zu seiner Linken die Zunge in den Hals.

    „Na, Süße, wie wäre es mit uns?“, fragte er mit einem schelmischen Grinsen.

    „Das halte ich für gar keine gute Idee.“

                Ahmed Amine zuckte erschrocken zusammen. Die Antwort war weder von der angesprochenen Dahbia, noch von ihrer kleinen Schwester Jawaher gekommen, sondern von einem kräftigen Polizisten, der sich mit zwei grimmigen Begleitern zwischen den Marokkaner und den Fernsehbildschirm geschoben hatte, auf dem Kemaleddin Choukri gerade zum einundfünfzigsten Mal seinen Elfmeter verschoss.

                „Was geht denn jetzt ab?“, brachte Ahmed Amine nur hervor, während das Geschwisterpaar an seiner Seite beschämt aufstand, hektisch seine Anziehsachen zusammensuchte und gehetzt aus dem Raum entschwand.

                „Jede Menge geht hier ab: Körperverletzung gegen Rasil Faras, illegales Glücksspiel, Tierschändung, illegaler Alkoholbesitz, illegaler Drogenkonsum und wenigstens eine der beiden Damen von vorhin war auch noch keine achtzehn Jahre alt.“, klagte der korpulente Polizist den arroganten Nichtsnutz an.

                „Wisst ihr überhaupt, wer ich bin?“, begehrte Ahmed Amine auf und versuchte sich mit drohender Faust zu erheben, was ihm in seinem Zustand nur schwerlich gelang, zumal einer der beiden übereifrigen Begleiter des Polizisten den Marokkaner sogleich wieder mit einem Kinnhaken eine Etage tiefer beförderte. Der Sprecher der drei Polizisten blickte seinen Begleiter drohend an, wandte sich dann aber wieder an den sich stöhnend auf dem Boden wälzenden Marokkaner.

                „Dein Vater wird dich dieses Mal auch nicht heraushauen können. Dieses Mal bist du zu weit gegangen. Du bist eine Schande für ihn und du schadest seinem Ruf. Mit seinem unnützen Sohn im Gefängnis könnte er den Sitz im Metrorat leicht verlieren.“, klagte der kräftige Polizist ihn an.

                „Lasst meine Familie aus dem Spiel!“, wehrte sich der Angeklagte schluchzend und bot ein ziemlich jämmerliches Bild dar, als er mit flehendem Blick auf den Knien herumrutschte.

                „Es gibt aber eine Alternative zu diesem Dilemma. Du hast natürlich die Wahl. Du wanderst im Gefängnis in eine Gemeinschaftszelle mit weitaus älteren Gewaltverbrechern und riskierst die Karrierepläne deines Vaters oder aber du kommst jetzt friedlich mit uns mit, bleibst eine Nacht in einer Ausnüchterungszelle und tust uns dann einen kleinen Gefallen.“, schlug der Anführer der Polizisten vor.

                „Was meint ihr mit Gefallen?“, wollte der Angesprochene halb ängstlich und halb neugierig wissen.

                „Die Mission ist nicht ganz ungefährlich, aber dabei kann jede Menge für dich herausspringen. Du bleibst straffrei und die Justiz drückt zwei Augen zu, dein Vater kann weiter Karriere machen und außerdem wirst du für deine heldenhaften Taten reich entlohnt werden. Damit meine ich nicht nur etwas Geld, sondern auch ein wenig Absinth aus den privaten Vorräten des Bürgermeisters. Einen Absinth, wie du ihn noch nie getrunken hast und der gar kein Vergleich zu deinem billigen Fusel hier ist.“, schwärmte der Polizist dem Marokkaner vor, der sich gerade wieder auf wacklige Beine aufrappelte.

                „Meint ihr das ernst?“, fragte der ertappte Sünder erstaunt und machte sich gar nicht weiter Gedanken über die Inhalte der erwähnten Mission.

    Die Erwähnung der heldenhaften Taten und des edlen Absinths hatten jeglichen Zweifel in ihm erloschen. Mit seiner neuen Reputation würde er jedes Mädchen aus der Metro klar machen und mit dem Absinth würde er die tollsten Feiern schmeißen. Außerdem würden seine Eltern vielleicht endlich einmal stolz auf ihn sein und er würde Allah beweisen, dass er nicht nur in der Sünde lebte und auch zu etwas heldenhaftem gut war. Im Grunde hatte der Marokkaner seine Entscheidung schon längst getroffen und er konnte sein Glück kaum fassen.

                „Das ist unser voller Ernst. Also, wir haben nicht ewig Zeit. Wie lautet deine Entscheidung?“

     

    *

     

                Alain Grosjean rammte seinen Eishockeyschläger wuchtig gegen den Brustkorb seines Gegenspielers, der ächzend an der Bande niedersank. Der junge Frankokanadier mit dem langen braunen Haar übernahm die Kontrolle des Pucks und blickte zur Seite. Sein Mitspieler stand zwar frei, aber bevor er einen Pass spielen konnte kam auch schon der gegnerische Verteidiger auf ihn zugestürmt.

                Der Quebecer schlug einen Haken nach links, deutete dann eine Finte nach rechts an, um sich dann etwas zur Seite zu drehen und so gerade zwischen Bande und Gegenspieler hindurchzuzwängen. Der düpierte Verteidiger versuchte ihm mit seinem Schläger die Beine wegzuziehen, aber Alain sprang behände darüber hinweg und drang unaufhaltsam ins gegnerische Drittel vor.

                „Los, Alain, mach das Ding rein!“, rief sein Vater ihm von der kargen Seitentribüne aus zu.

                Alain warf einen flüchtigen Blick auf die verblichene Anzeigetafel hinter dem gegnerischen Tor. Es stand unentschieden im letzten Drittel und es waren nur noch zehn Sekunden zu spielen.

                Der Frankokanadier spurtete in Richtung des gegnerischen Torwarts und legte dann den Puck quer herüber auf seinen Mannschaftskollegen, der seinen Bewacher grob zu Boden gestoßen hatte.

                Es blieben noch neun Sekunden, als sein Mitspieler den Puck annahm und dann nach rechts ausscherte. Der gegnerische Torwart folgte der Bewegung um die kurze Ecke zuzumachen.

                Noch acht Sekunden standen auf der Anzeigetafel, als der rechte Flügelspieler der frankokanadischen Mannschaft plötzlich nach innen zog und wuchtig in Richtung langes Eck zielte.

                Es waren noch sieben Sekunden zu spielen, als der gegnerische Torhüter wieder einmal eine seiner Glanzparaden zeigte und den Puck mit einem Hechtsprung noch irgendwie aus dem Winkel fischte und sogar fest hielt. Alain bremste vor dem Torhüter ab und ein Regen feiner Eiskristalle regnete auf diesen nieder.

                Der Schiedsrichter pfiff, rauschte an Alain vorbei und ließ sich vom Torhüter den Puck geben. Es gab noch einmal Anstoß rechts vor dem Tor. Alain blickte auf die Anzeigetafel. Sechs Sekunden Zeit blieben seiner Mannschaft noch, um in der regulären Spielzeit den Sieg zu erzwingen.

    Alain hatte es eilig. Er wollte nach dem Spiel kurz unter die Dusche gehen, um dann seine Freundin an der Station Bathurst abzuholen und mit ihr in die Mitternachtsvorstellung des Kinos an der Vergnügungsstation zu gehen. Heute war dort asiatischer Abend und es lief einer seiner Lieblingsfilme namens „I Saw The Devil“. Das war ein echter Klassiker, der inzwischen auch schon mehrere Jahrzehnte auf dem Buckel hatte.

                Sein Trainer setzte aufs Ganze und wechselte die beiden Verteidiger gegen zwei offensivere Spieler aus, die sich alle im Angriffsdrittel versammelten. Alain fing einen der Offensivspieler ab, der sich gerade zum Anstoß begab.

                „Pass auf, Jean-Philippe! Wenn du den Anstoß gewinnst, spiel direkt hinter dir auf Martin. Der legt den Puck dann quer und ich hau das Ding unter die Latte. Alles klar?“, fragte er seinen Mitspieler und Jean-Philippe nickte schnaufend während er sich den Mundschutz zu recht schob.    

                Alain begab sich auf seine Position und beobachtete gespannt das Duell zwischen Jean-Philippe und seinem Gegenspieler. Der Schiedsrichter pfiff und ließ den Puck fallen. Gedankenschnell stieß Jean-Philippe seinen Schläger vor und spielte den Puck mit der Innenseite durch die eigenen Beine durch nach hinten und kollidierte bei dem Manöver auch noch mit seinem Gegenüber, den er dadurch in seinem Bewegungsradius erheblich einschränkte.

                Der Puck kam zu Martin, der einen Schuss andeutete, den Puck dann aber zentral zu Alain schob. Der nahm selbigen an und sah dass sich sein Gegenspieler in Annahme eines präzisen Schusses wuchtig vor ihm auf den Boden warf. Alain hatte diese Reaktion antizipiert, machte einen Ausfallschritt nach links und feuerte in einer Bewegung dann den Puck in Richtung Tor ab.

                Dort verdeckten ein weiterer Mitspieler und dessen Bewacher wie abgemacht dem Torhüter die Sicht und der Puck ging genau zwischen den beiden Kontrahenten hindurch. Der Torhüter sah den Puck zu spät und riss zwar noch die Arme hoch, konnte den wuchtigen Einschlag im rechten Winkel aber nicht mehr verhindern.

                Jubelnd riss Alain die Arme hoch, als mit dem Pfiff auch die Schlusssirene ertönte und stürmte in freudiger Dankbarkeit auf Martin und Jean-Philippe zu. Bald stieß der gesamte Kader dazu und feierte seinen Torschützen und die beiden Vorbereiter ausgiebig.

                An der Station Jane hatte die Auswahl der Provinz Québec soeben die Auswahl Neufundlands im Freitagabendspiel mit drei zu zwei Treffern bezwungen.

                „Jawohl, den Newfies haben wir es gezeigt!“, rief der Trainer ihnen zu, der nun auch aufs Eis gestürmt kam.

                Alains zweiter Gedanke galt aber den geschlagenen Gegenspielern, denen er als Kapitän seiner Auswahl als erstes die Hand schüttelte. Zudem war einer seiner besten Freunde der Torhüter der gegnerischen Mannschaft, mit dem er öfters mal das ein oder andere Bier trank.

    Der junge Frankokanadier war wohl einer der wenigen Bewohner der Metro, der sich an das Leben unter Tage gewöhnt hatte und positiv damit umging. Seine Stärke und sein Enthusiasmus waren geradezu ansteckend und so zogen viele junge Männer gerne abends mit ihm durch die Stationen und die Damenwelt Torontos flog ebenfalls auf ihn. Seit einem Monat war er allerdings fest mit einer Chinesin namens Li Xia liiert, die er über alles liebte. Ihr Vater war ein angesehener Mann im Metrorat und so etwas wie der inoffizielle Vertreter der gesamten chinesischen Gemeinde, sowie Alains Vater es in der kleinen frankophonen Kommune war, die sich nur noch auf vierzig Einwohner beschränkte.

                Das Einzige, was Alain im Leben Kopfschmerzen bereitete, war die Regierung der Metro. Zum Einen hatte man seine Kommune und die der Neufundländer in einer halb zerstörten Metrostation einquartiert. Dann mussten sie höhere Steuerabgaben als die breite Masse zahlen, da die Station gerade anfangs oftmals neu isoliert und umgebaut werden musste, damit die gefährlichen Strahlen von außerhalb nicht in die Metro eindrangen. Dazu kam dann noch die Bürokratie, die unter Tage genauso schlimm war wie einst an der Oberfläche. Als Frankokanadier musste man ohnehin für jede Dienstleistung mehr zahlen, da man kein gebürtiger Anglophoner war. Dann musste man auch noch länger auf seine Papiere warten. Alain fühlte sich nicht als Kanadier, sondern in erster Linie als Quebecer und manchmal verfluchte er den Umstand, dass seine Eltern kurz vor der großen Katastrophe Arbeit in Toronto gefunden hatten und er jetzt nicht in der Metro Montreals saß. Auf der anderen Seite gab es Gerüchte, dass Montreals Metro komplett zusammengebrochen und alle ihre Einwohner qualvoll gestorben waren. Ob da etwas dran war, wusste natürlich in Wirklichkeit keiner.

                Alain wischte sich mit einem grau gewordenen und schmutzigen Handtuch den Schweiß von der Stirn, als sein Vater an der Bande auf ihn zutrat.

                „Klasse Spiel, Alain, denen hast du es gezeigt!“, begrüßte er seinen ältesten Sohn enthusiastisch. Alain hatte noch eine ziemlich freizügige Schwester namens Geneviève, die als Krankenschwester in der Metro arbeitete und einen kleinen Bruder namens Nathan, der Autist war.

                „Ja, das war ein wichtiger Schritt in Richtung Meisterschaft! Ich gehe gleich mit Xia ins Kino. Willst du nicht mitkommen und danach noch einen heben? Der Film würde dir bestimmt auch gefallen.“, lud Alain seinen Vater ein, doch der winkte ab.

                „Wenn du mit deiner Freundin dahin gehst, dann ist der Film doch ohnehin zweitrangig für euch. Ich will euch da im Dunkeln nicht stören. Ich mache es mir heute Abend gemütlich und werde noch etwas lesen. Ich bin gerade am letzten Roman von Sergei Lukjanenko dran.“, entgegnete sein Vater.

                „Russische Literatur ist immer gut. Kennst du Dmitry Glukhovski? Der ist auch nicht schlecht.“, meinte Alain.

                „Ach, übrigens, da ist jemand, der dich sprechen will.“, bemerkte sein Vater und nickte in Richtung eines ganz in schwarz gekleideten und hochaufgeschossenen Mannes mit kurzem strohblonden Haar und dunkler Sonnebrille, der sich gerade in einer Ecke der kleinen Arena unterhalb der Station Jane eine Zigarette anzündete.

                Alain runzelte die Stirn. Der Mann war nicht nur sehr seltsam gekleidet und passte einfach nicht in die Arena, sondern er rauchte auch. Das konnten sich nur die reichsten Bewohner der Metro und die Regierungsbeamten leisten. Rauchen war eine Art Statussymbol für finanziellen und sozialen Wohlstand geworden und unglaublich in die Mode gekommen. Die meisten Einwohner der Metro starben ohnehin meist bevor sie ein Lungenkrebs dahinraffen konnte. Auf seine Gesundheit achtete hier kaum jemand mehr, wobei Alain eine lobenswerte Ausnahme war und sich täglich fit hielt.

                „Was will der Kerl von mir?“, fragte Alain über den mysteriösen Mann, der auf ihn wirkte, als wäre er gerade von einem Gothic-Festival gekommen oder aus einem Steampunkroman entsprungen.

                „Keine Ahnung. Aber pass auf. Der Typ ist mir nicht geheuer.“, bemerkte sein Vater und Alain nickte.

                Dann verließ er das Eis und ging schweren Ganges auf den Mann zu. Er hätte sich erst umziehen und duschen können, aber Alain wollte mit gutem Beispiel vorangehen. Er wartete selbst ungern auf andere Leute und so wollte er den seltsamen Fremden auch nicht warten lassen. So trat er auf den düsteren Mann zu, der gerade seine Sonnenbrille auf die Stirn schob, hinter der sich glasklare blaue Augen verborgen hatten.

                Der Mann behielt seine Zigarette zunächst im Mundwinkel, zog dann behutsam seine schwarzen Handschuhe aus und reichte Alain die Hand. Der junge Québécois griff zu und spürte den kräftigen Handschlag des muskulösen Mannes. Scheinbar gehörte auch er zur kleinen Fraktion der gut trainierten Metrobewohner, obwohl er Raucher war.

                „Da haben Sie ein starkes Spiel abgeliefert. So etwas sieht man heute sehr selten. Wollen Sie vielleicht eine Zigarette?“, begrüßte ihn der Mann mit kräftiger und autoritärer, aber durchaus nicht unfreundlicher Stimme. Er hatte einen leichten anglophonen Akzent, sprach ihn aber auf Französisch an, was Alain schon einmal als positive Respektsbekundung zu Kenntnis nahm.

                „Nein danke, sehr freundlich von Ihnen.“, erwiderte Alain bloß.

                „Das dachte ich mir. Vielleicht sind Sie noch zu jung, aber erinnern Sie sich an die allerletzte NHL-Saison?“, fragte sein Gegenüber, der ganz ruhig an seiner Zigarette zog und auch sonst eine absolute Selbstbeherrschung ausstrahlte.

                „Ich habe Aufzeichnungen der Spiele gesehen. Die Vancouver Canucks haben in sechs Spielen gegen die Toronto Maple Leafs gewonnen.“, gab Alain detailgetreu wieder.

                „Ganz genau. Sie sind ja bestens informiert. Ich war damals noch ganz klein gewesen, aber mein Vater hatte Karten für das erste Finalspiel ergattern können. Das war vielleicht das schönste Erlebnis meines Lebens. In der dritten Verlängerung hat Toronto das erste Spiel mit drei zu zwei gewonnen. So haben Sie ja eben auch gespielt. Ihr Angriffsspiel erinnert mich ein wenig an Pat Smith. Er war damals Torontos Kapitän und wenn Sie mich fragen einer der besten kanadischen Spieler seiner Zeit.“, fachsimpelte der Mann in Schwarz weiter.

                „Danke, das ehrt mich sehr. Mein Vater vergleicht mich allerdings immer mit Jean-Christophe L’Espérance von der Mannschaft Drakkar de Baie-Comeau, welche die letzte „Ligue de hockey junior majeur du Québec“ gewonnen hat.“, bemerkte Alain freundlich.

                „Genau, das war damals in sieben Spielen gegen die Halifax Mooseheads als Revanche für die Finalniederlage im Jahr 2013. Anschließend haben sie aber im Memorial Cup gegen die Kamloops Blazers verloren. Nun, es stimmt, Ihre Stile ähneln sich, allerdings finde ich sie etwas robuster, dafür im Verteidigungsspiel aber nicht ganz so geschickt.“, analysierte der Mann in Schwarz und deutete ein leichtes Lächeln an.   

                „Sie kennen sich ja gut aus. Leute wie Sie trifft man in der Metro nur noch selten. Ich würde Sie ja durchaus zu einem gepflegten Bier einladen, aber deswegen sind Sie vermutlich nicht gekommen. Da Sie mich zu kennen scheinen, dürfte ich dann wissen wer Sie eigentlich sind?“, beendete Alain die höfliche Fachsimpelei und kam aufs Essentielle zu sprechen.

                Der Mann in Schwarz seufzte und warf seine Zigarette zu Boden, wo er sie behutsam austrat. Dann blickte er Alain ernst an.

                „Mein Name ist General Geoff Madison und ich arbeite für die Regierung Ontarios. Bevor Sie jetzt schreiend weg laufen, lassen Sie mich erklären, warum ich hier bin.“, bemerkte der General rasch, als er Alains entsetztes Gesicht bemerkte.

                Der junge Eishockeyspieler hatte sein Gegenüber gerade angefangen sympathisch zu finden und musste nun erst einmal verdauen, dass er einen Regierungsmitarbeiter vor sich hatte, gegen die er von klein auf eine große Abneigung hatte.

                „Dann wird das mit dem Bier wohl wirklich nichts. Und meine Freundin muss ich dann wohl auch versetzen.“, gab Alain sarkastisch zu Protokoll.

                „Beides kann man nach Beendigung unserer Mission ja nachholen.“, bemerkte der General mit fast schon bedauernder Stimme.

                „Unserer Mission?“, echote Alain ungläubig.

    „In der Tat. Ich werde jetzt nicht mehr um den heißen Brei herumreden. Unsere Metro ist in Gefahr. An einigen Außenstationen kam es zu Zusammenstößen zwischen Mutanten und Regierungsmitarbeitern. Ich darf Ihnen da keine Details nennen, allerdings ist ein Vorstoß der Mutanten in unser System nicht mehr unwahrscheinlich. Allerdings fehlen uns nach all den Konflikten der letzten Jahre die Waffen, um die Metro gegen eine geordnete Großoffensive zu verteidigen. Solche Waffen befinden sich jedoch im Regierungsbunker in Ottawa, wo auch die Codes zu selbigen sind. Unsere Regierung hat Strahlenanzüge entwickelt, mit denen man an die Erdoberfläche kann, zumal die Strahlung inzwischen etwas nachgelassen hat. Daher soll eine Mannschaft von sieben Personen aufbrechen und sich von Toronto nach Ottawa durchschlagen. Dazu brauchen wir die besten Leute. Sie sind auserwählt worden, Alain Grosjean.“, erklärte der General kurz und bündig.

    „Werden Sie auch dabei sein?“, fragte Alain etwas verwirrt.

    „Die Mission wird von General Jeremy McCoyle und mir persönlich geleitet. Dazu kommen fünf Metrobewohner mit außerordentlichen Fähigkeiten. Sie sind ein überaus gut trainierter und sehr intellektueller junger Mann. Sie sind ein Mannschaftsspieler und sie verkehren mit Bewohnern verschiedenster Herkünfte. Wie ich gehört habe sprechen Sie nicht nur fließend Französisch und Englisch, sondern sogar ein wenig Arabisch und Chinesisch. So jemanden wie Sie brauchen wir.“, erläuterte der General weiter.     

    „Was ist, wenn ich mich weigere?“, bemerkte Alain. Er war sich bewusst, dass er im Grunde eine rhetorische Frage stellte. Eine wirkliche Wahl hatte er nämlich nicht. Wenn die Regierung um Hilfe bat, dann kam dies einem Befehl gleich, dem man sich nicht widersetzen konnte. Die Konsequenzen würden dann nicht unbedingt er selbst, sondern seine Familie und Freunde zu spüren bekommen.

    Alain stellte das Wohlergehen seiner Freunde, seiner Eltern, seiner Geschwister und seiner neuen Freundin über das eigene. Das war eine Tugend, die es in der langsam vor sich hin sterbenden Metro nur noch ganz selten gab.

    Auch wenn er diese Frage stellte, hatte Alain im Grunde seine Entscheidung schon getroffen. Zwar verachtete er die Regierung Ontarios und den Bürgermeister und sein Kabinett, aber hier ging es nicht um politische Überzeugungen, sondern um das Wohl der gesamten Metro. Das wusste Alain zu unterscheiden und er war bereit für das Wohlergehen seiner Nächsten auf diese Mission zu gehen, koste es was es wolle. Zudem war Alain ein guter Menschenkenner. General Geoff Madison wirkte auf ihn wie jemand, der seine Überzeugungen teilte und mit so einem Himmelfahrtskommando am besten umzugehen wusste. Er war im Grunde überhaupt der erste Regierungsmitarbeiter, vor dem Alain Respekt hatte und diese Haltung wurde von seinem Gegenüber ganz offenbar erwidert.

    Alain blickte den General an, der auf seine letzte Frage nicht geantwortet hatte und ihn in einer seltsamen Mischung aus leichtem Spott über die Frage selbst und Ernst über das schwierige Thema allgemein ansah.

    „In Ordnung, ich werde meine Sachen packen. Ich möchte mich noch bei meiner Familie und meinen Freunden hier verabschieden. Vielleicht können wir auf dem Weg zum Regierungsbunker ja auch an der Station Bathurst Halt machen.“, schlug Alain vor.

    „Selbstverständlich, so viel Zeit muss sein. Ich gebe Ihnen eine Dreiviertelstunde und werde am Ausgang der Station auf Sie warten.“, willigte General Geoff Madison ein und blickte seinem neuen Schützling dann nachdenklich nach.

     

    *

     

      Noah Cohen trat gerade aus der Synagoge an der kleinen Station Osgoode, als er den herrisch dreinblickenden Mann im Militärdress bemerkte, der im Stechschritt auf ihn zukam. Der junge Jude hatte den Ankömmling noch nie persönlich getroffen, aber schon oft von ihm gehört und er war ihm auch so direkt unsympathisch.

    Sein Gegenüber war General Jeremy McCoyle, ein despotischer General, der sein fünfzigstes Lebensjahr schon überschritten hatte und zu den ältesten Einwohnern der Metro gehörte. Dennoch war er sehr gut in Form und trainierte jeden Tag wie ein Besessener, wenn er nicht gerade irgendwelche Untergebenen schikanierte. Viele verglichen den General mit einem Soldat aus der Nazizeit. Sein Spitzname war „ Hans Landa“, angelegt an die Figur aus Quentin Tarantinos Film „Inglorious Basterds“.

    Der junge Jude fühlte sich gleich ganz mulmig und war wie erstarrt stehen geblieben. Er war der Sohn eines sehr einflussreichen Bankiers und einer Juwelierin, er selbst war hingegen Biologe und untersuchte in einem Forschungslabor die verschiedenen Mutationen, die es nach der großen Katastrophe so an der Erdoberfläche gab. Noah Cohen war äußerst bescheiden, diszipliniert, fleißig, neugierig und talentiert. Er war von Natur aus eher ein Einzelgänger, der lediglich viel Zeit damit verbrachte die Tora zu lesen, alte jiddische Gedichte auswendig zu lernen oder traditionelle jüdische Lieder zu singen und auf Gitarre zu spielen, denn er war auch ein begnadeter Musiker. Erst vor wenigen Monaten war er erstmals aus seiner Isolation ausgebrochen. Bei einer alljährlichen Wirtschaftsversammlung, die sein Vater leitete, war er mitgekommen, um Protokoll zu führen und hatte dabei eine junge hübsche Dame getroffen, die genau dieselbe Aufgabe gehabt hatte wie er. Es war Liebe auf den ersten Blick gewesen und nun waren sie seit vier Monaten liiert. Niemand wusste von ihrer Beziehung und sie sahen sich sehr selten und Noah spürte, dass sie sich in Zukunft noch seltener sehen würden, als General Jeremy McCoyle auf ihn zukam.

    „Sind Sie Noah Cohen aus der jüdischen Metrokommune?“, fragte der General mit schneidender und leicht nasaler Stimme und dem Angesprochen rannen eiskalte Schauer über den Rücken.

    „Ja, das bin ich.“, gab Noah Cohen verschüchtert zurück und nahm verunsichert Haltung an, während rundherum Leute empört tuschelten und auf das ungleiche Paar blickten, das sich da gerade getroffen hatte.

    „Mitkommen!“, befahl der General nur und wandte sich auf dem Absatz um.

    „Wollen Sie mir nicht bitte erst erklären worum…?“, begann Noah Cohen vorsichtig, doch da wandte sich der General schon mit puterrotem Gesicht um, hob grimmig seinen Zeigefinger und stieß diesen wiederholt gegen die Stirn des schmächtigen Juden.

    „Wenn ich sage, dass Sie mitkommen sollen, dann sollen Sie mitkommen und keine Fragen stellen!“, wies der General sein Gegenüber herrisch zurecht. Dabei betonte er jedes einzelne Wort in übertriebenem Tonfall und Speichel sprühte über seine Lippen.

    Noah Cohen wusste, wann man den Mund zu halten hatte und verkniff sich eine Bemerkung. Er schickte sich an in rascher Folge zu nicken und dem wahnsinnigen Blick seines Gegenübers auszuweichen.

    Der bebte vor Wut, beließ es dann aber doch bei einem cholerischen Ausbruch und wandte sich wieder auf dem Absatz um. Noah Cohen folgte ihm bis in die nah gelegenen Privatquartiere des Bürgermeisters.

     

    *

     

    „Skalpell!“, befahl Sofia Maria Gutierrez und nahm das Instrument von ihrer Assistentin und besten Freundin an.

    Dann setzte sie einen präzisen Schnitt an der eingezeichneten Stelle knapp oberhalb des Herzens ihres Patienten. Ein wenig Blut spritzte dabei auf ihren grünen Kittel und sogar auf ihren weißen Mundschutz, aber davon ließ sich die junge kolumbianische Ärztin ohne Grenzen nicht aufhalten.         

    Die attraktive Dame Ende zwanzig hatte eine Art private Praxis an der weitläufigen Station St. George, die der Regierung eine Art Dorn im Auge war. Zuvor hatte die charakterstarke und lebenslustige junge Frau im offiziellen Metrokrankenhaus gearbeitet, aber als sie vom Chefarzt mehrfach sexuell belästigt worden war, hatte die erfahrene Jiu-Jitsu-Kämpferin den Stalker aufs Kreuz gelegt und mit gezieltem Tritt zum Eunuchen gemacht. Eine Gefängnisstrafe hatte sie umgehen können, da sie auf versuchte Vergewaltigung plädiert hatte. Ihre beste Freundin, die argentinische Krankenschwester Juanita Fernandez, hatte ihre Aussage bestätigt. Dennoch hatte man ihr für ein Jahr ein Berufsverbot erteilt. In der Zeit hatte sie unter der Hand ihre eigene Praxis eröffnet, die schon bald florierte und die ihr ganzer Stolz war. Das Berufsverbot war zwar bald vorbei, aber Sofia Maria Gutierrez dachte gar nicht daran die Praxis aufzugeben und ihre alte Arbeit wieder anzunehmen.

    Auch ihre Freundin Juanita war zur ihr gewechselt, da sie hier weitaus angenehmere Arbeitsbedingungen vorfand. Dreißig-Stunden-Schichten ohne Schlaf und permanentes Mobbing am Arbeitsplatz nach ihrer Aussage vor Gericht hatten sie zermürbt und fast zu einem Burnout-Syndrom getrieben.

    Der dritte im Bunde war der Brasilianer Carlos da Silva, der eigentlich gelernter Physiotherapeut war. Der muskulöse und schweigsame Koloss verteidigte zudem die Arztpaxis gegen unerwünschte Gäste. Nicht nur Regierungsbeamte hatte er mehrfach in die Flucht geschlagen, sondern sogar ein paar russische Geldeintreiber, die einen schwer verletzten Senegalesen umbringen wollten, der sich so gerade noch bis in die Arztpraxis geschleppt hatte. Heute fehlten den russischen Geldeintreibern einige Zähne, aber ihre gebrochenen Rippen waren wohl wieder gerichtet worden.

    Der aktuelle Patient hörte auf den Namen Mackenzie Bacon und war ein Innu-Indianer, der wegen eines geplatzten Drogendeals in einen handfesten Streit mit einigen Thailändern geraten war. Er hatte mehrere derbe Schläge abbekommen und einige völlig zersplitterte Rippen hatten sein inzwischen schon unregelmäßig schlagendes Herz in Gefahr gebracht.

    Diese Art von Patienten bekam die junge Ärztin fast täglich zu sehen. Es handelte sich meist um Ausgestoßene oder Kriminelle, die im normalen Krankenhaus erst gar nicht behandelt wurden. Sofia Maria war die Samariterin der Armen, Kranken und Verfolgten und genoss für ihre Diskretion, ihr Geschick und ihre Schnelligkeit hohes Ansehen in der Metro. Mehrere ehemalige Patienten hatten ihr sogar Heiratsanträge gemacht, aber die Ärztin zog es vor allein zu sein. In einer Welt wie diesen wollte sie keine Kinder in die Welt setzen und ihr Alltag war zu gefährlich und kurzlebig, als dass sie in einer Heirat irgendeinen Sinn gesehen hätte. Zudem war ihr Leben bereits so aufregend und ausgefüllt, dass sie für angenehme Nebensächlichkeiten schlicht keine Energie und Zeit hatte.

    Eine halbe Stunde später hatte sie das Herz ihres Patienten gerettet und einige der Rippen so bearbeitet, dass sie wenigstens wieder einigermaßen zusammenwachsen würden. Der gewichtige Indianer stand noch unter Narkose und würde erst in gut zwei Stunden wieder aufwachen.

    „Was willst du hier? Du kannst gleich wieder umdrehen!“, hörte sie da von draußen Carlos poltern.

    „Ich will zu Sofia Maria Gutierrez, wenn das möglich ist.“, erwiderte eine weiche Frauenstimme.

    „Du siehst mir nicht gerade wie eine Verletzte aus. Hat dich die Regierung geschickt?“, fragte der Brasilianer mit einer dunklen und drohenden Stimme wie ein aufziehendes Gewitter.

    „Darüber würde ich gerne persönlich mit Frau Gutierrez reden.“, erwiderte die junge Frau gelassen.

    „Frau Gutierrez ist gut beschäftigt. Wenn sie gleich fertig ist, dann hat sie sich ihren Feierabend wohl verdient. Samstags Abend ist hier immer katholische Messe und da kommt die ganze Kommune hin. Das möchte niemand verpassen.“, entgegnete Carlos entschieden und ließ sich einfach nicht überreden.

    „Es ist aber wirklich ganz wichtig.“, versuchte es die unbekannte Dame noch einmal.

    „Nichts ist wichtiger als die Gesundheit der Menschen und Gott. Frau Gutierrez steht beidem sehr nahe.“, fuhr Carlos gebetsmühlenartig fort.

    Sofia Maria Gutierrez streifte die blutverschmierten Plastikhandschuhe ab und warf sie in einen Mülleimer. Sie dachte daran, dass ihr bald Narkosemittel, saubere Handschuhe und frische Spritzen ausgehen würde. Sie wollte so bald wie möglich ihre Kontakte spielen lassen. Der venezuelanische Chirurg Xavier Alonso würde ihr sicher gerne helfen, nachdem sie seinen kriminellen Schwager nach einem gescheiterten Überfall auf die jüdische Station St. Patrick notoperiert hatte.

    Zunächst aber trat sie aus ihrer kleinen Praxis und griff in das Wortgefecht ein. Dabei betrachtete sie die junge und attraktive Frau, die da gerade mir Carlos diskutierte. Sie war zwar bildschön und sprach mit fester Stimme, aber auf die Kolumbianerin wirkte sie seltsam traurig und irgendwie auch etwas schüchtern. Sie schien nicht oft in diese Gegend der Metro zu kommen und sah sich immer wieder ein wenig verschreckt um.

    „Schon gut, Carlos. Sie kann ins Vorzimmer kommen. Ich gebe ihr fünf Minuten.“, sagte die Ärztin zum Physiotherapeuten und Aufpasser gerade so laut, dass die junge Frau es ebenfalls hören konnte.

    Mürrisch ließ der Brasilianer die Dame passieren, die dann sogleich auf Sofia Maria Gutierrez zutrat, die sich auf einen spartanischen Holzstuhl hinter ihrem Büro gesetzt hatte, auf dem absolutes Chaos herrschte. Dort lagen nicht nur einige Patientenakten, sondern auch jede Menge Fachliteratur herum, denn die Kolumbianerin war vermutlich die eifrigste und belesenste Ärztin der gesamten Metro. 

                „Entschuldigen Sie bitte die Störung, aber es geht um etwas sehr wichtiges. Das Leben aller Bewohner dieser Metro hängt davon ab.“, begann die attraktive junge Frau und ließ sich elegant und geschmeidig auf einem eigentlich ungemein unbequemen Schemel nieder und legte ihre Beine, die in edle Seidenstrümpfe gekleidet waren, vornehm über Kreuz.

                Die Ärztin spürte ein leichtes Kribbeln in ihrem Nacken und räusperte sich mit etwas Unbehagen frei, nachdem sie ihr Gegenüber lange ausgiebig gemustert hatte und über die seltsame Gesprächseröffnung nachgedacht hatte. Ihrer Meinung nach hatte die Dame dabei einige Etappen übersprungen.

                „Dürfte ich denn überhaupt wissen, wer Sie sind?“, fragte die Kolumbianerin dann auch sogleich und irritierte die feine Dame auf der anderen Seite des Büros damit offenbar ganz kurz, bevor diese wieder ein charmantes Lächeln aufsetzte.

                „Aber selbstverständlich, entschuldigen Sie meine unhöfliche Zerstreutheit. Mein Name ist Amanda Pottsville und ich bin die Sekretärin des Oberbürgermeisters, der mich in aller Eile und mit höchster Priorität zu Ihnen geschickt hat.“ begann die Sekretärin sanft und blickte fast betreten zu Boden, da sie wusste dass die Ärztin auf die Regierung nicht gut zu sprechen war und es nun einer guten Portion Diplomatie bedurfte, um ihr Gegenüber von einer Kollaboration für die so wichtige Mission zu überzeugen.

                „Wenn es um den Vorfall mit dem Chefarzt geht oder um meine kleine Privatpraxis hier, so möchte ich weder diskutieren noch verhandeln. Alles ist gesagt und alle Positionen sind klar fixiert.“, gab sich die Ärztin dann auch prompt kalt und knapp.

    Amanda Pottsville versuchte ihr Gegenüber wirkungsvoll zu überraschen.

    „Um den ärgerlichen Vorfall von damals müssen Sie sich keine Sorge machen. Der Oberbürgermeister hat persönlich in Auftrag gegeben das Urteil von damals zu revidieren und Sie im Nachhinein von jeder Schuld freizusprechen. Der damalige Chefarzt ist inzwischen sogar schon strafversetzt worden.“, bemerkte die Sekretärin.

    Sofia Maria Gutierrez stockte kurz und war überrascht. Sie hatte in der Tat vor ein paar Tagen von dem venezuelanischen Chirurg erfahren, dass der Chefarzt zur Büroarbeit in eine der Regierungsstationen versetzt und innerhalb kürzester Zeit von einem jungen und kompetenten Arzt ersetzt worden war.

    „Die Regierung ist sogar bereit ihre Praxis hier zu tolerieren, sie mit dem nötigen Material zu versorgen und sie von jeglichen Steuerabgaben zu entbinden. Als Gegenleistung brauchen wir Sie als beste Ärztin in der Metro aber unbedingt bei einer wichtigen Mission.“, verblüffte die gewandte Sekretärin ihr Gegenüber weiter und erzählte ihr dann in groben, aber eindringlichen Zügen von der bevorstehenden Mission, bis sie die engagierte Ärztin überzeugt hatte sie zu den Regierungsstationen zu begleiten.

     

    Teil 2:

    Der Aufbruch  

     

    Man hatte uns sieben Kandidaten, die für die riskante Mission auserwählt worden waren, kurz aber eindringlich auf die bevorstehenden Gefahren vorbereitet und auf die Wichtigkeit der Mission eingeschworen. Die Worte des Bürgermeisters waren klar und deutlich gewesen. Im Gegensatz zu seinem Stellvertreter Kilian Karnovski hatte er Charisma und bestach durch klare Worte, ohne um den heißen Brei herumzureden. Das zeichnete eine Führungsperson natürlich aus und gleichzeitig hatte er die Härte und Kälte, um bislang jeden Umsturzversuch abzuwenden und die Zügel der Metro Torontos in der Hand zu behalten. Er wirkte sicherlich etwas diktatorisch, aber es bedurfte einer solch entschlossenen Identifikationsperson in harten Zeiten wie diesen. Im Grunde flößte sein Auftreten sogar seinen ärgsten Feinden Respekt ein und das war sicher auch ein Grund, warum ihn in der Stadtverwaltung und in der Regierung Ontarios niemand ernsthaft in Frage stellte.

    Er hatte auch die Fakten kurz und bündig wiedergegeben. Man hatte vor drei Monaten damit begonnen, die neuen Strahlenanzüge zu testen. Insgesamt hatten sich drei Kandidaten nach draußen gewagt. Der erste war brutal von einer seltsamen Mutation direkt im Blickfeld der Außenkameras zerfleischt worden. Diese Kreaturen nannte man gepanzerte Hunde. Sie waren klein und wendig wie wilde Hunde, trotz ihrer schuppigen und gepanzerten Reptilienhaut, die sich fast chamäleonartig ihrer Umgebung anpasste womit sie den ersten Mann auch überrascht hatte. Diese Mutation war immer nur in Rudeln unterwegs und es waren wohl fast immer nur Männchen. Die Weibchen schienen irgendwo in Höhlen und Ruinen zu hausen, von denen es in der zerstörten Großstadt mehr als genug gab. Über keine der ganzen neuartigen Spezies wussten die Forscher und Kundschafter der Metro mehr, als über diese gepanzerten Hunde.

    Die beiden anderen Kandidaten hatte ein ungewisses, aber zweifellos schlimmes Schicksal ereilt. Sie waren von seltsamen nackten und bleichen Kreaturen entführt worden, die zwar blind waren, dafür aber über gute Geruchsinne und ein exzellentes Gehör zu verfügen schienen, mit denen sie ihren Opfern problemlos auflauerten. Sie ähnelten Menschen, allerdings wirkten sie unförmiger, waren mit über zwei Metern Größe deutlich imposanter und kommunizierten in einer seltsamen zischartigen Sprache, die durchaus entfernt an Englisch erinnerte. Ihre Körper wirkten kräftiger und muskulöser als die eines Menschen, aber es waren gerade ihre Gesichter, die sich deutlich unterschieden. Sie waren oft von eitrigen Geschwüren entstellt, ihre Lippen waren wulstig, ihre Zungen waren gespalten, ihre Nasen flach und schlitzartig und sie hatten keinerlei Behaarung am Körper. Diese Kreaturen wirkten zwar primitiver als die Metrobewohner, schienen aber doch überdurchschnittlich intelligent zu sein und hatten sich den Gegebenheiten nach der großen Katastrophe offensichtlich weitaus besser angepasst als die erbärmlichen Überbleibsel der Menschheit unter Tage.

    Wie viele es von ihnen gab wusste niemand so genau, aber es waren genug, als dass sie ein Risiko für die Metro und ihre Bewohner darstellten. Der zweite Kandidat war in eine ihrer Fallen getappt. Die Kreaturen hatten eine breite Grube auf einem Straßenzug so gut getarnt, dass der Mann im Schutzanzug dort hineingefallen war. Dann waren die Kreaturen aus den nahe liegenden Häusern gekommen. Sie waren mindestens ein Dutzend gewesen, hatten den Verletzten aus der Grube gezerrt und ihn aus der Sichtweite der Kameras geschleppt. Die Schreie des Mannes, dessen linkes Bein offensichtlich beim Sturz gebrochen und dessen Schutzanzug von den krallenartigen kurzen Händen der Mutanten aufgeschlitzt worden war, würde ich als Zeuge der damaligen Mission wohl niemals vergessen. Manchmal verfolgten mich die gepeinigten Schreie sogar noch in den schweißtreibendsten Alpträumen.

    Der dritte Kandidat war hingegen eher zufällig in einem zerstörten Einkaufszentrum unweit des CN Towers auf eine der Kreaturen gestoßen und hatte das Feuer auf sie eröffnet. Die Kreatur schien von den Schüssen unbeeindruckt gewesen zu sein und hatte ihren Gegenüber in den Trümmern niedergeschlagen, die Waffe des Gegners mit ihrem Speichel verätzt und zerstört und den bewusstlosen Mann im Schutzanzug anschließend mit zwei weiteren Kreaturen in ein Parkhaus gebracht, aus dem der Entführte nie wieder aufgetaucht war. Ich fragte mich nach wie vor, wie man diesen unverwüstlichen Kreaturen dort draußen beikommen konnte.  

     Sie wurden von allen nur die „Weißen“ nannten. Sie gingen technisch erbarmungslos und taktisch klug vor. Deswegen war ihr Gefahrenpotenzial nicht zu unterschätzen. Da sie offensichtlich gegen Schüsse streckenweise immun waren, brauchten die letzte menschliche Bastion der einstigen Millionenmetropole Toronto eben die Zugangscodes zu den modernsten Waffen, die kurz vor dem Untergang fertig gestellt worden waren. Zwar gab es in den abgeschnittenen Metrostationen noch einige Waffen der Bundesregierung, aber da die restliche Metro von dieser seit vielen Jahren nichts mehr gehört hatten, wollte der Bürgermeister direkt eine Gruppe Auserwählter in die Regierungsbunker unter dem Parlament in Ottawa schicken, wo sich die Sicherheitscodes in irgendwelchen unverwüstlichen Safes und die Massenvernichtungswaffen selbst in irgendwelchen mehrfach gepanzerten Kleinbunkern befanden.

    Diese Auserwählten waren nun wir.

    Ich blickte mir die Kandidaten rund um mich herum an und analysierte sie kurz und knapp. Sofia Maria Gutierrez war eine mutige Frau, um die ich mir wenig Sorgen machte, obwohl sie die einzige Dame der Gruppe war. Sie war eine disziplinierte und geschickte Ärztin, die gut auf sich aufpassen und ihre Begleiter effizient behandeln konnte. Im Notfall war sie so etwas wie unsere Lebensversicherung.

    Noah Cohen war aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Er war ein schüchternen Einzelgänger und vom Typ her eher der intellektuelle Bücherwurm. Er hatte eine Kladde dabei, in die er Zeichnungen von verschiedenen Mutationen gemacht hatte. Allerdings kannten wir kaum Spezies von der Erdoberfläche. Neben den Weißen und den gepanzerten Hunden gab es noch die gigantischen Flugechsen, die ihre Beute aus der Luft angriffen, die angriffslustigen Langhaarratten, die mindestens zehn Mal so groß waren wie ihre Vorfahren und sich in der Nähe von Kanalisationen und Wasserläufen aufhielten und die Schmalhyänen, die unseren frühen Katzen glichen, allerdings größer und schlanker waren und sich nur von Kadavern ernährten, selbst jedoch sehr schüchtern wirkten und in den dunklen Ecken der Stadt lebten.

    Dann gab es da Joshua Burns. Er war für mich ein zweischneidiges Schwert. Er konnte gut mit Waffen umgehen und war auch durchaus mutig. Allerdings wirkte er sehr impulsiv und hatte wohl auch den bedauerlichen Tod seines Freundes längst noch nicht verdaut. Ich konnte nur hoffen, dass er diszipliniert bleiben und keinen Aufstand anzetteln oder da oben ganz durchdrehen würde.

    Das größte Risiko war für mich jedoch Ahmed Amine Ahanfouf. Gott weiß, warum der Bürgermeister und sein Kabinett ausgerechnet ihn für eine solch heikle Mission ausgewählt hatten. Vielleicht lag es einfach am Einfluss seines Vaters, dass er in unsere Multikultigruppe aufgenommen worden war. Der junge Mann war arrogant, aufwieglerisch und undiszipliniert. Er hatte eine große Klappe, aber nichts dahinter. Er würde in der Gruppe Zwietracht säen und uns sicherlich bei der allerersten Gelegenheit in den Rücken fallen. Vor allem mit Noah stand er wegen seiner geringen Wertschätzung für Juden auf Kriegsfuß und auch mit Sofia Maria würde er sich wohl nicht gut verstehen. Seine lüsternen Blicke ihr gegenüber waren eindeutig und ihre abschätzige Haltung auch.

    Der beste Mann in der Gruppe war für mich zweifellos Alain Grosjean. Zwar war er als Frankokanadier ganz eindeutig nicht vollständig von unserer Mission überzeugt und hatte es sogar gewagt den Bürgermeister während seiner Präsentation mehrfach zu unterbrechen, um kritische Fragen zu stellen. Auf der anderen Seite war dieser Charakterzug auch löblich, denn der intelligente junge Mann hinterfragte wichtige Entscheidungen, übernahm selbst Verantwortung und ließ sich kein X für ein U vormachen. Zudem war er sehr gut in Form und ein Kämpfer, der da draußen von den fünf Kandidaten sicherlich die realistischsten Überlebenschancen hatte. Vielleicht mochte ich ihn auch nur, weil sein Wesen mich an mich selbst erinnerte. Es war wichtig, dass er mir vertraute und er auf meiner Seite stand, wenn es hart auf hart kommen würde.

    Dann war da noch mein Kollege Jeremy McCoyle. Warum hatte man ausgerechnet ihn an meine Seite gestellt? Der ältere, aber sehr erfahrene und kluge General Anthony Horovitz hätte besser zu mir gepasst, ebenso wie die junge schwarze Generalin Leyla Diagabaté. Jeremy McCoyle war ein Einzelgänger und wurde von allen Kollegen gemieden. Er schien sich nie zu amüsieren und schien auch keinerlei Laster oder Leidenschaften zu haben. Er trank und rauchte nicht, er machte keinen bestimmten Sport, er verachtete jegliche Art von Kunst, er hatte keinen Sinn für Humor, er hatte keine Freunde oder Verwandte und eine Frau schien er auch nie an sich heranzulassen. Der Kerl war kalt wie ein Felsbrocken und das einzige, was ihn antrieb, war seine bedingungslose Loyalität zum Bürgermeister. Diese radikale Bedingungslosigkeit wirkte fast schon blind und fanatisch und auf mich einfach unnatürlich und sogar gefährlich.

    Innerhalb weniger Sekunden hatte ich meine kurze Analyse beendet und blickte auf die teilweise gespannten und ernsten, im Fall von Ahmed Amine aber auch überheblichen und unbeteiligten Gesichter meiner sechs Begleiter, mit denen ich nun nach den Worten des Bügermeisters allein in einem stickigen und abgedunkelten Konferenzraum war.

    Ich machte einen Beamer per Fernbedienung an und präsentierte der wild zusammengewürfelten Truppe eine Karte des südöstlichen Teils der Provinz Ontario, bevor ich mich mit klaren Worten an meine Zuhörer wandte.

    „Morgen früh werden wir um sechs Uhr frühstücken und danach unsere Ausrüstung mitnehmen. Jeder von uns bekommt einen Strahlenanzug und einen Rucksack, der folgende Dinge enthalten wird: fünf Liter Trinkwasser, Nahrung in Form von Müsliriegeln, Dörrfleisch und Suppenpulver, ein Bowiemessser, ein Feuerzeug, einen Geigenzähler, einen Kompass, diverse Landschaftskarten, ein Rettungsseil, einen Schlafsack, ein Schweizer Taschenmesser, eine kleine Signalrakete, eine Taschenlampe, ein wenig Verbandsmaterial und ein kleines Zelt. Die Ausrüstung wird an die fünfundzwanzig Kilo wiegen, aber ihr werdet euch daran gewöhnen. “, begann ich mit meiner präzisen Aufzählung.

    „Was ist mit Knarren? Ich meine, wir werden diese Mutantenviecher ja bestimmt nicht mit einem Taschenmesser platt machen, oder?“, quatschte Ahmed Amine direkt dazwischen.

    „Das ist der nächste Punkt. Wir werden an der Station Main Street an die Erdoberfläche gehen. Einen Kilometer von dort befindet sich eine ehemalige Feuerwehrkaserne. Dort wurden vor der großen Katastrophe diverse Fahrzeuge deponiert. Wir werden dort kleinkalibrige Geländemotorräder vorfinden mit denen wir uns weiter fortbewegen. Fünf Kilometer weiter befindet sich eine alte Militärkaserne, wo wir uns mit Colts M1911 und Berettas 92 ausrüsten werden. Ich weiß, es sind nicht die besten Waffen, aber sie sind auch für Anfänger nicht allzu schwierig handzuhaben.“, fuhr ich ruhig und sachlich fort, aber der übereifrige Marrokaner funkte mir schon wieder feixend dazwischen.

    „Was machen wir denn, wenn uns diese Mutanten zwischen der Metro und dieser Kaserne angreifen? Ich meine, diese drei Typen, die ihr da oben herausgeschickt habt, die haben es nicht mal einen Kilometer weit weg geschafft.“, bemerkte der Jungspund und ich musste zugeben, dass die Frage gar nicht so dumm war. Scheinbar hatte der Frechdachs mehr auf dem Kasten, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte.

    „General McCoyle und ich sind erfahrene Männer und wir sind zu siebt. Die armen Seelen dort oben waren ganz allein und hatten keinerlei Erfahrung.“, brachte ich hervor, aber eine leise Stimme in meinem Innern sagte mir, dass ich da gegen meine Überzeugungen sprach und mir bei der ganzen Sache alles Andere als sicher war. Im Grunde hatte der junge Marokkaner eine wunde Stelle unserer Mission getroffen.

    „Hier unten sind doch genügend Waffen. Warum rüsten wir uns nicht direkt hier aus?“, warf nun auch Alain Grosjean ein.

    „Das ist unmöglich. Alle Waffen müssen unter Tage bleiben. Es ist durchaus möglich, dass in unserer Abwesenheit die Metro von Mutanten angegriffen wird oder es zu Aufständen kommt und da wird jede einzelne Waffe gebraucht.“, warf General McCoyle mit einer schneidenden Stimme ein, die keinen Widerspruch duldete. Für einen Moment war ich ihm fast dankbar, dass er die Diskussion so schnell beendet hatte.

    „Entschuldigen Sie meinen Einwand, aber ich kann weder mit Waffen umgehen, noch Motorrad fahren. Da hätten Sie sich jemand Anderes suchen müssen.“, meldete sich nun auch Sofia Maria zu Wort.

    „Gerade ihr Fachwissen werden wir an der Erdoberfläche brauchen. Wir können auf Sie nicht verzichten. Wir werden mit den Waffen einige Schussübungen vor Ort machen. Es ist wirklich nicht allzu schwer. Mit den Motorrädern ist das sehr ähnlich. Zu Fuß wollen Sie die vierhundertfünfzig Kilometer bis nach Ottawa sicherlich auch nicht überwinden, oder?“, hakte ich nach.

    „Warum fahren wir nicht mit einem Panzer?“, wollte Alain Grosjean wissen.

    „Oder mit diesen Dingern, die sich so drehen?“, warf Ahmed Amine etwas unbeholfener dazwischen und gestikulierte dabei wild.

    „Sie meinen sicherlich Hubschrauber. Das ist aus drei Gründen nicht möglich. Erstens können wir die Strahlung in der Luft nicht einschätzen. Es ist gut möglich, dass sie viel zu stark ist, da müssten wir wissenschaftliche Tests durchführen, die wir bislang nicht machen konnten. Zweitens dürfen sie die Flugechsen nicht vergessen. Wenn unser Helikopter angegriffen wird, dann sind wir allesamt auf der Stelle tot. Wir wären auch für möglichen Beschuss wie auf dem Präsentierteller. Das ist zu riskant. Zu guter Letzt gibt es so weit ich weiß gar keinen intakten Hubschrauber mehr im Großraum Toronto. Was die Panzer angeht, so sind diese in Kasernen untergebracht, die viel zu weit von der Metro entfernt liegen. Mit den Motorrädern sind wir schneller und agiler und müssen nicht von unserer direkten Route abweichen.“, hebelte ich die Argumente der Gruppe aus.

    „Angenommen wir schaffen es bis zu dieser Kaserne. Was passiert dann?“, lenket Alain Grosjean die Diskussion wieder in die richtigen Bahnen.

    „Wir werden uns bis auf den Highway 401 in Scarborough durchschlagen. Dann geht es an den Scarborough Bluffs vorbei und über Kingston bis in die Kleinstadt Prescott, wo früher der Grenzübergang zu den Vereinigten Staaten war. Dort nehmen wir den Highway 416 nordöstlich bis kurz vor Napean. Dann treffen wir auf die 417, die uns bis ins Zentrum Ottawas führt.“, fuhr ich fort und deutete dabei auf die auf der Karte bereits eingezeichnete Route.

      „Wie lange werden wir bis dorthin brauchen?“, fragte Sofia Maria und blickte mich mit ihren geheimnisvollen bernsteinfarbenen Augen undurchdringlich an.

    „In den Zeiten vor der Katastrophe hätten wir es an einem einzigen Tag in fünf Stunden geschafft. Heute würde ich eher fünf Tage einkalkulieren. Genau kann das aber niemand sagen. Wir wissen nicht in welchem Zustand die Straßen sind und auf wen wir bei unserer Reise treffen werden.“, gab ich ganz ehrlich zu.

    „Das bedeutet also für uns: Hoffen wir das beste und rechnen wir mit dem schlimmsten.“, bemerkte Alain Grosjean und blickte sich bedeutungsschwanger um.

    „Wir werden das schon schaffen. Davon bin ich überzeugt. Wenn Sie sonst keine Fragen mehr haben, dann würde ich Ihnen empfehlen sich in ihre Gemächer zurückzuziehen. Morgen wird ein anstrengender Tag.“, schloss ich die kurze Präsentation und wartete, bis sich das kleine Grüppchen so langsam aufgelöst hatte.

    Nur General McCoyle blieb noch im Raum, als ich soeben den Beamer ausschaltete und mich daran machte auch in mein Lager aufzubrechen.

    „Hören Sie, ich möchte mich ja nur ungerne einmischen, aber der Erfolg dieser Mission hat ja oberste Priorität. Ich finde, dass Sie zu viele Zwischenfragen erlaubt haben. Als General ist man eine Führungspersönlichkeit und da lässt man sich von dieser Bande unverschämter Zivilbürger und Dissidenten nicht ständig unterbrechen. Man hält seinen Vortrag vom Anfang bis zum Ende und erst dann werden Fragen erlaubt. Wenn wir weiter so sinnlos herum debattieren, dann verlieren wir kostbare Zeit, verunsichern uns gegenseitig und Sie verlieren an Autorität.“, bemerkte McCoyle drohend und schritt steif neben mir her, als wir das Konferenzzimmer verließen. Der Atem des Generals stank wie ein ausgetrockneter alter Gulli und er atmete schwer und krächzend.

    Gelassen, aber bestimmt wandte ich zu ihm um. Ich dachte mir insgemein, dass ich wohl eher mit diesem General als mit der verbliebenen Zivilbevölkerung autoritär umgehen müsse und wollte direkt und ehrlich zu ihm sein.

    „Hören Sie, McCoyle…“, begann ich, wurde aber direkt scharf unterbrochen.

    „General McCoyle, wenn ich bitten darf.“, fuhr mein Gegenüber schneidend dazwischen und fixierte mich mit einer Mischung aus Ärgernis und Überheblichkeit.

    „Hören Sie, General McCoyle“, fuhr ich bewusst überspitzt fort und blickte den General aus kalten Augen an, da er mich auch nicht mit General angesprochen hatte, „diese sogenannten Zivilbürger und Dissidenten sind auserwählt worden, um die Zukunft der Metro zu gewährleisten. Das Gelingen ihrer und unserer Mission ist von entscheidender Bedeutung. Sie haben also das Recht so viele Fragen zu stellen, wie es ihnen beliebt. Das Stellen einer scheinbar noch so unwichtigen Frage kann entscheidend für unser aller Überleben dort draußen sein. Sobald wir dort oben sind, müssen wir eine Mannschaft formen, in der ein gewisses Maß an Harmonie herrscht und sich der eine auf den anderen verlassen kann.“

    „Harmonie ist etwas für verklärte Romantiker. Was uns dort oben am Leben erhält sind Disziplin und Gehorsam.“, widersprach General McCoyle leise und blickte mich an, als ob er mir am liebsten an den Hals springen würde.

    „Jetzt passen Sie mal auf, Herr General. Wenn Sie denken, dass Sie mir Angst machen oder mich von meinen Prinzipien abbringen können, dann haben Sie sich getäuscht. Sie sind sicherlich der suboptimalste Partner, den man mir zuteilen konnte. Stellen Sie sich mir bloß nicht quer und reißen Sie sich gefälligst zusammen. Es geht hier nicht um Sie oder mich, sondern um das Wohl aller Einwohner Torontos. Falls Sie diesem Ziel hinderlich sein sollten, dann werde ich ohne zu zögern die direkten Konsequenzen daraus ziehen.“, sprach ich nun ebenfalls leise und hatte doch ein wenig Mühe ganz ruhig und sachlich zu bleiben. Ich konnte kaum ausdrücken, wie sehr ich diesen General verachtete. Es hatte an unbeherrschten militärischen Tyrannen wie ihm gelegen, dass das politische Pulverfass hochgegangen war, das letztlich zur großen Katastrophe geführt hatte. Der General war sozusagen das Abbild aller negativen Klischees des Militärs und ich war auf Grund solcher Leute selbst General geworden, um Verantwortung zu nehmen und der Bevölkerung und allen voran auch mir selbst zu zeigen, dass das Militär noch zu etwas zu Nutze war und in irgendeiner Weise für die unfassbaren Fehler der Vergangenheit Schadensbegrenzung betreiben und die Menschheit so lange wie möglich am Leben erhalten konnte.

    Mein Gegenüber blieb überhaupt nicht ruhig und reagierte auf meine provokante Antwort wie ein wild gewordener Derwisch. Er bebte vor Wut, seine Glubschaugen traten nervös aus ihren Höhlen hervor, seine Halsschlagader trat ebenso pochend hervor und er hatte die Hände verkrampft zu Fäusten geballt. Er japste kurz nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und beruhigte sich nur ganz langsam.

    „Wollen Sie mir etwa drohen?“, fragte General McCoyle mit erstickter Stimme.

    „Es ist nicht meine Sache, wie Sie das interpretieren wollen. Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich habe noch zu tun und morgen einen anstrengenden Tag vor mir.“, beendete ich das Gespräch mit klirrender Kälte.

    Ich drehte mich auf dem Absatz herum und ging im Stechschritt in Richtung meines Zimmers. Dabei spürte ich die giftigen Blicke des Generals, die mich geradezu hinterrücks erdolchen wollten. Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken und kalter Schweiß stand mir auf der Stirn. Dieser Wahnsinnige war unberechenbar!

    Als ich endlich aus seinem Blickfeld verschwunden war und auf der Treppe schon in Richtung Schlafquartier gehen wollte, überlegte ich es mir doch noch einmal anders und machte schweren Herzens kehrt. Ich hatte noch etwas Wichtiges zu erledigen.

     

    *

     

                Amanda Pottsville wirkte auf mich heute etwas fahrig und unkonzentriert. Die junge Sekretärin hatte nervöse Zuckungen in den Händen und der Schweiß lief ihr über die Stirn in das sonst so hübsche und makellos geschminkte Gesicht. Sie hatte auf mich immer wie ein Püppchen gewirkt, aber heute erinnerte sie mich eher an Chucky, die Mörderpuppe.

    In einem Anflug plötzlicher Nostalgie dachte ich daran, als ich den letzten Film dieser Reihe namens „Curse of Chucky“ im Kino gesehen hatte. Es war in einem Vorort Torontos gewesen und ich war dort damals mit meiner japanischen Freundin gewesen. Gerade einmal neunzehn war ich damals gewesen und mitten in der Militärausbildung. Sie war die Liebe meines Lebens gewesen, aber Kawashima Momoko hatte die Katastrophe damals nicht überlebt. Wir hatten die letzten gemeinsamen Momente am Handy verbracht. Ich wurde gerade gewaltsam unter Tage gelotst, weil ich eigentlich oben bleiben wollte, um irgendwie noch den Weg zu meiner Freundin zu finden. Sie war damals in Ottawa auf einer Fortbildung gewesen, als die ersten Bomben gefallen waren. Sie hatte sich sofort ins Auto gesetzt, um nach Toronto zu kommen, aber schon bei Napean war der Kontakt abgebrochen. Sie hatte es nicht geschafft.

    Seit ihrem Tod war mir alles Andere zweitrangig geworden. Selbst wenn ich morgen schon an der Erdoberfläche von einem gepanzerten Hund in Stücke gerissen werden würde, so war mir das gleichgültig. So würde ich endlich mit meiner großen Liebe im Jenseits vereint sein, wenn es denn so etwas gab. Auch das war unwichtig für mich, allein der Gedanke daran, dass es so etwas geben konnte, erfüllte mich mit Frieden. Ich machte mir um mein eigenes Schicksal keine Sorgen und um das von General McCoyle ohnehin nicht. Das Schicksal der fünf Novizen war mir aber nicht gleichgültig, denn ich war schließlich auch für sie verantwortlich und sie brauchten einen perfekt aufgelegten General Geoff Madison dort oben.

    In dem Moment ging die Tür zum Büro des Bürgermeisters auf, der mich mit einem aufgesetzten Lächeln empfing, das aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass er von meiner abendlichen Stippvisite überrascht war.

    „General Madison, was kann ich für Sie zu so später Stunde noch tun?“, fragte der Bürgermeister und eine Mischung aus Ungeduld und Vorwurf schwang darin mit.

    Ich blickte kurz auf die Sekretärin, die sich tunlichst bemühte woanders hinzusehen. In diesem Moment fixierte sie sehr konzentriert die Decke. Was zur Hölle war bloß los mit ihr?

    „Ich würde das gerne unter vier Augen besprechen.“, begann ich und trat zu Jordan Jefferson ins Büro.

    Dort nahm ich Platz und blickte auf die kitschige Kuckucksuhr. Mein Vater war ebenfalls General und jahrelang in Deutschland stationiert gewesen. Er hatte auch einmal eine dieser Uhren mit nach Hause gebracht. Zur Zeit der Katastrophe hatte er sich in Deutschland befunden und meine Mutter war gerade dort zu Besuch gewesen. Ob die Bundesrepublik wohl auch so vom Krieg zerstört worden war wie Kanada?

    Es war genau 21:12 Uhr. Das erinnerte mich an ein gleichnamiges Album der kanadischen Band Rush, die auch aus Toronto kam. Es war die Lieblingsband meines Vaters gewesen. Ich hatte die Band mit ihm während einer seiner raren Besuche im Sommer 2013 sogar einmal live in Hamilton gesehen. Das war eines der letzten Male gewesen, dass er und ich uns richtig nah gewesen waren, sowohl emotional, als auch physisch. Nur mühsam konnte ich mich von dieser ermunternden und gleichzeitig tonnenschwer lastenden Nostalgie losreißen.

    „Jetzt bin ich aber mal gespannt. Womit kann ich Ihnen dienen?“, fragte Jordan Jefferson und ließ sich mit gerunzelter Stirn in seinem Bürosessel nieder.

    „Es geht um General McCoyle. Ich möchte mir gewiss nicht anmaßen ihn zu diskreditieren, aber ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass er für die Mission nicht die richtige Wahl ist.“, kam ich direkt zum Thema.

    „Führen Sie das bitte weiter aus.“, meinte der Bürgermeister ernst.

    „Er ist herrisch und überheblich mit den Auserwählten und flößt ihnen mehr Angst und Unbehagen, als Mut und Vertrauen ein. Zudem hat er mir gegenüber eine negative Attitüde. Er stellt mich ständig in Frage, äußert Dinge, die ich als persönliche Drohungen interpretiere und hat sein Ego und seine Gefühle nicht ausreichend in seiner Gewalt, um ein makelloses Gelingen unserer Mission zu gewährleisten.“, berichtete ich so sachlich wie möglich.

    Mein Gegenüber stand auf und lief nun nachdenklich hinter seinem Büro hin und her. Dabei zündete er sich in aller Ruhe seine Pfeife an und zog entspannt daran.

    „Herr General, mir ist bewusst, dass General McCoyle und Sie sich nicht grüne sind. Ich habe mit ihrem Kollegen auch letztens noch einmal gesprochen und ihn ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Sie das Oberkommando haben und persönliche Streitereien bei der Mission fehl am Platze sind. Er wirkte auf mich gescheit und einsichtig und ich bin mir sicher, dass er sich dort oben ihren Befehlen unterordnen und ausgezeichnete Arbeit vollrichten wird.“, erklärte der Bürgermeister.

    „Da habe ich berechtigte Zweifel. Warum stellen Sie mir nicht Generalin Diagabaté oder General Horovitz an die Seite?“, fragte ich.

    „Bei aller Liebe, Herr General, aber ihr ehrenwerter Kollege Horovitz geht stramm auf die siebzig zu. Ein solcher Außeneinsatz würde ihm zu viel abverlangen. Bei der Kollegin Diagabaté fehlt es hingegen an Erfahrung. Sie ist ohne Frage außerordentlich talentiert, aber es mangelt ihr noch an Disziplin. General McCoyle ist aus einem ganz anderen Holz geschnitzt. Er ist der Regierung gegenüber absolut loyal, seine Fitnesswerte sind fast so gut wie ihre und sein Umgang mit Waffen ist sogar noch etwas besser. Er ist nur etwas älter als Sie. Er verfügt über genügend Erfahrung und ist außergewöhnlich agil. Es ist ja nicht so, als ob wir hier Hunderte von Generälen hätten, wir haben lediglich vier. Aber ich vertraue General McCoyle bedingungslos und wenn ich das tue, dann sollten Sie das auch.“, erklärte der Bürgermeister ruhig und bestimmt.

    Ich merkte sofort, dass ich mit meinem Vorliegen bei ihm auf Granit biss. Irgendwo konnte ich den Bürgermeister sogar verstehen. Rein vom Papier her war General McCoyle der perfekte Kandidat. Vom mentalen und zwischenmenschlichen her war er aber die schlimmste Wahl. Ich kam hier jedoch nicht weiter und musste mich meinem Schicksal beugen.

    „Sie können sich absolut auf mich verlassen. Ich vertraue mir ebenfalls und bin mir einhundertprozentig sicher, dass ich auch unsere fünf Rekruten unter Kontrolle habe. Lediglich für General McCoyle kann ich da nicht sprechen.“, bemerkte ich noch einmal.

    „Ich spreche ihm das vollste Vertrauen aus und dabei bleibt es. Sie sollten jetzt in ihr Schlafgemach gehen, denn es ist schon spät und morgen früh werden Sie ihre Kräfte brauchen. Machen Sie sich um General McCoyle keine Sorgen. Er kann etwas aufbrausend sein, aber er weiß besser als jeder Andere, was auf dem Spiel steht.“, beendete der Bürgermeister das Gespräch und bot mir seine Hand an.

    Ich nahm sie mit festem Griff an und verabschiedete mich in Richtung meiner Quartiere, aber meiner Sorgen und Zweifel hatte der Bürgermeister mich gewiss nicht entledigen können und so ging ich mit großer Unruhe schlafen. Dabei war ich so sehr in Gedanken versunken, dass ich nur im tiefsten Unterbewusstsein bemerkte, wie verkrampft mir die Sekretärin Amanda Pottsville hinterher blickte bis ich endlich aus ihrem Blickfeld entschwunden war.

     

    *

     

                Ich war außer mir vor Rage! So respektlos wie dieser Madison hatte man mich ja noch nie behandelt. Was der sich wohl herausnahm? Mit seiner unwürdigen und kumpelhaften Einstellung würde er den fünf undisziplinierten Dissidenten jedenfalls keinen Respekt einflössen. Dieser General hielt sich selbst wohl für den besten unter Gottes Sonne, aber mir konnte dieser aufgeblasene und ignorante Truthahn das Wasser nicht reichen. Er hatte weniger Disziplin als ich, er zeigte sich gegenüber den Vorgesetzten bei weitem nicht so dienstbeflissen, einsichtig und loyal, wie man das von einem Mann seiner Klasse erwarten musste und selbst was die praktischen Dinge wie den Umgang mit Waffen und die Reaktionsschnelligkeit anging war ich ihm weit voraus.

                Nun gut, er war immer noch besser als dieser alte und vertrottelte Horovitz, den man am besten so rasch wie möglich in Rente schicken sollte. Von diesem schwarzen Flittchen Diagabaté wollte ich am liebsten gar nicht erst sprechen. Dass man überhaupt wertvolle Plätze in der Metro für diese ganzen Buschneger, Indianer, Schlitzaugen und was weiß der Geier noch alles verschwendet hatte war ja schon der blanke Hohn, aber dass eine von denen auch noch denselben Rang und Titel wie ich tragen durfte, das war eine schallende Ohrfeige bar jeglichen Verstands.

    So gesehen war dieser überhebliche Madison noch das kleinste Übel. Aber er würde mich noch so richtig kennen lernen. Sobald sich die erstbeste Möglichkeit bieten würde, da würde der Schwachmaat sein blaues Wunder erleben.

    In diesem Moment klingelte neben meinem spartanischen Bett das alte Telefon. Sofort richtete ich mich auf und nahm das Gespräch an.

    „General McCoyle am Apparat!“, bellte ich ins Telefon.

    „Jefferson hier. Raten Sie mal, wer gerade bei mir vorstellig geworden ist.“, begann der Bürgermeister am anderen Ende und ich musste gewiss nicht lange raten.

    „Sicher dieser General Madison.“, knurrte ich und legte so viel Verachtung wie möglich in meine Worte, was meinem Gesprächspartner nicht entging.

    „Ganz genau. Er hat sich über Ihr Verhalten beschwert und wollte mir klar machen, dass Sie nicht der richtige Mann für die Mission sind.“, erklärte Jordan Jefferson ganz ruhig am anderen Ende.

    „Diese undisziplinierte und hinterhältige Art überrascht mich gar nicht von diesem überheblichen Nichtsnutz.“, begann ich zu poltern, aber der Bürgermeister behielt die Ruhe und unterbrach meinen Wutausbruch.

    „General McCoyle, Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Wir haben doch alles immer wieder durchgekaut. Ich habe die Bedenken von General Madison zerstreut. Aber Sie müssen sich am Riemen reißen und zurücknehmen. Es geht hier nicht um Sie oder um ihn, es geht um das Wohl aller. Begreifen Sie das doch endlich. Sie dürfen nicht scheitern, General McCoyle! Sie sind eine unverzichtbare Schlüsselfigur!“, ermahnte mich der Bürgermeister eindringlich.

    „Das ehrt mich sehr. Ich bin mir dieser Bürde bewusst und trage sie mit Stolz.“, gab ich zufrieden zurück.

    „Das ist auch Ihr gutes Recht! Sie sind das entscheidende Element. Es hängt von Ihnen ab, ob die Mission gelingt oder nicht. Also beißen Sie in den sauren Apfel und kooperieren Sie dort oben mit General Madison. Es laufen schon genug Mutanten an der Erdoberfläche herum und ihre fünf Schützlinge werden Ihnen auch alles abverlangen. Da können wir uns einen persönlichen Kleinkrieg mit ihrem Kollegen nicht leisten!“, mahnte Jordan Jefferson noch einmal.

    „Machen Sie sich keine Gedanken. Ich weiß, was zu tun ist.“, erwiderte ich mit breitem Grinsen.

    „Das will ich auch hoffen. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht!“, beendete der Bürgermeister das Gespräch und legte dann auf.

    Ich legte den Hörer ebenfalls auf und legte mich entspannt auf mein Bett. Die Vertrauensbekundung des Bürgermeisters hatte wie Balsam auf mein angeschlagenes Ego gewirkt. Ich fühlte mich schlagartig entschlossener, konzentrierter und ruhiger. Es tat gut zu wissen, dass die wichtigste Person der Metro voll auf mich zählte und es war meine Pflicht, das in mir gesteckte Vertrauen doppelt und dreifach zurückzuzahlen.

    Mit diesem martialischen Gedanken und einem breiten Grinsen auf den Lippen schlief ich endlich langsam ein.

     

    *

     

                „Das ist doch das reinste Himmelfahrtskommando!“, begehrte ich auf und blickte meine zukünftigen Mitstreiter an.

    Ich traute bisher keinem von ihnen und dieses Misstrauen schien auf Gegenseitigkeit zu beruhen. Zwar befanden wir uns im so genannten Gemeinschaftsraum, an den unsere kleinen Einzelzimmer grenzten und der auf mich eher wie ein düsterer Schutzbunker aus dem zweiten Weltkrieg wirkte aus dem es kein Entrinnen gab, aber von Gemeinschaft war hier keine Spur. Jeder von uns war vor der heiklen Mission mit sich selbst beschäftigt, aber irgendwann hatte ich diese drückende Stille nicht mehr ausgehalten und versuchte wenigstens irgendetwas über die Menschen zu erfahren mit denen ich ab morgen Seite an Seite in einer desolaten Welt um Leben und Tod kämpfen würde. Ich sah mir meine vier Begleiter in diesen Momenten genauer an.

    In einer dunklen Ecke des Raumes hatte sich Ahmed Amine Ahanfouf auf einen Perserteppich gesetzt, der wohl extra für ihn hier deponiert worden war. Eben hatte er noch gen Mekka gebetet, jetzt saß er ungewöhnlich konzentriert da. Er hatte die Augen geschlossen, die Hände ausgebreitet und murmelte sich einige Worte zu, die ich akustisch nicht verstand. Er hatte meinen Kommentar scheinbar gar nicht wahr genommen.

    Alain Grosjean saß in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes und blickte einige Gegenstände an, die er in einer kleinen handlichen Schatulle verstaut hatte. Ich erkannte einige Fotos, aber auch eine Kette und sogar einen Eishockeypuck. Es waren wohl persönliche Gegenstände, die ihn an gewisse Menschen oder Erlebnisse seiner Vergangenheit erinnerten und es wirkte beinahe so, als suche er in ihnen Kraft für die bevorstehenden Aufgaben und nehme gleichzeitig Abschied von ihnen.  

                Noah Cohen saß ebenfalls mit leerem Blick abseits und schien sich auf ein Gebet vorzubereiten. Nach der großen Katastrophe hatte ich ohnehin gemerkt, dass viele Menschen wieder religiöser geworden waren. Sie hatten oftmals alles verloren, was sie gehabt hatten und ihnen blieb nichts mehr als ihr Leben und der Glaube an eine höhere Macht, die sich ihrer erbarmen würde.

                Lediglich Joshua Burns blickte mich an und schien für diese Unterbrechung fast schon dankbar zu sein. Er hatte sich in der Mitte des Raumes auf ein ausrangiertes Sofa neben einen kleinen Tisch mit einer flackernden kleinen Lampe gekauert und kaute nervös auf seinen Fingernägeln. Er fand einfach keine innere Ruhe, wirkte fast schon grimmig und hatte sich mit der Gesamtsituation offensichtlich noch nicht abgefunden.

                „Ich glaube, dass die uns nicht ausgewählt haben, weil wir so besonders clever und talentiert sind. Ich glaube, dass die uns loswerden wollen!“, bemerkte der junge Kanadier grimmig.

    Mir war dieser Gedanke auch schon gekommen, aber ich wusste einfach viel zu wenig über meine Mitstreiter, um das beurteilen zu können. Im Grunde kannte ich gerade mal ihre Namen und ihre ethnische Herkunft. Ich wollte dieser düsteren These auf den Grund gehen.

    „Warum ausgerechnet uns? Was haben wir verbrochen?“, fragte ich also den griesgrämigen Fingernagelkauer.

                „Meine Eltern haben sich einst gegen die Regierung gestellt und sind zu den beiden abtrünnigen Stationen übergelaufen. Diese sogenannten Rebellen sind alles, was ich habe und ich würde ohne zu zögern alles für sie tun, auch wenn ich selbst dabei draufgehen würde. Als dieser stellvertretende Bürgermeister mich aufgesucht hat, da kam er mit einer ganzen Horde Soldaten auf meinen besten Freund und mich zu. Meinen Kumpel haben sie einfach erschossen und mir keine Wahl gelassen mitzukommen!“, berichtete Joshua mit bebenden Lippen und in seinen feuchten Augen spiegelte sich unbändiger Hass.

                „Ja, bei mir ist es nicht ganz unähnlich. Auch ich bin den Behörden ein Dorn im Auge. Ich habe eine kleine Arztpraxis, in der ich auch denen helfe, die in dem von der Regierung geführten Krankenhaus nicht behandelt werden. Das sind meistens Regierungsgegner oder Kleinkriminelle.“, gab ich ehrlich zu und versuchte nun auch meine anderen Mitstreiter in dieses Gespräch zu verwickeln.

    Alain Grosjean verstaute seine Erinnerungsstücke in seiner Schatulle und packte sie in die Brusttasche seines weiten Hemdes. Dann zuckte er nur mit den Achseln.

    „Bei mir gibt es eigentlich wenig zu berichten. Sie haben mich vielleicht nur genommen, weil ich zu den sportlichsten Bewohnern der Metro gehöre.“, mutmaßte der attraktive junge Mann verhalten.

    „Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Die Rassisten von der Regierung wollen euch Minderheiten loswerden. Zudem seid ihr Frankokanadier ja ohnehin ständig gegen alles und spielt euch auf, als ob ihr ein eigenes Land seid.“, entgegnete Joshua Burns.

    „Da hat er recht. Als ethnische Minderheit beißt man in Kanada ja immer in den sauren Apfel. Vielleicht wollte man einfach eure Gemeinde ein wenig schwächen.“, fügte auch ich hinzu und war überrascht, dass der Frankokanadier so gelassen reagierte und auf unsere Verschwörungstheorien nicht einging. Normalerweise waren die Frankokanadier vor der großen Katastrophe in aller Regelmäßigkeit immer die ersten gewesen, die sich von der breiten Masse ungerecht behandelt gefühlt hatten und Streit suchten. Alain Grosjean bestätigte diese Klischees hingegen überhaupt nicht. Er war der einzige, der mit dieser brenzligen Situation behutsam umging und diese Besonnenheit flößte mir jede Menge Respekt ein. Der junge Mann imponierte mir.

    „Das kann ich mir weniger vorstellen. Im Moment gelten zwischen unserer Station und den Regierungsstationen ein relativ faires Handelsabkommen und ein umfangreicher Friedenspakt in zwölf Punkten, denen alle Bewohner der Station Jane zugestimmt haben.“, begründete Alain Grosjean.

    „Man hat euch einen Maulkorb verpasst und an eine kurze Leine gespannt, das ist alles. Du klingst ja fast, als seist du auf der Seite der Regierung!“, gab Joshua aggressiv zurück und stand von seinem Sofa auf.

    „Ich versuche lediglich keine voreiligen Schlüsse zu ziehen.“, bemerkte der Angesprochene und reagierte auf die Provokationen seines neuen Gefährten ganz ruhig.

    „Was ist mit dir? Glaubst du an eine Verschwörung?“, fragte ich nun Noah, der aus seiner Starre erwacht war, unsere Diskussion nervös zusammengekauert verfolgt hatte und nun wie unter einem elektrischen Schlag zusammenzuckte, als ich ihn direkt ansprach.

    „Ich? Ja. Also, ich meine nein. Es gibt keine Verschwörung. Ich habe niemandem etwas getan.“, antwortete der Angesprochene stotternd.

    „Na klar, ihr braven Juden habt nie irgendjemandem etwas getan. Ihr habt nur euren eigenen Heiland verraten und dem Tode ausgeliefert. Ihr habt nur ganz zufällig den Leuten über Jahrhunderte hinweg schamlos das Geld aus den Taschen gezogen. Ihr habt nur aus Versehen Regierungen bestochen und manipuliert und allen eure Überzeugungen diktiert. Vielleicht hatte die Regierung der Metro von eurer Einstellung auch mal gestrichen die Nase voll. Was meint ihr wohl, warum euch keiner mag und ihr immer verfolgt und ermordet wurdet, wo immer ihr auch hingegangen seid?“, begehrte jetzt Ahmed Amine auf, der sich von seinem Teppich erhoben hatte und mit nackten Füßen über den kalten Beton auf den eingeschüchterten Noah zuging.

     „Hör sofort mit diesen Provokationen auf!“, sagte Alain mit ganz leiser und drohend düster klingender Stimme.

    „Was ist denn? Ich habe doch recht! Natürlich sind wir hier das Kanonenfutter der Regierung. Die Eltern vom Juden sind einflussreich. Deine Eltern sind in ihrer Kommune wichtig. Joshua ist bei den Rebellen. Die Tusse da drüben pflegt Gangster gesund. Mein Vater ist ein einflussreiches Mitglied im Metrorat und einer der reichsten hier unten. Man will uns loswerden und die Macht unserer Familien einschränken. So sieht die Sache doch aus!“, bemerkte Ahmed mit immer lauter werdender Stimme und war fast schon symbolisch in unsere Mitte getreten.

    „Selbst wenn es so ist, so müssen wir respektvoll miteinander umgehen. Hier geht es nicht um dich oder um dein großes Ego. Es geht um das Überleben unserer Freunde und unserer Familien. Wir müssen da oben zusammen kämpfen und uns aufeinander verlassen können. Da muss es dir egal sein, ob einer deiner Partner eine Frau oder ein Jude oder weiß der Geier was ist. Vielleicht erschießt die Tusse morgen früh schon das Monster, das sich in deinem Rücken herangeschlichen hat und dich fressen will und der Jude gibt dir morgen Abend von seinem Proviant ab, nachdem du es beim Kampf schon verloren hast.“, belehrte Alain den aufgebrachten Moslem.

    „Darauf kann ich verzichten, Mann! Lieber verrecke ich morgen da oben, als mein Leben einer Schlampe zu verdanken oder Almosen von einem Juden anzunehmen.“, gab der Marokkaner trotzig zurück und es herrschte nach seinen Worten mit einem Mal frostige Stille im Raum, sodass Ahmed sich feixend und wild gestikulierend umsah.

    „Halt die Fresse und geh sofort in dein Zimmer!“, brach Joshua die betretene Stille und trat dem Kanadier marokkanischen Ursprungs mit geballten Fäusten näher.

    „Wer bist du denn mit deinem beschissenen Judennamen? Du hast mir mal gar nichts zu sagen!“, begehrte dieser auf.

      „Das werden wir ja sehen, du Bastard. Hier hast du vier Leute gegen dich!“, nahm Joshua die provokante Steilvorlage an und trat direkt vor Ahmed.

    Die Stirnen der beiden berührten sich kurz und sie blickten sich fest in die Augen. Da drückte Ahmed sein Gegenüber mit beiden Händen von sich weg. Joshua reagierte sofort und verpasste seinem Gegner eine schallende Ohrfeige.

    Ahmed berührte die getroffene Stelle kurz mit seiner eigenen Hand, blickte diese verwirrt an und richtete seinen Blick dann voller Wut auf den Angreifer. Dann warf er sich nach vorne und verpasste Joshua einen wuchtigen Hieb in den Magen. Dieser reagierte gewandt, drehte sich rasch zur Seite und riss sein Knie so hoch bis es seinerseits in der Magengrube des Anderen landete, der stöhnend in die Knie ging.

    Joshua wollte direkt nachsetzen und mit einem senkrechten Handkantenhieb auf den Hinterkopf des Zusammengekrümmten eindreschen, als Alain schon herangeeilt kam und den entfesselten Rebellen robust in den klassischen Polizeigriff nahm.

    Da Noah die ganze Szene nur ängstlich verfolgt und sich verkrampft in die am weitesten vom handfesten Streit entfernte Ecke des Raumes verkrochen hatte, erkannte ich, dass es nun an mir lag einzugreifen um den zweiten Streithahn zu bändigen. Rasch lief ich an den mit Joshua ringenden Alain vorbei und fing so gerade noch mit meinem Unterarm einen Schlag Ahmeds ab, der seinem Gegner gegolten hat.

    Ein stechender Schmerz machte sich sofort an der getroffenen Stelle breit und mein Arm wurde kurzzeitig ein wenig taub. Wild pochend versuchte sich das Blut einen Weg durch die Adern zu zwängen und ich war von dem unangenehmen Gefühl kurzzeitig abgelenkt.

    Ahmed versuchte dies auszunutzen und rempelte mich ungestüm zur Seite. Alain reaghierte gedankenschnell und stieß nun seinerseits Joshua zur Seite, um diesen aus der unmittelbaren Gefahrenzone heraus zu befördern. So ging Ahmeds Schlag ins Leere und er geriet bei seiner unplanmäßigen Gewichtsverlagerung nach vorne ins Stolpern.

    Alain nutzte den Schwung des Gegners aus, duckte sich unter dessen nächsten ungestümen Schlag geschmeidig hinweg und unterlief somit den Angriff des Kanadiers mit marokkanischen Wurzeln. Gedankenschnell packte der Frankokanadier den ausgestreckten Arm seines Gegners, drängte seinen Körper gegen den des Unruhestifters und beförderte diesen mit einer weichen Hebelbewegung mit seinem gesamten Körpergewicht über seine Schulter. Ahmed schrie vor Überraschung auf, als er durch die Luft katapultiert wurde und drohte hart auf dem kalten Betonboden aufzuschlagen, aber Alain wollte seinen Duellanten nicht verletzen. Er bremste seinen Wurf ab, indem er seinen Gegner festhielt, leicht in die Knie ging und somit den Sturz beträchtlich abfederte. So deponierte er den hilflosen Gegner geradezu behutsam auf den kalten Boden und ging sicher, dass dieser sich nicht verletzte.

    Dann aber fuhr der Frankokanadier herum und drückte seinem Kontrahenten das Knie gegen den Brustkorb während er gleichzeitig die beiden Arme des Gegners zu packen kam und zu Boden drückte. So befand sich der am Boden liegende in einer Position, aus der er sich nur mit wahren Bärenkräften oder einer gerissenen Kampfkunsttechnik hätte befreien können.

    Da Ahmed weder über das eine, noch über das andere verfügte und seinem Ärger dennoch Luft machen wollte, spuckte er seinem Gegner wütend ins Gesicht.

    Alain hielt kurz inne, wischte sich mit dem Handrücken die Spucke aus dem Gesicht und packte dann mit der anderen Seite der Hand seinem Gegenüber ans Kinn. Dabei blickte er ihn durchdringend an und verlagerte seine Position und sein Gewicht in die Mitte dessen Brustkorbs, sodass er seinen Gegner auch mit nur einer freien Hand ganz am Boden bändigen konnte.

    „Pass gut auf, mein Freund. Das hast du gerade zum allerletzten Mal getan. Wenn du dir dort oben solch eine physische oder verbale Entgleisung leistest wie gerade, dann kann dein Leben ganz schnell verdammt einsam und unangenehm werden, falls du dann überhaupt noch am Leben bist“, sagte Alain leise, aber beängstigend deutlich.

    Ahmed blickte ihn zunächst weiter grimmig an, aber die Wut in seinem Blick wisch schnell der Angst und der Unruheherd zog es mit einem Mal vor den Boden neben sich mit verdrehten Augen anzustarren.

    „Hast du mich verstanden?“, fragte Alain, aber der stolze Ahmed antwortete ihm nicht direkt.

    Alain verlagerte noch einmal sein Gewicht nach vorne und Ahmed stöhnte angestrengt auf. Dann packte der Frankokanadier das Gesicht des Gegners und rückte es spielend leicht in sein Blickfeld, sodass sich die beiden jungen Männer anblicken konnten.

    „Haben wir uns verstanden?“, wiederholte Alain sein Anliegen und erst jetzt nickte Ahmed ächzend.

    Alain Grosjean blickte ihn noch eine Weile warnend an, bevor er sich sanft zur Seite abrollte und in derselben Bewegung wieder auf die Beine kam.

    Während Ahmed sich nur mühsam wieder erhob und dann wortlos in seinem Zimmer verschwand, merkte ich, dass auch der wütende Joshua und der verängstigte Noah schon in ihre Zimmer gegangen waren.

    „Geht es dir gut? Verdammt, du blutest da!“, bemerkte Alain und wies auf meinen Mund.

    Verwirrt tastete ich über meine Lippe und merkte, dass sie leicht angeschwollen war. Dann blickte ich auf meine Fingerkuppen, an denen leicht das Blut klebte. Scheinbar war ich doch etwas ungestüm in den Schlag Ahmeds hineingelaufen. Ich hatte in der ganzen Aufregung gar nicht gemerkt, dass ich mich verletzt hatte. Erst jetzt merkte ich, dass mein Unterarm immer noch pochte und sich auch ein leicht süßlicher Geschmack in meinem Mund bereit gemacht hatte. Ernsthafte Schmerzen hatte ich aber nicht.

    „Ach, das ist gar nichts. Da sind nur ein paar Kratzer. Da bin ich schlimmeres gewohnt.“, gab ich mit unsicherem Lächeln zurück und dachte kurz an den perversen Chefarzt, der versuchte hatte mich in einem kleinen Aufenthaltsraum des Krankenhauses sexuell zu belästigen.

    „Bist du dir da sicher? Ich könnte ein Pflaster besorgen.“, bemerkte Alain, der ganz den Gentleman spielte und sich um mich sorgte.

    Normalerweise mochte ich eine solche Attitüde gar nicht und trat ihr sehr kritisch gegenüber. Ich war es gewohnt mich um mich selbst zu kümmern und die meisten Männer, die anfangs höflich wirkten, hatten es doch nur auf Sex abgesehen oder wollten dem Ruf ihres übergroßen Egos folgen. Bei Alain wirkte die Geste aber sehr ehrlich und auch unaufdringlich. Dennoch wollte ich auf sein Angebot nicht eingehen, denn ich kannte ihn ja gerade erst seit ein paar Stunden und wusste noch gar nicht, wie ich die ganze Situation einschätzen sollte. Mit einem Mal wurde ich ganz müde und musste herzhaft gähnen.

    „Da bin ich mir sicher. Ich brauche nach all der Aufregung einfach etwas Ruhe. Es ist spät geworden. Wer weiß, wann ich das nächste Mal so etwas Ähnliches wie ein Bett sehen werde. Ich werde mich jetzt zurückziehen, wenn dich das nicht stört.“

    Es störte ihn nicht. Als ich die Tür zu meinem Schlafraum kurz danach langsam hinter mir herzog, dachte ich mir noch, dass Alain für einen Mann schon gute Manieren hatte. Und dass er auch ganz gut aussah. Schnell schüttelte ich den Kopf und verdrängte den Gedanken, wobei er mich kurz von dem abgelenkt hatte, was morgen auf uns zukommen würde. So gesehen war ich dem Frankokanadier für seinen beherzten Auftritt sehr dankbar. Man merkte, dass er Verantwortung übernehmen wollte und während mir diese Profilierungssucht bei den meisten Leuten missfiel, so wirkte sie bei ihm nicht nur diplomatisch, sondern auch natürlich.

    Mit schweren Gliedern bettete ich mich auf meine Schlafstätte und merkte wie sich meine Augen wie von ganz allein schlossen. Es war ja auch ein verrückter Tag gewesen. Erst hatte ich einen verletzten Indianer verarztet, dann dieses seltsame Gespräch mit der sanftmütigen Amanda Pottsville gehabt, mir dann eine Rede des widerwärtigen Bürgermeisters anhören müssen, anschließend einer Sitzung mit zwei völlig verschiedenen Generälen beigewohnt und zu allem Überfluss auch noch einer handfesten Auseinandersetzung mit meinen neuen Gefährten beiwohnen müssen. Das waren wohl die aufregendsten vierundzwanzigsten Stunden meines Lebens gewesen und dies schien erst der Anfang zu sein.

    Mit diesem Gedanken wurde ich immer müder und fiel endlich in einen tiefen und traumlosen Schlaf.

     

    *

     

                „Die beiden würden ein gutes Pärchen abgeben, was meinst du Kilian?“, fragte ich amüsiert, als ich auf den Kameras im Kontrollraum verfolgte wie Sofia Maria Gutierrez sich in ihren Schlafraum zurückzog während Alain Grosjean sich nachdenklich auf dem großen Sofa in der Mitte des Raumes niederließ und der attraktiven Kolumbianerin nachblickte.

    „Vielleicht, aber an so etwas ist doch im Moment nicht zu denken. Außerdem hat Herr Grosjean ja eine Freundin.“, erwiderte mein Stellvertreter mit dem kantigen Ernst, den ich an ihm so schätzte und der mir gleichzeitig auf die Nerven fiel.

    „Er hat eine Freundin, die er vielleicht nie wieder sieht, je nachdem, was da draußen passiert. Und das weiß der schlaue Bursche auch. Heute ist vielleicht das letzte Mal, dass er zu so etwas eine Gelegenheit bekommt.“, erwiderte ich mit einem unverschämten Lächeln auf den Lippen.

    „Mit Verlaub, aber was mich viel mehr beschäftigt ist die Spannung in der Gruppe.“, bemerkte mein Minister mit belegter Stimme.

    „Ein bisschen Feuer kann nicht schaden, solange es nicht lichterloh brennt.“, entgegnete ich vieldeutig und fand diese Antwort irgendwie besonders gelungen.

    „Damit meine aber auch die beiden Generäle.“, setzte Kilian nach und warf mir einen besorgten Seitenblick zu.

    „Mach dir da mal keine Gedanken. Beide wissen ganz genau, was sie zu tun haben.“, erwiderte ich mit einer abwertenden Handbewegung.

    „Bist du dir da wirklich sicher?“, fragte Kilian Karnovski und der fettleibige Angsthase klang dabei so erbärmlich, dass ich ein Drucksen unterdrücken musste.

    Kurz musste ich daran denken, was ich mit den beiden Generälen in vielen getrennt voneinander geführten Einzelgesprächen, denen mein engster Angestellter nicht beigewohnt hatte, bis ins kleinste Detail erläuterte hatte.

     

    „Da bin ich mir zweihundertprozentig sicher!“, gab ich mit glänzenden Augen zurück und duldete keinen Widerspruch mehr.

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  • Dear readers of my blog,

    I was checking some files from the recently recovered backup of my old laptop and found this dystopian science-fiction story I wrote about six years ago in Chicoutimi. It includes the entire first part of forty-three pages from this unfinished novel. I read all of it again and only corrected a few typos here and there. I still like this story and wanted to share it with you. Who knows, maybe I could even finish this German novel one day. I hope you enjoy this one.

     

    Endzeit: Straßburg 2022

     

    TEIL 1:  Die Mission

     

    Berlin, Tagungssaal und Forschungszentrum des Neuen Deutschen Rates

     

    Fast ein wenig andächtig trat Marvin Brinkmann durch die offenstehende und sonst meterdicke, metallische Schleuse in einen der großen Kongresssäle des Hauptbunkers. Erstaunt nahm er die klare und frische Luft war, sah die helle Einrichtung, die großen, halbkreisförmigen Ränge, die den gewaltigen Raum einnahmen, der mit Flaggen, Bildern oder Statuen verziert war. Alle Sitze des gewaltigen Raumes konzentrierten sich auf einen Rednerpult vor einer großen Leinwand, hinter der sich einige enge und streng bewachte Gänge befanden. Aus Erzählungen wusste Marvin davon, dass der oberste Vorsitzende des Rates dort seinen Privatbunker haben musste, den er sich mit seiner Frau und seinen vier Kindern teilte. Diese Familie lebte sehr abgeschieden. Die Kinder nahmen nicht an den Unterrichtsstunden in den Westbunkern teil und nutzten nicht einmal die Möglichkeit sich in den kleineren Fitnessstudios körperlich zu ertüchtigen. Hin und wieder traf man eines der Familienmitglieder unter strengster Bewachung in der Bibliothek oder dem Archiv wieder, wo sie auch Zugänge zu den Bereichen hatten, die der Normalbürger gar nicht einsehen durfte. Man hörte eigentlich nur Gerüchte über die Familie des obersten Vorsitzenden. Die Kinder sollten besonders intelligent sein, speziell gefördert werden. Der Vorsitzende selbst sollte ein unglaublich gütiger, gerechter und diplomatisch ideal versierter Mensch sein.

    Jetzt sollte Marvin ihn persönlich treffen. Eine Sitzung höchster Geheimstufe war einberufen worden und er wusste nicht einmal genau, was man von ihm wollte. Ihm war nur aufgefallen, dass er in den letzten Wochen von den sogenannten Männern in Schwarz, den engsten Regierungsmitarbeitern, bestehend aus ehemaligen Mitgliedern des Bundeskriminalamtes oder des Bundestages, häufig observiert worden war. Die Männer hatten nie zu ihm gesprochen, ihm nie etwas erklärt, sondern waren ihm einfach nur auf Schritt und Tritt gefolgt. Sie beobachteten ihn in der Bibliothek, im Fitnessstudio, sogar beim Essen im großen Gemeinschaftsbunker. Viele Menschen fürchteten sich vor diesen düsteren Gestalten, die seltsam künstlich und mechanisch wirkten und auch Marvin hatte jetzt ein ungutes Gefühl, als drei von ihnen ihn langsam, aber zielstrebig durch die Schleuse drückten, nachdem sie ihn zuvor komplett desinfiziert und untersucht hatten. Marvin fühlte sich seltsam schmutzig und unwohl in seiner Haut und ihm fröstelte es bei den quälenden Gedanken daran, was nun mit ihm passieren würde.

    Fast zitternd ging er vorwärts und fühlte sich dabei wie ein Gefangener. In der Weite des riesigen Saales fühlte er sich seltsam verloren. Die tadellose Sauberkeit des Raumes stand im Gegensatz zu den dunklen und zum Teil recht dreckigen Bunkern, in denen er und seine Eltern lebten. Sie waren strengen Vorkehrungen unterworfen worden. Durch den Zusammenbruch der elektrischen Netzwerke im ganzen Land musste man mit dem Strom des Notstromaggregators sparsam umgehen. Da das Wasser außerhalb des Bunkers weitestgehend verseucht war, durfte man die Wassertanks in den Bunkern nur begrenzt nutzen, jede Person durfte einmal pro Woche baden und bekam ansonsten pro Woche eine größere Schüssel Wasser zum Waschen, sowie pro Tag eine Flasche Trinkwasser und eine Flasche Bier, beziehungsweise Milch für die Kleinkinder. Überhaupt war vieles rationiert worden. Die Anziehsachen hatte man schon früher abgeben müssen und sie waren später kollektiv verteilt worden, sodass jede Person im Bunker gleich viele Kleidungsstücke bekam. So wollte man Missgunst und Neid verhindern und das Gemeinschaftsgefühl stärken. So war dieses Verfahren auch auf andere Gegenstände übertragen worden.

    Marvin hatte es damals sehr verletzt, als man ihm seine Armbanduhr abgenommen hatte, ein Geschenk seiner Mutter, die er seit zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte und die vermutlich schon längst tot war. Irgendwo in den Vereinigten Staaten von Amerika musste das große Unglück über sie hereingebrochen sein. Sein letztes und intimstes Erinnerungsstück gehörte nun irgendeinem Regierungsmitglied und alle Proteste hatten nichts genützt. Marvins Vater war noch viel entrüsteter gewesen, hatte die Regierungsbeauftragten grob beschimpft, sie dann angefleht, sie mögen doch seine eigene Armbanduhr nehmen. Sie hatten seine Bitte ignoriert und ihn stattdessen eine Woche in eine Arrestzelle gesteckt, wegen unsolidarischem Verhalten. Solche Vorgänge hatten den Zwiespalt zwischen der Regierung und ihren Beauftragten und dem Rest der Bunkerbevölkerung noch einmal drastisch vergrößert. Einem guten Freund von Marvin hatte man gar seine beiden Kaninchen abgenommen, um sie zu schlachten und für die Festessen zu Weihnachten zu verarbeiten. Man hatte ihm das Ganze so dargestellt, dass durch sein persönliches Opfer ein Vorteil für die gesamte Gemeinschaft entstehen würde, doch eine Wahl hatte er kaum gehabt. Die provisorische Regierung hatte hart durchgreifen müssen und es gab zu ihr keine Alternativen. Wahlen hatte es in den letzten zehn Jahren nicht mehr gegeben.

    Marvin erinnerte sich an einen Putschversuch einer kleinen Gruppe von Bunkermitgliedern. Sie kritisierten die radikalen Vorgehensweisen der Regierung und hetzten die anderen Bewohner dazu auf, sich gegen das neue Klassensystem zu wehren. Seitdem waren die Aufsässigen in irgendwelchen Zellen in Sicherheitstrakten verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Man munkelte gar, sie wären als Versuchskaninchen in den geheimen Forschungskatakomben missbraucht worden, wo man versuchen könnte bestimmte Schutzanzüge, Waffen oder Medikamente herzustellen.

    All diese Gründe führten nun dazu, dass Marvin am liebsten wieder zurück zu seinem Vater gerannt wäre. Er hatte damals in den Bunker gedurft, weil er einer der vorsitzenden Bauingenieure gewesen war, die den Bunkerbau vorangetrieben hatten. Er kannte sich noch mit am besten in dem unübersichtlichen System aus Gängen, Kammern und Schächten aus, doch er konnte diese Begabung nicht nutzen, da die wichtigsten Gänge ständig von den Regierungsmitarbeitern überwacht wurden. Er hatte oft betont, dass er sein Leben dafür gegeben hätte, um sich gegen das vorherrschende System aufzulehnen, doch er hatte Angst, dass die Regierungsbeauftragten das Verhalten des Vaters am Sohn auslassen könnten und deswegen hatte er irgendwann resigniert. Er war inzwischen ziemlich krank geworden, hatte Atemprobleme und verspürte ein ständiges rasselndes Atemgeräusch in seinen Bronchien oder Lungenflügeln. Doch er betonte, dass es ihm lieber war in seinem kleinen Bunkerabteil auszuharren und zu sterben, als sich freiwillig als Patient in das Forschungszentrum zu begeben, um als Gegenleistung für die spärlich vorhandenen Medikamente irgendwelche Experimente über sich ergehen zu lassen. Ein Bekannter von ihnen hatte dies einmal mit sich machen lassen, heute schrie er wie ein Irrer in seinem Bunkerabteil, litt unter Wahnvorstellung und war manchmal wie paralysiert und tagelang nicht ansprechbar. Marvins Vater hatte sich aus der Gesellschaft so weit es ging zurückgezogen, während sein Sohn versucht hatte den Kontakt mit Gleichaltrigen zu wahren.

    Inzwischen war er selbst vierundzwanzig Jahre alt geworden. Das frühere Leben außerhalb des Bunkers kam ihm meist wie verblasst vor, als ob er das Ganze immer nur geträumt hätte. Auch charakterlich hatte Marvin sich verändert. Er war misstrauischer, pessimistischer und ruhiger geworden, während er früher ein quicklebendiger, motivierter Jugendlicher gewesen war. Seit seinem Leben im Bunker war auch seine schöne Jugendzeit abrupt beendet gewesen. Er hatte seitdem seine Zeit hauptsächlich mit sportlichen Aktivitäten verbracht und auch viel gelesen. Seine Gesichtszüge waren bleicher geworden, sein Haar  gleichzeitig dunkel und ein wenig spröde. Er hatte es etwa schulterlang getragen, bis die Regierungsbeauftragten ihn dazu gezwungen hatten es kurz zu schneiden – angeblich aus hygienischen Gründen. Es gab sogar inzwischen strenge Vorgaben, was Haarlänge, Rasieren und solche Dinge anging, sodass beispielsweise auch Frauen nur unwesentlich längere Haare als Männer haben durften. Eines jedoch hatte man in Marvin niemals zerstören können, nämlich seinen unbändigen Lebenswillen und seinen rebellischen Charakter, den man auch in seinen starren, stahlblauen Augen erkennen konnte. Er wollte immer anders sein als die restlichen Mitglieder der Bunkerzivilisation. Er war zufällig in den Besitz einer Akustikgitarre gekommen, auf der er sich täglich den Wut und die Frust von der Seele spielte. Ein älterer Kerl aus dem Lager der Ausgestoßenen, die in den südlichsten Bunkern zusammengepfercht lebten und sich zur Zeit der großen Katastrophen von den Straßen Berlins zufällig in die Bunker geflüchtet hatten, hatte ihm sogar einige Tätowierungen verpasst. Auf seinem linken Schulterblatt trug er das Bildnis eines schwarzen, gefallenen Engels, auf seiner Brust die kunstvolle Zeichnung einer Gitarre und auf seinem rechten Oberarm hatte er sich den Namen seiner Mutter tätowieren lassen. Da die Tätowierungen nicht unter den besten Umständen angefertigt worden waren, hatten sie anfangs sehr geschmerzt, doch mit der Zeit war Marvin abgehärteter geworden und verspürte diese Qualen längst nicht mehr.

    Mittlerweile hatten die Männer in Schwarz ihn über die äußersten Ränge in den untersten Bereich der Halle geführt. Hier warf Marvin auch einen Blick auf die runde, gigantische Kuppel über seinem Kopf. Die Abbilder berühmter deutscher Wissenschaftler, Politiker oder Schriftsteller waren dort eingraviert worden. Manche ihrer Werke existierten noch auf den Zentralrechnern der Bunkerkolonien und teilweise in den Archiven, aber große Teile waren auf ewig zerstört und verloren.

    Marvin wurde zu einem von vier relativ klapprigen Holzstühlen geführt, die sich vor dem erhöhten Rednerpult befanden. Die Stühle passten gar nicht zur ansonsten edlen Einrichtung und sollten wohl nur symbolisch darstellen, dass er gar nicht würdig war, überhaupt an diesem fast schon heiligen Ort zu sein. Zudem musste Marvin, als er sich nun auf den knarrenden Stuhl setzte und von zwei Männern in Schwarz flankiert wurde, seinen Kopf stark in den Nacken legen, um überhaupt das Rednerpult fixieren zu können. Marvin war diese Demütigungen und Unterwerfungsprozeduren inzwischen längst gewohnt.

    Nachdenklich blickte der junge Deutsche auf die drei Stühle zu seiner rechten Seite. Trotz seiner sonstigen Beherrschung schossen ihm nun quälende und hektische Gedanken durch den Kopf und das klinische Schweigen um ihn herum trieb ihn fast in den Wahnsinn. Ihm brach der Schweiß aus, der in klebrigen Strömen über sein Gesicht rann, in seinen Augenwinkeln brannte, sodass seine Lider schmerzhaft zucken, doch zu einer weiteren Rührung war er nicht fähig. Er wollte einfach steif und stumm verweilen, den Männern in Schwarz in keinem Fall zeigen, dass er sich unwohl in seiner Haut fühlte oder gar Angst vor ihnen haben könnte.

    Auch als sie ihn heute Morgen, am Tag 3413 der Bunkerzivilisation, aus seinem kleinen Bunker geholt hatten und ihn wortlos dazu aufgefordert hatten ihn zu begleiten, die ängstlichen Nachfragen des Vaters ignorierend, hatte Marvin kein Wort gesprochen. Es wäre ohnehin sinnlos gewesen, denn die Männer in Schwarz ließen sich grundsätzlich nicht auf Diskussionen mit der normalen Bevölkerung ein. Falls sie überhaupt sprechen konnten.

    Marvin fragte sich bitter und mit einem revoltierenden Zittern in seinen Gliedern, wie es innerhalb von nur etwas mehr als neun Jahren zu solch einer düsteren, menschenfeindlichen Atmosphäre hatte kommen können. Die Jahre der Ungewissheit, der Eingesperrtheit, die Monate des künstlichen Lichts und der beschäftigungslosen, quälend langsam vorbeiziehenden Tage hatten die Gemüter der Menschen verändert. Auch die sinnlosen Zwangsarbeiten, die jeder Bürger quasi als Beschäftigungstherapie und zum Beitrag der allgemeinen Solidarität verrichten sollte, konnten niemand von den depressiven Gedanken abbringen. Marvin hat solche Tätigkeiten auch schon verrichten müssen. Das Staubwischen in den Archiven und der Bibliothek oder das Spülen in der Gemeinschaftsküche waren da noch die sinnvollsten Aufgaben gewesen. Der Bau eines kleinen Zusatzbunkers für eine immer weiter zusammenschrumpfende Bevölkerungsdichte war ebenso sinnfrei wie das Auszählen und Verteilen von Geldscheinen an die Bevölkerung, zumal es keinerlei wirtschaftliche Abläufe gab und Geld längst jegliche Bedeutung verloren hatte. Mit wem hätte man denn auch Handeln können, wo die meisten Besitzgüter allesamt beschlagnahmt und danach verteilt worden waren und es außerhalb der Bunkerkomplexe einhundert Meter unter der Erde nichts gab als leblose Gesteinsschichten?

    Marvin Brinkmann war so sehr in seinen düsteren Gedanken versunken, dass das plötzliche Geräusch einer sich öffnenden Tür ihn erschrocken hochfahren ließ. Sofort spürte er die eisige, starke Hand einer der Männer in Schwarz auf seiner Schulter, die ihn wieder grob herunterdrückte. Marvin bekam eine frostige Gänsehaut und schielte schluckend auf die Klaue, die in einem kalten, schwarzen Lederhandschuh steckte und sich endlich von ihm löste.

    Rechts von ihm war eine Tür aufgegangen, die genau der gegenüberlag, durch die Marvin in den Saal getreten war. Überhaupt war der gesamte Saal sehr symmetrisch aufgebaut worden. Er wagte es nicht seinen Kopf weiter zu drehen, da sonst einer seiner Bewacher wieder eingegriffen hätte.

    Langsam wurde die zweite Person ebenso wie er selbst nach vorne eskortiert. Marvin dachte daran, dass auf der Seite des großen Saales, von der die Person gekommen war, der Trakt der weiblichen Bunkerbewohner war, die von den Männern getrennt lebten und diese nur bei den Mahlzeiten oder zu besonderen Anlässen sahen. Marvin dachte schmerzlich daran, dass er seit fast einem Jahr nicht mehr richtig mit einem weiblichen Wesen gesprochen hatte. Damals hatte es einen kurzen Austausch zwischen den Arbeitsgruppen für Frauen und den Arbeitsgruppen für Männer gegeben. Denn im Alltag trafen sich die Wege der beiden Geschlechter recht selten. Frauen waren allgemein damit beschäftigt die Speisen herzurichten oder auf den Nachwuchs aufzupassen, viele wurden auch zu persönlichen Dienerinnen des Parteivorsitzenden ausgebildet, wobei niemand so genau wusste, was diese Arbeiten beinhalteten. Wenn sich ein Mann und eine Frau zusammentun wollten, dann musste die Regierung dies speziell genehmigen. Oft machten auch Regierungsmitarbeiter Vorschläge, welche Frauen sich mit welchen Männern am besten paaren sollten und wie sie am besten harmonisieren würden, denn der Erhalt des deutschen Volkes musste gewahrt und dementsprechend auch kontrolliert werden.

    Gerade wegen diesen seltenen Kontakten hatte Marvin jedoch ein besonderes Interesse für das weibliche Geschlecht und dachte wehmütig an seine Jugendliebe zurück, mit der er fünf Monate vor der großen Katastrophe zusammengekommen war. Ayla dos Santos hatte sie geheißen und sie war eine brasilianische Immigrantin gewesen. Sie hatte bei ihrem Onkel in Berlin gelebt und war dort zur Schule gegangen, nachdem ihre Eltern zuvor nach Paris gezogen waren, um dort zu arbeiten. In den fünf Monaten waren Marvin und Ayla sich unglaublich nah gekommen, bis das Unglück über sie hereingebrochen war. Er wusste nur noch, dass Ayla nicht in Berlin bleiben und die letzten Tage ihres Lebens mit ihren Eltern in Paris verbringen wollte. Als Ausländerin hätte man sie ohnehin nie im Leben in einen der deutschen Bunker gelassen. Überhaupt hatten in den über das Land verteilten Bunkern höchstens eine Million Menschen Platz gefunden. Die restlichen Menschen waren den Elementen und der Gnade Gottes ausgesetzt worden, wie es in den neueren Geschichtsbüchern hieß.

    Marvin wagte nun, als die Schritte sich immer mehr seinem Platz genähert hatten, doch einen kurzen Seitenblick und sah seinen Verdacht bestätigt. Es war tatsächlich eine junge Frau, die von drei Männern in Schwarz eskortiert wurde. Ihr wurde nun mit einer groben Geste der Stuhl neben Marvin zugewiesen und die Dame nahm mit einem zerknirschten Ausdruck Platz und suchte sogar einen grimmigen Blickkontakt mit dem Mann in Schwarz, der ihr diesen Befehl wortlos erteilt hatte. Doch natürlich konnte sie hinter den dicken und dunklen Sonnengläsern nicht sehen, ob der versteinert wirkende Regierungsmitarbeiter überhaupt auf sie reagierte. Er schien sie einfach stumm zu ignorieren.

    Marvin warf einen langsamen, aber doch interessierten und fast schon gierigen Blick auf die Dame neben ihm. Sie hatte langes, lockiges, rotblondes Haar, das ein feines Gesicht mit einigen verblichenen Sommersprossen umschmiegte. Ihre blauen Augen waren klar und stechend, aber ihr durchaus hübsches Gesicht wirkte irgendwie verkniffen und müde. Auch die Figur der unbekannten Dame war durchaus ansehnlich. Sie hatte lange, durchtrainierte Beine, ein wohlgeformtes Gesäß und einen flachen, muskulösen Bauch, aber ihr ausdrucksstarkes Gesicht stach von allem am meisten hervor.

    Ihr Sitznachbar wirkte fast wie elektrisiert, als sich die schöne Dame grazil neben ihn setzte, doch sie hatte keine Augen für ihn, sondern nur für die Männer in Schwarz, denen sie verächtliche Blicke schenkte. Marvin schätzte die Dame ein wenig jünger als sich selbst ein, sie mochte vielleicht gerade einmal Anfang zwanzig sein, vielleicht sogar noch ein wenig jünger. Marvin kam der Gedanke, dass sie ihn an das erinnerte, was er sich als Amazone vorgestellt hatte, seitdem er in seiner frühen Kindheit schon regelmäßig Abenteuerromane verschlungen hatte. Er wusste instinktiv, dass diese Frau trotz ihrer Schönheit sehr wild und unnahbar sein würde. Man sah ihr förmlich an, dass sie eine Kämpfernatur war und sich nichts vordiktieren ließ. Manch ein Mann hätte dies als abschreckend empfunden, aber Marvin war sofort fasziniert von ihr und konnte den Blick nicht von ihr lassen.

    Irgendwann bemerkte dies auch seine Sitzpartnerin, die sich abrupt umwandte, ihren Leidensgenossen mit abfällig verzogenen Mundwinkeln spöttisch von Kopf bis Fuß musterte und ihm dann stechend in die Augen blickte.

    „Was starrst du mich so dämlich an? Hast wohl noch nie eine Frau gesehen, oder?“, fragte sie abfällig und warf dann ihren Kopf zurück, wobei ihre wilde Mähne wild durch die Lüfte flog.

    Marvin war von diesem Kommentar nicht einmal abgeschreckt, denn diese direkte Art passte zu dem Bild, was er im ersten Moment von der jungen Frau gehabt hatte. Er war froh, dass ihn seine ausgeprägte Menschenkenntnis auch dieses Mal nicht im Stich gelassen hatte und hörte über die höhnischen Worte einfach hinweg. Unverhohlen blickte er die junge Dame weiter an, die gerade noch etwas Provokantes erwidern wollte, als sich die eiserne Hand eines der Männer in Schwarz auf ihre Schulter legte.

    Angriffslustig wirbelte die wilde Schönheit herum und funkelte den regungslosen Aufpasser aggressiv an. Vehement schlug sie seine Hand von ihrer Schulter.

    „Was zur Hölle willst du von mir?“, herrschte sie ihn an, doch da legten sich plötzlich beide Hände des Mannes auf ihre Schultern und drückten sie energisch auf den ungemütlichen Holzschemel.

    Marvin kochte vor Wut und ballte die Hände zu Fäusten, als er die verachtungswürdige Art des Mannes in Schwarz bemerkte, doch seine eigenen Bewacher hatten seine Unruhe bemerkt und waren wie unter einem geheimen Kommando noch näher an seinen Stuhl herangetreten und fixierten ihn kalt und von oben herab.

    „Verdammt, was wollt ihr überhaupt von mir?“, wollte die junge Dame fluchend wissen und ließ sich auch weiterhin nicht einschüchtern.

    Mit einem flauen Gefühl im Magen dachte Marvin daran, dass Mut auch schnell in Leichtsinn umschwingen konnte und seine Begleiterin kurz davor war einen großen Fehler zu begehen und sich weitere Feinde zu machen. Doch er selbst war in einem Dilemma, denn er wollte sich zwar nichts zu Schulden kommen lassen und für Streit sorgen, aber seine Moral sagte ihm, dass er es nicht zulassen konnte, dass man versuchte eine Person zu demütigen, die nur wenige Zentimeter von ihm entfernt saß. Irgendwie fühlte der junge Deutsche plötzlich eine tiefe Verbundenheit mit der so widerspenstigen Dame.

    Bevor die Situation noch weiter eskalieren konnte, öffnete sich plötzlich hinter und über ihnen wieder eine Schleuse, aus der dumpfe Schritte klangen. Sofort verstummte auch die widerwillige junge Dame und die Männer in Schwarz erstarrten wieder in ihrer Haltung hinter den Stühlen, ohne ein einziges Wort mit ihnen gewechselt zu haben. Manchmal kam es Marvin so vor, als ob er es nur mit leblosen Maschinen zu tun hatte und nicht mit richtigen Menschen.

    Dieses Mal wagte Marvin es überhaupt nicht sich umzudrehen und lauschte nur aufmerksam den Schritten, die sich ihm von hinten näherten. Durch den mittleren Gang zwischen den Rängen kam nun der dritte von voraussichtlich vier Gästen, der auch von drei Männern in Schwarz eskortiert wurde. Die Person hatte einen eher wackligen, nervöseren Schritt und redete auch nervös vor sich her. Marvin erkannte eine leicht lispelnde Männerstimme.

    „Was habt ihr denn mit mir vor? So erklärt mir doch, was ich hier machen soll? Glaubt mir, ich lasse mich auf keines eurer Experimente ein! Ich werde mich hier auch nicht zwangsverheiraten lassen, um irgendeinen Nachwuchs zu zeugen. Kein menschliches Wesen hat es verdient, in so einem elendigen Bunker zu hausen, jawohl!“

    Inzwischen hatte man dem jungen Mann einige derbe Stöße in den Rücken verpasst, sodass er in den vorderen Bereich getaumelt war und empört nach Luft schnappte. Ungeduldig drängte man den Neuankömmling zu den beiden Anderen und er musste auf dem dritten Holzschemel Platz nehmen. Auch um ihn postierten sich einige Männer in Schwarz.

    Jetzt konnte Marvin doch einen Blick auf den jungen Mann werfen. Auch er war noch ein wenig jünger. Er hatte ein schmales Gesicht mit braunen Sommersprossen und wirkte sehr dünn, fast schon dürr. Er hatte kurzes, wirres braunes Haar und seine intelligent wirkenden Augen wurden von einer rundlichen, aber kleinen Brille eingerahmt. Marvin glaubte diesen jungen Mann schon einige Male in der Bibliothek beim Studieren gesehen zu haben, aber er vermochte sich nicht an seinen Namen zu erinnern. Er wusste nur noch, dass sein Vater wohl eine Art Wissenschaftler oder Philosoph gewesen war, bevor er vor einigen Jahren an einer Krankheit gestorben war. Das war jedenfalls die offizielle Begründung gewesen. Marvins Vater hatte eher vermutet, dass der Vater des dünnen Jungen sich gegen die Experimente in den Katakomben aufgelehnt hatte und deshalb eingesperrt und zum Schweigen gebracht worden war.

    Der Junge warf inzwischen einige Blicke auf Marvin und dann auf die junge Dame, die er ein wenig näher und eingehender betrachtete und dann nickte er nervös.

    „Nun, wenigstens bin ich nicht allein hier. Zum Glück gibt es hier auch ein paar normale Menschen, die nicht nur komplett in schwarz herumlaufen und sicher sogar sprechen können.“, warf er hektisch ein und schien sich selbst Mut zureden zu wollen, da er sehr nervös und fahrig wirkte.

    Daraufhin bekam der quirlige Jungspund einen groben Klaps auf den Rücken und wurde von einem der Männer in Schwarz grob gepackt und zurück gegen die Rückenlehne des Stuhls gedrückt. Erschrocken zuckte der Junge zusammen und riss ächzend die Arme in die Luft.

    „Gut Leute, kein Problem, ihr habt gewonnen.“, murmelte er schnell und drückte mit seinen feingliedrigen Händen einige Falten auf seinem karierten Holzfällerhemd weg und richtete auch seine dunkelbraune Krawatte wieder her.

    Marvin fragte sich, wie dieser junge Mann zu der wilden Frau und ihm selbst passte. Der dünne Kerl wirkte wie ein Intellektueller und übermäßig nervös und hektisch, während die anderen beiden Anwesenden eher die sportlicheren oder mutigeren Typen darstellten. Was hatte es mit dieser seltsamen Versammlung bloß auf sich?

    Marvin wartete gespannt darauf, dass sich irgendeine Schleuse noch einmal öffnen würde und ein vierter Gast zu ihnen stoßen würde. Dies war jedoch nicht der Fall, denn plötzlich ertönte aus irgendeiner Lautsprecherbox übermächtig laut und pompös eine heroische Hymne, die als „Bunkerhymne“ bekannt geworden war und die alte deutsche Nationalhymne inzwischen verdrängt hatte. Jeden Morgen wurde die Hymne über Lautsprecher im ganzen Bunkersystem abgespielt und alle Insassen wurden dazu aufgefordert sie mitzusingen. Laut der Regierung aus solidarischen und gemeinschaftsdienlichen Gründen.

    Dieses Mal jedoch musste keiner die überlaute Hymne, welche die Bunkerzivilisation, das alte Deutschland und den neuen Regierungsvorsitzenden in allen Tönen lobte, mitsingen, denn stattdessen öffnete sich vor ihnen eines der metallischen Tore in den schmalen, langen Gängen, die zu dem Regierungsbunker führten.

    Wie gebannt starrte Marvin auf das Spektakel, das sich ihnen nun darbot. Zunächst traten einige Männer in Schwarz in den Gang, doch sie bewegten sich rasch zur Seite und machten einem Fahnenträger Platz, der mit großen, soldatenähnlichen Stechschritten voranging, in Richtung des Podestes trat und die Flagge der Bunkerzivilisation Berlins in eine dafür vorgesehen Halterung brachte. Dann verbeugte er sich kurz und andächtig vor der Flagge und trat devot zur Seite, um der Person Platz zu machen, die hinter ihm aus dem Gang getreten war.

    Marvin kannte diese Person bislang nur von Bildern und aus Erzählungen und doch wusste er mit einhundertprozentiger Sicherheit sofort, wen er hier vor sich hatte. Sein Atem stockte und sein Herzschlag schien für einige Augenblicke auszusetzen. Der allmächtige Regierungsvorsitz war zu ihnen getreten, trat vor das Rednerpult und blickte die drei jungen Erwachsenen hämisch und arrogant von oben herab an. Theatralisch weitete er seine Arme aus und plötzlich erhielten sowohl Marvin, als auch seine zwei Begleiter einen heftigen Stoß in den Rücken, sodass sie von ihren klapprigen Stühlen grob auf den Boden fielen. Dabei schlug Marvin sich das Knie auf dem kalten und harten Marmorboden auf und beugte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht ein wenig nach vorne. Mit einem Seitenblick bemerkte er, wie die Dame neben ihm starr auf ihren Knien hockte und versuchte jeden Blickkontakt mit dem Regierungsvorsitz zu meiden, während der nervöse Brillenträger sich eifrig verbeugte und dann hektisch auf seinen Sitzplatz zurückkehrte.

    Auch Marvin rappelte sich wieder auf und setzte sich mit rasendem Herzschlag und schweißüberströmten Gesicht wieder auf seinen angestammten Platz nieder, nachdem er die auffordernden Gesten der Männer in Schwarz gesehen hatte.

    Seine eigentliche Sitznachbarin schien diese Aufforderung jedoch übersehen zu haben und hockte auch weiterhin verbissen und regungslos auf ihren Knien und wirkte dabei dennoch stolz und geradezu elegant. Marvin empfand viel Bewunderung für den Mut der Frau, doch die Männer in Schwarz griffen hart durch, umkurvten die Sitzreihe und gingen von zwei Seiten auf die wilde Schönheit zu.

    Zu zweit ergriffen sie jeweils einen Arm der widerspenstigen Frau und zerrten sie grob in die Höhe, um sie dann grob auf ihren Sitzplatz zu stoßen. Im Gesicht der grob behandelten Dame zuckte es kurz, doch sie war viel zu stolz, als dass sie gegen dieses Vorgehen nun vehement protestiert hätte und ignorierte die für sie wertlosen Männer in Schwarz auch weiterhin. Stumm sank sie in ihrem Stuhl zurück und blickte das Regierungsoberhaupt böse an.

    Dieser erwiderte ihren Blick mit einem widerwärtigen Lächeln und gab auch sonst keinen einzigen Kommentar zu dem Prozedere ab. Er tat geradezu so, als ob nichts geschehen wäre und sie alle nun einem ganz besonderen erfreulichen Ereignis beiwohnen dürften. In diesem Moment verklang auch die majestätische Hymne endlich, die Marvin schon in den Ohren geschmerzt hatte.

    So erhielt er immerhin nun eine Antwort auf seine unzähligen Fragen, mit denen er sich schon seit geraumer Zeit den Kopf zermartert hatte. Doch was er nun erfuhr, ließ ihn nicht nur ungläubig erstarren; er wünschte sich im Nachhinein sogar, dass er niemals eine Antwort auf seine nicht gestellten Fragen bekommen hätte.

     

                                                                            *

     

    „Meine lieben Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass Sie allesamt erschienen sind um einem – sagen wir mal – geradezu historischen und ehrvollen Ereignis beiwohnen zu dürfen!“, begrüßte das Regierungsoberhaupt seine Gäste theatralisch und in unglaublich gekünstelter Sprache.

    Marvin empfand es als blanken Hohn, dass das Regierungsoberhaupt ihre grobe Eskortierung leichtfertig als einfaches und selbstverständliches Erscheinen darstellte.

    Er empfand den Sprecher vom ersten Moment an als unsympathisch und alle Vorurteile, die er zuvor gegen ihn gehegt hatte, schienen sich schon jetzt negativ zu bestätigen. Er musterte das, was er von dem Sprecher überhaupt sehen konnte sehr eindringlich und nahm es wie ein Schwamm in sein fotografisches Gedächtnis auf.

    Das sogenannte Regierungsüberhaupt war sehr klein gewachsen, hatte kurzes, graues Haar, trug eine dicke, lächerlich wirkende Hornbrille und hatte ein sehr rundliches und gerötetes Gesicht, das Marvin an ein fettes Ferkel erinnerte. Die Stimme des Mannes troff vor Hohn und Unehrlichkeit, seine Gesten waren überladen und theatralisch. Sein majestätisches Gehabe passte nicht so recht zu der düsteren Bunkerwelt und er wirkte irgendwie wie ein Relikt aus längst vergangenen Tagen. So wie ihn hatte sich Marvin früher immer überhebliche römische Kaiser vorgestellt. Es fehlten nur der Lorbeerkranz und die Toga.

    Ein kurzer Seitenblick zeigte Marvin, dass der dünne Junge mit offenem Mund ungläubig den Sprecher anstarrte, während seine Sitznachbarin weiterhin verächtlich dreinblickte.

    „Wie Sie sicherlich allesamt wissen, bin ich Adolf-Josef Glückberg, das Regierungsoberhaupt, der politische Führer und Koordinator des sozialen Alltags der Bunkersiedlung der ehrenvollen deutschen Bundeshauptsstadt Berlin. Seit nunmehr über neun Jahren leite ich die Geschicke dieses hochmodernen Bunkersystems, das unsere neue und sichere Heimat geworden ist nach den großen Katastrophen im Dezember 2012.“, fuhr das Oberhaupt mit stolzgeschwellter Brust fort.

    Marvin warf sich noch einmal die schrecklichen Vorkommnisse des angesprochenen Datums ins Gedächtnis. Insgesamt vier große Unglücke hatten zu einem radikalen Umsturz des Planeten und des bisherigen Lebens der Weltbevölkerung geführt. Es war in dem angesprochenen Monat zu einer entsetzlichen Kettenreaktion von Unglücken gekommen.

    Zunächst hatten sich die Vereinigten Staaten von Amerika nach vermehrten Drohgebärden aus Teheran gegenüber der westlichen Welt, aber vor allem auch Israel, dazu entschlossen, sich unter dem frisch gewählten Präsidenten über die Friedensbemühungen und diplomatischen Verhandlungen der Vereinten Nationen und der Europäischen Union hinwegzusetzen und dem Land den Krieg zu erklären. Am vierten Dezember waren amerikanische Gruppen über die Grenzen des Iraks und Afghanistans im Iran einmarschiert und wurden nur einen Tag später mit Nuklearwaffen attackiert, die Millionen Menschenleben gekostet hatten. Die Amerikaner ließen diesen Angriff nicht auf sich sitzen und hatten nur zwei Tage später zwei hochmoderne Atombomben über dem Land des Kriegsgegners abgeworfen, die erste über Maschhad im Osten, die zweite nur wenige Stunden später über der Hauptstadt Teheran selbst. In wenigen Stunden waren mehrere Millionen Menschen gestorben und die Nuklearwaffen hatten ein desaströses Chaos angerichtet und einen gesamten Lebensraum zerstört und verseucht.

    Am elften Dezember war es dann an einem anderen Ort der Welt zum Eklat gekommen. Die ohnehin schon kritische Situation zwischen dem immer mehr schwächelnden Nordkorea auf der einen Seite, sowie Südkorea und Japan auf der anderen Seite, die eine Art Allianz gegen das stalinistische Regime geformt hatten, war dadurch eskaliert, dass die Vereinigten Staaten von Amerika sich auf einen anderen Gegner konzentrieren mussten und das unter Druck gesetzte nordkoreanische Regime darin seine einzige Befreiungsmöglichkeit sah, gleichzeitig nach dem radikalen Eingriff des westlichen Gegners im Iran aber auch von Furcht geleitet war. Sie feuerten nicht nur Langstreckenraketen bis nach Alaska ab, sondern griffen auch Tokio und Osaka, sowie mehrere Orte im Bruderstaat Südkorea an, der unter seiner konservativen Regierung nicht mehr bereit gewesen war überhaupt mehr ernsthafte diplomatische Verhandlungen mit Nordkorea zu führen. Da zudem der nordkoreanische Diktator gesundheitlich geschwächt war, hatte sich eine Militärjunta gebildet, die das Desaster zu verantworten und die politische Macht an sich gerissen hatte. Der Diktator selbst war nur zwei Tage nach diesen Angriffen verstorben. Die diversen Kriegshandlungen hatten sich auch dort hochgeschaukelt und am Ende war die gesamte koreanische Halbinsel geradezu dem Erdboden gleichgemacht worden. Sogar Russland und China hatten in den Konflikt, der sie als Nachbarländer natürlich auch nicht unwesentlich betraf, eingegriffen und Nuklearwaffen verwendet.

    Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte dann aber ein erneuter Konflikt im Gaza-Streifen. Nach mehreren Drohungen und terroristischen Anschlägen hatte Israel am zwanzigsten Dezember die gesamten palästinensischen Autonomiegebiete mit nuklearer Waffengewalt eingenommen, woraufhin sich der Libanon und Syrien zusammengetan hatten, um Israel einzunehmen. Auch hier waren Nuklearwaffen verwendet worden, bis Israel in größter Existenzangst einen Tag später ebenfalls eine Atombombe gezündet hatte um Beirut anzugreifen. Dies war der atomare Todesstoß für die Welt gewesen, so wie man sie bis dahin noch gekannt hatte.

    Alle drei Kriege befanden sich in dem Moment in Pattsituationen, kein Land hatte wirklich einen Sieg erzwingen können, doch der Planet Erde hatte dem dritten großen Krieg innerhalb von nicht einmal drei Wochen nicht mehr Stand halten können.

    Es gab radikale Temperaturumstürze, die gesamte Nordhalbkugel und besonders der asiatische Raum waren nuklear verseucht, sodass sich innerhalb von nur wenigen Stunden die Regierungen und wenige auserwählte oder glückliche Bürger in Schutzbunker zurückziehen durften. Die Menschen hatten es entgültig geschafft die Problematik der Klimaerwärmung durch den Einsatz von Nuklearwaffen auf die Spitze zu treiben. Es gab schwere Naturkatastrophen, ganze Landstriche wurden vom Meer verschluckt, ganze Städte durch Erdbeben oder Tornados ausradiert, bevor der Prozess innerhalb von nur wenigen Stunden geradezu apokalyptische Formen angenommen hatte. Eine neue, rasante Eiszeit war über den gesamten Planten hereingestürzt und hatte das Antlitz der Erde komplett verändert. Es war eine Art natürliche Schutzreaktion der Natur auf die jahrzehntelange Misshandlung des Planeten durch den Menschen.

    Die überlebenden Experten hatten vorausgesagt, dass die Erde frühestens in fünfzig Jahren wieder besiedlungsfähig sei. Seit Dezember 2012 hatte sich öffentlich kein Mitglied der Bunkerzivilisation in Berlin mehr an die Erdoberfläche gewagt, denn selbst die besten Strahlenanzüge hatten den widrigen Bedingungen nicht Paroli bieten und den Menschen schützen können. Alle Stromnetze, Trinkwasserversorgungen und ähnliche Dinge waren völlig zerstört und verseucht worden. Die Bunkerzivilisationen lebten praktisch nur noch von den vorzeitig zusammengetragenen überlebenswichtigen Dingen, die jedoch in Deutschland beispielsweise nur für etwas mehr als einen Prozent der Gesamtbevölkerung reichten.

    Seit nunmehr zehn Jahren gab es in Deutschland drei Bunkerkolonien in Berlin, München und Köln, die allesamt nicht mehr das Tageslicht erblickt hatten. Man munkelte gar, dass sich eine dicke, graue Wolkenschicht um den Planeten gelegt hatte und die Sonne diese Schicht kaum durchdrang. Man vermutete, dass die schlimmste Zeit der rasantesten Eiszeit aller Zeiten bereits überstanden war, doch niemand konnte genau sagen, wie der Planet noch aussah.

    All diese bedrohlichen Tatsachen schossen Marvin durch den Kopf und als er an diesen Horror dachte, empfand er es als puren Sarkasmus, dass sein Gegenüber von einer neuen und glorreichen Zeit zu sprechen schien. Verbittert fragte sich Marvin wie jemand so stolz sein konnte der provisorische Herrscher einer heruntergekommenen und desolaten Bunkerkolonie zu sein.

    Ein Seitenblick auf seine Sitznachbarin bewies ihm, dass sie genauso dachte und verächtlich schnaubte. Scheinbar waren die beiden sich doch nicht so verschieden. Marvin konnte sich durch diesen Gedanken wenigstens ein wenig ablenken und lächelte zum ersten Mal seit vielen Tagen wieder einmal, bevor die Rede des Regierungsoberhauptes ihn grob aus seiner schönen Illusion riss.

    „Auch wenn die Entwicklung unserer Bunkerkolonie planmäßig und vorbildlich verläuft und wir im Grunde nicht auf fremde Hilfe angewiesen sind, so wollen wir dennoch wieder diplomatische Verhandlungen mit anderen Kolonien aufnehmen, damit diese von unseren Fortschritten profitieren können und wir gemeinsam und unter unserer besonderen Führung natürlich eine neue Weltordnung und eine neue ruhmreiche Zivilisation aufbauen werden.“, verkündete Glückberg großspurig und im Brustton der Überzeugung.

    Jetzt wurde Marvin doch noch hellhörig. Was bedeutete der Hinweis auf die diplomatischen Verhandlungen und die neue Weltordnung? Hatte dieser Bunker etwa doch Kontakte zu anderen Bunkern oder Überlebenden des großen Katastrophenjahres? War die Erde mittlerweile möglicherweise wieder zivilisierbar? Gab es Anzeichen einer Besserung und eines Endes des schmachvollen und trostlosen Lebens unter der Erde? Was aber hatte er bloß damit zu tun?

    Adolf-Josef Glückberg genoss die erhöhte Aufmerksamkeit seiner drei Gäste sichtlich und blickte sich zufrieden nickend um. Er machte es besonders spannend, legte eine längere Kunstpause ein und verknotete seine dicken Wurstfinger zu absonderlichen Figuren und Spielereien. Sein dickes Doppelkinn reckte er stolz in die Lüfte und fuhr beifallheischend fort.

    „Ein solches Projekt, wie ich persönlich es entworfen habe, ist absolut revolutionär und wird die Geschehnisse auf diesem Planeten bis in alle Zukunft verändern. Ich habe mich dazu entschlossen vier Personen auszuwählen, die sich im Namen unserer Bunkerkolonie nach Straßburg zum Sitz der Europäischen Union aufmachen. Die dortigen Bunkeranlagen waren vor dem Unglück als Treffpunkt der wichtigsten europäischen Staaten für die Zeit nach der Apokalypse vereinbart worden. Von dort aus wird man versuchen die Geschicke des Kontinents und der ganzen Welt mit neuen Strukturen und Richtlinien zu leiten, um unseren Planeten neu zu gestalten und ihn wieder zivilisationsfähig zu machen. Je früher wir dort eintreffen, desto mehr können wir bereits grundlegend Einfluss auf die Zukunft nehmen und als Vorbilder für die anderen Bunkerkolonien auftreten. Man wird uns mit ewiger Dankbarkeit begegnen und wir werden in die Geschichtsbücher eingehen als neue Helden, die etwas Prachtvolles aus den Trümmern der Welt geformt haben!“, schwärmte der Regierungschef mit leuchtenden Augen und großen Gesten.

    So wahnsinnig und überspitzt Marvin diese Äußerungen auch fand, so betrachtete er die eigentliche Kernidee, die Zusammenarbeit der europäischen Bunkerkolonien nach dem Unglück, als eine sehr wertvolle. Doch ihm schwante plötzlich Übles und siedend heiß fiel es ihm wie Schuppen vor die Augen, warum gerade seine zwei Begleiter und er an dieser Stelle saßen und sich die heroische Rede anhören mussten.

    Plötzlich brach Marvin der Schweiß aus, er fing vor Erregung und Angst an zu zittern und schüttelte langsam und unwillig den Kopf. Krampfhaft griff er nach seiner Stuhllehne, sodass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Bei seiner Sitznachbarin war der Groschen offenkundig noch nicht gefallen, denn sie blickte ihren nervösen Nachbarn verständnislos an und schüttelte mitleidig den Kopf.

    Der dünne und eifrige junge Erwachsene neben ihr hatte allerdings auch bereits erahnt, worauf ihr Regierungsoberhaupt hinauswollte und sein fiebriger Blick traf den von Marvin, der unruhig auf seiner Sitzfläche hin und her rutschte. Plötzlich trat ein Mann in Schwarz an seine Seite und drückte ihm grob den Ellbogen in die Rippen, sodass Marvin zusammenzuckte, vor Schmerz in der Seite das Gesicht verdrehte und plötzlich wieder kerzengerade saß und starr nach vorne blickte, wo Adolf-Josef Glückberg inzwischen schon ungeduldig mit seinen Fingern auf seinem Rednerpult getrommelt hatte und nun mit einem dämlichen Lächeln Marvin zunickte und mit seiner Rede nach der ungewollten Unterbrechung mit einem Räuspern fortfahren konnte.

    „Aus diesem Grunde habe ich vier Personen auserwählt, denen es obliegt als erste Vertreter dieses Bunkers wieder die Oberfläche des Planeten zu betreten und in meinem Namen die Interessen unserer Kolonie zu vertreten. Der Weg nach Straßburg ist weit und lang, aber wir werden die vier Erwählten mit den nötigen, hochentwickeltsten und revolutionärsten Gerätschaften ausstatten. Nun fragen Sie sich sicherlich, warum ich gerade Sie auserwählt habe.“; bemerkte Glückberg und grinste dabei selbstgefällig und zufrieden. Langsam wandte er sich zunächst Marvin zu und blickte ihn kurz über den Rand seiner übergroßen Brille hinweg an.

    „Herr Marvin Brinkmann, Sie habe ich schon lange beobachten lassen und Sie waren meine erste Wahl. Ich hoffe Sie wissen mit dieser Ehre und Verantwortung umzugehen und ich erwarte zudem, dass Sie meinen Erwartungen voll und ganz entsprechen.“, bemerkte Glückberg in feierlichem Ton, doch sein böser und warnender Unterton blieb Marvin nicht verborgen und jagte ihm eiskalte und schreckliche Schauer über den Rücken. Er nickte hastig und atmete tief durch und bemühte sich verkrampft seine Fassung zu wahren und emotionslos zu wirken.

    Glückberg lächelte ihm vieldeutig zu, bevor er nach einer quälend langen Kunstpause endlich fortfuhr.

    „Ich habe Sie auserwählt, weil Sie zum Einen eine sehr athletische Figur haben und zu den stärksten Männern der Kolonie gehören und weil Sie, wie auch ihr Vater, ein kritischer und energischer Mensch sind. Diese Qualitäten werden Ihrer Gruppe und Ihnen selbst draußen in der anarchischen Wildnis das Überleben sichern.“, betonte Glückberg mit einem energischen Nicken und lächelte den Angesprochenen überheblich an, sodass Marvin sofort wieder Zweifel an der Ehrlichkeit dieser Worte kamen.

    Marvin vermutete viel eher, dass der Regierungschef seine Kandidaten aus anderen Gründen auserwählt hatte – er wollte die drei unliebsamen Bürger loswerden und sie ins kalte Wasser werfen. Marvin vermutete, dass Glückberg ihn auf Grund seines Vaters als gefährlich einstufte und eine Entfernung des Sohnes aus der Gesellschaft würde diese Gefahr und auch den Willen und Einfluss des Vaters enorm mindern.

    Marvin warf einen unsicheren Seitenblick auf seine beiden Begleiter, die dem Braten ebenfalls nicht zu trauen schienen. Die junge Dame neben ihm war offensichtlich sehr rebellisch, hitzig und ließ sich von niemandem einschränken und unterwerfen und war somit in dem System der Bunkerregierung ebenfalls ein ständiger Gefahrenherd.

    Was den dürren jungen Mann mit der Brille anging, so vermutete Marvin, dass dieser sehr belesen und intelligent war und die geistigen Fähigkeiten besitzen konnte, um die restliche Bevölkerung gegen die Männer in Schwarz und den Regierungschef aufzuwiegeln.

    In diesen Momenten leuchtete Marvin der hinterhältige Plan seines Gegenübers ein und ihm war bereits klar, dass er alles versuchen würde, um diese als Mission getarnte Verbannung abzulehnen. Er wollte definitiv nicht das Versuchskaninchen für die neue Regierung spielen, egal wie sehr man ihm nun auch zusprach und ihn rühmte. Vielleicht hatte er zwar an der zerstörten Erdoberfläche eine geringfügige Überlebenschance, doch niemand wusste, was ihn erwarten würde und er war nicht bereit sein Leben für das angebliche Wohl der Kolonie zu geben.

    Marvin versteifte sich und blickte dem gestenreichen Sprecher starr entgegen, doch dieser erwartete keinen Kommentar oder Widerspruch, sondern hatte sich bereits an die zweite Person gewandt, die er nun ebenfalls in fast schon großväterlichem Ton ansprach.

    „Sie, Frau Valeria Hagen, habe ich auserwählt, weil sie eine Kämpfernatur sind. Wenn Sie sich etwas in den Kopf gesetzt haben, dann kann nichts und niemand Sie stoppen. Sie sind ein generell misstrauischer und kritischer Zeitgeist und lassen sich nichts vormachen. Solche Leute brauchen wir unbedingt für solch wichtige Missionen wie diese. Auch Sie werden Geschichte schreiben.“, verkündete Glückberg mit fiebrigem Blick und großen Worten und wartete auch hier nicht auf die Reaktion der angesprochenen wilden Schönheit.

    Marvin betrachtete das starre und emotionslose Gesicht seiner Sitznachbarin. Immerhin wusste er schon einmal ihren Namen. Er wiederholte ihn gedanklich einige Male und ertappte sich dabei, dass er ihn schön und wohlklingend fand. Die rassige, aber kalte Dame warf ihm einen vernichtenden Seitenblick aus zusammengekniffenen Augenschlitzen zu und Marvin blickte mit einem leichten Lächeln vor sich auf den edlen Boden, der doch irgendwie trostlos wirkte.

    In diesem Moment hatte sich Adolf-Josef Glückberg auch schon der dritten Person im Bunde zugewandt, die viel nervöser wirkte und unruhig an ihren Fingernägeln kaute. Ihre flache Brust hob und senkte sich unter tiefen und keuchenden Atemstößen.

    „Sie, Herr Justus von Karpfingen, habe ich ausgewählt, weil Sie ein unglaublich fleißiger und intellektueller Mensch sind. Sie sprechen immerhin sieben verschiedene Sprachen und haben mit ihren Eltern in ihrer Jugend ungemein viele Länder besichtigt. Sie werden für die Kommunikation zwischen unserer Bunkerkolonie und den Vertretern der anderen Kolonien verantwortlich sein. Ihre Diplomatie ist in solch einer zerstörten und feindlichen Welt von größerer Bedeutung denn je.“, begründete Glückberg mit schmieriger Stimme und falschem Lächeln auch seine dritte Wahl, während Justus sich hektisch verbeugte, nervös mit den Augen zwinkerte und sich schließlich seine Brille zurechtschob.

    Der kleine, korpulente Mann am Rednerpult war verstummt und ließ die Worte wirken, während er die drei Auserwählten unter ihm kritisch musterte und jede Bewegung von ihnen mit seinen wachen Augen sofort zu registrieren schien.

    Marvin rauschte der Kopf. Er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen, doch er spürte, dass er sich noch unwohler und ängstlicher in seiner Haut fühlte, als noch kurz zuvor, wo er ohne Begründung in den gigantischen Tagungssaal geführt worden war. Er fragte sich mit nagender Nervosität, wer von ihnen nun das drückende Schweigen brechen sollte.

    Marvin hatte fast schon seinen Respekt und seine innere Angst überwunden und sich dazu entschlossen mit festen Worten die Mission dankend abzulehnen, als sich das Regierungsoberhaupt plötzlich wieder selbst laut und unvermittelt zu Wort meldete.

    „Sehr schön! Sie werden sich nun sicherlich fragen, wer auf dem verbliebenen, letzten Stuhl Platz nehmen und an der Mission teilnehmen wird. Aber auch diese Frage wird nun geklärt.“, erläuterte Glückberg selbstgefällig und wedelte wild mit seiner linken Hand, woraufhin sich mit einem mechanischen Surren eine weitere Tür in einem der langen Gänge hinter ihm öffnete.

    In einem diffusen Licht sah Marvin die Konturen eines kleinen, muskulösen Mannes, der kurz verharrte und auf das dumpfe Einrasten der Türflügel wartete, bevor er sich fast provozierend langsam in Bewegung setzte. Jedoch steuerte die Person nicht etwa den letzten Stuhl an, sondern nahm den Weg auf das kleine Podium, wo Glückberg feixend wartete, die langsam herantrottenden Person stürmisch in Empfang nahm, sie auf das Podium zerrte und grob auf ihre Schulter klopfte.

    Marvin betrachtete das unwillig verzogene Gesicht des Neuankömmlings eingehend. Der junge Mann, der wohl etwa in seinem eigenen Alter war, hatte ein rundliches, leicht gerötetes Gesicht und wirkte vom ganzen Körperbau her sehr grob und kräftig. Seine dunklen Augen wirkten kalt und abschätzig, wie auch seine ganze Körperhaltung. Sein Haar war kurz und zackig geschnitten und wirkte ebenso überkorrekt hergerichtet wie der schwarze Anzug, den er trug. Damit stand er im ziemlichen Gegensatz zu dem Erscheinungsbild der anderen drei Missionsmitglieder, die den Umständen entsprechend relativ ungepflegt wirkten und ältere Kleidungsstücke tragen mussten.

    Marvin hatte sofort einen Verdacht, als er diese Person vor sich sah und dieser bestätigte sich auch schon, als Adolf-Josef Glückberg den vierten Teilnehmer mit stolzgeschwellter Brust vorstellte.

    „Dies, meine Damen und Herren, ist mein jüngster Sohn, Nikolas Friedrich Ephraim Glückberg. Er ist der älteste Teilnehmer von euch und wird diese Mission leiten und anführen. Er verfügt über alle nötigen Pläne und ist bereits im Voraus für diese Mission geschult worden. Ich rate Ihnen dazu mit ihm zu kooperieren und seinen Anweisungen nicht zu widersprechen, denn er wird ständigen Kontakt mit unserem Bunker halten und als meine rechte Hand fungieren. Wer also die Leichtfertigkeit wagen sollte die Mission zu boykottieren oder sich unerlaubt abzusetzen, kommt automatisch auf die Abschussliste und wird zum Staatsfeind Nummer eins deklariert. Haben wir uns da verstanden?“, fragte Glückberg mit bebender Stimme und drohendem Unterton.

    Marvin reagierte ebenso wenig wie Valeria, aber Justus nickte stumm und devot, sodass der Sprecher eine zufriedene Miene machte. Glückberg wollte gerade seine Erläuterungen fortführen, als Valeria plötzlich blitzschnell von ihrem Stuhl sprang, sodass die Männer in Schwarz erschrocken und geschäftig zu ihr eilten und ihre Arme packten. Davon ließ die wilde Schönheit sich aber nicht einschüchtern, sondern richtete ihre Worte direkt gegen das verduzte Regierungsüberhaupt, das sich allerdings nur kurz überrascht zeigte und danach wieder mitleidig und überheblich lächelte.

    „Was passiert, wenn wir diese Mission ablehnen? Ich habe nicht vor meinen Kopf für Ihren pseudodiplomatischen Schachzüge hinhalten zu müssen!“, begehrte Valeria auf und bekam von einem der Männer in Schwarz einen groben Tritt in die Kniekehle, sodass die junge Dame fluchend in die Knie ging und das Gesicht vor Schmerz verzog, ohne dass jedoch ein Laut der Klage über ihre Lippen drang.

    „Eine Ablehnung dieser Mission würde ich Ihnen gewiss nicht ans Herz legen. Sagen wir es einmal so: In Folge gewisser Entscheidungen könnten wir für die Sicherheit gewisser Mitglieder Ihres Freundes- oder Familienkreises nicht mehr garantieren.“, gab Glückberg mit kalter und triumphierender Stimme zurück.

    „Das kann doch nicht sein! Sie bluffen!“, meldete sich plötzlich auch Justus nervös stotternd zu Wort, doch Marvin wusste direkt mit untrüglicher Sicherheit, dass Glückberg sie nicht angelogen hatte und zu jedem Schritt bereit wäre, um seine Ziele durchzusetzen.

    Höhnisch wandte der Regierungschef sich auch prompt zu Justus um und wies theatralisch auf die übergroße Leinwand in seinem Rücken.

    „Sie glauben mir nicht? Dann erfreut es mich sehr Sie vom Gegenteil zu überzeugen, bitte schön!“, höhnte Glückberg und wie auf ein unsichtbares Signal wurde das künstliche Licht im Saal plötzlich gedämmt und drei hochkant gestellte Videoaufnahmen wurden auf die Leinwand projiziert.

    Marvin zuckte zusammen, als er realisierte, was ihm dort gezeigt wurde. Die drei Aufnahmen wurden vermutlich von Überwachungskameras gedreht und zeigten drei verschiedene enge und dreckige Zellen, die allesamt einen Insassen hatten.

    Ganz rechts erkante Marvin einen hageren, hochgewachsenen Mann mit Brille, den er als einen der Bibliothekare identifizierte. Er konnte sich grob daran erinnern, dass dies der Onkel von Justus war, der dort verloren und ängstlich in einer Ecke hockte und sich nervös umblickte. Die Aufnahmen in der Mitte der Leinwand zeigten eine knapp bekleidete und durchaus attraktive Frau, die mit aller Wucht gegen die Zellentür schlug und offensichtlich ihre Wut aus sich herausschrie. Marvin brauchte nicht lange, um die offenkundigen Ähnlichkeiten mit Valeria Hagen zu identifizieren.

    Am meisten erschreckte Marvin aber die Aufnahme auf der linken Seite der Leinwand. Dort hockte regungslos und mit geschlossenen Augen eine hochgewachsene Person auf dem Boden, die er nur zu gut kannte. Der leicht ergraute Bart, die langen, grauen Haare und die kräftige Statur waren ihm nur allzu vertraut. Der Gefangene dort war sein eigener Vater!

     

                                                                            *

     

    Die Männer in Schwarz hatten Valeria, Justus und Marvin grob und erbarmungslos in einen der langen, dunklen Gänge geführt, während Adolf-Josef Glückberg und sein Sohn den Abschluss der Gruppe bildeten und zuletzt in den Gang getreten waren. Das böse, triumphierende Lächeln wirkte wie in das Gesicht des erbarmungslosen Regierungsoberhauptes gemeißelt.

    Marvin beobachtete die Reaktionen seiner Schicksalsgefährten. Er selbst fühlte sich leer und von stiller Wut gepackt, während Justus seine Tränen nicht hatte zurückhalten können und müde und gebeugt mit flachen Schritten über den Boden schlurfte und mehr als einmal einen groben Stoß der Männer in Schwarz in den Rücken bekam.

    Valeria reagierte jedoch völlig anders. Zu viert hatte man sie gepackt und stieß sie ruckartig vorwärts, während die kämpferische Dame immer wieder versuchte sich aus den Umklammerungen zu lösen und wild um sich trat und schlug. Abgesehen von einem weitaus langsameren Bewegungsablauf erzielte sie damit jedoch überhaupt kein Ergebnis, denn die Männer in Schwarz steckten die Schläge und Tritte wortlos ein und ließen niemals locker.

    „Ihr dreckigen Bastarde! Ich schwöre euch bei Gott, dass ich eines Tages Mittel und Wege finden werde, um mich für diese Schmach zu rächen. Irgendwann wird meine Stunde kommen, das könnt ihr mir glauben, ihr hirnlosen Maschinen! Zu viert müsst ihr mich bändigen. Memmen seid ihr, keine Männer mehr!“, schrie sie vor Wut und Speichel sprühte von ihren Lippen.

    Inzwischen waren Marvin und seine Begleiter an ein solides, metallisches Tor gekommen, dass durch einen Zahlencode gesichert war, den man in einem kleinen Computer in der Wand eingeben musste. Zusätzlich musste einer der Männer in Schwarz sich durch einen Retinascanner prüfen lassen und dann mussten sie zu zweit zeitgleich jeweils einen Knopf an der linken und an der rechten Seite der Tür drücken, bevor der Zugang mit einem zischenden Geräusch aufsprang und die Türhälften in die Wände glitten und fast spurlos verschwanden.

    Marvin und seine Leidgenossen kamen in einen langen Gang, der von allen Seiten mit Spiegeln umgeben war und in dem es irgendwie klinisch roch. Marvin packte ein leichtes Schwindelgefühl, als er seine vielen Spiegelbilder sah, die sich alle gleichzeitig anders zu bewegen schienen und er schloss verkrampft die Augen, während er einen derben Stoß in den Rücken bekam.

    Hinter ihm folgten seine beiden Mitstreiter, sowie das Regierungsoberhaupt und sein Sohn,. Hinter ihnen schloss sich der Durchgang wieder automatisch. Vermutlich wurde hier mit Kameras gearbeitet. Marvin hatte sich schon immer gefragt, wo in dem großen Bunkernetz sich die gigantische Überwachungszentrale befinden könnte.

    Wo aber wurde er selbst nun hingeführt? Was hatte man mit ihnen vor? Wollte man sie jetzt auch einsperren oder führte man sie bereits zu einer Schleuse, um sie ungeschützt auf die Erdoberfläche zu drängen?

    Die Antwort auf seine Fragen lag hinter einem scharfen Linksknick des Ganges, wo endlich auch keine Spiegel mehr vorhanden waren. Hier befand sich nur noch ein durchsichtiger Durchgang aus Plexiglas, den zwei Männer in Schwarz öffnen mussten, indem sie zeitgleich jeweils einen längeren Zahlencode in zwei kleine Computer eingeben mussten. Surrend schwang der Durchgang auf und Marvin erkannte jetzt detaillierter, was er zuvor schon erahnt hatte.

    Er befand sich offensichtlich im Forschungszentrum der Bunkerkolonie!

    Mit großem Erstaunen blickte sich Marvin in diesem riesigen Komplex um. Der Raum war rund und besaß gut und gerne einen Durchmesser von zehn Metern. An jedem neunzigsten Grad befand sich ein abzweigender Gang, der dem, aus dem er gerade selbst kam, aufs Haar glich. Viel erstaunlicher war aber die Höhe der Forschungszentrum, das sich ringartig über drei Etagen verteilte und gut und gerne fünfzehn Meter hoch war, bevor es durch eine milchige Kuppel begrenzt wurde.

    In der Mitte des Raumes, wo sich einige Tische voller Gefäße, Handschuhe und technischer Apparaturen befanden, liefen einige Männer mit weißen Kitteln und Schutzbrillen geschäftig umher. Einer von ihnen hatte eine Liste unter seinen Arm geklemmt und bemerkte die Ankömmlinge zuerst. Im schnellen Stechschritt bewegte er sich auf sie zu.

    Marvin beobachtete auch diesen Mann genauer. Er war hoch gewachsen, hatte ein hartes, knochiges Gesicht und starre, grüne Augen. Er war ordentlich rasiert, hatte sehr kurz geschnittenes Haar und trug eine eckige Schutzbrille, die er mit einer heftigen Bewegung abnahm.

    Marvin, Valeria und Justus beachtete er überhaupt nicht, sondern schritt wortlos an ihnen vorbei, um das Regierungsüberhaupt mit einem herzhaften, aber kurzen Händedruck zu begrüßen. Dabei präsentierte der Mann sich nicht unterwürfig und verlor auch keine Zeit mit irgendwelchen Formalitäten.

    Stattdessen wandte er sich steif um und wies knapp auf Marvin und seine Begleiter.

    „Das sind die Auserwählten von denen Sie gesprochen haben?“, fragte er knapp und musterte die Angesprochenen dabei überaus abschätzig.

    „In der Tat, Herr Doktor Liebrecht. Zeigen Sie den Herrschaften doch bitte sehr, was Sie an Ausrüstungsmaterialien für Sie bereit gestellt haben.“, forderte Glückberg sein Gegenüber auf und gab seinen Worten einen übertrieben feierlichen Klang.

    „Hoffentlich sind diese Halbwüchsigen die ganze Arbeit wert gewesen.“, knurrte Doktor Liebrecht und drehte sich zackig um. Mit einer herrischen Handbewegung forderte er die hinter ihm stehenden Personen auf ihm zu folgen.

    Einer der Männer in Schwarz verpasste Marvin einen kräftigen Stoß in den Rücken, um die grobe Aufforderung des Doktors zu unterstreichen. Mit zusammengekniffenen Lippen und zornesrotem Gesicht setzte sich Marvin notgedrungen in Bewegung. Er wusste längst, dass jeder Widerstand zwecklos war. Dies schien sogar Valeria mittlerweile eingesehen zu haben, denn sie verhielt sich mittlerweile ruhig, auch wenn in ihrem Gesicht mehr als deutlich geschrieben stand, wie sehr sie sich gegen die aktuellen Vorgänge sträubte. Justus hingegen trottete niedergeschlagen vorneweg.

    Der Doktor führte die Anwesenden hinter eine aufklappbare Trennwand zur linken Seite des Raumes, wo sich ein großer Spind befand. Darin befanden sich vier weiße, klinisch saubere Ganzkörperanzüge mit schwarzen Atemmasken und kleinen Helmen. Daneben standen auf einer kleineren Ablage mehrere Sauerstoffflaschen. Marvin erinnerte die Ausrüstung am ehesten noch an die Ausstattung von Astronauten.

    Abrupt blieb der Doktor stehen und erläuterte in knappen und hart gesprochenen Sätzen die Funktion der Anzüge.

    „Diese Anzüge haben wir innerhalb der letzten sechs Monate minutiös für die bevorstehende Mission entwickelt. Sie sind gegen äußere Einwirkungen resistent, enorm belastungsfähig und stabil. Sie dienen dazu ihre Träger vor den widrigen klimatischen Umständen auf der Erdoberfläche effizient zu schützen, solange man pfleglich mit ihnen umgeht. Die Sauerstoffflaschen wirken zwar nicht sehr groß, doch mit ihnen kann man bei guter Dosierung über drei bis vier Wochen hinweg mit frischer und klarer Luft versorgt werden, da die verstrahlte und verseuchte Luft auf der Erdoberfläche jedem erhebliche Schäden zufügen würde. Über die Mikrofone in den Helmen kann man durch einen einfachen Stimmbefehl mit den anderen Trägern und der Bunkerzentrale kommunizieren. Gehen Sie sorgsam damit um. Wenn Sie diese wunderbaren Anzüge fahrlässig beschädigen würden, könnte dies ernsthafte Konsequenzen haben.“, betonte Doktor Liebrecht und blickte schon jetzt grimmig auf die drei Auserwählten wider Willen, so als ob sie bereits eine solche Schandtat begangen hätten. Lediglich dem privilegierten Sohn des Regierungschefs nickte er streng, aber wohlgesonnen zu.

    „Sehr schön. Was haben Sie sonst noch für uns?“, fragte Glückberg senior mit süffisantem Lächeln und geheucheltem Interesse.

    Der Doktor warf ihm einen leicht grimmigen Blick zu, da er den ironischen Unterton bemerkt hatte, doch er wandte sich stumm um. Er bewegte sich auf einen langen Tisch zu, der quer an der Seite stand. Darauf befanden sich vier übergroße Rucksäcke, von denen er einen demonstrativ ergriff.

    „Hier befindet sich die Ausrüstung für den Außeneinsatz. Jeder bekommt einen Kanister mit fünfzehn Litern Wasser. Das wird natürlich viel wiegen, doch wir gehen davon aus, dass die Flüsse und Bäche dort draußen verstrahlt sind und es sehr ungesund wäre das Wasser von dort zu nehmen. Auch Regenwasser ist mit Vorsicht zu genießen, denn es hat sich eine gigantische, kreisförmige Wolke aus Staubpartikeln und Abgasen um unsere Ozonschicht gelegt und jedes Mal, wenn es regnet, enthält das Wasser Teile dieser giftigen Stoffe. Sie sollten daher äußerst sparsam und vorsichtig mit den Ressourcen umgehen.“, bemerkte der Doktor mit ernster und grimmiger Miene.

    „Es wird Ihnen also gar nichts Anderes übrig bleiben, als so schnell wie möglich den Kontakt mit anderen Bunkerkolonien und vor allem der europäischen Kolonie in Straßburg zu suchen. Sollten Sie sich absetzen oder fliehen wollen, so werden Sie mit den Vorräten vermutlich nicht weit kommen und einen qualvollen Tod sterben. Das wollen Sie sich und uns doch sicherlich ersparen, nicht wahr?“, fragte das Regierungsüberhaupt mit gespielter Freundlichkeit und gab seiner Stimme einen herabwürdigenden Klang, so als ob er mit kleinen, dummen Kindern reden würde. Um diese Provokation noch zu unterstreichen näherte er sich Valeria und tätschelte väterlich ihre Wange. Die junge Deutsche verzog angewidert ihr Gesicht und wich rasch mit einigen schnellen Schritten zur Seite.

    Auch Marvin ballte bevor Wut die Hände zu Fäusten und seine Wut auf den Regierungschef wuchs von Sekunde zu Sekunde. Wie hatte es ein solch misanthropischer und arroganter Mensch bloß ganz allein an die Spitze der Bunkerkolonie geschafft?

    Marvin erinnerte sich dunkel daran, dass die Kanzlerin es damals zur Zeit der großen Katastrophen nicht mehr rechtzeitig in den Bunker geschafft hatte, da sie vorher auf Staatsbesuch gewesen war. Der Bundespräsident hatte hingegen die Bedrohung bis zum Ende unterschätzt und am Ende den Freitod gewählt, da er die Welt so in Erinnerung behalten wollte, wie sie zu seinen Lebzeiten und vor der Apokalypse gewesen war. Somit waren nur relativ wenige ranghohe Politiker in die Bunkerkolonie gekommen. In den ersten Monaten hatte der stellvertretende Bundeskanzler die Rolle des Regierungsoberhauptes übernommen, doch hatte er dem Druck der Veränderung und dem ergebnislosen Ausharren unter der Erde nach anfänglichem kämpferischen Optimismus nicht mehr Stand halten können und sich nach vier Regierungsmonaten umgebracht. Danach war um die Spitze der Macht ein interner Kampf ausgebrochen und niemand wusste so genau, wie Glückberg es letztendlich bis ganz nach oben geschafft hatte, doch er hatte den internen Zwist für sich entscheiden können und politische Gegner mundtot gemacht. Niemand hatte ihn zuvor gekannt und es war nicht einmal bekannt, ob er vorher festes Mitglied in irgendeiner deutschen Partei gewesen war. Er hatte die Bevölkerung mit zwielichtigen, optimistischen Parolen animiert und mit unrealisierbaren Projekten verblendet, während er intern deutlich härter agiert hatte. Nach einigen Monaten war seine Macht gefestigt und bis heute hatte er sie sich nicht mehr nehmen lassen.

    Marvin atmete tief durch und fragte sich bange, ob solch ein grausames Schicksal sich in allen anderen Bunkerkolonien auch so oder ähnlich abgespielt haben könnte. Gab es für ihre Mission überhaupt noch Hoffnung? Würde sie in Straßburg derselbe Horror und dieselbe Perspektivlosigkeit erwarten? Marvin ertappte sich überrascht dabei, dass er sich mit der Mission doch langsam anfreunden konnte. Alles war für ihn besser, als weiterhin ängstlich und unterdrückt unter der Erde zu hausen. Die Menschen hatten auch nach der Katastrophe scheinbar nichts aus ihrer Machtgier und ihrem Größenwahn gelernt und Menschen wie Adolf-Josef Glückberg schienen sogar aufzuzeigen, dass es noch schlimmer werden konnte als zuvor. Marvin schwor sich verbissen, dass er alles versuchen würde, um die Menschen aus diesem Bunker eines Tages von ihrer Schmach zu befreien. Er malte sich bereits gedanklich die blutigsten Szenarien aus, in denen vor allem der widerwärtige Glückberg eine nicht unbeträchtliche Rolle spielte und erschrak vor seiner eigenen Courage und Skrupellosigkeit. Sollte er nicht gerade mit einem besseren Beispiel vorangehen und sich für den Frieden stark machen? Waren demokratische Werte jetzt nicht sogar mehr denn je von Nöten?

    Marvin dachte angestrengt nach, auch wenn sich dies kaum auf seinem Gesicht widerspiegelte und er der Gruppe weiterhin automatisch hinterher trottete. Er hatte es in den Jahren der Isolation gelernt seine Emotionen zu bändigen und nach außen hin völlig kalt und unnahbar zu wirken, doch in seinem Inneren sah es anders aus und seine ureigene Leidenschaft und sein gewaltiger Lebenswille ließen sich von nichts und niemandem kontrollieren. Marvin war auf beides gleichermaßen stolz.

    Er hörte den weiteren Ausführungen des Doktors nur halbherzig zu, doch seine Augen nahmen dafür die ihm präsentierten Gegenstände auf und speicherten sie präzise in seinem Gehirn ab. Marvin gefiel diese Rolle als stiller und aufmerksamer Beobachter, denn so konnte er sich von dem Gerede des Regierungschefs oder den unfreundlichen Seitenhieben des Doktors ein wenig erholen.

    „Wenn ich nun weiter machen dürfte, wäre ich Ihnen sehr verbunden.“, brummte Doktor Liebrecht gerade ungeduldig und wartete gar keine Antwort mehr ab, sondern förderte jetzt ein kleines, schwarzes Gerät mit flachem Display aus einem der Rucksäcke zu Tage.

    „Sie haben unsere vollste Aufmerksamkeit.“, flötete Glückberg fröhlich und warf Valeria einen unverschämten Blick zu.

    „Dieses Gerät ist ein hochfunktioneller Computer mit einem Akku, der über Jahre hinweg hält und sich durch Solarenergie problemlos wieder auflädt, ohne dass man ihn dafür aus dem Gehäuse entfernen muss. Hierin befindet sich beispielsweise ein GPS-System, das sich immer wieder erneuert und ihnen unterwegs sehr hilfreich sein wird. Sie können damit aber auch Texte aufzeichnen, die sie sich dann in Sekundenschnelle in eine beliebige Sprache übersetzen lassen. Ebenso können Sie per Mikrofon auf das Gerät sprechen und ein Computer wird in Sekundenschnelle ihre Worte in eine andere Sprache transferieren und den Text sogar mit Ihrer eigenen Stimme wiedergeben können. Zudem können Sie in der Suchfunktion jederzeit einen Begriff ins Mikrofon sprechen und der Computer wird Ihnen die wichtigsten Informationen dazu in Sekundenschnelle heraussuchen. Das sind die wichtigsten Funktionen, alles Andere können sie auf der systemintegrierten und interaktiven Bedienungsanleitung nachvollziehen.“, erläuterte Doktor Liebrecht und zum ersten Mal sah man in seinem harten Gesicht so etwas wie ein stolzes oder zufriedenes Lächeln.

    „Außerdem wurden auf dem Speicherchip des Gerätes wichtige Dokumente abgespeichert, die Sie in meinem Auftrag und im Namen unserer gesamten glorreichen unserer Kolonie, den Korrespondenten und Kollegen in Straßburg überspielen sollen.“, warf Glückberg noch schnell und mit mahnendem Zeigefinger ein.

    Doktor Liebrecht hatte inzwischen bereits ein weiteres Mal in einen der Rucksäcke gegriffen und förderte eine zylinderförmige Box zutage, die er mit einem einfachen Drehmechanismus öffnete. Das Innenleben bestand aus mehreren feinen Sensoren und kleinere Lampen und Drähten und sah ein wenig kompliziert aus.

    „Des weiteren finden Sie in ihrem Rucksack auch dieses nützliche Gerät. Wenn Sie einen Ihnen unbekannten Gegenstand finden, beispielsweise eine unbekannte Pflanzenart, eine Frucht oder irgendwelche Steine oder auch kleinere Tiere, dann können Sie diese Gegenstände hiermit durchleuchten und mehr über sie erfahren. So finden Sie beispielsweise heraus, ob eine Frucht giftig ist oder nicht oder ob eine bestimmte Flüssigkeit verseucht oder trinkbar ist. Gehen Sie davon aus, dass sich die Vegetation auf der Erdoberfläche innerhalb der letzten neun Jahre rasant verändert hat und Sie auf viele unbekannte Dinge stoßen werden.“, lehrte der Doktor sie und warf danach einen weiteren Blick in den Rucksack.

    „Sie sehen, meine Damen und Herren, dass unsere Bunkerkolonie in jeder Hinsicht fortschrittlich und den Herausforderungen der Zukunft gewappnet ist.“, warf Glückberg rühmend ein.

    Valeria verdrehte die Augen und konnte sich inzwischen wieder nur mit großer Mühe beherrschen. Justus hatte sich inzwischen jedoch ein wenig von seinen inneren Qualen und seiner devoten Niedergeschlagenheit erholt und nahm die Informationen des Doktors wohl als Einziger wissbegierig auf und musterte die angesprochenen Gegenstände sogar eingehend. Marvin fiel jedoch auf, dass die vierte Person im Bunde, Nikolas Friedrich Ephraim Glückberg, ein wenig abseits der gesamten Gruppe stand und weder sonderlich an den Erläuterungen des Doktors, noch an den überspitzten Parolen seines Vaters interessiert zu sein schien. Irgendwann bemerkte letzterer dies und winkte seinen Sohn mit herrischen Bewegungen näher an die Gruppe heran und flüsterte ihm mit strengem Blick irgendetwas harsch ins Ohr. Sein Sohn blickte seltsam ausdruckslos zu Boden und ließ den Sermon über sich ergehen. Nach einer Weile aber blickte er auf seine drei Mitstreiter und schien sich besonders für die einzige weibliche Begleiterin zu interessieren. Marvin spürte ein dumpfes Stechen in seiner Brust, als er den gierigen Blick des arroganten Jünglings bemerkte, als dieser die schöne Wilde mit seinen Blicken förmlich auszog. Sein Vater schien dies jedoch nicht zu merken und knuffte seinem Sohn gerade ungeduldig in die Seite, bevor er sich wieder steif dem nun ebenfalls ungeduldig blickenden Doktor zuwandte.

    In diesem Moment begegnete Marvin dem Blick des vierten Missionsmitgliedes. Aus dem Blick seines Gegenübers sprach Verachtung und Hohn und Nikolas nickte gar in Richtung der begehrenswerten Valeria. Hatte er Marvin, der sich sonst so sehr unter Kontrolle hatte, etwa auf Anhieb durchschaut?

    Marvin fühlte sich noch gereizter und blickte mit feuerrotem Kopf angestrengt zu Boden, um nicht das wissende Lächeln seines Gegenübers ertragen zu müssen. Er fragte sich voll grimmiger Wut, wie Nikolas und er überhaupt einen einzigen Tag gemeinsam überstehen sollten, ohne sich gegenseitig bis aufs Blut zu bekämpfen. Marvin hatte eine sehr gute Menschenkenntnis und noch nie war ihm ein Mensch so unsympathisch erschienen wie dieser Nikolas. Sogar den respektlose und kalten Vater fand er noch erträglicher, da er durch seine ausufernde Reden und seine übertriebene Gestik wenigstens noch etwas Menschliches an sich hatte, während sein Sohn immerfort stumm und grausam wirkte.

    Die Stimme des Doktors riss ihn gnädigerweise aus seinen düstren bis depressiven Gedanken und er konnte seinen Blick erleichtert auf etwas Neues fokussieren.

    „Außerdem finden Sie Ihnen bekannte Gegenstände in diesem Rucksack. Ein sehr kleines, aufklappbares Zelt ist dort ebenso vorahnden wie ein Schweizer Taschenmesser mit einigen zusätzlich Funktionen, sowie einige Packungen Trockenobst und gepökeltes Fleisch, sowie ein wenig Brot, was Sie für die ersten Tage ernähren sollte. Ich möchte Ihnen nun aber noch zwei andere, wichtige Ausrüstungsgegenstände präsentieren, wenn Sie mir folgen würden.“, griff der geschäftige Doktor den Faden wieder auf und wirbelte auch gleich geschwind herum, wobei er beinahe mit einen Laborassistenten kollidiert wäre, der gedankenverloren aus einem der langen Gänge getreten war und eine trübe Flüssigkeit in einem Erlenmeyerkolben nachdenklich betrachtete. Erschrocken fuhr der Assistent zusammen und konnte das Gefäß so gerade noch festhalten. Doktor Liebrecht warf ihm einen vernichtenden Blick zu.

    In dem Moment bemerkte der Assistent auch Adolf-Josef Glückberg und verbeugte sich stammelnd vor ihm, was dieser geflissentlich übersah und stattdessen versuchte mit dem schnellen Doktor Schritt zu halten. Verdutzt starrte der Assistent der Gruppe hinterher, bevor er zu einem hermetisch abgeriegelten Lüftungsschacht an der linken Wandseite ging.

    Doktor Liebrecht hatte inzwischen einen Glastisch erreicht, auf dem in kleinen Schatullen vier Armbanduhren in den Farben der alten deutschen Flagge lagen. Liebrecht ergriff eine der Schatullen und hielt sie demonstrativ hoch.

    „Diese Armbanduhren dienen nicht nur dazu Ihnen die Uhrzeit oder das Datum anzuzeigen, sondern Sie können noch einiges mehr. Sie können Temperatur und Luftfeuchtigkeit messen, können kurze Wetterprognosen geben, indem sie die Luftveränderungen messen und analysieren, sie besitzen ebenfalls eine kleine, aber äußerst präzise und effizient eingebaute Miniaturtaschenlampe, mit der sie sogar infrarote bis zu ultraviolette Lichtsignale senden können. Sie können damit sogar Schallwellen aussenden, falls Sie beispielsweise von Tieren wie Fledermäusen angegriffen werden sollten.“, berichtete Doktor Liebrecht knapp und legte die Schatulle wieder vorsichtig an ihren angestammten Platz.

    Marvin ließ sich trotz der eindrucksvollen technischen Errungenschaften, die ihnen hier präsentiert wurden, nicht auf den falschen Pfad führen. Er wusste ganz genau, dass in einer unzivilisierten, feindlichen Welt nur der pure Überlebenskampf zählen würde. Selbst mit den modernsten Gerätschaften konnte man aus einem Feigling keinen Mann machen. Marvin blickte verlegen auf Valeria, die grimmig ins Leere starrte und musste seine Aussage gedanklich revidieren. Diese energische junge Frau hatte vermutlich mehr Kraft und Willensstärke als der Großteil der Männer, die Marvin im Laufe der letzten Jahre unter Tage kennen gelernt hatte. Ihr Wille, ihr Freiheitsdrang und ihr rebellischer Charakter waren den meisten Menschen abhanden gekommen, denn sie waren von dem neuen Regime desillusioniert, obwohl es für sie keine Alternativen gab. Viele sagten gar, dass ein Leben ohne Rechte unter der aktuellen Regierung besser sei, als pure Anarchie. Viele gaben sich schon damit zufrieden, dass sie einigermaßen gesund und halbwegs versorgt waren. Mental waren viele angeschlagen, aber immerhin waren die meisten gut bei Kräften. Doch Marvin fragte sich grimmig, ob es nicht besser wäre krank und arm, aber wenigstens in Freiheit zu leben und notfalls zu sterben. Doch in seinem Kopf war da eine pessimistische Stimme, dass diese Epoche nicht die Zeit der Helden war. Helden hatte es ohnehin nie gegeben. Die Menschen hatten es sich nur über die Jahre hinweg vorgegaukelt, um sich ein schönes, aber irreales Weltbild zu erstellen, damit sie nicht völlig ohne Hoffnung waren. Die von den Menschen selbst verursachten großen Katastrophen, von denen das apokalyptische Jahr 2012 nur die Spitze des Eisbergs gewesen war, hatten gezeigt, dass es keine Helden gab, die sie gerettet hatten oder heute noch retten könnten, denn alle Chancen waren verspielt. Die sogenannten Helden waren bestenfalls Menschen gewesen, die auch nur aus eigenem Antrieb gegen Menschen gekämpft hatten, die noch schlimmer gewesen waren als sie selbst.

    Selbst das aktuelle Regime der Bunkerkolonie Berlin sah sich gerne als Heldenstaat an, um mit propagandistischen Mitteln die Leute irgendwie bei Laune zu halten und einen kleinen Staat aus Lug und Trug zu kreieren. Aber war diese Illusion vielleicht nicht doch besser, als die bittere und hoffnungslose Wahrheit? Würde das wirklich jeder verkraften können?

    Marvin fühlte sich plötzlich seltsam gespalten, doch aus seinem misanthropischen Pessimismus erwachte mit einem Mal ein flammender Überlebenswillen, seine ureigene Stimme, die gegen alles in ihm selbst anschrie und Veränderung forderte. Mit einem Mal wirkte Marvin wie elektrisiert und schien aus einem tagelangen Schlaf zu erwachen. Mit einem Mal sah er die Realität deutlich wie selten zuvor vor seinen Augen.

    Er würde die Bunkerkolonie verlassen. Er würde die Erdoberfläche neu erkunden. Wenn jemand eine Chance zur Veränderung und Aufklärung hatte, dann waren es er und seine drei Begleiter. Mit einem Mal dachte Marvin an seinen Vater, dem schweigsamen, zurückgezogen lebenden Pessimisten. Aus einem einst starken und lauten Mann war ein selbstmitleidiger Greis geworden. So wollte Marvin selbst niemals enden! Und er stand in der Schuld aller Menschen, dass er vielleicht die Macht hatte ihre düstere Zukunft umzugestalten.

    Und in all diese Gedanken mischte sich noch ein anderer Aspekt klammheimlich ein, der Marvin zutiefst berührte und ihn erschaudern ließ. Er dachte an Ayla dos Santos, die schöne Brasilianerin mit den haselnussbraunen Augen, dem feinen, seidigen, schwarzen Haar, dem zierlichen, aber durchaus femininen Körper. Er sah ihr sanftes Lächeln, ihre zarten, feingliedrigen Hände förmlich vor sich und schloss die Augen. Für einen Moment gab er sich der überwältigende Illusion hin, dass diese Schönheit vor ihm stand, ihr Gesicht sanft dem seinen näherte und ihm sinnige Worte in die Ohren flüsterte.

    Er hatte lange nicht mehr an sie gedacht, aber sie dennoch nie vergessen. Weit über neun Jahre lang war Marvin enthaltsam gewesen, war seelisch vereinsamt und hatte keinerlei körperliche Nähe empfangen können. Er wunderte sich, dass er gerade jetzt an die Brasilianerin dachte. Konnte er eine Person nach so langer Zeit überhaupt noch lieben? War diese Person überhaupt noch real oder war sie in seiner Phantasiewelt zu einer idealisierten Traumgestalt ohne Seele geworden? Konnte eine Jugendliebe nach neun Jahren Trennungsschmerz überhaupt noch bestehen? Wie würde sie heute aussehen? Wäre sie ihm über all die Jahre auch treu geblieben? Was mochte aus ihr wohl geworden sein?

    Zum ersten Mal seit langer Zeit verspürte Marvin so etwas wie Optimismus, leicht aufkeimende Hoffnung, ein Gefühl der unbändigen Sehnsucht, ja sogar noch mehr als nur das. Er fühlte, dass er lebte, er spürte wieder, dass er überhaupt menschlich war.

    Diese Gewissheit ließ ihn erzittern, ließ ihm die Tränen in die Augen steigen, die er mühsam unterdrücke musste. Er hob seine Hände an, näherte sie seinem Gesicht, berührte sich selbst, als ob seine Seele in einem völlig fremden Körper gefangen sei, den er noch nie bewusst wahrgenommen hatte. Es war ein großes Erwachen der Gefühle für ihn.

    Und mitten in diese schöne Illusion hinein kam der schmerzende Realismus, der ihn wie ein Giftpfeil traf. Ein Pfeil, hinterhältig abgeschossen, der seine mühsam aufgebaute Deckung auf einen Schlag wieder zerbrach und ihn angreifbar und verletzlich machte. Ein stechender Schmerz wühlte in seiner Brust. Seine wirren Gedanken überschlugen sich rasend. Er wollte den Gedanken, die Angst verdrängen, doch es war zu spät. Der Giftpfeil hatte ihn einmal getroffen und selbst wenn er ihn aus seiner Wunde herausriss und entzweibrach, so würde das Gift doch in seinem Körper bleiben. Und so schwirrte in seinem Kopf die quälende Frage, ob Ayla dos Santos überhaupt noch am Leben sein könnte. Und die Antwort wusste er ebenfalls und konnte sie kaum verdrängen. Er wusste, dass so ziemlich alles dagegen sprach.

    Die Freudentränen in seinen Augen wurden zu bitteren, ernüchterten Tränen und er versuchte das zitternde Schluchzen, das krampfhafte konvulsivische Zucken seines Körpers zu unterdrücken. Und durch diese bewusste Kontrollmaßnahme, nahm er auch seine Umgebung wieder war und plötzlich brach er unter all den Eindrücken und Einflüssen zusammen. Der starke Mann hatte Schwäche gezeigt. Der Schwindel ergriff ihn und hüllte ihn in mysteriöse Schwärze, aus der er sich aber rasch herauskämpfte und mit verdrehten Gefühlen wie aus einem dunklen See wieder zurück in die Realität auftauchte.

    Wie durch einen Schleier hindurch sah er plötzlich wieder die klaren Gesichter vor sich, die sich weniger besorgt, als ungeduldig um ihn gruppierten und auf ihn herabblickten. Er erkannte den Regierungschef Glückberg, der ihn falsch anlächelte und penetrant mit seinen Wurstfingern vor den Augen des zu Boden gegangenen Mannes herumwedelte.

    „Ist alles in Ordnung bei Ihnen, Herr Marvin Brinkmann?“, fragte er mit gespielter Besorgnis und wartete erst gar keine Antwort ab, sondern gab den Männern in Schwarz durch ein einfaches Klatschen seiner fettigen Hände ein Zeichen.

    Abrupt griffen sie Marvin unter die Arme, zerrten ihn auf die Beine und ein Gefühl des rasenden Schwindels überfiel den jungen Mann. Immerhin konnte er das Gefühl der Übelkeit, das kurz in ihm aufwallte, gerade noch unterdrücken und atmete mit offenem Mund, während der Schweiß klebrig über sein Gesicht perlte. Krampfhaft schloss er seine zuckenden Augenlider, während die Männer in Schwarz ihn weiterhin grob festhielten, aber ihm so wenigstens auf den zittrigen Beinen hielten.

    Marvin war ein junger, durchtrainierter Typ und konnte sich, nachdem sich der Nebel um seinen Geist verflüchtigt hatte, rasch von dem Schwächeanfall erholen, löste sich aus der Umklammerung der Männer in Schwarz und öffnete langsam und in gebückter, krampfhafter Körperhaltung die Augen. Das dumpfe Nachzittern des Schwindels verschwand schon nach wenigen Sekunden. Marvin atmete tief und gequält durch.

    Vor sich sah er noch leicht verschwommen den unruhig und distanziert wirkenden Doktor, den abfällig grinsenden Sohn Glückbergs, den ängstlich dreinschauenden Justus, der aber wohl mehr Angst hatte, dass es ihm bald ähnlich ergehen könnte, sowie Valeria, die ihn starr und emotionslos anstarrte. Marvin ballte die Hände zu Fäusten, als er realisieret, dass er von all diesen Leuten keinerlei Mitgefühl, Rücksicht oder gar Solidarität zu erwarten hatte.

    „Was war denn bloß mit Ihnen los, Herr Brinkmann?“, fragte Glückberg senior in seinem Rücken wieder mit geheucheltem Interesse.

    „Nichts, nur ein kurzer Schwächenanfall.“, presste Marvin mühsam durch seine Zähne und blickte sich fahrig um.

    Der Doktor knetete bereits ungeduldig seine Hände und räusperte sich vernehmlich.

    „Gut. Dann kann ich ja endlich zum vorerst letzten Teil meiner Präsentation kommen.“, stellte er mürrisch fest und wandte sich bereits ungefragt herum, um auf eine gläserne Säule mit einem kleinen, eingebauten Computer zuzutreten, die sich mittig an der nördlichen Seite des kreisrunden Raumes befand und bis zur Decke des ersten Stockwerkes empor reichte.

    Der Doktor gab mit flinken Griffen eine Kombination ein und plötzlich öffnete sich neben der Säule zischend eine Bodenklappe, die danach fast geräuschlos zur Seite fuhr und einem kleinen, ebenfalls durchsichtigen Tisch Platz machte, der aus den Tiefen des Erdbodens mechanisch und dabei fast geräuschlos in die Höhe geschoben wurde und mit einem metallischen Klicken endlich verharrte.

    Auf der Oberfläche des seltsamen Glastisches lagen vier, in Schaumstoff eingebettete Waffen, die Marvin noch nie zuvor in solcher Form gesehen hatte.

    „Das sind wohl die modernsten Handfeuerwaffen, die in unserem Land jemals in der Form entwickelt worden sind. Eigentlich sind diese Meisterwerke der Waffentechnologie viel zu schade für eine solche Mission. Man stelle sich nur einmal vor, diese Prototypen würden zerstört werden oder verloren gehen. Daher appelliere ich an Sie alle, dass Sie besonders vorsichtig damit umgehen. Diese Waffen sind so etwas wie Ihre Lebensversicherung!“, betonte der Doktor eindringlich und seine kalten, starren Augen musterten jeden der vier Auserwählten mit einer Mischung aus Abfälligkeit und Strenge.

    Marvin achtete kaum mehr auf die erniedrigenden und arroganten Worte des übellaunigen Doktors, sondern blickte stattdessen wie gebannt auf dessen Hände, mit denen er gerade eines der vier Exemplare aus dem Schaumstoff gelöst hatte.

    Marvin hatte wenig Ahnung von Waffen, denn er kannte sie nur aus Büchern und Erzählungen seines Vaters. Diese Waffe schien aus dunklem, silbrigen Edelstahl zu bestehen und unglaublich robust zu sein. Das Gerät erinnerte an ein schwereres Sturmgewehr, das allerdings zwei Läufe und ein kleines, aber hochpräzises Zielfernrohr auf dem obersten Lauf besaß. Der unterste Lauf diente offenkundig der umschaltbaren Abzugseinheit, für Einzel – oder vollautomatische Schussfolgen, während der obere Lauf feiner und auch zerbrechlicher wirkte und eine Laserfunktion zu haben schien. Die Munition wirkte keinesfalls klobig und hat eher eine viereckige, kompakte Form, die man unterhalb des Laufes in das Gewehr einschieben musste.

    Marvin hörte kaum auf die rühmenden Worte des Doktors, der nun berichtete, wie man genau zwischen den Schussfolgen und den beiden Läufen wechseln konnte und der hervorhob, wie wenig Rückstoßkraft bei diesem Gewehr vorahnden war, wie leicht es für seine Verhältnisse war und wie präzise es arbeiten konnte. Der Doktor hob hervor, dass man selbst bei widrigsten Bedingungen, die möglicherweise an der Erdoberfläche herrschten, die Waffe problemlose und ohne Stocken verwenden konnte. Selbst Wasser und Sand machten dieser angeblichen Wunderwaffe nichts aus.

    Behutsam packte der Doktor sein Exemplar wieder in den Schaumstoff ein und ließ den gläsernen Tisch mit einer schnell eingetippten Kombination in den Computer wieder im Boden verschwinden. Fast sehnsüchtig starrte Marvin den vier Waffen hinterher, während Justus neben ihm unruhig von einem Bein auf das andere hüpfte und die Waffen mit großem Misstrauen betrachtet hatte. Valeria wirkte hingegen immer noch völlig starr und emotionslos, während der Sohn des Regierungsoberhauptes gleichermaßen aufmerksam die Waffentechnologie und seine schöne Begleiterin musterte. Marvin konnte in seinem Gesicht förmlich schon die perversen Fantasien ablesen und wandte sich angewidert und wütend ab.

    Ohne ein Wort des Abschieds salutierte der Doktor kurz und trat nun ebenfalls geschäftig zur Seite, wo er mit einem Assistenten in Schutzanzug irgendwelche Versuchsergebnisse besprach und mit ihm auf eine silbrige Platte trat, die im Boden eingelassen war, dann eine einen in der Wand eingelassenen Retinascanner benutzte, um von der Plattform, die plötzlich sanft aus dem Boden in die Höhe glitt, auf die nächste Etage transportiert zu werden, wo sich über dem Kopf des Doktors eine kleine Schleuse öffnete, in welche die Plattform exakt hineinpasste. Kurz darauf war er auch schon wieder verschwunden.

    „Wie Sie sehen, bekommen Sie von uns nur die allerbeste Ausrüstung. Ich hoffe, Sie wissen das zu schätzen.“, bemerkte Adolf-Josef Glückberg mit leicht drohendem Unterton und blickte sich mit sichtbarem Stolz in dem Forschungszentrum um, bevor er dann entschlossen eine Tür ansteuerte, die sich schmatzend öffnete, sobald der Regierungschef seinen eigenen Namen aufgesagt hatte. Der Gang dahinter war ebenso lang wie der, durch den sie alle in das Forschungszentrum gekommen waren, führte jedoch eher in westliche Richtung, bevor er an einem grauen, alten Tor endete, das mehrere Meter dick und sehr stabil zu sein schien.

    Die Männer in Schwarz drängten Marvin in diesen Gang, doch der jungen Mann hatte mit einem Mal ein flaues Gefühl im Magen, denn der Gang wirkte irgendwie unheilvoll und sehr bedrohlich auf ihn. Seinem Begleiter Justus erging es nicht anders, er zitterte wie Espenlaub und wischte sich verstohlen den Schweiß von der Stirn, was Glückbergs Sohn mit einem hämischen Lachen kommentierte. Sein Gesicht wirkte grausam und wissend, denn ihm war wohl bewusst, was jetzt auf sie zukommen würde.

    Da drehte sich sein Vater noch einmal um und lächelte seine Begleiter kalt an. Er zögerte noch kurz, um das Gefühl der Macht und Aufmerksamkeit voll auszukosten und seine jungen Begleiter weiterhin leiden zu lassen, bevor er sich erbarmte die Anwesenden über sein weiteres Vorhaben aufzuklären.

    „Die Mission soll noch heute Abend beginnen. Wir werden Sie in exakt drei Stunden abholen. In dieser Zeit können Sie sich noch ein letztes Mal duschen und mit ihren Vertrauten sprechen, die hier weiterhin bei uns residieren werden – als Pfand sozusagen, damit Sie sich bei dieser Mission besonders anstrengen. Ich werde Sie nun zu den besagten Aufenthaltsräumen führen.“, verkündete Adolf-Josef Glückberg und betonte seine Worte mit viel Häme und einem sarkastischen Unterton, der Marvin vor Wut beben ließ, denn er wusste, dass die sogenannten Aufenthaltsräume, in denen auch sein Vater eingesperrt worden war, schlimmer als jedes Gefängnis waren. Er hatte in so mancher Schauergeschichte seiner Kameraden gar von einer Folterkammer gehört, in der Regierungsgegner mundtot gemacht und bis zum Äußersten gequält wurden.

    Marvin erschauderte, als er daran denken musste, dass sein Vater nun ebenso behandelt werden würde, wenn sein Sohn versagte und fühlte sich panisch hilflos. Wie betäubt taumelte er in den dunklen Weg und es kam ihm vor wie der letzte Gang zum Schafott. Vielleicht war dies nun gar das letzte Mal, dass er seinen einzigen überlebenden Verwandten noch einmal lebend sehen würde.

    Mit Tränen in seinen Augen ließ er den Kopf hängen und fügte sich verkrampft seinem grausamen Schicksal und seiner auferlegten Bürde, die ihn bereits jetzt zu erdrücken schien.

     

    *

     

    Mit einem Quietschen, das ihm eine Gänsehaut über den Rücken jagte, schloss sich die schwere Zellentür hinter Marvin. Die einzige Lichtquelle war eine flackernde, brummende und arg verstaubte alte Glühbirne mitten im Raum, welche die unangenehme Atmosphäre noch verstärkte. Ansonsten war der Raum, bis auf ein stinkendes Loch im Boden, das als Toilette diente, sowie einem alten, brüchigen Waschbecken, in das permanent die monoton fallenden Tropfen aus dem Wasserhahn trommelten, komplett leer.

    Marvin war durch den dunklen Gang in ein stinkendes Verließ gekommen, wo seine Begleiter und er getrennt worden waren. Sie alle waren von den Männern in Schwarz zu verschiedenen Zellen geführt worden, lediglich Glückberg und sein Sohn hatten sich am Eingang des Verlieses verabschiedet.

    Der Auserwählte der Regierung warf einen Blick auf die beiden Männer in Schwarz, die innerhalb der Zelle die Tür flankierten. Auf der anderen Seite befanden sich noch einmal zwei Aufpasser. Sie hatten die ganze Zeit über kein Wort mit Marvin gewechselt, der sich fragte, ob diese unheimlichen Gestalten überhaupt menschliche Wesen und zu sprechen fähig waren.

    Sein Vater, der benommen in einer Ecke der Zelle hockte, bot ein Bild des Schreckens. Seine Kleidung war völlig zerrissen, er roch nach Schweiß und altem Dreck und sein Hand hatte sich lahm zum Gruß erhoben, seine geflüsterten Worte klangen niedergeschlagen und waren kaum zu hören. Selbst die lebendigen Augen, die Marvin so sehr an seinem Vater schätzte, wirkten jetzt trüb und müde. Betroffen und den Tränen nahe lief er auf seinen Vater zu und fiel vor ihm auf den Staub. Entsetzt griff er nach der Hand des einst noch kämpferischen Mannes.

    „Vater, was haben sie dir angetan? Vater, so sprich doch!“, redete Marvin hektisch auf den alten Mann ein, der nur müde lächelte, um seinen Sohn zu beruhigen, damit aber eher das Gegenteil erwirkte.

    „Es geht mir gut. Mach dir um mich keine Sorgen. Ich bin so etwas gewohnt, ich bin alt und krank und lange werde ich es in dieser verdammten Bunkerkolonie nicht mehr durchhalten. Aber dir bietet sich endlich eine Chance, um von hier fort zu kommen. Man hat mir von dieser Mission sogar schon erzählt.“, murmelte der alte Vater und versuchte dabei hoffnungsvoll zu klingen. Seine Stimme klang seltsam brüchig und weich und nicht so hart und entschlossen, wie Marvin sie immer gekannt hatte. Nur die äußere Hülle erinnerte Marvin noch an das, was sein Vater einst für ihn gewesen war.

    Erschrocken taumelte er vor dem Greis zurück und eine dunkle Faust schien sich um sein Herz zu klammern, das unaufhörlich raste. 

    „Vater, was ist los mit dir? Wie kannst du bei diesem Himmelfahrtskommando von einer Chance sprechen? Wir werden alle dabei draufgehen und werden zudem ständig kontrolliert!“, begehrte Marvin auf und hörte, wie hinter sich die Männer in Schwarz unruhig mit ihren Waffen spielten und auf und ab gingen. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er von ihnen überwacht und kontrolliert wurde und sie jedes seiner Worte verstanden, selbst wenn sie nicht direkt mit ihm sprachen.

    „Hier unten werden wir doch auch kontrolliert. Hier unten kannst du nirgendwohin. Wir alle werden hier elendig verrecken, wenn nicht bald ein Wunder geschieht.“, murmelte der alte Mann müde und Marvin war erneut zutiefst über die Resignation seines Vaters erschrocken.

    „Du glaubst tatsächlich, an das, was die Regierung die erzählt hat. Du glaubst ernsthaft, dass ich mich dort oben durchschlagen kann und überleben werde oder dass ich es gar bis nach Straßburg schaffe?“, fragte Marvin laut in einer Mischung aus Unglaube und Wut.

    „Ich glaube schon lange nichts mehr, mein Sohn. Die Monster von dort oben können jedoch kaum grausamer sein, als die Monster von hier unten.“, erwiderte der Mann, dessen Gesicht grau und faltig geworden war und dessen grauschwarzes Haar sein rundliches Gesicht wirr einrahmte und erst durch den großen und geschwungenen Schnauzbart begrenzt wurde.

    „Johannes, wir werden uns vielleicht nie wieder sehen!“, flüsterte Marvin mit bebender Stimme und wandte sich abrupt ab, um den Anblick seines Vaters nicht mehr länger ertragen zu müssen. Es kam selten vor, dass er ihn mit Vornamen ansprach und wenn er es einmal tat, dann war er meistens sehr erzürnt und aufgebracht oder wollte ihm etwas immens wichtiges mitteilen. Marvin wusste gar nicht, wie er mit dem Verhalten des gebrochenen Mannes umgehen sollte.

    „Ich wusste, dass du das irgendwann sagen würdest. Es ist vielleicht besser so.“, erwiderte der Angesprochene leise und rutschte unruhig auf dem dreckigen Boden hin und her.

    Mit einem Aufschrei der Verzweiflung wirbelte Marvin herum, der sich in diesen Momenten nicht mehr kontrollieren konnte. Die Ereignisse der letzten Stunden forderten ihren Tribut und entluden sich nun in einer wütenden und verzweifelten Ansprache. Er erschrak beinahe vor sich selbst, denn so stark war er schon über Jahre hinweg nicht mehr ausgerastet. Wozu auch, an die fade Monotonie des Bunkerlebens hatte auch er sich gewöhnt und sich nicht mehr gegen die Tage der Leere gestemmt. Jetzt, da diese Monotonie unerwartet zerstört worden war, spürte Marvin wieder, dass er ein Wesen war, das zu menschlichen Emotionen fähig war. Er war noch nicht so abgestumpft wie sein Vater, der kraftlos in der schattigsten Ecke des Verlieses hockte und seinem Sohn während dessen flammender Rede kein einziges Mal widersprach. Gerade diese stille Zustimmung, dieses träge Zuhören trieben Marvin entgültig zur Weißglut, doch nach seinem Ausbruch fühlte er sich kaum besser und bereute fast schon, mit seinem Vater so hart ins Gericht gegangen zu sein.

    „Wie kannst du so reden? Ich erkenne dich nicht mehr wieder! Ich werde mein Leben für ein wahnsinniges Himmelfahrtskommando lassen müssen, dein Leben wird vom Erfolg meiner Mission abhängen und wir sind beide den übelsten Drangsalierungen ausgesetzt! Und da redest du irgendetwas von einer Hoffnung, von einer besseren Welt und bist froh, wenn ich fort bin mit der Angst zu versagen und nicht nur mein eigenes, sondern auch dein Leben zu riskieren? Bist du völlig wahnsinnig geworden? Wo ist dein Wille geblieben? Was haben sie nur mit dir angestellt, bevor sie dich hier eingesperrt haben? Du bist nicht mehr du selbst!“

    Dumpf klangen die geschrienen Worte Marvins nach und sein Herzschlag raste und sein Blut rauschte schmerzhaft laut in seinen Ohren. Sein flacher Atem kam ihm röchelnd über die Lippen, sein Brustkorb hob und senkte sich wie unter einer unvorstellbaren Last.

    Traurig blickte sein Vater ihn an, doch kurz darauf wurde sein Blick wieder trüb und starr und er schüttelte entsetzlich langsam den Kopf, als ob irgendetwas seine Regungen lähmte. Marvin kam der schauerliche Verdacht, dass man im Namen der Regierungen seinem Vater Medikamente verabreicht haben könnte, um seinen Willen und seinen Widerstand zu lähmen. Paranoide, panische Gedanken schossen dem jungen Mann ungeordnet durch den dröhnenden Schädel. Die stinkende Zelle wirkte auf ihn erdrückend und erstickend, so als ob sich die kahlen Wände um ihn herum unaufhörlich zusammenziehen und ihn zerquetschen würden. Er verspürte plötzlich panische Angst und wollte einfach nur noch davonrennen.

    „Geh bitte. Ich möchte, dass du mich so in Erinnerung behältst, wie ich früher einmal war. Du sollst nicht mit ansehen müssen, wie aus deinem Vater ein Schatten seiner selbst wird.“, antwortete Johannes Brinkmann mit gesenktem Haupt und sein Sohn starrte ihn lang und traurig an.

    Im selben Moment rührte sich einer der Männer in Schwarz und öffnete die Zellentür von innen. Dann verharrte er wieder neben der Tür und bohrte seinen Blick in den Rücken des jungen Berliners, der vor einem der schwersten Momente seines Lebens stand.

    „Wenn dies dein letzter Wunsch ist, dann soll es so sein.“, gab Marvin nach unendlich langen Sekunden monoton zurück und erkannte sich selbst kaum wieder. Es kam ihm vor, als habe ein Fremder durch ihn gesprochen, denn die Worte waren ohne Nachdenken über seine Lippen gekommen.

    Ein letztes Mal richtete sich Johannes Brinkmann auf und ein müdes Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, als er sich mit letzter Kraft hochstemmte und seinem Sohn mit müdem und gebrechlichem Schritt entgegentrat. Lange schaute er den starren Marvin an, bevor er ihn mit seinen einst kräftigen Händen umarmte, die ihn jetzt nur noch lasch und kraftlos umklammerten. Tränen rollten über das gealterte Gesicht des Mannes, der seinem Sohn noch einmal fest in die Augen blickte. In dem Spiegelbild der Tränen erkannte sich Marvin selbst und dachte bei sich, dass er eines Tages vielleicht genauso aussehen und enden würde wie sein Vater, denn sie hatten viele Gemeinsamkeiten und das bedrückende Leben im Bunker hatte sie untrennbar zusammengeschweißt.

    „Danke, mein Sohn. Pass auf dich auf. Möge Gott mit dir sein.“, flüsterte Johannes Brinkmann leise und ließ seine Arme dann schlaff nach unten fallen.

    Marvin dachte über diese Worte noch nach, als er stumm aus der Zelle getreten war, welche die beiden Männer in Schwarz behutsam, aber emotionslos hinter ihm wieder mechanisch verriegelt hatten. Ihnen war scheinbar nicht bewusst, dass sich zwei nahe stehende Menschen hier zum letzten Mal gesehen haben könnten.

    Als er den langen, spärlich erleuchtenden Gang entlang schritt, durch den man ihn gezielt führte, damit er keine geheimen Kammern zu Gesicht bekam, dachte Marvin darüber nach, dass sein Vater von der Unterstützung Gottes geredet hatte. Sein Vater war immer überzeugter Agnostiker gewesen. Marvin erschauderte bei dem Gedanken daran, dass selbst sein Vater sich nun in seiner letzten Verzweiflung an übersinnliche Dinge klammerte, an die er niemals zuvor geglaubt hatte. Er hatte das Bild eines kämpferischen, engagierten Mannes in Erinnerung behalten wollen. Doch seit dem heutigen Tag hatte sich das Bild eines resignierten Greises unwiderruflich in sein Gehirn eingebrannt.

     

    *

     

    Marvin hatte nur die Zeit gehabt kurz zu duschen und einige Habseligkeiten zusammenzupacken. Dazu gehörte ein Schweizer Messer, das er früher zu seinem zwölften Geburtstag von seinem Vater geschenkt bekommen hatte, sowie einige Familienbilder, wie auch das Bild seiner Freundin Ayla, das er lange gemustert hatte und sich dabei ständig fragen musste, ob es diese bezaubernde Person noch gab und wie sie heute aussehen würde.

    Die Männer in Schwarz hatten ihn dann aus seinem erbäarmlichen Privatbunker abgeholt und durch ein Wirrwarr von Gängen und Schleusen geführt und in die Nähe des Forschungszentrum gebracht. Dort gab man ihm zehn Minuten um seinen Schutzanzug anzuziehen und all seine Besitztümer und gar die neue Wunderwaffe, die allesamt sorgfältig bereit gelegt worden waren, in einem robusten und wetterfesten Rucksack zu verstauen. Dabei war er von den Männern in Schwarz zu keiner Sekunde aus den Augen gelassen worden, doch er verspürte keine Scham und fühlte sich seit dem Gespräch mit seinem Vater seltsam leer und abgestumpft.

    Endlich hatte man Marvin in einen tunnelähnlichen, dreckigen Gang geführt, der langsam, aber stetig anstieg und kilometerlang zu sein schien, bevor er zu einer robusten Tür führte, hinter der ein kreisrunder Raum war, in dem sich neben zahlreichen Überwachungskameras und einem kleinen Überwachungsstützpunkt auch noch vier weitere Gestalten befanden.

    Marvin erkannte seine drei Begleiter in ihren Schutzanzügen und dazu noch Adolf-Josef Glückberg in zivil, der es sich nehmen ließ seine vier auserwählten Schützlinge persönlich zu verabschieden.

    Mit ein paar Griffen hatten die Männer in Schwarz den Mechanismus der robusten Tür aktiviert und diese öffnete sich schmatzend. Durch die betäubende Wärme und Stille des Helmes seines Schutzanzuges musterte Marvin seine drei Begleiter, die ebenfalls schon völlig eingekleidet und ausgerüstet waren. In den Gesichtern von Valeria und Justus erkannte er dieselbe Leere, die sich in seinem Gesicht abzeichnen musste. Das Gefühl, dass wenigstens nicht nur er als Einziger einen schweren Abschied hinter sich gebracht hatte und mit seinem Leiden allein war, ließ ihm sein Schicksal jedoch fast schon ein wenig rosiger erscheinen. Gleichzeitig empfand er bei diesem egoistischen Gedanken ein rasch aufkommendes Schamgefühl. Marvin sagte sich verbittert, dass niemand einen solches Abschiedsritual verdient hätte.

    Lediglich das Gesicht von Glückbergs Sohn zeigte eine nervöse und dennoch irgendwie unbeschwerte Vorfreude auf die Dinge, die nun folgen würden. Sein Blick und der Marvins trafen sich voller gegenseitiger Verachtung.

    Schmatzend schloss sich der Durchgang hinter ihm wieder und die Männern in Schwarz waren am Ende des langen Traktes zurückgeblieben, Außer dem Regierungschef befanden sich nur noch zwei Wachposten in dem kreisrunden und sehr hohen Raum, an dessen rechter Seite sich ein Aufzug befand, der praktisch mit dem felsigen Gestein über dem Raum verschmolz und irgendwo in die Höhe führte. Die Türen zu dem silbrigen, kapselförmigen Aufzug waren bereits geöffnet. Die Wachposten blickten neugierig zu den Ankömmlingen. Marvin war fast erleichtert zu sehen, dass es sich bei ihnen nicht um Männer in Schwarz handelte, sondern um zwei Männer in seinem Alter. Ihre Standortpositionierung war bestimmt eine der unaufregendsten und monotonsten im ganzen Bunkersystem, denn seit Jahren schon hatte sich niemand mehr von hier aus an die Oberwelt getraut. Marvin hatte einmal die Legende gehört, dass ein Jugendlicher aus dem Bunkersystem durchgedreht und zufällig in Waffenbesitz gekommen sei und dann versucht hätte sich den Weg an die Oberfläche bis hierhin zu dem mysteriösen Aufzug in die andere Welt freizuschießen. Niemand wusste so genau, was aus dem mutigen Verrückten geworden war. Vielleicht hatten die Wachposten ihn überwältigen und bis an sein Lebensende einsperren können, sodass er jetzt halb wahnsinnig irgendwo in dem Verlieskomplex vor sich hin vegetierte, in dem auch Marvins Vater saß. Vielleicht war der Junge auch einfach erschossen und in einen der dunklen Schächte des Bunkersystems geworfen worden, da es so etwas wie Beerdigungen schon lange nicht mehr gab. Möglicherweise hatte er es auch bis nach ganz oben geschafft, allerdings ohne Schutzanzug. Marvin zweifelte daran, dass der bemitleidenswerte Rebell noch am Leben war. 

    Adolf-Josef Glückberg wirkte nun selbst ausnahmsweise einmal nicht überheblich und souverän, sondern vor dem Beginn dieser großen Mission einigermaßen nervös und erregt, was ihn aber nicht davon abhielt wieder einmal eine kurze Rede zu halten.

    „Ich danke Ihnen für Ihr rasches Erscheinen und Ihre Kooperation. Bevor Sie das Privileg haben zu Ihrer ehrenhaften Mission aufzubrechen, möchte ich Ihnen gerne den letzten, aber vielleicht wichtigsten Teil Ihrer Ausrüstung präsentieren. Wenn Sie mir bitte zum Aufzug folgen möchten.“, forderte der Regierungschef sie auf und wandte sich ohne eine Rückmeldung abzuwarten schon flankiert von den beiden Wachmännern dem ungewöhnlichen Aufzug zu.

    Sobald Valeria, Justus, Nikolas und Marvin selbst in den Aufzug getreten waren, gab einer der beiden Wachposten eine lange Zahlenkombination in einen kleinen Computer ein, während der andere mit einer Chipkarte den Aufzugsmechanismus auf der anderen Seite aktivierte. Surrend setzte sich die Mechanik in Gange und über ihnen glitt eine metallisch spiegelnde Versenkung geräuschlos zur Seite.

    Langsam glitt der Aufzug höher und hielt in einer kleinen, dunklen und steril abgeriegelten Raum an. Der Regierungschef trat selbstinszinierend vor und eine Art Hochdruckreiniger sowie ein komplexes Laserbatastsystem wurden umgehend aktiviert. Nach etwa einer halben Minute flaute der unerträgliche Lärm langsam ab und eine mechanische Frauenstimme verkündete: „Dekontaminationsphase erfolgreich abgeschlossen.“

     Nun öffnete sich eine Schleuse, hinter der ein zu allen vier Seiten durchsichtiger Gang mit diversen Metallstreben bis in eine weitläufige Garage führte, in der ein dunkel und metallisch schimmernder Geländewagen mit einem feinen und geometrisch abgehackt aussehendem Schutzpanzer stand. Adolf-Josef Glückberg trat mit theatralischer Gestik in den Gang und winkte seinen unfreiwilligen Begleitern übertrieben zu, bevor sich die Schleuse zwischen ihnen wieder verschloss.

    Die beiden Wachmänner nickten Marvin grimmig zu und dieser fügte sich der wortlosen Aufforderung. Er trat aus dem Aufzug und musste die unangenehme Dekontaminationsphase über sich ergehen lassen, bei welcher der Luftdruck und die Laserstrahlen ein unangenehmes warmes Prickeln auf seiner Haut verursachten, bevor er durch die sich schmatzend öffnende Schleuse trat und von einem übertrieben grinsenden Adolf-Josef Glückberg in Empfang genommen wurde.

    Fünf Minuten später waren auch Marvins drei unfreiwilligen Begleiter und die beiden stummen Wachmänner durch die Schleuse getreten und das Septett steuerte nun den beeindruckenden Geländewagen an. Der Regierungschef ließ es sich nicht nehmen ein letztes Mal eine Rede zu halten.

    „Meine Damen und Herren, ab hier werden sich unsere Wege zumindest in physischer Form trennen. Seien Sie allerdings unbesorgt, denn wir sind durch die komplexe Bordtechnik Ihres speziell für diese Mission konfigurierten Geländewagens stets mit Ihnen in Kontakt und können Sie zudem mit Hilfe diverser GPS-Installationen und Kameras jederzeit ununterbrochen orten. Außerdem werden einige Regierungsdrohnen außerhalb Ihres Gefährts Sie auf dem langen Weg nach Straßburg begleiten und Ihnen nützlichen Informationen kommunizieren. Was Sie hier sehen, ist das modernste Fahrzeug, das je von Menschenhand entwickelt worden ist. Es ist allen Witterungsverhältnissen gewachsen, wird mit der Kraft der Elemente wie Wind und Sonne angetrieben, ist extrem robust und mit Außenbordwaffen bestückt und verfügt innen über einen hochentwickelten Bordcomputer, der Ihnen in jeder Situation nützlich erscheinen wird. Sie verfügen über die besten und modernsten Gerätschaften, um diese für die gesamte Bunkerkolonie immens wichtige Mission erfolgreich abzuschließen. Ich wünsche Ihnen bei Ihrem Auftrag alles Gute. Bitte enttäuschen Sie uns nicht“, beendete der Regierungschef seine Rede und obwohl er mit einem überschwänglichen Emotionen und einem fast festgefrorenen Lächeln sprach, klang eine kalte Drohung in seinem letzten Satz mit, dem keinen der Anwesenden entgang.

    Der Sohn des Regierungschefs war offenbar bereits mit dem Geländewagen vertraut und öffnete wie von Geisterhand mit dem leichten Druck seines Handballens einen in das Schutzgehäuse eingelassenen Touchscreen, auf den er einen längeren Zahlencode eingab, bevor sich surrend eine Klappe aktivierte, die eine kurze Treppe freigab, die in das bauchartige Innere des Gefährts führte. Nikolas grinste ob seiner Kenntnisse und forderte seine drei Begleiter mit überheblicher Gestik dazu auf in den Wagen zu steigen.

    Marvin trat in das weitläufige Innere des Wagens und sah einen gewaltigen Bordcomputer mit zahlreichen Bildschirmen, Joysticks, Lichtern, Schaltern, Tastaturen und Touchscreens unterhalb einer getönten und um einhundertachtzig Grad gedehnten Frontscheibe. Im hinteren Bereich des Wagens gab es mehrere Sitzgelegenheiten und das Gefährt mündete in einen imposanten Wohnbereich mit einem Behandlungszimmer mit Erste-Hilfe-Versorgung, einem kleinen Fitnessraum, vier engen Kojen, einer klinisch sauberen Küche, einem kleinen Labor mit allerlei technischen Gerätschaften und einen kleinen Waschraum. Der Geländewagen war eine Art Wohnung auf vier Rädern und streckenweise luxuriöser als viele Behausungen in der Bunkerkolonie ausgestattet.

    Obwohl er der Mission kritisch gegenüber stand, konnte sich Marvin an all den neuen Eindrücken kaum satt sehen. Er schreckte aus seiner stummen Bewunderung hervor, als sich die Eingangsklappe surrend schloss und der Sohn des Regierungschef bereits am Bordcomputer Platz genommen und das gewaltige Automobil in Gang gesetzt hatte. Marvin erkannte, dass der Regierungschef Ihnen noch einmal flankiert von den beiden gehorsamen Wachmännern flankiert von außen zuwinkte, bevor der Geländewagen an ihm vorbei und auf ein Tor zusteuerte. In den gewaltigen Rückspiegeln konnte Marvin erkennen, wie der Regierungschef und seine Bewacher zurück in die Schleuse mit der Dekontaminationskammer traten. Erst danach öffnete sich wie von Geisterhand das Tor, das zu einer dunklen Rampe führte und sich hinter ihnen wieder schloss, bevor sie nach mehreren Minuten Fahrt ein letztes und ungewöhnlich massives Tor erreichten, vor dem der Geländewagen kurz hielt.

    Langsam wurde das Tor mechanisch hochgefahren und Marvin hielt den Atem an, als grelles Tageslicht ihre empfindlichen Augen blendeten. Neben ihm lachte Nikolas heiser auf. 

     „Herzlich willkommen in der Außenwelt!“

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  • Dear readers,

    Here is an old file of an unfinished mafia novel in German entitled ''Der Klan der Caloni'' that I started writing back in 2009 during my last year in Germany just before I started my bachelor program in Canada. I only completed the first three chapters and wrote a few sentences for the fourth one back in the days. I would write such as story better and differently nowadays but I still like the initial concept behind it. I didn't change anything and just wanted to present you the original form of this short document which is already seven years old. Writing is fun and I hope I can write more again and in different languages in the near future. I hope you enjoy this one. 

    Kapitel 1

     

    Dave Harris war ein Mann, der sein Leben in vollen Zügen genoss. Er hatte ein Faible für Schusswaffen, Whiskey, schnelle Autos und schöne Frauen. Neben seinem Beruf als Taxifahrer hatte er noch ein Nebeneinkommen als Bandmitglied in einer Jazz-Band namens „The Red Fox“, wo er erfolgreich Saxophon spielte. Vor nunmehr drei Monaten war er jedoch aus der Band ausgestiegen, um sich seiner Frau und seiner Tochter widmen zu können. Mariah hatte er einst nach einem Konzert in einem schäbigen Pub kennen gelernt und sie hatten sich für den nächsten Abend wieder verabredet gehabt. Es war nicht bei diesem einen Treffen geblieben und vor ziemlich genau einem Jahr hatten sie dann endlich in Chicago bei ihren Verwandten geheiratet. Damals war sie bereits schwanger gewesen und vor sechs Monaten war dann ihre Tochter Sheila zur Welt gekommen. Die beiden hatten jede Menge Stress mit ihrer Tochter, die einige Wochen zu früh geboren worden war, doch die Ärzte hatten es geschafft die Kleine aufzupäppeln. Für den Sommer hatten die drei einen Urlaub geplant, sie wollten sich eine Ferienwohnung an der kanadischen Grenze mieten und die Niagarafälle besichtigen.

    Doch es sollte alles ganz anders kommen.

    Es war an einem schwülen Abend Anfang Juni des Jahres 1932, als der fünfundzwanzig Jahre alte Taxifahrer in die Clinton Street einbog, um dort einen älteren Herrn nach dessen Theaterbesuch absetzen zu können. Die Straße lag verlassen vor ihnen und einige Eichenbäume säumten die breiten Bürgersteige zu beiden Seiten. Sie befanden sich in einem vornehmeren Teil der Stadt, namens South Bay, unweit des Meeres gelegen. Der Himmel war bewölkt und der Wind spielte mit den Ästen der Bäume und fegte altes Zeitungspapier über die Straße. Es lag ein Gewitter in der Luft und das mochte Dave gar nicht, denn der sonst so mutige Mann fürchtete sich davor. Ein Kollege von ihm hatte bei einem schlimmen Unwetter einen Unfall gebaut und war mit voller Geschwindigkeit frontal in eine Häuserwand gefahren. Die Ärzte hatten ihn noch drei Tage im Krankenhaus behalten und Dave war selbst dabei gewesen, als sein Kumpel gestorben war. Die beiden hatten sich bereits seit dem College gekannt, welches sie beide abgebrochen hatte. Sein Kumpel hatte eine Beziehung mit einer Freundin von Mariah gehabt und war zu Daves Konzert gekommen und nur deswegen hatten sich Dave und Mariah, die damals wegen ihrer Freundin mitgekommen war, überhaupt kennen gelernt. Ihre Freundin hatte seinen Kumpel verlassen und war mit einem schmierigen Kerl nach New York durchgebrannt, wo sie ihre Modekollektion durchbringen wollte.

    An all diese Dinge dachte Dave als er den Wagen an der Seite hielt, direkt vor einer kleinen Villa und unweit eines schmiedeeisernen Tores. Es gab noch prächtigere Gebäude in der Nähe, wo die Großindustriellen und Neureichen lebten, ein Stadtteil namens Sandy Hill.

    Der alte Mann hatte Dave die ganze Zeit von Theateraufführungen berichtet, die er bereits in zahlreichen Städten erlebt hatte. Dave hatte nur mit halbem Ohr zugehört und einige Male geistesabwesend genickt, doch dem Kunden war dies nicht aufgefallen und er legte auch noch ein saftiges Trinkgeld zum Preis dazu und verabschiedete sich gut gelaunt. Dave beobachtete, wie der alte Mann durch das schmiedeeiserne Tor schritt und mit schnellem schritt auf sein Haus zusteuerte, in dem noch Lichter brannten. Dort wartete vermutlich seine Frau.

    Dave musste an Mariah denken, die vermutlich auch schon auf ihn wartete. Er blickte auf seine Armbanduhr, die er von seinem Onkel zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte. Sein Dienst ging bis Mitternacht, dann musste er den Wagen im Hauptquartier abstellen und sich beim Chef abmelden. Bis dahin hatte er noch gute fünfzig Minuten Zeit.

    Dave hörte seinen Magen knurren und kam auf die Idee sich einen Snack zu holen. Er wollte ohnehin nach Little Italy, denn dort spielte heute Abend eine der erfolgreichsten Theatergruppen der ganzen Region. Den Eintritt konnten sich meist nur Geschäftsmänner und Mafiosi leisten. Die Mafia hatte auch diese Stadt unter Kontrolle, Dave hörte öfters von Erpressungen und Manipulationen, ein Kumpel von ihm arbeitete bei der örtlichen Polizei und hatte ihm mehr als einmal von der hoffnungslosen Situation berichtet. Sein Freund verglich die Gangster mit Ratten, die aus allen Löchern krochen und die Stadt überfluteten.

    Dave verabscheute Verbrechen zutiefst, doch es war ihm egal, wer gerade bei ihm hinten im Wagen saß, so lange er nur zahlen konnte. Er wollte sein Glück dort probieren und vorher einen kurzen Snack beim besten Pizzabäcker der Stadt holen.

    So steuerte er seinen Wagen in Richtung Little Italy, begleitet von einem rollenden Donner. In der Ferne zuckten Blitze wie Greifarme aus dem Himmel. Dave bog nach links ab. Es würde wohl bald anfangen zu regnen.

    Fünf Minuten später fuhr Dave seinen Wagen an die rechte Straßenseite und warf einen skeptischen Blick aus dem Fenster, denn es hatte angefangen zu regnen. Da das Unwetter jedoch noch nicht so stark war, schwang sich Dave aus seinem Wagen und lief schnell in eine kleine Gasse hinein. Dort befand sich die Pizzeria von Antonio, einem alten Freund, den Dave aus seiner Nachbarschaft kannte, wo er mit einigen Freunden eine WG gemietet hatte. Antonio war nun schon knapp über dreißig Jahre alt und hatte Dave das Kochen und Fußball spielen beigebracht. Er hatte oft genug unter dem Klan der Caloni, der führenden Verbrecherorganisation in Little Italy und der ganzen Stadt zu leiden, doch er machte gute Miene zu bösem Spiel, denn auch die Gangster gingen in seiner Pizzeria jetzt täglich ein und aus.

    Als Dave die alte Holztür aufstieß nickte Antonio ihm freundlich zu, da er gerade mit einer jungen Dame sprach, die sich eine Flasche Rotwein bestellt hatte. Die Pizzeria wirkte an diesem Abend düster, nur einige Kerzen standen auf den zahlreichen Tischen und Dave blickte sich genau um. In der hinteren Ecke am Fenster saßen zwei dunkel gekleidete Typen mit kalten Gesichtern. Einer von ihnen paffte eine dicke Zigarre, die bis zur Theke ihren unangenehmen Duft verbreitete. Dave verwettete seinen Arsch darauf, dass die beiden Kerle für die Mafia arbeiteten. Etwas weiter vor ihnen saß die Dame mit dem Rotwein und ihr Freund, rechts neben der Tür spielten drei ältere Kerle Karten und machten dabei den meisten Lärm. Ganz hinten im Raum saß ein angetrunkener und schlafender Kerl, der eine Bierflasche wie einen Rettungsanker umklammert hielt.

    Alles sah ganz normal aus, doch Dave spürte dennoch eine gewisse Spannung. Allerdings fuhr er nie mit einem guten Gefühl nach Little Italy und von daher schob er es auf die Macht der Gewohnheit und trat an die Theke.

    „Mama mia, Dave, wie lange haben wir uns nicht mehr gesehen?“, fragte Antonio und putzte ein Rotweinglas mit einem alten Spüllappen ab.

    „Ich kann nicht mehr sooft abends hierhin, ich musste die Spätabendschicht übernehmen und mittags will ich einfach bei meiner Frau sein. Sie ist eine ausgezeichnete Köchin.“, gab Dave entschuldigend zurück.

    „Ah, das ist Pech. Wie geht es eurer Bambina?“, fragte Antonio und schickte ein raues und sympathisches Lachen hinterher.

    „Unserer Tochter geht es gut, aber vielleicht kommt ja irgendwann noch mehr Nachwuchs.“, mutmaßte Dave lächelnd.

    „Schön, meine Carla hat es geschafft und ist jetzt auf die Privatschule in Printown gegangen. Und sie hat schon einen Freund, ein netter Bursche.“, freute sich Antonio.

    „Sie hat schon einen Freund? Sie ist doch erst elf Jahre alt.“, grübelte Dave.

    „Amigo, da liegst du falsch, sie ist letzte Woche schon dreizehn Jahre alt geworden. Außerdem, als ich meine Maria kennen gelernt habe, da war ich noch Schreinermeister zur Ausbildung beim alten Emilio. Da war ich gerade mal vierzehn Jahre alt und fünf Jahre später haben wir geheiratet.“

    „Arbeitet deine Frau nicht mehr hier in der Pizzeria?“, fragte Dave und blickte sich nach ihr um. Normalerweise waren die beiden nämlich auch bei der Arbeit unzertrennlich.

    „Sie ist diese Woche bei Verwandten in Alabama. Ihre Stiefschwester hat geheiratet und bekommt in den nächsten Tagen ihr erstes Kind.“, erzählte Antonio mit stolz.

    Im hinteren Raum klingelte das Telefon und Antonio wandte sich mürrisch ab. Er warf sein Spültusch zur Seite und wischte sich seine Hände an der Schürze ab.

    „In letzter Zeit kommen viele Bestellungen. Ich mache deine Pizza wie immer?“, fragte Antonio, der bereits wusste, dass Dave immer die Pizza mit Thunfisch und einer Extraportion Zwiebeln nahm.

    „Ja, heute aber nur eine kleine Pizza.“

    „Bene.“, murmelte Antonio und verließ die Schenke.

    Dave wandte sich um und blickte nach draußen. Dort war der Sturm heftiger geworden und der Wind jagte durch die schmale Gasse und warf das Wasser gegen die Scheiben. Bei dem Wetter ging niemand gerne raus und Dave musste daran denken, dass er gleich wieder in sein Taxi steigen musste. Immerhin waren es nur noch etwas mehr als dreißig Minuten bis zum Ende seiner Arbeitszeit.

    In der hinteren Ecke tauschten die vermeintlichen Mafiosi besorgte Blicke. Sie versuchten leise zu sprechen, doch Dave vernahm dennoch einige geflüsterte Worte der beiden Männer in schwarz.

    „Es liegt etwas in der Luft.... kein gutes Gefühl bei der Sache.“, murmelte der eine Mafiosi, während sich der andere erhob und auf die Toiletten zusteuerte.

    Dave fragte sich, ob ihm hier in der Pizzeria Gefahr drohen könnte. Wen oder was observierten die beiden Kerle? Warum waren sie so nervös?

    In dem Moment kehrte Antonio zurück und machte sich an einem Backofen zu schaffen, während er Daves Pizza noch schnell zubereitete. Nach gut zwei Minuten kehrte der eine Aufpasser von den Toiletten zurück und nickte seinem Kollegen stumm zu. Dieser erhob sich und krempelte den Kragen seiner Jacke behutsam hoch. Mit schnellem Schritt gingen die beiden auf die Tür zu und warfen keinen Blick mehr zurück.

    „Moment, Jungs, ihr müsst noch bezahlen.“, warf Antonio ein.

    Einer der beiden Mafiosi verharrte und drehte sich sehr langsam um. Sein Blick wirkte drohend und kalt. Es wurde plötzlich still in der Pizzeria, sogar die Kartenspieler verstummten für eine Weile und warfen unverhohlene Blicke auf das Geschehen.      

    Langsam schritt der düstere Kerl auf die Theke zu, die alten Dielen knarrten unter seinem Gewicht. Direkt vor der Theke und neben Dave blieb er stehen und griff mit seiner rechten Hand in seine linke innere Jackentasche. Mit einem Ruck zog er einen Gegenstand heraus und Dave schlug das Herz bis zum Hals.

    Doch anstatt der erwarteten Waffe zog der Italiener sein Portmonee hervor und nestelte einige Dollarscheine daraus hervor. Lässig und kühl ließ er das Geld auf die Theke fallen und atmete tief durch. Dann wandte er sich abrupt um und ging zu seinem Kollegen zurück, der bereits die Tür offen hielt. Durch die Öffnung jagte frische Luft in den stickigen Raum. Der Mann an der Tür spuckte seine Zigarre nach draußen in den Regen.

    „Moment, amigos, ihr bekommt noch Wechselgeld.“, traute sich Antonio zu sagen.

    Der düstere Kerl verharrte in seinem Gang und hob langsam eine Hand und winkte ab. Ein Zeichen, dass es bei ihm auf das Geld nicht so genau ankam. Dann ging er durch die offene Tür und nahm noch einen breiten schwarzen Hut vom Haken, den er sich aufsetzte, während sein Kollege ohne Kopfbedeckung durch den Regen gehen musste.

    „Danke, Jungs.“, rief Antonio nach draußen, doch er erhielt keine Reaktion mehr.

    Dave wandte sich Antonio zu und atmete tief durch. Ein Zeichen der Anspannung, die nun von ihm wich, da die beiden mysteriösen Kerle die Pizzeria verlassen hatten. Nun kehrte auch langsam die Geräuschkulisse zurück und die Kartenspieler debattierten über ihre letzten Züge. Sogar der angetrunkene Kerl hatte den Kopf erhoben und raffte sich ächzend von seinem Stuhl hoch, um in Richtung der Toiletten zu torkeln.

    „Da liegt etwas in der Luft, Antonio und ich habe kein gutes Gefühl.“, flüsterte Dave dem Wirt zu, der sich langsam zu ihm herüberbeugte.

    „Die beiden sind aus dem Klan der Caloni. Der eine ist der Neffe des Clansoberhauptes und der andere ein eiskalter Typ namens Andrea Galotti. Ich schätze sie sollen die Region hier sauber halten und überwachen.“

    „Aus welchem Grund?“

    „Die beiden Söhne des Clansoberhauptes sind im Theater. Einer von ihnen ist letztens erst in aller Öffentlichkeit angegriffen worden und ein Bodyguard ist dabei wohl draufgegangen.“

    Antonio räusperte sich und warf einen kurzen Blick auf die Pizza im Ofen. Dann nahm er eine Flasche Whiskey vom Regal und schüttete sich einen doppelten ein. Nervös kippte er den Inhalt herunter und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

    „Darf ich dir auch etwas anbieten?“

    „Danke, aber ich muss ja noch fahren.“

    „Ach ja.“, gab Antonio zerstreut zurück und kratzte sich am Kopf.

    Kurz drauf nahm Antonio die Pizza aus dem Ofen und stellte sie auf einen Teller und gab Dave das Essbesteck. Dieser hatte den vorhergegangenen Vorfall fast vergessen und aß genüsslich, während er an seinen Feierabend dachte und daran, dass seine Frau auf ihn wartete. Die beiden hatten in letzter Zeit recht wenig Zeit für sich gehabt.

    Kurz darauf verließ Dave die Pizzeria, nachdem er Antonio ein Trinkgeld spendiert und versprochen hatte am Wochenende mit seiner Frau zurückzukehren. Dave hetzte durch den Regen zur Hauptstraße und setzte sich hinter sein Steuer. Auf dem Beifahrersitz lag noch eine Tageszeitung, die er nun kurz studierte. Nach wenigen Minuten legte er sie wieder zur Seite und warf einen Blick aus dem Autofenster. Schräg gegenüber führte eine Straße zum schönsten Theater der Stadt. Dave sah einige glamouröse, meist schwarze Wagen mit getönten Scheiben am Straßenrand stehen.

    Einige Menschen strömten inzwischen auf die Straße. Die Vorstellung schien beendet zu sein. Doch die Masse verhielt sich ungewöhnlich. Einige Menschen rempelten sich an und hetzten auf die gegenüberliegende Straßenseite, eine Frau stolperte und fiel zu Boden, ein Mann sprang gehetzt über ihren Körper hinweg und jagte in eine Seitengasse.

    Dave fragte sich nach dem Grund für die ganze Hektik. Irgendetwas Schlimmes musste im Theater passiert sein. Gerade verließen mehrere dunkel gekleidete Gestalten das Theater. Die Männer umringten zwei Personen die geduckt in ihrer Mitte liefen. Vermutlich waren dies die beiden Söhne von denen Dave bereits gehört hatte.

    Und plötzlich hörte er einen Schuss. Dann zwei weitere. Einer der Leibwächter stürzte mit einem kurzen Schrei zu Boden, ein weiterer prallte gegen einen der stehenden Wagen und klammerte sich hilflos an ihm fest, bevor er das Gleichgewicht verlor und in eine Pfütze auf dem Bürgersteig fiel. Ein Fahrer riss seine Tür auf und gestikulierte wild, versuchte den Leibwächtern irgendetwas mitzuteilen, als er selbst von einer Kugel getroffen wurde.

    Plötzlich sah Dave auch einen der Schützen. Ein dunkel gekleideter Mann sprang auf dem Dach eines Wohnhauses herum, welches gegenüber des Theaters lag. Dann warf er irgendetwas unter sich in die Menge und hetzte hinter einen Schornstein in Deckung.

    Dave sah seine Vermutung bestätigt, als er ein grelles Licht sah und eine Explosion hörte. Der Angreifer hatte eine Granate geworfen. Die Schreie wurden lauter, von einem anderen Dach warf eine weitere Person eine weitere Granate nach unten, die einen der Wagen traf. Die Mafiosi waren umzingelt.

    Die Explosionswucht der Granate schleuderte den Wagen zur Seite und gegen einen schmiedeeisernen Zaun. Der Wagen fing sofort Feuer und die Panik unter den Menschen verstärkte sich.

    Die Gruppe um die beiden zu schützenden Personen rannte die Straße herab und genau auf Dave zu. Der war von den Vorgängen wie gelähmt und hätte schon längst den Ort des Schreckens verlassen sollen. Jetzt war es vielleicht schon zu spät.

    Plötzlich rannte ein Mann hinter seinem Wagen auf die Straße. Er zielte auf die näher kommende Gruppe und erschoss einen der Bodyguards. Die Gruppe wurde nun von allen Seiten attackiert. Dave duckte sich tiefer in seinen Sitz hinein und betete, dass man ihn oder seinen Wagen bei der Schießerei nicht traf. Wenn er jetzt fliehen würde, könnte man ihn vielleicht für einen der Involvierten, für einen Flüchtenden halten und daher war es wohl das beste für ihn, wenn er sich vorerst ruhig verhielt und auf keinen Fall selbst in das Geschehen eingriff.

    Im Rückspiegel sah er, dass der Angreifer selbst getroffen wurde und zu Boden sank. Die Kugel hatte den Wagen nur knapp verfehlt und Dave sah auch den Schützen, der aus einer Seitengasse kam und auf die Fluchtgruppe zulief. Es war eindeutig der Kerl, der eben noch in der Pizzeria gewesen war und Antonio ein großzügiges Trinkgeld gegeben hatte.

    Doch wo war sein Partner?

    Plötzlich hörte Dave ein Bersten und Splittern, als das Fenster des Beifahrersitzes mit dem Lauf einer Waffe zerstört wurde und eine Hand die Sperre entsicherte und die Tür aufriss. Dave reagierte schnell und griff nach seinem Handschuhfach, wo er aus Sicherheitsgründen immer eine kleinkalibrige Pistole liegen hatte. Doch er konnte die Idee nicht mehr in die Tat umsetzen, denn der Störenfried richtete seine Mündung auf ihn und winkte mit der anderen Hand der flüchtenden Gruppe zu, die über die Straße auf seinen Wagen zueilte. Dabei wurde ein weiterer Bodyguard von einem Kerl angeschossen, der hinter einer großen Mülltonne gelauert hatte und nun die Position wechselte Einige Mafiosi schossen auf ihn, doch er lief geschickt in Deckung und hechtete dann gebückt auf die andere Straßenseite, wo er sich hinter dem Heck eines klapprigen Wagens versteckte, der einige Kugeln abbekam.

    Die Gruppe mit den beiden jungen Mafiosi rannte auf den Wagen zu und ein Bodyguard riss die Tür zum Fond auf. Die beiden Söhne eilten ins Hintere des Wagens, während von der anderen Seite ein Bodyguard zustieg und ein weiterer auf der anderen Seite einstieg und die Söhne in seine Mitte nahm. Einer der beiden war der Typ aus der Pizzeria, ein letzter Bodyguard stand breitbeinig auf der Straße und feuerte in Richtung eines Daches, wo ein Angreifer getroffen wurde und in die Tiefe stürzte. Der Körper wurde von einer Markise aufgefangen und wieder hochgeschleudert, um dann auf das raue Pflaster zu schlagen.

    Der andere Typ aus der Pizzeria warf sich auf den Beifahrersitz und presste Dave die Mündung der Waffe gegen die Schläfe. Während dieser Aktionen waren nur wenige Sekunden vergangen und Dave zitterte vor Angst und wagte es nicht sich zu wehren. Sein Blick fiel kurz auf seine Armbanduhr. Nur noch siebzehn Minuten bis zum Feierabend. Daraus würde jedoch wohl nichts werden,  er durfte froh sein, wenn er mit heiler Haut aus der Sache herauskam.

    „Okay, du tust jetzt genau, was ich dir sage.“, drohte ihm der bewaffnete Kerl und Dave schluckte. Er ruckte unbehaglich auf seinem Sitz herum. Sein Blick fiel auf die zahlreichen anderen Besucher des Theaters, die sich in Hauseingänge drückten oder in ihre noch heilen Wagen sprangen, um die Gegend zu verlassen. Von den unbekannten Angreifern auf den Dächern war derzeit nichts mehr zu sehen oder zu hören. Eine Frau schrie wie vor Entsetzen und hockte mitten auf der Straße vor dem reglosen Körper einen Mannes. Eine weitere junge, gutaussehende Dame hatte sich vollkommen apathisch an eine Häuserwand gelehnt und starrte ins Leere.

    „Hast du mich verstanden, Arschloch?“, fragte der Typ mit der Pistole und riss Dave aus seinen Gedanken. Er hatte keine Wahl und nickte kurz.

    „Okay, dann fahr los.“, schnauzte der Typ mit der Pistole und keifte seinen Kollegen auf der Rückbank einen kurzen Befehl auf Italienisch entgegen.

    Dave bewegte mit zitternder Hand den Zündschlüssel und rutschte ab. Seine Hände waren schweißnass und erst im dritten Versuch schaffte er es den Zündschlüssel herumzudrehen. Der Wagen sprang an.

    Hastig drückte Dave auf das Gaspedal und verließ die Parklücke. Ein Wagen, gesteuert von einem anderen Besucher des Theater führ mitten auf der Straße und direkt auf ihn zu. Im letzten Moment riss der Raser sein Lenkrad herüber und hupte laut, dann schlingerte er zur Seite und fuhr gegen einen parkenden Lastkraftwagen.

    Dave sah im Rückspiegel den letzten Bodyguard, der mitten auf der Straße stand und nach weiteren Gegnern Ausschau hielt, heftig winken, doch für ihn war kein Platz mehr im Wagen. Sein Gesicht war angsterfüllt, als er zum Sprint ansetzte und hinter dem Taxi herrannte. Ein Schuss in den Rücken, abgefeuert von dem Kerl, der erfolgreich die Straßenseite gewechselt hatte, ließ seine Träume zerplatzen. Er streckte mit verwundertem Blick noch seinen rechten Arm aus, als würde er nach dem Wagen greifen und ihn zurückzerren wollen, bevor der Körper auf der Straße aufschlug.

    Auch einer der Söhne hat das Ereignis mitverfolgt und schrie und weinte vor Entsetzen, sein Bodyguard zur Linken sprach beruhigend auf ihn ein. Der andere Sohn saß still und apathisch auf der Rückbank, er war von den Ereignissen mitgenommen und das, obwohl er in einem hart umkämpften und zum Teil grausamen Milieu aufgewachsen war. Dave schätzte die beiden Kerle auf Mitte zwanzig.

    „Wo soll ich hin?“, fragte Dave seinen unerwünschten Beifahrer.

    „Was?! Ist mir drecksegal, fahr hier weg!“, schnauzte der Typ und unterstrich sein Bitte mit einer hektischen Bewegung seiner Pistole.

    Dave bog mit quietschenden Reifen nach rechts ab und heizte eine kurze Erhöhung hoch um dann mit einem Satz über die wieder nach unten führende Straße zu fliegen. Krachend kam der Wagen auf und Dave riss das Lenkrad hart nach links und fuhr mit schlingernden Reifen in einen schmale Seitengasse. Dabei streifte er einen alten Mülleimer, der scheppernd umstürzte. Der Weg war sehr holperig und die seltsame Besatzung des Taxis bekam viel von den Unebenheiten des Bodens ab.

    Dave verließ den Weg und bog auf eine größere Straße ab, doch er hatte im Rückspiegel bereits einen Wagen erspäht, der denselben Weg nahm und sie zu verfolgen schien. Dies hatte auch der ungeduldige Beifahrer bemerkt.

    „Verdammt, wir werden verfolgt!“ 

     

    Kapitel 2

     

    „Geht das nicht schneller, du Bastard?“, fluchte der Beifahrer, der jetzt noch mehr Geduld und Verstand verlor und Dave plötzlich ins Lenkrad griff.

    Dave schlug gegen den Arm und riss das Steuer im letzten Moment herum, sonst wäre der Wagen noch frontal gegen eine Häuserwand gefahren.

    „Lassen Sie das sein!“, fauchte er zurück, bog auf eine breitere Allee ab und fuhr mit quietschenden Reifen in einen neumodischen Kreisverkehr.

    Dave warf einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel und identifizierte den Wagen als einen schwarzen Rover, ein Modell mit dem sein Taxi an Schnelligkeit und Eleganz nicht mithalten konnte. Dave fragte sich beunruhigt wie er die Verfolger abschütteln konnte. Ein Vorteil war es für ihn, dass er die Straßen der Stadt wie seine Westentasche kannte und der Gegner vielleicht nicht.

    Dave fuhr nach dem Kreisverkehr geradeaus und heizte einen Hügel hoch, um danach auf eine lange Schnellstraße in Richtung des Hafens abzubiegen. Es handelte sich um ein gefährliches Viertel, wo allerlei grobschlächtige Typen rumliefen, die abends in den Kneipen und Striplokalen illegale Wetten abschlossen oder Drogen verkauften. Dort gab es einige enge Gassen und Dave hoffte dort seine Verfolger abzuhängen.

    Der Rover hinter ihnen zog auf die gegenüberliegende Fahrbahn und plötzlich beugte sich ein Mann mit asiatischen Gesichtszügen aus dem Fenster. In der Hand hielt er eine Maschinenpistole und ließ sogleich eine Ladung Munition über seine Absichten Auskunft geben. Die Kugelgarbe schlug in die Seite des Taxis und Dave kreuzte den Fahrweg des Wagens, sodass der Angreifer kein Ziel mehr von seiner Seite aus attackieren konnte. Im selben Moment erreichten die beiden Wagen eine kleinere Ortschaft namens Bilton, die eine Art Vorort der Hafengegend war und vor allem für ihre moderne Brücke über eine kleine Meeresbucht berühmt war.

    Dave entschloss sich zu einem schnellen Manöver und bog unvermittelt in eine Seitengasse ab und hoffte auf einen Überraschungseffekt. Im Fond wurden die vier ungebetenen Passagiere heftig durchgeschüttelt. Einer der Bodyguards hatte seine Waffe gezogen und versuchte durch die Heckscheibe den verfolgenden Wagen zu treffen.

    Der Rover musste eine Vollbremsung hinlegen und drehte sich um die eigene Achse. Mit aufheulendem Motor vollführte der Fahrer eine riskante Drehung und folgte Dave und den anderen Insassen in die Gasse. Dennoch hatte die Aktion einiges an Zeit gekostet und nun nahm der Bodyguard die Frontscheibe des Verfolgers aufs Korn und zerschoss dabei auch die Heckscheibe des Taxis. Dave rechnete ohnehin damit, dass der Wagen am nächsten Tag auf dem Schrottplatz landen würde – falls er diese Verfolgungsjagd überhaupt überstehen sollte.

    Dave hatte sich kurz nach hinten gedreht um zu sehen, dass der Bodyguard den Rover nicht entscheidend treffen konnte. Die Gasse wurde inzwischen enger und Dave riss auf Grund der kurzen Unaufmerksamkeit so gerade eben noch das Lenkrad herum, um einer Gruppierung von Mülleimern auszuweichen. Aus den Augenwinkeln sah er, wie ein Penner vor ihnen auf der Straße sich mit einem waghalsigen Sprung von der Fahrbahn in einen Hauseingang warf.

    Inzwischen schoss auch aus dem Rover wieder jemand auf das Taxi, doch durch die schnelle Fahrt konnte der Schütze den Wagen nicht entscheidend treffen. Aber die Verfolger holten wieder ständig auf.

    „Verdammt, wir kriegen die Kerle nicht abgeschüttelt. Tu doch was!“, forderte der Beifahrer resolut und zuckte immer wieder nach hinten um die Verfolger im Blickfeld zu behalten.

    „Sie sind der Gangster und nicht ich. Werfen sie eine Granate aus dem Wagen oder was weis ich!“, gab Dave angefressen zurück.

    Der Angesprochene verstand keinen Spaß und richtete die Pistole gegen Dave. Der war inmitten der Hektik jedoch noch erstaunlich gelassen und abgebrüht und lachte nur kalt. Die Gasse machte einen scharfen Knick und Dave musste ein wenig vom Gas gehen.

    „Willst du, dass ich dir das Gehirn auspuste?“, drohte der cholerische Gangster.

    „Wenn Sie das tun, setze ich den Wagen gegen die nächste Wand und wir sind alle tot.“, gab Dave sarkastisch zurück und sah mit Genugtuung, dass der Gangster sich über den angesprochenen Umstand ärgerte. Dave war unfreiwillig in die ganze Situation hineingeraten, doch jetzt saß er zumindest teilweise doch am längeren Hebel.

    „Luca, lass den Fahrer in Ruhe.“, meldete sich ein Bodyguard von hinten und feuerte auf den Rover, der nun ebenfalls den scharfen Knick durchfuhr und in Sichtweite war.

    Plötzlich gab einer der Verfolger aus dem Rover eine Salve auf das Heck des Taxis ab und alle Personen im Fond mussten sich ducken. Der Schrei eines Bodyguards ließ auch Dave handeln, der blitzschnell abtauchte und dabei Glück hatte, da die Salve gegen die Frontscheibe schlug und ihn ansonsten fast selbst erwischt hätte. Der Beifahrer hatte nicht ganz so viel Glück und wurde am Arm durch einen Streifschuss getroffen, da er die Pistole noch gegen Dave gerichtete hatte.

    Mit einem Schmerzensschrei ließ Luca die Waffe fallen und hielt sich den verwundeten Arm, aus dem das Blut rann. Fluchend duckte er sich tiefer in den Sitz und biss die Zähne zusammen. Es hätte ihn noch schlimmer erwischen können.

    Die Gefahr war jedoch noch längste nicht gebannt, denn plötzlich fuhren sie auf eine Kreuzung zu, die von einem parkenden Lkw fast komplett versperrt wurde. Dave musste scharf nach rechts lenken und erkannte, dass er mit dem Lkw dennoch kollidieren würde. Somit griff er zur einzigen Möglichkeit, die ihm noch blieb.

    In einem riskanten Manöver und unter den protestierenden Schreien der Mafiosi riss er das Steuer herum und hob mit den beiden links liegenden Reifen ab. Mit zwei Reifen und in einer waghalsigen schrägen Position rutschte der Wagen an dem Lkw vorbei und kam dann wieder auf allen vier Rädern auf. Dave musste hart am Lenkrad drehen um die nächste Kurve zu kriegen und riskierte dennoch einen Blick in den Rückspiegel.

    Der verfolgende Rover hatte das Manöver nicht mehr rechtzeitig geschafft und war gegen den Lkw geprallt. Man hörte ein lautes Kreischen der Bremsen und Scheppern und im Hintergrund eine Explosion. Dann hatte Dave die Kurve genommen und der Wagen war aus dem Blickfeld verschwunden.

    Im Fond brach bei den Mafiosi Jubel aus, während Luca auf dem Beifahrersitz die gelungene Flucht noch gar nicht richtig realisiert hatte, da er mit seinem Arm beschäftigt war.

    Auch Dave fiel ein Stein vom Herzen, denn die Hektik und der Stress der letzten Minuten fielen ein wenig von ihm ab. Beruhigt war er jedoch immer noch nicht, als er vom Gas ging und auf eine breitere Straße abbog, denn immerhin teilte er seinen Wagen mit fünf Großverbrechern, die zu allem fähig waren. Würden sie ihn jetzt erschießen, da er für sie nicht mehr zu gebrauchen war? Würden sie ihn festhalten und einsperren, weil er ihre Gesichter und teilweise auch die Namen kannte? Wollten sie ihn zu einem Einstieg ins kriminelle Geschäft zwingen?

    „Fahr zurück nach Little Italy.“, forderte einer der Söhne ihn auf. Es war das erste Mal das einer der beiden ein Wort verloren hatte, ihre Gesichter waren bleich vor Schreck und sie waren durchnässt vom Schweiß.

    „Wohin genau?“, hakte Dave nach, der an dem Vorschlag des Jungen zweifelte, da sie wieder in die Nähe des Tatorts fuhren und somit womöglich in die Höhle des Löwen.

    „Vicenca Street. Halte direkt vor der Autowerkstatt.“, gab der Kerl zurück.

    Im Fond hörte er einen Bodyguard mit seinem Schützling tuscheln. Er war wohl nicht begeistert darüber, dass Dave jetzt von dieser Adresse wusste, doch der Sohn des Dons schien seine Meinung ernsthaft zu verteidigen und bekam vom anderen Bodyguard geflüsterte Unterstützung. Dave bekam nicht die gesamte Konversation mit, sondern lediglich einige Gesprächsfetzen.

    Dave gehorchte und fuhr über einige Schleichwege zurück nach Little Italy. Der Fahrtwind schlug ihm durch die Frontscheibe ins Gesicht und auf dem Armaturenbrett lagen zahlreiche Glassplitter, daher ging er jetzt stark vom Gas und hielt sich an alle Verkehrsregeln. Er warf einen flüchtigen Blick auf seine Armbanduhr. Es war jetzt Mitternacht und sein Boss würde sicher nicht mehr lange auf den Wagen warten.

    Auf den Straßen herrschte zu dieser Zeit kaum Verkehr, Dave sah lediglich einige Gestalten aus einschlägigen Pubs schwanken. Kurz darauf hatte er sein Ziel erreicht und hielt in einer düsteren Straße direkt neben einer alten Autowerkstatt. An einem Gitter, hinter dem ein Weg zum Hinterhof zu finden war, sprang ein aggressiver Hund hoch und bellte den Wagen an.

    Die Mafiosi stiegen aus dem Wagen und warfen einige Blicke in verschiedene Richtungen. Der verletzte Kerl wandte sich nochmals zu Dave um und befahl ihm mit barscher Stimme mit seinem Taxi zu warten. 

    Dave spielte mit dem Gedanken einfach loszufahren, aber er machte sich keine Illusionen, denn die Mafia hatte überall ihre Kontakte und würde ihn ohne große Anstrengungen schnell wieder aufspüren. Daher beobachtete er wie die Insassen die Straßenseite wechselten und auf ein größeres Gebäude zugingen, in dessen Erdgeschoss ebenfalls ein Lokal war. Vermutlich war dies ein Stammlokal des Familienoberhauptes, doch man wusste nie so genau, wo sich der Don gerade aufhielt, wenn er nicht in seiner schlossartigen Residenz im hügeligen Edelviertel Sandy Hills war. Die Polizei schaffte es nie ihn zu schnappen und wenn doch war die Beweislage gegen ihn nicht ausreichend und er zog seinen Kopf immer wieder aus der Schlinge.

    Dave beobachtete wie alle Mafiosi bis auf Luca in das Lokal gingen. Der übrig gebliebene Aufpasser baute sich im Türrahmen auf und erweckte den Eindruck, als wäre er ein Türsteher. Er beobachtete das stark demolierte Taxi und zündete sich mit seinem leicht verletzten Arm mühsam eine Zigarette an. Hektisch blies er den blauen Dunst in die Luft, der sich mit den Nebelschleiern in der Straße vermischte.

    Nach einigen weiteren Minuten kam einer der Söhne aus dem Lokal und wechselte einige Sätze mit dem improvisierten Türsteher. Immer wieder blickten die beiden zu dem Taxi herüber. Schließlich verschwand der Sohn des Dons wieder im Lokal und Luca warf seine Zigarette in eine große Pfütze zu seiner linken Seite. Dann winkte er Dave zu. Der verstand die Aufforderung und verließ sein demoliertes Taxi. Nervös überquerte er die Straßenseite und blieb zwei Schritte vor Luca stehen. Der musterte ihn kritisch von oben nach unten und spuckte auf den Boden. Dann lächelte er oberflächlich und nickte Dave zu.

    „Der Don möchte dich gerne persönlich sprechen.“

    Dave schwante Übles, doch er würde in den sauren Apfel beißen müssen, denn er konnte sich jetzt schlecht aus dem Staub machen. So betrat er missmutig das Lokal, in dem nach seinem Eintreten Totenstille herrschte. Alle Anwesenden musterten ihn, manche nachdenklich, andere grimmig und manche auch einfach nur abschätzig.

    Dave nahm die ersten Eindrücke wie ein Schwamm in sich auf. An der Theke saß ein halbstarker und angetrunkener Kerl, der unruhig mit einem Bierdeckel spielte, am Fenster saßen zwei Typen, die von einigen Damen in Netzstrumpfhosen und kurzen Röcken umgeben waren. Weiter hinten saß ein älterer Kerl, der gerade eine Pizza aß, ihm gegenüber war ein zwielichter Typ einige Geldscheine am Zählen.

    Dave ging an der Theke vorbei und fand Augenkontakt mit dem Wirt, der ihn fast mitleidig anguckte und gerade ein Bierglas mit einem dreckigen Lappen abtrocknete. Dave schritt in Begleitung von Luca auf eine schmale Holztür neben der Theke zu, die dieser öffnete und ihm aufhielt. Dave schritt in einen düsteren Gang, in dem sich eine Treppe befand. Doch er ging nicht in ein höheres Stockwerk, sondern schritt einige Stufen in die Tiefe und wandte sich durch einen edlen Perlenvorhang. Dahinter war eine Art Warteraum, in dem auch ein Sessel stand, in dem ein Leibwächter saß, der gerade die Tageszeitung durchblätterte und den beiden Ankömmlingen nur ein flüchtigen Blick zuwarf. Luca ging erneut vor und klopfte an die große Holztür. Ein kratzige Stimme befahl Eintritt und so ging Dave direkt hinein in die Höhle des Löwen. 

     

    Kapitel 3

     

    In dem düsteren Raum standen alle diejenigen versammelt, die eben noch in seinem Taxi gesessen hatten. Die beiden Söhne des Dons hatten auf edlen Ledersesseln Platz genommen. Hinter dem Schreibtisch saß ein dunkel gekleideter Mann, der einen schwarzen Hut trug, der ihm weit ins Gesicht stand. Nur seine harten Lippen, zwischen denen eine Zigarre Platz gefunden hatte, waren für den Betrachter auszumachen. Für Dave gab es keinen Zweifel, dass es sich bei dem Kerl um den Don handelte.

    Das Oberhaupt wies mit seiner kräftigen Hand auf einen freien letzten Sessel zwischen den beiden Söhnen. Dave nickte und verbeugte sich leicht, was ihm zwar komisch vorkam, doch er hatte die Reaktion auch bei Luca bemerkt und wollte durch mangelnden Respekt den Don nicht erzürnen. So nahm Dave in dem bequemen Sessel Platz und betrachtete flüchtig den Raum. In einem Regal an der Wand standen einige alte Bücher, aber auch Bilder von bekannten und verstorbenen Mafiosi. Auf dem Schreibtisch selbst lagen einige Unterlagen und ein offen liegender Ordner, sowie ein edler Füller. Kein Zweifel, der Raum war zwar schlicht, aber dennoch luxuriös eingerichtet. Es war wohl der geheime Arbeitsplatz des Bosses, den man eher nicht im Untergeschoss einer unscheinbaren Wirtschaft vermutet hätte.  

    „Wie heißt du?“, fragte der Don anstelle eines Grußes den Neuankömmling.

    „Ich bin Dave. Dave Harris.“

    Der Don zog an seiner Zigarre, beugte sich über den Schreibtisch und blies den blauen Dunst in das Gesicht seines Gegenübers. Der unterdrückte ein Husten und versuchte das Gesicht des Dons zu mustern, was aber wegen des breitkrempigen Hutes immer noch nicht so recht gelang, denn die Augen blieben im Dunkeln. Lediglich der Ansatz der grauen, kurz geschorenen Haare war zu erkennen.

    „Ich habe die Geschichte gehört, Dave.“, meinte der Don ruhig und verfiel wieder in Schweigen. Dann legte er seine Zigarre zur Seite.

    „Du hast meine Söhnen vielleicht das Leben gerettet.“

    „Man tut, was man kann.“, rutschte es Dave heraus. Sofort biss er sich auf die Zunge. Seine Bemerkung war bestimmt unhöflich und ironisch herübergekommen und er hatte Angst sich zu weit vorgewagt zu haben. Er sollte lieber ruhig sein und abwarten, was der undurchsichtige Don mit ihm vor hatte.

    „Aber das Ganze hat vielleicht auch seinen Preis.“, führte der Don fort.

    Dave wurde aus der Bemerkung nicht wirklich schlau. Wollte der Mafioso ihn womöglich bestrafen oder hier festhalten? Er konnte sich das kaum vorstellen, immer hin hatte er ja nicht gegen den Clan gehandelt, sondern den Nachfahren des Oberhauptes den Allerwertesten gerettet.

    „Lee Kang und seine Leute werden das nicht auf sich sitzen lassen.“

    In Daves Kopf arbeitete es, denn er versuchte den erwähnten Namen irgendwohin zu stecken. Er dachte scharf nach, bis er einen Geistesblitz hatte. Natürlich, Kang galt hinter vorgehaltener Hand als chinesisches Pendant zu Caloni. Die chinesische Großfamilie hatte ihre Macht von Chinatown auf einige andere Stadtviertel ausgeweitet. Ein Kunde hatte Dave mal berichtet, dass ein Neffe des großen Chinesen wegen Schlägereien und Drogenverkaufs mehrfach vorbestraft war. Doch dem Oberhaupt hatte man nie irgendetwas nachweisen können. Dave war wohl versehentlich in die Machtspiele zweier großer krimineller Rivalen hineingeraten. Er hatte sich unbeabsichtigt die eine Seite zum Feind gemacht. Hatte der Don recht? Würde er nicht ungeschoren davon kommen?

    „Ich biete dir eine einmalige Gelegenheit.“, erklärte der Don ruhig und griff wieder nach der Zigarre. Kräftig sog er den Rauch ein und blies ihn genüsslich aus. Er wirkte dabei unglaublich ruhig und schien von dem Überfall auf seine Söhne gar nicht erschrocken oder überrascht zu sein. Er wirkte viel mehr so, als hätte er solche Situationen schon zuhauf miterleben müssen.

    „Du kannst bei uns einsteigen und wir geben deiner Familie, deinen Freunden und dir Schutz. Meine Söhne stehen tief in deiner Schuld. Du hast die Wahl.“

    Dave wurde nervös. Er wollte mit Verbrechern nichts zu tun haben. Er konnte sich einfach nicht vorstellen tagtäglich Leute zu erpressen, illegale Geschäfte zu organisieren oder Autobomben zu bauen. Das war nicht seine Welt, er hatte sich nie mit dem Gesetz angelegt. Auf der anderen Seite würde der Mafiaboss auf eine Ablehnung vermutlich schlecht reagieren. Er hatte viel über die Söhne erfahren, war gewissermaßen im Hauptquartier des versteckten organisierten Verbrechens. Er stellte für Caloni eine Gefahr da, wenn er mit seinem Wissen zur Polizei gehen würde. Er durfte ihn jetzt nicht mehr aus den Augen lassen.

    Wie aber sollte Dave sich entscheiden? Er steckte in einer vertrackten Zwickmühle. Es blieb ihm nach reiflicher Überlegung eigentlich nur eine Wahl. Er musste Bedenkzeit einfordern. Im schlimmsten Fall würde er sich in einigen Tagen mit seiner Frau und Tochter aus dem Staub machen. Das hier war ein gefährliches Pflaster, gerade für ihn. Aber würde der Boss seine Aufschiebungen nicht durchschauen? Der Mann wirkte abgeklärt und ruhig, aber dennoch bestimmend. Er würde sich sicher nicht von einem Typen wie ihm reinlegen lassen. Dennoch wollte Dave einen Vorstoß wagen und brach das drückende Schweigen.

    „Das kann ich nicht jetzt direkt entscheiden.“

    „Du willst Bedenkzeit?“, hakte Caloni nach.

    „Ja, ich... werde mich bald bei ihnen melden“, versprach Dave sehr hastig.

    Caloni erhob sich langsam aus seinem Sessel und wies zur Tür.

    „Bitte, dich hält hier nichts und niemand auf. Aber ich garantiere dir, dass die Chinesen dich nicht davon kommen lassen. Irgendwann wirst du vielleicht unsere Hilfe brauchen. Vergiss mein Angebot nicht. Wir werden dich hier immer mit offenen Armen empfangen.“, sprach der Boss und nickte Luca zu, der Dave wieder nach draußen begleiten sollte. Einer der Söhne begleitete die beiden durch das Lokal zurück zur Straße.

    Dort angekommen atmete Dave tief durch. Er hatte es geschafft und durfte ohne Zwischenfälle und Drohungen gehen. Dennoch fühlte er sich etwas unsicher. Was wenn der Don recht hatte und dieser Kang sich rächen würde? Der Name eines einfachen Taxifahrers ließ sich schnell herausfinden. Dave dachte mit Unbehagen daran, dass einige seiner Kollegen Chinesen waren. Vielleicht hatten sie auch Kontakte zu der Großfamilie aus Chinatown.

    Dave nickte dem Sohn von Caloni zu und verabschiedete sich auch von dem unfreundlichen Leibwächter. Er wollte schon die Straße überqueren, als der Sohn ihn zurückrief. Dave wandte sich mit einem unguten Gefühl um und sah, wie sein Gegenüber im Innenfutter seiner Jacke wühlte. Dann zückte der junge Mafioso einen Umschlag und reichte ihn Dave.

    „Hier drin sind genau fünftausend Dollar. Ich hoffe die reichen für die Reparatur deines Wagens.“, meinte er und blickte auf das zerstörte Taxi. Das Geld würde mit Sicherheit reichen, denn so viel Geld verdiente Dave nicht mal in einem halben Jahr.

    Der junge Mafioso lachte, als er den verdutzten Blick des Taxifahrers sah.

     

    „Wir sind vielleicht kriminell, aber wir sind keine Unmenschen.“. Mit diesem Satz verschwanden er und der Leibwächter wieder in dem Lokal und ließen Dave allein auf der weiten Straße zurück. Er blickte auf seine Armbanduhr. Es war fast ein Uhr morgens. Er würde seinem Boss einige Dinge zu erklären haben… 

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  • Good afternoon!

    Exactly one week after I spent a weekend in Montreal with a close friend, another friend came to see me in Gatineau and I showed him a couple of interesting places in and around Ottawa. Once again, I took a couple of gorgeous pictures that I simply want to share with you. Enjoy the amazing weather. Spring has finally arrived!

    A walk through Ottawa I

     A bridge leading to a building on Green Island on Rideau River 

    A walk through Ottawa II

     Several buildings and monuments close to Rideau Falls

     

    A walk through Ottawa III

    Cannons, documents and flags in an exhibition at Canadian War Museum  

    A walk through Ottawa IV

     Canadian vehicles and weaponry used during the First World War 

    A walk through Ottawa V

    Canadian airplanes, tanks and vehicles used in recent years 

    A walk through Ottawa VI

     A marmot on a field between the Canadian War Museum and Mill St. Brew Pub 

    A walk through Ottawa VII

     An exhibition inside the Canadian Museum of History 

    A walk through Ottawa VIII

     A statue in the Canadian Museum of History 

    A walk through Ottawa IX

     An exhibition in the Canadian Museum of History in Gatineau 

    A walk through Ottawa X

     A look at Ottawa River and Parliament Hill from Gatineau 

    A walk through Ottawa XI

     

     A look at Rideau Canal, Ottawa River and Gatineau just before nightfall 

    A walk through Ottawa XI.V

     Buildings, monuments and playgrounds at Strathcona Park near Rideau River 

    A walk through Ottawa XII

    A building at Macdonald Gardens just before nightfall 

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